[EX16] Isekai no Xistence
Verfasst: Fr 6. Feb 2026, 22:12
Prolog Morgenlicht & Sternenglanz
Die ersten Strahlen des Januarmorgens drangen durch das schmale Fenster des Studentenheims und fielen auf den Schreibtisch, auf dem sich verstreute Bücher, Skizzenblätter und leere Kaffeetassen stapelten. Tori lag noch auf dem Bett, die Decke bis zur Brust gezogen, und starrte an die Decke. Das monotone Summen der Heizung war das einzige Geräusch in dem kleinen Zimmer, das zugleich Wohn- und Arbeitsraum war. Es war früh, viel zu früh für ihn eigentlich, doch sein Körper schien bereits auf diesen Rhythmus programmiert zu sein.
Er drehte den Kopf zur Seite, sein Blick fiel auf den Wecker, der sechs Uhr dreißig anzeigte. Die digitale Anzeige wirkte wie ein stummer Richter, der ihm vor Augen führte, dass ein weiterer Tag anstand, an dem er sich beweisen müsste – wenn auch nur für sich selbst. Langsam setzte er sich auf, streckte die Glieder und ließ die Decke fallen. Kurz musterte er sich im Spiegel über dem Schreibtisch. Schwarz glänzendes Haar, leicht zerzaust, dunkle Augen, die irgendwo zwischen Blau und Grün changierten. Er hatte nie auf sein Aussehen geachtet, und doch fiel ihm immer wieder auf, wie diese Augen Menschen anzogen, vor allem Frauen. Ein Detail, das ihn gleichermaßen irritierte und verwirrte.
Das Studentenheim war noch ruhig. Nur in den Gängen hörte man das gelegentliche Quietschen von Türen, Schritte und gedämpftes Lachen aus der Ferne. Tori zog seinen dunkelgrauen Hoodie über, bequeme Jeans, alte Sneakers, und ging in die kleine Küchenzeile. Wasser aufgesetzt, Kaffee gemahlen, kurz auf die Uhr geschaut. Er mochte diese Morgenrituale – sie gaben dem Tag Struktur, auch wenn alles andere chaotisch erschien. Während er den Kaffee einschenkte, ließ er die Gedanken schweifen.
Gestern hatte er wieder eine Vorlesung abgebrochen, diesmal Kulturwissenschaft. Die Professorin hatte ihn mit einer Frage ins Kreuzfeuer genommen, und Tori hatte nur schweigen können. Es war nicht die erste solche Situation. Immer wieder fühlte er sich anderen überlegen in seinen Gedanken, aber unterlegen, wenn es darum ging, sich zu behaupten. Die Mischung aus Stolz und Minderwertigkeit war etwas, das ihn täglich begleitete.
Mit dem Becher in der Hand setzte er sich ans Fenster. Draußen waren die Straßen noch leer, nur vereinzelte Studierende hetzten zu ihren Seminaren. Tori beobachtete sie, wie sie sich unterhielten, lachten, kleine Gesten austauschten. Er fragte sich, ob sie je verstanden, dass man in der Einsamkeit seine eigene Welt schaffen musste, um nicht unterzugehen. In seinen Gedanken wirkte das alles fast wie ein Spiel, eine Simulation, in der er selbst eine Figur war – beobachtend, reflektierend, nie richtig involviert.
Nachdem der Kaffee getrunken war, griff er zu seinen Skizzen. Ein paar Figuren, Landschaften, kleine Szenen aus Geschichten, die er noch nicht geschrieben hatte. Er zeichnete nicht besonders schnell, aber mit Bedacht, jede Linie bedacht, jede Schattierung ein Ausdruck seiner Gedankenwelt. Die Kreativität war sein einziger Freiraum, der Ort, an dem er wirklich er selbst sein konnte.
Gegen acht Uhr machte er sich auf den Weg zur Uni. Die Straßen waren inzwischen voller, die Luft kalt, scharf. Ein paar Kommilitonen liefen ihm über den Weg, nickten flüchtig. „Morgen, Tori!“ rief einer, ein sympathisches Gesicht aus der Bibliothek. Tori nickte nur, ein kleines Lächeln auf den Lippen, und setzte seinen Weg fort. Interaktion war selten, doch er wusste sie zu nutzen, wenn sie ihm strategisch nützlich erschien – sei es für Informationen, für Bücher oder für die gelegentliche Anerkennung.
An der Universität angekommen, führte ihn der Weg zur Literaturvorlesung. Professoren sprachen mit einem solchen Enthusiasmus über Geschichten, dass es Tori fast peinlich war, wie distanziert er sich fühlte. Er nahm seinen Platz in der hintersten Reihe ein, zog das Notebook heraus und begann, seine eigenen Notizen zu kritzeln. Während die Professorin sprach, beobachtete er die Gesichter der Kommilitonen, notierte sich Details – Ausdruck, Haltung, Reaktionen. Auch wenn er selbst kaum sprach, analysierte er jede Bewegung, jede Geste, fast so, als würde er ein Drehbuch für das Leben schreiben.
Mittagessen fiel spärlich aus. Ein Sandwich, das er unterwegs gekauft hatte, während er auf einer Parkbank saß. Die Sonne spiegelte sich auf dem gefrorenen Asphalt. Einige Studierende plauderten um ihn herum, doch Tori hörte nur entfernt zu, die Gedanken längst wieder bei seinen Figuren, bei den Geschichten, die er schreiben wollte. Sein Hunger war nebensächlich, wichtiger war der geistige Raum, den er sich nahm, fern von den Erwartungen der anderen.
Zurück im Studentenheim war es bereits früher Nachmittag. Das Tageslicht fiel schräg durch das schmale Fenster, zeichnete helle Streifen auf den abgenutzten Boden. Tori ließ den Rucksack achtlos fallen, die Schlüssel klimperten beim Aufprall. Sein Blick fiel auf den PC. Er seufzte, schob die Stühle beiseite, setzte sich. Die kleinen Rituale, die er sich über die Jahre angewöhnt hatte, halfen ihm, die Frustration von der Uni abzuschütteln. Zuerst die Kaffeetasse wieder auffüllen, kurz durchatmen, dann das Spiel starten.
„X“ – seine kleine, kontrollierbare Welt. Nicht perfekt, nicht real, aber logisch, konsistent. Das Universum hatte Regeln, und die verstand er. Anders als die Menschen um ihn herum. Anders als die Uni, die ständig kleine Demütigungen bereit hielt. Heute jedoch, dachte er beim Starten des Spielclients, war alles fehlerhaft. Der Charakter starb sofort, jedes Mal, wenn er den letzten Spielstand lud. Ein Clipping-Bug. Er knirschte die Zähne zusammen, das Herz hämmerte.
Warum jetzt? Warum immer in diesem Moment?
Er griff nach der Maus, klickte hastig, versuchte alternative Ladepunkte, Neustarts, alles ohne Erfolg. Ein Gefühl der Wut stieg in ihm auf – nicht die normale, kontrollierte Wut, sondern die ungestüme, roher Zorn, der in ihm kochte, wenn die Welt ihm ihre Grenzen aufzeigte. Sein Puls beschleunigte sich, die Hände zitterten. „Verdammt nochmal!“ rief er in die Leere des Zimmers, schlug gegen den Monitor. Das Glas splitterte. Ein scharfes Fragment schnitt ihm in die Hand, und bevor er reagieren konnte, zog etwas die Luft aus ihm heraus – oder vielleicht war es etwas anderes, etwas viel Größeres, das ihn in sich hineinriß.
Er spürte, wie der Boden unter ihm verschwand, wie Licht und Schatten sich ineinander verschlangen. Eine flimmernde Hitze durchfuhr seine Glieder, und plötzlich waren all seine Sinne gleichzeitig überlastet. Der Duft von Kaffee, die Kälte des Zimmers, das Summen des PCs – alles wurde zu einem einzigen, schmerzhaften Strudel. Und dann war Stille.
Kapitel 0 Fremde Realität
Tori schlug die Augen auf. Dunkelheit. Nur die schwache Kälte des Bodens unter seinem Rücken und der metallische Geruch in der Luft bestätigten, dass er nicht mehr in seinem Zimmer im Studentenheim war. Sein Herz hämmerte, Pulsschlag wie Trommeln in den Ohren. Die Hände zitterten, noch warm vom Kontakt mit den scharfen Splittern des Monitors. Instinktiv zog er die Beine an, stemmte sich hoch.
Der Raum war klein, fast karg, Wände glatt, kalt, kaum beleuchtet. Nichts, woran er sich orientieren konnte. Toris Blick wanderte über die Umgebung, suchte nach Lichtschaltern, Griffen, irgendetwas, das nach Normalität roch. Vergeblich. Kein Schalter, keine Türgriffe, nur glatte Flächen und ein einziges, kleines Fenster an der gegenüberliegenden Wand.
Er ging vorsichtig darauf zu. Mit jeder Bewegung spürte er die Wunde an der Hand, das Brennen auf der Haut, den Schmerz in den Armen. Okay, ruhig bleiben. Nur logisch vorgehen. Er tastete die Wand ab, versuchte Licht zu machen – nichts geschah. Nichts. Nur die Dunkelheit und der eiskalte Boden unter den Füßen.
Dann trat er ans Fenster. Sein Atem beschlug das Glas leicht, und für einen Moment dachte er, dass alles nur ein Traum sei. Doch der Blick ließ das Herz schneller schlagen. Vor ihm breitete sich die unendliche Schwärze des Weltraums aus. Unter ihm schwebte ein Planet, grün-blau, riesig, so fremd und doch lebendig. Das… kann nicht sein. Ich bin nicht träumend. Das ist real.
Hinter ihm knackte es leise, kaum hörbar, doch scharf in der Stille des Raums. Tori drehte sich, und zwischen den Schatten schimmerte etwas, das wie ein Riss in der Realität aussah – flackernd, glitzernd, instabil. Knistern und Bruchlinien zogen sich über den Boden, den Raum, wie ein dünner, pulsierender Schleier. Sein Blick folgte den Linien. Wenn das… der Bruch ist… dann muss ich…
Er ging vorsichtig darauf zu. Jeder Schritt war ein Abwägen zwischen Neugier und Angst. Die Ränder des Realitätsbruchs flimmerten, begannen sich langsam zu schließen. Instinkt und Panik setzten ein. Nicht verlieren. Nicht verpassen. Jetzt! Tori sprintete, versuchte hindurchzuhechten. Doch seine Beine waren zu träge, die Reflexe zu langsam. Die Realitätssplitter rissen über seine Arme, seinen Rücken, die Schultern – brennende Schnitte, tiefe Schürfwunden. Schmerz, wie er ihn nie gekannt hatte. Und plötzlich wurde ihm bewusst: Dies war kein Traum. Kein Spiel, kein Albtraum. Es war Realität. Blut, brennende Haut, die Kälte, der unerklärliche Raum – alles echt.
Ein metallisches Summen kündigte Bewegung an. Eine Tür an der Wand öffnete sich, und Licht schoss hinein, blendend, grell, als wollte es ihm die Pupillen verbrennen. Tori schloss die Augen, stieß einen krächzenden Laut aus, versuchte sich abzuschirmen. Als er wieder vorsichtig aufblickte, erkannte er zwei humanoide Umrisse. Rüstungen, starr, unpersönlich. Keine Gesichter. Kein Hinweis darauf, ob Freund oder Feind. Nur Präsenz, drohend, fremd.
Sie sprachen. Worte, schnell, rhythmisch, unverständlich. Für Tori eine Wand aus Lauten, die sein Gehirn nicht verarbeiten konnte. Jedes Wort wie ein Schlag, der gegen seine Konzentration prallte. Hunger pochte in seinem Magen, Durst brannte im Rachen. Die Wunden schmerzten, jede Bewegung ein Stachel. Angst, Schmerz, Müdigkeit und Verwirrung vermischten sich zu einem grellen Strom, der ihn überrollte.
Er taumelte zurück, Beine weich wie Pudding, Hände nach Halt suchend. Alles verschwamm, Licht, Schatten, die fremden Gestalten, der brennende Schmerz der Schnittwunden. Sein Geist kämpfte verzweifelt gegen die Überlastung an. Ein letzter Atemzug, ein verzweifelter Versuch, sich aufrecht zu halten – und dann verlor er den Halt.
Sein Körper sackte zusammen. Die Welt drehte sich, alles pulsierte, glühte und verschwamm. Die Realität um ihn herum, so fremd, so unergründlich, war stärker als er. Und schließlich: Ohnmacht.
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Ich öffne die Augen und alles ist weich gedämpft, als würde das Licht selbst durch einen Schleier fallen. Mein Kopf pocht, jede Bewegung ein stechender Schmerz, und meine Arme fühlen sich schwer an, als trüge ich unsichtbare Lasten. Ich liege auf etwas Hartem, aber nicht unangenehm – fast wie ein Bett, aber anders. Über mir hängen Drähte und Sensoren, kleine Lichter blinken sanft, einige Anzeigen flimmern in Farben, die ich nicht einordnen kann. Mein Atem zieht sich schwer durch die Brust, während ich versuche, die Szenerie zu begreifen.
Die Geräte um mich herum wirken futuristisch, zu kompliziert, als dass sie zu dem passen könnten, was ich kenne. Ein Herzschlagmonitor? Vielleicht. Ein Scanner? Ich kann es nicht sagen. Mein erster Gedanke ist: Krankenhaus. Ich liege auf einer Art Krankenbett, angeschlossen an all diese Apparaturen. Mein Körper fühlt sich benebelt an, und für einen Moment frage ich mich, ob ich einfach ohnmächtig geworden bin, während ich gespielt habe. Hatte ich mich überanstrengt? War es ein Kollaps? Hatte ein Mitstudent oder vielleicht ein Lehrer mich gefunden und den Notarzt verständigt?
Dann öffnen sich die Türen und Licht flutet herein, heller als ich es vertragen kann. Ich blinzele und sehe zwei Menschen, die langsam hereintreten. Beide tragen weiße Uniformen, akkurat und steril, so wie man es aus Filmen von Krankenhäusern kennt. Ich will mich bewegen, etwas sagen, aber der Hals fühlt sich trocken und fremd an. Mein Herz rast. Okay, ruhig bleiben. Sie sind Menschen. Sie… sehen menschlich aus.
Doch als sie sprechen, wird mir klar: Ich verstehe kein Wort. Es ist nicht nur ein undeutliches Murmeln oder eine seltsame Aussprache. Die Laute, die sie formen, haben keinerlei Sinn für mich. Ich versuche zu antworten, sage: „Hallo? Ich…“, doch die Worte bleiben stecken, verhallen wie in Watte. Ihre Gesichter reagieren – sie sehen überrascht, verwirrt, aber nicht alarmiert aus. Sie verstehen mich genauso wenig, wie ich sie verstehe.
Sie gehen durch die Anzeigen auf den Geräten, überprüfen etwas, zeigen auf Monitore, tippen, drücken, murmeln weiterhin in einer Sprache, die ich nicht kenne. Mein Kopf schmerzt noch stärker, als mein Gehirn verzweifelt versucht, Sinn aus den Lauten zu ziehen. Nein, das kann nicht sein. Das ist unmöglich… ich bin doch zu Hause… oder? Ich drücke die Handflächen gegen die Matratze, suche Halt, doch alles fühlt sich fremd an.
Nach einigen Minuten, die wie Stunden erscheinen, drehen sich die beiden um und verlassen das Zimmer. Die Tür schließt sich geräuschlos, und das Dämmerlicht hüllt mich wieder ein. Die Geräte summen leise, ein monotones Brummen, und ich liege allein, den Körper schwer, den Kopf benebelt, die Gedanken wirr. Mein Herz pocht immer noch, Adrenalin und Angst mischen sich, während ich versuche, die Szenerie zu begreifen.
Krankenhaus… ich bin… ich bin im Krankenhaus. Aber… was ist mit dem Spiel? Mit dem Monitor? Mit der Realität?
Alles wirkt seltsam, fehl am Platz. Die Geräusche, das Licht, die Anzeigen – alles zu perfekt, zu sauber. Ich fühle mich wie ein Beobachter, fremd in einer Welt, die gleichzeitig vertraut und unerreichbar scheint. Meine Hände zittern, und ich weiß, dass ich nichts tun kann, außer zu warten, bis jemand zurückkommt oder etwas passiert. Alleine mit diesem Gefühl von Isolation, Unsicherheit und dem unstillbaren Drang, zu verstehen, wo ich gelandet bin.
Ich öffne die Augen erneut und merke sofort den Unterschied. Kein Druck in meinem Kopf, keine lähmende Schwere mehr, als hätte ich Stunden in einem Nebel geschlafen. Mein Körper fühlt sich erstaunlich fit an, die Muskeln locker, die Schnittwunden schmerzen nur noch leicht. Für einen Moment lasse ich mich auf die Ellbogen stützen, atme tief ein und aus. Klarheit kehrt zurück, und mit ihr ein unbestimmtes Gefühl von Vorsicht und Neugier.
Ich setze mich auf, stehe langsam auf und beginne, den Raum genauer zu inspizieren. Die Wände sind glatt, metallisch, reflektieren das schwache Dämmerlicht der Geräte. Sensoren blinken in rhythmischen Intervallen, Monitore zeigen Muster und Zahlen, die ich nicht verstehe, aber die irgendwie vertraut wirken. Ein Bett, ein kleiner Tisch, ein Stuhl – alles minimalistisch, funktional, fast klinisch. Ich gehe herum, tippe auf die Oberflächen, untersuche die Anzeigen, taste an den Wänden entlang. Alles ist sauber, steril und gleichzeitig fremd. Keine Schalter, keine offensichtlichen Türen, nur ein Fenster, durch das ich erneut den grünen, blauen Planeten sehe.
Ich lehne mich kurz am Fensterrahmen ab, atme tief ein und denke daran, wie seltsam alles ist. Wie komme ich hierher? Was ist passiert? Mein Herz schlägt ruhig, aber aufmerksam. Alles ist still, nur das leise Summen der Geräte durchbricht die Stille. Ich spüre die Spannung in meinem Körper, die immer noch latent vorhanden ist, seit der abrupten Ankunft.
Plötzlich öffnet sich die Tür wieder. Mein Herz schlägt schneller, Reflexe setzen ein. Sie ist es – die Frau von vorhin. Aber dieses Mal kann ich mehr sehen. Lange, petrolfarbene Haare, leicht gewellt, zu einem festen Pferdeschweif gebunden. Pupurne Augen, die im schwachen Licht fast glühen. Ihre Haut ist leicht gebräunt, wie von einer Latina, und die Muskeln unter der Uniform wirken kräftig, aber nicht übertrieben. Ich muss unwillkürlich innehalten und mich fragen, ob das alles natürlich ist oder durch irgendeine Modifikation unterstützt wird. Sie ist etwa 1,70 m groß, präsent, aber nicht bedrohlich.
Kaum hat sie den Raum betreten, tritt ein Mann nach. Die gleiche Rüstung, die ich bei meiner Ankunft gesehen hatte, nur jetzt von Kopf bis Fuß sichtbar. Er ist um einen ganzen Kopf größer als ich, massiv gebaut und mit einem Blick, der Respekt und Einschüchterung zugleich ausstrahlt. Glatze, graue Augen – kalt, aber fokussiert. Sofort registriere ich jede Bewegung, jede Geste. War er einer von den Männern, die mich hergebracht haben? Militär? Polizei?
Die Frau beginnt, etwas zu sagen, in einer Sprache, die mir nach wie vor fremd ist, und der Mann antwortet ruhig. Eine kleine, kontrollierte Diskussion entwickelt sich, kein Laut zu laut, keine Emotion übertrieben. Ich habe mich wieder auf das Bett gesetzt, beobachte aufmerksam, meine Gedanken rasen. Irgendwie kommt mir die Sprache bekannt vor, als hätte ich sie irgendwo schon einmal gehört… aber was zum Teufel ist das?
Der Mann tritt auf mich zu, während die Frau im Hintergrund bleibt. Er stellt ein kleines Gerät auf den Tisch neben mir und beginnt zu gestikulieren, als wolle er mich auffordern zu sprechen. Zögernd tue ich es. Ich sage meinen Namen: „Tori Grau…“ Meine Stimme klingt heiser, fremd in der Stille des Raums. Doch als ich zu erzählen beginne, was passiert ist, spüre ich, wie eine Last von mir abfällt. Worte, Gedanken, Erklärungen – alles, was ich seit dem Vorfall mit dem Monitor gespürt habe, wird endlich greifbar, formuliert.
Nach ein paar Minuten nickt der Mann, tippt auf sein Gerät, und plötzlich höre ich die Worte klar. Übersetzt. Es klingt wie ein monotoner, neutraler Ton, aber verständlich.
„Ich bin Tahl Brenna“, sagt die Stimme aus dem Gerät. „Sicherheitschef der argonischen Handelsstation Alpha, Planet Argon Prime.“
Ich zucke zusammen. Mein Gehirn versucht, die Information zu verarbeiten. Handelsstation, Argon Prime, Sicherheitschef – Begriffe, die wie Science-Fiction wirken, und doch klingt alles real. Die Monitore schlagen aus, Alarmmeldungen flimmern auf, und sofort tritt die Frau näher, überprüft die Anzeigen, ihre Hände schnell, präzise. Sie ermahnt Tahl, dass er mich – den Patienten – nicht in einen Schockzustand versetzen soll.
„Valentina Esposito“, sagt jemand – offenbar ihre eigene Vorstellung. Ich versuche vorsichtig, eine Frage zu formulieren: Ob sie mir glauben, ob so etwas schon einmal passiert sei. Tahl zuckt mit den Schultern. „Noch nie mit jemandem, der plötzlich aufgetaucht ist. Aber… es gibt einige Berichte über Menschen, die ähnlich verschwanden und wieder auftauchten.“
Die Frau – etwa Mitte 20, stark, klar im Blick, professionell – wirft einen letzten prüfenden Blick auf mich. „Ruhe für den Patienten“, sagt sie, und ohne weiteres Schauen drängt sie den Sicherheitschef sanft, aber bestimmt aus dem Raum.
Ich liege wieder allein im Dämmerlicht. Aber diesmal ist es nicht nur das Licht, das mich umgibt. Ein kleines Datenpad liegt neben mir. Es ist auf meine Sprache eingestellt – die Sprache der Argonen – um sie zu lernen. Ich streiche mit der Hand darüber, fühle die glatte Oberfläche, die Leichtigkeit, mit der ich jetzt zumindest anfangen könnte, diese fremde Welt zu verstehen.
Für einen Moment lehne ich mich zurück, atme tief durch. Die Einsamkeit ist noch da, die Angst auch, aber zum ersten Mal seit der Ankunft spüre ich ein winziges Stück Kontrolle. Ein Werkzeug, um zu verstehen, zu lernen, vielleicht sogar zu überleben.
Ich folgte Thal Brenna durch die Korridore der Station, meine Schritte leise auf dem glatten Metallboden. Alles um uns herum war geschäftig, unzählige Individuen eilten vorbei, jeder in seiner eigenen Mission gefangen. Ich blieb dicht hinter ihm, meine Augen hektisch umherwandernd, jeden Details einprägend: die Art, wie sie sich bewegten, die Farben ihrer Haut, die Formen der Rüstungen, die Geräte, die sie trugen.
Instinktiv verglich ich sie mit dem, was ich aus der „X“-Reihe kannte. Da war ein Teladi-Weibchen, die Schuppen in einem satten Grün, die schlanken Arme mit den scharfen Klauen, und daneben ein Männchen, die bläulich schimmernden Schuppen, die in einer merkwürdigen Grazie Kunstwerke zu studieren schienen. Ich erkannte die Rasse sofort.
Ein Borone glitt an uns vorbei, sein Unterkörper wie ein Oktopus, der obere Teil wie ein Seepferd, die Haut türkisviolett, jeder Tentakelarm eingehüllt in einen eng anliegenden Umweltschutzanzug. Sie können ohne ihre Anzüge wohl kaum überleben. Unglaublich.
Ein paar Paraniden, groß und einschüchternd, mit rauer, sandfarbener Haut, drei Augen starr auf mich gerichtet. Ihre Haltung arrogant, überlegen – genau wie im Spiel. Ich schluckte. Wenn sie wüssten, wie klein ich mich hier fühlte…
Und dann, fast am Rand meines Blickfelds, einige Split. Reptilienartige, grauschwarze Haut, sechs Finger und Zehen, kleine, leere Löcher anstelle von Nasen und Ohren. Söldner, dachte ich sofort. Aggressiv, territorial. Besser, ihnen nicht zu nahe zu kommen.
Ich schüttelte innerlich den Kopf. Alles hier verglich ich sofort mit dem Spiel. Aber wie akkurat war das wirklich? In „X“ war alles logisch, berechenbar, nach Algorithmen strukturiert. Hier? Alles wirkte real, gefährlich, unvorhersehbar.
Die wenigen Bruchstücke Argonisch, die ich während meiner Tage in der Krankenstation gelernt hatte, halfen mir kaum. Die meiste Zeit war ich untersucht oder verhört worden. Jetzt aber waren wir auf dem Weg zur Sicherheitsebene, und ich spürte, wie sich eine Kälte der Angst in mir ausbreitete. Würden sie mich wegsperren? Sollte ich weglaufen? Nein. Ich hatte kein Geld, keine Ahnung, wohin ich fliehen sollte. Wenn sie mich inhaftierten, würde ich zumindest Essen, Trinken und einen Schlafplatz bekommen.
Ich spielte das Szenario im Kopf durch: Wenn ich fliehen würde, müsste ich stehlen, vielleicht Gewalt anwenden, Plätze aufsuchen, an die ich nie gedacht hätte. Und selbst dann – die meisten hier waren stärker, schneller, erfahrener. Selbst die „Schwächsten“ auf dieser Station würden mich überrennen.
Als wir die Sicherheitsabteilung erreichten, wurde mir klar, dass dies eine Art offizieller Registrierung war. Biometrische Daten wurden genommen: Fingerabdrücke, Iris-Scan, DNA. Alles wurde in eine Datenbank eingespeist, um potenzielle Verwandte zu finden. Keine Treffer. Zumindest nicht in der argonischen Föderation.
Tahl übergab mir eine ID-Card. „Funktioniert als Personalausweis, Reisepass und Bankkarte“, erklärte er. Erzählte, dass sie mir bereits aus einem Staatsfonds zehntausend Credits für Obdachlose, Verlorene oder Benachteiligte überwiesen hätten. Plötzlich spürte ich die Schwere meiner Situation. In „X“ hatte ich wenigstens ein Raumschiff als Wohnraum, ein paar Credits zum Start. Hier? Nichts.
Ich betrachtete die Karte in meiner Hand, fühlte das Gewicht der Verantwortung, die nun auf mir lag. Wie lange würden die zehntausend Credits reichen? Eine Woche? Ein Monat? Oder nur ein paar Tage? Ich musste mir eine Unterkunft auf der Raumstation besorgen oder auf dem Planeten eine Wohnung. Und das alles, während ich kaum die Sprache verstand. Jede Interaktion würde eine Hürde sein, jede Transaktion ein Risiko.
Ich schluckte. Meine Gedanken wirbelten, wie immer in solchen Momenten. Angst, Unsicherheit, Überforderung. Und doch – ein kleiner Funken blieb: Ein Anfang. Wenn ich jetzt nichts tat, würde ich untergehen. Ich musste lernen, mich anzupassen, mich zu schützen und die Umgebung zu verstehen. Schritt für Schritt.
Ich verließ die Sicherheitsebene mit der ID-Card in der Hand und einem dumpfen Gefühl im Magen. Thal Brenna hatte sich sachlich verabschiedet, fast schon korrekt-distanziert. Kein Misstrauen mehr, aber auch keine Nähe. Wahrscheinlich war ich für ihn ein offener Vorgang, nichts weiter. Einer von vielen Sonderfällen, die man dokumentierte und dann der Bürokratie überließ.
Allein.
Das Wort bekam hier ein anderes Gewicht.
Die Korridore verzweigten sich, wurden breiter, höher, lauter. Anzeigen flimmerten an den Wänden, Hologramme warben für Waren, Dienstleistungen, Transporte. Alles in Argonisch, zu schnell, zu komplex. Ich blieb stehen, eher aus Überforderung als aus Absicht, und ließ den Strom an Individuen an mir vorbeiziehen. Niemand achtete auf mich. Ich war unscheinbar, fremd, bedeutungslos. Ein Zustand, den ich aus meinem alten Leben kannte – nur dass er hier tödliche Konsequenzen haben konnte.
Quartier. Essen. Orientierung.
Drei einfache Ziele. Und ich hatte keine Ahnung, wie ich auch nur eines davon angehen sollte.
Ich hob die ID-Card an und betrachtete sie erneut. Glatt, unscheinbar, ein kleines Symbol der argonischen Föderation. Zehntausend Credits. In meinem Kopf versuchte ich, das in etwas Greifbares zu übersetzen, scheiterte aber. Im Spiel hätte ich jetzt Preise verglichen, Tabellen geöffnet, optimiert. Hier gab es keine Benutzeroberfläche, keinen Pause-Knopf.
Ich setzte mich in Bewegung, folgte keinem bestimmten Weg, sondern ließ mich treiben. Dabei achtete ich unbewusst auf Notausgänge, Kameras, Sicherheitskräfte. Alte Gewohnheiten. Überleben begann immer mit Beobachtung.
„Tori?“
Ich blieb abrupt stehen. Mein Name. Klar ausgesprochen. Mein Herz machte einen Satz, und ich drehte mich um.
Valentina Esposito stand ein paar Meter hinter mir.
Ohne medizinische Geräte, ohne Dämmerlicht, ohne die sterile Distanz des Krankenzimmers wirkte sie anders. Realer. Sie trug eine schlichte, helle Uniform, praktischer geschnitten als zuvor, aber eindeutig medizinisch. Ihre petrolfarbenen Haare waren noch immer zum Pferdeschwanz gebunden, ein paar Strähnen hatten sich gelöst. Die purpurnen Augen musterten mich aufmerksam, aber nicht kühl. Eher… besorgt.
„Du bist schon entlassen worden“, sagte sie langsam, deutlich. Ihr Argonisch war sauber, fast akzentfrei, aber sie sprach so, dass ich folgen konnte. Sie hatte sich angepasst. An mich.
„Ja“, antwortete ich nach einem kurzen Zögern. „Gerade eben.“
Ein paar Sekunden Stille. Menschen gingen an uns vorbei, Aliens ebenso, aber um uns herum entstand eine kleine Blase der Ruhe. Valentina musterte mein Gesicht, meine Haltung, wahrscheinlich auf der Suche nach Anzeichen von Überforderung. Sie wurde fündig.
„Du siehst verloren aus“, sagte sie offen.
Ich verzog den Mund. „Das bin ich auch.“
Ein leichtes, fast entschuldigendes Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Ich hatte gehofft, dich noch zu erwischen. Bevor man dich… sich selbst überlässt.“
Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte. Mein erster Impuls war Ablehnung. Stolz. Reflex. Ich komme schon klar. Das hatte ich mir mein ganzes Leben eingeredet, auch wenn es selten stimmte.
„Danke“, sagte ich schließlich, „aber ich will dir keine Umstände machen.“
Kaum ausgesprochen, wusste ich, wie lächerlich das klang.
Valentina verschränkte die Arme nicht, trat mir nicht näher, übte keinen Druck aus. Sie sah mich einfach nur an. Ruhig. Einschätzend. Wie jemand, der gelernt hatte, Menschen in Ausnahmesituationen zu lesen.
„Tori“, sagte sie, und allein die Art, wie sie meinen Namen benutzte, ließ meine Abwehr bröckeln. „Du sprichst die Sprache kaum. Du kennst die Abläufe nicht. Du hast kein soziales Netz, keine Adresse, keinen Ansprechpartner. Das ist keine Umstandslosigkeit. Das ist ein Risiko.“
Ich atmete langsam aus. Sie hatte recht. Und ich hasste es.
„Ich… will niemandem zur Last fallen“, murmelte ich.
„Dann tu es auch nicht“, erwiderte sie ruhig. „Lass dir helfen. Das ist etwas anderes.“
Ich schwieg. In mir kämpften zwei Seiten gegeneinander. Die eine wollte Abstand, Kontrolle, Selbstständigkeit. Die andere war müde. Erschöpft. Allein. Und sehr, sehr bewusst darüber, wie schnell man hier verschwinden konnte, ohne dass es jemand bemerkte.
„Was… schlägst du vor?“ fragte ich schließlich.
Valentina nickte kaum merklich, als hätte sie genau darauf gewartet. „Erstmal etwas Einfaches. Essen. Dann ein temporäres Quartier. Es gibt auf der Station Übergangseinheiten für Neuankömmlinge ohne Status. Nicht komfortabel, aber sicher. Und günstig.“
„Günstig“ klang gut. Überlebensfähig.
„Und danach?“ fragte ich.
„Danach sehen wir weiter“, sagte sie. „Vielleicht Sprachprogramme. Vielleicht ein Vermittler. Vielleicht… Zeit.“
Zeit. Ein Luxus, den ich nie wirklich gehabt hatte.
Ich nickte langsam. „Okay.“
Das Wort fühlte sich schwer an, aber auch richtig.
Wir gingen nebeneinander los. Diesmal achtete ich weniger auf die fremden Wesen um uns herum, weniger auf potenzielle Gefahren. Stattdessen hörte ich auf ihre Schritte, gleichmäßig, ruhig. Sie passte ihr Tempo unbewusst meinem an.
„Warum hilfst du mir?“ fragte ich nach einer Weile.
Valentina sah nicht sofort zu mir. „Weil du kein Betrüger bist“, sagte sie. „Und kein Krimineller. Und weil ich gesehen habe, wie du reagiert hast, als man dir gesagt hat, wo du bist.“
Ich schluckte. „Wie habe ich reagiert?“
„Ehrlich“, antwortete sie. „Und verängstigt. Menschen, die lügen, reagieren anders.“
Ich dachte an den Moment, als der Name Argon Prime gefallen war. An das Ausschlagen der Monitore. An meinen Kontrollverlust.
„Außerdem“, fügte sie hinzu, „haben wir nicht viele Menschen wie dich. Nicht hier. Nicht so.“
Ich sah sie an. „Wie mich?“
Sie lächelte schwach. „Verloren zwischen Welten.“
Wir schwiegen wieder. Doch diesmal war es kein unangenehmes Schweigen. Eher ein vorsichtiges Einverständnis.
Zum ersten Mal seit meinem Erwachen auf dieser Station hatte ich das Gefühl, nicht völlig allein zu sein.
Und das machte mir fast genauso viel Angst wie alles andere.
Valentina begleitete mich zu den Wohnmodulen der Station. Je weiter wir uns vom geschäftigen Kern entfernten, desto ruhiger wurden die Korridore. Weniger Verkehr, weniger Lärm, mehr nüchterne Funktionalität. Die Übergangsquartiere lagen nicht versteckt, aber eindeutig am Rand der Prioritätenliste.
„Die billigsten Einheiten kosten zehn Credits pro Tazura“, erklärte sie, während sie an einem Terminal stehenblieb und mir die Anzeige zeigte.
Ich runzelte die Stirn. „Tazura…“
Sie lächelte leicht. „Dachte ich mir. Komm, kurze Einführung.“
Während sie die Buchung bestätigte, begann sie mir die interstellare Zeiteinteilung zu erklären. Sezura, Mizura, Stazura, Tazura – jede Einheit sauber genormt, losgelöst von planetaren Zyklen. Es machte Sinn. Zu viel Sinn. In einer Gemeinschaft, die sich über Dutzende Sonnensysteme erstreckte, war alles andere unpraktisch.
Als sie bei der Tazura ankam und erklärte, dass eine davon etwas mehr als einen Erdentag entsprach, fiel bei mir langsam der Groschen. Noch mehr, als sie beiläufig erwähnte, dass man mit dreizehn Jazuras als erwachsen galt.
Ich rechnete im Kopf, langsamer als sonst. Dreizehn Jazuras… interstellar. Achtzehn Menschenjahre. Und sie selbst?
„Du meintest vorhin… achtzehn Komma fünf Jazuras?“ fragte ich vorsichtig.
Sie nickte. „Ungefähr.“
Also etwa fünfundzwanzig. Mein erster Eindruck hatte mich nicht getäuscht. Trotzdem war es seltsam, diese Zahlen zu hören. Alles war vertraut und fremd zugleich. Menschen, ja. Aber nicht meine Menschen. Nicht meine Zeitrechnung. Nicht meine Geschichte.
Als sie mir nebenbei erklärte, dass die Argonen zwar in Menschenjahren rechneten, aber aufgrund des argonischen Sonnensystems andere Abweichungen hatten – Argon Prime als vierter Planet von Son-Ra, nicht dritter wie die Erde von Sol – fühlte es sich an, als würde jemand mein inneres Koordinatensystem langsam, aber unaufhaltsam verschieben.
Das Übergangsquartier selbst war… spartanisch. Ein kleiner Raum, zwei Sessel, ein schmaler Tisch dazwischen, eine Stasisbox für Lebensmittel, Sanitärmodul, Schlafnische. Keine Fenster. Keine Aussicht. Funktional. Sicher. Leer.
Ich trat ein und ließ den Blick schweifen.
„Nicht luxuriös“, sagte Valentina und machte eine ausladende Geste, „aber solide.“
Ich nickte. Luxus war ein Konzept aus einem anderen Leben.
Es gab weder Essen noch Trinken. Gut, dass sie mir auf dem Weg hierher gezeigt hatte, wo ich einkaufen konnte. Der kurze Abstecher hatte mir eine weitere Lektion beschert – diesmal über Credits. Preise, Relationen, Kaufkraft. Während ich durch die Regale gegangen war, hatte mein Kopf unwillkürlich umgerechnet. Am Ende war ich bei einem groben Kurs von etwa einem Credit zu fünf Euro gelandet.
Teuer. Aber nicht unvorstellbar.
Ich verstaute die Einkäufe in der Stasisbox und setzte mich ihr gegenüber. Der Tisch zwischen uns wirkte fast symbolisch. Nähe auf Distanz.
Valentina lehnte sich zurück und sah mich einen Moment lang schweigend an, als würde sie überlegen, wie viel sie mir noch zumuten konnte.
„Es gibt neben den Argonen noch andere menschliche Fraktionen“, begann sie dann.
Ich hob den Kopf. Menschen.
Sie erzählte von den Argonen selbst – und was dann folgte, traf mich unerwartet hart. Dass sie sich nicht auf Argon Prime entwickelt hatten. Dass sie ursprünglich eine terranische Kolonie namens Taurus waren. Gegründet im Jahr 2046. Vor über neunhundert Jahren.
Ich sagte nichts, zwang mich ruhig zu bleiben.
Sie sprach weiter, von der Identitätskrise, die diese Erkenntnis ausgelöst hatte, vom Beinahe-Zerfall der Föderation, von den Terranern, die ihren Anspruch zurückzogen, um keinen Krieg zu provozieren. Von den Goner, die Wissen bewahrten, die sich Wolkenbasis Südwest gesichert hatten und sich später den Terranern anschlossen.
In meinem Kopf kollidierte das Gesagte mit dem, was ich aus der X-Reihe kannte. Ähnlichkeiten, ja. Aber auch Abweichungen. Bedeutende. Ich schwieg. Jetzt war nicht der Moment, Lore zu korrigieren. Vor allem nicht, wenn ich selbst Teil einer Abweichung war.
Als sie von Aldrin sprach, vom wiederentdeckten Sprungtor im Jahr 2938, von einer isolierten terranischen Kolonie, die die Erde nie vergessen hatte, spürte ich ein unerwartetes Ziehen in der Brust. Sie haben erinnert. Und wir?
Sie erklärte die politischen Spannungen, die mögliche Machtverschiebung zugunsten der Terraner in den nächsten hundert Jahren, die Spekulationen über weitere verlorene Kolonien aus der Zeit des ersten Terraformerkriegs. Alles logisch. Alles beunruhigend.
Dann sprach sie über die Sprungtore. Über das Alte Volk. Über jahrhundertelange Forschung ohne Durchbruch. Und schließlich über die Beschleuniger. Raumautobahnen. Terranische Technologie. Unabhängig entwickelt.
Ich ließ mich in den Sessel sinken. Mein Kopf war voll. Zu voll.
„Danke“, sagte ich schließlich. Das Wort kam leiser heraus, als ich es beabsichtigt hatte.
Valentina nahm es an, ohne falsche Bescheidenheit. „Wenn du willst, helfe ich dir beim Lernen der Handelssprache“, bot sie an. „Übersetzer sind praktisch, aber sie helfen dir nicht bei Mimik, Gestik oder… Zwischentönen.“
Ich wusste, dass sie recht hatte. Und ich wusste auch, dass ich dieses Angebot nicht aus Stolz ablehnen durfte.
„Das wäre… gut“, sagte ich.
Sie lächelte, stand auf und verabschiedete sich kurze Zeit später. Als sich die Tür hinter ihr schloss, war es wieder still.
Ich aß etwas, trank, saß lange einfach nur da. Meine Gedanken kreisten, ordneten sich neu, fanden keinen festen Halt. Irgendwann legte ich mich hin. Der Schlaf kam unruhig, bruchstückhaft.
Und irgendwo zwischen Wachen und Träumen wurde mir klar, dass dies kein Prolog mehr war.
Das war mein neues Leben.