Star Trek
Elite Task Force
Episode 0x0: Aller Anfang ...
Nur wenige Jahre waren vergangen, seit die Allianz aus den Trümmern eines Krieges hervorgegangen war, als sich in einem abgelegenen Abschnitt des Alpha-Quadranten ein Bauwerk erhob, das selbst im Maßstab der gewaltigen interstellaren Zivilisationen beinahe unwirklich wirkte.
Babylon.
Der Name stand inzwischen für weit mehr als nur eine Raumstation. Er bezeichnete ein Versprechen, eine politische Vision und zugleich eines der ehrgeizigsten Bauprojekte, das jemals von den Völkern des Quadranten begonnen worden war. Dort, wo die Grenzen der Föderation, des Klingonischen Reiches und des Romulanischen Sternenimperiums aufeinandertrafen, schwebte eine Konstruktion von einer Größe, die jeden gewöhnlichen Begriff von Raumstation sprengte.
Mit einer Länge von 9,6 Kilometern zog sich Babylon wie eine künstlich geschaffene Stadt durch die Schwärze des Alls. Ihre gewaltige Silhouette bestand aus miteinander verbundenen Modulen, gewaltigen Andocksektionen, Versorgungskomplexen, Wohnbereichen, diplomatischen Einrichtungen, Handelszentren, Forschungsanlagen und militärischen Verteidigungssektionen. Kilometerlange äußere Strukturen verliefen entlang des zentralen Stationskörpers und wurden von massiven Querstreben miteinander verbunden. Zwischen den einzelnen Bereichen lagen gewaltige Hohlräume, in denen Schiffe Platz fanden, während zahllose kleinere Transporter, Shuttles und Arbeitsfahrzeuge wie winzige Insekten zwischen den metallenen Kolossen umherglitten.
Die Außenhülle war an manchen Stellen in einem hellen, beinahe silbrig wirkenden Grau gehalten, während andere Bereiche von dunkleren, matten Panzersegmenten bedeckt waren. Die unterschiedlichen Farben und Materialien verrieten noch immer die Herkunft verschiedener Konstruktionsabschnitte. Föderale Bautechniken dominierten zwar das grundlegende Erscheinungsbild, doch klingonische Verstärkungen, romulanische Systeme und ferengische Handelsmodule waren ebenso in der Station zu finden. Babylon war dadurch nicht vollkommen einheitlich. Sie besaß vielmehr eine eigentümliche architektonische Vielfalt, die ihre politische Bedeutung bereits von außen erkennen ließ.
Keine andere Station im bekannten Raum konnte es mit ihrer Größe und Masse aufnehmen.
Selbst aus großer Entfernung wirkte Babylon nicht wie ein gewöhnliches Raumfahrzeug, sondern wie eine künstliche Welt.
Ihre schiere Dimension war nur schwer zu erfassen. Ein Schiff, das mit hoher Geschwindigkeit an der Station vorbeiflog, benötigte Minuten, um ihre gesamte Länge zu passieren. Von einem Ende zum anderen erstreckten sich Bereiche, die jeweils groß genug gewesen wären, um eigenständige Raumstationen zu beherbergen. Tausende Fensterreihen glitzerten im Licht ferner Sterne. Navigationslichter blinkten in regelmäßigen Abständen. Große Andocktore öffneten und schlossen sich langsam, während Energie- und Versorgungssysteme ihren Betrieb aufrechterhielten.
Und hinter dieser gewaltigen Hülle befand sich eine Bevölkerung, die einer mittelgroßen Stadt entsprach. Zehntausend Besatzungsmitglieder sorgten dafür, dass Babylon funktionierte.
Sie waren Techniker, Sicherheitsoffiziere, Wissenschaftler, Ärzte, Ingenieure, Piloten, Diplomaten, Logistiker, Händler, Verwaltungspersonal und Angehörige unzähliger weiterer Berufe. Hinzu kamen die Besucher, Botschafter, Händler, Reisenden und Vertreter fremder Mächte, die sich zeitweise auf der Station aufhielten.
Für viele von ihnen war Babylon längst mehr als ein Arbeitsplatz. Es war ein Zuhause. Für andere war sie ein neutraler Boden. Und für wieder andere war sie eine Gelegenheit. Der Ursprung dieses gewaltigen Projektes lag jedoch nicht in einem triumphalen Moment des Friedens, sondern in einem Krieg.
Im Jahr 2408 hatte der Allianz-Koalition-Krieg tiefe Spuren hinterlassen. Politische Spannungen, Fehlinterpretationen und gegenseitiges Misstrauen hatten sich zu einer Eskalation entwickelt, deren Folgen den beteiligten Mächten schmerzhaft vor Augen geführt hatten, wie schnell diplomatische Missverständnisse in offene Gewalt umschlagen konnten.
Als die Waffen schließlich schwiegen, blieb nicht nur die Erinnerung an die gefallenen Soldaten und zerstörten Schiffe zurück. Es blieb auch die Erkenntnis, dass viele der Auseinandersetzungen bereits wesentlich früher hätten beendet werden können, wenn es einen neutralen Ort gegeben hätte, an dem die verschiedenen Seiten miteinander hätten sprechen können.
Einen Ort, der keinem einzelnen Volk gehörte. Einen Ort, an dem ein klingonischer General einem romulanischen Diplomaten gegenüberstehen konnte, ohne dass bereits die Anwesenheit des jeweils anderen auf fremdem Territorium als Provokation verstanden werden musste. Einen Ort, an dem ein Föderationsvertreter mit einem Ferengi-Handelsmagnaten verhandeln konnte, während Wissenschaftler, Juristen und Beobachter anderer Völker die Gespräche begleiteten. Einen Ort, an dem Konflikte nicht erst dann behandelt wurden, wenn bereits Schiffe zerstört und Welten bedroht waren.
Aus dieser Überlegung entstand im Jahr 2408 das Babylon-Projekt.
Die Föderation übernahm dabei die federführende Rolle. Ihre Regierung stellte einen erheblichen Teil der technischen und organisatorischen Ressourcen bereit und entwickelte gemeinsam mit den Partnern die grundlegenden Konzepte für die Station. Die Klingonen, Romulaner und Ferengi unterstützten das Projekt sowohl diplomatisch als auch finanziell.
Die Zusammenarbeit war alles andere als selbstverständlich. Noch immer existierten politische Spannungen. Noch immer gab es persönliche Feindschaften. Noch immer misstrauten sich Angehörige verschiedener Spezies gegenseitig. Doch diesmal war die gemeinsame Vergangenheit nicht der Grund für einen neuen Konflikt. Sie war der Grund, weshalb man überhaupt zusammenarbeitete. Die Station sollte verhindern, dass sich die Geschichte wiederholte.
Der Name Babylon war dabei bewusst gewählt worden. Er sollte an einen Ort erinnern, an dem verschiedene Kulturen und Völker zusammenkamen, auch wenn die ursprüngliche Bedeutung des Begriffs in unterschiedlichen Kulturen und historischen Überlieferungen unterschiedlich interpretiert wurde. Für die Verantwortlichen des Projektes stand jedoch vor allem eines im Vordergrund: Babylon sollte ein Treffpunkt werden.
Ein Ort der Verständigung. Ein Ort des Handels. Ein Ort, an dem selbst ein schwerwiegender Konflikt zunächst Worte hervorbringen sollte, bevor Waffen zum Einsatz kamen.
Der Bau dauerte Jahre. Je weiter die Konstruktion voranschritt, desto größer wurden die Dimensionen des Projektes. Neue Module mussten entwickelt werden. Versorgungssysteme mussten auf die enorme Größe der Station abgestimmt werden. Unterschiedliche technische Standards mussten miteinander kompatibel gemacht werden. Selbst scheinbar nebensächliche Dinge wie Luftzusammensetzung, Temperaturbereiche und künstliche Schwerkraft wurden zu komplexen Problemen, sobald Angehörige hunderter Spezies berücksichtigt werden mussten.
In den Korridoren mussten Beleuchtungssysteme installiert werden, die sowohl empfindliche Augen als auch Spezies mit völlig anderen Wahrnehmungsformen nicht beeinträchtigten. Medizinische Einrichtungen mussten auf biologische Unterschiede reagieren können. Quartiere mussten unterschiedliche atmosphärische Bedingungen ermöglichen. Türen, Transporter, Aufzüge und Kommunikationssysteme mussten mit den verschiedensten Körperformen und technischen Standards zurechtkommen.
Babylon war keine Station für ein Volk. Sie war für viele Völker gebaut worden. Kurz vor der Fertigstellung der ersten Station trat schließlich eine weitere Macht dem Projekt bei. Spezies 8472 entschied sich, einen eigenen Botschafter nach Babylon zu entsenden. Die Entscheidung löste innerhalb der Allianz nicht nur Neugier aus. Sie führte auch zu intensiven Sicherheitsberatungen. Die Erinnerungen an frühere Begegnungen mit Spezies 8472 waren bei vielen Angehörigen der Föderation noch frisch. Ihre biologischen Eigenschaften, ihre außergewöhnliche Widerstandsfähigkeit und ihre technologischen Fähigkeiten machten sie zu einer Spezies, die selbst von erfahrenen Diplomaten mit Vorsicht betrachtet wurde. Doch genau deshalb war ihre Anwesenheit von besonderer Bedeutung. Babylon sollte nicht nur diejenigen zusammenbringen, mit denen eine Verständigung leichtfiel. Wenn das Projekt tatsächlich funktionieren sollte, musste es auch jenen Völkern eine Stimme geben, deren Verhältnis zur Allianz von Misstrauen und vergangenen Konflikten geprägt war. Als der Botschafter von Spezies 8472 schließlich offiziell in Babylon eintraf, wurde damit ein weiteres Kapitel in der Geschichte der Station eröffnet.
Die erste Babylon-Station sollte nicht die letzte bleiben. Weitere Stationen waren geplant. Doch Babylon selbst war der Anfang. Im Jahr 2410 hatte sich bereits gezeigt, dass die Station nicht nur für diplomatische Zwecke von Bedeutung war. Der gewaltige Komplex entwickelte sich zu einem der wichtigsten Handelszentren des Quadranten.
Jeden Tag trafen durchschnittlich fünfzig bis sechzig zivile Schiffe ein. Frachter, Passagierschiffe, private Handelsschiffe, Forschungsschiffe und unterschiedlichste Transportfahrzeuge näherten sich den gewaltigen Andockanlagen. Manche Schiffe wirkten elegant und modern, andere waren sichtbar alt und mehrfach umgebaut worden. Einige trugen die klaren Linien föderaler Konstruktionen, während andere bereits von weitem ihre klingonische, romulanische, cardassianische oder ferengische Herkunft erkennen ließen.
Die Ankunft eines Schiffes auf Babylon war selten ein stiller Vorgang. Sensoren erfassten die Signatur des Schiffes, Navigationssysteme überprüften die Flugbahn, Kontrollzentren koordinierten Andockfenster und Versorgungseinrichtungen. Gleichzeitig bewegten sich Frachtcontainer durch kilometerlange Versorgungsschächte, während Händler ihre Waren anboten und Besucher die Station betraten.
Der Geruch innerhalb der Handelsbereiche war dementsprechend ebenso vielfältig wie die Bevölkerung. Es roch nach erhitztem Metall, synthetischen Nahrungsmitteln, Gewürzen fremder Welten, Maschinenöl, Desinfektionsmitteln und den charakteristischen Gerüchen zahlreicher Spezies. Aus manchen Restaurants drangen intensive Düfte exotischer Speisen. Händler boten Gewürze an, deren Geruch sich bereits mehrere Meter vor den Verkaufsständen bemerkbar machte. In anderen Bereichen dominierte dagegen der sterile Geruch medizinischer Einrichtungen.
Der Handel unterlag grundsätzlich keinen Beschränkungen. Fast alles konnte angeboten, gekauft oder verhandelt werden, solange die entsprechenden Gesetze und Sicherheitsbestimmungen eingehalten wurden. Eine wichtige Ausnahme bildeten Waffen. Waffenverkäufe durften auf Babylon durchaus verhandelt werden. Händler konnten Verträge aushandeln, Preise festlegen und Lieferbedingungen vereinbaren. Die tatsächliche Übergabe der Waffen an den Käufer durfte jedoch nicht über die Station erfolgen. Diese Regel war ein notwendiger Kompromiss. Babylon sollte ein Zentrum des Handels sein, aber kein Umschlagplatz für militärische Aufrüstung werden. Die Station verdiente dennoch einen erheblichen Teil ihres laufenden Budgets durch den Handel. Jeder Besucher musste beim Betreten der Station eine Art Zollabgabe entrichten. Die Gebühr war von der jeweiligen Person, dem Status und teilweise auch der Art des Aufenthalts abhängig. Für Händler galten zusätzliche Regelungen, insbesondere wenn größere Mengen an Waren eingeführt wurden.
Auch das lokale Transwarp-Terminal war kostenpflichtig. Das Terminal stellte eine der wichtigsten infrastrukturellen Einrichtungen Babylons dar. Schiffe konnten es nutzen, um Verbindungen zu entfernten Regionen herzustellen und dadurch Reisezeiten drastisch zu verkürzen. Die technische Anlage war entsprechend gewaltig. Tief im Inneren der Station befanden sich Generatoren, Leitungsnetze und Kontrollsysteme, die für den Betrieb des Terminals erforderlich waren.
Wer länger auf Babylon blieb, konnte eines der zahlreichen Quartiere nutzen. Die Unterkünfte unterschieden sich erheblich. Es gab einfache Räume für Reisende, die lediglich eine Übernachtungsmöglichkeit benötigten, komfortable Quartiere für Geschäftsreisende und geräumige Suiten für Diplomaten oder wohlhabende Besucher. Manche Bereiche konnten sogar an die biologischen Anforderungen bestimmter Spezies angepasst werden. Die Preise reichten entsprechend weit auseinander.
Doch so wichtig der Handel für das Überleben der Station war, so wenig stellte er den eigentlichen Zweck Babylons dar. Der Mittelpunkt der Station war die Diplomatie. Die Ratsversammlung von Babylon war das politische Herz des gewaltigen Komplexes. Der Saal selbst war entsprechend beeindruckend. Hohe, geschwungene Wände umschlossen einen weitläufigen Raum, dessen Architektur bewusst neutral gehalten worden war. Es gab keine dominierende Flagge. Kein Volk sollte beim Betreten den Eindruck gewinnen, dass es sich auf dem Territorium einer anderen Macht befand. Die Beleuchtung war weich und gleichmäßig. Helle Lichtflächen zeichneten sich in regelmäßigen Abständen über der Versammlungshalle ab und spiegelten sich auf den polierten Bodenflächen. Die Sitze der verschiedenen Delegationen waren so angeordnet, dass niemand unmittelbar über den anderen stand.
In diesem Raum wurde gestritten. Hart. Laut. Manchmal stundenlang. Aber hier wurde auch verhandelt. Verträge wurden ausgearbeitet. Grenzen diskutiert. Handelsabkommen geschlossen. Gefangene ausgetauscht. Konflikte untersucht. Entschuldigungen ausgesprochen und gelegentlich sogar alte Feindschaften beendet.
Alle Völker, die sich am Babylon-Projekt beteiligten, entsandten Botschafter auf die Station. Die Föderation bildete dabei eine Besonderheit. Sie wurde durch den jeweiligen Kommandanten der Station vertreten. Damit war der Kommandant Babylons nicht lediglich für die Sicherheit, den technischen Betrieb und die Besatzung verantwortlich. Er trug gleichzeitig eine diplomatische Verantwortung von enormer Bedeutung.
Im Jahr 2412 lag diese Verantwortung auf den Schultern von Admiral John Taggert. Taggert war ein Mann, dessen Erscheinung auf den ersten Blick nicht unbedingt erkennen ließ, welche außergewöhnliche Position er innehatte. Er war ein vollwertiger Betazoid und besaß jene charakteristische Fähigkeit seiner Spezies, die Telepathie. Für einen Kommandanten einer Station, auf der täglich Angehörige verschiedenster Spezies zusammenkamen, war diese Gabe von unschätzbarem Wert. Doch John Taggert besaß ein Geheimnis, das selbst innerhalb der Allianz beinahe niemand kannte. In seinem Körper lebte ein Trill-Symbiont. Diese Tatsache war streng geheim. Nicht nur offiziell geheim. Absolut geheim. Es gab in der gesamten Allianz weniger als fünf Personen, die davon wussten. Für die große Mehrheit der Menschen, Klingonen, Romulaner, Ferengi, Cardassianer und Angehörigen anderer Völker war John Taggert ausschließlich ein Betazoid. Niemand, der ihm im Alltag begegnete, konnte anhand seines Äußeren erkennen, dass in ihm ein zweites Bewusstsein lebte. Taggert hatte gelernt, dieses Wissen vollständig von seiner öffentlichen Identität zu trennen. Er trug die Verantwortung eines Admirals. Er war Kommandant von Babylon. Und gleichzeitig stand er an der Spitze der Elite Task Force. Diese beiden Aufgaben machten ihn zu einem der mächtigsten und zugleich exponiertesten Offiziere innerhalb der Allianz. Denn die ETF war inzwischen weit mehr als eine politische Idee. Die Schiffe der Eingreiftruppe konnten von Babylon aus eingesetzt werden. Ihre Offiziere erhielten Befehle von Taggert. Seine Entscheidungen konnten darüber bestimmen, ob ein unbekanntes Phänomen untersucht, ein Konflikt diplomatisch gelöst oder eine militärische Operation eingeleitet wurde.
Und Babylon selbst war nicht unbewaffnet. Trotz ihrer offiziellen Funktion als diplomatisches Zentrum war die Station eine militärische Festung. Ihre Energieversorgung bestand aus mehr als einem Dutzend Singularitäten und Warp-Kernen. Tief im Inneren der Station arbeiteten gewaltige Energiesysteme, deren erzeugte Leistung durch kilometerlange Leitungsnetze verteilt wurde. In den technischen Bereichen war ein konstantes tiefes Brummen zu hören, das sich durch Wände und Böden übertrug. Je nach Bereich mischten sich das rhythmische Summen von Generatoren, das Zischen von Kühlleitungen und die trockenen Geräusche automatisierter Systeme miteinander. Die Verteidigungsanlagen waren ebenso beeindruckend. Babylon verfügte über Multi-Metaphasen-Schilde. Ihre Bewaffnung umfasste Multi-Vektor-Torpedowerfer, die Torpedos verschiedener Typen einsetzen konnten. Photon-, Quantum-, Plasma- und Trikobalt-Torpedos standen zur Verfügung. Hinzu kamen Phaserlanzen, Disruptortürme und Plasmakanonen. Diese Waffen waren nicht als Symbol gedacht. Sie waren notwendig. Denn die Station befand sich an einem Ort, an dem ein Angriff aus mehreren Richtungen denkbar war. Die Dreiecksgrenze. Dort trafen die Einflussbereiche der Föderation, des Klingonischen Reiches und des Romulanischen Sternenimperiums aufeinander. In der Nähe befand sich Außenposten 234. Die Lage war strategisch bedeutend, gleichzeitig aber außergewöhnlich gefährlich. Denn Babylon befand sich nicht einfach in gewöhnlichem interstellarem Raum. Die Station lag im Inneren eines ceruleanischen Nebels. Schon aus großer Entfernung war dieser Nebel zu erkennen. Er erstreckte sich wie ein gewaltiges blaues Meer über den Sternenhimmel. Sein Ceruleanblau war nicht gleichmäßig. Dunklere, fast indigofarbene Regionen wechselten mit helleren Bereichen, in denen das Gas beinahe türkis schimmerte. Zwischen den blauen Wolken liefen weiße energetische Entladungen durch das Nebelgebiet. Sie waren nicht konstant. Manche verschwanden nach wenigen Sekunden. Andere breiteten sich wie leuchtende Äste durch die Gaswolken aus und tauchten ganze Bereiche des Nebels für einen Moment in ein kaltes, weißes Licht.
Für Besucher war dieser Anblick faszinierend. Die Sicht aus den großen Beobachtungsbereichen der Station gehörte zu den bekanntesten Eindrücken Babylons. Durch gewaltige Sichtfenster konnte man direkt in das blaue Leuchten des Nebels blicken. Das Licht der energetischen Entladungen spiegelte sich auf den Scheiben und tauchte die angrenzenden Bereiche in wechselnde Blau- und Weißtöne. Manche Besucher kamen ausschließlich deshalb. Sie standen schweigend vor den Fenstern, betrachteten die gewaltigen Gaswolken und warteten darauf, dass irgendwo im Nebel wieder eine weiße Entladung aufflammte. Andere hatten gelernt, den Anblick mit Vorsicht zu betrachten. Denn der ceruleanische Nebel besaß Eigenschaften, die Babylon gleichzeitig schützten und isolierten. Tarnvorrichtungen funktionierten innerhalb des Nebels nicht. Ebenso konnten Schildsysteme nicht eingesetzt werden. Die physikalischen Eigenschaften des Nebels störten die entsprechenden Systeme derart stark, dass weder eine gewöhnliche Tarnung noch konventionelle Schilde zuverlässig betrieben werden konnten.
Für Babylon bedeutete das eine ungewöhnliche Situation. Die Station konnte sich nicht einfach auf ihre Schilde verlassen. Sie konnte sich nicht unsichtbar machen. Ihre Verteidigung musste deshalb bereits vor dem eigentlichen Eintritt in den gefährlichen Bereich beginnen. Das wichtigste Schutzsystem war ein Minenfeld. Doch auch dieses Minenfeld war alles andere als gewöhnlich. Die Minen waren getarnt. Und sie konnten sich selbst replizieren. Das bedeutete, dass das Minenfeld nicht statisch war. Seine Größe und Zusammensetzung konnten sich verändern. Neue Minen konnten entstehen, wenn entsprechende Ressourcen und Bedingungen vorhanden waren. Ein Angreifer, der glaubte, eine Lücke im Verteidigungsring gefunden zu haben, konnte deshalb feststellen, dass diese Lücke längst wieder geschlossen worden war. Das Minenfeld machte den Zugang zu Babylon zu einem gefährlichen Unterfangen. Nur ein schmaler Korridor führte durch den Nebel zum sogenannten Auge. Dort lag die Station. Wer Babylon erreichen wollte, musste diesen Korridor kennen. Die Navigation war präzise. Ein kleiner Fehler konnte fatale Konsequenzen haben. Schiffe mussten ihre Geschwindigkeit kontrollieren, ihre Position exakt bestimmen und die vorgegebenen Navigationsdaten einhalten. Gleichzeitig mussten sie darauf achten, keine der getarnten Minen zu berühren. Die eigentliche Ironie bestand darin, dass die Station selbst dadurch zwar schwer anzugreifen, aber ebenso schwer zu erreichen war. Babylon war geschützt, weil sie isoliert war. Und sie war isoliert, weil sie geschützt werden musste. Innerhalb des Auges des Nebels lag die gewaltige Station schließlich wie ein künstlicher Koloss in einer blauen, leuchtenden Hölle. Ihre Positionslichter blinkten durch das Ceruleanblau. Schiffe näherten sich dem Andockbereich. Transporter verließen ihre Hangars. Forschungsshuttles starteten zu ihren Missionen. Angriffsjäger standen in ihren Bereitschaftsräumen. Personentransporter brachten Diplomaten, Händler und Reisende von einem Bereich der Station zum nächsten.
Tausende Menschen und Angehörige fremder Spezies gingen ihren täglichen Aufgaben nach, ohne zu wissen, welche Ereignisse sich außerhalb der Station bereits zusammenbrauten. In den diplomatischen Bereichen wurden Verträge diskutiert. In den Handelszentren wurden Preise verhandelt. In den Quartieren schliefen Reisende. In den Maschinenräumen arbeiteten Techniker. In den medizinischen Einrichtungen wurden Patienten behandelt. In den Sicherheitszentralen überwachten Offiziere die Sensoren. Und irgendwo tief im Inneren der Station befand sich das Büro ihres Kommandanten. John Taggert stand dort vor einem großen Sichtfenster. Das Licht des ceruleanischen Nebels zeichnete blaue Reflexe über sein Gesicht. Weiße Entladungen flackerten in der Ferne auf und verschwanden wieder. Für einen Moment wurde seine Silhouette von dem kalten Licht scharf umrissen, dann kehrte die gedämpfte Beleuchtung des Raumes zurück. Taggert hielt die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Sein Blick ruhte auf dem Nebel. Von außen wirkte er vollkommen ruhig. Doch als Betazoid nahm er gleichzeitig die unzähligen emotionalen Signale wahr, die durch die Station liefen. Angst. Aufregung. Erschöpfung. Ungeduld. Misstrauen. Hoffnung.
Zehntausend Besatzungsmitglieder erzeugten gemeinsam ein emotionales Echo, das für einen gewöhnlichen Menschen nicht wahrnehmbar gewesen wäre. Für Taggert war es ein ständiger Hintergrund. Er hatte gelernt, damit zu leben. Er hatte gelernt, die einzelnen Eindrücke voneinander zu trennen. Doch heute war etwas anders. Noch wusste er nicht genau, was. Seine Finger bewegten sich kaum merklich. Sein Gesicht blieb beherrscht, doch sein Blick wurde konzentrierter. Hinter der kontrollierten Miene lag die Erfahrung eines Mannes, der wusste, dass Babylon nicht nur ein Ort war, an dem andere Völker ihre Probleme lösten. Sie war selbst ein Brennpunkt. Ein Zentrum, an dem Interessen aufeinandertrafen. Ein Ort, an dem Händler Informationen kauften, Diplomaten Geheimnisse verbargen, Militärs ihre Möglichkeiten prüften und Wissenschaftler nach Antworten suchten. Und über allem stand die Elite Task Force. Die ETF war geschaffen worden, um unabhängig und objektiv zu handeln. Nun befand sich ihr Hauptquartier auf einer Station, die selbst mitten zwischen drei Großmächten lag. Taggert wusste, dass diese Kombination früher oder später eine Prüfung darstellen würde. Vielleicht sogar eine sehr harte. Er betrachtete erneut den Nebel. Eine weiße Entladung raste durch die blauen Wolken und tauchte für einen kurzen Moment das gesamte Sichtfeld in strahlendes Licht. Dann wurde es wieder dunkel. Die Station setzte ihren Kurs nicht fort. Sie bewegte sich nicht. Sie wartete. Babylon war gebaut worden, damit die Völker des Quadranten miteinander redeten, bevor sie aufeinander schossen. Sie war gebaut worden, um Konflikte zu verhindern. Sie war gebaut worden, um Wissen zu teilen, Handel zu ermöglichen und Frieden zu bewahren. Doch Frieden war niemals selbstverständlich. Er musste geschützt werden. Und manchmal musste jemand bereit sein, dorthin zu gehen, wo andere nicht hingehen konnten. Genau dafür existierte die Elite Task Force. Und genau dort, am Rand dreier Mächte, verborgen in einem leuchtend blauen Nebel und geschützt von einem unsichtbaren Minenfeld, sollte ihre Geschichte beginnen. Noch wusste niemand, welche Namen bald mit Babylon verbunden sein würden. Noch wusste niemand, welche Offiziere einander kennenlernen, welche Freundschaften entstehen und welche Feindschaften wachsen würden. Noch wusste niemand, welche Geheimnisse ans Licht kommen würden. Auch John Taggerts größtes Geheimnis blieb verborgen. Der Trill-Symbiont in seinem Körper war für die meisten Bewohner der Station nicht mehr als eine Tatsache, von deren Existenz sie nicht einmal ahnten. Und Taggert hatte nicht vor, daran etwas zu ändern. Noch nicht. Denn im Jahr 2412 stand Babylon erst am Beginn ihrer eigentlichen Aufgabe. Und während draußen das ceruleanische Licht über die gewaltige Außenhülle wanderte, wartete die größte Raumstation des bekannten Raumes auf ihren nächsten Besucher.
Auf den nächsten Konflikt.
Auf die nächste Krise.
Und auf den ersten Einsatz der Elite Task Force.