[EX16] Isekai no Xistence
Verfasst: Fr 6. Feb 2026, 22:12
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Prolog Morgenlicht & Sternenglanz
Die blassen Strahlen der Januarmorgensonne kämpften sich durch die milchigen Fensterscheiben meines Wohnheimzimmers. Schlieren und Staub brachen das Licht, bis es kaum mehr als ein fahler Streifen war, der schräg über meinen Schreibtisch fiel. Dort stapelten sich Fachbücher, deren Seiten sich an den Ecken bereits wellten, zerknitterte Skizzenblätter und zwei leere Keramiktassen mit eingetrockneten Kaffeerändern. Zwischen ihnen lag mein Bleistift, genau dort, wo ich ihn am Vorabend hatte fallen lassen.
Ich lag noch im Bett. Die Wolldecke hatte ich bis zum Kinn gezogen. Trotzdem kroch die Kälte unter den Stoff und sammelte sich auf meiner Haut. Von irgendwo hinter der Wand drang das tiefe Summen der Heizung herüber. Hin und wieder gluckerte sie, als würde irgendwo in ihrem Inneren etwas ertrinken. Ich öffnete die Augen. Sechs Uhr dreißig. Das rote Leuchten des Weckers warf einen schwachen Schein auf die Wand. Ich starrte die Zahlen einige Sekunden lang an. Nicht, weil ich sie nicht verstanden hätte. Ich wollte nur noch nicht aufstehen. Ein weiterer Tag. Vorlesungen. Gesichter. Stimmen. Fragen, auf die ich die Antwort meistens kannte und trotzdem nicht aussprach. Ich drehte mich auf die Seite und schob die Decke zurück.
Sofort biss die Kälte in meine Haut. „Scheiße.“
Meine Füße fanden den kalten Boden. Ich blieb einen Moment sitzen, rieb mir über das Gesicht und hörte dem gleichmäßigen Summen der Heizung zu. Dann stand ich auf. Der Spiegel über meinem Schreibtisch war alt und an einer Ecke gesprungen. Das Glas machte mein Gesicht blasser, als es ohnehin war. Schwarzes Haar, zerzaust vom Schlaf. Dunkle Augen. Blau. Grün. Je nach Licht wirkte die Farbe anders. Ich betrachtete mich einen Moment länger als nötig. Ich hatte mich nie besonders für mein Aussehen interessiert. Kleidung war praktisch oder eben nicht. Haare mussten nicht gut aussehen, solange sie nicht störten. Menschen, die sich morgens zehn Minuten oder mehr vor einem Spiegel zurechtmachten, waren mir immer ein Rätsel gewesen. Trotzdem wusste ich, dass meine Augen auffielen. Ich hatte es oft genug bemerkt. Die kurzen Blicke in der Bahn. Das zweite Hinsehen auf dem Flur. Manchmal ein Lächeln von einer Frau, die ich nicht kannte. Ich verstand bis heute nicht ganz, was daran so interessant sein sollte. Vielleicht war genau das mein Problem. Ich verstand Menschen meistens erst, wenn ich lange genug über sie nachdachte. Nur selten, wenn sie direkt vor mir standen.
Ich zog einen dunkelgrauen Hoodie über und schlüpfte in meine Jeans. Die weißen Sneakers waren längst nicht mehr weiß, aber sie waren bequem. Mehr musste ein Schuh für mich nicht leisten. In der kleinen Küchenzeile setzte ich Wasser auf. Der Geruch des frisch gemachten Tees füllte den Raum. Das war besser. Tee war zuverlässig. Tee stellte keine Fragen. Ich lehnte mich gegen die Arbeitsplatte und dachte an den gestrigen Nachmittag. Kulturwissenschaft. Eine Vorlesung, die ich eigentlich nur besucht hatte, weil ich die Anwesenheitsquote brauchte. Die Professorin hatte über kulturelle Narrative gesprochen. Irgendetwas über die Funktion gemeinsamer Mythen und deren Einfluss auf gesellschaftliche Identität.
Dann hatte sie mich aufgerufen. „Herr Tori? Wie würden Sie das erklären?“
Ich wusste es. Natürlich wusste ich es. Ich hatte die entsprechende Passage am Vorabend gelesen. Ich hätte drei verschiedene Antworten geben können. Keine davon kam aus meinem Mund. Ich hatte sie nur angesehen. Dann auf den Tisch. Dann auf meine Hände. Schweigen. Ein paar Sekunden. Vielleicht fünf. Vielleicht zehn. Es fühlte sich länger an. Irgendjemand hinter mir hatte leise gelacht. Die Professorin hatte schließlich jemand anderen aufgerufen. Seitdem ließ mich die Szene nicht mehr los. Das Absurde daran war, dass ich mich nicht für dumm hielt. Im Gegenteil. Manchmal hielt ich mich für deutlich intelligenter als die meisten Menschen in einem Raum. Genau das machte es schlimmer. In meinem Kopf konnte ich Argumente zerlegen, Zusammenhänge erkennen, Gegenpositionen formulieren. Sobald ein Mensch von mir verlangte, diese Gedanken laut auszusprechen, wurde aus Klarheit plötzlich Leere. Vielleicht war ich nicht unfähig. Vielleicht war ich einfach feige. Der Gedanke gefiel mir nicht.
Ich nahm die Tasse und setzte mich auf die Fensterbank. Draußen war die Stadt noch nicht vollständig erwacht. Auf dem gefrorenen Asphalt bewegten sich einzelne Gestalten. Studierende mit Taschen über den Schultern, Menschen auf dem Weg zur Arbeit, jemand mit einem Fahrrad, dessen Reifen auf dem gefrorenen Boden rutschten. Ich beobachtete sie. Wie immer. Eine Frau blieb an der Ampel stehen und wechselte das Gewicht von einem Fuß auf den anderen. Zwei Männer redeten miteinander. Einer gestikulierte ständig, der andere hörte nur mit halbem Interesse zu. Ein Paar lief nebeneinander her, ohne miteinander zu sprechen. Ich fragte mich manchmal, ob Menschen eigentlich merkten, wie viel sie über sich verrieten. Ein Blick. Eine Haltung. Ein kaum sichtbares Zögern. Ein Lächeln, das eine Sekunde zu spät kam. Es war beinahe wie ein Spiel. Nur dass ich die Regeln nie vollständig verstanden hatte.
Ich stellte die Tasse ab und griff nach meinem Bleistift. Das Papier war rau unter meinen Fingern. Eine Linie. Noch eine. Ein Bogen. Ich zeichnete, ohne darüber nachzudenken. Zuerst entstand eine Landschaft. Schwarze Felsen, die sich aus einem weiten Tal erhoben. Dahinter eine Struktur, deren Zweck ich selbst noch nicht kannte. Türme? Maschinen? Vielleicht beides. Ich fügte Fenster hinzu. Dann Licht. Dann einen Himmel. Meine Hand bewegte sich fast automatisch. Hier war alles einfacher. Eine Linie blieb eine Linie. Wenn etwas nicht funktionierte, konnte ich es ausradieren. Wenn eine Figur eine Tür brauchte, bekam sie eine Tür. Wenn eine Welt eine Regel benötigte, konnte ich ihr eine geben. Menschen waren schwieriger. Menschen änderten ihre Regeln mitten im Spiel.
Kurz vor acht verließ ich das Wohnheim. Die Kälte schlug mir sofort entgegen. Ich zog die Kapuze über den Kopf und steckte die Hände in die Taschen.
„Morgen, Tori!“ Ich drehte mich um.
Ein Kommilitone aus der Bibliothek stand einige Meter entfernt. Rote Pudelmütze, Rucksack, viel zu gute Laune für diese Uhrzeit.
„Morgen.“
Ich hob kurz die Hand. Er lächelte und ging weiter. Ich ebenfalls. Wir waren keine Freunde. Ich wusste nicht einmal, ob er meinen Nachnamen kannte. Aber er hatte mir vor zwei Wochen ein Buch zurückgelegt, das eigentlich ständig ausgeliehen war. Seitdem grüßte er mich. Und ich grüßte zurück. Es war eine unkomplizierte Beziehung. Das reichte.
Die Universität roch nach nassem Stoff, altem Papier und Reinigungsmittel. Im Hörsaal nahm ich wie immer den Platz ganz hinten. Nicht, weil ich nichts sehen wollte. Sondern weil ich von dort alles sehen konnte. Die Dozentin sprach über Erzählstrukturen. Ich schrieb kaum etwas mit. Stattdessen beobachtete ich die anderen. Wer hörte zu? Wer tat nur so? Wer schrieb mit, obwohl er längst nicht mehr wusste, worum es ging? Wer blickte ständig auf die Uhr? Ein Student in der dritten Reihe hob alle paar Minuten den Kopf und sah zur Tür. Eine Frau neben ihm hatte ihren Laptop geöffnet, las aber seit zehn Minuten dieselbe Seite. Ich notierte mir die Beobachtungen. Nicht die Vorlesung. Die Menschen. Irgendwann bemerkte ich, dass die Dozentin mich ansah. Ich blickte zurück. Sie wandte sich wieder der Tafel zu. Ich schrieb weiter.
Das Mittagessen bestand aus einem kalten Salamisandwich auf einer Parkbank. Ich hätte mir etwas Warmes kaufen können. Ich hatte keine Lust, mich in die Schlange zu stellen. Also saß ich allein in der Kälte, kaute mechanisch und dachte über meine Zeichnung vom Morgen nach. Die Struktur im Hintergrund hatte inzwischen eine Form angenommen. Ich wusste nicht, warum. Aber sie erinnerte mich an etwas. Etwas, das ich schon einmal gesehen hatte. Der Gedanke verschwand, bevor ich ihn greifen konnte.
Am frühen Nachmittag war ich wieder im Wohnheim. Als ich die Tür hinter mir schloss, wurde es still. Ich mochte diese Stille. Der Rucksack fiel neben dem Schreibtisch auf den Boden. Mein Schlüsselbund landete mit einem metallischen Klirren daneben. Ich zog die Jacke aus und ging zum Computer. Eine Tasse stand noch neben der Tastatur. Kalt. Ich schüttete sie weg und setzte frischen schwarzen Tee auf. Während das Wasser kochte, schaltete ich den PC ein. Die Lüfter sprangen an. Ein tiefes Surren. Dann das vertraute Licht des Monitors. Ich setzte mich. Für einen Augenblick war alles wieder an seinem Platz. Hier gab es keine Professorin. Keine Kommilitonen. Keine Blicke. Keine Fragen, die ich innerhalb von drei Sekunden beantworten musste. Nur mich. Und X. Ich bewegte die Maus zum Symbol. Mein Finger blieb kurz auf der Taste liegen. Dann klickte ich. Der Ladebildschirm erschien. Das vertraute Logo. Die vertraute Musik. Ich lehnte mich zurück. Für einen Moment war ich wieder dort. In dieser Welt, die ich über Jahre hinweg kannte. Ich kannte ihre Karten. Ihre Systeme. Ihre Grenzen. Ich wusste, welche Regeln galten. Und genau deshalb bemerkte ich sofort, dass etwas nicht stimmte. Das Bild flackerte. Nur für einen Sekundenbruchteil. Ich runzelte die Stirn. Dann lief der Ladebalken weiter. Ich atmete aus.
„Na also.“
Die Welt erschien. Mein Charakter stand an der Stelle, an der ich gespeichert hatte. Ich bewegte ihn einen Schritt nach vorn. Der Boden flimmerte. Die Figur rutschte. Dann verschwand ein Teil des Körpers in der Textur.
„Nein.“
Der Bildschirm zuckte. Der Charakter fiel. Tod. Ich starrte auf die Anzeige. Laden. Noch einmal. Ich lud den Spielstand. Dasselbe. Ein Schritt. Flimmern. Textur. Tod. Ich versuchte einen älteren Speicherpunkt. Das gleiche Ergebnis. Neustart. Wieder. Laden. Tod. Ich lehnte mich zurück. Mein Herz schlug schneller.
„Komm schon.“
Ich wechselte die Einstellungen. Grafik herunter. Grafik hoch. Dateien überprüfen. Neustart. Nichts. Ich kannte diese Art von Fehler. Clipping. Ein Fehler in der Kollisionsberechnung. Nichts Besonderes. Ein Problem, das man normalerweise beheben konnte. Aber nicht heute. Nicht hier. Ich lud den Spielstand erneut. Der Charakter erschien. Für einen Moment war alles normal. Dann blieb er stehen. Ich bewegte die Maus. Nichts. Das Bild flackerte erneut. Diesmal länger. Ein einzelner Bildpunkt verschob sich über den Bildschirm. Dann noch einer. Ich hielt inne.
„Was ...?“
Die Musik verstummte. Nicht abrupt. Sie wurde langsamer. Als würde jemand eine Aufnahme zurückspulen. Dann setzte sie wieder ein. Eine Tonhöhe zu tief. Ich nahm die Hand von der Maus. Mein Blick wanderte über den Bildschirm. Das war kein normaler Grafikfehler. Im Hintergrund der Szene hatte sich etwas verändert. Ich kannte diesen Ort. Ich hatte ihn selbst entworfen. Jeden Felsen. Jeden Weg. Jede Struktur. Dort durfte nichts stehen. Trotzdem war da etwas. Eine dunkle Silhouette. Hoch oben am Horizont. Ich blinzelte. Sie war verschwunden.
„Okaayyy ...“
Ich stand auf. Vielleicht war es ein Darstellungsfehler. Vielleicht ein Schatten. Vielleicht hatte ich einfach zu lange auf den Bildschirm gestarrt. Ich setzte mich wieder. Laden. Das Spiel stürzte erneut ab. Ich lud. Absturz. Laden. Absturz. Meine Finger krallten sich um die Tischkante. Ich spürte, wie sich meine Zähne aufeinanderpressten. Es war lächerlich. Es war nur ein Spiel. Ich wusste das. Und trotzdem war es mehr als ein Spiel. X war das einzige System, das ich vollständig verstanden hatte. Die einzige Welt, in der ich nicht ständig darüber nachdenken musste, was andere von mir erwarteten. Dort war ich nicht der Student, der schwieg, wenn er sprechen sollte. Dort war ich nicht der Typ, der bei Gesprächen nach den richtigen Gesichtsausdrücken suchen musste. Dort funktionierte Ursache und Wirkung. Wenn ich etwas tat, geschah etwas. Wenn ich eine Entscheidung traf, hatte sie Konsequenzen. Wenn ich einen Fehler machte, konnte ich herausfinden, warum. Ich lud den Spielstand noch einmal. Der Charakter erschien. Diesmal stand er vollkommen still. Keine Bewegung. Kein Geräusch. Nur das leise Summen meines Computers. Dann erschien Text auf dem Bildschirm. Kein Menü. Keine Fehlermeldung. Nur ein einziger Satz.
**EXISTENCE ERROR**
Ich erstarrte. Der Text verschwand. Ich starrte auf den Bildschirm.
„Was soll das sein?“
Nichts. Ich bewegte die Maus. Der Cursor reagierte nicht. Das Bild begann zu flimmern. Ich griff nach der Tastatur. Keine Reaktion.
„Nein.“
Ich drückte den Netzschalter. Nichts. Noch einmal. Nichts. Die Lüfter liefen weiter. Ich hörte mein eigenes Atmen. Schnell. Flach. Die Wut kam nicht plötzlich. Sie war schon die ganze Zeit da gewesen. Unter der Frustration. Unter der Scham. Unter all den Gedanken, die ich mein ganzes Leben lang mit mir herumgetragen hatte. Jetzt brauchte sie nur noch einen Grund. Meine Hand ballte sich zur Faust.
„Verdammt nochmal!“
Ich schlug zu. Das Krachen war lauter, als ich erwartet hatte. Der Bildschirm sprang. Glas splitterte. Ein scharfer Schmerz schoss durch meine Handfläche. Ich riss den Arm zurück. Blut tropfte zwischen meinen Fingern hervor. Dann verstummte der Computer. Absolute Stille. Ich hörte nichts mehr. Keine Lüfter. Keine Heizung. Keinen Verkehr. Nicht einmal meinen eigenen Atem. Ich sah zum Monitor. Das gesprungene Glas war schwarz. Dann erschien Licht zwischen den Rissen. Nicht blau. Nicht weiß. Violett. Gold. Es bewegte sich. Die Risse im Bildschirm leuchteten auf, als würde sich dahinter etwas befinden. Ich wich einen Schritt zurück. Die Wände meines Zimmers waren noch da. Aber sie waren nicht mehr gerade. Sie bogen sich. Langsam. Unmöglich. Der Schreibtisch wurde länger. Die Tasse neben der Tastatur zog sich in die Breite. Das Fenster schien weiter wegzurücken. Ich wollte zur Tür. Meine Beine reagierten nicht. Das Licht breitete sich aus. Es kroch über den Boden. Über die Wände. Über meine Hände. Über das Blut. Für einen Augenblick sah ich den Raum nicht mehr. Ich sah etwas anderes. Schwärze. Tiefschwarzen Himmel. Und darin Licht. Sterne. Unzählige Sterne. So hell, dass sie fast wie Risse im Himmel wirkten. Ich konnte nicht atmen. Dann war da etwas. Eine Form. Weit entfernt. Vielleicht ein Schiff. Vielleicht eine Stadt. Vielleicht nur eine Erinnerung. Ich wusste es nicht. Aber ich kannte sie. Ich hatte sie gezeichnet. Meine Zeichnung vom Morgen. Mein Herz setzte aus.
„Das ist nicht möglich.“
Die Sterne bewegten sich. Nicht am Himmel. Auf mich zu. Das Licht verschlang das Zimmer. Hitze schoss durch meinen Körper. Meine verletzte Hand brannte. Ich versuchte, mich festzuhalten. Am Schreibtisch. An der Wand. An irgendetwas. Meine Finger griffen ins Leere. Der Boden war verschwunden. Ich fiel. Doch es gab keinen Wind. Keinen Aufprall. Keine Richtung. Nur Dunkelheit. Und irgendwo in dieser Dunkelheit erklang eine Stimme. Nicht laut. Nicht leise. Einfach da. Als hätte sie schon immer auf mich gewartet. Ich verstand die Worte nicht. Noch nicht. Dann öffnete sich vor mir ein Meer aus Sternen. Und zum ersten Mal in meinem Leben wusste ich nicht, welche Regeln galten. Dann war alles fort. Morgenlicht. Zimmer. Universität. X. Ich fiel weiter. Und irgendwo jenseits dieser Welt begann etwas, das meinen Namen bereits kannte.

Kapitel 0 Fremde Realität
Eine eisige Schwärze umklammerte mich, als ich die Augen öffnete. Zuerst wusste ich nicht, ob ich überhaupt wach war. Unter meinem Rücken lag kaltes Metall. Der Boden war hart und glatt, so kalt, dass die Wärme meines Körpers bereits aus der Kleidung wich. In der Luft lag ein fremder Geruch: Metall, Ozon und etwas Eisenhaltiges. Blut. Mein Blut. Ich hob die rechte Hand. Feine Schnitte zogen sich über die Haut. Einige davon waren noch rot und nässten. Die Erinnerung kam nicht als zusammenhängender Gedanke zurück, sondern in Bruchstücken. Der Monitor. Das Glas. Der Schmerz. Das Licht. Dann nichts. Mein Herz schlug schneller.
„Ruhig.“
Meine eigene Stimme klang heiser. Ich setzte mich auf. Der Raum war klein. Vielleicht vier Schritte breit, kaum mehr als eine Kabine. Schwarze, glatte Wände. Keine sichtbaren Fugen. Kein Lichtschalter. Keine Türklinke. Keine Tür. Ich tastete die Wand ab. Nichts.
„Okay.“
Ich zwang mich zu einem langsamen Atemzug. Panik war nutzlos. Erst Umgebung feststellen. Dann Ausgänge. Dann Gefahren. Eine Gewohnheit, die mir schon oft geholfen hatte. Ich ging einige Schritte weiter. Meine Hand schmerzte bei jeder Bewegung. Auch meine Arme und Schultern fühlten sich an, als hätte man sie gegen etwas Hartes geschlagen. Dann sah ich das Fenster. Ich blieb davor stehen. Ein schmaler, senkrechter Ausschnitt in der Wand. Ich wischte mit dem Ärmel über die Scheibe. Und erstarrte. Dahinter lag kein Studentenwohnheim. Keine Straße. Keine Stadt. Kein Himmel. Nur Schwärze. Sterne. Unzählige Sterne. Und unter ihnen ein Planet. Blau und grün, von weißen Wolken durchzogen, so groß, dass ich unwillkürlich einen Schritt zurückwich. Ich starrte hinaus. Mein Verstand suchte verzweifelt nach einer Erklärung. Traum. Halluzination. Simulation. Alles wäre besser gewesen als die Wahrheit.Ich presste die Hand gegen das Fenster. Es fühlte sich real an. Zu real.
„Das gibt es nicht.“
Doch. Es gab es. Ich sah es. Hinter mir knackte etwas. Ich fuhr herum. Mitten im Raum flimmerte die Luft. Zuerst war es nur ein dünner Lichtstreifen. Dann erschienen weitere Linien. Sie liefen über den Boden, über die Wand, durch den Raum, als würde die Wirklichkeit selbst Risse bekommen. Ich trat näher. Mein Verstand arbeitete schneller als meine Angst. Ein Übergang? Eine Anomalie? Ein Fehler? Ein Teil von mir dachte sofort an X. Wenn es tatsächlich das war, was ich vermutete, konnte dieser Bruch meine einzige Möglichkeit sein, zurückzukommen. Die Ränder begannen sich zu schließen.
„Nein.“
Ich rannte los. Zu spät. Als ich den Spalt erreichte, schloss sich die Struktur vor mir. Etwas schnitt über meinen Arm. Dann über meine Schulter. Ich stolperte und fiel. Ein brennender Schmerz durchfuhr meinen Rücken. Ich schrie auf. Der Riss verschwand. Einfach so. Zurück blieb nur die schwarze Wand. Ich lag auf dem Boden und rang nach Luft. Kein Übergang. Keine zweite Chance. Ich hob den Kopf. Eine Tür erschien dort, wo eben noch keine gewesen war. Metallisches Summen. Dann glitt sie auf. Gleißendes Licht überflutete den Raum. Ich riss den Arm vor die Augen. Zwei Gestalten standen im Eingang. Humanoid. Rüstungen. Keine sichtbaren Gesichter. Sie sagten etwas. Schnell. Rhythmisch. Unverständlich. Ich verstand kein einziges Wort.
„Ich ...“
Meine Stimme versagte. Die beiden kamen näher. Ich wich zurück. Mein Körper war bereits am Limit. Hunger, Durst, Schmerzen, Angst. Alles kam gleichzeitig. Ich versuchte, mich an der Wand abzustützen. Meine Knie gaben nach. Die Welt kippte. Das letzte, was ich sah, war das Licht hinter den beiden Fremden. Dann wurde alles schwarz.
Als ich wieder zu mir kam, war das Licht gedämpft. Mein Kopf pochte. Ich lag auf etwas, das einem Krankenbett ähnelte. Über mir schwebten kleine Sensoren. Anzeigen blinkten in regelmäßigen Abständen. Geräte summten leise. Ich bewegte die Finger. Sie reagierten. Gut. Ich atmete aus. Krankenhaus. Zumindest sah es danach aus. Nur war es kein Krankenhaus, das ich kannte. Die Wände waren glatt und metallisch. Keine sichtbaren Kabel. Keine Steckdosen. Keine Bildschirme, wie ich sie kannte. Alles wirkte zu sauber. Zu fremd. Ich versuchte aufzustehen. Ein scharfer Schmerz schoss durch meinen Kopf. Ich sank zurück. Die Tür öffnete sich. Eine Frau trat ein. Sie trug eine helle medizinische Uniform. Das Haar war zu einem Pferdeschwanz gebunden. Petrolfarben. Hinter ihr erschien ein Mann. Er war groß. Fast einen Kopf größer als ich. Breite Schultern, kräftiger Körperbau, Glatze, graue Augen. Sein Blick blieb an mir hängen. Nicht feindselig. Aber wachsam. Ich kannte diesen Blick. Sicherheitsdienst. Polizei. Militär. Vielleicht alles zusammen. Die Frau sagte etwas. Ich verstand nichts. Der Mann antwortete. Wieder diese Sprache. Ich setzte mich langsam auf und beobachtete beide. Die Frau kontrollierte Anzeigen neben meinem Bett. Der Mann blieb etwas zurück. Dann stellte er ein kleines Gerät auf den Tisch. Er deutete darauf und anschließend auf mich. Ich zögerte.
Dann sagte ich: „Tori Grau.“
Meine Stimme klang fremd. Der Mann sprach einige Worte in das Gerät. Eine künstlich neutrale Stimme antwortete auf Deutsch. Ein Übersetzer.
„Tori Grau?“
Ich nickte. „Ja.“
Der Mann sah auf seine Anzeige. „Ich bin Tahl Brenna. Sicherheitschef der argonischen Handelsstation Alpha.“
Ich hörte nur halb zu. Das Wort, das danach kam, traf mich. „Argon Prime.“ Ich erstarrte. Mein Magen zog sich zusammen. Argon Prime. Nein. Das konnte nicht sein. Ich sah Tahl an. Dann die Frau. Dann die Geräte.
„Sag das noch einmal.“
Tahl wiederholte es. „Argon Prime.“
Ich lachte kurz. Es war kein fröhliches Lachen. Eher ein Reflex.
„Das ist nicht möglich.“
Die Frau trat näher. „Er versteht uns nicht vollständig“, sagte sie auf Argonisch.
Die Übersetzung folgte mit leichter Verzögerung. Tahl nickte. Ich sah sie an.
„Wer bist du?“ Sie deutete auf sich. „Valentina Esposito.“
Ich wiederholte den Namen. „Valentina.“
Sie nickte. Dann begann sie, meine Verletzungen zu untersuchen. Ich ließ sie gewähren. Nicht, weil ich ihr vertraute. Sondern weil ich wusste, dass ich momentan keine bessere Möglichkeit hatte. Tahl fragte etwas. Valentina antwortete. Die Geräte neben mir schlugen plötzlich aus. Valentina sah sofort zu den Anzeigen.
„Nicht jetzt“, sagte sie scharf. Tahl verstummte.
Ich sah zwischen beiden hin und her. „Was ist?“
Keine Antwort. Nur ein Blick zwischen ihnen. Das war schlimmer als jede Antwort.
Ich verbrachte mehrere Tage auf der Krankenstation. Zumindest vermutete ich das. Die meiste Zeit schlief ich. Wenn ich wach war, lernte ich. Nicht freiwillig. Aber ich hatte keine andere Wahl. Ich begann einzelne argonische Wörter zu erkennen. Begriffe für Essen. Wasser. Schmerz. Ruhe. Medizin. Die Sprache war mir gleichzeitig fremd und merkwürdig vertraut. Nicht die Wörter. Der Klang. Als hätte ich sie schon einmal gehört. Nur wo? Am dritten Tag durfte ich das Bett verlassen. Ich ging langsam durch den Raum. Die Wunden heilten schneller, als ich erwartet hatte. Zu schnell. Ich betrachtete meinen Arm. Die tiefsten Schnitte waren fast verschwunden. Ich sagte nichts. Vielleicht war die Medizin dieser Welt einfach besser. Vielleicht gab es eine andere Erklärung. Ich hatte gelernt, dass „vielleicht“ momentan mein wichtigstes Wort war. Am nächsten Morgen kam Tahl zurück. Diesmal ohne Begleitung.
Er sah auf meine Hand. „Heilung gut.“
Seine Aussprache war ungewohnt, aber verständlich.
Ich nickte. „Mir geht es besser.“
Er deutete auf die Tür. „Sicherheitsabteilung.“
Ich verstand. Registrierung. Daten. Fragen. Vielleicht Gefängnis. Ich stand auf.
„Werde ich eingesperrt?“
Tahl sah mich einige Sekunden lang an. Dann schüttelte er den Kopf. „Nicht, wenn du keinen Grund gibst.“
Das war keine beruhigende Antwort. Wir gingen los.
Die Station war größer, als ich erwartet hatte. Sehr viel größer. Korridore öffneten sich zu Hallen. Anzeigen schwebten über den Laufwegen. Händler riefen Angebote aus. Fahrzeuge glitten lautlos über festgelegte Bahnen. Und dann sah ich sie. Ein Teladi. Ich blieb stehen. Schuppen. Augen. Körperhaltung. Kein Kostüm. Kein Schauspieler. Ein echter Teladi. Mein Gehirn schaltete sofort um. X. Ich kannte diese Spezies. Ich kannte ihre Schiffe. Ihre Wirtschaft. Ihre Fraktionen. Ihre typischen Verhaltensweisen. Ein Borone glitt an uns vorbei. Dann ein Paranide. Drei Augen. Ich musste schlucken. Etwas weiter entfernt standen mehrere Split. Ich kannte sie ebenfalls. Alles stimmte. Und gleichzeitig stimmte nichts. Ich betrachtete einen Teladi genauer. Nicht wie ein Fan. Wie ein Wissenschaftler. Körperbau. Bewegung. Kleidung. Verhalten. Ich suchte nach Abweichungen.
„Tori?“ Ich merkte, dass Tahl stehen geblieben war.
„Komme.“
Ich folgte ihm. Aber meine Gedanken blieben bei den Wesen hinter mir. Im Spiel waren sie Daten gewesen. Modelle. Animationen. Algorithmen. Hier atmeten sie. Hier roch die Luft nach ihnen. Hier konnten sie mich töten. Das war der Unterschied. X war immer logisch gewesen. Berechenbar. Ich kannte die Regeln. Diese Welt hatte dieselben Figuren. Aber ich kannte ihre Regeln nicht.
In der Sicherheitsabteilung wurden meine biometrischen Daten aufgenommen. Fingerabdrücke. Iris. DNA. Tahl erklärte, dass die Systeme nach möglichen Verwandten suchten. Ich wartete. Das Ergebnis erschien wenige Minuten später. Keine Treffer. Ich sah auf den Bildschirm.
„Keine?“
Tahl schüttelte den Kopf. „Keine bekannten Verwandten.“
Ich sagte nichts. Natürlich nicht. Meine Familie war unbekannt viele Lichtjahre entfernt. Zumindest wenn das hier wirklich das X-Universum war. Und wenn es das war, bedeutete das etwas noch viel Schlimmeres.
Tahl übergab mir eine Karte. „ID.“
Ich nahm sie. „Was kann ich damit machen?“
„Identität. Reisen. Bezahlen.“
Ich sah auf die Karte. Dann erschien die nächste Zahl. 10.000 Credits.
„Was ist das?“
„Staatliche Unterstützung.“
Ich sah Tahl an. „Warum?“
„Du hast keinen Status. Keine Unterkunft. Keine Arbeit. Keine Familie.“
Er sagte es sachlich. Als wäre es eine normale Kategorie. Vielleicht war es das hier. Ich steckte die Karte ein. Zehntausend Credits. Im Spiel hätte ich sofort Preise verglichen. Schiff. Ausrüstung. Nahrung. Unterkunft. Energie. Routen. Rendite. Ich hätte eine Tabelle erstellt. Hier gab es keine Tabelle. Keinen Pause-Knopf. Keine Benutzeroberfläche. Nur mich. Und zehntausend Credits.
„Du bist frei“, sagte Tahl.
Frei. Das Wort fühlte sich seltsam an.
Als ich die Sicherheitsebene verließ, war Tahl bereits einige Schritte voraus. Dann verabschiedete er sich. Kurz. Sachlich. Ohne Misstrauen. Aber auch ohne Nähe. Ich blieb allein zurück. Allein. Das Wort hatte in dieser Welt ein anderes Gewicht. Die Station war riesig. Menschen liefen an mir vorbei. Teladi. Boronen. Paraniden. Split. Niemand interessierte sich für mich. Ich stand mitten in einem Strom aus Leben und war trotzdem unsichtbar. Quartier. Essen. Orientierung. Drei einfache Ziele. Ich wusste nicht, wie ich eines davon erreichen sollte. Ich betrachtete meine ID-Karte. Zehntausend Credits. Wie lange würde das reichen? Eine Woche? Einen Monat? Ich setzte mich in Bewegung. Dabei begann ich automatisch zu beobachten. Kameras. Notausgänge. Sicherheitskräfte. Verkehrswege. Gewohnheiten. Überleben begann mit Informationen.
„Tori?“
Ich blieb stehen. Mein Name. Ich drehte mich um. Valentina stand einige Meter entfernt. Ohne medizinische Geräte wirkte sie anders. Wirklicher. Sie lächelte schwach.
„Du bist schon entlassen?“
„Ja.“
Sie sah mich an. Dann auf meine Karte. Dann wieder in mein Gesicht.
„Du hast keinen Plan.“
Ich verzog den Mund. „Ich habe einen.“
„Welchen?“
Ich schwieg. Sie wartete. „Einen zu finden.“
Sie musste lächeln. „Das dachte ich mir.“
Ich wollte weitergehen.
„Tori.“ Ich blieb stehen. „Du sprichst die Sprache kaum. Du kennst die Station nicht. Du hast keine Adresse und niemanden, der für dich zuständig ist.“
„Ich komme zurecht.“
Sie sah mich ruhig an. „Das glaubst du.“ Ich wollte widersprechen. Tat es aber nicht. „Du bist kein Problem“, sagte sie. „Aber du bist ein Risiko.“
„Für wen?“
„Für dich.“
Das saß. Ich sah auf den Boden. „Was schlägst du vor?“
„Essen. Dann ein Übergangsquartier.“
„Kosten?“
„Zehn Credits pro Tazura für die billigste Einheit.“
Ich sah sie an. „Tazura?“
Sie lachte leise. „Das hätte ich fragen sollen.“
Das Quartier lag am Rand der Station. Klein. Fensterlos. Zwei Sessel. Ein Tisch. Eine Schlafnische. Sanitärmodul. Stasisbox. Funktional. Sicher. Leer.
„Luxuriös“, sagte ich.
Valentina sah mich an. „Ich sagte doch, günstig.“
Ich stellte meine Karte auf das Terminal. Die Buchung wurde bestätigt. Zehn Credits. Eine Zahl erschien. Restguthaben: 9.990 Credits. Ich starrte darauf. Das war beruhigend. Und beunruhigend.
Valentina setzte sich. „Du solltest die Zeiteinheiten kennen.“
Ich nickte. Sie erklärte mir Sezura, Mizura, Stazura und Tazura. Jede Einheit war standardisiert und unabhängig von planetaren Tageszyklen. Als sie die Jazura erwähnte, wurde ich hellhörig.
„Wie alt bist du?“
Sie hob eine Augenbraue. „Achtzehn Komma fünf Jazuras.“
Ich rechnete. Eine Jazura entsprach etwas mehr als einem Erdjahr.
„Also ungefähr fünfundzwanzig.“ Sie nickte. Ich sah sie an. „Das erklärt einiges.“
„Was?“
„Nichts.“
Sie lächelte. „Du bist nicht besonders gut darin, Komplimente zu machen.“
„War kein Kompliment.“
„Das erklärt es.“
Zum ersten Mal seit meiner Ankunft musste ich wirklich lachen. Nur kurz. Aber es war echt.
Später saßen wir im Quartier. Valentina erklärte mir, was sie über die Argonen wusste. Ich hörte zunächst nur zu. Dann begann mein Verstand, die Informationen zu sortieren. Die Argonen waren keine auf Argon Prime entstandene Menschheit. Ihre Ursprünge lagen bei Taurus. Eine terranische Kolonie. Gegründet 2046. Über neunhundert Jahre zuvor. Ich sagte nichts. Die Information kollidierte mit allem, was ich aus X kannte. Nicht vollständig. Aber genug. Valentina erzählte vom Terraformerkrieg, von der Identitätskrise, von den Spannungen zwischen Argonen und Terranern. Von den Goner. Von Aldrin. Von verlorenen Kolonien. Von Sprungtoren. Vom Alten Volk. Von der Entwicklung der Beschleuniger. Ich hörte weiter zu.
Dann fragte ich: „Wie weit seid ihr technologisch?“
Valentina sah mich an. „Was meinst du?“
„Sprungtore. Beschleuniger. Raumfahrt. Militärtechnik.“
Sie begann zu erklären. Ich hörte jedes Wort. Und je mehr sie sagte, desto klarer wurde etwas. Diese Welt war nicht einfach meine Welt. Sie war eine Variante davon. Manche Ereignisse stimmten. Andere nicht. Manche Jahreszahlen passten. Andere verschoben sich. Manche Entwicklungen existierten. Andere waren anders verlaufen. Ich lehnte mich zurück.
„Das ist nicht dieselbe Geschichte.“
Valentina sah mich fragend an. „Welche Geschichte?“
Ich antwortete nicht. Denn ich wusste selbst nicht mehr, was ich sagen sollte. In meinem Kopf existierten zwei Versionen derselben Welt. Die eine hatte ich gespielt. Die andere saß mir gegenüber. Und irgendwo dazwischen lag die Wahrheit.
„Du brauchst eine Sprache, nicht nur einen Übersetzer“, sagte Valentina schließlich. Sie legte mir ein Datenpad hin. „Damit kannst du Argonisch lernen.“
Ich strich über die Oberfläche. Das Gerät erwachte. Ein Wort erschien. Dann seine Übersetzung. Ich sah darauf. Ein Anfang.
„Warum hilfst du mir?“
Valentina schwieg kurz. „Weil du kein Betrüger bist.“
„Das kannst du nicht wissen.“
„Doch.“
„Woher?“
Sie sah mich direkt an. „Menschen, die lügen, reagieren anders, wenn ihre gesamte Welt zusammenbricht.“
Ich dachte an den Monitor. An den Riss. An Argon Prime. An den Weltraum.
„Und wenn ich nicht lüge?“
„Dann bist du genau das, was du behauptest zu sein.“
„Ein Mensch aus einer anderen Welt.“
„Ja.“ Ich sah auf das Datenpad. „Und du glaubst mir?“
„Ich glaube, dass du selbst nicht weißt, was mit dir passiert ist.“
Das war etwas anderes. Und vielleicht ehrlicher. Ich nickte.
„Dann lerne ich.“
„Gut.“ Sie stand auf. An der Tür blieb sie stehen. „Morgen beginnen wir.“
„Morgen?“
„Du brauchst Schlaf.“
Die Tür schloss sich. Ich blieb allein zurück. Wieder. Ich legte das Datenpad auf den Tisch. Dann nahm ich meine ID-Karte. 9990 Credits. Ich dachte an mein Zimmer. An meinen Computer. An den gesprungenen Monitor. An X. An den Satz, der auf dem Bildschirm erschienen war. EXISTENCE ERROR. Ich hatte geglaubt, ein Spiel wäre kaputtgegangen. Vielleicht war etwas anderes kaputtgegangen. Vielleicht die Grenze zwischen den Welten. Ich legte mich hin. Die Station summte leise hinter den Wänden. Ich schloss die Augen. Und kurz bevor ich einschlief, hörte ich etwas. Ein Geräusch. Fast wie eine Stimme. Nicht außerhalb des Raumes. Sondern direkt hinter meinen Gedanken. Ich riss die Augen auf. Nichts. Nur Dunkelheit. Ich setzte mich auf. Mein Herz schlug schneller. Auf dem Datenpad hatte sich der Bildschirm eingeschaltet. Ich berührte ihn. Eine einzige Zeile stand dort. Ich kannte die Sprache noch nicht. Trotzdem verstand ich jedes Wort. Tori Grau. Darunter erschien eine zweite Zeile. Verbindung hergestellt. Dann wurde der Bildschirm schwarz.
Sieh dir die [Wiki] an!
Prolog Morgenlicht & Sternenglanz
Die blassen Strahlen der Januarmorgensonne kämpften sich durch die milchigen Fensterscheiben meines Wohnheimzimmers. Schlieren und Staub brachen das Licht, bis es kaum mehr als ein fahler Streifen war, der schräg über meinen Schreibtisch fiel. Dort stapelten sich Fachbücher, deren Seiten sich an den Ecken bereits wellten, zerknitterte Skizzenblätter und zwei leere Keramiktassen mit eingetrockneten Kaffeerändern. Zwischen ihnen lag mein Bleistift, genau dort, wo ich ihn am Vorabend hatte fallen lassen.
Ich lag noch im Bett. Die Wolldecke hatte ich bis zum Kinn gezogen. Trotzdem kroch die Kälte unter den Stoff und sammelte sich auf meiner Haut. Von irgendwo hinter der Wand drang das tiefe Summen der Heizung herüber. Hin und wieder gluckerte sie, als würde irgendwo in ihrem Inneren etwas ertrinken. Ich öffnete die Augen. Sechs Uhr dreißig. Das rote Leuchten des Weckers warf einen schwachen Schein auf die Wand. Ich starrte die Zahlen einige Sekunden lang an. Nicht, weil ich sie nicht verstanden hätte. Ich wollte nur noch nicht aufstehen. Ein weiterer Tag. Vorlesungen. Gesichter. Stimmen. Fragen, auf die ich die Antwort meistens kannte und trotzdem nicht aussprach. Ich drehte mich auf die Seite und schob die Decke zurück.
Sofort biss die Kälte in meine Haut. „Scheiße.“
Meine Füße fanden den kalten Boden. Ich blieb einen Moment sitzen, rieb mir über das Gesicht und hörte dem gleichmäßigen Summen der Heizung zu. Dann stand ich auf. Der Spiegel über meinem Schreibtisch war alt und an einer Ecke gesprungen. Das Glas machte mein Gesicht blasser, als es ohnehin war. Schwarzes Haar, zerzaust vom Schlaf. Dunkle Augen. Blau. Grün. Je nach Licht wirkte die Farbe anders. Ich betrachtete mich einen Moment länger als nötig. Ich hatte mich nie besonders für mein Aussehen interessiert. Kleidung war praktisch oder eben nicht. Haare mussten nicht gut aussehen, solange sie nicht störten. Menschen, die sich morgens zehn Minuten oder mehr vor einem Spiegel zurechtmachten, waren mir immer ein Rätsel gewesen. Trotzdem wusste ich, dass meine Augen auffielen. Ich hatte es oft genug bemerkt. Die kurzen Blicke in der Bahn. Das zweite Hinsehen auf dem Flur. Manchmal ein Lächeln von einer Frau, die ich nicht kannte. Ich verstand bis heute nicht ganz, was daran so interessant sein sollte. Vielleicht war genau das mein Problem. Ich verstand Menschen meistens erst, wenn ich lange genug über sie nachdachte. Nur selten, wenn sie direkt vor mir standen.
Ich zog einen dunkelgrauen Hoodie über und schlüpfte in meine Jeans. Die weißen Sneakers waren längst nicht mehr weiß, aber sie waren bequem. Mehr musste ein Schuh für mich nicht leisten. In der kleinen Küchenzeile setzte ich Wasser auf. Der Geruch des frisch gemachten Tees füllte den Raum. Das war besser. Tee war zuverlässig. Tee stellte keine Fragen. Ich lehnte mich gegen die Arbeitsplatte und dachte an den gestrigen Nachmittag. Kulturwissenschaft. Eine Vorlesung, die ich eigentlich nur besucht hatte, weil ich die Anwesenheitsquote brauchte. Die Professorin hatte über kulturelle Narrative gesprochen. Irgendetwas über die Funktion gemeinsamer Mythen und deren Einfluss auf gesellschaftliche Identität.
Dann hatte sie mich aufgerufen. „Herr Tori? Wie würden Sie das erklären?“
Ich wusste es. Natürlich wusste ich es. Ich hatte die entsprechende Passage am Vorabend gelesen. Ich hätte drei verschiedene Antworten geben können. Keine davon kam aus meinem Mund. Ich hatte sie nur angesehen. Dann auf den Tisch. Dann auf meine Hände. Schweigen. Ein paar Sekunden. Vielleicht fünf. Vielleicht zehn. Es fühlte sich länger an. Irgendjemand hinter mir hatte leise gelacht. Die Professorin hatte schließlich jemand anderen aufgerufen. Seitdem ließ mich die Szene nicht mehr los. Das Absurde daran war, dass ich mich nicht für dumm hielt. Im Gegenteil. Manchmal hielt ich mich für deutlich intelligenter als die meisten Menschen in einem Raum. Genau das machte es schlimmer. In meinem Kopf konnte ich Argumente zerlegen, Zusammenhänge erkennen, Gegenpositionen formulieren. Sobald ein Mensch von mir verlangte, diese Gedanken laut auszusprechen, wurde aus Klarheit plötzlich Leere. Vielleicht war ich nicht unfähig. Vielleicht war ich einfach feige. Der Gedanke gefiel mir nicht.
Ich nahm die Tasse und setzte mich auf die Fensterbank. Draußen war die Stadt noch nicht vollständig erwacht. Auf dem gefrorenen Asphalt bewegten sich einzelne Gestalten. Studierende mit Taschen über den Schultern, Menschen auf dem Weg zur Arbeit, jemand mit einem Fahrrad, dessen Reifen auf dem gefrorenen Boden rutschten. Ich beobachtete sie. Wie immer. Eine Frau blieb an der Ampel stehen und wechselte das Gewicht von einem Fuß auf den anderen. Zwei Männer redeten miteinander. Einer gestikulierte ständig, der andere hörte nur mit halbem Interesse zu. Ein Paar lief nebeneinander her, ohne miteinander zu sprechen. Ich fragte mich manchmal, ob Menschen eigentlich merkten, wie viel sie über sich verrieten. Ein Blick. Eine Haltung. Ein kaum sichtbares Zögern. Ein Lächeln, das eine Sekunde zu spät kam. Es war beinahe wie ein Spiel. Nur dass ich die Regeln nie vollständig verstanden hatte.
Ich stellte die Tasse ab und griff nach meinem Bleistift. Das Papier war rau unter meinen Fingern. Eine Linie. Noch eine. Ein Bogen. Ich zeichnete, ohne darüber nachzudenken. Zuerst entstand eine Landschaft. Schwarze Felsen, die sich aus einem weiten Tal erhoben. Dahinter eine Struktur, deren Zweck ich selbst noch nicht kannte. Türme? Maschinen? Vielleicht beides. Ich fügte Fenster hinzu. Dann Licht. Dann einen Himmel. Meine Hand bewegte sich fast automatisch. Hier war alles einfacher. Eine Linie blieb eine Linie. Wenn etwas nicht funktionierte, konnte ich es ausradieren. Wenn eine Figur eine Tür brauchte, bekam sie eine Tür. Wenn eine Welt eine Regel benötigte, konnte ich ihr eine geben. Menschen waren schwieriger. Menschen änderten ihre Regeln mitten im Spiel.
Kurz vor acht verließ ich das Wohnheim. Die Kälte schlug mir sofort entgegen. Ich zog die Kapuze über den Kopf und steckte die Hände in die Taschen.
„Morgen, Tori!“ Ich drehte mich um.
Ein Kommilitone aus der Bibliothek stand einige Meter entfernt. Rote Pudelmütze, Rucksack, viel zu gute Laune für diese Uhrzeit.
„Morgen.“
Ich hob kurz die Hand. Er lächelte und ging weiter. Ich ebenfalls. Wir waren keine Freunde. Ich wusste nicht einmal, ob er meinen Nachnamen kannte. Aber er hatte mir vor zwei Wochen ein Buch zurückgelegt, das eigentlich ständig ausgeliehen war. Seitdem grüßte er mich. Und ich grüßte zurück. Es war eine unkomplizierte Beziehung. Das reichte.
Die Universität roch nach nassem Stoff, altem Papier und Reinigungsmittel. Im Hörsaal nahm ich wie immer den Platz ganz hinten. Nicht, weil ich nichts sehen wollte. Sondern weil ich von dort alles sehen konnte. Die Dozentin sprach über Erzählstrukturen. Ich schrieb kaum etwas mit. Stattdessen beobachtete ich die anderen. Wer hörte zu? Wer tat nur so? Wer schrieb mit, obwohl er längst nicht mehr wusste, worum es ging? Wer blickte ständig auf die Uhr? Ein Student in der dritten Reihe hob alle paar Minuten den Kopf und sah zur Tür. Eine Frau neben ihm hatte ihren Laptop geöffnet, las aber seit zehn Minuten dieselbe Seite. Ich notierte mir die Beobachtungen. Nicht die Vorlesung. Die Menschen. Irgendwann bemerkte ich, dass die Dozentin mich ansah. Ich blickte zurück. Sie wandte sich wieder der Tafel zu. Ich schrieb weiter.
Das Mittagessen bestand aus einem kalten Salamisandwich auf einer Parkbank. Ich hätte mir etwas Warmes kaufen können. Ich hatte keine Lust, mich in die Schlange zu stellen. Also saß ich allein in der Kälte, kaute mechanisch und dachte über meine Zeichnung vom Morgen nach. Die Struktur im Hintergrund hatte inzwischen eine Form angenommen. Ich wusste nicht, warum. Aber sie erinnerte mich an etwas. Etwas, das ich schon einmal gesehen hatte. Der Gedanke verschwand, bevor ich ihn greifen konnte.
Am frühen Nachmittag war ich wieder im Wohnheim. Als ich die Tür hinter mir schloss, wurde es still. Ich mochte diese Stille. Der Rucksack fiel neben dem Schreibtisch auf den Boden. Mein Schlüsselbund landete mit einem metallischen Klirren daneben. Ich zog die Jacke aus und ging zum Computer. Eine Tasse stand noch neben der Tastatur. Kalt. Ich schüttete sie weg und setzte frischen schwarzen Tee auf. Während das Wasser kochte, schaltete ich den PC ein. Die Lüfter sprangen an. Ein tiefes Surren. Dann das vertraute Licht des Monitors. Ich setzte mich. Für einen Augenblick war alles wieder an seinem Platz. Hier gab es keine Professorin. Keine Kommilitonen. Keine Blicke. Keine Fragen, die ich innerhalb von drei Sekunden beantworten musste. Nur mich. Und X. Ich bewegte die Maus zum Symbol. Mein Finger blieb kurz auf der Taste liegen. Dann klickte ich. Der Ladebildschirm erschien. Das vertraute Logo. Die vertraute Musik. Ich lehnte mich zurück. Für einen Moment war ich wieder dort. In dieser Welt, die ich über Jahre hinweg kannte. Ich kannte ihre Karten. Ihre Systeme. Ihre Grenzen. Ich wusste, welche Regeln galten. Und genau deshalb bemerkte ich sofort, dass etwas nicht stimmte. Das Bild flackerte. Nur für einen Sekundenbruchteil. Ich runzelte die Stirn. Dann lief der Ladebalken weiter. Ich atmete aus.
„Na also.“
Die Welt erschien. Mein Charakter stand an der Stelle, an der ich gespeichert hatte. Ich bewegte ihn einen Schritt nach vorn. Der Boden flimmerte. Die Figur rutschte. Dann verschwand ein Teil des Körpers in der Textur.
„Nein.“
Der Bildschirm zuckte. Der Charakter fiel. Tod. Ich starrte auf die Anzeige. Laden. Noch einmal. Ich lud den Spielstand. Dasselbe. Ein Schritt. Flimmern. Textur. Tod. Ich versuchte einen älteren Speicherpunkt. Das gleiche Ergebnis. Neustart. Wieder. Laden. Tod. Ich lehnte mich zurück. Mein Herz schlug schneller.
„Komm schon.“
Ich wechselte die Einstellungen. Grafik herunter. Grafik hoch. Dateien überprüfen. Neustart. Nichts. Ich kannte diese Art von Fehler. Clipping. Ein Fehler in der Kollisionsberechnung. Nichts Besonderes. Ein Problem, das man normalerweise beheben konnte. Aber nicht heute. Nicht hier. Ich lud den Spielstand erneut. Der Charakter erschien. Für einen Moment war alles normal. Dann blieb er stehen. Ich bewegte die Maus. Nichts. Das Bild flackerte erneut. Diesmal länger. Ein einzelner Bildpunkt verschob sich über den Bildschirm. Dann noch einer. Ich hielt inne.
„Was ...?“
Die Musik verstummte. Nicht abrupt. Sie wurde langsamer. Als würde jemand eine Aufnahme zurückspulen. Dann setzte sie wieder ein. Eine Tonhöhe zu tief. Ich nahm die Hand von der Maus. Mein Blick wanderte über den Bildschirm. Das war kein normaler Grafikfehler. Im Hintergrund der Szene hatte sich etwas verändert. Ich kannte diesen Ort. Ich hatte ihn selbst entworfen. Jeden Felsen. Jeden Weg. Jede Struktur. Dort durfte nichts stehen. Trotzdem war da etwas. Eine dunkle Silhouette. Hoch oben am Horizont. Ich blinzelte. Sie war verschwunden.
„Okaayyy ...“
Ich stand auf. Vielleicht war es ein Darstellungsfehler. Vielleicht ein Schatten. Vielleicht hatte ich einfach zu lange auf den Bildschirm gestarrt. Ich setzte mich wieder. Laden. Das Spiel stürzte erneut ab. Ich lud. Absturz. Laden. Absturz. Meine Finger krallten sich um die Tischkante. Ich spürte, wie sich meine Zähne aufeinanderpressten. Es war lächerlich. Es war nur ein Spiel. Ich wusste das. Und trotzdem war es mehr als ein Spiel. X war das einzige System, das ich vollständig verstanden hatte. Die einzige Welt, in der ich nicht ständig darüber nachdenken musste, was andere von mir erwarteten. Dort war ich nicht der Student, der schwieg, wenn er sprechen sollte. Dort war ich nicht der Typ, der bei Gesprächen nach den richtigen Gesichtsausdrücken suchen musste. Dort funktionierte Ursache und Wirkung. Wenn ich etwas tat, geschah etwas. Wenn ich eine Entscheidung traf, hatte sie Konsequenzen. Wenn ich einen Fehler machte, konnte ich herausfinden, warum. Ich lud den Spielstand noch einmal. Der Charakter erschien. Diesmal stand er vollkommen still. Keine Bewegung. Kein Geräusch. Nur das leise Summen meines Computers. Dann erschien Text auf dem Bildschirm. Kein Menü. Keine Fehlermeldung. Nur ein einziger Satz.
**EXISTENCE ERROR**
Ich erstarrte. Der Text verschwand. Ich starrte auf den Bildschirm.
„Was soll das sein?“
Nichts. Ich bewegte die Maus. Der Cursor reagierte nicht. Das Bild begann zu flimmern. Ich griff nach der Tastatur. Keine Reaktion.
„Nein.“
Ich drückte den Netzschalter. Nichts. Noch einmal. Nichts. Die Lüfter liefen weiter. Ich hörte mein eigenes Atmen. Schnell. Flach. Die Wut kam nicht plötzlich. Sie war schon die ganze Zeit da gewesen. Unter der Frustration. Unter der Scham. Unter all den Gedanken, die ich mein ganzes Leben lang mit mir herumgetragen hatte. Jetzt brauchte sie nur noch einen Grund. Meine Hand ballte sich zur Faust.
„Verdammt nochmal!“
Ich schlug zu. Das Krachen war lauter, als ich erwartet hatte. Der Bildschirm sprang. Glas splitterte. Ein scharfer Schmerz schoss durch meine Handfläche. Ich riss den Arm zurück. Blut tropfte zwischen meinen Fingern hervor. Dann verstummte der Computer. Absolute Stille. Ich hörte nichts mehr. Keine Lüfter. Keine Heizung. Keinen Verkehr. Nicht einmal meinen eigenen Atem. Ich sah zum Monitor. Das gesprungene Glas war schwarz. Dann erschien Licht zwischen den Rissen. Nicht blau. Nicht weiß. Violett. Gold. Es bewegte sich. Die Risse im Bildschirm leuchteten auf, als würde sich dahinter etwas befinden. Ich wich einen Schritt zurück. Die Wände meines Zimmers waren noch da. Aber sie waren nicht mehr gerade. Sie bogen sich. Langsam. Unmöglich. Der Schreibtisch wurde länger. Die Tasse neben der Tastatur zog sich in die Breite. Das Fenster schien weiter wegzurücken. Ich wollte zur Tür. Meine Beine reagierten nicht. Das Licht breitete sich aus. Es kroch über den Boden. Über die Wände. Über meine Hände. Über das Blut. Für einen Augenblick sah ich den Raum nicht mehr. Ich sah etwas anderes. Schwärze. Tiefschwarzen Himmel. Und darin Licht. Sterne. Unzählige Sterne. So hell, dass sie fast wie Risse im Himmel wirkten. Ich konnte nicht atmen. Dann war da etwas. Eine Form. Weit entfernt. Vielleicht ein Schiff. Vielleicht eine Stadt. Vielleicht nur eine Erinnerung. Ich wusste es nicht. Aber ich kannte sie. Ich hatte sie gezeichnet. Meine Zeichnung vom Morgen. Mein Herz setzte aus.
„Das ist nicht möglich.“
Die Sterne bewegten sich. Nicht am Himmel. Auf mich zu. Das Licht verschlang das Zimmer. Hitze schoss durch meinen Körper. Meine verletzte Hand brannte. Ich versuchte, mich festzuhalten. Am Schreibtisch. An der Wand. An irgendetwas. Meine Finger griffen ins Leere. Der Boden war verschwunden. Ich fiel. Doch es gab keinen Wind. Keinen Aufprall. Keine Richtung. Nur Dunkelheit. Und irgendwo in dieser Dunkelheit erklang eine Stimme. Nicht laut. Nicht leise. Einfach da. Als hätte sie schon immer auf mich gewartet. Ich verstand die Worte nicht. Noch nicht. Dann öffnete sich vor mir ein Meer aus Sternen. Und zum ersten Mal in meinem Leben wusste ich nicht, welche Regeln galten. Dann war alles fort. Morgenlicht. Zimmer. Universität. X. Ich fiel weiter. Und irgendwo jenseits dieser Welt begann etwas, das meinen Namen bereits kannte.
Kapitel 0 Fremde Realität
Eine eisige Schwärze umklammerte mich, als ich die Augen öffnete. Zuerst wusste ich nicht, ob ich überhaupt wach war. Unter meinem Rücken lag kaltes Metall. Der Boden war hart und glatt, so kalt, dass die Wärme meines Körpers bereits aus der Kleidung wich. In der Luft lag ein fremder Geruch: Metall, Ozon und etwas Eisenhaltiges. Blut. Mein Blut. Ich hob die rechte Hand. Feine Schnitte zogen sich über die Haut. Einige davon waren noch rot und nässten. Die Erinnerung kam nicht als zusammenhängender Gedanke zurück, sondern in Bruchstücken. Der Monitor. Das Glas. Der Schmerz. Das Licht. Dann nichts. Mein Herz schlug schneller.
„Ruhig.“
Meine eigene Stimme klang heiser. Ich setzte mich auf. Der Raum war klein. Vielleicht vier Schritte breit, kaum mehr als eine Kabine. Schwarze, glatte Wände. Keine sichtbaren Fugen. Kein Lichtschalter. Keine Türklinke. Keine Tür. Ich tastete die Wand ab. Nichts.
„Okay.“
Ich zwang mich zu einem langsamen Atemzug. Panik war nutzlos. Erst Umgebung feststellen. Dann Ausgänge. Dann Gefahren. Eine Gewohnheit, die mir schon oft geholfen hatte. Ich ging einige Schritte weiter. Meine Hand schmerzte bei jeder Bewegung. Auch meine Arme und Schultern fühlten sich an, als hätte man sie gegen etwas Hartes geschlagen. Dann sah ich das Fenster. Ich blieb davor stehen. Ein schmaler, senkrechter Ausschnitt in der Wand. Ich wischte mit dem Ärmel über die Scheibe. Und erstarrte. Dahinter lag kein Studentenwohnheim. Keine Straße. Keine Stadt. Kein Himmel. Nur Schwärze. Sterne. Unzählige Sterne. Und unter ihnen ein Planet. Blau und grün, von weißen Wolken durchzogen, so groß, dass ich unwillkürlich einen Schritt zurückwich. Ich starrte hinaus. Mein Verstand suchte verzweifelt nach einer Erklärung. Traum. Halluzination. Simulation. Alles wäre besser gewesen als die Wahrheit.Ich presste die Hand gegen das Fenster. Es fühlte sich real an. Zu real.
„Das gibt es nicht.“
Doch. Es gab es. Ich sah es. Hinter mir knackte etwas. Ich fuhr herum. Mitten im Raum flimmerte die Luft. Zuerst war es nur ein dünner Lichtstreifen. Dann erschienen weitere Linien. Sie liefen über den Boden, über die Wand, durch den Raum, als würde die Wirklichkeit selbst Risse bekommen. Ich trat näher. Mein Verstand arbeitete schneller als meine Angst. Ein Übergang? Eine Anomalie? Ein Fehler? Ein Teil von mir dachte sofort an X. Wenn es tatsächlich das war, was ich vermutete, konnte dieser Bruch meine einzige Möglichkeit sein, zurückzukommen. Die Ränder begannen sich zu schließen.
„Nein.“
Ich rannte los. Zu spät. Als ich den Spalt erreichte, schloss sich die Struktur vor mir. Etwas schnitt über meinen Arm. Dann über meine Schulter. Ich stolperte und fiel. Ein brennender Schmerz durchfuhr meinen Rücken. Ich schrie auf. Der Riss verschwand. Einfach so. Zurück blieb nur die schwarze Wand. Ich lag auf dem Boden und rang nach Luft. Kein Übergang. Keine zweite Chance. Ich hob den Kopf. Eine Tür erschien dort, wo eben noch keine gewesen war. Metallisches Summen. Dann glitt sie auf. Gleißendes Licht überflutete den Raum. Ich riss den Arm vor die Augen. Zwei Gestalten standen im Eingang. Humanoid. Rüstungen. Keine sichtbaren Gesichter. Sie sagten etwas. Schnell. Rhythmisch. Unverständlich. Ich verstand kein einziges Wort.
„Ich ...“
Meine Stimme versagte. Die beiden kamen näher. Ich wich zurück. Mein Körper war bereits am Limit. Hunger, Durst, Schmerzen, Angst. Alles kam gleichzeitig. Ich versuchte, mich an der Wand abzustützen. Meine Knie gaben nach. Die Welt kippte. Das letzte, was ich sah, war das Licht hinter den beiden Fremden. Dann wurde alles schwarz.
Als ich wieder zu mir kam, war das Licht gedämpft. Mein Kopf pochte. Ich lag auf etwas, das einem Krankenbett ähnelte. Über mir schwebten kleine Sensoren. Anzeigen blinkten in regelmäßigen Abständen. Geräte summten leise. Ich bewegte die Finger. Sie reagierten. Gut. Ich atmete aus. Krankenhaus. Zumindest sah es danach aus. Nur war es kein Krankenhaus, das ich kannte. Die Wände waren glatt und metallisch. Keine sichtbaren Kabel. Keine Steckdosen. Keine Bildschirme, wie ich sie kannte. Alles wirkte zu sauber. Zu fremd. Ich versuchte aufzustehen. Ein scharfer Schmerz schoss durch meinen Kopf. Ich sank zurück. Die Tür öffnete sich. Eine Frau trat ein. Sie trug eine helle medizinische Uniform. Das Haar war zu einem Pferdeschwanz gebunden. Petrolfarben. Hinter ihr erschien ein Mann. Er war groß. Fast einen Kopf größer als ich. Breite Schultern, kräftiger Körperbau, Glatze, graue Augen. Sein Blick blieb an mir hängen. Nicht feindselig. Aber wachsam. Ich kannte diesen Blick. Sicherheitsdienst. Polizei. Militär. Vielleicht alles zusammen. Die Frau sagte etwas. Ich verstand nichts. Der Mann antwortete. Wieder diese Sprache. Ich setzte mich langsam auf und beobachtete beide. Die Frau kontrollierte Anzeigen neben meinem Bett. Der Mann blieb etwas zurück. Dann stellte er ein kleines Gerät auf den Tisch. Er deutete darauf und anschließend auf mich. Ich zögerte.
Dann sagte ich: „Tori Grau.“
Meine Stimme klang fremd. Der Mann sprach einige Worte in das Gerät. Eine künstlich neutrale Stimme antwortete auf Deutsch. Ein Übersetzer.
„Tori Grau?“
Ich nickte. „Ja.“
Der Mann sah auf seine Anzeige. „Ich bin Tahl Brenna. Sicherheitschef der argonischen Handelsstation Alpha.“
Ich hörte nur halb zu. Das Wort, das danach kam, traf mich. „Argon Prime.“ Ich erstarrte. Mein Magen zog sich zusammen. Argon Prime. Nein. Das konnte nicht sein. Ich sah Tahl an. Dann die Frau. Dann die Geräte.
„Sag das noch einmal.“
Tahl wiederholte es. „Argon Prime.“
Ich lachte kurz. Es war kein fröhliches Lachen. Eher ein Reflex.
„Das ist nicht möglich.“
Die Frau trat näher. „Er versteht uns nicht vollständig“, sagte sie auf Argonisch.
Die Übersetzung folgte mit leichter Verzögerung. Tahl nickte. Ich sah sie an.
„Wer bist du?“ Sie deutete auf sich. „Valentina Esposito.“
Ich wiederholte den Namen. „Valentina.“
Sie nickte. Dann begann sie, meine Verletzungen zu untersuchen. Ich ließ sie gewähren. Nicht, weil ich ihr vertraute. Sondern weil ich wusste, dass ich momentan keine bessere Möglichkeit hatte. Tahl fragte etwas. Valentina antwortete. Die Geräte neben mir schlugen plötzlich aus. Valentina sah sofort zu den Anzeigen.
„Nicht jetzt“, sagte sie scharf. Tahl verstummte.
Ich sah zwischen beiden hin und her. „Was ist?“
Keine Antwort. Nur ein Blick zwischen ihnen. Das war schlimmer als jede Antwort.
Ich verbrachte mehrere Tage auf der Krankenstation. Zumindest vermutete ich das. Die meiste Zeit schlief ich. Wenn ich wach war, lernte ich. Nicht freiwillig. Aber ich hatte keine andere Wahl. Ich begann einzelne argonische Wörter zu erkennen. Begriffe für Essen. Wasser. Schmerz. Ruhe. Medizin. Die Sprache war mir gleichzeitig fremd und merkwürdig vertraut. Nicht die Wörter. Der Klang. Als hätte ich sie schon einmal gehört. Nur wo? Am dritten Tag durfte ich das Bett verlassen. Ich ging langsam durch den Raum. Die Wunden heilten schneller, als ich erwartet hatte. Zu schnell. Ich betrachtete meinen Arm. Die tiefsten Schnitte waren fast verschwunden. Ich sagte nichts. Vielleicht war die Medizin dieser Welt einfach besser. Vielleicht gab es eine andere Erklärung. Ich hatte gelernt, dass „vielleicht“ momentan mein wichtigstes Wort war. Am nächsten Morgen kam Tahl zurück. Diesmal ohne Begleitung.
Er sah auf meine Hand. „Heilung gut.“
Seine Aussprache war ungewohnt, aber verständlich.
Ich nickte. „Mir geht es besser.“
Er deutete auf die Tür. „Sicherheitsabteilung.“
Ich verstand. Registrierung. Daten. Fragen. Vielleicht Gefängnis. Ich stand auf.
„Werde ich eingesperrt?“
Tahl sah mich einige Sekunden lang an. Dann schüttelte er den Kopf. „Nicht, wenn du keinen Grund gibst.“
Das war keine beruhigende Antwort. Wir gingen los.
Die Station war größer, als ich erwartet hatte. Sehr viel größer. Korridore öffneten sich zu Hallen. Anzeigen schwebten über den Laufwegen. Händler riefen Angebote aus. Fahrzeuge glitten lautlos über festgelegte Bahnen. Und dann sah ich sie. Ein Teladi. Ich blieb stehen. Schuppen. Augen. Körperhaltung. Kein Kostüm. Kein Schauspieler. Ein echter Teladi. Mein Gehirn schaltete sofort um. X. Ich kannte diese Spezies. Ich kannte ihre Schiffe. Ihre Wirtschaft. Ihre Fraktionen. Ihre typischen Verhaltensweisen. Ein Borone glitt an uns vorbei. Dann ein Paranide. Drei Augen. Ich musste schlucken. Etwas weiter entfernt standen mehrere Split. Ich kannte sie ebenfalls. Alles stimmte. Und gleichzeitig stimmte nichts. Ich betrachtete einen Teladi genauer. Nicht wie ein Fan. Wie ein Wissenschaftler. Körperbau. Bewegung. Kleidung. Verhalten. Ich suchte nach Abweichungen.
„Tori?“ Ich merkte, dass Tahl stehen geblieben war.
„Komme.“
Ich folgte ihm. Aber meine Gedanken blieben bei den Wesen hinter mir. Im Spiel waren sie Daten gewesen. Modelle. Animationen. Algorithmen. Hier atmeten sie. Hier roch die Luft nach ihnen. Hier konnten sie mich töten. Das war der Unterschied. X war immer logisch gewesen. Berechenbar. Ich kannte die Regeln. Diese Welt hatte dieselben Figuren. Aber ich kannte ihre Regeln nicht.
In der Sicherheitsabteilung wurden meine biometrischen Daten aufgenommen. Fingerabdrücke. Iris. DNA. Tahl erklärte, dass die Systeme nach möglichen Verwandten suchten. Ich wartete. Das Ergebnis erschien wenige Minuten später. Keine Treffer. Ich sah auf den Bildschirm.
„Keine?“
Tahl schüttelte den Kopf. „Keine bekannten Verwandten.“
Ich sagte nichts. Natürlich nicht. Meine Familie war unbekannt viele Lichtjahre entfernt. Zumindest wenn das hier wirklich das X-Universum war. Und wenn es das war, bedeutete das etwas noch viel Schlimmeres.
Tahl übergab mir eine Karte. „ID.“
Ich nahm sie. „Was kann ich damit machen?“
„Identität. Reisen. Bezahlen.“
Ich sah auf die Karte. Dann erschien die nächste Zahl. 10.000 Credits.
„Was ist das?“
„Staatliche Unterstützung.“
Ich sah Tahl an. „Warum?“
„Du hast keinen Status. Keine Unterkunft. Keine Arbeit. Keine Familie.“
Er sagte es sachlich. Als wäre es eine normale Kategorie. Vielleicht war es das hier. Ich steckte die Karte ein. Zehntausend Credits. Im Spiel hätte ich sofort Preise verglichen. Schiff. Ausrüstung. Nahrung. Unterkunft. Energie. Routen. Rendite. Ich hätte eine Tabelle erstellt. Hier gab es keine Tabelle. Keinen Pause-Knopf. Keine Benutzeroberfläche. Nur mich. Und zehntausend Credits.
„Du bist frei“, sagte Tahl.
Frei. Das Wort fühlte sich seltsam an.
Als ich die Sicherheitsebene verließ, war Tahl bereits einige Schritte voraus. Dann verabschiedete er sich. Kurz. Sachlich. Ohne Misstrauen. Aber auch ohne Nähe. Ich blieb allein zurück. Allein. Das Wort hatte in dieser Welt ein anderes Gewicht. Die Station war riesig. Menschen liefen an mir vorbei. Teladi. Boronen. Paraniden. Split. Niemand interessierte sich für mich. Ich stand mitten in einem Strom aus Leben und war trotzdem unsichtbar. Quartier. Essen. Orientierung. Drei einfache Ziele. Ich wusste nicht, wie ich eines davon erreichen sollte. Ich betrachtete meine ID-Karte. Zehntausend Credits. Wie lange würde das reichen? Eine Woche? Einen Monat? Ich setzte mich in Bewegung. Dabei begann ich automatisch zu beobachten. Kameras. Notausgänge. Sicherheitskräfte. Verkehrswege. Gewohnheiten. Überleben begann mit Informationen.
„Tori?“
Ich blieb stehen. Mein Name. Ich drehte mich um. Valentina stand einige Meter entfernt. Ohne medizinische Geräte wirkte sie anders. Wirklicher. Sie lächelte schwach.
„Du bist schon entlassen?“
„Ja.“
Sie sah mich an. Dann auf meine Karte. Dann wieder in mein Gesicht.
„Du hast keinen Plan.“
Ich verzog den Mund. „Ich habe einen.“
„Welchen?“
Ich schwieg. Sie wartete. „Einen zu finden.“
Sie musste lächeln. „Das dachte ich mir.“
Ich wollte weitergehen.
„Tori.“ Ich blieb stehen. „Du sprichst die Sprache kaum. Du kennst die Station nicht. Du hast keine Adresse und niemanden, der für dich zuständig ist.“
„Ich komme zurecht.“
Sie sah mich ruhig an. „Das glaubst du.“ Ich wollte widersprechen. Tat es aber nicht. „Du bist kein Problem“, sagte sie. „Aber du bist ein Risiko.“
„Für wen?“
„Für dich.“
Das saß. Ich sah auf den Boden. „Was schlägst du vor?“
„Essen. Dann ein Übergangsquartier.“
„Kosten?“
„Zehn Credits pro Tazura für die billigste Einheit.“
Ich sah sie an. „Tazura?“
Sie lachte leise. „Das hätte ich fragen sollen.“
Das Quartier lag am Rand der Station. Klein. Fensterlos. Zwei Sessel. Ein Tisch. Eine Schlafnische. Sanitärmodul. Stasisbox. Funktional. Sicher. Leer.
„Luxuriös“, sagte ich.
Valentina sah mich an. „Ich sagte doch, günstig.“
Ich stellte meine Karte auf das Terminal. Die Buchung wurde bestätigt. Zehn Credits. Eine Zahl erschien. Restguthaben: 9.990 Credits. Ich starrte darauf. Das war beruhigend. Und beunruhigend.
Valentina setzte sich. „Du solltest die Zeiteinheiten kennen.“
Ich nickte. Sie erklärte mir Sezura, Mizura, Stazura und Tazura. Jede Einheit war standardisiert und unabhängig von planetaren Tageszyklen. Als sie die Jazura erwähnte, wurde ich hellhörig.
„Wie alt bist du?“
Sie hob eine Augenbraue. „Achtzehn Komma fünf Jazuras.“
Ich rechnete. Eine Jazura entsprach etwas mehr als einem Erdjahr.
„Also ungefähr fünfundzwanzig.“ Sie nickte. Ich sah sie an. „Das erklärt einiges.“
„Was?“
„Nichts.“
Sie lächelte. „Du bist nicht besonders gut darin, Komplimente zu machen.“
„War kein Kompliment.“
„Das erklärt es.“
Zum ersten Mal seit meiner Ankunft musste ich wirklich lachen. Nur kurz. Aber es war echt.
Später saßen wir im Quartier. Valentina erklärte mir, was sie über die Argonen wusste. Ich hörte zunächst nur zu. Dann begann mein Verstand, die Informationen zu sortieren. Die Argonen waren keine auf Argon Prime entstandene Menschheit. Ihre Ursprünge lagen bei Taurus. Eine terranische Kolonie. Gegründet 2046. Über neunhundert Jahre zuvor. Ich sagte nichts. Die Information kollidierte mit allem, was ich aus X kannte. Nicht vollständig. Aber genug. Valentina erzählte vom Terraformerkrieg, von der Identitätskrise, von den Spannungen zwischen Argonen und Terranern. Von den Goner. Von Aldrin. Von verlorenen Kolonien. Von Sprungtoren. Vom Alten Volk. Von der Entwicklung der Beschleuniger. Ich hörte weiter zu.
Dann fragte ich: „Wie weit seid ihr technologisch?“
Valentina sah mich an. „Was meinst du?“
„Sprungtore. Beschleuniger. Raumfahrt. Militärtechnik.“
Sie begann zu erklären. Ich hörte jedes Wort. Und je mehr sie sagte, desto klarer wurde etwas. Diese Welt war nicht einfach meine Welt. Sie war eine Variante davon. Manche Ereignisse stimmten. Andere nicht. Manche Jahreszahlen passten. Andere verschoben sich. Manche Entwicklungen existierten. Andere waren anders verlaufen. Ich lehnte mich zurück.
„Das ist nicht dieselbe Geschichte.“
Valentina sah mich fragend an. „Welche Geschichte?“
Ich antwortete nicht. Denn ich wusste selbst nicht mehr, was ich sagen sollte. In meinem Kopf existierten zwei Versionen derselben Welt. Die eine hatte ich gespielt. Die andere saß mir gegenüber. Und irgendwo dazwischen lag die Wahrheit.
„Du brauchst eine Sprache, nicht nur einen Übersetzer“, sagte Valentina schließlich. Sie legte mir ein Datenpad hin. „Damit kannst du Argonisch lernen.“
Ich strich über die Oberfläche. Das Gerät erwachte. Ein Wort erschien. Dann seine Übersetzung. Ich sah darauf. Ein Anfang.
„Warum hilfst du mir?“
Valentina schwieg kurz. „Weil du kein Betrüger bist.“
„Das kannst du nicht wissen.“
„Doch.“
„Woher?“
Sie sah mich direkt an. „Menschen, die lügen, reagieren anders, wenn ihre gesamte Welt zusammenbricht.“
Ich dachte an den Monitor. An den Riss. An Argon Prime. An den Weltraum.
„Und wenn ich nicht lüge?“
„Dann bist du genau das, was du behauptest zu sein.“
„Ein Mensch aus einer anderen Welt.“
„Ja.“ Ich sah auf das Datenpad. „Und du glaubst mir?“
„Ich glaube, dass du selbst nicht weißt, was mit dir passiert ist.“
Das war etwas anderes. Und vielleicht ehrlicher. Ich nickte.
„Dann lerne ich.“
„Gut.“ Sie stand auf. An der Tür blieb sie stehen. „Morgen beginnen wir.“
„Morgen?“
„Du brauchst Schlaf.“
Die Tür schloss sich. Ich blieb allein zurück. Wieder. Ich legte das Datenpad auf den Tisch. Dann nahm ich meine ID-Karte. 9990 Credits. Ich dachte an mein Zimmer. An meinen Computer. An den gesprungenen Monitor. An X. An den Satz, der auf dem Bildschirm erschienen war. EXISTENCE ERROR. Ich hatte geglaubt, ein Spiel wäre kaputtgegangen. Vielleicht war etwas anderes kaputtgegangen. Vielleicht die Grenze zwischen den Welten. Ich legte mich hin. Die Station summte leise hinter den Wänden. Ich schloss die Augen. Und kurz bevor ich einschlief, hörte ich etwas. Ein Geräusch. Fast wie eine Stimme. Nicht außerhalb des Raumes. Sondern direkt hinter meinen Gedanken. Ich riss die Augen auf. Nichts. Nur Dunkelheit. Ich setzte mich auf. Mein Herz schlug schneller. Auf dem Datenpad hatte sich der Bildschirm eingeschaltet. Ich berührte ihn. Eine einzige Zeile stand dort. Ich kannte die Sprache noch nicht. Trotzdem verstand ich jedes Wort. Tori Grau. Darunter erschien eine zweite Zeile. Verbindung hergestellt. Dann wurde der Bildschirm schwarz.