Seite 5 von 5

Re: [EX16] Isekai no Xistence

Verfasst: Mi 24. Jun 2026, 21:16
von Tom
Bild

Kapitel 60 - Veränderungen

Die Wozuras vergingen schneller, als ich es zunächst wahrnahm. Inzwischen ertappte ich mich sogar dabei, diesen Begriff ganz selbstverständlich zu verwenden. Wenn jemand fragte, wie lange etwas zurücklag, dachte ich nicht mehr automatisch in Wochen, sondern antwortete ohne nachzudenken mit "zwei Wozuras" oder "vor einer Wozura". Es war erstaunlich, wie schnell sich Gewohnheiten verändern konnten, wenn man lange genug von einer völlig anderen Kultur umgeben war. Viel schwieriger als die neuen Begriffe war allerdings die Zeitrechnung selbst. Obwohl ich inzwischen wusste, wie sie funktionierte, spielte mir mein terranisches Denken immer wieder einen Streich. Ich stand vor dem breiten Panoramafenster meines Büros auf Altrix Nova und beobachtete schweigend den langsamen Verkehr außerhalb der Station. Mehrere Transporter glitten in geordneten Bahnen an der Station vorbei. Ein schwer beladener Frachter der Teladi beschleunigte gemächlich in Richtung Sprungtor, während mehrere UNO-Patrouillenschiffe ihre festen Kontrollrouten flogen. Die Triebwerke hinterließen bläulich schimmernde Ionenfahnen, die sich langsam im Schwarz des Alls verloren. Im Inneren meines Büros war es angenehm ruhig. Nur das leise Summen der Klimaanlage und das kaum hörbare Brummen der Projektoren begleiteten meine Gedanken. Mein Blick fiel auf die Uhranzeige meiner Armschiene. Noch zwei Mizuras. Unwillkürlich musste ich schmunzeln. Noch immer ertappte ich mich dabei, eine Stazura automatisch mit einer terranischen Stunde gleichzusetzen. Dabei wusste ich längst, dass eine Stazura viereinhalb terranischen Stunden entsprach. Rational war mir das vollkommen klar. Mein Unterbewusstsein schien sich jedoch hartnäckig dagegen zu wehren. Immer wieder überschlug ich Termine falsch. Was ich für einen kurzen Zeitraum hielt, waren plötzlich mehrere Stunden. Manchmal bereitete ich mich auf eine Besprechung vor, nur um festzustellen, dass sie längst begonnen hatte. Ein anderes Mal erschien ich deutlich zu früh und wunderte mich, weshalb die Räume noch leer waren. Anfangs war mir das ausgesprochen unangenehm gewesen. Gerade als Leiter der UNO konnte ich mir solche Fehler eigentlich nicht leisten. Zum Glück hatte ich meine Armschiene. Seit dem ersten größeren Terminchaos speicherte ich konsequent jeden einzelnen Termin unmittelbar nach seiner Vereinbarung ein. Die künstliche Intelligenz der Schiene wandelte sämtliche Zeitangaben automatisch in die jeweils benötigte Zeitrechnung um, berechnete Differenzen zwischen terranischen Stunden, Stazuras, Mizuras und Tazuras und erinnerte mich rechtzeitig mit mehreren Warnstufen. Inzwischen vertraute ich dem System mehr als meinem eigenen Zeitgefühl. Mehr als einmal hatte mich die dezente Vibration an meinem Unterarm davor bewahrt, zu spät zu erscheinen. Ich hob den Arm und betrachtete die holografische Oberfläche. Der Tagesplan war dicht gefüllt. Gespräche mit der Versorgungsabteilung, Abstimmungen mit den Werften, Besprechungen über neue Handelsrouten und mehrere technische Präsentationen wechselten sich beinahe lückenlos ab. Zwischen all diesen Einträgen befanden sich jedoch auch bewusst eingeplante Freiräume. Zeit für meine Familie. Zeit, um mit Vanu, Valentina und den Kindern zusammen zu sein. Diese Termine standen inzwischen genauso unverrückbar in meinem Kalender wie jede offizielle Sitzung. Ein leises Signal kündigte den nächsten Besucher an. Die Tür öffnete sich nahezu lautlos. Martin van Count trat ein. Wie immer bewegte sich der ehemalige Soldat mit einer Ruhe, die beinahe schon selbstverständlich wirkte. Seine Bewegungen waren kontrolliert, weder hektisch noch langsam. Er trug einfache Arbeitskleidung, deren Ärmel leicht hochgekrempelt waren. An seinen Händen hafteten noch feine Spuren dunkler Erde. Offenbar kam er direkt aus einem der neuen Agrarbereiche der Station.
"Guten Morgen."
"Guten Morgen, Martin."
Er trat an das Fenster und verschränkte locker die Arme vor der Brust.
"Ich wollte dir etwas zeigen."
Er aktivierte sein Datenpad. Mehrere Baupläne erschienen als Hologramm zwischen uns. Zunächst erkannte ich nur Versorgungstanks, Wasserleitungen und Belüftungssysteme. Erst nach wenigen Sekunden verstand ich, worauf ich blickte. Argnu-Ställe. Oder besser gesagt... Argnu-Habitate. Deutlich größer. Moderner. Mit automatischer Fütterung, tiermedizinischen Bereichen und großflächigen Weideabschnitten unter künstlichem Himmel.
"Das sieht beeindruckend aus."
Martin nickte zufrieden. "War nicht leicht." Er vergrößerte einen der Bauabschnitte. "Vor allem die Schwerkraftanpassung."
Ich betrachtete die Daten. "Argnus sind an planetare Bedingungen gewöhnt."
"Genau." Martin deutete auf mehrere Messwerte. "Wir mussten Bodenbeschaffenheit, Luftfeuchtigkeit und sogar den Mineralgehalt anpassen."
Ich nickte langsam. "Und Mari?"
Zum ersten Mal lächelte Martin etwas breiter. "Sie hat zugestimmt."
Ich sah ihn überrascht an. "Wirklich?"
"Ja." Er lehnte sich gegen den Tisch. "Hat allerdings eine Weile gedauert."
Das konnte ich mir gut vorstellen. Nach allem, was geschehen war, hatte Mari ihre Ranch auf Argon Prime nie einfach als Arbeitsplatz betrachtet. Sie war das Vermächtnis ihrer Eltern gewesen. Der Ort, an dem sie aufgewachsen war. Der Ort, den sie trotz aller Rückschläge niemals hatte aufgeben wollen.
"Wie hast du sie überzeugt?"
Martin schwieg einige Sekunden. Nicht weil er überlegen musste. Sondern weil ihm offenbar wichtig war, die richtigen Worte zu finden.
"Eigentlich gar nicht." Ich hob fragend eine Augenbraue. "Ich habe ihr nur eine Frage gestellt."
"Welche?"
Er sah hinaus auf die vorbeiziehenden Schiffe. "Ich habe gefragt, was ihr Vater damals wirklich wollte."
Ich sagte nichts. Martin sprach ruhig weiter. "Nicht welchen Hof. Nicht welches Gebäude. Nicht welches Grundstück." Er schüttelte leicht den Kopf. "Sondern welchen Traum."
Ich begann zu verstehen. "Und?"
Martin lächelte. "Sie wusste die Antwort sofort." Er blickte mich an. "Ihr Vater wollte seine Produkte bis zu den Sternen liefern." Die Worte blieben einen Moment zwischen uns stehen. "Ich habe ihr gesagt, dass ein Erbe kein Ort ist." Martin sprach inzwischen beinahe nachdenklich. "Ein Erbe ist das, was man weiterführt." Er deutete auf die Baupläne. "Wenn sie hier Argnus züchtet, dann erfüllt sie seinen Traum, nicht seinen alten Standort."
Ich musste unwillkürlich lächeln. "Das passt zu ihr."
Martin nickte. "Sie hat lange geweint." Ich schwieg. "Nicht weil sie loslassen musste." Er sah erneut auf die Pläne. "Sondern weil ihr zum ersten Mal klar wurde, dass Loslassen nicht bedeutet, etwas zu verlieren."
Ich dachte an die zerstörte Ranch. An die Explosion. An die verbrannten Gebäude. An all die Erinnerungen. Vielleicht brauchte es genau diesen Gedanken, um endlich nach vorne blicken zu können.
Einige Tage später begleitete ich Martin in den neuen Agrarbereich. Schon bevor sich die Drucktüren öffneten, nahm ich den vertrauten Geruch wahr. Feuchte Erde. Frisches Heu. Warme Luft. Dazu kam der unverwechselbare Geruch der Argnus selbst. Nicht unangenehm. Erdverbunden. Natürlich. Ein Geruch, der in starkem Kontrast zu den sterilen Metallkorridoren der Station stand. Als sich die Tore vollständig öffneten, blieb ich für einen Moment stehen. Der Bereich war beeindruckend geworden. Über mehrere Decks hinweg erstreckten sich künstliche Weideflächen. Sanft geschwungene Hügel wechselten sich mit kleinen Wasserstellen ab. Zwischen ihnen wuchsen speziell gezüchtete Gräser, deren Nährstoffzusammensetzung exakt den Bedingungen auf Argon Prime entsprach. Hoch über uns erzeugten riesige Lichtfelder einen künstlichen Himmel. Langsame Wolkenprojektionen wanderten gemächlich darüber hinweg und ließen beinahe vergessen, dass wir uns tief im Inneren einer Raumstation befanden. Mehrere Argnus grasten bereits friedlich. Ihre tiefen Atemgeräusche vermischten sich mit dem Rascheln des Grases. Nicht weit entfernt kniete Mari zwischen einigen Jungtieren. Sie bemerkte uns zunächst gar nicht. Mit erstaunlicher Geduld untersuchte sie eines der Tiere, strich ihm ruhig über den Hals und sprach dabei mit leiser Stimme auf das Argnu ein. Erst als Martin seinen Namen sagte, blickte sie auf. Ein ehrliches Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. Nicht das höfliche Lächeln der vergangenen Wochen. Sondern eines, das ihre Augen erreichte. Sie stand auf, klopfte sich etwas Erde von der Hose und sah sich langsam in der riesigen Anlage um.
"Weißt du..." Sie sprach leise. "Am Anfang dachte ich wirklich..." Sie stockte kurz. "...ich würde meinen Eltern untreu werden." Ihr Blick wanderte über die Tiere. "Jetzt..." Sie lächelte erneut. "...jetzt glaube ich, sie wären stolz gewesen."
Martin legte ihr wortlos eine Hand auf den Rücken. Ich beobachtete die beiden schweigend. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass Mari nicht mehr ausschließlich zurückblickte. Sie begann endlich wieder nach vorne zu sehen.

Währenddessen arbeitete Kon Mah auf ganz andere Weise. Je länger die Ermittlungen über den Anschlag auf die Ranch dauerten, desto seltener bekam ich ihn überhaupt zu Gesicht. Er verschwand oft bereits früh am Morgen und kehrte manchmal erst tief in der Nacht zurück. Wenn ich ihn fragte, wie weit er war, antwortete er meistens nur mit einem knappen Schulterzucken oder einem ausweichenden Lächeln.
"Ich arbeite daran." Mehr sagte er selten.
Ich wusste jedoch, was tatsächlich hinter diesen wenigen Worten steckte. Er nutzte sämtliche Kontakte, die er sich während seiner langen Militärlaufbahn aufgebaut hatte. Alte Kameraden. Ehemalige Offiziere. Polizisten. Sicherheitsbeamte. Nachrichtendienstler. Manche arbeiteten inzwischen im Staatsdienst. Andere hatten längst die Uniform abgelegt. Doch sie alle schuldeten Kon noch den einen oder anderen Gefallen. Und Kon begann, diese Gefallen einzulösen. Nicht alle auf einmal. Sondern äußerst vorsichtig. Unauffällig. Berichte wechselten diskret den Besitzer. Verschlüsselte Datensätze wurden nicht über offizielle Leitungen verschickt, sondern persönlich übergeben. Hinweise kamen mündlich. Manche Informationen existierten nicht einmal auf Papier. Je mehr Puzzleteile zusammengetragen wurden, desto deutlicher entstand ein Bild. Ein Bild, das niemandem gefiel. Eines Abends klopfte Kon schließlich an meine Bürotür. Als ich ihn hereinbat, wirkte er ungewöhnlich erschöpft. Dunkle Schatten lagen unter seinen Augen. Sein Bart war etwas länger geworden als sonst. Er setzte sich schweigend mir gegenüber. Ohne ein Wort legte er mehrere Datenträger auf meinen Schreibtisch.
"Ich habe es."
Ich sah ihn aufmerksam an. "Was genau?"
Er atmete tief durch. "Die Wahrheit." Er schob mir den obersten Datenträger entgegen. "Die Untersuchungsberichte der Argonen."
Ich aktivierte die Dateien. Bilder erschienen. Der Asteroid. Die Trümmer. Die zerstörte Piratenkorvette. Forensische Scans. Bergungsprotokolle. DNA-Auswertungen. Kon wartete, bis ich alles überflogen hatte.
Dann sagte er ruhig: "Sie haben Leichen gefunden."
Ich nickte langsam. Er deutete auf einen markierten Datensatz. "Eine davon wurde zweifelsfrei identifiziert."
Mein Blick fiel auf den Namen. Shishido Kuran. Mehrere voneinander unabhängige Identifikationsverfahren. Genetische Übereinstimmung. Zahnstatus. Biometrie. Keine Zweifel. Ich lehnte mich langsam zurück.
"Er ist wirklich tot."
Kon nickte. "Ohne jeden Zweifel."
Im Raum wurde es still. Damit blieb nur noch eine einzige Schlussfolgerung. Ich blickte wieder auf die Daten.
"Der Anschlag..."
Kon vollendete meinen Gedanken. "...war lange vorbereitet."
Ich nickte langsam. "Jemand hat dafür gesorgt, dass selbst nach Kurans Tod sein Plan weiterlief."
Kon verschränkte die Arme. "Genau."
Draußen zog lautlos ein weiterer Frachter an Altrix Nova vorbei. Ich sah ihm nach, während sich in meinem Kopf bereits die nächste Frage formte. Wenn Kuran tatsächlich tot war... wer führte seinen Plan dann jetzt zu Ende?

Als ich den Konferenzraum betrat, fiel mein Blick zuerst auf die gewaltige Panoramascheibe, die fast eine komplette Wand einnahm. Dahinter erstreckte sich das endlose Schwarz des Weltraums, durchzogen vom kalten Glanz unzähliger Sterne. Trantor füllte einen großen Teil des Ausblicks aus. Seine Atmosphäre schimmerte in feinen bläulichen und weißen Schleiern, während die Lichter der unzähligen Städte auf der Nachtseite wie ein riesiges Netz aus Gold und Silber funkelten. Selbst nach all der Zeit verlor dieser Anblick nichts von seiner Wirkung. Er erinnerte mich jedes Mal daran, weshalb Altrix Nova überhaupt existierte. Der Raum selbst war bewusst schlicht gehalten. Helles Metall, dunkle Holzelemente und warme indirekte Beleuchtung verliehen ihm eine ruhige Atmosphäre, ohne von dem eigentlichen Zweck abzulenken. In der Mitte stand ein langer Tisch aus schwarzem Verbundglas, dessen Oberfläche sämtliche Dokumente als Hologramm darstellen konnte. Bereits jetzt warteten mehrere Datentafeln auf ihre Freigabe. Ich war nicht lange allein. Die Tür glitt mit einem leisen Zischen zur Seite. Hoshino Misora trat ein. Für einen kurzen Moment blieb sie stehen und ließ den Blick durch den Raum schweifen. Sie hatte sich in den vergangenen zwei Jahren verändert. Nicht äußerlich – zumindest nicht besonders –, sondern in ihrer gesamten Ausstrahlung. Die junge Frau wirkte älter, als sie eigentlich war. Nicht wegen ihres Gesichts, sondern wegen der Art, wie sie sich bewegte. Jeder Schritt war kontrolliert, jeder Blick aufmerksam. Ihre Schultern waren aufrecht, doch gleichzeitig lag darin eine kaum wahrnehmbare Anspannung, als würde sie seit Monaten eine Last tragen, die mit jedem weiteren Tag schwerer geworden war. Sie trug einen dunkelgrauen Arbeitsanzug, dessen Schnitt funktional statt elegant war. Die Ärmel waren bis knapp unter die Ellbogen hochgekrempelt. An ihren Händen erkannte ich feine Kratzer und kleine Brandnarben, wie sie jeder Werftingenieur irgendwann bekam. Selbst heute, an einem Tag, an dem es um einen milliardenschweren Vertrag ging, hatte sie darauf verzichtet, sich künstlich in Szene zu setzen. Das passte zu ihr. Ihre dunklen Haare waren zu einem praktischen Zopf zusammengebunden. Einige Strähnen hatten sich gelöst und umrahmten ihr Gesicht. Unter ihren Augen zeichneten sich leichte Schatten ab. Nicht dramatisch, aber deutlich genug, um zu erkennen, dass Schlaf in den letzten Wochen wohl eher Luxus gewesen war. Als sich unsere Blicke trafen, erschien für einen kurzen Augenblick dieses vertraute, kleine Lächeln auf ihren Lippen.
"Morgen, Tori."
"Morgen, Misora."
Sie trat näher und streckte mir die Hand entgegen. Ich ergriff sie. Ihr Händedruck war fest, beinahe trotzig. Nicht übertrieben kräftig, sondern genau so, wie ich ihn von ihr erwartete. Sie wollte niemals schwach wirken.
"Du siehst müde aus", stellte ich fest.
Sie schnaubte leise. "Du solltest dich mal im Spiegel ansehen."
Ich musste lachen. "Wahrscheinlich hast du recht."
Für einen Augenblick lockerte sich die Atmosphäre. Es war dieselbe ungezwungene Art, wie damals auf dem Schrottplatz ihres Vaters. Damals hatte zwischen uns eine heruntergekommene Werkbank gestanden, überall lagen halb zerlegte Triebwerke, der Geruch von Schmieröl hing schwer in der Luft, und trotzdem hatten wir stundenlang über Raumschiffe diskutiert. Seitdem war unglaublich viel passiert.
Misora trat an die Panoramascheibe. "Beeindruckend", sagte sie leise.
Ich stellte mich neben sie. "Man gewöhnt sich nie ganz daran."
"Nein." Ihr Blick blieb auf Trantor liegen. "Dort unten fing alles an."
Ich nickte langsam. "Ja."
Sie verschränkte die Arme vor der Brust. "Als wir uns kennengelernt haben, war ich überzeugt, dass ich die Werft meines Vaters allein retten könnte." Sie lächelte schwach. "Eigentlich war ich überzeugt, dass ich alles allein schaffen müsste."
Ich sagte nichts. Sie gehörte zu den Menschen, die Pausen brauchten, wenn sie etwas Persönliches aussprachen.
"Ich war mein ganzes Leben Einzelkind", fuhr sie schließlich fort. "Mein Vater war ständig beschäftigt. Die Werft war unser Zuhause und gleichzeitig unsere Arbeit. Hilfe gab es nie. Also habe ich gelernt, alles selbst zu machen." Ihre Finger trommelten unbewusst gegen ihren Oberarm. "Damals hielt ich das für Stärke." Sie drehte den Kopf zu mir. "War es aber nicht."
Ich erkannte, wie schwer ihr dieses Eingeständnis fiel. "Stärke bedeutet nicht, alles allein zu tragen", erwiderte ich ruhig.
Sie ließ den Blick wieder nach draußen schweifen. "Ich weiß." Ein müdes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. "Hat lange gedauert, bis ich das verstanden habe."
Wir schwiegen erneut. Unter uns glitten mehrere Transporter an der Außenhülle Altrix Novas vorbei. Kleine Wartungsdrohnen bewegten sich in präzisen Formationen zwischen den Andockringen. In der Ferne wurde gerade der Rumpf eines neuen Startruck-Frachters in Position gebracht. Selbst von hier aus erkannte ich die charakteristische Silhouette. Misoras Blick folgte dem Schiff automatisch.
"Vier Stück gleichzeitig." Ich sah sie fragend an. "Vier Startrucks befinden sich im Bau." Sie atmete langsam aus. "Dazu die Arbeiten für Altrix Nova. Neue Fertigungslinien. Ersatzteile. Modernisierungen. Spezialaufträge." Mit jedem weiteren Satz wurde ihre Stimme leiser. "Und ich habe einfach nicht genug Leute." Sie lachte kurz. Nicht fröhlich. Eher erschöpft. "Ich verbringe inzwischen mehr Zeit mit Personalplanung als mit Schiffen."
"Willkommen im Unternehmertum."
"Danke. Ich hasse es."
Diesmal mussten wir beide lachen. Das Lachen verklang schnell. Sie drehte sich vollständig zu mir.
"Du hast mir vor zwei Jahren angeboten, die Werft an die UNO anzugliedern."
"Ja."
"Damals habe ich abgelehnt."
"Weiß ich."
"Nicht weil ich dir nicht vertraut habe."
"Das wusste ich ebenfalls."
Sie nickte. "Ich hatte Angst." Sie sprach das Wort erstaunlich ruhig aus. "Wenn ich unterschreibe, ist die Werft nicht mehr ausschließlich die Werft meines Vaters."
Ich sah sie einige Sekunden an. "Nein."
"Aber sie bleibt erhalten."
"Ja."
"Und sie wächst weiter."
"Ja."
Sie schloss für einen Moment die Augen. Als sie sie wieder öffnete, wirkte ihr Blick klarer. "Allein schaffe ich das nicht mehr."
Ich legte ihr keine Antwort in den Mund. Sie musste diesen Satz selbst zu Ende bringen. "Deshalb bin ich hier."
Ich trat an den Tisch. Mit einer kurzen Handbewegung aktivierte ich das Hologramm. Sofort erschienen mehrere transparente Dokumente über der schwarzen Glasplatte. Unternehmensstruktur. Eigentumsverhältnisse. Investitionszusagen. Arbeitsplatzgarantien. Forschungskooperationen. Langfristige Ausbaupläne für die Orbitalwerft und den Schrottplatz auf Trantor. Misora studierte jede einzelne Seite aufmerksam. Ganz die Ingenieurin. Nicht ein einziges Detail übersprang sie. Mehrfach stellte sie Rückfragen zu Produktionskapazitäten, Materialkontingenten und den geplanten Erweiterungen der Werft. Es ging ihr nie um ihren persönlichen Vorteil. Jede Frage bezog sich darauf, ob ihre Mitarbeiter weiterhin sicher arbeiten konnten, ob bestehende Projekte fortgeführt wurden oder ob zusätzliche Ausbildungsplätze geschaffen werden konnten. Erst nachdem wirklich jeder einzelne Punkt geklärt war, legte sie den Signierstift auf das Feld der Vertragsbestätigung. Sie hielt kurz inne. Ihre Finger verharrten reglos. Ich konnte beinahe sehen, wie sie innerlich mit sich rang. Dann atmete sie tief durch.
"Ohne diesen Schritt würde ich irgendwann unter der Verantwortung zusammenbrechen." Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. "Mit diesem Schritt kann ich endlich wieder das tun, weshalb ich überhaupt Ingenieurin geworden bin."
Sie setzte ihre Unterschrift unter den Vertrag. Ein leises akustisches Signal bestätigte die rechtsgültige Übertragung. Die Hologramme wechselten ihre Farbe von Blau zu Grün.
"Willkommen in der Universal Nourishment Organization", sagte ich.
Sie lehnte sich langsam zurück. Für einige Sekunden schloss sie die Augen. Als sie sie wieder öffnete, war da zum ersten Mal seit langer Zeit keine Anspannung mehr in ihrem Gesicht. Die Müdigkeit war nicht verschwunden. Die Verantwortung ebenfalls nicht. Aber ein Teil der Last, die sie so lange allein getragen hatte, schien endlich von ihren Schultern gefallen zu sein. Sie lächelte. Diesmal wirkte es ehrlich.
"Ich glaube", sagte sie leise, "ich hätte dieses Angebot schon vor einem Jahr annehmen sollen."
"Vielleicht." Ich erwiderte ihr Lächeln.
"Oder genau heute. Manchmal gibt es für Entscheidungen einfach den richtigen Zeitpunkt."
Sie nickte langsam. "Dann hoffe ich, dass dies meiner war."
Damit war es offiziell. Die Hoshino Shipyards gehörten fortan zur Universal Nourishment Organization. Als der formelle Teil beendet war und sich die meisten Teilnehmer zurückzogen, blieben nur wir beide am Fenster des Konferenzsaals stehen. Unter uns erstreckte sich Altrix Nova, deren gewaltige Ringstrukturen langsam vom Licht der nahen Sonne angestrahlt wurden. Dutzende Baustellen waren gleichzeitig aktiv. Frachter, Versorgungsschiffe und Wohnmodule bewegten sich zwischen den Gerüsten wie Ameisen.
"Ich hätte nie gedacht, dass ich irgendwann freiwillig mein Unternehmen abgebe", sagte Misora schließlich.
"Du gibst es nicht ab."
Sie schüttelte langsam den Kopf. "Ein Teil davon schon."
Ich antwortete zunächst nicht. Stattdessen betrachtete ich die gewaltige Station. Misora folgte meinem Blick.
"Mein Vater hätte mich wahrscheinlich ausgelacht."
"Nein."
"Nein?"
"Er hätte sich Sorgen gemacht." Sie sah mich fragend an. "Weil du versucht hättest, alles allein zu schaffen."
Für einige Sekunden herrschte Schweigen. Dann stieß sie langsam die Luft aus. "Vermutlich."
Sie verschränkte die Arme. "Der Schrottplatz auf Trantor gehört mir weiterhin. Daran wollte ich nie etwas ändern."
"Das weiß ich."
"Und die Orbitalwerft ebenfalls."
Ich nickte. Die Werft war längst kein kleiner Familienbetrieb mehr. Seit unserem ersten Treffen vor zwei Jahren hatte sie eine Entwicklung durchlaufen, die ich damals selbst kaum für möglich gehalten hätte. Damals hatte ich Misora in einer heruntergekommenen Werft kennengelernt. Zwischen ausgeschlachteten Schiffsrümpfen, rostigen Hebekränen und halb ausgeschlachteten Reaktoren hatte sie verzweifelt versucht, das Erbe ihres Vaters vor dem endgültigen Zusammenbruch zu retten. Heute gehörte ihr nicht nur derselbe Schrottplatz auf Trantor. Im Orbit des Planeten betrieb sie inzwischen eine moderne Werft, die zu den leistungsfähigsten unabhängigen Anlagen der Region geworden war. Nach dem Tod ihres Vaters durch Shishido Kuran hatte sie sich nahezu vollständig vom übrigen Universum zurückgezogen. Anstatt sich Menschen zuzuwenden, hatte sie sich in Arbeit vergraben. Tag für Tag. Monat für Monat. Jahr für Jahr. Was ursprünglich nur ein kleiner Familienbetrieb gewesen war, der kurz vor der Insolvenz gestanden hatte, war unter ihrer Führung zu einem florierenden Unternehmen geworden. Die Auftragsbücher waren über Monate hinweg gefüllt. Neue Docks entstanden. Alte Fertigungslinien wurden ersetzt. Produktionsabläufe modernisiert. Nicht zuletzt, weil die Universal Nourishment Organization zu einem ihrer größten Auftraggeber geworden war. Mehrere Frachter der Startruck-Klasse befanden sich gleichzeitig im Bau. Zusätzlich arbeiteten ihre Konstrukteure eng mit unseren Ingenieuren zusammen. Ein erheblicher Teil der modularen Werftanlagen und Versorgungseinrichtungen von Altrix Nova trug ihre Handschrift.
"Ich hätte nie gedacht, dass dieses Projekt einmal so groß werden würde", sagte sie leise.
"Ich auch nicht."
Sie lächelte schwach. "Du lügst."
"Vielleicht ein bisschen."
Sie schüttelte grinsend den Kopf. Doch ihr Lächeln verschwand genauso schnell wieder. "Hier wurde mir erst klar, wie wenig ich eigentlich kann."
Ich hob eine Augenbraue. "Das überrascht dich?"
"Nein." Sie lehnte sich mit beiden Händen gegen das Fenster. "Ich war immer allein." Ihre Stimme war ungewöhnlich ruhig geworden. "Einzelkind." Sie zuckte leicht mit den Schultern. "Mein Vater hat gearbeitet. Ich habe gearbeitet. "
"Nach seinem Tod erst recht."
Sie nickte. "Ich war immer daran gewöhnt, alles selbst zu machen. Entscheidungen. Konstruktionen. Personal. Verhandlungen. Reparaturen. Buchhaltung." Sie lachte trocken. "Ich dachte wirklich, das wäre normal."
"Bis Altrix Nova."
"Ja."
Ihr Blick glitt über die gewaltigen Ringsegmente. "Hier arbeiten Zehntausende Lebewesen. Ingenieure. Wissenschaftler. Logistiker. Administratoren." Sie schüttelte langsam den Kopf. "Da wurde mir zum ersten Mal bewusst, wie klein meine Welt eigentlich gewesen war."
Ich sagte nichts. Sie brauchte keine Ratschläge. Nur jemanden, der zuhörte.
"Ich glaube...", begann sie nach einer längeren Pause, "...deshalb habe ich mich damals auch so schnell mit dir verstanden." Ich sah sie fragend an. "Nicht romantisch." Sie hob sofort beschwichtigend beide Hände. "Bevor du wieder irgendetwas hineininterpretierst."
Ich musste lachen. "Keine Sorge."
"Du warst eher..." Sie überlegte. "...ein großer Bruder." Sie verzog leicht das Gesicht. "Oder vielleicht jemand, der ähnlich gedacht hat wie ich."
"Ein Seelenverwandter?"
Sie nickte langsam. "Ja. Jemand, der verstanden hat, warum ich lieber sechzehn Stunden durcharbeite, anstatt mit Menschen zu reden."
"Weil Arbeit einfacher ist."
"Weil Maschinen berechenbarer sind."
Ich nickte. "Genau."
Sie schwieg erneut. Dann wurde ihre Stimme leiser. "Ich war überfordert." Zum ersten Mal hörte ich dieses Eingeständnis aus ihrem Mund. "Es gab immer mehr Aufträge." Sie blickte hinaus auf die Werft. "Immer mehr Kunden. Immer größere Projekte. Immer mehr Verantwortung." Sie schloss für einen Augenblick die Augen. "Aber ich hatte nicht genug Personal. Nicht genug Ingenieure. Nicht genug Baukapazitäten. Nicht genug Zeit." Sie atmete tief durch. "Egal wie viel ich gearbeitet habe, es wurde nie weniger."
Ich nickte nur. Genau deshalb hatte ich ihr vor langer Zeit ein Angebot gemacht. Damals hatte ich es bewusst offen gelassen. Kein Ultimatum. Keine Frist. Lediglich die Zusicherung, dass die Tür jederzeit offenstand.
Sie lächelte leicht. "Ich habe ziemlich lange gebraucht."
"Ja."
"Aber irgendwann musste ich mir eingestehen, dass ich allein nicht weiterkomme." Sie sah mich an. "Deshalb habe ich dein Angebot angenommen."
Ich erwiderte ihren Blick. "Nicht, weil der Vertrag perfekt gewesen wäre."
Sie schüttelte den Kopf. "War er nicht."
"Dafür wäre keiner realistisch gewesen."
"Richtig." Sie lächelte erneut.
"Aber er war fair."
"Und er bringt allen Vorteile. Dir. Mir. Der UNO. Und unseren Mitarbeitern."
Ich nickte. "Genau das war das Ziel."
Misora ließ den Blick erneut über Altrix Nova schweifen. "Zum ersten Mal seit Jahren habe ich das Gefühl, nicht mehr alles allein tragen zu müssen." Einige Sekunden vergingen. Dann sagte sie fast beiläufig: "Als ich erfahren habe, dass Shishido Kuran tot ist..." Sie machte eine kurze Pause. "...habe ich kaum etwas gespürt." Ihre Stimme blieb ruhig. "Ich habe die Nachricht gelesen. Mein Mundwinkel hat kurz gezuckt. Mehr nicht." Sie senkte den Blick. "Ich dachte zuerst, mit mir stimmt etwas nicht. Vielleicht hätte ich Wut empfinden müssen. Oder Erleichterung. Oder Genugtuung. Nichts davon kam." Sie atmete langsam aus. "Ich war einfach leer." Sie schwieg einen Moment. "Dann..." Sie legte eine Hand auf ihre Brust. "...irgendwo ganz tief hier drin... hatte ich plötzlich das Gefühl, als wäre eine Last verschwunden." Sie blickte mich an. "Nicht, weil ich mich über seinen Tod gefreut hätte."
"Nein."
"Weil ich zum ersten Mal wusste, dass er niemandem mehr das antun konnte, was er meiner Familie angetan hatte."
Ich nickte langsam. Darauf gab es nichts zu erwidern. Manche Wunden verschwanden nie vollständig. Sie hörten lediglich auf, jeden einzelnen Tag neu aufzubrechen.

Die Kantine der Besatzung lag etwas abseits der Hauptkorridore von Altrix Nova, in einem der ruhigeren Sekundärmodule, die ursprünglich für niedrigpriorisierte Crewmitglieder gedacht gewesen waren. Die Wände bestanden aus hellgrauem Verbundmaterial mit einer leicht matten Oberfläche, die das künstliche Licht der Deckenpaneele weich streute. Zwischen den Lichtfeldern liefen dünne Streifen in warmem Bernsteinton, die dem Raum trotz seiner Funktionalität eine beinahe wohnliche Atmosphäre gaben. Der Geruch war eine Mischung aus recycelter Luft, leichtem Metallgeschmack und dem subtilen Aroma von aufgebrühtem Keffa, der aus den Automaten in der hinteren Ecke permanent nachproduziert wurde. Es war kein Ort für Zeremonien, sondern einer für Gespräche, die nicht von offiziellen Protokollen belastet werden sollten. Ich saß mit Mari und Misora am Tresen, der sich halbkreisförmig um eine zentrale Ausgabestation zog. Die Oberfläche bestand aus dunkel poliertem Material, das bei jeder Bewegung der Hände schwach das Licht reflektierte, als würde es die Umgebung in gedämpften Fragmenten zurückwerfen. Hinter dem Tresen liefen die Versorgungsautomaten lautlos, nur unterbrochen von gelegentlichen hydraulischen Anpassungen, wenn neue Nährstoffkartuschen eingesetzt wurden. Vor uns lief das Federal Information Network auf einem schmalen, schwebenden Displayband entlang der Wand. Die Nachrichten waren wie erwartet belanglos. Handelsstatistiken über fallende Preise für Agrargase aus den äußeren Sektoren, politische Randmeldungen aus Systemen, die kaum direkten Einfluss auf unsere Versorgungsketten hatten, und ein Bericht über ein Sportereignis, dessen Regeln ich beim besten Willen nicht nachvollziehen konnte. Eine Art gravitationsbasierter Wettlauf auf ringförmigen Plattformen irgendwo im Zura-Raum. Niemand von uns schenkte dem wirkliche Aufmerksamkeit. Die Stimmen der Moderatoren klangen gedämpft und austauschbar, als würden sie selbst nicht mehr an die Bedeutung dessen glauben, was sie verkündeten. Mari saß mir gegenüber, die Ellenbogen locker auf dem Tresen abgestützt, während sie mit einem kleinen Metallstab unruhig gegen den Rand ihrer Tasse tippte. Ihr Blick war zwar auf das Display gerichtet, aber ich erkannte an der minimalen Anspannung in ihrem Kiefer, dass sie längst in Gedanken woanders war. Misora neben ihr wirkte äußerlich ruhiger, doch ihre Finger waren ineinander verschränkt und lagen fest auf der Tischkante, als würde sie sich unbewusst daran festhalten. Beide Frauen hatten Kuran auf sehr unterschiedliche Weise erlebt, und genau das lag jetzt unausgesprochen zwischen ihnen im Raum. Ich hielt mich bewusst zurück und beobachtete nur. Es war kein Moment, in den ich eingreifen musste. Eher einer, den ich nicht stören sollte. Mari begann schließlich zuerst zu sprechen. Ihre Stimme war ruhiger, als ich es von ihr erwartet hätte.
"Ich habe früher oft gedacht, dass er irgendwann einfach verschwindet", sagte sie, während ihr Blick kurz ins Leere glitt. "Nicht stirbt. Einfach verschwindet. Als wäre er irgendwann nur noch eine schlechte Erinnerung."
Misora verzog leicht den Mund, ohne ihr direkt zu widersprechen. "Bei mir war es anders", antwortete sie nach einem kurzen Moment. Ihre Stimme klang kontrolliert, aber darunter lag etwas Rohes, Unverarbeitetes. "Ich habe gehofft, dass er eines Tages zurückkommt. Nicht weil ich ihn vermisst hätte, sondern weil ich wissen wollte, ob ich ihn selbst stoppen kann, wenn es sein muss."
Mari hob leicht eine Augenbraue. "Du hättest ihn wahrscheinlich einfach zerlegt."
"Vielleicht", sagte Misora trocken. "Aber ich hätte dabei nicht gezögert."
Für einen Moment war nur das leise Summen der Kantine zu hören, das regelmäßige Klacken der Versorgungseinheiten und das entfernte Rauschen der Recyclinganlagen im Hintergrund der Station. Ich nahm einen Schluck aus meinem Becher und ließ die beiden weiterreden. Die Gespräche zwischen ihnen hatten eine Dynamik, die ich nicht unterbrechen wollte. Sie bewegten sich zwischen Erinnerungen, die offensichtlich lange unter der Oberfläche gelegen hatten, und der vorsichtigen Art, diese jetzt zum ersten Mal auszusprechen, ohne dass sie sofort wieder zurückgedrängt wurden.
Mari lehnte sich leicht zurück. "Ich hatte niemanden mehr, nachdem er verschwunden ist", sagte sie schließlich. "Er hat alles mitgenommen. Familie, Vertrauen, sogar das Gefühl, dass irgendetwas stabil sein könnte."
Misora nickte langsam. "Bei mir war es ähnlich. Nur dass ich es anders genannt habe. Arbeit."
Mari sah sie kurz an. "Funktioniert es?"
"Nicht wirklich", antwortete Misora ehrlich. "Aber es hält einen beschäftigt."
Ich beobachtete, wie sich zwischen den beiden etwas verschob. Kein großes, dramatisches Ereignis. Eher ein leiser Abgleich von Erfahrungen, die sich an unterschiedlichen Punkten berührten. Dann fiel mir auf, dass beide kurz gleichzeitig zu mir sahen. Dieser Blick hatte etwas abgestimmtes, fast schon absichtlich Gemeinsames.
Mari zog eine Mundwinkelhälfte nach oben. "Weißt du eigentlich, dass du ziemlich schlecht darin bist, dich aus allem rauszuhalten?"
Ich hob leicht eine Augenbraue. "Ich halte mich gerade raus."
Misora nickte zustimmend. "Er sitzt nur da und tut so, als würde er nicht zuhören."
"Das ist ein Unterschied."
Mari lachte leise, kurz und trocken. "Dann hör auf, so auffällig nicht zuzuhören."
Ich seufzte innerlich, ließ es aber stehen.
Stattdessen legte Misora den Kopf leicht schräg und sah mich direkt an. "Du hast damals mehr getan, als du eigentlich musstest."
"Ich habe nur eine Entscheidung getroffen."
"Falsche Bescheidenheit", murmelte Mari.
"Realistische Einschätzung", korrigierte ich.
Misora schüttelte leicht den Kopf. "Retter in der Not passt trotzdem besser."
Mari nickte sofort. "Definitiv."
Ich ließ den Satz einen Moment im Raum stehen, ohne ihn zu kommentieren. Das Wort hatte Gewicht, das beide offensichtlich bewusst gewählt hatten, aber nicht überhöhen wollten. Es war eher ein gemeinsamer Versuch, das Chaos der Vergangenheit in eine Form zu bringen, die sich ertragen ließ. Ich stellte die Tasse ab.
"Wenn ihr mich so nennt, muss ich euch daran erinnern, dass Rettung selten ein einzelner Faktor ist."
Mari sah mich skeptisch an. "Jetzt wird er wieder philosophisch."
Misora lächelte leicht. "Er hat recht."
Mari verdrehte die Augen, aber nicht unfreundlich. "Natürlich hat er recht."
Ich ignorierte das bewusst. Stattdessen sah ich kurz auf das Display der FIN-Nachrichten. Eine neue Meldung lief durch, diesmal über eine Handelsverschiebung im Zura-Sektor. Niemand reagierte darauf. Die Kantine blieb ruhig. Aber die Atmosphäre hatte sich verändert. Nicht schwerer. Nur ehrlicher. Als Mari schließlich ihren Blick wieder auf mich richtete, war da kein Zynismus mehr.
"Ich glaube", sagte sie leiser, "ohne dich wäre ich wahrscheinlich irgendwo steckengeblieben."
Misora nickte nur. Ich antwortete nicht sofort. Weil es keine einfache Antwort gab, die diesem Satz gerecht geworden wäre. Also blieb ich still und ließ die beiden weiter in einer Vergangenheit navigieren, die zum ersten Mal nicht mehr ausschließlich gegen sie arbeitete.

Re: [EX16] Isekai no Xistence

Verfasst: Fr 26. Jun 2026, 23:22
von Tom
Bild

Kapitel 61 - Schatten

Das Fenster meines Büros nahm fast die gesamte Wand ein und eröffnete den Blick direkt in den Orbit von Trantor. Die gewaltigen Ringsegmente der Station zogen langsam und präzise ihre Bahnen, während darunter, in der Tiefe des Systems, das Licht von Presidents End in kalten Weiß- und Blautönen über die Strukturen glitt. Die Scheibe selbst war leicht gewölbt und aus mehrschichtigem Verbundglas, das auf mikroskopischer Ebene ständig seine Transparenz an die äußeren Strahlungswerte anpasste. Dadurch wirkte der Blick nach draußen nie völlig statisch, sondern als würde das All selbst in subtilen, kaum wahrnehmbaren Intervallen atmen.
Ich stand mit beiden Händen tief in den Hosentaschen, die Schultern leicht nach vorne geneigt, während mein Blick über das System wanderte, das sich vor mir ausbreitete. Presidents End war kein ruhiger Ort, auch wenn es auf den ersten Blick so wirkte. Zu viele historische Brüche, zu viele Verschiebungen in der Machtstruktur, zu viele leere Schatten ehemaliger Kolonien, die noch immer in den Datenbanken existierten, obwohl sie physisch längst verschwunden waren.
Der erste Planet, weiter innen, war kaum mehr als eine glühende Masse, Vulcanus, eine Welt aus zerborstenen Gesteinsplatten, die in langsamer, geologischer Bewegung gegeneinander rieben. Gelegentliche thermische Ausbrüche zeichneten helle Linien auf seiner Oberfläche, die selbst aus dieser Entfernung wie Nähte wirkten, die eine alte Wunde zusammenhielten. Rohstoffreich, aber aufgrund der historischen Bedrohungslage weitgehend unberührt geblieben. Xenon-Angriffe, Piratenüberfälle, spätere Khaak-Operationen hatten jede ernsthafte Kolonisierung immer wieder unterbrochen, bis schließlich niemand mehr den Aufwand rechtfertigen konnte.
Trantor lag unter mir als zentrale, noch immer bewohnte Welt des Systems. Seine Kontinente waren durchzogen von hellen Streifen ehemaliger Megastädte, die teilweise rekonstruiert, teilweise aufgegeben worden waren. Zwischen den bewohnten Zonen lagen weite Flächen, die langsam wieder von Vegetation zurückerobert wurden. Von hier oben wirkten sie wie unvollständige Muster, als hätte jemand versucht, eine komplexe Struktur zu zeichnen und irgendwann mitten im Prozess aufgehört.
Der äußere Gasriese Monarch dominierte den Rand des Systems. Seine Atmosphäre war in geschichteten Bändern aus Ocker, Grün und tiefem Indigo organisiert, die sich in gewaltigen Stürmen umeinander drehten. Das Ringsystem war aus der Distanz nur ein dünner, aber klar strukturierter Lichtkranz, unterbrochen von vier toten Monden, die wie eingefrorene Punkte in der Gravitation hingen. Erst vergleichsweise spät war Monarch überhaupt korrekt kartographiert worden, weil seine Entfernung und die Streuung der Messdaten lange eine präzise Erfassung verhindert hatten.
Alles zusammen ergab ein System, das auf den ersten Blick stabil wirkte, in Wahrheit jedoch eine lange Geschichte von Verlusten und Abbrüchen in sich trug. 79 Millionen Bewohner hatte dieses System einst getragen. Jetzt waren es weniger als 15 Millionen. Der Gedanke daran blieb nicht abstrakt. Er hing in den Daten, in den Berichten, in den fragmentierten Archiven der vergangenen Jahrzehnte. Evakuierungen, Fluchten, improvisierte Umsiedlungen, komplette Sektoren, die über Nacht entvölkert worden waren. Und dazwischen die stillen Zahlen derjenigen, die nicht rechtzeitig entkommen waren.
Ich atmete langsam aus, während mein Blick kurz über die unteren Dockbereiche von Altrix Nova glitt. Zwischen den gewaltigen Andockarmen bewegten sich Frachter wie träge Insekten, kleine Lichtpunkte, die an metallenen Strukturen hafteten und wieder davon ablösten. Unter ihnen lag die Infrastruktur, die ich aus den Trümmern dieses Systems hatte zusammenkaufen lassen. Alte Stationen, zerlegte Habitatmodule, beschädigte Werften, alles, was noch strukturell nutzbar gewesen war, war in den Orbit von Trantor verlegt und später hier in die Bauphasen von Altrix Nova integriert worden. Misora hatte daraus etwas aufgebaut, das inzwischen weit über das ursprüngliche Konzept hinausging. Nicht nur eine Station, sondern ein wachsendes Produktions- und Versorgungsnetz, das sich über mehrere Ebenen und Module erstreckte. Die UNO hatte daraus eine funktionale Basis gemacht, aber der Ursprung lag in den Überresten eines Systems, das eigentlich schon aufgegeben worden war.
Mein Blick glitt zurück in den Raum. Neben meinem Schreibtisch stand die Ghok-Rüstung. Die Oberfläche war matt dunkelgrau, fast schwarz, mit unregelmäßigen, organischen Strukturmustern, die im Licht der Deckenpaneele leicht schimmerten. Die Platten waren nicht gegossen, sondern gewachsen, sie waren aus einem biologischen Prozess hervorgegangen und anschließend in eine tragbare Form gezwungen worden. Zwischen den Segmenten verliefen feine Verbindungsfugen, die bei näherem Hinsehen aus einem flexiblen Material bestanden, das sich minimal an jede Bewegung anpassen konnte. Ich hatte sie nicht bewegen lassen, seit sie hier angekommen war. Sie stand dort wie ein stilles Artefakt aus einer anderen Art von Realität. Die Split hatten mir dieses Stück nach den Ereignissen auf Nif’Nakh überlassen, ohne viele Worte darüber zu verlieren, als wäre es für sie ein Symbol. Und vielleicht war es genau das. Ein Symbol, das überlebt hatte, wo andere versagt hatten. Ich trat einen Schritt näher und ließ den Blick über die Brustplatte wandern. Das Material war überraschend leicht, wenn man es direkt berührte, und gleichzeitig so dicht strukturiert, dass es Energieimpulse erstaunlich effizient verteilte. Unter der äußeren Schicht lag ein dünnes Innenfutter, dessen Material mir fremd blieb. Es reagierte auf Temperatur, passte sich an Körperwärme an und verhinderte sowohl Überhitzung als auch Auskühlung. Keine offensichtlichen Leitungen, keine sichtbaren Energiezuführungen, und dennoch eine konstante Stabilität im Tragekomfort. Ich erinnerte mich an die ersten Momente, in denen ich sie getragen hatte. Jetzt, in der Ruhe von Altrix Nova, wirkte sie fast fehl am Platz. Und gleichzeitig vertraut. Ich legte kurz die Hand auf die obere Kante der Brustplatte. Die Oberfläche war kühl, aber nicht kalt. Eher neutral, als würde sie nur registrieren, dass sie berührt wurde, ohne darauf zu reagieren. Die Split hatten ein Verständnis für Materialität, das sich von allem unterschied, was ich aus der argonischen, terranischen oder aldrianischen Industrie kannte. Kein übermäßiger Einsatz von sichtbarer Technologie, keine demonstrativen Systeme. Stattdessen eine Integration, die fast instinktiv wirkte, als wäre die Grenze zwischen Mechanik und Funktion bewusst unscharf gehalten worden. Ich zog die Hand wieder zurück und blieb einen Moment einfach stehen.
Draußen verschob sich das Licht von Presidents End langsam weiter über die Station. Trantor blieb darunter unverändert präsent, ein Planet, der gleichzeitig Ursprung, Last und Projektionsfläche war. Und irgendwo in den Datenströmen dieses Systems bewegte sich Xandras Korvette weiterhin auf ihren Bahnen, angeblich wissenschaftlich motiviert, tatsächlich aber schwer einzuordnen in einem Geflecht aus Politik, Erinnerung und unausgesprochenen Interessen. Ich ließ den Gedanken stehen, ohne ihn weiter zu verfolgen. Der Raum blieb still, nur unterbrochen vom leisen Summen der Station und dem kaum wahrnehmbaren Vibrieren der Struktur, die Altrix Nova mit dem Rest des Systems verband.

Ich saß an meinem Schreibtisch, der aus dunkelgrauem Verbundmaterial gefertigt war und an den Kanten minimal Licht aus der Panoramawand reflektierte, während der Blick hinter mir das gesamte Raumsegment von Altrix Nova in eine stille, weitläufige Kulisse aus Struktur und Orbit verwandelte. Die Glasfläche war leicht getönt, um die Intensität der äußeren Lichtquellen zu reduzieren, und zeigte dennoch jedes Detail des Weltraums. Die reflektierenden Strukturen der Dockarme wirkten wie gespannte metallische Sehnen, die sich in den Raum hinauszogen und dort in den Schatten der Entfernung verloren.
Mein rechter Mittelfinger trommelte in einem unregelmäßigen Rhythmus auf die Tischplatte, ein mechanischer Reflex, der weniger Nervosität als vielmehr Konzentration ausdrückte. Das leise, gleichmäßige Klacken wurde nur von dem entfernten Summen der Klimaregelung unterbrochen, das sich durch die Struktur der Station zog wie ein permanenter, kaum hörbarer Hintergrundton.
Dann öffnete sich links vor mir die pneumatische Tür mit einem kurzen, trockenen Zischen, das durch die Druckdifferenz im Korridor entstand. Ich hob den Blick nicht sofort, sondern ließ die Bewegung erst in meinem Bewusstsein ankommen, bevor ich langsam den Kopf drehte. Xandra Darlian trat ein. Direkt hinter ihr folgte Valen Seldon. Mein Gesichtsausdruck veränderte sich unwillkürlich, noch bevor ich bewusst darauf Einfluss nehmen konnte. Eine Mischung aus Müdigkeit und klarer Ablehnung legte sich über meine Mimik, während ich den Blick einen Moment länger auf ihnen ruhen ließ, als es höflich gewesen wäre. Xandra bemerkte es sofort. Ihre Schultern spannten sich minimal, und für den Bruchteil eines Augenblicks zuckte ihre Augenpartie, als hätte sie eine physische Reaktion unterdrückt. Sie fing sich jedoch schnell wieder, hob das Kinn leicht an und trat mit einer kontrollierten Selbstverständlichkeit weiter in den Raum hinein.
Valen hingegen zeigte keinerlei erkennbare Reaktion. Er bewegte sich mit der gleichen statischen Präzision wie bei allen bisherigen Begegnungen, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, die Haltung aufrecht, aber nicht steif, sondern bewusst ausbalanciert. Sein Blick glitt einmal kurz über den Raum, als würde er die Anordnung von Fluchtwegen, Lichtquellen und potenziellen Interaktionspunkten erfassen, bevor er sich wieder in eine neutrale Beobachterposition zurückzog.
Ich lehnte mich leicht nach vorne, ließ die Hände auf der Tischfläche ruhen und deutete dann mit einer kurzen Bewegung auf die gegenüberliegenden Sitzgelegenheiten. Der Raum war standardmäßig für mehrere Besucher ausgelegt, drei Sessel standen bereits in ergonomischer Halbkreisformation vor dem Schreibtisch, mit variabler Erweiterungsmöglichkeit durch seitliche Module, die bei Bedarf aus der Wandstruktur ausgefahren werden konnten. Die Polsterung war in einem neutralen Anthrazit gehalten, das weder zu warm noch zu kalt wirkte.
Nur Xandra nahm die Einladung an. Sie ließ sich mit einer kontrollierten, fast demonstrativen Bewegung in den mittleren Sessel fallen, schlug die Beine übereinander und richtete den Oberkörper leicht nach hinten, ohne dabei die Kontrolle über ihre Körperspannung zu verlieren. Ihre Kleidung bestand aus schwarzem, eng anliegendem Material, das an den Seiten mit feinen roten und goldenen Linien durchzogen war, die im Licht der Deckenpaneele subtil schimmerten. Die Stiefel reichten weit über die Knie, das Material war matt, aber strukturiert, als würde es sowohl dekorativen als auch funktionalen Zwecken dienen. Das Tanktop ließ Teile ihrer schokoladenfarbenen Haut frei, die im Kontrast zu ihrem blonden Haar und den leicht grünlich pulsierenden Augen stand, deren Subleuchten bei jeder minimalen Augenbewegung kaum sichtbar intensiver wurde.
Valen blieb stehen. Nicht direkt hinter ihr, sondern leicht versetzt, links im Hintergrund, sodass seine Position sowohl Schutz als auch Distanz vermittelte. Die Art, wie er seine Hände hinter dem Rücken hielt, wirkte nicht wie Dienerschaft, sondern wie eine bewusst gewählte Haltung der Kontrolle. Sein Anzug war tiefschwarz, mit einer weißen Schärpe quer über den Oberkörper, darüber ein leichter, mantelartiger Überwurf, der bei jeder minimalen Bewegung kaum hörbar raschelte. Sein geflochtener weißer Bart und die langen, ebenfalls geflochtenen weißen Haare hingen gleichmäßig nach unten und bewegten sich kaum, selbst wenn er den Kopf leicht neigte. Seine Haut war heller als das, was ich typischerweise bei Aldrianern gesehen hatte, und seine grau glimmenden Augen wirkten in der stationären Beleuchtung fast reflektiv, als würden sie Informationen statt Emotionen zurückwerfen.
In diesem Moment betrat eine meiner Sekretärinnen den Raum. Sie bewegte sich ruhig, aber nicht unterwürfig, mit einer präzisen Körpersprache, die eindeutig aus einer militärisch oder sicherheitsorientierten Ausbildung stammte. Ihr kurzes lavendelfarbenes Haar war sauber geschnitten, die zartgrünen Augen wachsam, aber nicht angespannt. In den Händen trug sie ein Tablett mit zwei warmen Keffa-Behältern, deren Oberfläche leicht dampfte und einen subtil bitter-süßen Geruch freisetzte, der sich sofort im Raum verteilte. Sie stellte die Gefäße vor mir ab, verbeugte sich minimal und blieb anschließend ohne weitere Bewegung neben meinem Stuhl stehen. Auf mein kurzes Handzeichen hin nahm sie eine neutrale Standposition ein, die eher an eine statische Überwachung als an Service erinnerte.
Der Keffa selbst war dunkel, fast bernsteinfarben, mit einer leichten Ölfilm-Reflexion an der Oberfläche, die das Licht in feinen, organischen Mustern brach. Niemand sprach. Nicht Xandra, nicht Valen, nicht die Sekretärin und auch ich nicht. Die Stille im Raum war nicht leer, sondern dicht, strukturiert durch die Präsenz von Erwartungen, die noch keine Form angenommen hatten. Nur das leise Summen der Station und das entfernte, regelmäßige Pulsieren der Systeme hinter der Panoramawand hielten die Szene in Bewegung, während wir uns gegenseitig beobachteten, ohne den ersten Schritt in Richtung des eigentlichen Grundes dieser Begegnung zu machen.

"Nein."
Das Wort verließ meinen Mund ruhig, aber mit einer Entschlossenheit, die selbst mich überraschte. Es war weder laut noch aggressiv ausgesprochen worden. Gerade deshalb traf es den Raum wie ein harter Schlag. Die Gespräche, die wir bislang geführt hatten, die gegenseitigen Spitzen, die unterschwelligen Spannungen, all das verdichtete sich in diesem einen einzigen Wort. Xandra zuckte unwillkürlich zusammen. Es war keine große Bewegung. Nur ein kurzes Verkrampfen ihrer Schultern, ein kaum sichtbares Zusammenziehen ihrer Finger und ein schneller Lidschlag, der verriet, dass sie mit einer anderen Reaktion gerechnet hatte. Ihr eben noch selbstbewusst erhobenes Kinn senkte sich für den Bruchteil einer Sekunde um wenige Millimeter. Ich ließ ihr keine Gelegenheit, sich zu sammeln.
"Es mag zwar so sein", fuhr ich mit derselben festen Stimme fort, während ich mich langsam im Bürostuhl aufrichtete und beide Unterarme auf die Tischplatte legte, "dass in dem Krankenhaus, in dem meine beiden Kinder in künstlichen Gebärmüttern innerhalb von Wachstumstanks behandelt wurden, nachdem sie als ungeborene Säuglinge durch Notoperationen gerettet werden mussten, genau diese künstlichen Gebärmütter ursprünglich von Lilandra gespendet wurden."
Während ich sprach, hielt ich meinen Blick ununterbrochen auf Xandra gerichtet. Sie öffnete den Mund. "Ich..."
Ich hob lediglich eine Hand. Nicht drohend. Nicht hektisch. Nur eine kleine Geste, die unmissverständlich bedeutete, dass ich noch nicht fertig war. Sie verstummte wieder.
"Das macht diese Hilfe aber nicht einzigartig." Meine Stimme blieb kontrolliert. "Auf Aldrin und im gesamten Solara-System existieren mehrere Frauen, deren genetische Ausstattung geeignet ist, genau diese künstlichen Gebärmütter zu züchten. Lilandra war nicht die einzige Möglichkeit. Sie war eine Möglichkeit."
Xandra atmete hörbar ein. "Das..."
"Warte." Erneut versuchte sie einzuhaken. Erneut sprach ich weiter, ohne meine Lautstärke zu verändern. "Daher sehe ich mich weder persönlich bei Lilandra in der Schuld, noch gegenüber Aldrin oder Solara als Ganzes."
Der Raum wirkte plötzlich deutlich kleiner. Selbst das leise Summen der Klimaanlage schien in den Hintergrund zu treten. Neben mir stand meine Sekretärin weiterhin vollkommen regungslos. Nur ihre Augen bewegten sich unmerklich zwischen Xandra und mir hin und her. Sie griff nicht ein. Sie sagte nichts. Genau dafür hatte ich sie ausbilden lassen. Erst beobachten. Erst handeln, wenn es wirklich nötig wurde. Valen blieb ebenfalls unbeweglich. Seine Hände ruhten weiterhin hinter seinem Rücken. Seine Miene verriet nichts. Nicht Zustimmung. Nicht Ablehnung. Nicht einmal Überraschung. Nur seine grau schimmernden Augen wirkten einen Hauch aufmerksamer als zuvor.
"Ich werde weder meine Familie noch mein Unternehmen in Gefahr bringen", sagte ich weiter, "indem ich mich freiwillig zur Zielscheibe der Terraner mache." Ich bemerkte, wie Xandras Finger ineinandergriffen. Sie begann unbewusst ihre eigenen Hände zu kneten. "Nur weil ich den Aldrianern dabei helfen sollte, das Terraformer-CPU-Schiff Deca aus dem Solara-System nach Presidents End zu schmuggeln."
Als ich den Namen des Schiffes aussprach, huschte für einen kaum wahrnehmbaren Moment etwas über Valens Gesicht. Kein Schock. Eher die Bestätigung, dass ich den Kern ihres eigentlichen Anliegens bereits erkannt hatte. Ich lehnte mich langsam nach vorne. Nicht weit. Nur so weit, dass zwischen Xandra und mir kaum noch die Tischplatte als räumliche Trennung wahrnehmbar war. Dann sah ich ihr direkt in die grün schimmernden Augen.
"Und selbst wenn ich tatsächlich in eurer Schuld stehen würde..." Ich machte eine kurze Pause. "...was ich ausdrücklich nicht so sehe..." Noch immer sagte niemand ein Wort. "...würde ich euch trotzdem nicht helfen."
Die Worte hingen im Raum. Ich konnte regelrecht beobachten, wie sie Xandra trafen. Ihre Gesichtsmuskeln spannten sich sichtbar an. Der zuvor trotzige Ausdruck zerfiel Stück für Stück. Ihre Lippen pressten sich zusammen. Der Unterkiefer arbeitete. Sie wollte etwas erwidern. Mehrfach. Doch jedes Mal schien sie den Gedanken wieder zu verwerfen. Ihre Finger verkrampften sich inzwischen so stark ineinander, dass die Knöchel heller wurden. Die Muskeln ihrer Unterarme zeichneten sich unter der schokoladenfarbenen Haut deutlich ab. Sie saß äußerlich noch immer aufrecht. Innerlich schien jedoch etwas in Bewegung geraten zu sein. Ihre Atmung war flacher geworden. Die grünen Augen, die mich zu Beginn unseres Treffens noch beinahe herausfordernd angesehen hatten, verloren zunehmend ihre Schärfe. Es wirkte beinahe, als würde jedes meiner Worte gegen etwas ankämpfen, das längst vor diesem Gespräch in ihr existiert hatte. Sie wand sich sichtbar. Nicht körperlich im eigentlichen Sinne. Sondern in ihrer gesamten Haltung. Ihre Schultern wurden unruhiger. Sie verlagerte ihr Gewicht mehrfach im Sessel. Die übereinandergeschlagenen Beine lösten sich kurz, bevor sie sie wieder übereinanderlegte. Sie rang mit sich selbst. Es hatte nichts von gespielter Empörung. Nichts von politischer Taktik. Es wirkte schmerzhaft echt. Fast so, als würde jedes meiner Argumente an Überzeugungen kratzen, die sie ihr ganzes Leben lang für selbstverständlich gehalten hatte. Zum ersten Mal, seit ich sie kannte, erschien Xandra Darlian nicht arrogant. Nicht überheblich. Nicht provozierend. Sondern verletzlich. Und genau das machte die Situation gefährlicher als jede lautstarke Auseinandersetzung.

Valen bewegte sich zum ersten Mal seit Beginn des Gesprächs aus seiner beinahe regungslosen Haltung heraus. Es war keine hastige Bewegung, sondern langsam, kontrolliert und mit der Gelassenheit eines Mannes, der jede einzelne Muskelbewegung bewusst ausführte. Seine rechte Hand hob sich und legte sich behutsam auf Xandras linke Schulter. Zu meiner Überraschung zuckte Xandra heftig zusammen. Nicht nur ein leichtes Erschrecken. Ihr gesamter Oberkörper spannte sich für einen Augenblick an, ihre Schultern schnellten reflexartig nach oben, und sie sog scharf die Luft ein. Ihre Augen weiteten sich kurz, ehe sie sich sofort wieder unter Kontrolle brachte. Sie drehte den Kopf nicht einmal zu Valen, als hätte sie längst erkannt, wer sie berührt hatte. Mit dieser Reaktion hatte ich nicht gerechnet. Bis eben hatte ich angenommen, dass zwischen den beiden eine nahezu selbstverständliche Vertrautheit herrschte. Valen begleitete sie überall, kümmerte sich um organisatorische Angelegenheiten und schien mehr als bloß ein Butler oder Berater zu sein. Gerade deshalb irritierte mich ihre körperliche Reaktion. Sie wirkte nicht erschrocken, weil sie Valen nicht erwartet hatte, sondern weil sie so tief in ihren eigenen Gedanken gefangen gewesen war, dass selbst eine sanfte Berührung sie aus dem Gleichgewicht brachte. Valen nahm die Hand nach wenigen Sekunden wieder zurück. Seine Miene blieb unverändert. Dann richtete er seine grau glimmenden Augen auf mich.
"Das ist gegenüber Ojō-sama mehr als unhöflich." Seine Stimme war leise. Nicht unterwürfig. Nicht aggressiv. Sie besaß diese eigentümliche Ruhe, die nur Menschen ausstrahlten, die ihre Gefühle vollständig unter Kontrolle hatten. "Auch wenn Sie, Grau-sama, nicht die Absicht haben, uns zu helfen, so wäre es dennoch angemessen, einen anderen Tonfall und ein anderes Verhalten an den Tag zu legen. Immerhin verdanken Sie es uns, dass Sie von einem Terraformer-Saatschiff gerettet wurden."
Ich verzog das Gesicht. Natürlich musste dieses Argument kommen. Innerlich hatte ich gehofft, genau diesen Punkt umgehen zu können. Nicht, weil ich ihn vergessen hatte, sondern weil ich wusste, wie unerquicklich diese Diskussion werden würde. Doch nun lag die Tatsache offen auf dem Tisch. Ich atmete langsam durch.
"Valen..." Das Wort war mir beinahe automatisch herausgerutscht. Ich hielt inne. Nein. Das war nicht die Beziehungsebene, auf der ich dieses Gespräch führen wollte. "Seldon-san." Ich sprach die Anrede bewusst vollständig aus. Nicht aus Respekt. Sondern um die notwendige Distanz wiederherzustellen. Ich verschränkte die Hände locker vor mir auf der Tischplatte. "Mir ist ehrlich gesagt vollkommen egal, was Sie denken, fühlen oder wollen." Weder Valen noch Xandra unterbrachen mich. "Das Einzige, was ich sehe, wenn ich Ministerin Darlian helfe, ist eine Zukunft, die aus Drohungen, Anschlägen und Kämpfen besteht." Ich hob kurz die rechte Hand. "Und zwar nicht ausschließlich durch die Terraner." Ich bemerkte, wie Xandra langsam den Kopf hob. Sie sah mich jetzt wieder direkt an. Ihre Stirn war leicht gerunzelt. Die Unsicherheit von eben war noch nicht verschwunden, wurde nun aber zunehmend von Konzentration verdrängt. "Deca repräsentiert für die Gemeinschaft der Planeten ein kollektives Trauma." Ich sprach jedes Wort bewusst langsam aus. "Auch wenn dieses CPU-Schiff niemals den fehlerhaften Patch erhalten hat, der aus den übrigen Terraformern die Xenon machte." Für einen Moment ließ ich den Blick von Xandra zu Valen wandern. "Das spielt keine Rolle." Ich schüttelte langsam den Kopf. "Für die meisten Menschen existiert dieser Unterschied schlicht nicht." Meine Finger trommelten nicht mehr auf der Tischplatte. Sie lagen vollkommen ruhig da. "Die Argonen würden Deca bekämpfen." Ich hob einen Finger. "Die Paraniden ebenso." Ein zweiter Finger. "Die Split ohne jeden Zweifel." Ein dritter. "Die Teladi würden spätestens dann ihre Profitrechnung aufmachen und feststellen, dass ein zerstörtes Terraformerschiff deutlich weniger Risiken verursacht als ein existierendes." Ich lehnte mich leicht zurück. "Und selbst die Boronen..." Ich musste unwillkürlich an Dok Oc denken. "...würden trotz ihrer Friedfertigkeit nicht zögern, das Schiff als Bedrohung einzustufen."
Im Raum entstand erneut Stille. Nicht unangenehm. Eher nachdenklich. Ich ließ den Blick zur Panoramawand schweifen. Zwischen den äußeren Dockringen bewegten sich mehrere Transporter gemächlich durch den Raum. Kleine Positionslichter glitten lautlos über die Außenhülle der Station. Alles dort draußen wirkte friedlich. Dabei wusste ich nur zu gut, wie trügerisch dieser Eindruck war. Ich drehte den Kopf wieder zu den beiden.
"Es ist nicht so, dass ich die Aldrianer nicht verstehen kann." Das sagte ich vollkommen ehrlich. "Im Gegenteil." Ich nickte langsam. "Eure Situation ist beschissen." Zum ersten Mal zuckte einer von Valens Mundwinkeln minimal. Ob wegen meiner Wortwahl oder weil ich Verständnis zeigte, konnte ich nicht erkennen. "Ihr seid erst seit ungefähr sechzig Jahren wieder an das Tornetzwerk angeschlossen." Ich hob leicht die Schultern. "Euer einziger dauerhafter Kontakt mit der Gemeinschaft der Planeten führt über das Sol-System." Ich verschränkte die Arme vor der Brust. "Und wir wissen alle, wie die Terraner ticken." Ich machte eine kurze Pause. "Sie sind paranoid." Noch eine. "Und xenophob." Ich hob eine Augenbraue. "Auch wenn kaum jemand das offen ausspricht." Meine Stimme wurde etwas leiser. "Zumindest nicht in ihrer Gegenwart."
Ich strich mir langsam über das Kinn. Die Bartstoppeln meines gepflegten Goatees kratzten leicht unter den Fingerspitzen. Der vertraute Widerstand half mir, meine Gedanken zu ordnen.
"Was ich damit eigentlich sagen will..." Ich sah erst Valen an. Dann Xandra. "...ist, dass ihr von der Mentalität der Völker innerhalb der Gemeinschaft der Planeten nur einen sehr kleinen Ausschnitt kennt." Ich machte eine kurze, nachdenkliche Pause. "Und das Wenige, das ihr kennt..." Meine Stimme blieb ruhig. "...ist höchstwahrscheinlich bereits durch die politische Sichtweise der Terraner gefiltert worden."
Niemand widersprach. Nicht sofort. Gerade dieses Schweigen sagte mir mehr als jede hitzige Erwiderung hätte sagen können. Xandra hatte aufgehört, ihre Hände zu kneten. Stattdessen lagen sie nun reglos auf ihren Oberschenkeln. Ihr Blick war nicht mehr kämpferisch. Er wirkte prüfend. Valen wiederum stand noch immer kerzengerade hinter ihr. Sein Gesicht blieb nahezu ausdruckslos, doch ich hatte den Eindruck, dass er meine Worte inzwischen nicht mehr als Ablehnung auffasste, sondern begann, sie als nüchterne Analyse zu bewerten. Nur die angespannte Stille zwischen uns verriet, dass dieses Gespräch seinen eigentlichen Wendepunkt erst noch erreichen würde.

Ich brauchte einen Moment, um die Worte überhaupt zu verarbeiten. Nicht weil ich sie akustisch nicht verstanden hätte, sondern weil die Bedeutung nicht in das passte, was ich für diesen Raum, diese Situation und diese Frau erwartet hatte. Xandra Darlian stand plötzlich nicht mehr in der Haltung einer politischen Vertreterin oder einer selbstsicheren Angehörigen einer einflussreichen Familie vor mir. Sie hatte sich aus dem Sessel erhoben, die Beine nicht mehr elegant übereinandergeschlagen, sondern leicht auseinander gestellt, als müsste sie sich selbst stabilisieren. Die Distanz zu Valen hatte sie bewusst vergrößert, zwei, drei Schritte zur Seite, hinein in den freieren Raum vor meinem Schreibtisch. Das Licht der Deckenpaneele fiel jetzt direkter auf ihr Gesicht und ließ jede kleinste Veränderung darin sichtbar werden. Ihre Augen. Die eben noch kontrolliert wirkenden, grünlich schimmernden Augen waren feucht geworden. Nicht dramatisch. Nicht theatralisch. Es war ein langsamer Prozess, ein Aufbrechen einer Kontrolle, die offenbar lange gehalten hatte und nun unter etwas Unsichtbarem nachgab. Ihre Pupillen wirkten dunkler, der Blick nicht mehr fokussiert, sondern leicht nach innen gekehrt, als würde sie gleichzeitig mich ansehen und etwas völlig anderes.
Dann sprach sie. "Ich möchte, dass Sie mich aufnehmen und mich vor Valen und meiner Mutter beschützen."
Der Satz hing im Raum wie ein gewaltiges Objekt. Für einen Moment war es vollkommen still. Selbst das leise Systemrauschen der Station schien zurückzutreten. Ich spürte, wie sich mein eigener Gesichtsausdruck veränderte, bevor ich es bewusst steuern konnte. Meine Augen weiteten sich minimal, und mein Kopf neigte sich kaum merklich nach vorne. Neben mir erstarrte Valen vollständig. Nicht nur körperlich, sondern in einer Weise, die fast künstlich wirkte. Seine Haltung wurde absolut gerade, als hätte jemand eine innere Sicherung aktiviert, die jede weitere Reaktion blockierte.
"Bitte was?" entfuhr es mir. Es war keine aggressive Frage. Eher ein reflexhaftes Überprüfen der Realität.
Xandra reagierte nicht sofort. Stattdessen schien sie den Moment zu sammeln, als würde sie die Konsequenzen ihrer eigenen Aussage erst jetzt vollständig wahrnehmen. Ihre Lippen öffneten sich, schlossen sich wieder, und ihre Hände, die zuvor noch ruhig gewesen waren, begannen leicht zu zittern. Dann kam es.
"Sie..."
Ihre Stimme brach an der Kante zwischen Kontrolle und Zusammenbruch. Tränen sammelten sich in ihren Augen, zunächst nur als feine Glanzschicht, dann als sichtbare Feuchtigkeit, die sich langsam löste und über ihre Wangen zog. Sie wischte sie nicht sofort weg.
"Du erinnerst mich an meinen Vater."
Der Satz war leiser als die vorherigen. Und deutlich schwerer. Ich blieb sitzen. Reglos. Ihr Blick suchte meinen, hielt ihn fest, als würde sie verhindern wollen, dass ich ausweiche.
"Du siehst ihm so ähnlich." Sie schluckte. Ihre Kehle bewegte sich sichtbar. "Du hast fast den gleichen Namen wie er." Ein kurzer Atemzug. "Toru Haiiro."
Die Aussprache ihres Akzents verzerrte den Namen leicht, aber die Bedeutung kam klar durch. Ich spürte, wie sich die Situation endgültig verschob. Nicht mehr politisch. Nicht mehr strategisch. Etwas Persönliches hatte den Raum übernommen, ohne dass ich es hatte kommen sehen. Mein Blick wanderte unwillkürlich zu Valen. Er stand vollkommen steif. Nicht wie jemand, der überrascht war, sondern wie jemand, dessen gesamte innere Struktur kurzfristig aus der Balance geraten war und sich nun zwang, sie wieder herzustellen. Seine Hände hinter dem Rücken waren noch immer verschränkt, aber die Fingerbewegung verriet eine minimale Spannung. Seine grauen Augen waren auf Xandra gerichtet, ohne zu blinzeln.
"Ojō-sama..." Mehr brachte er nicht hervor. Seine Stimme war ungewöhnlich leise. Fast angespannt.
Ich lehnte mich langsam zurück in meinen Stuhl, ließ die Situation einen Moment auf mich wirken und versuchte, die neue Information in die bisherigen Zusammenhänge einzuordnen. In meinem Kopf verschoben sich die Prioritäten. Die Erwähnung eines Vaters, eines Namens, einer familiären Assoziation – das alles veränderte nicht nur die Dynamik zwischen Xandra und mir, sondern auch zwischen ihr und Valen. Und vor allem zwischen ihr und dem, was sie von mir wollte. Ich atmete langsam aus. Der Raum war nicht mehr derselbe wie vor wenigen Sekunden. Und ich hatte das unangenehme Gefühl, dass er es auch nicht mehr werden würde.

„Wache!“
Die Stimme durchschnitt den Raum wie ein sauber gezogener Schnitt durch dichtes Material. Kaum hatte ich das Wort ausgesprochen, reagierte die Türfront links von meinem Schreibtisch mit einem leisen, hydraulisch wirkenden Zischen. Die matte, dunkelgraue Oberfläche der Paneele glitt auseinander, und ein dünner Spalt aus kühler Korridorluft drang hinein, getragen von einem schwachen Geruch nach Ozon, Metall und einem synthetischen Reinigungsmittel. Zwei Männer traten ein, gleichmäßig im Schritt, die Körperhaltung straff, aber nicht übertrieben aggressiv. Ihre leichte Bewaffnung war sichtbar genug, um Präsenz zu erzeugen, aber nicht so dominant, dass sie den Raum sofort in eine Kampfzone verwandelte. Ihre Augen scannten kurz die Situation, blieben einen Moment zu lange auf Xandra und Valen hängen und fixierten dann wieder mich.
Ich ließ den Blick nicht von ihnen weichen und hob minimal das Kinn, gerade so viel, dass die Rangordnung im Raum klar blieb.
„Begleiten Sie Seldon-sama zurück auf die aldrianische Korvette. Er darf Altrix Nova bis auf weiteres nicht betreten … wenn nötig mit Gewalt.“
Meine Stimme blieb kontrolliert, ruhig, ohne jede Schwankung, obwohl ich innerlich bereits die Konsequenzen dieses Moments durchkalkulierte. Die Worte lagen schwer im Raum, als hätten sie selbst Gewicht, das sich in die Luft drückte.
Xandra bewegte sich nicht sofort. Stattdessen griff sie langsam nach dem Stoff des Sessels, ihre Finger legten sich so fest darum, dass die Knöchel kurz heller wurden. Der Stoff gab leicht nach, ein gedämpftes Knirschen von Polymaterial, das sich unter Druck minimal verformte. Ihre Augen waren auf mich gerichtet, fixiert, suchend, als würde sie prüfen, ob ich die Aussage ernst meinte oder nur eine Reaktion provozierte. Dann sprach sie, ohne ihre Haltung vollständig zu lösen, aber mit einer unterschwelligen Spannung in der Stimme, die kaum zu überhören war.
„Es wäre klug, dass auch für die gesamte Besatzung durchzusetzen.“
Der Satz hing kurz zwischen uns, als würde er versuchen, einen neuen Rahmen über die Situation zu legen. Ich antwortete nicht sofort. Mein Blick blieb auf ihr, dann glitt er kurz zu den beiden Wachen, die bereits minimal ihre Positionen angepasst hatten, bereit, die Anweisung umzusetzen. Schließlich nickte ich knapp.
„Machen Sie es so.“
Die Wachen setzten sich in Bewegung. Einer trat einen halben Schritt näher zu Valen, nicht bedrohlich schnell, aber eindeutig bestimmend. Der zweite positionierte sich so, dass Valen keine freie Linie mehr zur Tür hatte. Der Raum wirkte plötzlich enger, obwohl sich physisch nichts verändert hatte, als hätte sich die Luft selbst verdichtet. Xandra blieb dennoch stehen, bis die letzten Worte gesprochen waren, ihre Haltung angespannt, aber kontrolliert. Valen hingegen war vollkommen reglos geworden, sein Gesicht zu einer starren Oberfläche erstarrt, in der sich kaum noch erkennbare Emotionen spiegelten.
Als die Tür hinter den beiden Wachen und Valen wieder geschlossen wurde, blieb nur noch das leise Summen der Raumstabilisierung übrig. Die Geräusche des Korridors waren vollständig abgeschnitten, als hätte die Station selbst entschieden, diesen Moment einzuschließen und nicht nach außen dringen zu lassen. Ich drehte mich langsam zurück, mein Blick nun ausschließlich auf Xandra und meine Sekretärin gerichtet, die noch immer reglos neben der Wand stand, die Hände vor dem Körper verschränkt, die Augen aufmerksam, aber neutral. Der Raum war nun reduziert auf drei Personen, eine Entscheidung und die unmittelbare Spannung, die noch nicht abgeklungen war.

„Ich höre …“ sagte ich langsam, die Worte bewusst gedehnt, während ich Xandra direkt fixierte und jede Regung in ihrem Gesicht beobachtete.
Sie zögerte keinen Moment mehr, sondern ließ sich in den linken Sessel sinken. Das Polstermaterial gab unter ihrem Gewicht leicht nach und erzeugte ein leises, dumpfes Geräusch, das im ansonsten steril ruhigen Raum beinahe überbetont wirkte. Ihre Schultern fielen dabei minimal nach vorne, als hätte jemand die Spannung aus ihren Gelenken gezogen. Die gerade, fast militärisch wirkende Haltung, die sie zuvor noch im Raum gehalten hatte, löste sich vollständig auf. Jetzt wirkte sie nicht mehr wie eine politische Vertreterin, in ihren frühen Zwanzigern, eines Hochtechnologie-Systems, sondern wie jemand, der seit Stunden nicht geschlafen hatte. Ihre Augen verloren an Schärfe, der Blick wurde weicher, unsteter, als würde er ständig an der Oberfläche der Gedanken entlanggleiten, ohne Halt zu finden.
„Otosan war immer fasziniert von den Welten außerhalb unseres Systems. Viele Aldriner sind das.“
Ich ließ den Blick nicht von ihr, während ich die Worte aufnahm. Die Erwähnung ihres Vaters veränderte die Dynamik im Raum kaum sichtbar, aber spürbar.
„Ich dachte eure Doktrin basiert darauf, dass Expansion Unsicherheit bedeutet und ihr deswegen nie ein Sprungtorprojekt gestartet habt.“
Xandra hob kurz den Kopf, als hätte meine Frage sie physisch aus einer gedanklichen Tiefe gezogen. Ihre Lippen öffneten sich einen Moment zu früh, schlossen sich wieder, dann erst kam die Antwort.
„Das ist auch weitgehend so. Das Solara-System war schon immer von interstellaren Weltraumphänomenen gebeutelt worden, Novaausläufer und so.“ Ihre Stimme war ruhiger geworden, fast monoton, als würde sie nicht mehr mir antworten, sondern einem inneren Protokoll folgen. „Und das hat sich auch über Jahrhunderte in unserer Kultur niedergeschlagen. Aber seit dem Wiederkontakt mit dem Sol-System hat sich etwas verschoben. Und als dann bekannt wurde, dass es Aliens gibt, die GdP, hat sich noch mehr geändert.“
„Was genau?“
Diese Frage kam ohne Verzögerung von mir, scharf genug gesetzt, dass sie den Rhythmus ihrer Erklärung zwanghaft unterbrach.
„Das All ist feindlich. Schutz hat Vorrang vor Expansion.“ Sie wiederholte die Doktrin fast wortgleich, aber diesmal mit einem leichten Zittern in der Stimme, als würde sie nicht nur zitieren, sondern sich daran festhalten. „Vielen von uns ist bewusst geworden, dass diese Maxime nur auf Solara angewandt werden kann. Nur auf die Tatsache, dass wir in einer unruhigen Zone des Weltraums leben. Aber nicht auf das, was außerhalb unseres Sonnensystems liegt. Wir sind keine Terraner. Wir sind keine Isolationisten. Wir leben seit über 800 Jahren mit Terraformern und nutzen sie als Werkzeuge. Und das führt zu Spannungen mit den Terranern. Zu der Bitte meiner Mutter, dass Deca über das neu verbundene Sprungtor von Solara nach Presidents End evakuiert werden soll.“
Bei der Erwähnung der Mutter veränderte sich ihr Gesicht erneut, ein kurzer Riss in der emotionalen Kontrolle, der sofort wieder überdeckt wurde. Ihre Hände lagen jetzt locker auf den Oberschenkeln, aber die Finger bewegten sich minimal, unruhig, als würden sie einen unsichtbaren Text lesen.
„Auch wenn meine Mutter das Solara-System vor einem Bruderkrieg mit dem Sol-System retten will, verkennt sie etwas. Die Verschiebung der Mentalität in den Generationen. Bevor es zu einem Bruderkrieg kommen wird, wird es zu einem Bürgerkrieg kommen.“
Der Satz hing schwer im Raum, schwerer als die vorherigen, als hätte er eine eigene physische Dichte. Ich atmete einmal langsam aus, dann ließ ich beide Hände über mein Gesicht gleiten und hielt sie dort einen Moment, als würde ich versuchen, die Struktur der nächsten Handlung aus der Stille heraus zu rekonstruieren.
„Holt Valentina und Vanu.“
Meine Stimme war nun deutlich kürzer, kontrollierter, ohne jede Ausschmückung. Die Sekretärin reagierte sofort, drehte den Kopf minimal zur Seite, ohne ihren Standpunkt zu verlassen, und aktivierte ihr Armband. Ihre Lippen bewegten sich leise, aber sie sprach nicht laut genug, um den Inhalt zu verraten. Ihre Augen blieben dabei auf mir und Xandra gerichtet, präzise, wachsam, professionell.
Xandra selbst bewegte sich nicht mehr. Ihr Blick war nun nicht mehr fokussiert auf mich, sondern leicht nach unten gesunken, als hätte die letzte Aussage etwas in ihr verschoben, das nicht sofort wieder in seine ursprüngliche Position zurückfand. Die Energie im Raum nahm ab, nicht durch Ruhe, sondern durch eine Art inneres Absinken, das sich in jeder Oberfläche, jedem Schatten und jeder Reflexion der Panoramawand bemerkbar machte.

Ich saß noch immer auf meinem Stuhl, den Oberkörper leicht nach vorne geneigt, die Ellbogen auf die Armlehnen gestützt, während der Raum sich in einer seltsam gedrückten Stille hielt, die nur vom leisen Summen der Klimaregulierung und dem fernen Puls der Station durchbrochen wurde, ein gleichmäßiges, tiefes Vibrieren, das wie ein zweiter Herzschlag durch das Metall zog; die Beleuchtung war auf ein gedämpftes Weiß reduziert, das die Kanten der Möbel weich erscheinen ließ, aber gleichzeitig jede Anspannung in den Gesichtern deutlicher hervorhob als jede Helligkeit es vermocht hätte. Links von mir stand Valentina mit verschränkten Armen, ihr Blick fixiert auf Xandra, die auf dem Sofa lag, während Vanu sich dicht neben ihr positioniert hatte, die Schultern leicht gesenkt, aber die Hände locker geöffnet, als würde sie jederzeit reagieren wollen, beide wachsam, beide mit dieser stillen, kontrollierten Sorge, die sie nur dann zeigten, wenn etwas wirklich aus dem Gleichgewicht geraten war. Der Raum roch nach gereinigtem Metall, leicht ozonisch von den Luftfiltern, und darunter lag der schwache Geruch von Keffa, der vorhin serviert worden war, inzwischen erkaltet und fast bitter in der Luft hängend.
Am gegenüberliegenden Ende des Raumes hatte sich Xandra seitlich auf das Sofa gelegt, die Beine leicht angewinkelt, ein Arm unter dem Kopf, der andere schlaff nach vorne gefallen; ihr Gesicht war blass, die sonst klare Struktur ihrer Züge von einer fiebrigen Röte überzogen, die sich unregelmäßig über Wangen und Hals zog, als würde ihr Körper gegen etwas arbeiten, das er nicht einordnen konnte. Ihre Atmung war unruhig, zu schnell in Phasen, dann wieder zu flach, und jedes Mal, wenn sie sich minimal bewegte, zuckte eine der Sensoranzeigen an der Wand neben ihr, die Rosa Morgan während ihrer Untersuchung eingeblendet hatte. Rosa stand leicht über sie gebeugt, eine Hand mit einem schmalen Diagnosemodul nahe an Xandras Schläfe, während sie mit der anderen gelegentlich kleine Anpassungen an den Parametern vornahm; ihre Bewegungen waren präzise, ruhig, aber in der Mimik lag ein Schatten von Konzentration, der verriet, dass ihr die Situation nicht trivial erschien. Ihr braunes, inzwischen fast vollständig weißes Haar war streng zurückgebunden, einzelne Strähnen hatten sich gelöst und klebten leicht an der Stirn, während ihre braunen Augen zwischen den Anzeigen und Xandras Vitalwerten hin und her sprangen. Neben ihr stand Greg Watson, leicht nach vorne gebeugt, die undurchsichtige Brille reflektierte das Licht der Displays in dünnen bläulichen Streifen, sodass seine Augen vollständig verborgen blieben; er hielt ein Datenpad in der Hand, dessen Oberfläche in ruhigen Intervallen Muster auswarf, die er ohne Kommentar weiterleitete, seine Präsenz war ruhig, aber aufmerksam wie eine statische Sensorik im Hintergrund.
Am anderen Ende des Raumes hatte sich die Zusammensetzung der Anwesenden erweitert. Tahl Brenna stand nahe der Wand, breit gebaut, die Glatze leicht glänzend im Licht, sein Gesicht mit dieser typischen argonischen Schärfe, die wenig Emotion durchließ, aber in der Spannung der Kiefermuskulatur klar zeigte, dass er jedes Detail aufnahm, während Gal Connar neben ihm saß, nicht entspannt, aber kontrolliert, die platinblonden kurzen Haare sauber geschnitten, die hellgrünen Augen auf Xandra gerichtet, aber immer wieder kurz zu mir wandernd, als würde sie versuchen, meine Reaktion zu lesen, ohne dass ich es bemerkte.
Valentina trat einen halben Schritt näher an mich heran, beugte sich minimal vor und flüsterte nur knapp hörbar: "Sie wirkt instabil", während Vanu lediglich nickte, ihre Lippen zu einer dünnen Linie gepresst, ohne ein Wort zu verlieren.
Ich ließ den Blick einen Moment auf Xandra ruhen, registrierte die ungleichmäßige Bewegung ihrer Finger, das leichte Zittern in ihrem linken Handgelenk, die feinen Schweißperlen an ihrer Schläfe, die das Licht in kleinen, unruhigen Reflexen brachen, und die Art, wie Rosa kurz die Stirn runzelte, bevor sie ein weiteres Diagnosefeld aktivierte; dann drehte ich den Kopf minimal in Richtung der Tür, ohne sie aus den Augenwinkeln zu verlieren, und sagte nur knapp, ohne die Stimme zu heben: "Das bleibt unter Kontrolle."
In diesem Moment verschob sich die Atmosphäre im Raum spürbar, als hätte meine Aussage die Unsicherheit nicht beseitigt, sondern nur in eine neue, definierte Form gebracht, während draußen hinter der geschlossenen Tür das entfernte, tiefe Pulsieren der Station weiterlief, gleichmäßig, unbeirrt, als hätte es mit all dem nichts zu tun.

Ich hatte kaum ausgesprochen, was ich alles zusammengefasst hatte, das in den letzten Stunden auf mich eingeprasselt war, als der Raum erneut in Bewegung kam, nicht physisch, sondern durch die Stimmen der anderen, die sich wie unterschiedliche Schichten über die Stille legten.
Valentina war die Erste, die reagierte, ihre Arme noch immer verschränkt, aber der Kopf leicht zur Seite geneigt, während sie mich musterte, als würde sie eine alternative Realität durchspielen. „Und ich war der festen Meinung, dass sie sich in dich verschossen hätte. Dabei hat sie nur einen Vaterkomplex.“ Ihre Worte waren trocken formuliert, aber ihre Mundwinkel zuckten minimal, nicht ganz spöttisch, eher eine Mischung aus Unsicherheit und der Art Humor, der entsteht, wenn eine Situation zu schwer wird, um sie rein sachlich zu halten.
Vanu stand neben ihr, die Haltung ruhiger, aber die Augen auf Xandra gerichtet, die weiterhin in der medizinischen Behandlung lag, während Rosa Morgan mit ruhigen, präzisen Bewegungen die Daten ihres Zustands anpasste. „Es würde mich brennend interessieren, was aus ihrem Vater geworden ist. Und wie das Verhältnis zwischen Lilandra, Xandra und Toru war.“ Ihre Stimme war leise, nicht auf Konfrontation ausgelegt, sondern eher wie ein Gedankengang, der versehentlich laut geworden war. Die Erwähnung der Namen ließ einen kurzen Schatten durch den Raum ziehen, nicht sichtbar, aber spürbar in der Art, wie sich die Aufmerksamkeit aller minimal neu ordnete.
Tahl verschränkte die Arme fester vor der Brust, sein massiver Körper blieb unbeweglich, aber seine Augen wurden schmaler. „Ist das wirklich so wichtig? Wenn wir den Aldrianern helfen, können wir uns gleich die Kugel geben.“ Seine Stimme war tief, rau, direkt, ohne jede diplomatische Glättung, und für einen Moment hing eine unangenehme Schärfe im Raum, die selbst die Geräusche der medizinischen Geräte überlagerte.
Gal reagierte sofort darauf, ohne die Stimme zu heben, aber mit einem präzisen, fast messerscharfen Unterton. „Charmant wie immer. Aber mein Halbbruder hat recht. Selbst wenn wir helfen wollten, könnten wir nicht. Die UNO ist nur ein Unternehmen ohne politischen Einfluss. Wir könnten nicht mal Hilfe gewähren. Und würden wir es, würde die argonische Föderation uns sofort alle Rechte und Lizenzen entziehen. Das wäre nicht nur unternehmerischer, sondern auch privater Selbstmord.“ Während sie sprach, blieb ihr Blick starr auf mir, nicht herausfordernd, sondern analysierend, als würde sie meine Entscheidung bereits in mehrere mögliche Konsequenzen zerlegen.
Greg Watson war weiterhin still, vollständig auf sein Datenpad konzentriert, während die blaue Reflexion seiner undurchsichtigen Brille die Anzeige in kalten Fragmenten spiegelte. Rosa dagegen arbeitete weiter an Xandra, deren Atmung inzwischen gleichmäßiger wurde, während die Medikamente offenbar Wirkung zeigten; ihre Bewegungen waren nun ruhiger, fast schlafähnlich, aber nicht wirklich stabil, eher in einen künstlich erzeugten Zustand der Kontrolle gedrängt.
Ich spürte, wie sich die Spannung im Raum veränderte, als ich mich bewegte. Meine Hand fuhr unwillkürlich durch mein Haar, langsam, unruhig, während ich begann, im Raum aufzutreten, Schritt für Schritt, ohne festen Rhythmus. Das Geräusch meiner Schritte auf dem leicht gedämpften Bodenbelag war zu leise, um dominant zu wirken, aber laut genug, um die Aufmerksamkeit der anderen unbewusst zu binden. Jeder Blick folgte mir, selbst wenn sie es nicht bewusst wollten.
„Das ist mir auch alles klar“, sagte ich schließlich, während ich mich einmal um mich selbst drehte und dann stehen blieb, den Blick kurz auf Gal, dann auf Tahl, dann auf Vanu und Valentina richtend. „Aber was soll ich mit ihr machen?“ Ich deutete mit einer kurzen, kontrollierten Bewegung meiner Hand auf Xandra, deren Körper im medizinischen Zustand nun fast regungslos wirkte, nur gelegentlich unterbrochen von einem minimalen Zucken ihrer Finger. „Schicke ich sie weg, schicke ich sie in ein Krisengebiet. Nehme ich sie auf, habe ich nicht nur eine Twen hier, die ihren Vaterkomplex auf mich projiziert, sondern löse womöglich auch noch einen politischen Vorfall aus.“
Der Raum blieb still für einen Moment, bevor Rosa, ohne sich von Xandra abzuwenden, leise sprach. „Das ist eine Zwickmühle.“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein kontrollierter Atemzug, vorsichtig gesetzt, um den Schlafzustand der Patientin nicht zu stören. „Aber all die Probleme mal beiseite geschoben … was sagt dein Gefühl?“
Ich blieb stehen. Mein Blick wanderte zu ihr, und für einen Moment fühlte sich die Frage fehl am Platz an, fast wie ein Fremdkörper in einer Struktur, die ich gerade mühsam rational aufgebaut hatte. „Mein Gefühl?“ Ich verzog das Gesicht leicht, als würde ich die Frage in Gedanken auseinandernehmen. „Mein Gefühl ist, dass ich so viele habe, dass ich nicht weiß, wohin damit.“
Noch bevor jemand reagieren konnte, sprach Greg Watson zum ersten Mal direkt, ohne von seinem Pad aufzusehen. „Dann schieben Sie sie beiseite. Betrachten Sie die Situation logisch. Ethisch. Moralisch.“ Seine Stimme war neutral, fast mechanisch, aber nicht kalt, eher wie eine Feststellung, die keinen Widerspruch einplante.
Dieser Satz blieb in mir hängen. Nicht wegen seiner Einfachheit, sondern wegen der Erinnerung, die er auslöste. Der Ancient. Ein Fragment eines Gesprächs, das nicht in einen normalen Kontext passte, ein Moment, der sich eher wie ein Fehler in der Realität angefühlt hatte als wie eine echte Begegnung. Die Worte, dass Ethik und Moral keine festen Größen seien, sondern verschiebbare Konstrukte, abhängig von Zeit, Ort und Beobachter. Ich spürte, wie sich diese Erinnerung wie ein feines Raster über die aktuelle Situation legte, ohne sie zu lösen, aber sie in eine andere Perspektive zu zwingen.
Ich drehte mich wortlos von der Gruppe weg. Schritt für Schritt ging ich zur Panoramawand, ohne jemanden anzusehen, bis ich nur noch die kalte, transparente Oberfläche vor mir hatte. Das Material war glatt, leicht kühl, und ich legte meine Handfläche dagegen, spürte die minimale Vibration der Station durch die Struktur laufen wie ein fernes, lebendes System. Dann senkte ich die Stirn gegen das Glas, schloss kurz die Augen und ließ den Moment ohne Widerstand auf mich wirken.
Als ich sie wieder öffnete, glitt Trantor langsam in mein Sichtfeld, groß, beschädigt, von alten Narben überzogen, die selbst aus dieser Distanz sichtbar waren. Die Atmosphäre des Planeten wirkte schwer, fast träge, als würde er unter der Last seiner eigenen Geschichte langsamer rotieren. Ich sah die dunklen Flecken zerstörter Regionen, die unregelmäßigen Strukturen ehemaliger Siedlungen, die Lücken, wo einmal Leben gewesen war und jetzt nur noch Leere blieb. Für einen Moment blieb mein Blick daran hängen, ohne Bewertung, nur Beobachtung.
„Ich fliege nach Trantor“, sagte ich schließlich. Meine Stimme war ruhig, aber endgültig in ihrer Form. Kein Raum für Diskussion in diesem Moment, nur eine Entscheidung, die sich selbst gesetzt hatte. „Mein Ziel ist Misoras Schrottplatz für ausgediente Raumschiffe. Fürs Erste.“ Ich löste die Hand von der Wand, richtete mich auf und blieb einen Moment stehen, während ich den Planeten weiter betrachtete. „Ich brauche Abstand. Vielleicht kann ich später eine Entscheidung treffen.“

Re: [EX16] Isekai no Xistence

Verfasst: Mo 29. Jun 2026, 22:48
von Tom
Bild

Kapitel 62 - Krise

"Sie stirbt."
Die beiden Worte trafen mich mit einer Wucht, als hätte mir jemand mit einem Vorschlaghammer gegen die Brust geschlagen. Für einen kurzen Moment verschwand jedes andere Geräusch. Das leise Summen der medizinischen Geräte, das rhythmische Piepen der Vitalmonitore, das kaum hörbare Rauschen der Klimaanlage, selbst mein eigener Atem. Alles rückte in weite Ferne, während ich Rosa Morgan anstarrte. Sie sprach nicht laut. Sie musste es auch nicht. Ihre jahrzehntelange Erfahrung als Ärztin spiegelte sich in jeder Bewegung wider. Rosa gehörte nicht zu den Menschen, die dramatisierten oder Diagnosen ausschmückten. Wenn sie etwas sagte, dann nur, weil sie sich sicher war. Ich merkte erst nach mehreren Sekunden, dass ich aufgehört hatte zu atmen. Langsam sog ich Luft ein. Der Geruch der Krankenebene war steril, aber nicht unangenehm. Gereinigte Luft, Desinfektionsmittel, Kunststoffe, Metall und der kaum wahrnehmbare Duft medizinischer Nährlösungen lagen übereinander wie unsichtbare Schichten. Das Licht war hell, aber weich genug eingestellt, um Patienten nicht unnötig zu belasten. Weiße Leuchtfelder spiegelten sich auf den transparenten Anzeigen, die in einem Halbkreis um Xandras Krankenbett schwebten. Sie lag vollkommen reglos da. Ich hätte sie beinahe nicht wiedererkannt. Ihre sonst makellos schokoladenfarbene Haut hatte ihren warmen Glanz verloren. Stattdessen wirkte sie stumpf und unnatürlich fahl. Selbst ihre dunklere Haut zeigte jetzt einen graubraunen Unterton, als hätte ihr Körper sämtliche Kraftreserven aufgebraucht. Ihre langen blonden Haare lagen sorgfältig über dem Kissen verteilt. Normalerweise wirkten sie lebendig, fast golden. Jetzt erinnerten sie mich eher an trockenes Stroh, das jedes Licht nur noch matt reflektierte. Überall verliefen dünne Sensorleitungen. Einige klebten an ihren Schläfen. Andere an Hals, Armen, Brustkorb und Beinen. Zwei Infusionsleitungen verschwanden unter der Bettdecke. Mehrere medizinische Scanner bewegten sich lautlos auf kleinen Schienen über ihrem Körper und projizierten regelmäßig feine bläuliche Raster aus Licht auf ihre Haut, die sofort wieder verschwanden. Die Monitore zeigten unzählige Werte. Herzfrequenz. Sauerstoffsättigung. Hormonausschüttung. Körpertemperatur. Nervenaktivität. Zellstoffwechsel. Immunreaktionen. Ich verstand vielleicht ein Zehntel davon. Rosa verstand jedes einzelne Symbol. Neben ihr stand Greg Watson. Der junge Arzt hatte sein Datenpad beinahe vollständig aufgeklappt. Seine undurchsichtige Brille spiegelte Dutzende Diagramme wider. Seine Finger bewegten sich mit erstaunlicher Geschwindigkeit über die Oberfläche, während ständig neue Berechnungen erschienen. Auf der anderen Seite des Bettes stand der Schiffsarzt der aldrianischen Korvette. Der ältere Aldrianer wirkte äußerlich erstaunlich ruhig. Seine ungewöhnlich helle Haut unterschied ihn bereits deutlich von den meisten anderen Aldrianern, doch auch sie war dunkler als die eines Argonen. Seine weißen Haare waren sorgfältig nach hinten gekämmt. Die blauen Augen beobachteten die Messwerte mit einer Gelassenheit, die mich fast wütend machte. Nicht weil sie arrogant wirkte. Sondern weil sie resigniert wirkte. Als hätte er diesen Zustand schon häufiger gesehen.
Ich brach schließlich das Schweigen. "Was meinen Sie mit 'Sie stirbt'?"
Der Arzt sah mich an. Sein Blick war weder kalt noch mitleidig. Einfach nüchtern. "Ich meine genau das." Er trat näher an das Bett und legte vorsichtig zwei Finger auf Xandras Handrücken. "Die Tochter von Ministerin Darlian leidet nicht an einer einzelnen Erkrankung." Er deutete auf die Anzeigen. "Ihr gesamter Organismus bricht zusammen."
Ich runzelte die Stirn. "Warum?"
Der Aldrianer nickte langsam. "Sie kennen Aldrin nur oberflächlich." Er machte eine kurze Pause. "Unsere Evolution fand unter Bedingungen statt, die sich fundamental von denen der argonischen Kernwelten unterscheiden."
Greg nickte zustimmend, ohne seine Arbeit zu unterbrechen. Der Arzt aktivierte mehrere Hologramme. Vor uns erschien eine schematische Darstellung eines menschlichen Körpers. Daneben blendete er einen zweiten ein.
"Die schokoladenfarbene Haut unserer Spezies ist kein kosmetisches Merkmal." Sein Finger glitt über die Projektion. "Sie ist ein perfekter Schild gegen die außergewöhnlich aggressive UV-Strahlung Aldrins." Mehrere Spektralkurven erschienen. "Unsere Melanindichte liegt weit über der terranischen und argonischen." Er ließ weitere Werte einblenden. "In unserem Heimatsystem ist das lebensnotwendig."
Ich nickte langsam.
"Hier allerdings ... wird genau dieser Schutz zum Problem." Er vergrößerte die Darstellung der Haut. "Der menschliche Körper benötigt UV-B-Strahlung, um Vitamin D zu synthetisieren." Sein Finger tippte auf mehrere Bereiche. "Die Haut eines Aldrianers blockiert diese Strahlung fast vollständig."
Greg ergänzte ruhig: "Wir konnten den Vitamin-D-Spiegel rekonstruieren." Er schob mir eine Grafik zu. Die Linie fiel Woche für Woche weiter ab. "Ohne gezielte medizinische Versorgung entwickelt sich zunächst ein schleichender Mangel."
Der Aldrianer übernahm wieder. "Danach folgen Störungen des Immunsystems." Weitere Anzeigen erschienen. "Die Knochendichte sinkt." "Noch später geraten Stoffwechsel und Hormonhaushalt aus dem Gleichgewicht." Er sah mich ernst an. "Und all das geschieht langsam."
Ich spürte, wie sich mein Magen zusammenzog.
"So langsam ... dass Betroffene selbst kaum bemerken, wie krank sie bereits sind."
Rosa verschränkte die Arme. "Das allein hätte sie allerdings nicht in dieses Koma gebracht."
Der Aldrianer nickte. "Nein." Er aktivierte eine zweite Darstellung. Diesmal erschien ein Kopf mit langen weißen Haaren. "Auch unser Haar erfüllt mehrere biologische Funktionen." Ich hob überrascht eine Augenbraue. "Das Zusammenspiel dunkler Haut und heller Haare entstand nicht zufällig." Er vergrößerte mehrere Schichten. "Die Haut strahlt Wärme hervorragend ab. Das helle Haar reflektiert einen erheblichen Teil der Sonnenenergie."
Ich nickte. "Klingt sinnvoll."
"In Verbindung mit den permanenten Luftströmungen Aldrins." Er ließ eine dreidimensionale Simulation entstehen. Ich sah gewaltige Windströmungen über eine felsige Landschaft ziehen. Sie bewegten sich nahezu ununterbrochen. "Unsere Evolution setzt diese Konvektion voraus." Er drehte das Modell. "Der Wind führt permanent Wärme vom Kopf ab." Die Simulation wechselte. Jetzt erschien Altrix Nova. Geschlossene Korridore. Wohnsektionen. Normierte Klimaanlagen. "Geregelte Luft. Wenig Bewegung. Hohe Luftfeuchtigkeit. Konstante Temperaturen." Er sah mich an. "Für Argonen und Terraner nahezu ideal. Für Aldrianer nicht."
Greg blendete Temperaturkarten ein. "Der Wärmestau beginnt am Kopf."
Rosa ergänzte: "Der Körper versucht permanent gegenzuregeln. Was wiederum zusätzliche Energie kostet."
Der Aldrianer nickte. "Und genau dort beginnt die Katastrophe."
Er rief nun Xandras persönliche Daten auf. Ich sah Dutzende Einträge. Korvette verlassen. Handelsstation bei den Teladi besucht. Zura. Zurück zur Korvette. Handelsposten über Nif'Nakh besucht. Wieder Korvette. Altrix Nova besucht. Orbitalwerft. Schrottplatz. Besprechungsräume. Stationsebene. Wieder Korvette. Erneut Altrix Nova. Immer wieder. Immer wieder. Immer wieder.
Der Arzt atmete tief durch. "Xandra Darlian besitzt..." Er lächelte schwach. "...genau wie ihr Vater eine ausgeprägte xenophile Ader."
Ich erinnerte mich an ihre Begeisterung. Sie hatte überall Fragen gestellt. Jede Station besichtigen wollen. Mit Technikern gesprochen. Mit Arbeitern. Mit Händlern. Mit Ingenieuren. Mit Kindern. Mit nahezu jedem.
Der Arzt fuhr fort. "Jedes einzelne Mal..." Er zeigte auf die Liste. "...wenn sie die Korvette verlassen hat..." Ein weiteres Diagramm erschien. "...musste ihr Körper versuchen, sich an eine Umgebung anzupassen..." Noch eine Grafik. "...für die er biologisch niemals vorgesehen war."
Greg verschränkte die Hände hinter dem Rücken. "Es war keine einzelne Belastung."
Rosa nickte. "Es war die Summe. Wozuralang. Tazuralich. Immer wieder."
Der Aldrianer schloss die Projektion. "Ihr Organismus lief permanent auf Höchstlast. Das Immunsystem arbeitete ununterbrochen. Der Stoffwechsel ebenfalls. Die Temperaturregulation versagte zunehmend. Der Vitamin-D-Mangel verschärfte sämtliche Prozesse zusätzlich." Er sah noch einmal auf Xandra hinunter. "Sie hat ihren Körper langsam aufgezehrt."
Ich starrte auf die reglose junge Frau. Sie hatte all das nicht bemerkt. Oder ignoriert. Weil sie einfach nur das Universum hatte kennenlernen wollen. Weil sie dieselbe Neugier besaß wie ihr Vater. Weil sie jede Gelegenheit genutzt hatte, fremde Welten zu sehen. Nicht aus Pflicht. Nicht aus Politik. Sondern aus ehrlicher Begeisterung. Und genau diese Begeisterung ... brachte sie nun um.

Ich stand regungslos neben Xandras Krankenbett und konnte meinen Blick nicht von ihrem Gesicht lösen. Sie wirkte friedlich. Fast so, als würde sie lediglich schlafen. Wären da nicht die unzähligen Kabel, die feinen transparenten Schläuche, die Sensoren auf ihrer Stirn und den Schläfen sowie das unablässige Flackern der medizinischen Anzeigen gewesen, hätte ich tatsächlich geglaubt, sie würde jeden Moment die Augen öffnen und mit ihrer üblichen Mischung aus Neugier und Unsicherheit eine Frage stellen. Stattdessen hob und senkte sich ihr Brustkorb nur flach, unterstützt durch die medizinischen Systeme. Das monotone Piepen der Monitore wurde plötzlich unerträglich laut, weil jedes einzelne Signal mich daran erinnerte, dass dieser Körper nur noch mit größter Mühe am Leben gehalten wurde.
Der aldrianische Arzt verschränkte langsam die Hände hinter dem Rücken. Sein Gesicht wirkte ernst, aber nicht hoffnungslos. Es war vielmehr der Ausdruck eines Mediziners, der genau verstand, weshalb etwas geschah, gleichzeitig aber wusste, wie wenig dieses Wissen den Angehörigen half. Er sah kurz zu Rosa und Greg. Beide nickten ihm kaum merklich zu. Offenbar hatten sie die gemeinsame Auswertung abgeschlossen. Dann richtete sich sein Blick wieder auf mich.
„Es gibt noch einen weiteren Faktor, Grau-sama." Seine Stimme blieb ruhig. Fast sachlich. Gerade diese Sachlichkeit machte jedes einzelne Wort schwerer. „Weil die Luft in Raumstationen für ihre Verhältnisse stillsteht, schwitzt sie ununterbrochen, um den Kopf über die blonden Haare zu kühlen."
Ich runzelte die Stirn. Er bemerkte meinen fragenden Blick und aktivierte erneut mehrere dreidimensionale Hologramme. Diesmal erschienen Luftströmungen. Zunächst zeigte er die Atmosphäre Aldrins. Gewaltige Luftmassen bewegten sich beinahe permanent über die Oberfläche des Planeten. Selbst in Bodennähe herrschten Windgeschwindigkeiten, die ich auf der Erde bereits als stürmisch bezeichnet hätte. Die Luft schien ständig in Bewegung zu sein. Daneben erschien ein Modell von Altrix Nova. Sämtliche Luftströmungen waren gleichmäßig. Sanft. Kontrolliert. Nahezu regungslos.
„Unsere Klimaanlagen", erklärte Greg nebenbei, „sind für Argonen optimiert."
Der Aldrianer nickte. „Und genau dort liegt das Problem." Er ließ die Simulation dichter an Xandras Kopf heranzoomen. „Ihre blonden Haare dienen nicht nur dem Reflexionsschutz." Mehrere Temperaturkarten erschienen. „Sie bilden zusammen mit der permanenten Luftbewegung Aldrins ein Kühlsystem." Die Animation zeigte, wie der Wind ständig Wärme aus dem Haar herauszog. „Auf einer Raumstation fehlt genau dieser Bestandteil."
Er ließ die Windströmungen verschwinden. Augenblicklich sammelte sich rote Wärmeenergie zwischen Kopfhaut und Haaren. Langsam. Stetig. Fast unmerklich.
„Die Luft steht." Er machte eine kleine Pause. „Zumindest aus Sicht eines Aldrianers."
Ich schluckte. „Sie schwitzt also permanent?"
„Ja." Der Arzt nickte. „Ununterbrochen."
Er wechselte die Darstellung. Jetzt erschien ein menschlicher Körper. Nach und nach färbten sich einzelne Bereiche dunkler. „Sie verliert ständig Flüssigkeit."
Greg blendete parallel mehrere Laborwerte ein. Elektrolyte. Osmolarität. Blutviskosität.
Rosa zeigte auf einen Wert. „Hier." Der Zahlenwert lag weit außerhalb des Normalbereichs.
Der Aldrianer erklärte weiter. „Das Durstgefühl der Aldrianer ist an das kühlere und deutlich feuchtere Klima unserer Heimat angepasst."
Ich blickte überrascht auf. „Das heißt..."
„...sie merkt überhaupt nicht, wie viel Wasser sie verliert." Beendete der Arzt meinen Satz.
Mir wurde plötzlich klar, weshalb Xandra unterwegs so selten etwas getrunken hatte. Ich erinnerte mich. Mehrfach. In der Korvette. Auf Altrix Nova. Während der Besichtigungen. Während der Besprechungen. Ich hatte immer wieder Getränke bestellt. Vanu und Valentina ebenso. Xandra hatte meist nur ein paar Schlucke genommen. Mehr nicht. Ich hatte mir nichts dabei gedacht. Jetzt hätte ich mich am liebsten dafür geohrfeigt.
Der Arzt sprach unbeirrt weiter. „Mit jedem Tag wurde ihr Blut etwas dickflüssiger." Auf dem Hologramm wurden die Blutgefäße sichtbar. Der Blutfluss verlangsamte sich. „Dadurch wird der Wärmetransport schwieriger." Er ließ die Simulation weiterlaufen. „Der Körper versucht gegenzusteuern." Die Herzfrequenz stieg. Der Stoffwechsel beschleunigte sich. Immer mehr rote Bereiche erschienen. „Das kostet wiederum zusätzliche Energie."
Greg ergänzte ruhig: „Ein Teufelskreis."
Rosa nickte. „Und zwar einer, den niemand bemerkt."
Der Aldrianer ließ das nächste Hologramm entstehen. Diesmal zeigte es eine große Stationspromenade. Hohe Glasdächer. Breite Fensterfronten. Helles künstliches Sonnenlicht.
„Wenn sie eine Station mit großen Glaskuppeln oder offenen Promenaden besucht..." Er deutete nach oben. „...brennt das Licht unbarmherzig von oben." Mehrere Spektren erschienen. „Ihr blondes Haar reflektiert zwar das sichtbare Licht." Die Simulation bestätigte das eindrucksvoll. Ein Großteil des Lichtes wurde tatsächlich zurückgeworfen. „Aber..." Er ließ das Infrarotspektrum einblenden. „...die künstlich gefilterte Stationsatmosphäre lässt die Wärmestrahlung nahezu ungehindert passieren."
Ich beobachtete, wie sich das Modell langsam aufheizte.
„Gleichzeitig absorbiert ihre dunkle Haut die Wärmestrahlung, welche von den aufgeheizten Deckplatten, Wänden und technischen Anlagen abgestrahlt wird." Langsam färbte sich die gesamte Figur rot. „Ihr gesamtes Kühlsystem arbeitet jetzt permanent oberhalb seiner Auslegung."
Er sah mich direkt an. „Nicht mit hundert Prozent." Seine Stimme wurde leiser. „Mit einhundertachtzig."
Niemand sagte etwas. Selbst die medizinischen Geräte wirkten plötzlich leiser. Der Arzt wechselte zur letzten Simulation.
„Am Ende..." Sein Finger bewegte sich langsam durch mehrere Zeitpunkte. „...reichte eine absolute Kleinigkeit."
Ich erkannte den Grundriss meines Büros. Mein Schreibtisch. Die Panoramawand. Die drei Sessel.
„Sie betrat Altrix Nova." Ein kleines Symbol erschien. „Sie war bereits erschöpft." Ein weiterer Marker. „Sie hatte leichte Kopfschmerzen." Noch einer. „Die ignorierte sie."
Ich schloss langsam die Augen. Ja. Sie hatte sich tatsächlich kurz an die Stirn gefasst. Ich hatte gedacht, sie sei lediglich müde.
„Dann setzte sie sich in Ihr Büro."
Die Simulation stoppte. Xandra saß im linken Sessel. Genau dort. Wo sie schließlich zusammengebrochen war. Der Aldrianer sprach jetzt noch ruhiger. „Der Wärmestau begann." Langsam verfärbte sich ihr Kopf dunkelrot. „Sie setzte sich." Die Herzfrequenz sank. „Der Blutdruck fiel." Die Animation zeigte den verlangsamten Kreislauf. „Doch die Hitze..." Er vergrößerte den Kopf. „...die sich über Stunden unter ihrer dichten blonden Haarpracht angestaut hatte..." Langsam stiegen die Temperaturwerte. „...konnte mangels Luftbewegung nicht entweichen."
Ich bemerkte, wie sich meine Hände zu Fäusten ballten.
„Die Temperatur ihres Gehirns..."
Vierzig Komma eins.
Vierzig Komma drei.
Vierzig Komma vier.
Vierzig Komma fünf.
Der Zahlenwert blieb rot stehen.
„...überschritt unbemerkt die kritische Grenze."
Greg übernahm. „Normalerweise würde das Blut die Wärme verteilen." Auf der Simulation wurde der Blutfluss sichtbar. Er war deutlich langsamer. „Aber durch die wochenlange Dehydrierung war das Blut bereits erheblich eingedickt." Die roten Strömungen bewegten sich nur noch träge. „Die Wärme konnte nicht mehr schnell genug abgeführt werden."
Der Aldrianer ließ sämtliche übrigen Anzeigen verschwinden. Nur Xandras Gehirn blieb sichtbar. Dann sprach er den letzten Abschnitt seiner Erklärung. „Ihr Gehirn erlitt einen stillen hyperthermischen Schock." Ich spürte, wie sich mein Herzschlag beschleunigte. „Um die Synapsen vor einem vollständigen Hitzetod zu schützen..." Die neuronalen Verbindungen wurden nacheinander dunkel. „...riegelte ihr Nervensystem die Reizweiterleitung selbstständig ab." Die letzten Lichtpunkte erloschen. „Sie schlief nicht ein." Seine Stimme war kaum noch mehr als ein Flüstern. „Sie glitt lautlos und vollkommen ohne Vorwarnung in ein tiefes komatöses Stadium."
Das Hologramm verschwand. Zurück blieb nur Xandra. Still. Reglos. Von Maschinen umgeben. Der Aldrianer sah sie lange an. Dann sagte er mit einer Traurigkeit, die selbst seine professionelle Fassade nicht mehr vollständig verbergen konnte: „Es ist das nahezu perfekte Krankheitsbild einer Spezies..." Er machte eine kleine Pause. „...die an ihrer eigenen hochspezialisierten evolutionären Anpassung in einer fremden Umgebung zerbrochen ist."
Ich konnte nichts antworten. Mein Blick blieb auf Xandra liegen. Immer wieder spielte sich dieselbe Erinnerung vor meinem inneren Auge ab. Wie sie neugierig durch Altrix Nova gelaufen war. Wie sie jedes Deck hatte sehen wollen. Jede Werkhalle. Jede Produktionslinie. Jedes Fenster mit Blick auf Trantor. Jeden Hangar. Jede Promenade. Sie hatte das Universum kennenlernen wollen. Und ausgerechnet diese Neugier hatte ihren Körper langsam, Tag für Tag, unbemerkt an den Rand des Todes gebracht.

Ich stand schweigend neben Xandras Krankenbett, während die Anzeigen der medizinischen Monitore in ruhigen Rhythmen pulsierten. Das matte Blau und Grün der Hologramme spiegelte sich auf ihrer schokoladenfarbenen Haut wider, die trotz der medizinischen Versorgung ungesund fahl wirkte. Ihr Atem war regelmäßiger als noch vor wenigen Stunden, dennoch hatte jede Bewegung ihres Brustkorbs etwas Zerbrechliches an sich. Das Zimmer auf der Krankenebene der aldrianischen Korvette unterschied sich deutlich von den medizinischen Einrichtungen auf Altrix Nova. Die Luft war kühler. Feuchter. Ich konnte sie auf meiner Haut spüren. Ein stetiger, kaum wahrnehmbarer Luftstrom strich durch den Raum. Erst jetzt verstand ich, dass diese Luftbewegung kein Komfort war, sondern Bestandteil der Behandlung. Valentina und Vanu standen dicht neben mir. Beide hatten ihre Arme verschränkt und beobachteten schweigend die Ärzte, die noch einige letzte Einstellungen an den Geräten vornahmen. Rosa Morgan sprach leise mit Greg Watson, während der aldrianische Arzt einige Werte kontrollierte. Niemand sagte etwas. Selbst die sonst so nüchternen Geräusche medizinischer Geräte wirkten gedämpft.
Die Tür glitt lautlos auf. Valen trat ein. Sein sonst so makelloses Auftreten hatte feine Risse bekommen. Sein langer weißer Bart war noch genauso ordentlich geflochten wie immer. Auch seine ebenso langen Haare lagen sauber über seinen Rücken. Der schwarze Mantel saß perfekt. Die weiße Schärpe war makellos gebunden. Doch seine grau glimmenden Augen verrieten etwas anderes. Sie wirkten müde. Tiefer. Als hätte er seit Tagen kaum geschlafen. Er blieb zunächst regungslos neben Xandra stehen. Sein Blick ruhte lange auf ihr. Dann schloss er langsam die Augen.
"Ojō-sama..."
Mehr brachte er zunächst nicht hervor. Ich beobachtete ihn aufmerksam. Vor wenigen Stunden hätte ich ihn noch ohne Zögern von meiner Station fernhalten lassen. Jetzt wirkte der alte Aldrianer nicht wie ein Diplomat oder Leibwächter. Sondern lediglich wie jemand, der gerade hilflos mit ansehen musste, wie ein Mensch zerbrach, den er vermutlich seit ihrer Geburt begleitet hatte. Schließlich hob er den Kopf.
"Man informierte mich über ihren Zustand."
Der aldrianische Arzt nickte. "Sie befindet sich inzwischen unter optimalen Umweltbedingungen. Wäre sie auf Altrix Nova geblieben, hätten wir vermutlich nicht mehr viel Zeit gehabt."
Valens Schultern sanken kaum sichtbar. "Dann besteht Hoffnung."
"Ja."
Erst jetzt drehte sich Valen vollständig zu uns um. Sein Blick blieb kurz an mir hängen. "Ich schulde Ihnen wohl eine Erklärung."
Ich verschränkte ebenfalls die Arme. "Das hoffe ich."
Valen atmete langsam aus. "Aldrianer zeigen verhältnismäßig viel Haut. Während Außenstehende das vielleicht als provokant, freizügig oder rein ästhetisch interpretieren, ist es für uns reine, pragmatische Überlebensphysik." Er sprach ruhig. Sachlich. Fast wie ein Dozent. "Auf dem Planeten Aldrin ist das Gehirn durch die dichte, helle Haardecke vor der direkten Solara-Sonne geschützt. Gleichzeitig neigt genau diese Anpassung jedoch dazu, Wärme unter den Haaren zu speichern. Das Gehirn ist unser empfindlichstes Organ. Deshalb musste die Evolution einen Ausgleich schaffen." Er hob langsam seine rechte Hand und deutete auf seinen eigenen Unterarm. "Der restliche Körper wurde zu einem Wärmetauscher."
Ich runzelte die Stirn. "Wärmetauscher?"
Valen nickte. "Unsere schokoladenbraune Haut besitzt eine außergewöhnlich starke Durchblutung. Sie ist darauf spezialisiert, metabolische Wärme im Infrarotbereich möglichst effizient an die Umgebung abzugeben. Allerdings funktioniert dieses System nur dann optimal, wenn Luft ständig über die Haut strömt." Er breitete beide Hände etwas aus. "Je größer die freie Hautoberfläche, desto effizienter funktioniert unsere Thermoregulation."
Ich erinnerte mich unwillkürlich daran, wie Xandra mir auf Altrix Nova gegenübersaß. Schwarze Hotpants. Ein knappes Tanktop. Lange Stiefel. Damals hatte ich lediglich gedacht, sie kleide sich bewusst auffällig. Jetzt ergab plötzlich alles Sinn.
Valen sprach weiter. "Jede zusätzliche Stoffschicht bildet eine Isolierung." Er nahm den Stoff seines Mantels zwischen zwei Finger. "Selbst leichte argonische Synthetikfasern reduzieren den Wärmeaustausch erheblich." Er ließ den Stoff wieder los. "Wenn ein Aldrianer sich vollständig verhüllen würde, würde sich seine Körpertemperatur innerhalb kurzer Zeit gefährlich erhöhen."
Greg hob kurz den Blick von seinen Anzeigen. "Also ist Kleidung für euch tatsächlich gesundheitsschädlich."
"In vielen Situationen ja." Valen nickte. "Freizügigkeit ist für uns keine Mode." Seine Stimme blieb vollkommen ruhig. "Sie ist die einzige Möglichkeit, unsere Körpertemperatur dauerhaft stabil zu halten."
Vanu sah überrascht zwischen Valen und Xandra hin und her. "Deshalb tragen fast alle Aldrianer so wenig."
"Ja." Valen nickte erneut. "Viele Außenstehende glauben, wir wollten Aufmerksamkeit erregen." Ein kaum sichtbares Lächeln huschte über sein Gesicht. "Für uns ist diese Vorstellung beinahe absurd." Er hob den Blick. "Für Argonen oder Terraner erfüllt Kleidung viele Funktionen." Er begann sie beinahe aufzuzählen. "Schutz vor Kälte. Schutz vor UV-Strahlung. Gesellschaftlicher Status. Mode. Persönlicher Geschmack." Dann schüttelte er langsam den Kopf. "Für Aldrianer besitzt Kleidung nahezu ausschließlich eine funktionale Bedeutung." Er zeigte auf Xandra. "Ihre Haut benötigt keinen zusätzlichen Sonnenschutz."
Nun meldete sich der aldrianische Arzt wieder. "Der extrem hohe Melaningehalt ihrer Haut übernimmt diese Aufgabe bereits."
Valen nickte zustimmend. "Unsere Genetik hat diesen Schild bereits erschaffen." Er fuhr fort. "Auf Promenaden der argonischen Kernwelten oder Handelsstationen beobachten uns viele Menschen mit Verwunderung." Ein kurzer Atemzug. "Manche starren. Manche lächeln. Manche urteilen." Sein Blick wurde etwas weicher. "Sie vermuten häufig dahinter eine bewusste Inszenierung körperlicher Attraktivität." Er schüttelte leicht den Kopf. "Dabei fühlen wir uns in stärkerer Kleidung schlicht unwohl." Er legte eine Hand auf seine Brust. "Fast so, als würde uns langsam die Luft genommen."
Ich dachte an sämtliche Begegnungen mit Aldrianern zurück. Plötzlich ergab ihre gesamte Kleidung einen völlig neuen Sinn. Es war keine kulturelle Eigenart. Es war Biologie.
Valentina verschränkte nachdenklich die Arme. "Deshalb habt ihr auf der Korvette überall diese Luftströmungen."
Der aldrianische Arzt lächelte leicht. "Sie haben es bemerkt."
"Jetzt."
Er nickte. "Unsere Schiffe erzeugen niemals stehende Luft." Er deutete nach oben. "Die gesamte Klimaanlage simuliert permanent natürliche Windströmungen. Mal stärker. Mal schwächer. Aber niemals vollkommen ruhig."
Greg sah interessiert auf. "Deshalb fühlt sich die Luft hier anders an."
"Ganz genau." Der Arzt nickte zufrieden. "Viele Besucher empfinden unsere Schiffe als zugig. Für uns fühlt sich erst dadurch ein Raum natürlich an."
Ich blickte langsam durch die Krankenstation. Erst jetzt fielen mir die kleinen Luftauslässe in Boden, Decke und Wänden auf. Sie arbeiteten vollkommen geräuschlos. Nicht einfach nur Klimatisierung. Sondern ein künstlicher Wind.
Rosa verschränkte nachdenklich die Hände. "Das erklärt auch, weshalb Xandra sich auf Altrix Nova niemals beschwert hat."
Der Arzt nickte langsam. "Sie hielt ihre Beschwerden vermutlich für normale Erschöpfung. Sie kannte diese Symptome. Aber sie deutete sie falsch."
Valen schloss kurz die Augen. "Ojō-sama war immer neugierig." Seine Stimme war nun deutlich leiser geworden. "Sie verließ die Korvette bei jeder Gelegenheit. Sie wollte Städte sehen. Stationen. Menschen. Aliens." Ein trauriges Lächeln erschien auf seinem Gesicht. "Sie war ihrem Vater ähnlicher, als sie selbst jemals wahrhaben wollte."
Niemand antwortete darauf. Ich sah erneut zu Xandra. Sie lag reglos da. Nur das stetige Heben und Senken ihres Brustkorbs zeigte, dass sie noch lebte. Mir wurde langsam bewusst, wie grausam Evolution sein konnte. Eine Spezies entwickelte sich über Jahrtausende perfekt für genau einen Planeten. Und genau diese Perfektion wurde außerhalb ihrer Heimat beinahe zu einem Todesurteil.
Ich blickte zu Valen. "Dann war ihr Wunsch, das Universum kennenzulernen...gleichzeitig das Gefährlichste, was sie hätte tun können."
Valen nickte langsam. "Ja." Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. "Genau das."

Ich stand in dem sterilen, kühl beleuchteten Behandlungsbereich der aldrianischen Korvette, während das diffuse Weiß der medizinischen Paneele sich in den metallischen Kanten der Liege brach, auf der Xandra reglos lag. Die Luft roch nach ionisiertem Sauerstoff, leicht metallisch, gemischt mit dem süßlichen, fast medizinisch künstlichen Duft von Regenerationsgel und Desinfektionsnebel, der in regelmäßigen Intervallen aus dünnen Düsen in der Decke ausstieß. Ihre schokoladenfarbene Haut wirkte im kalten Licht fast noch dunkler, als würde sie die Umgebung nicht reflektieren, sondern verschlucken, während die langen, hellblonden Haare wie ein ausgebreitetes, unruhiges Feld aus feinen Fasern um ihren Kopf lagen, leicht bewegt durch die minimalen Luftströmungen der Lebenserhaltung.
Die Sensorikbänder, die sich wie transparente, lebendige Organismen an ihre Schläfen, ihren Hals und entlang der Schlüsselbeine gelegt hatten, pulsierten in unregelmäßigen Intervallen in schwachem Blau und Grün. Jeder Ausschlag war ein stilles Echo ihres Körpers, der versuchte, sich gegen einen Zustand zu wehren, den er selbst nicht mehr stabilisieren konnte. Ich hörte das gleichmäßige, aber zu schnelle Piepen der Herz-Kreislauf-Überwachung, ein mechanischer Rhythmus, der in seiner Konstanz fast beruhigend wirken sollte, aber genau das Gegenteil tat. Neben der Liege stand Rosa Morgan, ihre Hände ruhig, aber mit dieser angespannten Präzision einer Person, die zu lange mit instabilen Vitalwerten gearbeitet hat. Ihre Augen, braun und scharf fokussiert, glitten immer wieder über die holografischen Anzeigen, während Greg Watson schweigend Datenströme in sein tragbares Interface einspeiste, die blauen Haarsträhnen leicht vom Luftzug der Lüftung bewegt, die seine undurchsichtige Brille gelegentlich spiegeln ließ.
Als der aldrianische Arzt die thermodynamischen Zusammenhänge erklärte, veränderte sich die Atmosphäre im Raum nicht, aber das Gewicht seiner Worte verschob etwas in der Wahrnehmung aller Anwesenden. Er stand leicht seitlich zur Liege, die Arme hinter dem Rücken verschränkt, die Haltung kontrolliert, aber nicht distanziert, vielmehr in einer klinischen Selbstverständlichkeit, die darauf beruhte, dass er diesen Mechanismus nicht nur verstand, sondern als biologische Tatsache akzeptiert hatte. Seine Stimme blieb ruhig, fast neutral, während er über Wärmestau, Melaninbarrieren und Konvektion sprach, und ich sah, wie seine Augen kurz auf Xandra ruhten, nicht mit Emotion, sondern mit der nüchternen Betrachtung eines Systems, das seine Parameter überschritten hatte.
Ich spürte, wie sich meine Hände unbewusst ballten, als die Kausalität zwischen Umwelt, Körper und Versagen immer klarer wurde. Nicht ein einzelner Fehler, kein Unfall im klassischen Sinn, sondern eine Verkettung von Anpassungen, die in einem fremden Kontext ihre Funktion verloren hatten. Die Vorstellung, dass selbst ihre körperliche Natur sie hier verriet, wirkte unangenehm präzise, als würde ihr eigener Organismus gegen sie arbeiten, ohne dass irgendeine äußere Gewalt nötig gewesen wäre.
Rosa hob kurz den Blick von den Anzeigen, ihre Stirn in feine Falten gelegt, und sagte leise, ohne sich vom Monitor abzuwenden: "Die Werte stabilisieren sich minimal, aber das ist kein Zeichen von Erholung, eher ein Plateau vor einer weiteren Dekompensation." Ihre Finger tippten eine kurze Sequenz ein, wodurch ein neuer Datenlayer über Xandras Körper projiziert wurde, farblich codiert in blassen Violett- und Orangetönen, die die thermische Belastung ihres Gehirns sichtbar machten.
Greg schob seine Brille leicht höher, ohne aufzusehen, und ergänzte knapp: "Die metabolische Belastung bleibt kritisch. Selbst mit externer Kühlung greifen die internen Regulationsmechanismen nicht mehr stabil genug."
Valen stand etwas abseits, wie immer aufrecht, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, doch seine sonst makellose Kontrolle wirkte nicht vollständig geschlossen. Seine Augen folgten dem Arzt, dann Xandra, dann wieder den Daten. Als der Arzt die Erklärung über Haarstruktur und thermische Isolation fortsetzte, zog sich seine Kieferlinie minimal an, ein kaum sichtbares Zeichen innerer Spannung. Ich bemerkte, wie seine sonst so glatte Stimme beim Sprechen leicht an Tiefe gewann, als er schließlich einwarf, dass Xandras Aufenthalt in den offenen, klimatisch neutralen Bereichen der Station in Kombination mit ihrer genetischen Konstitution eine schleichende Überlastung erzeugt hatte.
Ich selbst stand näher an der Wand, dort, wo das transparente Panoramasegment des medizinischen Bereichs den Blick auf die rotierende Außenstruktur von Altrix Nova freigab. Die Station lag wie ein komplexes, mehrschichtiges Gebilde aus hellen Segmentringen und dunkleren Versorgungsmodulen im Orbit, darunter die träge, entfernte Krümmung von Trantor, dessen Atmosphäre in schmutzigem Blau und grünlichen Schleiern leuchtete. Die Erinnerung daran, wie viel von diesem System zerstört worden war, lag wie ein unsichtbarer Film über allem, selbst hier, wo eigentlich nur sterile Kontrolle herrschen sollte.
Als Valen schließlich die letzte Erklärung aussprach, blieb der Satz für einen Moment im Raum hängen, nicht als neue Information, sondern als Verdichtung dessen, was bereits unausweichlich geworden war. Ich sah zu Xandra hinüber, deren Brust sich unregelmäßig hob, viel zu langsam für eine gesunde Regulation, viel zu instabil für eine sichere Prognose. Ihre Finger bewegten sich kaum merklich, ein Reflex, kein Bewusstsein, eher ein Rest von Systemaktivität, der sich gegen das vollständige Abschalten stemmte.
Rosa trat einen Schritt zurück, verschränkte die Arme nicht, aber ließ sie offen hängen, als würde sie sich bewusst jede vorschnelle Interpretation verbieten. Greg stoppte seine Eingabe für einen Moment und sah auf die Daten, dann auf mich, ohne etwas zu sagen. Valen blieb stehen, unbeweglich, aber seine Präsenz wirkte schwerer als zuvor, als hätte sich die gesamte Situation in ihm verdichtet.
Ich atmete langsam aus, während das monotone Summen der Lebenserhaltungssysteme weiterlief und die Lichter über Xandras Körper in gleichmäßigen, künstlichen Pulsen flackerten, als würden sie eine Stabilität simulieren, die in Wahrheit längst nicht mehr existierte.

Ich stand zwischen dem flackernden Licht der holografischen Projektion und dem dumpfen, metallischen Geruch des Schrottplatzbüros von Misora, während sich die Ereignisse der letzten Stunden wie eine zu schwere Last in meinem Kopf stapelten. Der Raum selbst war eine Mischung aus Werkstatt und Wohnmodul, die Wände überzogen mit alten Konstruktionsplänen, halb zerlegten Interface-Platten und Werkzeugen, die in magnetischen Halterungen schwebten und gelegentlich leise klickend nachjustierten. Draußen, durch die halb geöffnete Hangarschleuse, zog der kalte, ozonartige Geruch von recyceltem Luftfilter durch die Halle, vermischt mit dem öligen, leicht süßlichen Duft von Schmiermitteln und erhitztem Metall. Misora stand vor uns, das Datenpad in den Händen, ihr Blick konzentriert, aber ihre Augen verrieten dieses subtile Flackern, als würde sie gleichzeitig rechnen, zweifeln und bereits Entscheidungen treffen.
Ich hatte kaum geendet, da wiederholte sich die Essenz meiner Worte in ihrem Mund, nicht spöttisch, eher mechanisch präzise: "Im Prinzip braucht sie einen sonnigen Ort, der relativ kühl und windig ist?"
Ich nickte langsam, spürte dabei, wie meine Schultern schwer wurden, als hätte sich die gesamte Gravitation der letzten Wochen in diesem einen Satz verdichtet. "So siehts aus", sagte ich leise, meine Stimme rauer als beabsichtigt, "wenn Xandra jetzt stirbt, unter meiner Obhut ..." Ich brach ab, weil der Gedanke selbst sich nicht vollständig formen ließ, ohne dass er sich gegen meine innere Stabilität richtete. Der Geschmack von Metall lag mir plötzlich im Mund, obwohl ich nichts gegessen hatte. "Wer weiß, was das für Konsequenzen nach sich zieht."
Valentina saß rechts von mir auf einem schwebenden Sitzmodul, die Beine übereinander geschlagen, ihre Haltung gerade, kontrolliert, fast kühl. Sie verzog keine Miene, als sie sagte: "Diplomatisch keine." Ihre Stimme war nüchtern, ohne jede emotionale Einfärbung, als würde sie eine Bilanz vorlesen.
Vanu dagegen lehnte leicht nach vorne, die Hände ineinander verschränkt, die Augen auf das holografische Licht gerichtet, das über ihr Gesicht wanderte und ihre Züge in wechselnde Blau- und Weißtöne tauchte. "Ich kann mir vorstellen, dass Lilandra dann der Expansion der UNO ins Solara-System Schwierigkeiten machen wird. Oder wenn wir von dort importieren möchten."
In diesem Moment bewegte sich Misora schneller als zuvor, ihr Stuhl drehte sich leicht auf der magnetischen Achse, während sie mit einer abrupten, fast nervösen Präzision ein Datenpad aus einem Stapel technischer Unterlagen zog, der neben einem offenen Wartungskoffer lag. Metallteile klirrten leise, als sie es aufhob, und für einen Augenblick roch der Raum intensiver nach erhitztem Staub, der aus alten Filtereinheiten aufgewirbelt wurde. Ihre Finger glitten über das Display, und mit einer Bewegung, die gleichzeitig geübt und unruhig wirkte, aktivierte sie eine Projektion.
"Das ist Tibe-Kea", sagte sie, und ihre Stimme hatte plötzlich diesen sachlichen, leicht beschleunigten Tonfall, den sie immer bekam, wenn sie sich in technische Details flüchtete. Die holografische Karte entfaltete sich zwischen uns wie eine schwebende Landschaft aus Licht und Tiefe, ein karges Hochplateau, das in kalten Farbtönen von Weiß, Grau und blassem Ocker dargestellt war.
"Das ist ein karges, aber atemberaubendes Hochplateau hier auf Trantor", las sie weiter vor, während sich die Projektion vergrößerte und die Höhenlinien wie feine Narben in der Luft sichtbar wurden. "Es liegt auf einer tektonischen Hebung von 4.500 Metern über dem Meeresspiegel. Trotz der intensiven Strahlung steigen die Temperaturen aufgrund der Höhe selbst am Äquator des Planeten selten über 12 °C. Das Plateau ist von gigantischen Gebirgsketten umgeben, die wie ein Trichter für die globalen Jetstreams wirken. Ein permanenter, trockener und kühler Wind mit durchschnittlich 40 bis 60 km/h peitscht ununterbrochen über die karge Ebene."
Während sie sprach, veränderte sich die Projektion, zeigte Strömungsmuster, die wie lebendige Bänder über die Oberfläche zogen, und ich spürte unwillkürlich, wie mein Blick daran hängen blieb, als könnte ich bereits die Luftbewegung hören.
Misora wischte erneut über das Pad, und die Szene wechselte zu dynamischen Darstellungen von Sportlern in extremen Umgebungen. "High-G-Kitesurfen und Sandboarding: Da der Jetstream permanent über das Plateau fegt, ist Tibe-Kea das Mekka für windsportbegeisterte Argonen. Sportler nutzen gigantische, mit Nanofasern verstärkte Lenkdrachen, um sich auf leichten, magnetisch gelagerten Boards mit mörderischer Geschwindigkeit über die glatten, weißen Gesteins- und Salzebenen ziehen zu lassen." Die Bilder zeigten scharfkantige Bewegungen, helle Reflexionen auf dem Boden, der fast wie zermahlenes Glas wirkte, während die Drachen wie lebendige geometrische Formen durch den Wind schnitten.
"Freiklettern und Bouldern: Die steilen Kanten des Plateaus, die 4.500 Meter in die Tiefe ragen, bieten messerscharfen, erosionsbeständigen Fels. Da die Luft so dünn ist, ist das Klettern hier ein brutaler Ausdauersport. Argonische Militäreinheiten nutzen die Wände von Tibe-Kea für das Überlebenstraining von Spezialeinheiten." Ich bemerkte, wie Valentina kurz den Blick senkte, als hätte sie innerlich bereits militärische Berechnungen durchgeführt, während Vanu unbewusst die Fingerspitzen gegeneinander drückte.
Dann zeigte die Projektion eine Szene, die sich fast surreal anfühlte: Menschen, die sich von Klippen stürzten, eingehüllt in aerodynamische Anzüge, getragen von gigantischen Aufwinden. "Jetstream-Wingsuit-Fliegen: Das Trichterklima der umliegenden Gebirgsketten erzeugt gigantische Aufwinde an den Klippen von Tibe-Kea. Extremsportler springen von den höchsten Kanten des Plateaus und nutzen den peitschenden Wind, um im Wingsuit kilometerweit an den Felswänden entlangzugleiten, bevor sie im dichteren Flachland ihre Fallschirme öffnen."
Der holografische Wind schien sich fast physisch in den Raum zu legen, als würde er durch uns hindurchziehen, kalt und klar, und für einen kurzen Moment stellte ich mir vor, wie sich dieser Ort anfühlen müsste: keine stehende Luft, kein Druck, keine Stagnation. Ich atmete langsam aus, spürte dabei, wie sich ein Gedanke formte, schwer und zugleich seltsam logisch. Wenn Xandra überhaupt eine Chance hatte, dann dort. Nicht in einem sterilen Stationsklima, nicht in einem überregulierten Raum der UNO, sondern in einer Umgebung, die sich bewegte, atmete, Druck ausglich statt ihn zu konservieren. Mein Blick glitt über die Gesichter im Raum, über Misoras konzentrierte Stirn, Valentina mit ihrer distanzierten Präzision, Vanu mit dieser leisen Sorge, die sie selten offen zeigte.
Dann sagte ich schließlich, ohne die Augen von der Projektion zu lösen: "Wir bringen sie dorthin."

Ich saß am Rand des improvisierten Kommunikationspults in Misoras chaotischem Büro, das gleichzeitig Werkstatt, Archiv und Wohnraum war. Zwischen rumliegenden Datenpads, offenen Werkzeugkoffern und halb zerlegten Interface-Modulen flackerte eine alte Projektionsleuchte in einem kalten Blau, das die Staubpartikel in der Luft wie eingefrorene Asche wirken ließ. Der Geruch war eine Mischung aus Metallstaub, erhitztem Kunststoff und süßlich-scharfem Keffa, das irgendwo in einer halb geleerten Thermokanne langsam oxidierte. Meine Finger ruhten einen Moment über der Eingabefläche, während ich die Verbindung zur aldrianischen Korvette öffnete. Das System brauchte einen Augenblick, dann stabilisierte sich das Signal in einem flimmernden Rechteck aus Licht.
Ich formulierte die Nachricht kurz und präzise, ohne jede unnötige Öffnung. "Korvette Darlian, hier Tori. Standort Tibe-Kea wird als temporäre Umgebungslösung empfohlen. Medizinische Risiken bekannt." Ich bestätigte den Versand und beobachtete, wie die Sequenz in den Kommunikationskanal eingespeist wurde, begleitet von einem leisen elektronischen Klick, der in der Stille des Raumes ungewöhnlich laut wirkte. Für einen Moment blieb mein Blick auf dem erloschenen Interface hängen, während das Gefühl der Kontrolle gleichzeitig stabilisierend und belastend wirkte.
Wir wollten wenig später aufbrechen. Vanu stand bereits neben der Tür, die Arme locker verschränkt, ihr Blick wach und analytisch, während Valentina unruhig mit einem Datenpad spielte, das sie mehrfach drehte, als würde sie darin ein nicht existierendes Problem suchen. Misora bewegte sich zwischen zwei Stapeln technischer Unterlagen hindurch, ihr Haar leicht zerzaust, dunkle Strähnen, die im künstlichen Licht einen leicht violetten Schimmer annahmen. Der Raum selbst war ein Geflecht aus engen Pfaden zwischen Möbeln, Kabeln und aufgestapelten Ersatzteilen. Jeder Schritt erforderte Aufmerksamkeit, als würde der Boden selbst aus zufällig platzierten Elementen bestehen. Als wir uns zur Tür bewegten, passierte es gleichzeitig und unkoordiniert. Eine lose gelagerte Transportkiste kippte leicht nach hinten, Valentina wich reflexartig aus, Vanu drehte sich im selben Moment, um nicht gegen ein hängendes Kabelbündel zu stoßen, und Misora versuchte, ein fallendes Datenpad aufzufangen. Ich trat einen Schritt zurück, um nicht in die Bewegungskette hineingezogen zu werden, aber der Raum ließ keinen klaren Fluchtweg zu. Die Dynamik brach wie eine verkettete Reaktion zusammen, und bevor ich reagieren konnte, verlor Misora den Halt auf einer glatten Metallplatte am Boden. Im nächsten Moment stürzten alle drei gleichzeitig in meine Richtung. Vanu traf zuerst meine Schulter, Valentina kam von der Seite und Misora von vorne, wodurch ich rückwärts gegen eine halb gepolsterte Werkbank gedrückt wurde. Das Gewicht war unerwartet, nicht schwer im physischen Sinn, aber chaotisch verteilt. Ich spürte die unterschiedlichen Bewegungen ihrer Körper, das kurze Ringen um Stabilität, die überraschten Atemzüge und das abrupte Stoppen der Bewegung, als niemand mehr Platz hatte, um weiterzufallen. Misora landete dabei frontal auf mir, ihre Brüste drückte mich gegen die Werkbankkante, während ihre Hände instinktiv Halt suchten und dabei meine Kleidung erfassten. Für einen Sekundenbruchteil war absolute Stille im Raum, nur unterbrochen vom leisen Summen der Geräte.
Ich atmete einmal scharf aus, die Situation vollständig erfassend, während ich den Blick kurz hob und die drei Frauen registrierte, die quer und schwer über mir lagen und mir die Luft aus den Lungen pressten.
Dann sagte ich, trocken und ohne jede Vorbereitung, während ich versuchte, meine Position leicht zu korrigieren: "Drei Frauen sind mir zu viel."
Valentina blinzelte zuerst, dann verzog sie die Mundwinkel, als sie den Satz verstand. Vanu stieß ein kurzes, kontrolliertes Geräusch aus, das irgendwo zwischen Überraschung und unterdrücktem Lachen lag. Misora hingegen verharrte einen Moment, als müsste sie erst realisieren, wie sie überhaupt in dieser Position gelandet war, bevor sie sich hastig abstützte und von mir herunterdrückte. Der Raum wirkte danach noch enger als zuvor, als hätte sich die gesamte Anordnung der Dinge verschoben.
Ohne weitere Verzögerung verließen wir das Wohnbüro und bewegten uns durch den Schrottplatz. Der Hof war warm, das Licht hier deutlich heller und natürlicher als im Inneren der Werkbereiche. Der Geruch wechselte zu trockenem Sand und frischer Luft, leicht ozonartig durch die Energieleitungen überall um uns herum. Das eVTOL stand bereits auf einer schmalen Startplattform, seine Oberfläche mattgrau mit feinen violetten Linien aus aktiven Sensorfeldern, die wie dunkle Adern über den Rumpf liefen. Als wir einstiegen, setzte sich Misora nach vorne an die Steuerkonsole, Vanu und Valentina hinter mir auf die seitlichen Sitze. Die Sitze passten sich automatisch an, ein leises pneumatisches Zischen begleitete die Anpassung. Ich spürte, wie das Fahrzeug sich aktivierte, eine kaum wahrnehmbare Vibration lief durch den Boden. Die Andockklammern lösten sich, und für einen Moment hing das Fahrzeug schwerelos in der magnetischen Halterung, bevor es sich langsam nach vorne schob. Der Start war sanft, fast ohne spürbaren Übergang, dann beschleunigten wir entlang der vertikalen Startspur nach außen. Je weiter wir uns entfernten, desto klarer wurde der Blick auf den Schrottplatz, dessen Struktur sich wie ein künstlicher Kontinent ausbreitete. Trantor lag unter uns, ein überwiegend ockerfarbenes Band mit graugrünen Fragmenten ehemaliger Vegetation und zerstörter Siedlungszonen. Die Atmosphäre wirkte dünn, aber stabil, durchzogen von langen Wolkenschichten, die sich wie Kratzer über die Oberfläche zogen. Misora aktivierte den Kurs nach Tibe-Kea, und das eVTOL begann einen langen, schrägen Aufstieg. Je näher wir kamen, desto stärker wurden die Luftbewegungen. Das Fahrzeug stabilisierte sich automatisch gegen die wechselnden Windzonen, die sich über dem Planeten wie unsichtbare Strömungsbänder verteilten. Unter uns tauchte das Hochplateau auf, zuerst nur als heller Streifen in der Landschaft, dann als massiver, erhöhter Block aus Stein und Salz, umgeben von abrupt abfallenden Klippen, die in dunkle Tiefen stürzten. Ich spürte die erste echte Reaktion, als sich die Temperaturanzeige im Cockpit leicht veränderte. Die Luft dort unten war klarer, trockener, und das Licht wirkte schärfer, obwohl es durch die Höhenlage gedämpft wurde. Der Wind begann das Fahrzeug sichtbar zu beeinflussen, kleine Korrekturen liefen durch die Steuerdüsen, um die stabile Flugbahn zu halten. Tibe-Kea wirkte nicht wie ein Ort, sondern wie eine geologische Maschine, die ununterbrochen von Strömungen durchzogen wurde.
Dann veränderte sich die Szenerie erneut. Zuerst war es nur ein Schatten im oberen Sichtfeld, ein dunkler Punkt, der sich gegen die hellen Atmosphärenschichten abzeichnete. Die Sensoren des eVTOL reagierten minimal, aber ausreichend, um meine Aufmerksamkeit zu schärfen. Vanu richtete sich automatisch auf, Valentina drehte den Kopf nach oben, und Misora verlangsamte die Fluggeschwindigkeit leicht. Dann wurde die Form klar. Die aldrianische Korvette trat aus dem oberen Atmosphärenband hervor, eine schlanke, aerodynamische Struktur, deren Oberfläche das Licht des Planeten in gebrochenen Reflexionen zurückwarf. Sie wirkte nicht massiv, sondern präzise konstruiert, als wäre jeder Winkel auf minimale Widerstände im Raum optimiert. Keine überflüssigen Ausbuchtungen, nur klare Linien, die sich durch die Luft schnitten. Die Hülle reflektierte die helle Umgebung von Tibe-Kea in einem gedämpften Silberton, der mit dem darunterliegenden Gestein kontrastierte. Ich beobachtete, wie sie ihren Sinkflug einleitete, langsam, kontrolliert, fast schwerelos im Vergleich zu den natürlichen Turbulenzen des Planeten. Unterhalb des Plateaus lag der kleine Raumhafen, kaum mehr als eine flache, verstärkte Plattform aus Verbundmaterial, eingerahmt von temporären Hangars und einem einzigen Kontrollturm, dessen Lichter im Wind flackerten. Der Ort wirkte nicht wie eine Einrichtung, sondern wie eine improvisierte Markierung in einer gewaltigen Landschaft. Die Korvette passte ihre Ausrichtung an, reduzierte Geschwindigkeit und setzte schließlich in einer präzisen, fast lautlosen Bewegung auf der Plattform auf. Der Kontakt mit dem Boden wurde nur durch eine leichte Staubverdrängung sichtbar, die sich in dünnen, weißen Linien über die Landefläche zog. Ich blieb einen Moment still im eVTOL sitzen, während ich die Szene unter mir vollständig registrierte. Die Korvette stand dort wie ein fremdes, aber perfekt angepasstes Objekt in einer Umgebung, die selbst keine Nachlässigkeit zuließ.

Re: [EX16] Isekai no Xistence

Verfasst: Fr 3. Jul 2026, 21:49
von Tom
Bild

Kapitel 63 - Trantor

Ich trat langsam an die riesige Panoramascheibe der Aussichtslounge heran und blieb unmittelbar davor stehen. Unwillkürlich legte ich meine rechte Hand auf das kühle, makellos glatte Glas. Es war so sauber, dass es beinahe unsichtbar wirkte. Erst als sich meine Fingerspitzen dagegen pressten und sich ein matter Abdruck bildete, wurde mir bewusst, dass überhaupt eine Scheibe zwischen mir und der Welt draußen existierte. Ich atmete langsam aus. Die warme Luft beschlug für einen kurzen Moment das transparente Material, bevor die integrierte Klimaregulierung den feinen Schleier augenblicklich verschwinden ließ. Hinter der Scheibe lag Tibe-Kea. Misora hatte nicht übertrieben. Ich hatte in meinem bisherigen Leben viele Landschaften gesehen. Die grünen Ebenen der Erde. Die futuristischen Städte Argon Primes. Die gewaltigen künstlichen Strukturen auf Raumstationen. Die fremdartigen Regionen von Ni'sha'la, Zura und Nif'Nakh. Doch nichts davon bereitete mich auf diesen Anblick vor. Vor mir breitete sich ein Hochplateau aus, das scheinbar kein Ende kannte. Die Luft war außergewöhnlich klar. So klar, dass mein Gehirn Schwierigkeiten hatte, Entfernungen richtig einzuordnen. Dinge, die ich instinktiv nur wenige Kilometer entfernt vermutete, lagen laut den eingeblendeten Messdaten meines Armbands mehr als hundert Kilometer entfernt.
"Unfassbar...", murmelte ich.
Das Plateau bestand aus hellem, beinahe weißem Gestein, das stellenweise von grauen, silbrigen und ockerfarbenen Schichten durchzogen wurde. Dazwischen verliefen kilometerlange Risse, als hätte einst ein gigantischer Titan versucht, den gesamten Kontinent auseinanderzubrechen. Wind trieb feinen Staub über die Oberfläche. Er bildete lange, fließende Schleier, die aussahen wie Wasser, obwohl dort weit und breit kein Tropfen zu sehen war. Der Himmel war tiefrot. Nicht einfach rot. Ein intensives, fast unwirkliches Crimson, das nur durch die dünne Atmosphäre in dieser Höhe entstehen konnte. Weiße Wolken zogen unglaublich schnell über das Plateau hinweg. Innerhalb weniger Minuten veränderten sie vollständig ihre Form. Die Jetstreams rissen an ihnen, zogen sie auseinander und formten ständig neue Muster. Selbst durch die dicke Scheibe hörte ich ein tiefes Heulen. Nicht laut. Aber permanent. Der Wind. Er hörte niemals auf. Ich konnte sehen, wie sich draußen selbst größere Felsbrocken mit einer dünnen Staubschicht überzogen, die vom Wind ständig weitergetragen wurde. Kleine Steinchen hüpften gelegentlich einige Meter über den Boden, bevor sie wieder liegen blieben. Die Landschaft wirkte gleichzeitig wunderschön und lebensfeindlich.
Ich ließ meinen Blick weiter schweifen. Die Sichtweite betrug tatsächlich weit über zweihundert Kilometer. Normalerweise begrenzte die Planetenkrümmung jede Aussicht. Hier oben jedoch lag ich auf einem der höchsten Plateaus Trantors.
Weit unter mir erstreckten sich Ebenen. Gebirge. Täler. Und Spuren einer Welt, die einmal voller Leben gewesen war. Ganz am Horizont erhob sich eine Stadt. Oder vielmehr das, was einmal eine Stadt gewesen sein musste. Selbst auf diese unglaubliche Entfernung erkannte ich ihre geometrischen Formen. Hochhäuser ragten wie stumpfe Zähne aus der Ebene. Manche standen noch erstaunlich gerade. Andere waren in sich zusammengesackt. Zwischen ihnen verliefen breite Straßen, deren hellgraue Oberflächen noch immer das Sonnenlicht reflektierten. Kein Rauch. Keine Fahrzeuge. Keine Bewegung. Nicht einmal Vögel. Nur Wind. Mein Armband zoomte automatisch heran. Jetzt erkannte ich einzelne Gebäude deutlicher. Fenster fehlten. Brücken zwischen den Hochhäusern waren eingestürzt. Auf einem Platz lag das Wrack eines riesigen Frachters. Offenbar war er während eines Angriffs abgestürzt. Sein Bug hatte sich tief in den Boden gebohrt. Rundherum verlief ein kreisförmiger Krater. Die Vegetation hatte begonnen, sich langsam ihren Platz zurückzuerobern. Zwischen aufgebrochenem Asphalt wuchsen silbrig schimmernde Gräser. Kleine Büsche hatten Dächer erobert. Manche Fassaden waren vollständig von Pflanzen überwuchert. Es wirkte beinahe friedlich. Bis mir bewusst wurde, warum diese Stadt leer war. Ich schluckte.
Langsam wanderte mein Blick weiter. Noch weiter draußen erkannte ich mehrere Dörfer. Oder das, was davon übrig geblieben war. Holz- und Stahlhäuser standen schief. Manche Dächer fehlten. Andere Gebäude waren vollständig ausgebrannt. Ein Wasserturm lag umgestürzt quer über einer Straße. Auf einem verlassenen Marktplatz bewegte sich nichts außer Staub. Die Spielgeräte eines Kinderspielplatzes standen noch. Eine Schaukel bewegte sich langsam im Wind. Nur durch den Wind. Ich wusste nicht, warum gerade dieses Bild mich so traf. Vielleicht, weil es zeigte, dass hier einmal Kinder gespielt hatten. Familien gelebt hatten. Menschen gelacht hatten. Und nun... Nichts. Ich presste die Lippen zusammen.
Mein Blick wanderte weiter. Noch weiter. Die Landschaft wechselte. Jetzt sah ich breite dunkle Narben. Kilometerlang. Sie schnitten sich durch Wälder und Ebenen wie Brandmale. Misora trat leise neben mich.
"Ohne Scanner erkennt man sie kaum."
"Wovon stammen sie?"
"Abstürzende Großkampfschiffe." Ich schwieg. Sie ebenfalls. Nach einigen Sekunden sprach sie weiter. "Wenn ein Zerstörer mit mehreren Kilometern pro Sekunde einschlägt... bleibt nicht viel übrig."
Ich betrachtete einen dieser Einschlagsorte. Er war gigantisch. Selbst aus dieser Entfernung erkannte ich den Krater. Sein Rand war schwarz. In der Mitte schimmerte geschmolzenes Gestein. Ringsherum fehlte jeder Baum. Keine Vegetation. Nichts. Als hätte jemand einen Teil des Planeten einfach ausgelöscht.
"Xenon?", fragte ich leise.
Misora nickte. "Und Kha'ak."
Ich schloss kurz die Augen. Die Zahlen hatte ich gekannt. Über neunundsiebzig Millionen Einwohner. Jetzt weniger als fünfzehn Millionen. Statistiken. Tabellen. Berichte. Sie hatten nie wirklich zu mir gesprochen. Aber jetzt... Jetzt stand ich hier. Und sah die Konsequenzen. Jeder Krater bedeutete Tausende Tote. Jede verlassene Stadt zehntausende Schicksale. Jedes eingestürzte Gebäude Menschen, die niemals zurückgekehrt waren. Ich öffnete langsam wieder die Augen. In der Ferne bewegte sich etwas. Mein Armband fokussierte automatisch. Ein alter Windgenerator. Seine Rotorblätter drehten sich noch immer. Langsam. Unermüdlich. Offenbar arbeitete seine Mechanik selbst Jahrzehnte später noch. Er versorgte vermutlich längst niemanden mehr mit Energie. Und trotzdem drehte er sich. Immer weiter. Immer weiter. Ich musste unwillkürlich lächeln.
"Der gibt nicht auf."
Misora folgte meinem Blick. "Viele Maschinen hier funktionieren noch."
"Und niemand nutzt sie."
"Es gibt zu wenige Menschen."
Dieser eine Satz traf mich härter als alles andere. Nicht Krieg. Nicht Zerstörung. Nicht Ruinen. Sondern der Mangel an Menschen. Eine Welt konnte Gebäude ersetzen. Straßen neu bauen. Raumstationen rekonstruieren. Aber verlorene Generationen... Dafür gab es keine Fabrik. Keine Werft. Keine Produktionslinie. Ich lehnte meine Stirn gegen die Scheibe. Von hier oben wirkte Trantor friedlich. Fast idyllisch. Die Sonne tauchte das Plateau in goldenes Licht. Der weiße Fels begann zu leuchten. Die langen Schatten der Gebirge wanderten langsam über die Ebene. Der Wind zeichnete ständig neue Muster in den Staub. Es war wunderschön. Und genau deshalb schmerzte dieser Anblick umso mehr. Die Natur hatte begonnen, die Wunden zu verdecken. Nicht zu heilen. Nur zu verdecken. Unter jedem überwucherten Fundament. Unter jeder verlassenen Straße. Unter jedem eingestürzten Dach. Lagen Erinnerungen. Geschichten. Familien. Ich fragte mich, wie viele Menschen damals genau hier gestanden hatten. Vielleicht ebenfalls an einem Fenster. Vielleicht ebenfalls mit einem Getränk in der Hand. Vielleicht hatten sie denselben Horizont betrachtet. Ohne zu ahnen, dass ihr Leben bald enden würde.
Mein Blick wanderte erneut über die schier endlose Landschaft. Zweihundertfünfzig Kilometer. So weit konnte ich sehen. Und dennoch hatte ich das Gefühl, nur einen winzigen Bruchteil der Narben dieses Planeten zu erkennen. Ich verstand plötzlich, warum Misora ihren Schrottplatz nie verlassen hatte. Warum sie jede Schraube, jede Platte und jedes Wrack aufgehoben hatte. Für Außenstehende war es Schrott. Für sie waren es Überreste einer Welt, die sie nicht vergessen wollte. Ich atmete tief durch. Der Wind draußen heulte unaufhörlich über das Plateau, als wollte er die Vergangenheit forttragen. Doch manche Wunden waren zu tief. Selbst ein Planet vergaß sie nicht.
Ich blieb noch einige Augenblicke regungslos vor der gewaltigen Panoramascheibe stehen. Meine Hand ruhte weiterhin auf dem kühlen Material, während mein Blick über die unzähligen Narben Trantors glitt. Der Planet hatte etwas Eigenartiges an sich. Er war weder tot noch wirklich lebendig. Er befand sich irgendwo dazwischen. Wie ein Patient, der zwar überlebt hatte, dessen Körper aber noch Jahrzehnte brauchen würde, um sich vollständig zu regenerieren. Neben mir herrschte Stille. Nicht die unangenehme Stille zwischen Menschen, die nichts zu sagen hatten. Sondern jene ruhige Stille, in der jeder seinen eigenen Gedanken nachhing. Schließlich hörte ich Misoras Stimme. Leise. Fast sanft.
"Komm."
Ich löste meinen Blick nur widerwillig von der Landschaft und sah sie an. Sie stand bereits einige Schritte entfernt an einer Seitentür der Aussichtslounge. Ihr Gesicht wirkte nachdenklich, aber nicht traurig. Es war vielmehr der Ausdruck eines Menschen, der sich längst mit der Vergangenheit arrangiert hatte, ohne sie jemals vergessen zu können.
"Wohin?"
"Es gibt noch einen Aussichtspunkt."
Ich hob leicht eine Augenbraue. "Noch besser als dieser?"
Ein kleines Lächeln huschte über ihre Lippen. "Anders."
Mehr sagte sie nicht. Ich folgte ihr. Vanu und Valentina schlossen sich schweigend an. Wir verließen die Lounge und betraten einen langen Verbindungsgang, dessen eine Seite vollständig aus Glas bestand. Während wir gingen, glitt die Landschaft langsam an uns vorbei. Das Licht der Sonne brach sich immer wieder in den tragenden Streben der Konstruktion und warf lange geometrische Schatten über den Boden. Der Wind war hier deutlicher zu hören. Er strich über die Außenhülle des Gebäudes und erzeugte ein tiefes, fast melodisches Heulen, das ständig seine Tonhöhe veränderte. Unsere Schritte hallten dumpf über den hellgrauen Bodenplatten. Je weiter wir gingen, desto weniger Menschen begegneten uns. Nur vereinzelt liefen Wanderer mit wetterfester Kleidung vorbei. Einige trugen Kletterausrüstung auf dem Rücken. Andere schoben magnetische Boards neben sich her. Ein älteres Paar saß auf einer Bank und betrachtete schweigend die Landschaft, als hätten sie alle Zeit des Universums. Schließlich erreichten wir eine kleinere Plattform. Sie ragte weit aus der Felswand hinaus. Im Gegensatz zur ersten Lounge bestand sie fast ausschließlich aus Glas und Stahl. Das Dach war schmal gehalten, sodass der Himmel beinahe den gesamten Blick ausfüllte. Hier war niemand. Nur wir. Misora trat bis unmittelbar an die Scheibe.
"Schau diesmal nicht nach Westen."
Ich stellte mich neben sie. "Wohin dann?"
"Nach Osten."
Ich folgte ihrer Blickrichtung. Zunächst erkannte ich nur Berge. Unzählige Berge. Dann senkte sich das Gelände langsam. Und plötzlich...
"..." Ich sagte nichts.
Weil mir schlicht die Worte fehlten. Dort unten... War Leben. Nicht vereinzelte Gebäude. Nicht Ruinen. Nicht verlassene Städte. Sondern echte Siedlungen. Mehrere davon. Mein Blick wanderte automatisch von einer zur nächsten. In einem breiten Tal lag eine Stadt. Keine Megametropole wie Nathania. Aber groß genug, um mehrere hunderttausend Einwohner zu beherbergen. Weiße Hochhäuser ragten zwischen Grünflächen empor. Breite Alleen zogen sich durch das Stadtbild. Zwischen den Gebäuden erkannte ich Parks. Wasserflächen. Brücken. Auf den Straßen bewegten sich Fahrzeuge. Langsam. Geordnet. Keine Hektik. Keine Staus. Nichts wirkte überfüllt. Die Stadt atmete ruhig. Sie erinnerte mich an einen Menschen, der tief und gleichmäßig schlief. Daneben lagen mehrere kleinere Ortschaften. Dörfer. Jedes einzelne sauber angelegt. Helle Dächer. Große Gärten. Windschutzhecken. Kleine Felder. Ich konnte sogar vereinzelte landwirtschaftliche Maschinen erkennen. Sie bewegten sich gemächlich über die Äcker. Nicht hektisch. Nicht industriell. Fast gemütlich. Weiter entfernt schlängelte sich ein Fluss durch die Ebene. Sein Wasser glitzerte silbern im Sonnenlicht. An seinen Ufern standen Windräder. Nicht besonders groß. Aber viele. Sie drehten sich gleichmäßig im stetigen Luftstrom. Die gesamte Landschaft wirkte... Ausgeglichen. Ich runzelte leicht die Stirn.
"Irgendetwas ist merkwürdig."
Misora nickte. "Ja."
"Ich komme nur nicht darauf."
Vanu trat neben mich. Sie verschränkte die Arme. "Es bewegt sich erstaunlich wenig."
Ich sah erneut hinaus. Jetzt fiel es mir ebenfalls auf. Natürlich fuhren Fahrzeuge. Menschen liefen über Plätze. Ein Güterzug bewegte sich langsam durch ein Tal. Auf einem Sportplatz trainierten einige Jugendliche. Rauch stieg aus mehreren Schornsteinen. Und dennoch... Alles wirkte... Statisch. Nicht eingefroren. Aber ruhig. Fast meditativ.
Valentina sprach schließlich das aus, was ich empfand. "Es gibt keinen Wachstumsdruck." Ich sah sie fragend an. Sie deutete hinaus. "Schau genauer."
Ich ließ meinen Blick erneut schweifen. Jetzt erkannte ich es. Es gab kaum Baustellen. Nur vereinzelt standen Baukräne. Neue Wohngebiete entstanden kaum. Industrieanlagen wirkten vollständig ausgelastet, aber nicht überlastet. Nirgendwo sah ich riesige Neubauprojekte. Keine expandierenden Vororte. Keine endlosen Gewerbegebiete. Keine kilometerlangen Containerterminals. Selbst der Raumhafen der Stadt wirkte... Ausreichend. Nicht gigantisch. Nicht überdimensioniert. Einfach passend.
"Die Bevölkerung wächst kaum", sagte ich leise.
Misora nickte. "Genau."
Ich sah sie an. "Deshalb wirkt alles so ruhig."
"Ja." Sie trat ebenfalls näher an die Scheibe. "Vor den Kriegen war Trantor ein völlig anderer Planet." Ihre Stimme blieb ruhig. "Die Städte waren voller. Die Raumhäfen platzten aus allen Nähten. Neue Wohngebiete entstanden jedes Jazura. Es gab Wartelisten für Grundstücke. Die Universitäten mussten ständig erweitert werden." Sie machte eine kurze Pause. "Heute..." Sie deutete hinaus. "...ist das Gleichgewicht zurückgekehrt."
"Nicht Wohlstand?"
"Doch. Wohlstand schon. Aber ohne Wachstum."
Ich dachte einen Moment darüber nach. "Das heißt ... jede Generation ersetzt ungefähr nur noch die vorherige."
"Ja."
Ich sah erneut hinaus. Jetzt fiel mir noch etwas auf. Die Straßen. Sie waren breit. Zu breit. Für die Menge an Fahrzeugen. Viele Gebäude besaßen deutlich mehr Wohnungen, als offenbar benötigt wurden. Parkhäuser waren nur halb gefüllt. Mehrere Schulen wirkten größer, als sie sein mussten. Selbst Krankenhäuser erschienen überdimensioniert.
"Alles wurde für mehr Menschen gebaut."
Misora nickte langsam. "Und diese Menschen kamen nie zurück."
Der Satz traf mich. Nicht mit Gewalt. Sondern langsam. Wie kalter Regen. Ich beobachtete eine Schwebebahn. Sie glitt durch die Innenstadt. Vielleicht zwanzig Fahrgäste. Platz für zweihundert. Auf einem Marktplatz schlenderten Menschen zwischen kleinen Marktständen. Kinder spielten. Ältere saßen auf Bänken. Eine Musikergruppe trat auf. Niemand wirkte gestresst. Niemand rannte. Niemand drängelte. Es war... Schön. Und gleichzeitig melancholisch. Als hätte die gesamte Gesellschaft beschlossen, nicht mehr zu wachsen. Sondern einfach nur weiterzuleben. Ich atmete tief durch.
"Wie viele Menschen leben dort?"
Misora aktivierte ihr Datenpad. "Je nachdem welche Stadt du meinst." Sie vergrößerte eine. "Etwa dreihunderttausend." Eine weitere. Einhundertzehntausend." Noch eine. "Fünfundsechzigtausend."
Ich nickte langsam. "Und trotzdem wirkt alles..."
"...kleiner?"
"Nein. Leerer."
Misora lächelte traurig. "Das ist Trantor." Sie verschränkte die Hände hinter dem Rücken. "Wir haben fast alles wieder aufgebaut. Aber wir können keine Toten ersetzen."
Ich schwieg. Der Wind heulte draußen ununterbrochen über das Plateau. In der Ferne hob ein Transporter langsam vom Raumhafen einer der Städte ab. Ein Passagierzug glitt lautlos über eine Magnetschiene. Ein Bauernhof aktivierte seine Bewässerungsanlage. Leben. Überall Leben. Doch kein Überfluss. Kein Gedränge. Keine Expansion. Nur Menschen, die gelernt hatten, mit dem auszukommen, was ihnen geblieben war. Zum ersten Mal verstand ich wirklich, warum Trantor trotz seiner Wunden nicht aufgegeben hatte. Der Planet kämpfte nicht mehr darum, wieder der zu werden, der er einmal gewesen war. Er hatte akzeptiert, dass diese Zeit vorbei war. Und genau deshalb konnte er weiterleben.

Ich hatte mich irgendwann von Vanu, Valentina und Misora entfernt. Nicht weit. Gerade weit genug, um für eine Weile allein zu sein. Die beiden Aussichtspunkte hatten in mir etwas ausgelöst, das ich nur schwer beschreiben konnte. Einer zeigte mir die Wunden Trantors. Der andere bewies, dass der Planet trotz allem noch lebte. Beides gleichzeitig zu sehen, machte das Bild nur noch schwerer zu begreifen. Der stetige Wind war inzwischen zu einem vertrauten Begleiter geworden. Er riss unaufhörlich an meiner Kleidung und ließ selbst das dicke Gewebe meiner Jacke flattern. Die Luft war kühl und trocken. Mit jedem Atemzug füllte sich meine Lunge mit einer Reinheit, die ich weder von Argon Prime noch von einer Raumstation kannte. Sie roch nach Stein, Staub und einer kaum wahrnehmbaren mineralischen Note, als würde der nackte Fels selbst einen Geruch besitzen. Der kleine Aussichtskomplex bestand aus mehreren Gebäuden, die über schmale Stege miteinander verbunden waren. Sie waren niedrig gebaut, damit sie dem Wind möglichst wenig Angriffsfläche boten. Helle Natursteine wechselten sich mit silbergrauen Metallverstärkungen ab. Überall hörte ich das dumpfe Heulen des Jetstreams, der an den Fassaden entlangstrich und gelegentlich feinen Staub über die Wege trieb. Ich ging ohne bestimmtes Ziel einen der äußeren Stege entlang. Nur wenige Besucher waren unterwegs. Ein junges Paar machte Fotos. Einige Klettersportler überprüften ihre Ausrüstung. Ein paar ältere Touristen saßen schweigend auf Bänken und blickten über das Plateau.
Dann fiel mir ein Mann auf. Er saß völlig allein auf einer einfachen Holzbank, die dem Wind trotzte. Sie war alt. Wirklich alt. Das Holz war von Sonne und Wetter ausgebleicht und wies unzählige feine Risse auf. Dennoch war sie stabil. Der Mann darauf wirkte beinahe unscheinbar. Er trug einfache Kleidung. Eine hellgraue Jacke. Eine dunkelbraune Stoffhose. Schlichte Wanderstiefel. Keine Orden. Keine auffällige Technik. Keine Begleiter. Sein Haar war vollständig weiß geworden und fiel ihm offen bis knapp über die Schultern. Es war deutlich dünner als das eines jungen Argonen. Sein Gesicht war von tiefen Falten durchzogen. Jede einzelne schien eine eigene Geschichte zu erzählen. Die Haut hatte jene lederartige Struktur angenommen, die nur viele Jahrzehnte unter Sonne und Wind hervorbringen konnten. Seine Augen hingegen... Sie waren wach. Hell. Und erstaunlich klar. Sie betrachteten den Horizont nicht, als würden sie ihn sehen. Sondern als würden sie sich erinnern. Ich blieb kurz stehen. Er bemerkte mich sofort.
"Oh." Ein leichtes Lächeln erschien auf seinem Gesicht. "Sie sind doch dieser Grau."
Ich nickte höflich. "Tori."
"Ich weiß." Er klopfte mit einer knochigen Hand auf den freien Platz neben sich. "Setzen Sie sich."
Ich überlegte kurz. Dann tat ich es. Die Bank knarrte leise. Einige Augenblicke sagte keiner von uns etwas. Wir blickten beide hinaus. Schließlich brach der alte Mann die Stille.
"Schöner Planet."
"Ja."
"Aber Sie sehen nicht das, was ich sehe."
Ich drehte leicht den Kopf. "Was sehen Sie?"
Er lächelte müde. "Die Vergangenheit."
Seine Stimme war ruhig. Nicht wehmütig. Nicht verbittert. Nur alt.
"Wie alt sind Sie?"
"Hundertvier Jazuras."
Ich hob überrascht die Augenbrauen. "So alt?"
Er lachte leise. "Früher war das nichts Besonderes."
Ich musste unwillkürlich schmunzeln. "Für mich schon."
Er nickte langsam. "Ich wurde geboren, lange bevor die Xenon hier auftauchten."
Ich schwieg sofort. Das änderte alles. Ich lehnte mich etwas zurück. "Wie war es damals?"
Der alte Mann atmete tief ein. Seine Brust hob und senkte sich langsam. Dann begann er zu erzählen. "Damals..." Er lächelte. "...war Presidents End ein völlig anderes System." Sein Blick verlor sich in der Ferne. "Wir waren nie eine Kernwelt wie Argon Prime. Aber wir gehörten zu den wohlhabendsten Grenzsystemen." Ich hörte aufmerksam zu. "Alles begann mit Vulcanus." Er hob langsam den Arm und zeigte irgendwo weit nach Westen. "Der erste Planet. Dort wollte niemand leben." Er lachte leise. "Zu heiß. Zu trocken. Zu viele Vulkane. Aber..." Seine Augen begannen zu leuchten. "...unter seiner Oberfläche lagen Schätze." Er machte eine kurze Pause. "Und in seinem Asteroidenring." Sein Finger wanderte ein Stück höher. "Der war noch wertvoller. Damals schürften dort Tausende Bergbauschiffe. Tazura und Nazura. Erze. Silizium. Nividium. Seltene Kristalle. Mineralien, deren Namen heute kaum noch jemand kennt."
Ich stellte mir die Szenerie vor. Unzählige Frachter. Bergbaulaser. Raumstationen. Leben. "Der gesamte Gürtel war voller Minen?"
"Oh ja." Er nickte. "Manchmal sah man die Sterne kaum noch."
"So viele Schiffe?"
"So viele Schiffe." Er lachte. Ich war mir sicher, dass er übertrieb. "Wenn man damals mit einem kleinen Jäger hindurchflog, musste man höllisch aufpassen."
Ich musste grinsen. "Stau im Asteroidengürtel?"
"Fast." Wir lachten beide kurz. Dann wurde sein Blick wieder ernster. "Alles, was dort gefördert wurde, kam nach Trantor."
Ich sah hinaus. "Hierher."
"Ja. Damals war Trantor das wirtschaftliche Herz des Systems." Seine Stimme gewann an Kraft. "Die Raumhäfen arbeiteten rund um die Uhr. Überall entstanden neue Fabriken. Schiffswerften. Raffinerien. Universitäten. Forschungszentren. Unsere Ingenieure galten als die besten der gesamten Föderation." Er schloss kurz die Augen. "Es gab Arbeit. Für jeden. Immer."
Ich hörte nur zu.
"Die Städte..." Ein Lächeln erschien auf seinem Gesicht. "...sie waren voller Leben. Musik. Feste. Märkte. Kinder. Studenten. Touristen. Piloten aus allen Teilen der Föderation." Seine Stimme wurde leiser. "Ich lernte meine Frau auf einem Frühlingsfest in Nordan kennen." Er lächelte in sich hinein. "Damals glaubten wir, dass alles ewig so bleiben würde." Der Wind wurde für einen Moment stärker. Er riss an seinem weißen Haar. Der alte Mann bemerkte es kaum. "Die Landwirtschaft florierte. Die Minen lieferten Rohstoffe. Die Werften bauten Schiffe. Die Fabriken produzierten Waren. Und die Händler brachten alles in die übrigen Systeme." Er sah mich an. "Wissen Sie, was das Schönste war?" Ich schüttelte den Kopf. "Man hatte keine Angst." Ich schwieg. "Natürlich gab es Piraten. Natürlich gab es Kriminalität. Aber..." Er blickte wieder hinaus. "...niemand dachte ernsthaft daran, dass ein ganzes Sternensystem ausgelöscht werden könnte." Seine Stimme wurde brüchig. "Die Xenon haben uns diese Unschuld genommen." Er senkte langsam den Blick. "Und später kamen die Kha'ak." Seine Hände ruhten regungslos auf seinem Gehstock. "Die Xenon zerstörten unsere Infrastruktur. Die Kha'ak zerstörten unseren Mut." Er sagte diesen Satz ohne Bitterkeit. Nur als Feststellung. "Viele gingen. Viele starben. Aber wenige..." Er sah über die Landschaft. "...blieben."
Ich folgte seinem Blick. In der Ferne lagen die Städte, die ich zuvor gesehen hatte. Lebendig. Aber ruhig. Der alte Mann lächelte schwach. "Die jungen Leute glauben manchmal, Trantor wäre immer so gewesen." Er schüttelte langsam den Kopf. "Nein. Dieser Planet war einmal laut. Fröhlich. Voller Hoffnung." Er legte seine wettergegerbte Hand auf die Bank. "Und wissen Sie..." Ich sah ihn an. "...ich bin trotzdem glücklich."
"Wirklich?"
Er nickte. "Ja. Weil ich noch erleben durfte, wie Menschen wie Sie kommen."
Ich runzelte die Stirn. "Ich?"
"Sie bauen wieder." Er deutete irgendwo zum Himmel. "Altrix Nova. Neue Werften. Neue Arbeitsplätze. Neue Familien." Er lächelte warm. "Vielleicht wird Presidents End nie wieder so wie früher." Seine Augen richteten sich erneut auf den Horizont. "Aber vielleicht..." Er atmete tief durch. "...muss es das auch gar nicht."
Ich blieb lange neben ihm sitzen. Wir schwiegen beide. Vor uns zog der Wind unermüdlich über das Hochplateau. Und irgendwo tief unter uns lebte ein Planet weiter, der zwar seine goldenen Zeiten verloren hatte, dessen Herz aber trotz aller Narben niemals aufgehört hatte zu schlagen.
Keiner von uns verspürte den Drang, das Gespräch künstlich fortzuführen. Der Wind pfiff unablässig über das Plateau und brachte die langen weißen Haarsträhnen meines Gegenübers immer wieder durcheinander. Er strich mit erstaunlicher Gelassenheit darüber, schob sie hinter sein Ohr und ließ den Blick wieder über die weite Landschaft schweifen. Seine hellen Augen wirkten dabei nicht, als würden sie die Gegenwart betrachten. Sie blickten durch Jazurazehnte hindurch.
Nach einer langen Pause sprach er von selbst weiter. "Sie wissen..." Er räusperte sich kurz. "...der Untergang beginnt nie plötzlich." Ich sah ihn aufmerksam an. "Er schleicht sich an." Seine Stimme war ruhig, beinahe nachdenklich. "So war es jedenfalls bei uns." Er stützte beide Hände auf seinen Gehstock. "Als junger Mann machte ich mir über Piraten kaum Gedanken." Ein schwaches Lächeln erschien. "Natürlich hörte man Geschichten. Hier ein überfallener Frachter. Dort eine verschwundene Transportmaschine. Ein abgelegener Außenposten, der plötzlich keinen Funkkontakt mehr hatte." Er hob leicht die Schultern. "Das gehörte eben dazu. Jeder glaubte, dass es immer nur die anderen traf."
Ich nickte langsam. Diesen Denkfehler kannte ich nur zu gut.
"Damals flogen die Händler noch oft allein. Eskorten galten als teuer. Versicherungen übernahmen viele Schäden. Und die Föderation versprach regelmäßig, dass zusätzliche Patrouillen unterwegs seien." Er lachte leise. "Das klang beruhigend." Sein Lächeln verschwand wieder. "Aber irgendwann änderte sich etwas." Ich hörte aufmerksam zu. "Die Piraten wurden mutiger." Er zeigte hinaus. "Dort draußen." Er deutete irgendwo Richtung Orbit. "Früher warteten sie außerhalb der Handelsrouten. Dann griffen sie direkt auf ihnen an. Noch später sogar in Sichtweite der Stationen."
Ich stellte mir vor, wie sich diese Veränderung angefühlt haben musste. Nicht plötzlich. Sondern langsam. Fast unmerklich.
"Immer öfter hörte man Explosionen. Immer häufiger fehlten Bekannte. Frachter kamen verspätet. Manche gar nicht mehr." Sein Blick wurde dunkler. "Die Versicherungen erhöhten ihre Beiträge. Speditionen verlangten bewaffnete Begleitung. Raumfahrer begannen, ihre Familien vor jedem Start länger zu umarmen." Der Wind ließ seinen Mantel flattern. "Angst verändert Menschen. Nicht sofort. Aber Stück für Stück." Ich schwieg. "Restaurants schlossen früher. Nachtschichten wurden reduziert. Immer mehr Händler weigerten sich, bestimmte Regionen anzufliegen." Er lächelte bitter. "Und trotzdem redeten sich alle ein, dass es schon wieder besser werden würde." Er hob langsam den Blick zum Himmel. "Tat es aber nicht."
Ich bemerkte, wie sich seine Hände etwas fester um den Gehstock schlossen.
"Dann kamen die Xenon." Allein dieses Wort veränderte seine Stimme. Sie wurde schwerer. Ernsthafter. "Anfangs hielten viele sie für einen weiteren Feind. Gefährlicher. Aber beherrschbar." Er schüttelte langsam den Kopf. "Was für Narren wir waren." Ich konnte förmlich hören, wie ihn diese Erkenntnis bis heute beschäftigte. "Piraten wollten Profit. Sie überfielen. Raubten. Erpressten. Aber irgendwann flogen sie wieder davon." Er machte eine kleine Pause. "Die Xenon..." Seine Augen wurden glasig. "...kamen, um alles auszulöschen."
Keiner von uns sprach. Selbst der Wind schien für einen Moment leiser geworden zu sein.
"Sie interessierten sich weder für Geld. Noch für Politik. Sondern für Ressourcen. Sie wollten nur eines. Vernichten." Ich schluckte unwillkürlich. "Anfangs griffen sie einzelne Konvois an." "Dann Bergbaustationen. Dann Verteidigungsplattformen. Und schließlich alles." Er atmete tief durch. "Jedes Jazura wurden ihre Angriffe stärker. Nicht nur häufiger. Sondern besser. Besser koordiniert. Besser bewaffnet. Besser vorbereitet." Er sah mich an. "Maschinen lernen. Das hatten wir unterschätzt."
Ich erinnerte mich an alles, was ich inzwischen über die Xenon wusste. Sie waren keine gewöhnlichen Gegner. Sie analysierten. Sie optimierten. Sie entwickelten sich.
Der alte Mann fuhr fort. "Die ersten Familien verließen das System freiwillig. Sie glaubten, sie würden irgendwann zurückkehren. Sie verkauften ihre Häuser nicht. Sie schlossen lediglich die Türen." Sein Blick wanderte wieder hinaus. "Viele dieser Häuser stehen heute noch." Ich dachte an die verlassenen Städte, die ich zuvor gesehen hatte. Jetzt bekamen sie eine neue Bedeutung. "Dann begannen die Evakuierungen." Seine Stimme wurde leiser. "Nicht auf einmal. Bezirk für Bezirk. Kolonie für Kolonie. Erst Kinder. Dann Alte. Dann ganze Gemeinden." Er schloss kurz die Augen. "Es war ein seltsamer Anblick. Wissen Sie..." Ich schüttelte leicht den Kopf. "Man sah ständig Schiffe starten. Nicht hunderte. Tausende. Ununterbrochen. Jeder nahm mit, was er tragen konnte." Er lächelte traurig. "Die meisten glaubten noch immer, bald wiederzukommen." Er strich langsam über den Knauf seines Stocks. "Manche ließen sogar das Essen auf dem Tisch stehen."
Ich spürte, wie sich meine Brust zusammenzog. "So schnell?"
"Ja. Weil niemand wahrhaben wollte, dass es endgültig sein könnte." Der alte Mann blickte lange schweigend auf die Ebene. Dann sprach er weiter. "Und schließlich..." Seine Stimme wurde kaum hörbar. "...kamen die Kha'ak." Ich hatte inzwischen zahlreiche Berichte gelesen. Aber einen Zeitzeugen hatte ich noch nie getroffen. "Das war vor sechzig Jazuras." Er nickte langsam. "Ich war damals vierundvierzig. Mitten im Berufsleben. Meine Tochter war gerade erwachsen geworden." Seine Finger zitterten leicht. "Wir glaubten, wir hätten schon alles gesehen." Er schüttelte langsam den Kopf. "Nein. Hatten wir nicht." Ich wartete. "Sie erschienen einfach." Er hob den Blick zum Himmel. "Keine Warnung. Keine Verhandlungen. Keine Forderungen. Nichts. Plötzlich waren sie da." Seine Augen spiegelten den Himmel. "Überall. Insekten. Braun. Gepanzert. Unzählbar." Ich sah förmlich die Bilder vor mir. "Unsere Flotte kämpfte. Tapfer. Verzweifelt. Aber..." Er machte eine lange Pause. "...es war hoffnungslos." Seine Stimme brach fast. "Ich stand damals auf einer Orbitalstation. Wir konnten den gesamten Himmel sehen." Er schluckte. "Überall Explosionen. Stationen. Werften. Fabriken. Handelszentren. Kommunikationsplattformen. Nacheinander. Immer mehr." Sein Blick blieb unverändert ruhig. Vielleicht zu ruhig. Als hätte er diese Erinnerungen schon tausendmal durchlebt. "Das Seltsamste war..." Er sah mich an. "...sie interessierten sich überhaupt nicht für Trantor."
Ich runzelte die Stirn. "Nicht?"
Er schüttelte den Kopf. "Sie griffen den Planeten nicht an. Keine Bombardierung. Keine Landung. Keine Invasion. Sie vernichteten ausschließlich alles im Weltraum."
Ich dachte darüber nach. Die Raumstationen. Die Werften. Die Infrastruktur. "Warum?"
Er hob langsam die Schultern. "Keine Ahnung. Vielleicht waren wir ihnen gleichgültig. Oder wir passten nicht in ihre Logik." Er sah wieder hinaus. "Aber als sie abzogen..." Seine Stimme verlor fast jede Kraft. "...war der Himmel leer." Ich folgte seinem Blick. "Nicht friedlich leer. Todleer. Keine Handelsrouten. Keine Konvois. Keine Patrouillen. Keine Stationen. Nichts." Er schloss die Augen. "Der Weltraum selbst fühlte sich plötzlich verlassen an."
Ich stellte mir vor, wie schrecklich dieses Bild gewesen sein musste. Ein Sternensystem. Ohne seine Infrastruktur. Ohne seine Verbindung. Ohne sein pulsierendes Leben.
Der alte Mann atmete tief durch. "Die Planeten blieben. Die Menschen auch. Aber unser Rückgrat..." Er deutete langsam zum Himmel. "...war gebrochen."
Wieder schwiegen wir. Lange. Der Wind strich unaufhörlich über Tibe-Kea. Irgendwo weit entfernt zog ein einzelner Frachter seine Kondensstreifen durch den klaren Himmel. Nur einer. Ich fragte mich unwillkürlich, wie derselbe Himmel wohl ausgesehen hatte, als dort gleichzeitig tausende Schiffe unterwegs gewesen waren. Der alte Mann schien meine Gedanken zu erraten.
"Damals", sagte er mit einem kaum sichtbaren Lächeln, "brauchte man manchmal mehrere Stazuras, um im Orbit einen freien Anflugkorridor zu bekommen."
Ich blickte zum Himmel empor. Jetzt war dort fast nichts. Nur rot. Und die Erinnerung eines Mannes, der alt genug geworden war, um zwei völlig verschiedene Zeitalter desselben Sternensystems erlebt zu haben.

Ich blieb noch eine ganze Weile auf der alten Holzbank sitzen. Der Wind pfiff unvermindert über das Hochplateau von Tibe-Kea hinweg und brachte meine Haare ebenso durcheinander wie die letzten Gedanken, die der alte Mann in mir hinterlassen hatte. Seine Worte hallten nach. Nicht, weil sie dramatisch gewesen wären. Im Gegenteil. Er hatte alles mit einer Ruhe erzählt, die mich weit mehr berührte als jede ausschmückende Darstellung es gekonnt hätte. Vielleicht lag genau darin ihre Wirkung. Für ihn waren all diese Ereignisse längst Teil seines Lebens geworden. Er musste nichts beweisen. Er musste niemanden überzeugen. Er hatte sie erlebt.
Ich ließ meinen Blick erneut über die unendliche Weite schweifen. Selbst nach einer gefühlten Ewigkeit faszinierte mich diese Aussicht noch immer. Der Himmel war von einem intensiven Crimson, das mit zunehmender Entfernung langsam heller wurde und schließlich beinahe gelb am Horizont auslief. Über den schroffen Kanten der umliegenden Gebirge rissen die permanenten Jetstreams feine Staubschleier mit sich, die wie silbrige Nebelbänder wirkten. Das Sonnenlicht spiegelte sich auf den hellen Salzflächen des Plateaus, ohne dabei zu blenden. Stattdessen verlieh es der Landschaft einen fast unwirklichen Glanz.
In meinem Kopf fügte sich langsam ein Bild zusammen. Damals. Vor den Piraten. Vor den Xenon. Vor den Kha'ak. Ich stellte mir das Sonnensystem vor, wie es der alte Mann beschrieben hatte. Unzählige Frachter. Bergbauschiffe. Orbitalwerften. Verkehrsknotenpunkte. Forschungseinrichtungen. Millionen Menschen, die jeden Morgen zur Arbeit gingen, ohne darüber nachzudenken, dass ihr gesamtes Leben irgendwann nur noch eine Erinnerung sein könnte. Heute war davon nur noch ein Schatten übrig. Der Wiederaufbau hatte zweifellos Fortschritte gemacht. Das hatte ich inzwischen selbst gesehen. Es gab funktionierende Städte. Fabriken. Raumhäfen. Landwirtschaft. Die Menschen lebten nicht mehr in Angst vor täglichen Angriffen. Und dennoch... Irgendetwas fehlte. Vielleicht war es Zuversicht. Vielleicht Vertrauen. Vielleicht schlicht die Masse an Menschen. Der alte Mann hatte erzählt, dass einst fast achtzig Millionen Bewohner im System gelebt hatten. Heute waren es nicht einmal mehr fünfzehn Millionen. Ich musste nicht Wirtschaft studiert haben, um zu verstehen, was das bedeutete. Jeder Arbeitsplatz fehlte. Jeder Ingenieur. Jeder Wissenschaftler. Jeder Unternehmer. Jede Familie. Jedes Kind. Jeder einzelne Mensch hinterließ eine Lücke. Ich erinnerte mich daran, wie ich zuvor auf die verlassenen Städte hinabgeblickt hatte. Vorhin hatte ich sie nur als Ruinen wahrgenommen. Jetzt wusste ich, dass dort einmal Leben gewesen war. Echtes Leben. Mit Hoffnungen. Mit Träumen. Mit Alltag.
Ein kalter Windstoß ließ mich unwillkürlich frösteln. Langsam erhob ich mich. Die Holzbank knarrte leise unter meinem Gewicht. Ich blickte mich um. Der alte Mann war inzwischen verschwunden. Ich hatte gar nicht bemerkt, wann er aufgestanden war. Sein Platz war leer. Nur einige feine Staubkörner tanzten über die verwitterten Holzbretter. Ich lächelte unwillkürlich.
"Mach's gut."
Ich wusste selbst nicht, warum ich das leise sagte. Vielleicht hoffte ich, dass der Wind meine Worte noch einholen würde. Während ich langsam den Steg entlangging, begann ich über alles nachzudenken, was er erzählt hatte. Die wirtschaftliche Entwicklung. Den schleichenden Niedergang. Die Angst. Die Evakuierungen. Die zerstörte Infrastruktur. Dabei wurde mir immer deutlicher, warum die UNO hier überhaupt Erfolg haben konnte. Nicht trotz der Katastrophen. Sondern gerade wegen ihnen. Die Menschen brauchten Arbeit. Perspektiven. Investitionen. Jemanden, der bereit war, an diesen Ort zu glauben. Dennoch blieb ein bitterer Beigeschmack. Die Hochtechnologiebranche, die einst das Rückgrat dieses Systems gewesen war, existierte praktisch nicht mehr. Ich hatte bereits in mehreren Berichten gelesen, dass Trantor früher als Zentrum für Präzisionsfertigung, Schiffskomponenten und industrielle Forschung gegolten hatte. Viele Innovationen der argonischen Raumfahrt waren ursprünglich hier entwickelt worden. Ganze Stadtteile hatten aus Forschungseinrichtungen bestanden. Heute standen dort vielfach nur noch sanierte Verwaltungsgebäude, Lagerhallen oder brachliegende Industriekomplexe. Die wenigen verbliebenen Unternehmen produzierten meist einfache Güter. Lebensmittel. Baustoffe. Maschinen. Oder Ersatzteile. Nichts davon war unwichtig. Aber es war weit entfernt von dem technologischen Niveau, das dieses System einst ausgezeichnet hatte. Ironischerweise gehörte ausgerechnet die Argnu-Rinder-Zucht inzwischen zu den wichtigsten Wirtschaftszweigen. Ich musste innerlich schmunzeln. Vor drei Jahren hätte ich niemals gedacht, dass ausgerechnet Argnus einmal eine so zentrale Rolle in meinem Leben spielen würden. Mittlerweile verstand ich den Markt. Argnu-Fleisch war gefragt. Milchprodukte ebenso. Die Tiere waren robust. Anspruchslos. Und vor allem ließen sie sich fast überall im argonischen Raum verkaufen. Die Nachfrage war konstant. Selbst wirtschaftliche Krisen änderten daran kaum etwas. Kein Wunder also, dass Mari inzwischen auf Altrix Nova eine der modernsten Zuchtanlagen leitete.
Ich blieb kurz stehen. Eigentlich war das fast tragisch. Ein Sonnensystem, das einst für Hochtechnologie bekannt gewesen war, exportierte heute vor allem Nutzvieh. Nicht, weil die Menschen dazu gezwungen wurden. Sondern weil dies einer der wenigen Wirtschaftszweige war, der zuverlässig funktionierte. Auch die Sicherheitslage hatte sich verbessert. Das wusste ich. Piratenüberfälle waren selten geworden. Die Xenon hatten sich seit Jahren nicht mehr blicken lassen. Von den Kha'ak fehlte ebenfalls jede Spur. Die Handelsrouten galten inzwischen wieder als vergleichsweise sicher. Und trotzdem... Es zog kaum jemanden hierher. Kaum Zuwanderer. Kaum Investoren. Kaum große Unternehmen. Man vertraute diesem System offenbar noch immer nicht. Der Ruf einer Welt überlebte ihre Katastrophen selten.
Ich hörte Schritte hinter mir. Leicht. Regelmäßig. Ich musste mich nicht einmal umdrehen.
"Misora?"
"Du kennst meine Schritte inzwischen."
Ich lächelte. "Ein bisschen."
Sie trat neben mich. Ihre dunklen Haare wurden sofort vom Wind erfasst und flatterten wild um ihr Gesicht. Sie schob sie mit einer routinierten Bewegung hinter das Ohr und stellte sich neben mich an das Geländer. Für einen Moment sagte sie nichts. Sie blickte lediglich hinaus.
"So schlimm?" fragte sie schließlich.
Ich nickte langsam. "Ja. Er hat mir Dinge erzählt..." Ich suchte nach den richtigen Worten. "...die ich in keinem Bericht gelesen habe."
Misora lächelte leicht. "Das überrascht mich nicht."
Ich verschränkte die Arme. "Er muss wirklich viel erlebt haben."
"Das hat er."
"Wahrscheinlich einer der letzten Zeitzeugen."
Misora nickte. "Ja."
Wieder entstand eine kurze Stille. Dann sah sie mich von der Seite an.
"Weißt du eigentlich, mit wem du dich gerade unterhalten hast?"
Ich runzelte die Stirn. "Mit einem sehr netten alten Mann."
Sie musste unwillkürlich lachen. "Das stimmt."
Ich bemerkte ihren merkwürdigen Gesichtsausdruck. "Warum grinst du so?"
"Weil dein Gesicht gleich unbezahlbar sein wird."
Jetzt wurde ich misstrauisch. "Misora..."
Sie verschränkte die Hände hinter dem Rücken und lächelte schelmisch. "Der Mann, mit dem du fast eine Mizura lang auf dieser Bank gesessen hast..." Sie machte eine kleine Pause. "...ist der Präsident des Sonnensystems Presidents End."
Ich blinzelte. "Bitte was?"
"Ja."
Ich starrte sie an. "Der Präsident?"
"Genau der."
Ich drehte mich automatisch noch einmal zur Bank um. Sie war längst leer. Der Wind fegte darüber hinweg, als wäre dort nie jemand gewesen.
"Moment..." Ich schüttelte langsam den Kopf. "Der Präsident... sitzt einfach allein auf einer Bank?"
Misora nickte. "Fast jede Wozura."
"Hier?"
"Hier."
"Ganz ohne Leibwächter?"
"Die halten sich im Hintergrund."
Ich musste lachen. "Das ist nicht dein Ernst."
"Doch." Sie grinste. "Er mag keine große Eskorte. Er sagt immer, wenn jemand ihn ermorden wolle, hätte derjenige auf einem offenen Plateau mit zweihundertfünfzig Kilometern Sicht ohnehin genug Gelegenheiten."
Ich musste erneut lachen. "Das klingt tatsächlich nach ihm."
Misora nickte. "Er kommt oft hierher."
"Er hört den Leuten zu. Spricht mit Touristen. Mit Arbeitern. Mit Veteranen. Mit Kindern. Und meistens verrät er niemandem, wer er ist."
Ich ließ meinen Blick noch einmal über die Landschaft schweifen. Plötzlich bekam jedes einzelne Wort des alten Mannes ein anderes Gewicht. Er hatte nicht nur von seiner Heimat gesprochen. Er hatte von einem Sternensystem gesprochen, für das er bis heute Verantwortung trug. Und mir wurde klar, dass er mich während unseres gesamten Gesprächs vermutlich genauso aufmerksam beobachtet hatte, wie ich ihm zugehört hatte.

Ich blieb noch einen Moment am Rand der Aussichtslounge stehen, während unter mir die dünnen Wolkenschichten von Tibe-Kea langsam über die zerklüfteten Plateaus zogen. Der Wind roch trocken, mineralisch, fast metallisch, als würde die Höhe selbst jeden organischen Eindruck aus der Luft herausfiltern. In der Ferne flimmerten die hellen Gesteinsflächen, und das Licht brach sich in flachen, weißen Reflexen, die wie eingefrorene Bewegung wirkten. Misoras Worte über den alten Mann und seine Identität hatten sich noch nicht vollständig gesetzt, doch mein Kopf war bereits wieder bei den Dingen, die er erzählt hatte. Nicht die politischen Ebenen, nicht die Xenon, nicht einmal die Kha'ak. Es war etwas anderes, das sich langsam aus dem Hintergrund nach vorne schob, als hätte mein Verstand beschlossen, einzelne Muster neu zu sortieren. Ich rief mir die historischen Daten ins Gedächtnis, die ich einmal in einer Archivstudie der UNO über die frühen Konfliktzyklen im Presidents-End-System gelesen hatte. Damals hatte ich sie eher als Randnotiz betrachtet, als biologische Fußnote einer ohnehin militärisch dominierten Epoche. Jetzt jedoch bekam dieser Abschnitt eine andere Schärfe. Die Xenon-Angriffe vor über achtzig Jazuras hatten nicht nur Infrastruktur ausgelöscht, sondern ganze Populationen über Generationen hinweg unter permanenter Stressbelastung gehalten. In den frühen medizinisch-historischen Aufzeichnungen war immer wieder von einem sogenannten Terraformer-Syndrom die Rede gewesen, einer temporären, nicht stabil vererbbaren morphologischen Abweichung, die vor allem in Regionen intensiver Konfliktzonen aufgetreten war. Ich erinnerte mich an die nüchternen Beschreibungen: veränderte Gesichtsstrukturen, insbesondere ausgeprägte Stirnwülste, leicht verschobene Knochenverläufe im Schädelbereich, gelegentlich auch ungewöhnliche Dichteentwicklungen im frontalen Gewebe. Damals hatte ich das als medizinische Kuriosität abgetan. Jetzt verband sich dieses Wissen mit dem, was ich hier sah und hörte. Ich sah vor meinem inneren Auge die Generationen, die unter permanenter Bedrohung gelebt hatten. Menschen, deren Körper nicht in einer stabilen Umwelt gewachsen waren, sondern in einem System, das zwischen Zerstörung und Wiederaufbau oszillierte. Die alten Berichte hatten beschrieben, dass diese phänotypischen Ausprägungen in den meisten Fällen in späteren Generationen wieder zurückgingen, sobald sich die Lebensbedingungen stabilisierten. Dennoch ging die moderne Interpretation davon aus, dass diese Phase tiefgreifende Spuren in der genetischen Variabilitätsstruktur hinterlassen hatte, nicht als feste Mutation, sondern als verschobenes Potenzial, als erhöhte Bandbreite möglicher Anpassungsreaktionen innerhalb der Population. Möglicherweise der Vorläufer der High Argons. Wie Valentina, Kon, Greg und andere die ich kannte. Selbst Misora hatte einen violetten Haaransatz und Strähnen in ihren langen schwarzen Haaren.
Ich hob unwillkürlich die Hand und strich mir über die Stirn, als würde ich dort etwas nachfühlen wollen, das ich selbst nie bewusst wahrgenommen hatte. Die Argonen, die ich kannte, wirkten im Vergleich dazu oft erstaunlich homogen, zumindest auf den ersten Blick. Doch je länger ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir, dass diese scheinbare Einheitlichkeit nur eine Momentaufnahme war, ein stabilisierter Zustand nach einer Phase extremer biologischer und gesellschaftlicher Belastung. Die eigentliche Diversität lag nicht in dem, was sichtbar blieb, sondern in dem, was sich im Verlauf dieser Katastrophenzyklen neu verteilt hatte.
Der Wind zog erneut über die Plattform, kälter diesmal, und ließ die metallenen Kanten der Geländer leise vibrieren. Ich bemerkte erst jetzt, dass meine Finger leicht angespannt waren, als hätte mein Körper auf eine Erkenntnis reagiert, bevor ich sie vollständig formulieren konnte. Die Geschichten über Stirnwülste, über veränderte Schädelstrukturen, über ganze Generationen, die sich unter dem Druck der Xenon-Kriege morphologisch verschoben hatten, waren keine Randerscheinungen gewesen. Sie waren ein direktes Echo dieser Zeit, sichtbar gewordene Spuren eines Systems, das über Jazurazehnte hinweg in einem permanenten Ausnahmezustand existiert hatte. Ich ließ den Blick erneut über die Landschaft gleiten, über die stillen Siedlungen in der Ferne, die stabil wirkten und doch etwas Unfertiges an sich trugen, als wären sie selbst noch immer im Prozess einer Anpassung. Dann verstand ich den Zusammenhang klarer als zuvor. Nicht als einzelne medizinische Auffälligkeit. Sondern als Ergebnis eines gesamten Zyklus aus Krieg, Flucht, Rückkehr und erneuter Stabilisierung, der sich in die Struktur einer Bevölkerung eingeschrieben hatte, lange bevor jemand ihn vollständig begriffen hatte.

Re: [EX16] Isekai no Xistence

Verfasst: So 5. Jul 2026, 23:14
von Tom
Bild

Kapitel 64 - Presidents End

Zwei Wozuras waren vergangen, seit Xandra auf die aldrianische Korvette zurückgebracht worden war. Zwei Wozuras voller Ungewissheit, in denen jeder Tagesbeginn für mich automatisch mit derselben Frage begonnen hatte und jeder Abend mit derselben Antwort geendet war. Noch immer lag sie im Koma.
Ich stand schweigend neben ihrer Krankenliege. Die medizinische Sektion der Korvette unterschied sich deutlich von allem, was ich bisher auf argonischen oder terranischen Schiffen gesehen hatte. Das Licht war heller, aber gleichzeitig wärmer. Es besaß einen leicht goldenen Farbton, der an einen späten Sommertag erinnerte. Durch feine Düsen strömte ständig Luft in sanften Wellen durch den Raum. Anders als auf Altrix Nova war hier niemals Stillstand zu spüren. Selbst meine Haare bewegten sich leicht in der stetigen Brise. Es fühlte sich beinahe so an, als befände ich mich nicht in einem Raumschiff, sondern irgendwo unter freiem Himmel. Die Temperatur war niedriger als ich erwartet hätte. Für einen Argonen war sie beinahe kühl, doch inzwischen wusste ich, weshalb. Für einen Aldrianer war dies nahezu ideal.
Xandra lag regungslos auf ihrem Bett. Ihr Körper war längst nicht mehr mit der Vielzahl an Geräten verbunden, die sie zu Beginn überwacht hatten. Nur noch wenige Sensoren klebten auf ihrer schokoladenfarbenen Haut. Dünne Leitungen verschwanden unter der Decke und führten zu einem kompakten Diagnoseterminal, dessen grüne Anzeigen in ruhigem Rhythmus pulsierten. Ihr Gesicht wirkte friedlicher. Die tiefen Schatten unter ihren Augen waren verschwunden. Ihre Atmung verlief langsam und gleichmäßig. Ihre langen blonden Haare waren sorgfältig aufgefächert worden, sodass die Luft zwischen den Strähnen hindurchziehen konnte. Kleine Luftleitbleche oberhalb des Bettes sorgten dafür, dass ständig ein sanfter Wind über ihren Kopf strich. Ich hätte nie gedacht, dass allein Luftbewegung für eine Spezies lebenswichtig sein konnte.
Der aldrianische Arzt trat neben mich. Seine Bewegungen waren ruhig und routiniert. Er warf nur einen kurzen Blick auf die Anzeigen, bevor sich ein zufriedener Ausdruck auf seinem Gesicht ausbreitete.
"Sie machen sich immer noch Sorgen."
Ich antwortete nicht sofort. Meine Hände ruhten tief in den Hosentaschen. Mein Blick blieb auf Xandra. "Ja."
Der Arzt nickte verständnisvoll. "Das ist nachvollziehbar." Er deaktivierte einige Anzeigen, wodurch der Raum noch ruhiger wirkte. "Doch medizinisch betrachtet entwickeln sich ihre Werte ausgezeichnet."
Ich drehte den Kopf zu ihm. "Ausgezeichnet?"
"Ja." Er zeigte auf mehrere Kurven. "Die Körpertemperatur ist vollständig stabilisiert. Der Flüssigkeitshaushalt ist wieder im Normbereich. Die Blutviskosität hat sich normalisiert. Die Vitamin-D-Werte steigen kontinuierlich. Auch sämtliche Stressmarker gehen seit Tagen zurück." Er legte die Hände hinter den Rücken. "Ich mache mir keine Sorgen mehr."
Diese Worte trafen mich stärker, als ich erwartet hatte. "Gar keine?"
Er schüttelte langsam den Kopf. "Nein."
Ich ließ den Blick wieder zu Xandra wandern. "Dann... warum wacht sie nicht auf?"
Der Arzt schwieg einige Sekunden. "Der Körper ist inzwischen bereit." Er machte eine kurze Pause. "Der Geist offenbar noch nicht."
Ich runzelte die Stirn. "Was bedeutet das?"
"Ein derartiger Zusammenbruch ist nicht nur eine körperliche Belastung. Das Gehirn hat sich selbst abgeschaltet, um irreversible Schäden zu verhindern. Es befindet sich gewissermaßen in einer kontrollierten Regenerationsphase." Er lächelte schwach. "Sie wird wieder zu Bewusstsein kommen."
"Wann?"
"Wenn sie soweit ist."
Ich seufzte leise. Diese Antwort half mir zwar nicht wirklich. Aber sie war ehrlicher als jedes künstliche Versprechen. Noch einige Sekunden blieb ich schweigend neben ihrem Bett stehen. Dann nickte ich.
"Bitte informieren Sie mich sofort."
"Selbstverständlich, Grau-sama."
Ich betrachtete Xandra ein letztes Mal. Ihr Gesicht wirkte beinahe so, als würde sie lediglich schlafen. Fast.

Einige Tage später saß ich in meinem Privatquartier auf Altrix Nova. Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte ich mir einen ruhigen Abend gegönnt. Valentina hatte es geschafft, mich dazu zu überreden, sämtliche Termine früher zu beenden. Vanu hatte anschließend darauf bestanden, gemeinsam zu essen. Jetzt saßen wir alle im Wohnbereich. Valentina hatte unsere beiden Kinder auf dem Sofa zwischen sich und Vanu sitzen. Beide spielten mit kleinen magnetischen Bausteinen, während über dem niedrigen Wohnzimmertisch eine großflächige Holoübertragung schwebte. Das Symbol des Federal Information Network drehte sich langsam. Dann erschien der Präsident von Presidents End. Ich erkannte ihn sofort. Der alte Mann, dem ich auf Tibe-Kea begegnet war. Nur diesmal trug er seine offizielle Kleidung. Ein dunkelblauer Mantel mit silbernen Verzierungen. Auf seiner Brust glänzte das Wappen des Systems. Seine Stimme war trotz seines Alters erstaunlich kräftig. Er sprach über den Wiederaufbau. Über Hoffnung. Über wirtschaftliche Stabilisierung. Dann erwähnte er die Universal Nourishment Organization. Ich musste unwillkürlich schmunzeln. Er lobte unsere Investitionen. Den Bau von Altrix Nova. Die neuen Arbeitsplätze. Den Ankauf alter Stationen. Die Unterstützung regionaler Betriebe. Die Kooperation mit Misoras Unternehmen. Selbst die Argnu-Zucht erwähnte er. Je länger ich zuhörte, desto unangenehmer wurde mir das Ganze. Ich mochte keine öffentlichen Lobeshymnen.
Valentina bemerkte mein Unbehagen sofort. Sie grinste. "Du wirst rot."
"Unsinn."
"Wirst du."
Vanu musste ebenfalls lachen. "Ein bisschen schon."
Ich schüttelte nur den Kopf. "Dafür gibt es keinen Grund."
Doch der Präsident war noch nicht fertig. Sein Gesicht wurde ernster. Er atmete langsam ein.
"Leider..." Schon dieses eine Wort genügte. Ich wusste sofort, dass jetzt etwas anderes kam. "...muss ich meinem Volk mitteilen, dass ich mein Amt nach mehr als fünfundzwanzig Jazuras niederlegen werde."
Im Raum wurde es still. Er sprach offen über seine Gesundheit. Jetzt fiel mir auch auf, was ich bei unserem Gespräch nur unbewusst wahrgenommen hatte. Seine Stirn. Der deutlich ausgeprägte Stirnwulst. Das Terraformer-Syndrom. TFS. Ich erinnerte mich an die medizinischen Unterlagen. An die historischen Berichte. An die genetischen Veränderungen. Der Präsident sprach ruhig weiter. Er wirkte weder verbittert noch traurig. Eher erleichtert. Dann sah er direkt in die Kamera. Es fühlte sich merkwürdig an. Fast so, als würde er nicht Millionen Bewohner ansprechen. Sondern nur mich.
"Ich wünsche mir einen Nachfolger..." Er machte eine kleine Pause. "...der sich wirklich um Trantor und seine Bewohner kümmern möchte."
Seine Augen wirkten erstaunlich klar. Ich wusste nicht warum. Aber für einen kurzen Augenblick hatte ich das Gefühl, dass dieser Satz nicht zufällig formuliert worden war.
Valentina bemerkte meinen nachdenklichen Blick. "Woran denkst du?"
Ich antwortete erst einige Sekunden später. "Ich hoffe..." Ich sah weiter auf das langsam ausblendende Hologramm. "...dass er jemanden findet."

Nur wenige Tage später überraschte mich Misora mit einer Information, mit der ich niemals gerechnet hätte. Wir standen gemeinsam auf einer der Montageplattformen von Altrix Nova. Unter uns arbeiteten Dutzende Techniker an einem weiteren Startruck. Schweißgeruch, Schmierstoffe und heißes Metall erfüllten die Luft. Zwischen den riesigen Trägerstrukturen hallten Werkzeuggeräusche wider. Misora überprüfte einige Baupläne auf ihrem Datenpad.
Dann sagte sie völlig beiläufig: "Übrigens..."
Ich blickte von den Bauarbeiten auf. "Hm?"
"Der Präsident von Presidents End..." Sie hob kurz den Blick. "...ist mein Urgroßonkel."
Ich starrte sie einen Moment schweigend an. "Bitte was?"
Sie nickte. "Ja."
Ich blinzelte mehrmals. "Davon hast du nie erzählt."
"Du hast nie gefragt."
Darauf wusste ich spontan keine Antwort. Ich musterte sie genauer. Langes schwarzes Haar. Schlanke Gestalt. Ruhiger Blick. Nein. Ich hatte tatsächlich nie nach Gemeinsamkeiten gesucht.
"Wirklich?"
"Ja." Sie lächelte leicht. "Die Familie ist ziemlich groß."
Ich kratzte mich nachdenklich am Hinterkopf. "Ich hätte keine Ähnlichkeit erkannt."
Misora lachte leise. "Die meisten erkennen sie nicht."
Jetzt betrachtete ich ihr Gesicht bewusster. Dann fiel mir etwas auf, das ich vorher nie wirklich beachtet hatte. Zwischen den schwarzen Haaren lag ein feiner violetter Schimmer. Nicht stark. Nicht künstlich. Nur sichtbar, wenn das Licht der Werfthallen schräg darüberstrich. Ich trat einen halben Schritt näher.
"Darf ich?"
Sie nickte. Vorsichtig nahm ich eine einzelne Haarsträhne zwischen die Finger. Im Licht schimmerte sie tatsächlich leicht violett. Fast unscheinbar.
"Interessant..."
Misora lächelte. "Du hast es also doch bemerkt."
Ich ließ die Haarsträhne wieder los. "Das ist..."
"...eine alte Familienlinie." Sie nickte. "Die Ärzte meinen, dass wir irgendwo Vorfahren mit TFS hatten."
Ich dachte sofort an die medizinischen Berichte. An die genetische Variabilität. An die regressiven Merkmale.
"Deshalb die Haarfarbe?"
"Ja." Sie verschränkte die Arme. "Sie sagen außerdem, dass meine Nachfahren irgendwann möglicherweise High Argons werden könnten."
Ich zog überrascht die Augenbrauen hoch. "Vielleicht?"
"Vielleicht." Sie zuckte gelassen mit den Schultern. "Niemand kann das vorhersagen."
Ich nickte langsam. Während unter uns weiter Funken durch die riesige Werfthalle sprühten, betrachtete ich noch einmal ihre langen Haare. Der violette Schimmer war kaum wahrnehmbar. Und doch erzählte er eine Geschichte, die weit älter war als Misora selbst. Eine Geschichte über Generationen. Über Krieg. Über Anpassung. Und darüber, dass selbst Jahrzehnte nach den Xenon-Angriffen ihre Spuren noch immer in den Menschen von Trantor weiterlebten.

Ich wusste nicht, wann es angefangen hatte. Je länger ich darüber nachdachte, desto sicherer war ich mir nur in einem einzigen Punkt. Es musste schon seit geraumer Zeit laufen. Tage. Vielleicht sogar Wochen. Direkt vor den Augen der UNO. Vor meinen Augen. Und niemand hatte etwas bemerkt. Oder, was ich inzwischen für wahrscheinlicher hielt, niemand hatte den Zusammenhang erkannt.
Ich saß in meinem Büro auf Altrix Nova. Das Licht der künstlichen Sonne der Habitatringe tauchte den Raum in ein warmes, leicht goldenes Weiß. Hinter der gewaltigen Panoramafront zog langsam Trantor vorbei. Von hier oben wirkte der Planet friedlich. Die weißen Wolkenbänder zogen träge über die Kontinente, das Sonnenlicht spiegelte sich auf den Ozeanen, und nirgendwo war zu erkennen, wie viele Narben diese Welt tatsächlich trug. Vor mir schwebten mehrere halbtransparente Hologramme. Nicht nur eines. Nicht zehn. Dutzende. Meine Armschiene hatte irgendwann aufgehört, einzelne Benachrichtigungen akustisch zu melden. Stattdessen hatte sie sie still gesammelt, priorisiert und nach Kategorien sortiert. Offenbar hatte ihre KI irgendwann entschieden, dass die schiere Menge keinen Sinn mehr ergab. Ich starrte auf die Zahlen. 237.814 ungelesene Nachrichten. Meine rechte Augenbraue hob sich langsam.
"Das... kann doch nicht euer Ernst sein..."
Ich öffnete den ersten Stapel. Ein älterer Mann blickte mir entgegen. Er stand vor einer Argnu-Weide. Im Hintergrund grasten mehrere der massigen Tiere zwischen sattem, grünem Gras. "Herr Grau... ich kenne Sie nicht persönlich. Aber meine Familie lebt noch, weil Ihre Organisation unseren Hof übernommen hat, bevor wir bankrottgingen. Bitte kandidieren Sie."
Die Nachricht endete. Die nächste begann unmittelbar. Eine junge Frau. Eine Ingenieurin. Im Hintergrund erkannte ich eine der Werfthallen Misoras. "Herr Grau... Sie haben meinem Bruder Arbeit gegeben. Zum ersten Mal seit sechs Jazuras glaubt er wieder an eine Zukunft."
Die nächste. Ein Logistikunternehmen. Ein Lebensmittelproduzent. Eine Schule. Ein Krankenhaus. Eine kleine Bergbaufirma. Eine Transportgenossenschaft. Ein Verband ehemaliger Raumfahrer. Ein Unternehmer. Ein Bürgermeister. Eine Universitätsprofessorin. Ein Verband der Argnu-Züchter. Eine Gewerkschaft. Ich scrollte. Und scrollte. Und scrollte weiter. Immer neue Gesichter. Immer neue Stimmen. Manche wirkten nervös. Andere professionell. Einige hatten ihre Nachrichten offensichtlich mehrfach aufgenommen. Wieder andere saßen einfach in ihrer Küche oder ihrem Büro.
Allen gemeinsam war dieselbe Bitte. "Kandidieren Sie." "Bitte übernehmen Sie Verantwortung." "Wir brauchen jemanden wie Sie." "Trantor braucht Sie."
Ich ließ die Hände sinken. "Nein..."
Es war kein lautes Wort. Mehr ein erschöpftes Ausatmen. Ich schloss die Augen. Als ich sie wieder öffnete, erschienen bereits die statistischen Auswertungen meiner Armschiene. Private Nachrichten. Unternehmensnachrichten. Verbände. Kommunen. Bürgerinitiativen. Sogar mehrere Großunternehmen hatten sich offiziell ausgesprochen. Ich fuhr mir langsam durchs Gesicht.
"Wie konnte das passieren..."
Die Tür meines Büros öffnete sich mit einem leisen pneumatischen Zischen. Ich musste mich nicht umdrehen. Die Schritte erkannte ich inzwischen. Valentina. Kurz darauf folgte Vanu.
"Du bist seit einer Stazura ungewöhnlich still."
Ich antwortete nicht. Stattdessen ließ ich die Hologramme sichtbar. Beide blieben abrupt stehen. Valentina pfiff leise durch die Zähne.
"Das..." Sie trat näher. "...ist eine Menge."
Vanu betrachtete schweigend die eingeblendeten Zahlen. "Damit hätte ich nicht gerechnet."
"Ich auch nicht." Ich ließ mich langsam in meinen Sessel sinken. Die Polster gaben leise nach. Meine Ellbogen ruhten auf den Armlehnen. Ich verschränkte die Finger vor meinem Mund. "Ich verstehe nur eines nicht."
"Weniger die Nachrichten?" fragte Valentina.
"Nein." Ich schüttelte langsam den Kopf. "Das Wahlsystem."
Beide sahen mich an. "Ich dachte immer..." Ich suchte nach den richtigen Worten. "...man meldet sich selbst zur Wahl."
Vanu blinzelte. "Das dachtest du?"
"Ja." Sie verzog das Gesicht. "Tori..."
Jetzt verstand ich. Ganz langsam. Wie sich mehrere Puzzleteile ineinanderschoben. Ich starrte auf einen Punkt irgendwo zwischen den Hologrammen. "Man bewirbt sich hier gar nicht."
Valentina verschränkte die Arme. "Nein."
"Man wird vorgeschlagen."
"Genau."
Ich schloss erneut die Augen. Ein unangenehmes Ziehen breitete sich in meiner Magengegend aus. "Verdammt..."
Jetzt ergab plötzlich alles Sinn. Die Rede des Präsidenten. Sein Blick in die Kamera. Seine Worte. Der Wunsch nach einem Nachfolger. Ich erinnerte mich an Akira Sora. Den alten Mann. Den Präsidenten. Den Mann auf Tibe-Kea. Langsam atmete ich aus.
"Du weißt, wer dahintersteckt." Valentina hatte es nicht gefragt. Sie wusste bereits, dass ich eine Vermutung hatte.
"Ja." Meine Stimme klang flach. "Akira Sora." Ich machte eine kurze Pause. "Aber nicht aus eigener Idee."
Vanu runzelte die Stirn. "Sondern?"
Ich sah hinaus auf Trantor. Die gewaltige Kugel schob sich langsam hinter dem Fenster entlang. "Valen."
Valentina nickte langsam. "Das ergibt Sinn."
"Nicht nur Valen." Ich spürte, wie sich mein Kiefer anspannte. "Lilandra."
Jetzt herrschte einige Sekunden völlige Stille. Ich trommelte mit dem rechten Mittelfinger langsam auf die Armlehne. Ein Rhythmus. Immer derselbe. Tick. Tick. Tick. Ich hasste Politik. Nicht, weil ich sie nicht verstand. Sondern weil sie selten ehrlich war. Ich beschäftigte mich nur dann mit ihr, wenn ich musste. Als Gründer und CEO der Universal Nourishment Organization blieb mir das nicht erspart. Genehmigungen. Handelsverträge. Steuern. Importrechte. Exportlizenzen. Sicherheitsabkommen. Mit all dem konnte ich leben. Es war notwendig. Es war kalkulierbar. Aber das hier... Das fühlte sich anders an. Ich mochte es nicht, wenn Menschen versuchten, mich in eine Richtung zu schieben, ohne mich vorher zu fragen. Noch weniger mochte ich das Gefühl, benutzt zu werden. Langsam stand ich wieder auf. Ich ging bis an die Panoramascheibe. Meine Hände verschwanden tief in den Hosentaschen. Trantor füllte beinahe das gesamte Sichtfeld aus.
"Ich werde manipuliert."
Niemand widersprach. Denn jeder wusste, dass ich recht hatte. Akira hatte öffentlich Vertrauen ausgesprochen. Valen hatte wahrscheinlich den entscheidenden Anstoß geliefert. Lilandra dürfte sofort erkannt haben, welche Möglichkeiten sich daraus ergaben. Falls ich Präsident wurde ... wäre ich politisch an Presidents End gebunden. Noch stärker als ohnehin schon. Und irgendwann... Vielleicht. Vielleicht erwarteten die Aldrianer genau das. Dass ich ihnen im Gegenzug helfen würde. Nicht aus Freundschaft. Nicht aus Überzeugung. Sondern aus politischer Verpflichtung. Ich schloss für einen Moment die Augen. Ein unangenehmer Gedanke. Fast schon elegant eingefädelt. Kein Zwang. Keine Drohung. Keine Erpressung. Nur Erwartungen. Und genau deshalb war es gefährlich. Weil man sie kaum zurückweisen konnte, ohne gleichzeitig Tausende ehrlicher Menschen zu enttäuschen. Ich drehte mich langsam wieder um.
"Das Problem ist..." Meine Stimme war ruhiger geworden. "...ich kann nicht einfach verschwinden."
Valentina nickte. "Nein."
Ich deutete mit einer Hand auf den Planeten. "Ich habe inzwischen so viele Milliarden Credits in Altrix Nova investiert."
Dann dachte ich an Misoras Werften. An die Startrucks. An die Argnu-Zucht. An die Verträge. An die tausenden Arbeitsplätze. An die Familien. An die Lieferketten. An die Infrastruktur. Ein Rückzug war längst keine Option mehr. Ich hatte Wurzeln geschlagen. Nicht absichtlich. Aber unumkehrbar. Ich atmete tief ein. Der Duft des Büros nach Holz, Metall und frisch aufgebrühtem Keffa erfüllte meine Lungen. Langsam öffnete ich die Augen wieder.
"Ich glaube..." Meine Stimme klang erstaunlich ruhig. "...ich bin gerade mitten in ein politisches Spiel geraten."
Niemand sagte etwas. Denn jeder im Raum wusste, dass diese Partie längst begonnen hatte. Und dass ich, ohne es zu merken, bereits eine ihrer wichtigsten Figuren geworden war.

Ich stand allein vor dem großen Spiegel meines Privatquartiers auf Altrix Nova. Das Licht war gedimmt. Es war weder Tag noch Nacht, denn an Bord bestimmte längst ein künstlicher Rhythmus den Ablauf der Wozuras. Die indirekten Leuchtpaneele tauchten den Raum in ein weiches, bernsteinfarbenes Licht, das die Konturen meines Gesichts hervorhob. Ich stützte beide Hände auf das Waschbecken und sah meinem Spiegelbild lange in die Augen. Die dunklen Ringe darunter waren in den vergangenen Wozuras deutlicher geworden. Mein Bart war etwas länger als gewöhnlich. Nicht ungepflegt, aber ein Zeichen dafür, dass ich anderes im Kopf gehabt hatte. Valentina und Vanu hatten mich kaum eine Stazura zuvor regelrecht zusammengestaucht.
"Das ist Folter, Tori."
Valentinas Stimme hatte keinerlei Wärme besessen. Sie hatte mich nicht angeschrien. Gerade das hatte ihre Worte so schwer gemacht. Ihre verschränkten Arme, ihr unbewegliches Gesicht und der direkte Blick ihrer graublauen Augen hatten keinen Zweifel daran gelassen, dass sie jedes einzelne Wort genauso meinte.
"Du hältst einen Mann bewusst unter Bedingungen fest, von denen du weißt, dass sie ihn krank machen."
Ich hatte damals nichts erwidert. Nicht weil ich keine Antwort gehabt hätte. Sondern weil jede Antwort falsch geklungen hätte. Vanu war deutlich emotionaler gewesen. Ihre grünen Augen hatten mich mit einer Mischung aus Enttäuschung und Sorge angesehen.
"Xandra wäre beinahe daran gestorben. Du weißt inzwischen ganz genau, was warme, windstille Räume mit Aldrianern machen. Trotzdem hast du Valen genau dort untergebracht."
Ich hatte den Blick gesenkt. "Ich wollte ihn nicht töten."
"Das behauptet auch niemand." Ihre Stimme war ruhig geblieben. "Aber das macht es nicht besser."
Später waren Gal und Tahl hinzugekommen. Tahl hatte lediglich mit den Schultern gezuckt. "Notwendiges Übel." Mehr hatte er zunächst gar nicht gesagt. Dann hatte er mich angesehen. "Der Mann weiß Dinge, die über Krieg und Frieden entscheiden könnten. Wenn wir ihn einfach höflich fragen, wird er schweigen. Das hat er tazuralang bewiesen."
Gal hatte langsamer gesprochen. "Ich finde die Methode ebenfalls nicht schön." Sie hatte bewusst das Wort "schön" gewählt. "Aber wenn wir davon ausgehen müssen, dass Lilandra ganze politische Entwicklungen im Hintergrund steuert, dann brauchen wir Informationen." Sie hatte kurz zu Tahl gesehen. "Und zwar bevor noch mehr Menschen zwischen die Fronten geraten."
Beide Geschwister hatten die Situation rein strategisch betrachtet. Valentina und Vanu rein menschlich. Und ich... Ich wusste nicht mehr, auf welcher Seite ich überhaupt stand. Ich blickte meinem Spiegelbild weiter entgegen.
"Wann..." Meine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. "...wann ist das passiert?"
Mein Spiegelbild antwortete nicht. Natürlich nicht. Ich hob langsam eine Hand und strich mir über das Gesicht. Ich erinnerte mich an den jungen Mann, der vor über drei Jazuras in diesem Universum gestrandet war. Verwirrt. Hilflos. Überfordert. Damals hatte ich geglaubt, jeder Konflikt ließe sich lösen, wenn man vernünftig miteinander sprach. Dann waren die Piraten gekommen. Kuran. Die Split. Das Ghok. Der Kampf ums Überleben. Intrigen. Anschläge. Morde. Politik. Immer neue Entscheidungen. Immer neue Verantwortung. Irgendwann musste ich angefangen haben, Menschen nicht mehr nur als Individuen zu sehen. Sondern auch als Risiken. Als Informationsquellen. Als mögliche Bedrohungen. Ich schloss die Augen.
"Was ist nur aus mir geworden..."
Der Satz blieb im stillen Raum hängen. Ich stieß mich langsam vom Waschbecken ab. Mein Spiegelbild verschwand hinter mir. Mit ruhigen Schritten verließ ich mein Quartier. Die automatischen Türen glitten lautlos auseinander. Der Gang war hell erleuchtet. Die Luft roch leicht nach Metall, Ozon und den unaufdringlichen Reinigungsmitteln der Stationssysteme. Ich lief schweigend. Links und rechts begegneten mir vereinzelt Besatzungsmitglieder. Sie grüßten freundlich. Ich nickte lediglich. Meine Gedanken kreisten ausschließlich um Valen. Um das Verhör. Um das, was ich getan hatte. Oder zugelassen hatte. Je näher ich dem Sicherheitsbereich kam, desto stiller wurde es. Hier gab es weniger Durchgangsverkehr. Die Wände wirkten massiver. Die Beleuchtung etwas nüchterner. Gerade wollte ich um die letzte Ecke biegen, als ich stehen blieb. Vor der Tür. Eine schlanke Gestalt. Langes blondes Haar. Schokoladenfarbene Haut. Ein einfacher Gehstock. Xandra. Sie stand leicht nach vorne gebeugt. Ihr Gewicht ruhte sichtbar auf dem Stock. Jeder Atemzug hob und senkte ihren Brustkorb etwas stärker, als ich es von einer gesunden Person erwartet hätte. Ihr Gesicht war schmaler geworden. Die Wozuras im Koma hatten Spuren hinterlassen. Ihre Wangen wirkten eingefallen. Unter ihren Augen lagen feine Schatten. Und trotzdem... Als sie den Kopf hob... ...leuchteten ihre grünen Augen wieder. Nicht so intensiv wie früher. Aber deutlich lebendiger. Ich war überrascht. Nicht nur, dass sie hier war. Sondern überhaupt auf den Beinen. Sie hätte sich eigentlich noch auf der aldrianischen Korvette befinden müssen. Unter medizinischer Beobachtung. Mein Blick wanderte automatisch über den Gang. Keine Ärzte. Keine Pfleger. Keine Eskorte. Niemand. War sie ... einfach gegangen? Dutzende Fragen schossen mir gleichzeitig durch den Kopf. Warum? Wie? Wer hatte das erlaubt? War sie stabil genug? Warum allein? Doch keine davon schaffte es über meine Lippen.
Stattdessen hörte ich mich sagen: "Schön, dass du wieder bei uns bist."
Mehr nicht. Nicht einmal ich wusste, weshalb ausgerechnet dieser Satz herauskam. Vielleicht, weil alles andere zu kompliziert gewesen wäre. Für einen kurzen Moment veränderte sich ihr Gesicht. Langsam. Fast vorsichtig. Ein ehrliches Lächeln erschien auf ihren Lippen. Nicht breit. Nicht überschwänglich. Aber echt. Gleichzeitig schien das grüne Glimmen ihrer Augen etwas kräftiger zu werden.
"Danke." Ihre Stimme war leiser als früher. Etwas rau. Als hätte sie lange nicht gesprochen. "Ich habe gehört, was passiert ist."
Ich nickte nur. Gemeinsam gingen wir zur Tür. Sie bewegte sich langsam. Jeder Schritt mit dem Gehstock erzeugte ein leises Klacken auf dem Boden. Ich bemerkte, wie sie zwischendurch unmerklich tiefer einatmete. Die Luft hier bekam ihr bereits schlechter. Sie war noch immer nicht vollständig an diese Umgebung angepasst. Die Tür öffnete sich. Warme Luft schlug uns entgegen. Nicht heiß. Aber deutlich wärmer als der Stationsstandard. Vor allem... Still. Kein Luftzug. Keine spürbare Zirkulation. Ich merkte sofort, wie Xandra minimal die Stirn verzog.
"Du solltest nicht hier sein."
Sie sah mich an. "Doch."
"Xandra..."
"Ich bleibe."
Ihre Stimme war schwach. Aber entschlossen. Ich wusste sofort, dass jede weitere Diskussion sinnlos war. Also trat ich ein. Valen saß noch immer in dem gepolsterten Sessel. Er war nicht gefesselt. Das war nie nötig gewesen. Inzwischen hätte er ohnehin keine Kraft mehr gehabt. Seine sonst makellose Haltung war verschwunden. Seine langen weißen Haare hingen ungeordnet über seine Schultern. Der geflochtene Bart war teilweise aufgegangen. Seine ungewöhnlich helle Haut glänzte feucht. Schweiß. Seine Kleidung klebte sichtbar am Körper. Die grau glimmenden Augen wirkten eingefallen. Als er Xandra erkannte ... veränderte sich sein Gesicht schlagartig.
"Ojō-sama..."
Seine Stimme war kaum hörbar. Sofort stemmte er beide Hände gegen die Armlehnen. Er wollte aufstehen. Wie immer. Pflichtbewusst. Diszipliniert. Doch diesmal versagten ihm die Kräfte. Seine Beine zitterten. Der Oberkörper hob sich nur wenige Zentimeter. Dann sackte er wieder zurück. Xandra beschleunigte ihren Schritt. Ich setzte mich innerlich bereits auf Vorwürfe ein. Auf Tränen. Auf Wut gegen mich. Darauf, dass sie mich für alles verantwortlich machen würde. Ich blieb stehen. Beobachtete. Sie erreichte Valen. Er hob den Kopf. Seine Augen wirkten erleichtert.
"Ojō-..."
Weiter kam er nicht. Mit beiden Händen packte Xandra ihren Gehstock. Holte überraschend weit aus. Ich riss unwillkürlich die Augen auf.
"Xandra!"
Zu spät. Mit voller Wucht traf der Stock Valen mitten im Bauchraum. Das dumpfe Geräusch hallte durch das Zimmer. Die Luft entwich ihm schlagartig. Sein Körper knickte zusammen. Der Sessel kippte leicht nach vorne. Valen verlor vollständig das Gleichgewicht. Er stürzte seitlich auf den Boden. Keuchend. Nach Luft ringend. Ich stand regungslos da. Mein Gehirn brauchte mehrere Sekunden, um überhaupt zu begreifen, was gerade geschehen war. Xandra stand schwer atmend über ihm. Beide Hände umklammerten den Stock. Ihr ganzer Körper zitterte. Vor Erschöpfung. Vor Wut. Oder beidem. Sie blickte auf den alten Mann hinunter. Nicht mitleidig. Nicht traurig. Ihre Stimme bebte. Vor unterdrücktem Zorn.
"Das..." Sie holte hörbar Luft. "...ist dafür..." Noch ein Atemzug. "...dass du..." Ihre Finger wurden weiß vor Anspannung. "...und meine Mutter..." Ihre Augen glänzten feucht. "...mir niemals die Freiheit gegeben habt..." Sie schluckte. "...meinen Vater zu suchen."
Jedes einzelne Wort war wie Gift. Valen sagte nichts. Er lag noch immer auf dem Boden. Seine Atmung ging schwer. Langsam hob er den Blick zu ihr. In seinen Augen lag keine Wut. Keine Empörung. Sondern etwas völlig anderes. Trauer. Tiefe, ehrliche Trauer. Ich hingegen konnte meinen Blick kaum von Xandra lösen. Das ... war nicht die Frau, die ich kennengelernt hatte. Nicht die höfliche Tochter einer Ministerin. Nicht die zurückhaltende Diplomatin. Nicht die junge Frau, die jedes Wort sorgfältig abgewogen hatte. Diese Fassade ... war verschwunden. Vor mir stand eine Tochter, die über Jahre hinweg Wut, Enttäuschung, Sehnsucht und Schmerz in sich eingeschlossen hatte. Der Stock zitterte noch immer in ihren Händen. Ihre Schultern hoben und senkten sich hektisch. Tränen liefen lautlos über ihre Wangen. Und trotzdem wich sie keinen einzigen Schritt zurück. Erst in diesem Augenblick wurde mir bewusst, dass ich sie bisher überhaupt nicht gekannt hatte. Die Frau vor mir war kein höfliches diplomatisches Aushängeschild Aldrins mehr. Sie war ein verletzter Mensch, dem gerade alles genommen worden war, woran er geglaubt hatte. Und dieser Gedanke erschütterte mich beinahe ebenso sehr wie der Schlag, den sie Valen gerade versetzt hatte.

Was auch immer ich ursprünglich von Valen hatte erfahren wollen, in dem Moment, als sich die Tür hinter uns schloss, war es aus meinem Kopf verschwunden. Der Zorn Xandras, ihr Ausbruch und die Erkenntnis, dass sich hinter ihrer höflichen, diplomatischen Fassade ein Mensch mit jahrzehntelang unterdrückten Gefühlen verborgen hatte, hatten sämtliche Gedanken verdrängt, die ich noch vor wenigen Minuten für wichtig gehalten hatte. Ich ging schweigend neben ihr her. Das leise Auftippen ihres Gehstocks auf dem Boden begleitete jeden ihrer langsamen Schritte. Das Geräusch hallte in den ansonsten ruhigen Korridoren von Altrix Nova wider und erinnerte mich bei jedem einzelnen Klacken daran, wie schwach sie trotz ihres offensichtlichen Willens noch immer war. Ihr Atem ging flacher als gewöhnlich, und obwohl sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, bemerkte ich, wie sie ihre Schultern immer wieder unmerklich anhob, um etwas tiefer Luft zu holen. Ich führte sie nicht zurück zur Krankenstation. Dort hätte sie sich wieder wie eine Patientin gefühlt. Stattdessen brachte ich sie in einen Bereich der Station, den wir erst vor wenigen Wochen auf Empfehlung des aldrianischen Arztes hatten umbauen lassen. Ursprünglich war es ein gewöhnlicher Aufenthaltsbereich mit einigen Sitzgruppen und einer großen Panoramafront gewesen. Nun war die gesamte Klimasteuerung verändert worden. Die Temperatur lag deutlich niedriger als im übrigen Habitat. Ein permanenter, aber sanfter Luftstrom zog durch den Raum. Versteckte Lüftungsschlitze erzeugten eine stetige Brise, die niemals vollkommen gleich blieb, sondern in Stärke und Richtung leicht variierte, um den natürlichen Wind Aldrins möglichst glaubhaft nachzuahmen. Selbst das Licht war angepasst worden. Es war heller, etwas wärmer in seinem Spektrum und simulierte die Intensität der Solara-Sonne, ohne deren schädliche Strahlung zu reproduzieren. Die Luft roch frischer als im Rest der Station. Irgendjemand hatte zusätzlich Pflanzen aufgestellt, deren schmale, silbrig-grüne Blätter sich ununterbrochen im künstlichen Wind bewegten und ein leises Rascheln erzeugten. Kaum hatten wir den Bereich betreten, konnte ich beobachten, wie sich Xandras Körperhaltung beinahe augenblicklich veränderte. Ihre zuvor angespannten Schultern sanken langsam herab. Sie schloss für einen Moment die Augen und hob unwillkürlich das Gesicht in den Luftstrom. Einige ihrer langen blonden Haarsträhnen wurden von der Brise erfasst und tanzten leicht um ihr Gesicht. Die feinen Härchen an ihrem Pony bewegten sich ebenso, und zum ersten Mal seit ihrem Erwachen wirkte ihre Atmung gleichmäßiger. Selbst ihre Schritte wurden etwas sicherer, auch wenn sie den Gehstock weiterhin benötigte.
"Das tut gut...", murmelte sie so leise, dass ich es beinahe überhört hätte.
Ich nickte lediglich. Außer uns befand sich niemand hier. Sämtliche Aldrianer hielten sich nach wie vor auf ihrer Korvette auf. Dieser Bereich war im Grunde nur geschaffen worden, falls sie Altrix Nova besuchen mussten oder Beobachtungen außerhalb ihres Schiffes erforderlich wurden. Im Moment wirkte der große Aufenthaltsraum beinahe verlassen. Das leise Säuseln der Lüftung und das ferne Summen der Station bildeten die einzigen Geräusche. Wir gingen langsam bis zur Panoramafront. Dahinter lag der schwarze Weltraum. Sterne funkelten reglos in unvorstellbarer Entfernung. Trantor war von hier aus nicht zu sehen. Nur die Schwärze, durchbrochen von vereinzelten Lichtpunkten und dem schwachen Glimmen einiger Navigationsbojen in der Ferne. Vor der Scheibe stand eine breite, gepolsterte Bank mit dunkelgrauem Bezug. Ich setzte mich langsam darauf. Das Material gab unter meinem Gewicht weich nach. Xandra brauchte etwas länger. Vorsichtig ließ sie sich neben mir nieder, stellte den Gehstock an die Seite und lehnte sich mit einem leisen Ausatmen zurück. Sofort griff der stetige Luftstrom wieder in ihr Haar. Eine ganze Weile schwiegen wir. Wir blickten einfach hinaus. Nichts bewegte sich. Kein Frachter. Kein Jäger. Nicht einmal Wartungsdrohnen kreuzten unser Sichtfeld. Es war, als hätte das Universum selbst beschlossen, uns diesen Moment ungestörter Ruhe zu schenken.
Schließlich durchbrach Xandra das Schweigen. "Du weißt ja..." Ihre Stimme klang ruhig. "...warum meine Mutter, die Außenministerin von Aldrin, gerade dich ausgewählt hat."
Ich antwortete, ohne den Blick vom All abzuwenden. "Zufälle." Ich verschränkte locker die Hände. "Ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort und brachte die notwendigen Voraussetzungen mit."
Neben mir hörte ich ein leises Schnauben. "Ein Einmal-im-Leben-Ereignis."
Jetzt nickte ich. "Ja."
Erst jetzt drehte ich den Kopf leicht zu ihr. Sie hatte sich mir vollständig zugewandt. Der Ausdruck in ihren grünen Augen traf mich unerwartet. Ich kannte diesen Blick. Nicht von ihr. Sondern von meinen eigenen Kindern. Dieses vorsichtige Suchen. Dieses Bedürfnis nach Nähe. Nach Sicherheit. Nach einem Menschen, dem man vertrauen konnte. Mein Magen zog sich leicht zusammen. Ich wusste sofort, dass ich etwas sagen musste. Etwas, bevor sich Hoffnungen festsetzten, die ich unmöglich erfüllen konnte.
"Ich bin nicht dein Vater."
Ich sprach langsam. Vorsichtig. Jedes Wort bewusst gewählt. Ich wollte sie nicht verletzen. Aber ich wollte ebenso wenig zulassen, dass sie begann, mich mit einem Menschen zu verwechseln, den sie verloren hatte.
Xandra senkte den Blick nicht. Sie sah mich weiter an. "Ich weiß." Ihre Stimme war erstaunlich ruhig. "Aber du bist ihm so ähnlich." Sie machte eine kleine Pause. Ihre Stirn legte sich leicht in Falten. "Zumindest... soweit ich mich erinnern kann." Sie lächelte schwach. Nicht glücklich. Eher wehmütig. "Er wollte mich mitnehmen." Ihre Lippen wurden schmal. "Und ich wollte bei ihm bleiben." Schon bevor sie weitersprach, konnte ich an ihrem Gesicht erkennen, woran sie dachte. Oder vielmehr... An wen. Ihre Mutter. Ein kaum sichtbarer Schatten huschte über ihre Mimik. Die Mundwinkel sanken. Ihre Kiefermuskeln spannten sich an. "Doch ich durfte nicht."
Der Satz war schlicht. Nüchtern. Gerade deshalb traf er mich. Ich ließ einige Sekunden verstreichen. Dann fragte ich vorsichtig: "Hast du deinem Vater jemals Vorwürfe gemacht?"
Sie drehte den Kopf leicht. "Dass er ging?" Ich nickte. Sie schüttelte langsam den Kopf. "Niemals." Die Antwort kam ohne jedes Zögern. "Er war immer für mich da." Ein sanftes Lächeln erschien auf ihren Lippen. "Er hat mir all die Liebe gegeben, die ich brauchte." Sie schwieg kurz. "...und die ich wollte." Ihre Augen blickten längst nicht mehr in die Gegenwart. Sie sah etwas, das nur sie sehen konnte. Erinnerungen. "Er war streng." Ein leises Lachen entwich ihr. Fast lautlos. "Sehr streng." Ich musste unwillkürlich ebenfalls lächeln. "Er hat mich gefordert." Sie nickte leicht vor sich hin. "Immer." Ihre Finger strichen gedankenverloren über die Sitzfläche. "Aber im Gegenzug..." Sie schloss für einen Moment die Augen. "...bekam ich alles, was ich wollte." Eine kurze Pause. Dann öffnete sie die Augen wieder. "Meistens." Jetzt musste sie tatsächlich etwas lachen. Ein kleines, verschmitztes Lachen. "Wenn ich ehrlich bin..." Sie schüttelte leicht den Kopf. "...war er wahrscheinlich der Mensch, der am häufigsten 'Nein' zu mir gesagt hat."
Ich konnte mir das erstaunlich gut vorstellen. Nicht als kalten Vater. Sondern als jemanden, der Grenzen setzte. Der Verantwortung übernahm. Der nicht jede Bitte erfüllte. Vielleicht war gerade das ein Teil dessen gewesen, weshalb sie ihn so sehr liebte.
"Weil du wusstest, dass jedes Nein einen Grund hatte."
Sie sah mich überrascht an. "Ja." Ihre Stimme wurde leiser. "Genau deshalb."
Wieder schwiegen wir. Der Wind spielte mit ihren Haaren. Einige goldblonde Strähnen lösten sich und tanzten vor ihrem Gesicht. Sie strich sie langsam hinters Ohr.
"Und als er ging?" fragte ich schließlich.
Sie atmete tief ein. "Er blieb noch eine Weile." Ihre Stimme wurde beinahe flüsternd. "Für mich." Ein längeres Schweigen. "Irgendwann..." Sie blickte hinaus in die Sterne. "...war er dann nicht mehr da."
Ich senkte den Blick. "Dass er stattdessen eingesperrt..."
Weiter kam ich nicht. Ich brachte den Satz nicht über die Lippen. Xandra reagierte sofort. "Nein." Sie sprach mit einer Bestimmtheit, die keinen Widerspruch zuließ. "Er ist aufgebrochen." Sie sah mich direkt an. "Er hat mir eine Holonachricht hinterlassen." Ihre Finger umschlossen nun ihre eigenen Hände. "Und danach..." Ein kleines Lächeln erschien erneut. "...hat er mir regelmäßig Nachrichten geschickt." Ich hörte aufmerksam zu. "Nicht nur Nachrichten." Ihre Augen begannen wieder leicht zu glänzen. "Auch Geschenke."
Ich konnte förmlich sehen, wie sie diese Erinnerungen noch einmal durchlebte. Pakete. Aufzeichnungen. Kleine Aufmerksamkeiten. Vielleicht Spielzeug. Vielleicht Bücher. Vielleicht Dinge aus fremden Welten. Was auch immer es gewesen war... Für ein Kind mussten sie unbezahlbar gewesen sein. Ihr Blick löste sich langsam von der Vergangenheit. Er fand zurück zu mir.
Ich sah sie ruhig an. "Irgendwann nicht mehr."
Es war keine Frage. Nur eine Feststellung. Sie nickte. Langsam.
"So ist es." Ein tiefer Seufzer entwich ihr. "Ich weiß bis heute nicht..." Ihre Stimme wurde brüchig. "...ob er tot ist." Sie schluckte. "...oder noch lebt." Der Wind fuhr erneut durch ihr langes Haar. Sie bemerkte es kaum. "Und diese Ungewissheit..."
Sie verstummte. Den Satz musste sie nicht beenden. Ich verstand ihn auch so. Es war nicht der Tod, der einen Menschen manchmal am meisten quälte. Es war die Hoffnung, die nie starb und gleichzeitig niemals Gewissheit brachte. Genau diese Hoffnung hatte Xandra über all die Jahre begleitet, genährt von Erinnerungen, Holonachrichten und Geschenken, bis selbst diese eines Tages verstummt waren. Seitdem lebte sie nicht mit einer Antwort, sondern mit einer offenen Wunde, die niemals vollständig verheilt war. Ich sagte nichts. Es gab Augenblicke, in denen Worte nichts verbessern konnten. Also saß ich einfach neben ihr, während die künstliche Brise unaufhörlich durch ihre langen blonden Haare strich und draußen die Sterne regungslos in der endlosen Dunkelheit standen.

"Dann suchen wir ihn."
"Hiya!"
Der plötzliche Aufschrei Xandras ließ mich derart zusammenfahren, dass mein Herz für einen Augenblick auszusetzen schien. Reflexartig fuhr ich herum. Meine rechte Hand war bereits halb angehoben, als hätte ich instinktiv nach einer Waffe greifen wollen, die ich gar nicht bei mir trug. Neben mir zuckte auch Xandra heftig zusammen. Ihre Schultern schossen nach oben, sie sog erschrocken die Luft ein und klammerte sich so fest an die gepolsterte Sitzbank, dass ihre Fingerknöchel heller wurden. Hinter uns stand Misora. Ich starrte sie mehrere Sekunden einfach nur an. Sie trug wie fast immer ihre schlichte Arbeitskleidung. Eine dunkelgraue Hose mit zahlreichen Werkzeugtaschen, robuste Stiefel, deren Sohlen noch feinen Staub von Trantor trugen, und darüber ein eng anliegendes schwarzes Shirt. Darüber hing ihre offene, dunkelblaue Arbeitsjacke, deren Ärmel bis zu den Ellenbogen hochgeschoben waren. Ihre langen schwarzen Haare mit dem dezenten violetten Schimmer fielen ihr locker über die Schultern. Einige widerspenstige Strähnen standen in alle Richtungen ab, als hätte sie sich kurz zuvor noch mit irgendeiner Maschine unterhalten statt mit Menschen. Ihr Gesichtsausdruck verriet keinerlei schlechtes Gewissen. Nicht einmal ansatzweise. Sie schien ehrlich überrascht darüber zu sein, dass sie uns erschreckt hatte.
"Du..." Ich musste erst einmal tief durchatmen. "...hast uns gerade fast einen Herzstillstand verpasst."
Misora legte leicht den Kopf schief. "Hab ich?"
Sie sah erst mich an. Dann Xandra. Dann wieder mich.
"Ja." Meine Antwort fiel deutlich knapper aus als beabsichtigt.
"Entschuldigung."
Der Tonfall klang allerdings eher sachlich als reumütig. Noch bevor ich etwas erwidern konnte, hob sie bereits den Zeigefinger.
"Anhand deiner Geschenke..." Sie blickte direkt zu Xandra. "...können wir vielleicht herausfinden, welche Route dein Vater geflogen ist."
Für einen kurzen Moment geschah etwas Erstaunliches. Xandras Gesicht hellte sich schlagartig auf. Ihre Augen wurden größer. Das grüne Leuchten darin gewann an Intensität. Zum ersten Mal seit unserem Gespräch wirkte sie beinahe hoffnungsvoll. Doch kaum zwei Atemzüge später verschwand dieser Ausdruck wieder. Die Freude sackte regelrecht in sich zusammen. Ihre Schultern sanken.
"Es ist alles auf Aldrin." Sie hielt kurz inne. "Besser gesagt..." Ein bitteres Lächeln erschien. "...auf Deca."
"Dem Terraformer-CPU-Schiff?" fragte ich überrascht. "Wieso dort?"
Xandra ließ den Blick für einige Sekunden zur Panoramascheibe schweifen. Der künstliche Wind spielte erneut mit ihren langen blonden Haaren. "Als ich fünfzehn wurde..." begann sie langsam. "...wollte ich meinem Vater folgen." Allein dieser Satz genügte. Ich musste ihre Mutter nicht einmal kennen, um zu ahnen, wie die Geschichte weitergehen würde. "Doch meine Mutter ließ mich nicht." Der Ausdruck in ihrem Gesicht verhärtete sich augenblicklich. Ihre Mundwinkel wurden schmal. Ihre grünen Augen verloren jede Wärme. Stattdessen trat eine Verachtung darin hervor, die so alt wirkte wie die Erinnerungen selbst. "Stattdessen..." Sie sprach das Wort beinahe aus. "...schickte sie mich auf ein Militärinternat." Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass die damals fünfzehnjährige Xandra dort glücklich gewesen war. Ihr Gesicht bestätigte meine Vermutung sofort. Allein die Erinnerung ließ ihre Kiefermuskeln arbeiten. Sie presste kurz die Lippen zusammen. "Ich habe es gehasst." Der Satz war kaum lauter als ein Flüstern. "Aber..." Sie atmete ruhig aus. "...ich biss mich durch." Langsam löste sich die Anspannung wieder etwas. "Ich nutzte die Gelegenheit." Ihre Stimme gewann an Festigkeit. "Zuerst wechselte ich in eine technische Laufbahn." Jetzt sprach sie mit einer ganz anderen Energie. Fast so, als würde sie über einen völlig anderen Lebensabschnitt reden. "Anfangs waren es nur Wartungsarbeiten." Sie hob leicht die Hand. "Hydraulik. Versorgungssysteme. Reaktorwartung. Kabelbäume. Diagnosen." Sie lächelte schwach. "Es hat mir gefallen." Ich bemerkte, wie Misora aufmerksam wurde. Die Mechanikerin hörte inzwischen mit derselben Konzentration zu, mit der andere Menschen wissenschaftliche Vorträge verfolgten. "Dann kamen Konstruktionen hinzu." fuhr Xandra fort. "Ich hatte offenbar ein Talent dafür." Ein warmes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. "Wie mein Vater." Immer wenn sie von Toru Haiiro sprach, veränderte sich ihre gesamte Mimik. Nicht schlagartig. Sondern beinahe unmerklich. Ihre Augen wurden weicher. Die Stirn entspannte sich. Selbst ihre Stimme bekam einen wärmeren Klang. "Dann..." Sie dachte kurz nach. "...kam Design dazu. Noch später Programmierung. Und irgendwann..." Sie lächelte fast verlegen. "...stellte sich heraus, dass ich nicht nur Terraformer studieren konnte." Sie sah kurz zu mir. "...sondern verstand, wie sie arbeiteten."
Neben mir bemerkte ich sofort eine Bewegung. Misora. Sie war nur minimal zusammengezuckt. Kaum sichtbar. Doch ich hatte es gesehen. Terraformer. Allein dieses Wort genügte. Die Vergangenheit. Alles hing miteinander zusammen.
Xandra bemerkte ihre Reaktion offenbar nicht. "Ich studierte vier Jahre Weltraummechanik." zählte sie ruhig auf. "Dann weitere drei Jahre Schiffstechnik. Parallel absolvierte ich die Offiziersschule." Sie lächelte nun sogar etwas stolz. "Seit zwei Jahren bin ich auf Deca stationiert." Ihre Haltung richtete sich leicht auf. "Man traut mir zu, die verlorene Terraformertechnologie nicht nur zu benutzen..." Sie machte eine kleine Pause. "...sondern sie zu duplizieren." Sie sah uns beide an. "Für eine Fünfundzwanzigjährige ist das..." Sie zuckte leicht mit den Schultern. "...eine beachtliche Laufbahn."
Misora nickte anerkennend. "Ohne Zweifel." Sie verschränkte locker die Arme. "Also lebst du praktisch auf Deca."
Xandra nickte. "Ja. Eigentlich schon."
Ich hörte den beiden kaum noch zu. In meinem Kopf begann sich plötzlich ein völlig anderes Bild zusammenzusetzen. Gedanken rasten durcheinander. Zusammenhänge entstanden. Ich merkte gar nicht, dass ich längst laut sprach. "Ohne Terraformer..." murmelte ich. "...und ohne Saatschiffe..." Ich blickte gedankenverloren hinaus in den Weltraum. "...musste Aldrin die letzten Jahrhunderte jede einzelne Naturkatastrophe aus eigener Kraft überstehen." Weitere Zusammenhänge drängten sich auf. "Deca selbst..." Ich runzelte die Stirn. "...war niemals das Werkzeug." Jetzt drehte ich mich wieder zu Xandra. "Es war lediglich der Koordinator. Nicht der Exekutor."
Xandra nickte sofort. "Das stimmt." Erst in diesem Augenblick wurde mir bewusst, dass ich sämtliche Gedanken laut ausgesprochen hatte. Sie schien sich daran allerdings nicht zu stören. "Mit Decas Hilfe..." begann sie ruhig. "...konnten unsere Vorfahren technologisch enorme Fortschritte erzielen." Sie hob langsam eine Hand. "Wir bauten Schutzanlagen. Atmosphärenkontrollen. Energieschilde. Wetterüberwachung. Orbitale Frühwarnsysteme." Sie ließ die Hand wieder sinken. "Aber..." Ihre Stimme wurde ernster. "...einen Planeten heilt man nicht innerhalb weniger Jahre." Sie blickte hinaus. "Die Biosphäre Aldrins brauchte Jahrhunderte." Ich nickte langsam. "Selbst heute..." fuhr sie fort."...ist sie noch nicht vollständig regeneriert." Sie lächelte traurig. "Man sieht es unserem Planeten kaum noch an."
Ich dachte an die Bilder Aldrins. An die grünen Landschaften. Die Wälder. Die Meere. Die Städte. Nie wäre ich auf die Idee gekommen, dass darunter noch immer Narben lagen. Dann sah Xandra plötzlich zu Misora. Anschließend zu mir. Ihr Gesicht wurde ernst. Sehr ernst.
Sie sprach langsam. Fast ehrfürchtig. "Das..." Sie deutete mit einer kaum wahrnehmbaren Bewegung nach draußen. "...würde auch mit Trantor funktionieren."
Ich spürte regelrecht, wie sich die Luft im Raum veränderte. Misora erstarrte. Ihre Augen wurden groß. Sie sagte kein Wort. Ich selbst brachte ebenfalls keinen Laut heraus. Vor meinem inneren Auge tauchten gleichzeitig zahllose Bilder auf. Die verlassenen Städte. Die zerbombten Industriekomplexe. Die abgestürzten Wracks. Die verbrannten Wälder. Die verseuchten Böden. Die stillgelegten Bergwerke. Die aufgegebenen Raumstationen. Die Ruinen. All das... Könnte verschwinden? Nicht durch jahrzehntelangen Wiederaufbau. Nicht durch mühselige Einzelprojekte. Sondern durch eine Technologie, deren eigentliche Aufgabe einst darin bestanden hatte, tote Welten in lebensfreundliche Planeten zu verwandeln. Ich drehte den Kopf langsam zur Panoramascheibe. Der schwarze Weltraum spiegelte schwach unser eigenes Spiegelbild. Meine Gedanken überschlugen sich. Deca war niemals als Kriegsmaschine gebaut worden. Die Xenon waren erst durch den fehlerhaften Patch entstanden. Vorher ... waren Terraformer Werkzeuge gewesen. Werkzeuge zum Erschaffen. Nicht zum Vernichten. Ich erinnerte mich an den alten Präsidenten Akira Sora, an seine Worte über das sterbende Sonnensystem, an die verlassenen Städte von Trantor, an die ausgebrannten Industriegebiete und an die wenigen Millionen Menschen, die geblieben waren. Zum ersten Mal fragte ich mich nicht, welche Gefahr Deca darstellte. Zum ersten Mal fragte ich mich, welches Wunder in diesem uralten Terraformer-CPU-Schiff vielleicht noch immer verborgen lag.

Ich sagte zunächst nichts. Mein Blick ruhte noch immer auf den Sternen jenseits der Panoramascheibe, doch ich sah sie längst nicht mehr. Vor meinem inneren Auge hatte sich ein vollkommen anderes Bild aufgebaut. Es war so klar, als würde ich es tatsächlich erleben. Deca. Das uralte Terraformer-CPU-Schiff. Die Koordinationsinstanz. Der Dirigent. Und dann... Die Saat- und Terraformerschiffe. Jene Flotte. Jene einst gewaltige Flotte, die ich im Wen-System zurückgelassen hatte, die kaum mehr aus einer handvoll Schiffen bestand. Schlafend. Wartend. Verlassen. Ich spürte, wie sich mein Atem verlangsamte. Was ... wenn ich sie Deca unterstellen würde? Der Gedanke traf mich mit einer Wucht, die mich beinahe körperlich erschütterte. Unwillkürlich begann ich mir auszumalen, was geschehen könnte. Meine Fantasie begann an der Realität vorbei zu arbeiten. Vor meinem inneren Auge erwachte eine uralte Armada. Gigantische Terraformerschiffe glitten lautlos aus ihrem jahrhundertelangen Schlaf. Unzählige Positionslichter flammten gleichzeitig auf. Triebwerke erwachten. Sensoren aktivierten sich. Millionen automatisierter Routinen begannen zu arbeiten. Und über allem ... Deca. Ein einzelnes CPU-Schiff. Nicht größer. Nicht stärker. Nicht besser bewaffnet. Aber der Verstand. Der Koordinator. Der Taktgeber. Ich wusste aus den alten Datenbanken, dass Terraformer niemals als Einzelwesen gedacht gewesen waren. Sie arbeiteten im Schwarm. Wie ein Organismus. Das CPU-Schiff analysierte. Die Saatschiffe erzeugten Biosphären. Terraformerschiffe formten Kontinente. Atmosphärenschiffe regulierten Luftzusammensetzungen. Hydrologische Einheiten erschufen Meere. Orbitale Plattformen bauten Magnetfelder auf. Jede Klasse erfüllte ihren eigenen Zweck. Alle zusammen ... konnten Welten erschaffen. Oder wiederherstellen.
Ich stellte mir Trantor vor. Nicht das heutige Trantor. Sondern das zukünftige. Verwüstete Landschaften verschwanden. Verstrahlte Böden regenerierten sich. Vertrocknete Flüsse kehrten zurück. Abgestorbene Wälder begannen erneut zu wachsen. Verlassene Regionen wurden wieder fruchtbar. Die Atmosphäre stabilisierte sich. Das Klima normalisierte sich. Innerhalb weniger Jahre. Vielleicht sogar Monate. Eine technologische Leistung, für die organische Zivilisationen Jahrhunderte gebraucht hätten. Ich hielt unbewusst den Atem an. Welches Potential ... steckte eigentlich in dieser Flotte? Mein Herz schlug schneller.
Doch ebenso schnell folgte die andere Seite. Die Katastrophe. Nicht theoretisch. Sondern unausweichlich. Die Bilder wechselten schlagartig. Jetzt sah ich keine grünen Landschaften mehr. Ich sah Krieg. Argonische Zerstörer. Terranische Schlachtschiffe. Fregatten. Korvetten. Gemeinsam. Zum ersten Mal seit langer Zeit kämpften Argonen und Terraner Seite an Seite. Nicht gegeneinander. Sondern gegen einen gemeinsamen Feind. Terraformer. Ich sah Salven aus Photonenimpulskanonen. Ich sah Plasmageschosse. Ich sah Antimaterietorpedos. Ich hörte Explosionen. Terraformerschiffe zerbarsten unter konzentriertem Beschuss. Saatschiffe wurden von Raketen zerrissen. Jahrhunderte alte Technologien regneten brennend in Planetenatmosphären. Nicht, weil sie jemanden angegriffen hätten. Sondern ... weil ihre bloße Existenz genügte. Weil niemand mehr zwischen Terraformern und Xenon unterscheiden würde. Nicht nach allem, was geschehen war. Nicht nach den Kriegen. Nicht nach Milliarden Toten. Für die Gemeinschaft der Planeten wären Terraformer keine Werkzeuge. Sie wären Albträume.
Und unmittelbar danach ... sah ich mich selbst. Nicht als Zuschauer. Als Angeklagter. Gefesselt. Vor einem Tribunal. "Sie haben Terraformer aktiviert." "Sie haben verbotene Technologie eingesetzt." "Sie haben die Sicherheit der Gemeinschaft gefährdet." Ich wusste nicht einmal, wer mich anklagen würde. Die Argonen? Die Terraner? Beide? Vermutlich beide. Die UNO... Mein Magen zog sich zusammen. Ich sah Altrix Nova. Versiegelt. Beschlagnahmt. UNO-Konten eingefroren. Firmenvermögen konfisziert. Schiffe eingezogen. Lizenzen entzogen. Meine Mitarbeiter. Verhört. Verhaftet. Vielleicht sogar erschossen, falls jemand glaubte, sie hätten mitgeholfen. Nein... Es würde nicht bei der UNO bleiben.
Aldrin. Ich schloss kurz die Augen. Natürlich. Aldrin. Deca gehörte offiziell den Aldrianern. Die Terraner würden gar nicht lange fragen. Sie würden behaupten, Aldrin habe verbotene Terraformertechnologie versteckt. Geheim gehalten. Reaktiviert. Eine unmittelbare Gefahr für Sol. Ich hörte beinahe schon die Pressemitteilungen. "Präventive Sicherheitsmaßnahme." "Vorübergehende militärische Kontrolle." "Schutz der Menschheit." Schöne Worte. Für eine Annexion. Die terranische Flotte würde Solara besetzen. Lilandra hätte keine Chance. Xandra ebenfalls nicht. Und sobald Aldrin vollständig kontrolliert wäre ... hätten die Terraner endlich den vorgeschobenen Brückenkopf, den sie immer gebraucht hätten.
Ein eigener militärischer Stützpunkt außerhalb des Sol-Systems. Von dort ... war der Weg in die Argonische Föderation kurz. Sehr kurz. Ich erinnerte mich an etwas, das Scarlett Okafor bei meinem Besuch des Sol-Systems gesagt hatte. Die Argonen. Die verlorene Kolonie von Son'ra. Verwandte. Menschen. Getrennt durch Jahrhunderte. Die Terraner hatten diese Trennung niemals vollständig akzeptiert. Manche wollten Wiedervereinigung. Andere...Eroberung.
Ich schüttelte heftig den Kopf. Nein. Allein diese Gedankenkette reichte aus, um mir den Magen umzudrehen. Und selbst wenn... Ich hielt mitten im Gedanken inne. Selbst wenn ich verrückt genug wäre ... ich konnte es gar nicht. Zwischen Wen und Presidents End lagen sieben Sprungtore. Sieben Sonnensysteme. Ich begann sie im Kopf durchzugehen. Sieben politische Hoheitsgebiete. Sieben Grenzkontrollen. Sieben Gelegenheiten entdeckt zu werden. Selbst wenn ... die Boronen den Durchflug erlauben würden. Nicht mal da war ich mir sicher. Die Boronen waren friedfertig. Aber nicht naiv. Auch sie kannten die Geschichte der Terraformer. Vielleicht würden sie diplomatisch reagieren. Vielleicht. Doch spätestens ... wenn das erste Terraformerschiff argonisches Gebiet erreichte ... würde Alarm ausgelöst. Nicht Minuten später. Sofort. Ich kannte die Einsatzdoktrinen. Alles, was einem Terraformer ähnelte ... wurde vernichtet. Ohne Verhandlungen. Ohne Warnungen. Die Flotte hätte keine Chance. Sie würde niemals Presidents End erreichen. Nicht einmal annähernd.
In diesem Moment vibrierte plötzlich meine linke Armschiene. Das Summen war leise. Und dennoch fühlte es sich an, als wäre es direkt in meinen Schädel gefahren. Ich blickte hinunter. Das Display hatte sich bereits aktiviert. Schwarzer Hintergrund. Weiße Schrift. Schlicht. Sachlich. Fast emotionslos.
*Die Helfer können die Terraformerflotte mittels künstlichem Wurmloch unmittelbar von Wen nach Presidents End transferieren.*
Ich erstarrte. Mein Herz schlug plötzlich deutlich schneller. Langsam hob ich den Blick. Dann wieder zum Display. Es war, als hätten ... sie meine Gedanken gelesen. Ein unangenehmes Gefühl kroch meinen Rücken hinauf. Leider wusste ich inzwischen, dass genau das nicht vollkommen ausgeschlossen war. Die Helfer hatten in der Vergangenheit Fähigkeiten gezeigt, die ich bis heute nicht verstand. Ich brauchte keine drei Sekunden. Meine Antwort stand fest.
"Nein."
Ich sprach das Wort laut aus. Gleichzeitig bestätigte ich es auf der Armschiene. Die Nachricht verschwand augenblicklich. Keine Nachfrage. Keine Diskussion. Einfach nur ... Stille. Ich atmete tief durch. Dann blickte ich zu Xandra. Sie beobachtete mich aufmerksam. Neben ihr stand Misora. Auch sie hatte bemerkt, dass etwas nicht stimmte.
"Was ist passiert?" fragte Misora.
Ich schwieg noch einige Sekunden. Wie sollte ich das erklären? Dass irgendwo am anderen Ende der Galaxis uralte Maschinen auf meinen Befehl warteten? Dass geheimnisvolle Wesen, deren Motive ich nicht einmal ansatzweise verstand, mir gerade angeboten hatten, sie durch künstliche Wurmlöcher hierher zu bringen? Dass ich dieses Angebot eben ausgeschlagen hatte? Ich fuhr mir langsam mit einer Hand durchs Haar.
"Ich fürchte..." begann ich schließlich. "...ich muss euch etwas erzählen."
Die beiden Frauen wechselten einen kurzen Blick. Fragend. Verunsichert. Neugierig.
"Nicht hier." Ich erhob mich langsam von der Bank. "Gehen wir in mein Büro."
Misora nickte sofort. Xandra brauchte etwas länger. Sie griff nach ihrem Gehstock und stemmte sich vorsichtig hoch. Der kühle Luftstrom trug weiterhin durch ihre langen Haare, doch ich konnte erkennen, dass sie inzwischen wieder genügend Kraft hatte, um selbstständig zu gehen. Noch während wir den Bereich verließen, aktivierte ich mein Kommunikationssystem.
"Valentina." Die Verbindung stand augenblicklich. "Komm bitte in mein Büro."
"Verstanden."
Dann wechselte ich. "Vanu."
"Ich bin unterwegs."
Kurz darauf öffnete ich einen dritten Kanal. Diesmal zögerte ich. Deutlich länger. Mein Finger schwebte über der Auswahl. Gal. Tahl. Sollte ich sie wirklich einweihen? Je mehr Menschen davon wussten ... desto größer wurde das Risiko. Andererseits ... Allein konnte ich diese Entscheidung unmöglich tragen. Nicht mehr. Schließlich drückte ich doch.
"Gal." Ihre ruhige Stimme meldete sich.
"Ja?"
"Komm bitte ebenfalls in mein Büro."
"Ich bin auf dem Weg."
Noch einmal wechselte ich den Kanal. "Tahl."
Der Sicherheitschef antwortete wie gewohnt knapp. "Ja, Chef?"
"Besprechung."
"Worum geht es?"
"Das erkläre ich gleich."
"Komme."
Die Verbindung endete. Ich ließ den Arm sinken. Während wir schweigend durch die Korridore gingen, wurde mir bewusst, dass ich gerade dabei war, eines der größten Geheimnisse meines Lebens preiszugeben. Vielleicht war es unklug. Vielleicht sogar gefährlich. Doch sämtliche Möglichkeiten, die ich allein im Kopf durchgespielt hatte, hatten mich nur tiefer in ein Labyrinth aus Chancen und Katastrophen geführt. Wenn ich weiterhin alles für mich behielt, würde ich zu keiner Entscheidung gelangen. Vielleicht brauchte ich genau jetzt Menschen, denen ich vertraute, selbst wenn das bedeutete, ihnen Dinge zu offenbaren, die eigentlich niemals jemand erfahren sollte.

Re: [EX16] Isekai no Xistence

Verfasst: Di 7. Jul 2026, 19:08
von Tom
Bild

Kapitel 65 - Sitzung

Die Türen meines Büros glitten mit einem leisen pneumatischen Zischen auseinander. Einer nach dem anderen betrat den Raum. Ich blieb zunächst am großen Panoramafenster stehen und beobachtete schweigend den langsam rotierenden Planeten Trantor unter Altrix Nova. Sein bläulich-grüner Horizont wurde von vereinzelten Wolkenbändern durchzogen, während auf der Nachtseite die wenigen größeren Städte wie verstreute Inseln aus Licht wirkten. Hinter mir hörte ich das leise Klacken von Schuhen auf dem dunklen Bodenbelag, das Rascheln von Kleidung und schließlich das gedämpfte Geräusch, als sich mehrere Personen auf die Sessel vor meinem Schreibtisch setzten. Ich wartete bewusst. Niemand sprach. Die Stille war beinahe greifbar. Erst als die Tür erneut aufglitt, trat Tahl ein. Der Sicherheitschef hatte sich offenbar direkt von einer Kontrollrunde hierher begeben. Seine Uniform saß wie immer makellos, obwohl seine schweren Stiefel noch feinen Metallstaub von irgendeinem Wartungsdeck mitgebracht hatten. Er nickte mir knapp zu.
"Chef."
"Hast du alles veranlasst?"
Er nickte. "Valen Seldon befindet sich wieder auf der aldrianischen Korvette. Der Übergang zwischen Altrix Nova und der Korvette wird rund um die Uhr von unseren Leuten bewacht. Niemand betritt oder verlässt das Schiff ohne ausdrückliche Genehmigung."
"Gab es Widerstand?"
"Nein." Tahl verzog leicht den Mund. "Er war körperlich noch zu geschwächt."
Ich nickte langsam. "Und die Besatzung?"
"Nicht begeistert." Er verschränkte die Arme. "Aber sie haben verstanden, dass es sich um eine Sicherheitsmaßnahme handelt."
"Gut."
Mehr sagte ich dazu nicht. Erst jetzt setzte ich mich hinter meinen Schreibtisch. Vor mir saßen Valentina und Vanu nebeneinander. Valentina hatte die Beine elegant übereinandergeschlagen und musterte mich mit diesem ruhigen Blick, der immer verriet, dass sie bereits ahnte, wenn mich etwas innerlich beschäftigte. Vanu hingegen wirkte deutlich angespannter. Sie saß aufrecht, beide Hände lagen ineinander verschränkt auf ihrem Schoß. Ihre Aufmerksamkeit war vollständig auf mich gerichtet. Misora hatte sich, wie so oft, halb quer in einen der Sessel gesetzt. Ein Bein hatte sie unter sich gezogen. Das andere baumelte locker über den Boden. Ihr Datenpad lag bereits auf ihren Oberschenkeln. Offenbar rechnete sie damit, technische Informationen zu hören. Gal saß etwas seitlich. Nicht aus Höflichkeit. Aus Gewohnheit. Sie wählte automatisch eine Position, von der aus sie jeden Anwesenden gleichzeitig beobachten konnte. Xandra saß am Ende der Sitzgruppe. Die kühle Luft im speziell klimatisierten Büro schien ihr sichtlich gutzutun. Ihre langen blonden Haare bewegten sich leicht im stetigen Luftstrom. Die Farbe ihrer schokoladenbraunen Haut wirkte gesünder als noch vor wenigen Tagen, dennoch sah man ihr an, dass sie sich erst langsam erholte. Der Gehstock lehnte neben ihrem Sessel. Ich ließ den Blick langsam über alle schweifen.
"Was ich euch gleich erzähle..." begann ich ruhig, "...bleibt in diesem Raum."
Niemand antwortete. Niemand musste. Ihre Gesichter verrieten bereits, dass sie verstanden hatten. Ich atmete tief durch.
"Vor einiger Zeit..." Meine Worte fielen mir schwerer als erwartet. "...war ich im System Heim des Patriarchen."
Misora hob leicht die Augenbrauen. Ich bemerkte es. Sie unterbrach mich jedoch nicht.
"Ich war dort nicht allein." Ich lehnte mich leicht zurück. "Ich traf auf mehrere uralte Schiffe." Ich machte bewusst eine Pause. "...Terraformerschiffe."
Jetzt veränderte sich die Atmosphäre im Raum schlagartig. Misoras Finger versteiften sich augenblicklich um ihr Datenpad. Xandra hob langsam den Kopf. Gal blinzelte kaum merklich. Tahl runzelte sofort die Stirn. Valentina und Vanu sahen mich gleichzeitig an. Niemand sagte etwas. Ich sprach weiter.
"Nicht Xenon." betonte ich sofort. "Terraformer. Originale. Alte Modelle. Sie befanden sich im Schlafmodus." Ich verschränkte langsam die Hände vor mir. "Sie griffen mich nicht an. Sie reagierten überhaupt nicht." Ich erinnerte mich noch genau an diesen Moment. An die gigantischen Silhouetten. An die Stille. An die Ehrfurcht. "Sie warteten." sagte ich schließlich. "Auf Befehle."
Jetzt hob Misora langsam die Hand. "Darf ich etwas fragen?"
"Natürlich."
"Wo genau?"
"Sie waren auf Nif'Nakh abgestürzt." Sie akzeptierte die Antwort überraschend schnell. "Waren es viele?"
Ich dachte kurz nach. "Ja, aber kaum mehr als eine Handvoll haben es aus dem Split-Raum geschafft."
Das entsprach der Wahrheit. Zumindest der Wahrheit, die ich erzählen wollte. Ich verschwieg bewusst alles, was mit den Wenendra zusammenhing. Deren Existenz ging niemanden hier etwas an. Noch nicht.
"Ich wollte die Schiffe untersuchen." fuhr ich fort.
"Doch dazu kam es nicht." Ich erinnerte mich an das beklemmende Gefühl. An den plötzlichen Schmerz. "Ich verlor das Bewusstsein." Die Gesichter vor mir wurden ernster. "Ich weiß nicht, wie lange." Ich schüttelte leicht den Kopf. "Zeit spielte dort offenbar keine Rolle." Meine Hände lagen inzwischen ruhig auf der Tischplatte. Ich suchte nach Worten. Bis heute fiel mir schwer zu beschreiben, was ich erlebt hatte. "Ich befand mich..." Ich verzog leicht das Gesicht. "...nicht an einem Ort. Es war eher ... eine Art geistige Begegnung." Gal beobachtete mich inzwischen mit ungewöhnlicher Intensität. Sie versuchte offenbar einzuschätzen, ob ich selbst glaubte, was ich erzählte. "Ich traf..." Ich sprach bewusst langsam. "...ein Wesen." Wieder entstand Stille. "Es bezeichnete sich nicht mit einem Namen. Es nannte sich ... einen Helfer."
Xandra runzelte leicht die Stirn. "Helfer?"
Ich nickte. "Ja. Jene Spezies, die einst den Boronen halfen. Aber ich weiß nicht, welche Spezies das ist. Niemand weiß es. Keine Herkunft. Kein Körper, wie wir ihn kennen." Ich schloss kurz die Augen. "Es sprach mit mir. Nicht mit Worten. Eher..." Ich suchte erneut nach einer passenden Beschreibung. "...direkt mit meinem Bewusstsein." Niemand unterbrach mich. Nicht einmal Misora. "Es erklärte mir einige Dinge. Nicht viele. Vor allem stellte es Fragen."
Ich bemerkte, wie Tahl zunehmend skeptischer wurde. "Und?" fragte er schließlich. "Was wollte dieses..." Er überlegte kurz. "...Wesen?"
"Das weiß ich nicht." antwortete ich. "Es schien ... neugierig zu sein. Auf Menschen. Auf Entscheidungen. Auf Entwicklung."
Ich verschwieg sorgfältig jede Einzelheit, die Rückschlüsse auf die Wenendra oder andere Zusammenhänge zugelassen hätte. Ebenso verschwieg ich jedes Detail, das meine Armschiene betraf. Für alle Anwesenden blieb sie lediglich ein technisches Hilfsmittel, wie sie mich seit langer Zeit kannten.
"Seit diesem Erlebnis..." fuhr ich fort, "...kommt es gelegentlich vor, dass ich Nachrichten erhalte."
Jetzt wechselten mehrere Blicke gleichzeitig zu meinem linken Unterarm. Unauffällig zog ich die Hand etwas unter den Tisch. Nicht auffällig. Nur ... genug.
"Keine regelmäßigen." sagte ich ruhig. "Keine Befehle. Keine Drohungen. Lediglich Angebote. Informationen. Fragen." Ich hob den Blick wieder. "Heute erhielt ich erneut eine."
Diesmal reagierte niemand. Alle warteten.
"Mir wurde angeboten..." Ich spürte erneut dieses unangenehme Ziehen im Magen. "...mehrere Terraformerschiffe unmittelbar nach Presidents End zu bringen."
Jetzt sprach endlich jemand. Misora. "...Was?" Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
"Direkt." bestätigte ich. "Ohne Sprungtore. Ich habe sofort abgelehnt."
Diese Aussage löste eine sichtbare Welle der Erleichterung aus. Vor allem bei Tahl. Er atmete deutlich hörbar aus. "Danke." murmelte er.
"Ich musste nicht lange überlegen." sagte ich. "Die Folgen wären unabsehbar." Ich blickte in die Runde. "Ihr wisst inzwischen alle, was Deca theoretisch leisten könnte."
Mehrere nickten langsam. "Stellt euch nun nicht ein Schiff vor." Ich machte eine kurze Pause. "Sondern mehrere. Koordiniert. Voll einsatzfähig." Ich schüttelte langsam den Kopf. "Die Gemeinschaft der Planeten würde sie vernichten. Die Terraner ebenfalls. Und vermutlich zuerst fragen, wer sie aktiviert hat." Niemand widersprach. Weil jeder wusste, dass genau das passieren würde. Ich verschränkte erneut die Hände. "Deshalb erzähle ich euch das." Ich sah jedem Einzelnen nacheinander in die Augen. "Nicht, weil ich beschlossen habe, irgendetwas zu tun. Im Gegenteil. Ich habe beschlossen..." Ich sprach bewusst langsam. "...vorerst überhaupt nichts zu tun."
Erst jetzt löste sich die Anspannung im Raum ein wenig. Doch ich bemerkte gleichzeitig etwas anderes. Niemand hielt mich für verrückt. Keiner. Nicht einmal Tahl. Das überraschte mich fast mehr als alles andere. Offenbar hatten die letzten Monate, die Xenon, Deca, Aldrin und all die anderen Ereignisse den Horizont aller Anwesenden so weit verschoben, dass selbst die Erzählung über eine Begegnung mit einem uralten Helfer und schlafenden Terraformerschiffen nicht mehr unmöglich klang, sondern lediglich wie das nächste unfassbare Kapitel einer Wirklichkeit geworden war, die längst jede frühere Vorstellung übertroffen hatte.

Für mehrere Sekunden sagte niemand etwas. Die einzige Bewegung im Raum ging von den feinen Partikeln aus, die durch den Luftstrom der Klimaanlage glitten und im schräg einfallenden Licht der Panoramascheibe kurz sichtbar wurden. Ich beobachtete die Gesichter der Anwesenden. Jeder schien die Informationen auf seine eigene Weise zu verarbeiten. Valentina hatte die Arme verschränkt und wirkte nachdenklich. Vanu kaute unbewusst auf ihrer Unterlippe. Tahl starrte mit zusammengezogenen Augenbrauen auf die Tischplatte, während Misora bereits damit begonnen hatte, Notizen auf ihrem Datenpad anzulegen. Gal hingegen hatte ihr Pad zwar ebenfalls aktiviert, tippte aber nichts ein. Sie beobachtete lediglich. Schließlich räusperte sich Xandra leise. Ich wandte den Kopf zu ihr. Sie hatte sich langsam aus ihrem Sessel aufgerichtet. Ihr Gehstock lehnte noch immer neben ihr, doch sie schien ihn im Moment nicht zu benötigen. Das stetige Lüftungssystem des Büros bewegte ihre langen blonden Haare sanft nach hinten. Das dezente grüne Leuchten ihrer Augen war zurückgekehrt. Nicht so intensiv wie in emotionalen Momenten, aber deutlich kräftiger als während ihrer Krankheit.
"Ich glaube...", begann sie vorsichtig, "...dass ich erklären sollte, warum wir Aldrianer Terraformer völlig anders sehen." Niemand widersprach. Sie ließ ihren Blick langsam durch den Raum schweifen. "Nicht, um euch zu überzeugen." Sie schüttelte leicht den Kopf. "Das wäre vermessen." Ein kleines, beinahe entschuldigendes Lächeln erschien auf ihren Lippen. "Ich möchte lediglich erklären, warum wir anders empfinden." Sie machte eine kurze Pause. "Ich werde nicht von Aldrin sprechen." Ihr Blick traf kurz meinen. "Unsere Geschichte kennt ihr inzwischen." Ich nickte kaum merklich. "Stattdessen..." Sie drehte sich langsam zur Panoramascheibe. "...möchte ich über Trantor sprechen."
Der Planet hing unter uns wie eine gewaltige grünblaue Kugel. Selbst von hier oben waren Narben sichtbar. Große helle Regionen, in denen einst Städte gestanden hatten. Verbrannte Gebiete. Verlassene Kontinente. Trockene Flusstäler.
"Stellt euch vor..." begann Xandra ruhig, "...Deca hätte Zugriff auf eine vollständige Terraformerflotte." Sie hob langsam eine Hand. Nicht dramatisch. Eher erklärend. "Zunächst würden sämtliche planetaren Sensoren aktiviert. Die gesamte Biosphäre würde kartiert. Jeder Quadratmeter. Jede Pflanze. Jedes Gewässer. Jede Bodenprobe. Jede atmosphärische Strömung." Misora hatte aufgehört zu schreiben. Sie hörte aufmerksam zu. "Danach würden Millionen Berechnungen gleichzeitig stattfinden." Xandra sprach inzwischen beinahe wie eine Ingenieurin. Nicht wie eine Politikerin. "Welche Böden sind ausgelaugt? Welche Mineralien fehlen? Welche Mikroorganismen existieren noch? Welche ausgestorbenen Pflanzen könnten rekonstruiert werden? Wo verlaufen unterirdische Wasseradern? Welche Regionen regenerieren sich selbst? Welche benötigen Unterstützung?" Sie zeichnete mit den Händen unsichtbare Karten in die Luft. "Erst danach würden die eigentlichen Arbeiten beginnen." Ihre Stimme blieb ruhig. Sachlich. "Atmosphärenschiffe würden Luftzusammensetzung und Feuchtigkeit lokal regulieren. Hydrologische Einheiten würden Wasserläufe stabilisieren. Geologische Terraformer könnten Erdrutsche verhindern. Biologische Saatschiffe würden Mikroorganismen, Moose, Flechten und später höhere Pflanzen exakt in der Reihenfolge ausbringen, wie sich stabile Ökosysteme entwickeln." Ich bemerkte, wie selbst Tahl inzwischen aufmerksam zuhörte. "Verwüstete Wälder würden zurückkehren. Versalzene Böden würden langsam entsalzt. Verstrahlte Regionen dekontaminiert. Ausgetrocknete Seen würden erneut Wasser führen. Die Artenvielfalt würde schrittweise zurückkehren." Sie deutete auf Trantor. "Nicht in Jahrzehnten. Nicht in Jahrhunderten. Sondern innerhalb weniger Jahre."
Ich wusste, dass sie nicht übertrieb. Zumindest nach allem, was ich inzwischen wusste.
"Landwirtschaft könnte wieder auf Flächen stattfinden, die heute unbrauchbar sind. Städte müssten weniger Energie für Klimatisierung aufbringen. Naturkatastrophen könnten gezielt abgeschwächt werden. Die Atmosphäre könnte langfristig stabilisiert werden." Sie lächelte traurig. "Für uns Aldrianer..." Ihre Stimme wurde weicher. "...waren Terraformer niemals Waffen. Sie waren Gärtner. Gärtner für ganze Welten." Im Raum blieb es still. Niemand unterbrach sie. "Wenn ich Trantor sehe..." Sie blickte erneut hinaus. "...dann sehe ich keinen zerstörten Planeten. Ich sehe einen Patienten. Einen schwer verletzten. Aber heilbaren." Sie ließ die Hand langsam sinken. "Deshalb..." Ihre Stimme wurde leiser. "...können viele Aldrianer bis heute nicht verstehen, warum ihr solche Angst vor Terraformern habt."
Sie setzte sich wieder. Langsam. Vorsichtig. Niemand reagierte sofort. Nicht aus Ablehnung. Sondern weil jeder verstanden hatte, dass sie ehrlich gesprochen hatte. Sie hatte niemanden manipulieren wollen. Sie hatte schlicht erklärt, wie ihre Kultur dachte. Ich bemerkte aus dem Augenwinkel, dass Gal inzwischen ihr Datenpad zur Seite gelegt hatte. Sie stand langsam auf. Ohne Hast. Ohne sichtbare Emotion.
"Ich glaube..." sagte sie ruhig, "...jetzt ist es an der Zeit, die andere Seite zu zeigen."
Xandra blickte zu ihr. Fragend. Gal trat an den Projektortisch. Mit wenigen Fingerbewegungen aktivierte sie das Holosystem. Der Raum verdunkelte sich leicht. Über der Tischplatte entstand zunächst lediglich eine Sternenkarte. Die Gemeinschaft der Planeten. Zahlreiche bekannte Systeme leuchteten als kleine Lichtpunkte. Gal sprach ruhig. Fast emotionslos. Wie jemand, der einen historischen Vortrag hielt.
"Ich nehme dir nichts übel." Sie sah Xandra direkt an. "Keiner von uns tut das. Du kannst nichts für eure Geschichte." Sie machte eine kurze Pause. "Aber ihr habt etwas nie erlebt." Die Sternenkarte veränderte sich. Ein System leuchtete rot auf. "Vor ungefähr achthundert Jazuras."
Mehrere Daten erschienen. Alte Aufnahmen. Archivmaterial. Terraformerschiffe. Dann ... Xenon.
"Für die Gemeinschaft der Planeten begann alles mit einzelnen Fehlfunktionen."
Die ersten Aufnahmen zeigten Raumstationen. Beschädigte Frachter. Verschwundene Kolonien.
"Niemand verstand damals, was geschah."
Weitere Bilder erschienen. Wracks. Trümmerfelder. Ausgebrannte Orbitalstationen.
"Aus Werkzeugen..." Gal sprach den Satz langsam. "...wurden Feinde."
Die Hologramme wechselten schneller. Planet um Planet. System um System. Ich erkannte viele Namen. Argon Prime. Omicron Lyrae. Getsu Fune. Scale Plate Green. Thyn's Abyss. Paranidische Grenzwelten. Boronische Außenkolonien. Überall dieselben Bilder. Zerstörung. Ausgebrannte Stationen. Evakuierungen. Flüchtlingsschiffe. Brennende Werften. Millionen Tote. Gal kommentierte jede Sequenz. Nicht ausschweifend. Nur mit den notwendigsten Informationen.
"Hier wurde die gesamte Zivilbevölkerung ausgelöscht." Das nächste Bild. "Hier vernichteten Xenon sämtliche Orbitalwerften." Noch eines. "Diese Kolonie existiert heute nicht mehr."
Ich bemerkte, wie Xandras Gesicht langsam jede Farbe verlor. Sie sagte kein Wort mehr. Ihre Augen wurden immer größer. Sie hatte so etwas nie gesehen. Dann erschienen die Split. Massive Schlachtschiffe. Zerstörte Flotten. Selbst diese aggressiven Krieger hatten gewaltige Verluste erlitten. Es folgten Aufnahmen der Boronen. Rettungsschiffe. Schwimmende Städte. Kinder. Verzweifelte Gesichter. Paraniden. Teladi. Argonen. Alle hatten dieselben Bilder. Krieg. Verlust. Tod. Gal wechselte die Projektion. Die Sternenkarte zoomte weit heraus. Dann wieder hinein. Ein einzelnes System. Rot markiert. Sie sprach jetzt etwas langsamer.
"Jahr 2912." Mehrere Personen im Raum spannten sich sichtbar an. Selbst Misora hörte auf zu atmen. "Hades."
Der Systemname erschien. Darunter historische Daten. Alte Satellitenaufnahmen. Gal blickte kurz zu Xandra.
"Dieses System existiert heute nicht mehr."
Das nächste Hologramm ließ selbst mir einen kalten Schauer über den Rücken laufen. Ein gewaltiges Objekt. Unfassbar groß. Eckig. Albtraumhaft.
"Ein Xenon-Planetenzerstörer." Gal sprach jedes Wort ruhig aus. "Ausgerüstet mit Singularitätswaffen."
Die Aufzeichnung begann. Selbst ohne Ton wirkte sie bedrückend. Die Sonne. Dann ... ein gleißendes Licht. Der Raum wurde für einen Augenblick vollständig weiß. Als das Bild zurückkehrte ... war nichts mehr da. Kein Planet. Nur Trümmer. Staub. Glühende Gesteinsbrocken. Eine Schockwelle breitete sich durch das System aus. Raumstationen wurden auseinandergerissen. Monde aus ihren Bahnen geschleudert. Schiffe verdampften. Gal ließ die Aufnahme enden. Im Raum herrschte absolute Stille.
"Das Hades-System." Sie blickte auf die Sternenkarte. "...trägt heute einen anderen Namen." Die Schrift wechselte: Schwarze Sonne.
Niemand sprach. Niemand bewegte sich. Ich sah zu Xandra. Sie saß regungslos in ihrem Sessel. Ihre Hände hatten sich unbewusst ineinander verkrampft. Die Knöchel waren weiß geworden. Ihre grünen Augen starrten auf das schwebende Hologramm, als könne sie nicht begreifen, was sie gerade gesehen hatte. Ihr Mund war leicht geöffnet, doch kein Laut kam über ihre Lippen. Erst jetzt verstand sie wirklich, weshalb die Terraformer für die Aldrianer ein Symbol des Fortschritts waren, während dieselbe Technologie für nahezu jede andere Spezies der Gemeinschaft der Planeten den Ursprung eines jahrhundertelangen Traumas darstellte. Zwei Zivilisationen blickten auf dieselbe technische Errungenschaft und sahen darin vollkommen unterschiedliche Wahrheiten, beide geprägt von ihrer eigenen Geschichte.

Die bedrückende Stille nach Gals Präsentation hielt noch immer an. Das Hologramm war inzwischen erloschen. Nur die indirekte Beleuchtung meines Büros war wieder auf ihre normale Helligkeit zurückgekehrt. Dennoch hatte ich das Gefühl, als läge noch immer ein Schatten über dem Raum. Niemand hatte sich bewegt. Selbst das leise Summen der Klimaanlage schien plötzlich lauter geworden zu sein. Xandra saß noch immer regungslos da. Ihre Finger waren ineinander verschränkt, so fest, dass die Gelenke hell hervortraten. Ihr Blick war auf den Tisch gerichtet, doch ich bezweifelte, dass sie ihn überhaupt wahrnahm. Sie verarbeitete gerade achthundert Jazuras Geschichte innerhalb weniger Minuten.
Schließlich war es Vanu, die langsam den Kopf hob. Sie strich sich mit zwei Fingern eine Haarsträhne hinter das Ohr, atmete einmal tief durch und sah erst mich, dann die anderen an. "Wenn ein Terraformerverband in Trantor auftaucht, dann würde das sicherlich Chaos auslösen." Ihre Stimme war ruhig geblieben. Nicht emotionslos, sondern kontrolliert. Sie sprach langsam, als wolle sie vermeiden, vorschnelle Schlüsse zu ziehen. "Aber wenn wir mal die ganzen Konsequenzen beiseitelassen..." Sie hielt inne. Ihr Blick wanderte zur Panoramascheibe, hinter der Trantor ruhig seine Bahn zog. "...nachdem jeder gesehen hätte, was sie vollbringen könnten..." Sie ließ den Satz bewusst unvollendet. Im Raum entstand erneut eine kurze Pause. "...neige ich dazu zu sagen, dass die Menschen von Trantor Tori aus der Hand fressen würden."
Ich verzog unwillkürlich das Gesicht. Der Ausdruck gefiel mir überhaupt nicht. Nicht weil ich Vanus Einschätzung für falsch hielt. Sondern weil ich sie für erschreckend realistisch hielt. Misora hob langsam den Kopf. Sie nickte kaum merklich. "Das würden sie." Ihre Stimme war ungewöhnlich ernst. "Viele hier leben seit Generationen mit dem Gedanken, dass Trantor niemals wieder vollständig aufgebaut werden kann." Sie verschränkte die Arme. "Wenn plötzlich jemand erscheint, dessen Technologie den Planeten innerhalb weniger Jahre regenerieren könnte..." Sie zuckte mit den Schultern. "...würde sich die öffentliche Meinung vermutlich schneller verändern, als uns allen lieb wäre."
Gal nickte zustimmend. "Nicht nur auf Trantor." Sie sah kurz zu mir. "In ganz Presidents End."
Tahl schnaubte leise. "Das wäre dann aber das kleinste Problem." Seine dunkelgrauen Augen verengten sich. "Die Nachricht würde sich innerhalb weniger Stazuras in der gesamten Gemeinschaft verbreiten. Spätestens dann würden sämtliche Nachrichtennetze verrücktspielen. Argon Prime. Omicron Lyrae. Die Paraniden. Die Teladi. Alle würden sofort wissen wollen, woher diese Schiffe kommen."
Ich nickte innerlich. Genau das hatte ich befürchtet. Und genau deshalb hatte ich das Angebot der Helfer sofort abgelehnt. Noch bevor ich etwas sagen konnte, meldete sich Valentina. Sie hatte bisher schweigend zugehört. Nun löste sie langsam die verschränkten Arme.
"Aber da passt etwas nicht zusammen." Sofort richteten sich alle Blicke auf sie. Auch ich. Valentina sprach niemals vorschnell. Wenn sie etwas sagte, hatte sie zuvor bereits mehrere Gedankengänge miteinander verknüpft. Sie blickte zuerst zu Vanu. "Wie Vanu gerade sagte..." begann sie ruhig, "...würde Tori wahrscheinlich sofort und lebenslang Präsident werden, wenn alles gut laufen würde." Sie hob leicht eine Augenbraue. "Und wir alle wissen..." Ein feines, fast ironisches Lächeln erschien auf ihren Lippen. "...dass es das nicht wird."
Ein leises Schnauben ging von Tahl aus. Er musste ihr wohl zustimmen. Valentina ließ sich davon nicht beirren. Sie legte beide Hände locker auf die Armlehnen ihres Sessels.
"Aber Lilandra wollte, dass Tori Präsident wird." Sie machte eine kurze Pause. "Nicht irgendwann. Jetzt." Sie sah in die Runde. "Damit Deca nach Presidents End evakuiert werden kann." Sie sprach den nächsten Satz bewusst langsam aus. "...nachdem Tori Terraformer nicht mehr als Feinde einstuft."
Im Raum wurde es erneut still. Diesmal war es eine andere Art von Stille. Nicht betroffen. Sondern denkend. Ich bemerkte, wie Gal den Kopf leicht zur Seite neigte. Misora runzelte die Stirn. Vanu blinzelte mehrmals. Selbst Xandra hob langsam den Blick.
Tahl war schließlich der Erste, der reagierte. Er stützte die Ellenbogen auf die Knie und verschränkte die Hände vor seinem Mund. "Das ist..." Er hielt kurz inne. "...interessant." Er sah nun direkt zu mir. "Wir sind die ganze Zeit davon ausgegangen, dass Lilandra lediglich jemanden gesucht hat, der Deca außer Landes bringt." Er schüttelte langsam den Kopf. "Aber vielleicht..." Sein Blick wanderte nachdenklich durch den Raum. "...war das gar nicht ihr eigentliches Ziel."
Gal nickte langsam. "Genau." Sie aktivierte erneut ihr Datenpad, ohne jedoch etwas zu projizieren. "Betrachten wir die Ereignisse chronologisch." Ihre Stimme hatte wieder diesen analytischen Klang angenommen. "Lilandra kontaktiert Tori. Nicht irgendeinen Piloten. Nicht irgendeinen Schmuggler. Sondern den Gründer der Universal Nourishment Organization." Sie hob einen Finger. "Ein Unternehmer. Einer, der Infrastruktur aufbaut. Noch wichtiger..." Sie blickte zu mir. "...jemand, der bereits begonnen hat, Trantor wirtschaftlich zu stabilisieren." Sie hob den zweiten Finger. "Dann bringt sie ihre Tochter persönlich zu ihm. Ob freiwillig oder nicht..." Sie sah kurz zu Xandra. "...spielt zunächst keine Rolle. Anschließend schlägt ausgerechnet der scheidende Präsident von Presidents End Tori öffentlich als seinen Nachfolger vor." Ein dritter Finger. "Und nun wissen wir, dass Valen offenbar wesentlich aktiver gehandelt hat, als wir zunächst angenommen hatten." Sie ließ die Hand wieder sinken. "Die Frage lautet also nicht mehr..." Gal machte eine Pause. "...ob Lilandra plant. Sondern ... wie weit dieser Plan tatsächlich reicht."
Ich lehnte mich langsam zurück. Ein unangenehmes Gefühl breitete sich in meinem Magen aus. Bis eben hatte ich geglaubt, verschiedene Einzelereignisse erlebt zu haben. Meine Begegnung mit Xandra. Deca. Der Vorschlag als Präsident. Die Nachrichten aus Presidents End. Die Terraformer. Die Helfer. Doch plötzlich begannen diese Ereignisse ineinanderzugreifen. Wie Zahnräder. Als hätten mehrere Menschen gleichzeitig an unterschiedlichen Stellen eines einzigen Plans gearbeitet. Xandra hatte währenddessen nachdenklich die Hände auf ihren Knien abgelegt. Ihr Blick war inzwischen klarer geworden. Sie schien ebenfalls über etwas nachzudenken.
Schließlich sprach sie leise. "Ich glaube nicht..." Alle sahen zu ihr. "...dass meine Mutter dich manipulieren wollte." Sie hielt meinem Blick stand. "Sie kennt dich kaum." Ihre Stimme war ruhig. "Aber sie kennt Menschen." Sie atmete langsam aus. "Und sie erkennt Potential." Sie dachte kurz nach. "Vielleicht..." Sie suchte nach den richtigen Worten. "...hat sie gar nicht geplant, dass du Präsident wirst. Vielleicht..." Ein schwaches Lächeln huschte über ihr Gesicht. "...hat sie lediglich gehofft."
Ich erwiderte ihren Blick. "Hoffnung ist ein gefährliches Fundament für Politik."
Xandra nickte langsam. "Ja." Sie senkte den Blick. "Aber manchmal..." Ihre Stimme wurde leiser. "...ist Hoffnung alles, was einem noch bleibt."
Niemand widersprach ihr. Denn unabhängig davon, welche Ziele Lilandra tatsächlich verfolgte, stand inzwischen fest, dass sich unsere Wege längst nicht mehr zufällig gekreuzt hatten. Ob durch politische Berechnung, persönliches Vertrauen oder schlichten Optimismus, irgendwo hatte jemand begonnen, die ersten Dominosteine aufzustellen. Die beunruhigendste Erkenntnis war jedoch eine andere: Während wir hier saßen und versuchten, den Plan zu entschlüsseln, wusste keiner von uns, wie viele Steine bereits gefallen waren und wie viele noch auf ihren Anstoß warteten.

"Nein, das ist es nicht."
Valentinas Stimme durchbrach die Gedankenkette, die sich gerade in meinem Kopf aufgebaut hatte. Sie sprach nicht laut, nicht dramatisch und auch nicht mit der Schärfe, die sie manchmal in medizinischen Diskussionen verwendete. Aber ihre Worte hatten Gewicht. Sie waren klar. Bestimmt.
"Wir verrennen uns hier in etwas."
Sofort wandten sich alle Blicke ihr zu. Ich beobachtete sie genau. Valentina hatte diesen Ausdruck in den Augen, den ich inzwischen kannte. Es war derselbe Blick, den sie auch hatte, wenn sie eine Diagnose stellte und ihr bereits mehrere mögliche Erklärungen durch den Kopf gingen. Nicht emotional. Nicht voreingenommen. Sie zerlegte eine Situation in einzelne Bestandteile.
"Was meinst du?" fragte ich.
Valentina stand auf. Es war keine hektische Bewegung. Eher eine, die ihr half, ihre Gedanken zu ordnen. Sie strich die Falten ihrer Kleidung glatt und begann, langsam durch mein Büro zu gehen. Es war eine Angewohnheit von ihr. Wenn etwas in ihrem Kopf arbeitete, konnte sie nicht einfach still sitzen bleiben. Sie brauchte Bewegung, als würde ihr Körper den gleichen Prozess durchführen wie ihr Verstand. Die Beleuchtung meines Büros spiegelte sich schwach auf dem polierten Boden, während ihre Schritte kaum hörbar waren. Hinter ihr zog Trantor langsam seine Bahn durch das schwarze Meer des Weltraums. Die beschädigten Kontinente des Planeten waren von hier oben kaum mehr als dunkle Flecken auf einer fernen Kugel.
"Zum einen der zeitliche Ablauf." Sie blieb kurz stehen. "Als ich mit Hoshiko schwanger war und Vanu mit Asahi, da kamen wir nach Aldrin." Ihr Blick wanderte kurz zu Vanu. Diese nickte langsam. "Wir gingen dorthin, weil die Aldrianer Erfahrung mit menschlichen Kindern haben, deren Eltern von verschiedenen Welten stammen." Valentina verschränkte die Hände hinter ihrem Rücken. "Die Außenministerin kannte dich bis zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht." Sie sah mich direkt an. "Ich glaube sogar, dass sie bis dahin noch nicht einmal von der UNO wusste."
Ich wollte widersprechen. Doch ich konnte es nicht. Denn wenn ich ehrlich war, hatte sie recht. Zu diesem Zeitpunkt war die UNO noch weit davon entfernt gewesen, eine bekannte Organisation zu sein. Wir waren gewachsen. Schnell sogar. Aber im Vergleich zu den großen Konzernen und Institutionen der Gemeinschaft der Planeten waren wir noch immer klein.
"Wir waren zu klein." Valentina sprach genau den Gedanken aus, den ich selbst gehabt hatte. "Relativ gesehen zu anderen Unternehmen sind wir das noch immer." Ich nickte langsam. Es gefiel mir nicht, aber ihre Argumentation war logisch. "Die Ereignisse der letzten Wochen und Monate können also nicht alle Teil eines langfristigen Plans gewesen sein." Sie setzte ihren Weg durch den Raum fort. "Es ergibt einfach keinen Sinn." Sie blieb neben dem großen Konferenztisch stehen. "Die Aldrianer haben nur Deca." Sie hob leicht die Hand. "Und ich bezweifle stark, dass Lilandra irgendwo eine vollständige Terraformerflotte versteckt und sie bei Bedarf aus dem Nichts hervorholen kann."
Einige verwirrte Blicke gingen durch den Raum. Tahl zog eine Augenbraue hoch. Misora sah von ihrem Datenpad auf. Gal hingegen blieb völlig ruhig und wartete darauf, dass Valentina ihren Gedanken ausführte.
"Was ich damit sagen will..." Valentina sah in die Runde. "...ist, dass es Zufälle sind." Eine kurze Pause. "Und zwar die Art von Zufällen, die man nicht planen kann."
Nach und nach nickten mehrere Personen. Auch ich. Denn je länger ich darüber nachdachte, desto mehr musste ich ihr zustimmen.
Valentina ging weiter. "Lilandra will einen Bruderkrieg zwischen den Terranern und Aldrianern verhindern." Sie sprach den Satz mit einer gewissen Selbstverständlichkeit aus. "Und das würde vermutlich jeder vernünftige Politiker versuchen." Sie blieb wieder stehen. "Der Grund dafür ist klar." Ihre Stimme wurde ernster. "Die Angst der Terraner vor Deca." Sie blickte kurz zu Xandra. "Vor einem CPU-Mutterschiff, das theoretisch zu einem Xenon werden könnte." Xandra senkte leicht den Blick. Sie kannte diese Angst. Aber sie teilte sie nicht. "Wir wissen, dass es nicht passieren wird." Valentina hob einen Finger. "Der ursprüngliche Fehler entstand durch einen fehlerhaften Patch vor über achthundert Jahren." Ein zweiter Finger. "Genau dieses Update hat Deca niemals erhalten." Sie ließ die Hand wieder sinken. "Aber die Terraner wissen das nicht oder akzeptieren es nicht." Ihr Gesicht wurde härter. "Sie sind xenophob und imperialistisch." Niemand widersprach. "Deswegen fordern sie von Aldrin die Herausgabe oder Vernichtung von Deca." Sie atmete langsam aus. "Was Aldrin aber nicht tun wird." Ihr Blick wanderte zu Xandra. "Weil Deca seit über siebenhundert Jahren ein Teil ihrer Geschichte ist. Ein Teil ihrer Kultur. Ein Teil ihrer Identität."
Die Worte blieben einen Moment im Raum stehen. Ich bemerkte, wie Xandra darauf reagierte. Ihre Gesichtszüge wurden weicher. Für einen kurzen Augenblick wirkte sie nicht wie eine Politikerin oder Offizierin. Sondern einfach wie eine Aldrianerin, die verstand, warum ihr Volk dieses Schiff niemals freiwillig aufgeben würde.
Valentina fuhr fort. "Und genau deswegen passen die Ereignisse der letzten Wochen nicht zusammen." Jetzt kam sie zum eigentlichen Punkt. "Tori hat eine uralte Terraformerflotte gefunden und geweckt." Sie sah mich an. "Das war reiner Zufall auf Nif'Nakh."
Ich lehnte mich etwas zurück. Die Erinnerung daran war noch immer erstaunlich klar. Eigentlich hatte ich diesen Besuch vollkommen anders geplant.
"Du wolltest die Split frühestens nächstes Jahr besuchen." Ich nickte. "Die Planänderung war spontan." Valentina hob die Schultern. "Niemand konnte vorher wissen, dass sich auf Nif'Nakh überhaupt Terraformerwracks befinden." Sie sah zu Gal. "Und niemand außerhalb dieses kleinen Kreises weiß jetzt die Details davon." Gal bestätigte es mit einem knappen Nicken. "Dass Tori dann auch noch ein funktionierendes Schiff gefunden hat..." Valentina machte eine kurze Pause. "...war nur der Teladi Hatileos zu verdanken." Misora hob leicht den Kopf. "Die Teladi hatte Nif'Nakh niemals verlassen. Sie hatte keine Kontakte außerhalb des Planeten, geschweige denn des Systems. Es gab keinen Weg, wie Lilandra davon hätte wissen können." Valentina blieb vor der Panoramawand stehen. Ihr Blick wanderte hinaus auf Trantor. "Es gibt zu viele Variablen." Sie drehte sich wieder zu uns. "Zu viele Momente, die niemand hätte vorhersehen können." Dann richtete sie ihren Blick auf Xandra. "Die Terraformerflotte selbst ist ebenfalls ein Faktor." Xandra sah aufmerksam zu ihr. "Von der einst mächtigen irdischen Terraformer-Flotte..." Valentina sprach langsamer. "...blieb auf Nif'Nakh gerade einmal etwa die Hälfte übrig." Ihre Stimme wurde sachlicher. "Viele weitere Schiffe waren nicht mehr weltraumtauglich. Auch wenn die Terraformer die Split nicht angegriffen haben, zerstörten die Split einen großen Teil der fliehenden Schiffe. Nach dem Wurmlochdurchgang gingen weitere Schiffe durch ihr Alter verloren." Sie sah mich an. "Was heute übrig ist..." Eine kurze Pause. "...ist kaum mehr als eine Handvoll Schiffe."
Die Zusammenfassung war grob richtig. Nicht jedes Detail entsprach meiner eigenen Erinnerung, aber die Kernaussage stimmte. Die einst gewaltige Flotte war nur noch ein Schatten ihrer früheren Größe. Ich wusste allerdings noch nicht, worauf Valentina hinauswollte. Deshalb schwieg ich.
"Tori ist kein Präsident." Sie betonte jedes Wort. "Und trotzdem besitzt er bereits Zugriff auf Terraformertechnologie." Jetzt wurde es still. Sehr still. Valentina wandte sich Xandra zu. "Könnte man diese verbliebenen Terraformer ohne CPU-Mutterschiff nutzen?"
Alle wurden augenblicklich aufmerksam. Besonders Misora. Nicht nur, weil sie als Leiterin eines Schrottplatzes mit alter Technologie arbeitete. Sondern auch, weil sie gleichzeitig eine Schiffswerft führte. Sie hatte selbst die Spacetruck-Frachter entwickelt. Sie wusste, was es bedeutete, ein komplexes Schiffssystem ohne zentrale Steuerung zu betreiben.
Xandra dachte einige Sekunden nach. Ihre Augen bewegten sich leicht, während sie die Möglichkeiten abwog. Dann nickte sie. "Ja."
Mehrere Personen reagierten sofort. Einige schnappten hörbar nach Luft.
Misora beugte sich nach vorne. "Man kann es?"
Xandra nickte. "Ja." Sie verschränkte die Hände. "Mit einem CPU-Schiff wäre es deutlich koordinierter. Effizienter. Einfacher." Sie machte eine kurze Pause. "Aber die einzelnen Terraformerschiffe können auch unabhängig gesteuert werden."
Ich spürte, wie sich etwas in mir veränderte. Denn plötzlich war der entscheidende Punkt klar.
"Nur..." fuhr Xandra fort, "...müsste jedes einzelne Schiff separat befehligt werden. Es wäre wesentlich aufwendiger. Aber möglich."
In meinem Kopf fiel etwas an seinen Platz. Nicht wie ein Puzzleteil. Eher wie ein Stein, der aus einer Mauer herausgebrochen wurde. Ich sah plötzlich die gesamte Situation anders. Wenn die Terraformer auch ohne Deca nutzbar waren... Dann war der gesamte ursprüngliche Gedanke von Lilandra hinfällig. Sie hatte vielleicht gehofft, dass Deca der Schlüssel war. Dass nur über dieses Schiff eine Möglichkeit bestand, Terraformertechnologie sicher einzusetzen. Aber das stimmte nicht. Ich hatte bereits Zugang. Ohne Präsident zu sein. Ohne politische Position. Ohne ihre Hilfe. Ohne ihre Bedingungen. Und ich hatte nie vorgehabt, ihr diese Möglichkeit einfach zu schenken. Nicht nach allem, was passiert war. Nicht nachdem ich erkannt hatte, wie viele Menschen bereits versucht hatten, meine Entscheidungen zu beeinflussen. Ich sah zu den anderen. Niemand sagte etwas. Aber ich wusste, dass jeder denselben Gedanken hatte. Lilandras Plan, soweit wir ihn überhaupt verstanden hatten, hatte gerade einen entscheidenden Teil verloren. Und zum ersten Mal fragte ich mich nicht mehr, ob ich in einem fremden Spiel eine Figur war. Sondern ob ich längst begonnen hatte, die Regeln selbst zu verändern.

Ich stand schweigend auf. Keiner sagte ein Wort. Das Gespräch hinter mir verstummte beinahe augenblicklich, als ich mich von der Sitzgruppe löste und langsam quer durch mein Büro ging. Jeder Schritt hallte dumpf über den dunklen Boden, dessen mattes Metall das kalte Licht der indirekten Deckenbeleuchtung verschluckte. Ich nahm kaum wahr, wie sich die Blicke der anderen in meinen Rücken bohrten. Meine Gedanken waren längst woanders. Vor mir zog sich die gewaltige Panoramawand über die gesamte Breite meines Büros. Das transparente Material war vollkommen klar. Kein Rahmen störte den Blick. Es wirkte beinahe so, als gäbe es zwischen mir und dem Vakuum des Weltraums überhaupt keine Trennung. Ich hob langsam meine linke Hand und legte sie gegen die glatte Oberfläche. Sie fühlte sich kühl an. Fast beruhigend. Mein Blick wanderte hinaus. Unter uns hing Trantor. Ein Planet, dessen Narben selbst aus dem Orbit sichtbar waren. Gewaltige Kontinente zogen gemächlich unter Altrix Nova vorbei. Zwischen den Ozeanen lagen unzählige helle Flecken der Zivilisation, doch ebenso viele dunkle Wunden, in denen nie wieder Licht zurückgekehrt war. Verlassene Megastädte zeichneten sich wie tote Adern über die Oberfläche. Einschlagkrater, kilometerlange Brandnarben und verwüstete Landschaften erzählten selbst aus dieser Entfernung von Jahrhunderten voller Gewalt. Ich erinnerte mich an Tibe-Kea. An den eisigen Wind. An die unnatürlich klare Luft. An die Aussicht über zweihundertfünfzig Kilometer weit. An verlassene Städte. An zerstörte Dörfer. An Regionen voller Leben. Und an den alten Mann. An seine ruhige Stimme. An seine Erinnerungen. An alles, was Presidents End einmal gewesen war. Meine Finger spannten sich unmerklich gegen die Scheibe.
Hinter mir herrschte noch immer Schweigen. Niemand unterbrach mich. Niemand wagte es. Ich dachte an Xandra. An Valen. An Lilandra. An Deca. An die Terraformer. An die Helfer. An die Xenon. An die Kha'ak. An die Split. An die Boronen. An die Argonen. An die Terraner. Jedes einzelne Ereignis schien mit einem anderen verbunden zu sein. Wie Zahnräder. Kaum setzte sich eines in Bewegung, folgten alle anderen. Ich hatte nie Politiker werden wollen. Ich hatte nie Präsident werden wollen. Ich hatte nie irgendeine Macht gesucht. Alles, was ich jemals hatte tun wollen, war Menschen zu helfen. Dafür hatte ich die Universal Nourishment Organization gegründet. Nahrung. Medizin. Versorgung. Nicht Krieg. Nicht Diplomatie. Nicht Machtspiele. Und trotzdem stand ich inzwischen mitten in ihnen. Ich schloss kurz die Augen. Der Ancient. Seine Worte. Ethik und Moral seien fließend. Damals hatte ich den Satz nur verstanden. Jetzt begann ich ihn zu fühlen.
War ich noch derselbe Mensch? Ich wusste es nicht. Ich hatte Valen tagelang festhalten lassen. Ich hatte gehofft, ihn irgendwann zu brechen. Nicht aus Grausamkeit. Nicht aus Rache. Sondern weil ich Antworten wollte. Und trotzdem blieb am Ende nur die Tatsache bestehen, dass ich einen Mann bewusst in Bedingungen gebracht hatte, die ihn beinahe getötet hätten. Dann war Xandra gekommen. Mit ihrem Gehstock. Mit ihrer Wut. Mit ihrem Schmerz. Sie hatte Dinge ausgesprochen, die ich niemals erwartet hätte. Sie war nicht mehr die junge Frau gewesen, die schüchtern in meinem Büro gesessen hatte. Sie hatte ihre Maske verloren. Vielleicht hatte ich meine ebenfalls verloren.
Ich öffnete die Augen wieder. Trantor drehte sich langsam weiter. Ein Planet. Ein Schicksal. Eine Zukunft. Oder vielleicht mehrere. Meine Gedanken wanderten zu den wenigen verbliebenen Terraformern. Eine Handvoll uralter Maschinen. Genug, um Welten zu verändern. Genug, um Kriege auszulösen. Genug, um ganze Zivilisationen gegeneinander aufzubringen. Ich hätte sie ablehnen können. Verstecken. Zerstören. Oder benutzen. Jede Entscheidung würde Millionen Menschen betreffen. Ich musste unwillkürlich leise ausatmen.
"Was ist eigentlich mein Schicksal...?"
Ich hatte den Satz kaum hörbar ausgesprochen. Nicht einmal sicher, ob ich ihn wirklich laut gesagt hatte. War ich dazu bestimmt, ein Unternehmen aufzubauen? Planeten wiederaufzubauen? Politik zu betreiben? Oder war das alles lediglich eine Verkettung unzähliger Zufälle, die mich immer weiter in Richtungen drückten, die ich niemals freiwillig gewählt hätte? War Schicksal überhaupt etwas Vorgegebenes? Oder erschuf man es mit jeder einzelnen Entscheidung neu? Ich wusste nur eines. Niemand würde diese Entscheidungen für mich treffen. Nicht Lilandra. Nicht Valen. Nicht der Präsident von Presidents End. Nicht die Helfer. Nicht einmal die Ancient. Ich war meines eigenen Schicksals Schmied. Die eigentliche Frage war nur ... was dieses Schicksal überhaupt sein sollte.
In genau diesem Moment wechselte die gesamte Beleuchtung meines Büros schlagartig. Das warme Weiß verschwand. Aggressives Rot flutete den Raum. Der Wechsel war so abrupt, dass selbst die Reflexionen auf der Panoramawand blutrot wurden. Gleichzeitig durchschnitt ein schriller Alarmton die plötzlich schwere Stille. Mehrere der Anwesenden fuhren erschrocken zusammen. Ich drehte mich halb um. Noch bevor irgendjemand reagieren konnte, erklang bereits die automatisch priorisierte Stationsdurchsage aus den unsichtbar in den Wänden verborgenen Lautsprechern.
"Sicherheitsalarm."
Eine kurze Pause. Dann sprach dieselbe synthetische Stimme weiter.
"Hatileos hat die Wachen an der Schleuse schwer verletzt und ist mit der aldrianischen Korvette geflohen."
Für einen winzigen Augenblick schien niemand zu atmen. Selbst das Heulen des Alarms trat in den Hintergrund. Mein Herz setzte einen Schlag aus. Dann raste es los. Nein. Nicht jetzt. Nicht die Korvette. Nicht Xandra. Nicht Valen. Nicht ... Deca. Meine Gedanken überschlugen sich in Sekundenbruchteilen. Hatileos. Die Teladi. Sie hatte sich bisher ruhig verhalten. Fast unauffällig. Warum jetzt? Warum ausgerechnet die Korvette? Warum mit Gewalt? Ich wirbelte vollständig herum. Die Gesichter im Raum spiegelten denselben Schock wider. Xandra war kreidebleich geworden. Ihre ohnehin noch geschwächte Haltung wirkte plötzlich, als würde ihr jeder Halt entzogen. Misoras Augen weiteten sich ungläubig. Valentina presste die Lippen zusammen. Vanu hatte bereits instinktiv ihre Armschiene aktiviert. Gal reagierte als Erste. "Oh nein..." Ihre Finger flogen bereits über das Holodisplay ihres Armbands.
Neben ihr war Tahl praktisch im selben Augenblick in Bewegung. Sein Stuhl kippte nach hinten. "Alle Sicherheitseinheiten alarmieren!" Seine Stimme füllte das gesamte Büro. "Hangars verriegeln! Flugkontrolle übernehmen! Sofort!"
Doch noch während seine Befehle hinausgingen, wusste ich bereits, dass sie zu spät kamen. Eine Korvette war kein Shuttle. Wenn sie erst einmal beschleunigte ... würde sie innerhalb weniger Minuten jeden Abfangradius verlassen haben. Ich starrte auf das rot pulsierende Licht. Etwas sagte mir, dass das hier erst der Anfang war. Wieder einmal. Doch wovon diesmal?

Re: [EX16] Isekai no Xistence

Verfasst: Sa 11. Jul 2026, 01:15
von Tom
Bild

Kapitel 66 - Plage

Als wir das Büro verließen, herrschte bereits Ausnahmezustand auf Altrix Nova. Das rote Alarmlicht pulsierte in gleichmäßigen Abständen über Decken und Wände und tauchte die normalerweise hellen, freundlichen Korridore der Station in ein bedrückendes, blutrotes Halbdunkel. Der metallische Boden vibrierte leicht unter den hastigen Schritten unzähliger Menschen. Überall rannten Sicherheitskräfte, medizinisches Personal und Techniker aneinander vorbei, ohne sich gegenseitig zu behindern. Jeder schien genau zu wissen, wohin er musste. Die automatische Stationsstimme wiederholte in regelmäßigen Abständen den Sicherheitsalarm, während gleichzeitig verschlüsselte Einsatzmeldungen über die internen Kommunikationskanäle liefen.
Ich ging an der Spitze unserer Gruppe. Fast schon automatisch hatte ich das Tempo erhöht. Hinter mir hörte ich die schnellen Schritte von Valentina und Vanu. Misora war ebenfalls dicht hinter mir, während Tahl Brenna und Gal Connar längst ihre eigenen Kommunikationskanäle geöffnet hatten und ununterbrochen Befehle an ihre Einsatzkräfte gaben.
"Alle Schleusen verriegeln."
"Hangar drei vollständig absichern."
"Überlebende priorisieren."
"Spurensicherung beginnt sofort."
"Jeder Datenknoten der Korvette wird rekonstruiert."
Ihre Stimmen überschnitten sich kaum. Beide arbeiteten seit Jahrzehnten zusammen. Halbgeschwister oder nicht, sie ergänzten sich beinahe perfekt. Je näher wir der Andocksektion kamen, desto mehr Sicherheitskräfte begegneten uns. Überall waren Angehörige der Sustenance Security Agency unterwegs. Der SSA. Der Sicherheitsabteilung der Universal Nourishment Organization. Als ich die UNO gegründet hatte, hatte ich niemals geplant, eines Tages eine eigene Sicherheitsorganisation mit Kampfschiffen zu besitzen. Ursprünglich war lediglich ein kleiner Werkschutz vorgesehen gewesen. Menschen, die Lagerhäuser bewachten. Transporte begleiteten. Vielleicht einmal Piraten abschreckten. Doch mit jedem neuen Sonnensystem, das wir erschlossen hatten, war auch die Verantwortung gewachsen. Unsere Frachter transportierten inzwischen Nahrung, Saatgut und zahllose andere lebenswichtige Güter quer durch den bekannten Raum. Und wo wertvolle Fracht unterwegs war ... waren Piraten nie weit. Die SSA war deshalb längst weit mehr als bloßes Sicherheitspersonal auf Altrix Nova. Sie schützte sämtliche Handelsrouten der UNO. Begleitete unsere Konvois. Unterhielt eigene Kampfschiffe. Übernahm Evakuierungen. Bekämpfte Piraten. Und stellte inzwischen eine kleine, aber äußerst professionelle Raumstreitkraft dar. Auch dabei hatte Misora ihre Finger im Spiel gehabt. Unsere Eskorten bestanden bislang überwiegend aus gebrauchten oder ausgemusterten Schiffen verschiedenster Hersteller. Argonische Korvetten. Alte Patrouillenschiffe. Modernisierte Militärüberschüsse. Eine Übergangslösung. Denn Misora arbeitete bereits seit Monaten an einem vollständig eigenen Entwurf. Ein Kampfschiff ausschließlich für die SSA. Genau wie sie zuvor den Startruck entwickelt hatte. Den Frachter, der inzwischen zum Rückgrat unserer Bio Logistics Division geworden war. Der BLD.
Mein Blick fiel auf mehrere Einsatzkräfte. Selbst inmitten dieses Chaos wirkte ihre Kleidung ordentlich. Die Grundfarben bestanden aus Weiß und Schwarz. Nicht strahlend. Nicht auffällig. Eher matt. Pragmatisch. Je nach Einsatzgebiet unterschied sich der Schnitt erheblich. Einige trugen schwere Verbundpanzerungen mit integrierten Energieabsorbern und magnetischen Waffenhalterungen. Vollständig ausgerüstete Einsatzkräfte, deren Helme unter dem Arm hingen, während ihre Sturmgewehre bereits auf maximale Bereitschaft geschaltet waren. Andere waren lediglich leicht bewaffnet. Schlichte Uniformen. Seitlich befestigte Impulswaffen. Datenpads. Kommunikationsmodule. Sie waren Ermittler. Analysten. Koordinatoren. Wieder andere trugen lange Roben. Unauffällige Stoffe mit integrierten Sensorfeldern. Forensiker. Spurenanalysten. Psychologische Ermittler. Auch sie gehörten zur SSA. Auf der linken Brust erkannte ich bei jedem Einzelnen ein goldenes Emblem. Daran ließ sich sofort der Rang ablesen. Unauffällig. Elegant. Funktional. Der Kragen sowie die senkrecht nach unten verlaufende Stoffleiste unterschieden zusätzlich das Geschlecht. Bei Männern war dieser Bereich in einem dunklen Petrol gehalten. Ein ruhiger Farbton. Fast schwarz. Bei Frauen hingegen schimmerte derselbe Bereich in einem ebenso dunklen Purpur. Beides Farben, die weder protzig wirkten noch Aufmerksamkeit auf sich zogen. Genau so hatte ich es damals gewollt. Autorität ohne Prahlerei. Professionalität statt Einschüchterung. Wir erreichten schließlich die Andocksektion.
Schon bevor ich den eigentlichen Schleusenbereich sehen konnte ... roch ich es. Blut. Frisches Blut. Dazwischen lag der beißende Geruch verschmorter Energiezellen. Geschmolzenes Metall. Ozon. Verbrannte Kunststoffe. Als ich schließlich um die letzte Ecke trat ... blieb ich unwillkürlich stehen. Vor uns bot sich ein Bild, das ich selbst nach allem, was ich inzwischen erlebt hatte, nur schwer ertragen konnte. Der gesamte Korridor war übersät mit Trümmern. Zerstörte Waffen. Verbogene Geländer. Eingeschlagene Wandverkleidungen. Funken sprühten aus offenen Leitungen. Mehrere Deckenpaneele hingen lose herab. Doch all das nahm ich kaum wahr. Mein Blick blieb an den Toten hängen. Überall lagen Körper. Argonen. Aldrianer. Manche reglos auf dem Rücken. Andere zusammengesackt gegen die Wände. Einige lagen noch dort, wo sie offenbar versucht hatten, Deckung zu finden. Andere waren während ihres letzten Schrittes gefallen. Der Boden war von dunkelrotem Blut überzogen. Es sammelte sich in flachen Vertiefungen des Metallbodens. Zwischen den Profilrillen. Unter den Leichen. An mehreren Stellen verliefen breite Schleifspuren. Sanitäter hatten offenbar bereits Verwundete weggezogen. Nicht jeder war vollständig. Einige Körper waren verstümmelt. Abgetrennte Arme. Ein zerstörter Unterarm. Ein Stiefel, in dem noch ein Fuß steckte. Ein abgerissener Handschuh. Zerbrochene Helme. Ich spürte, wie sich mein Magen zusammenzog. Niemand sprach. Selbst Tahl verstummte für einen Moment. Nur die leisen Stimmen der Ermittler. Das Summen medizinischer Scanner. Das Piepen tragbarer Diagnosegeräte. Und das entfernte Heulen des Alarms erfüllten den Korridor. Ich musste gar nicht fragen, was hier passiert war. Der Tatort erzählte seine Geschichte selbst. Die eigentliche Frage, die sich mit brutaler Gewalt in meinem Kopf festsetzte, war eine völlig andere.
Warum? Warum hatte Hatileos plötzlich angegriffen? Warum gerade jetzt? Warum die Korvette? Warum dieses Blutbad? Und ... wohin war sie unterwegs?
Ich zwang mich weiterzugehen. Mehrere Ermittler machten Platz. Gal war bereits mitten in ihrer Arbeit. Vor ihr schwebten zahlreiche Hologramme. Kamerabilder. Zeitstempel. Wärmesignaturen. Ballistische Rekonstruktionen. Daneben koordinierte Tahl die Sicherung des Tatortes.
"Niemand betritt die Schleuse."
"Alle Spuren bleiben unangetastet."
"Jeder Einschlag wird dokumentiert."
Ich trat zu ihnen. "Überlebende?" fragte ich ruhig.
Gal nickte. "Ja." Sie vergrößerte mehrere Hologramme. "Nicht viele."
Neben ihr erschienen gleichzeitig Videoaufzeichnungen verschiedener Überwachungskameras. Ich sah Hatileos. Die Teladi. Ihre graugrünen, leicht agavefarbenen Schuppen wirkten im kalten Licht der Kameras beinahe metallisch. Sie bewegte sich unglaublich ruhig. Fast lautlos. Kein Zögern. Keine Hektik. Sie tauchte einfach plötzlich auf. Die ersten beiden SSA-Wachen reagierten sofort. Doch anstatt tödliche Gewalt anzuwenden ... setzte Hatileos zunächst Betäubungswaffen ein. Mehrere Sicherheitskräfte sackten regungslos zusammen. Ich runzelte die Stirn. Sie hatte offenbar ursprünglich gar nicht töten wollen.
Gal bestätigte meinen Gedanken. "Ihre ersten Schüsse waren ausschließlich auf Betäubung eingestellt."
Ich sah weiter zu. Dann änderte sich alles. Innerhalb weniger Sekunden. Weitere Sicherheitskräfte trafen ein. Mehr Widerstand. Mehr Gegenwehr. Die ersten Warnschüsse. Hatileos wich zurück. Dann ... wechselte sie ihre Waffen. Das nächste Bild zeigte reine Gewalt. Energiesalven. Splitter. Nahkampf. Präzise Bewegungen. Jeder Schuss saß. Jeder Schlag hatte ein Ziel. Der gesamte Kampf dauerte erschreckend kurz. Keine fünf Minuten. Wahrscheinlich sogar deutlich weniger. Mehrere SSA-Angehörige versuchten noch, die Schleuse zu verriegeln. Andere wollten offenbar die Korvette sichern. Doch Hatileos erreichte zuerst das Schiff. Die Aufzeichnungen endeten an der Außenschleuse.
Gal wechselte zur nächsten Datei. "Einige Besatzungsmitglieder konnten noch fliehen."
Auf mehreren Bildern sah ich Aldrianer, die panisch über den Verbindungstunnel zurückrannten. Einige verletzt. Andere halfen Verwundeten.
"Der Großteil blieb jedoch an Bord."
Ich nickte langsam. Das entsprach der Einsatzdoktrin der Aldrianer. Ihre Schiffe waren hochgradig automatisiert. Mit minimaler Besatzung. Wenn die Brücke übernommen wurde ... brauchte man kaum weiteres Personal.
Gal zoomte auf eine schematische Darstellung der Korvette. "Hatileos verbarrikadierte sich unmittelbar nach Betreten der Brücke." Mehrere Bereiche färbten sich rot. "Danach übernahm sie sämtliche Primärsysteme."
Ich sah auf das Hologramm. Die Daten sprachen für sich. Navigation. Antrieb. Kommunikation. Lebenserhaltung. Alles unter ihrer Kontrolle.
"Wenige Minuten später..." Gal wechselte erneut das Bild. "...dockte die Korvette eigenständig ab."
Das letzte Kamerabild zeigte den schlanken, aerodynamischen Rumpf des aldrianischen Schiffes. Langsam löste er sich von Altrix Nova. Dann beschleunigte er. Und verschwand. Ich starrte schweigend auf das eingefrorene Bild.
Hatileos...
Was hast du vor?

Ich betrachtete noch immer die verwüstete Schleuse, während forensische Teams jede Blutspur dokumentierten und Sanitäter Verletzte in schwebenden Tragen abtransportierten. Der metallische Geruch von Blut hing trotz der leistungsfähigen Luftfilter hartnäckig in der Luft. Rot blinkende Warnleuchten tauchten den gesamten Korridor in ein unruhiges Licht, das sich auf den silbergrauen Wandverkleidungen spiegelte. Immer wieder liefen SSA-Angehörige an mir vorbei. Manche trugen schwere schwarze Kampfpanzerungen mit weißen Schultersegmenten, Helmen und Impulsgewehren, andere lediglich ihre schlichten Einsatzuniformen mit den dezenten petrol- oder purpurfarbenen Kragenleisten. Auf ihren linken Brustseiten glänzten die goldenen Rangembleme, während sie Befehle austauschten, Verletzte absicherten oder Datenpads studierten. Ich versuchte noch immer zu begreifen, weshalb Hatileos diesen Wahnsinn ausgelöst hatte, als sich plötzlich das Kommunikationsgerät eines Offiziers mit einem schrillen Signalton meldete. Der Mann hörte nur wenige Sekunden zu, bevor seine Gesichtsfarbe sichtbar aus dem Gesicht wich. Er sah zu Gal hinüber, die gerade mit mehreren Ermittlern sprach, und eilte mit schnellen Schritten auf sie zu. Schon an seiner Körperhaltung erkannte ich, dass die nächste Hiobsbotschaft bevorstand.
"Direktorin Connar... wir haben weitere Sicherheitsverletzungen."
Gal drehte sich sofort um. "Bericht."
"In mehreren Versorgungslagern wurden Nitsus gesichtet."
Für einen Augenblick sagte niemand etwas. Dann sah ich zu Tahl. Er sah zu mir. Im selben Moment wussten wir beide, dass das kein Zufall war.
"Wo?" fragte ich ruhig.
"Verteilt über mehrere Lagersektionen. Hauptsächlich in den Vorratsbereichen der Bio Logistics Division."
Mein Magen zog sich zusammen. "Wie viele?"
"Unbekannt. Die ersten Meldungen sprechen von einzelnen Tieren, aber weitere Sichtungen kommen im Minutentakt herein."
Ich schloss für einen kurzen Moment die Augen. Natürlich. Natürlich musste genau das jetzt passieren. Ich erinnerte mich an zahllose Gespräche auf Zura. Kaum ein Teladi kam ohne eine Beschwerde über Nitsus aus. Die kleinen rattenähnlichen Säugetiere galten als eine der hartnäckigsten Plagen des bekannten Raums. Sie krochen durch Kabelschächte, Versorgungstunnel, Wartungsrohre und Lüftungssysteme, fraßen Lebensmittel, zerstörten Verpackungen und verunreinigten komplette Lagerbestände. Planetare Lagerhäuser litten genauso unter ihnen wie Frachter oder Raumstationen. Wo ein einziges Nitsu auftauchte, bestand immer die Gefahr, dass längst Dutzende weitere irgendwo im Verborgenen lebten. Ich spürte, wie sich in meinem Kopf die Ereignisse ineinander schoben. Hatileos. Die Korvette. Und jetzt plötzlich Nitsus.
"Das hängt zusammen", sagte ich leise.
Valentina nickte sofort. "Zeitlich viel zu exakt."
Vanu verschränkte die Arme. "Wenn Hatileos die Aufmerksamkeit binden wollte..."
"...dann greift sie genau dort an, wo sie den größten wirtschaftlichen Schaden verursachen kann", beendete ich ihren Satz.
Ich drehte mich zu Gal. "Wie weit sind die Tiere vorgedrungen?"
"Wir wissen es noch nicht. Die ersten Lager wurden bereits abgesperrt."
"Nicht genug." Gal runzelte die Stirn. Ich sah sie ernst an. "Unsere Nahrung."
Sie verstand augenblicklich. Altrix Nova war keine gewöhnliche Raumstation. Sie war das Herz der Universal Nourishment Organization. Millionen Tonnen Lebensmittel wurden hier gelagert, verarbeitet, kontrolliert und anschließend in sämtliche erreichbaren Systeme verschifft. Jeder beschädigte Lagerraum bedeutete nicht nur wirtschaftlichen Verlust. Verdorbene Vorräte konnten ganze Lieferketten unterbrechen. Kolonien, Außenposten und Stationen verließen sich inzwischen auf unsere Versorgung.
Ich traf meine Entscheidung ohne weiteres Nachdenken. "Priorität Eins." Alle schauten mich an. "Die komplette Nahrungsproduktion und sämtliche Lagerbereiche werden sofort gesichert." Ich wandte mich an Gal. "Mobilisiere alle verfügbaren SSA-Einsatzkräfte."
Sie nickte. "Zusätzlich?"
"Nicht zusätzlich." Ich schüttelte den Kopf. "Alle."
Für einen Moment herrschte Stille. Selbst Gal wirkte überrascht. "Die komplette Besatzung?"
"Ja."
Valentina hob leicht die Augenbrauen. "Auch Zivilpersonal?"
"Jeder, der laufen kann."
Ich zeigte auf einen der Offiziere. "Organisiert Jagdgruppen. Techniker, Logistiker, Piloten, Verwaltung, Wartung. Jeder bekommt Scanner, Betäubungsstöcke oder geeignete Werkzeuge. Niemand arbeitet heute regulär weiter."
"Verstanden."
"Alle Lager werden abschnittsweise durchsucht." Ich deutete auf mehrere Hologramme. "Belüftungssysteme. Wartungsschächte. Rohrleitungen. Kabelkanäle. Container. Jeder Winkel."
Mehrere Offiziere begannen sofort, ihre Datenpads zu bedienen. Der Funkverkehr nahm explosionsartig zu. Überall auf den Projektionen erschienen neue Einsatzmarkierungen. SSA-Teams verteilten sich bereits über die Station. Ich hörte Befehle.
"Lagerblock D absichern."
"Scannerteam zu Sektion B."
"Verschlüsse verriegeln."
"Alle Lebensmittelcontainer kontrollieren."
Immer mehr Besatzungsmitglieder erhielten neue Anweisungen. Mechaniker legten ihre Werkzeuge beiseite. Laborpersonal verließ seine Arbeitsplätze. Piloten kamen aus den Hangars. Köche aus den Großküchen. Selbst Verwaltungsangestellte mussten mithelfen. Innerhalb weniger Minuten verwandelte sich Altrix Nova in einen einzigen gigantischen Suchtrupp.
Ich beobachtete das Geschehen schweigend. In meinem Kopf gab es keine Zweifel. Ein lebendes Nitsu fraß. Zwei Nitsus vermehrten sich. Eine Population vernichtete Vorräte. Unsere gesamte Organisation existierte nur, weil wir Nahrung produzierten und verteilten. Wenn dieser Bereich fiel, spielte alles andere keine Rolle mehr. Weder Politik. Noch Hatileos. Noch Terraformer. Noch Präsidenten.
Ich sah Gal fest an. "Es gibt heute keine halben Maßnahmen."
Sie nickte langsam. "Verstanden."
Ich antwortete mit kalter Entschlossenheit. "Nur ein totes Nitsu ist ein gutes Nitsu."

Die Stunden vergingen quälend langsam. Mit jeder neuen Statusmeldung, die auf meinem Holodisplay erschien, wuchs der Haufen bestätigter Nitsu-Funde. Immer mehr kleine Markierungen verteilten sich über die dreidimensionale Darstellung von Altrix Nova. Frachträume. Versorgungsschächte. Wartungstunnel. Hydroponiklager. Kühlkammern. Jeder einzelne Fundort wurde unmittelbar nach der Säuberung grün markiert, doch das änderte nichts an dem unguten Gefühl in meiner Magengegend. Es passte einfach nicht zusammen. Dutzende Nitsus tauchten nicht einfach gleichzeitig auf einer Raumstation dieser Größe auf. Nicht zufällig. Nicht ohne Hilfe. Im Besprechungsraum herrschte eine angespannte Stille. Niemand sprach lauter als nötig. Die Luft roch nach heißer Elektronik, Keffa und dem metallischen Geruch getrockneten Blutes, den einige der SSA-Angehörigen trotz frischer Uniformen noch immer mit sich trugen. Die Ereignisse an der Schleuse lagen erst wenige Stunden zurück.
Gal verschränkte die Arme vor der Brust und betrachtete schweigend die eingeblendeten Einsatzprotokolle. Schließlich hob sie den Blick. "Ich glaube nicht an Zufälle."
Ich nickte nur.
Sie vergrößerte mehrere Zeitachsen nebeneinander. "Wenn Hatileos tatsächlich seit Wochen auf Altrix Nova gearbeitet hat, dann musste sie die Nitsus nicht alle auf einmal eingeschleust haben." Ihre Finger glitten über die Projektion. "Immer kleine Mengen. Vielleicht sogar Embryonen oder befruchtete Eizellen. Nitsus entwickeln sich schnell. Sie hätte sie bis zu einem bestimmten Stadium aufziehen und anschließend in Stase lagern können. Kurz bevor sie ihren eigentlichen Plan ausführte, musste sie sie lediglich freisetzen."
Niemand widersprach. Tahl strich sich langsam über sein Kinn. "Oder sie musste gar nichts züchten." Alle sahen ihn an. "Es gibt genügend Berichte darüber, dass Nitsus sich auf Frachtern verstecken. Besonders auf teladianischen Schiffen. Aber auch argonische Transporte bleiben davon nicht verschont." Er wechselte die Anzeige. "In den letzten Wochen ist Hatileos auffällig oft an Bord neu eingetroffener Schiffe gewesen."
Ich runzelte die Stirn. "Ich dachte, sie wollte einfach das nachholen, was ihr auf Nif'Nakh jahrzehntelang gefehlt hatte."
Tahl schüttelte langsam den Kopf. "Das dachte ich anfangs ebenfalls." Er öffnete mehrere Logbucheinträge. "Die Schiffsmeister haben übereinstimmend ausgesagt, dass sie sich in mehreren Fällen als Mitarbeiterin von Altrix Nova ausgegeben hat."
Gal ergänzte ruhig: "Offizielle Schädlingskontrollen."
Ich spürte, wie sich mein Kiefer verspannte. Auf den Hologrammen erschienen die entsprechenden Genehmigungen. Sie wirkten auf den ersten Blick vollkommen echt. Zugangscodes. Digitale Unterschriften. Zeitstempel. Gefälscht. Sauber gefälscht.
"Sie hat jedes Schiff nach Nitsus durchsucht."
"Nicht durchsucht", korrigierte Tahl. "Liquidiert."
Für einen Moment verstand ich nicht. Dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Sie hatte die Tiere nicht beseitigt. Sie hatte sie eingesammelt.
"Verdammt..."
Gal nickte. "Sie musste über Wochen hinweg immer wieder einzelne Tiere entnommen haben. Wenige hier. Zwei dort. Vielleicht ein trächtiges Weibchen. Vielleicht ein Jungtier. Nie so viele, dass es irgendjemanden aufgefallen wäre."
Ich starrte schweigend auf die Einsatzkarte. Jeder einzelne Punkt erzählte dieselbe Geschichte. Geduld. Planung. Vorbereitung. Nichts davon war spontan gewesen. Hatileos hatte ihre Flucht lange vorbereitet. Die Nitsus waren lediglich das Ablenkungsmanöver gewesen. Während sich hunderte Besatzungsmitglieder auf die Schädlingsbekämpfung konzentrierten, hatte sie die Korvette übernommen. Ich schloss kurz die Augen. Wie hatte ich das übersehen können? Ich hatte ihr vertraut. Vielleicht nicht blind. Aber genug. Ein weiterer Bericht erschien.
"Drei weitere Kadaver."
"Drei bestätigte Eliminierungen."
"Wartungssektor Delta abgeschlossen."
Die Zahlen stiegen weiter. Vierundzwanzig. Einunddreißig. Vierzig. Fünfundfünfzig. Schließlich blieb die Anzeige bei mehreren Dutzend bestätigten Funden stehen. Auf einer Station mit mehreren hundert Kilometern Ausdehnung war diese Zahl verschwindend gering. Und genau deshalb war sie so gefährlich. Ich kannte die Berichte der Teladi. Ein einziges übersehenes Nitsu-Paar konnte innerhalb weniger Monate zu einer regelrechten Plage anwachsen. Nahrung. Kabelisolierungen. Verpackungen. Selbst Kunststoffe wurden angeknabbert. Ganze Lagerhäuser konnten wirtschaftlich unbrauchbar werden. Wir hatten Glück gehabt. Oder besser gesagt... Wir hatten früh genug reagiert.
Misora blickte missmutig auf die Liste der eingesammelten Kadaver. "Und was machen wir jetzt mit denen?"
Alle sahen mich an. Ich antwortete ohne lange nachzudenken. "Ab in die Biomasseaufbereitung."
Misora hob eine Augenbraue. "Im Ernst?"
"Natürlich." Ich deutete auf die Übersicht unserer Recyclinganlagen. "Organisches Material bleibt organisches Material. Die Eiweiße, Mineralstoffe und Spurenelemente gehen nicht verloren. Wir zerlegen alles biologisch und führen es den Düngerreaktoren zu."
Gal nickte zustimmend. "Effizient."
"Genau." Ich verschränkte die Arme. "Sie haben versucht, unsere Nahrungskette zu zerstören." Mein Blick glitt über die Einsatzkarte. "Dann sorgen wir eben dafür, dass sie am Ende unsere Nahrungskette stärken."
Für einen Moment herrschte Schweigen. Dann bemerkte ich aus dem Augenwinkel Misoras Gesicht. Sie hatte offenbar gerade begonnen, sich bildlich vorzustellen, wie dutzende tote, rattenähnliche Nitsus in den Biomasseverarbeitern zerlegt wurden, anschließend als Nährsubstrat in Tanks landeten und später Gemüse, Getreide und Obst auf unseren Farmen düngten.
Ihr Gesicht verzog sich augenblicklich. Sie schüttelte sich sichtbar. "Bäh..."
Ich musste trotz der Lage leicht schmunzeln. "Was?"
"Ich stelle mir gerade vor, wie irgendwann jemand einen Salat isst..." Sie hielt inne und schüttelte sich gleich noch einmal. "...der früher mal ein Nitsu war."
Selbst Gal konnte sich ein kaum sichtbares Grinsen nicht verkneifen.
Ich atmete tief durch. "Willkommen im Kreislauf der Natur."
Misora verzog angewidert das Gesicht. "Erinner mich bitte nie wieder daran."
Trotz allem war es das erste Mal seit Stunden, dass wenigstens für einen kurzen Augenblick etwas von der erdrückenden Schwere aus dem Raum wich.

Ich lehnte mich langsam gegen die Kante des großen Besprechungstisches und ließ den Blick über die Gesichter der Anwesenden schweifen. Die Anspannung im Raum war noch immer greifbar. Niemand dachte mehr an die gekaperte Korvette allein. Niemand dachte nur noch an die Toten. Stattdessen schob sich ein weiteres Problem darüber. Eines, das auf den ersten Blick harmloser wirkte, langfristig aber genauso verheerend hätte werden können. Tahl verschränkte die Arme vor der Brust. Sein Gesicht war ernst, sein Blick fest auf die taktische Projektion gerichtet, auf der die bisher bestätigten Fundorte der Nitsus als rote Punkte über Altrix Nova verteilt dargestellt wurden.
"Ich glaube", sagte er schließlich ruhig, "dass Hatileos' Plan nicht vollständig aufgegangen ist."
Ich hob den Kopf. Auch Gal sah ihren Halbbruder aufmerksam an. "Wie meinst du das?", fragte ich.
Tahl deutete auf mehrere Markierungen. "Die Nitsus hätten deutlich früher entdeckt werden müssen. Genau das war vermutlich auch vorgesehen. Wären überall gleichzeitig Schädlingsalarme ausgelöst worden, hätten wir Personal aus allen Sicherheitsbereichen abgezogen. Die SSA hätte ihre Kräfte verteilt. Lagerhäuser, Hydroponik, Versorgungsschächte, Frachträume, überall wären Einsatzteams unterwegs gewesen." Er ließ eine kurze Pause entstehen. "Die Schleuse zur Korvette wäre wesentlich schwächer besetzt gewesen."
Gal nickte langsam. "Ich denke genauso." Ihre Stimme klang sachlich, beinahe kühl. "Hatileos hat offensichtlich damit gerechnet, dass die gesamte Station durch den Schädlingsbefall beschäftigt sein würde. In diesem Chaos hätte sie wahrscheinlich kaum Widerstand an der Schleuse angetroffen. Vielleicht hätte sie sogar die Korvette übernehmen können, ohne einen einzigen Schuss abzugeben." Ihr Blick wurde dunkler. "Stattdessen wurden die Nitsus erst bemerkt, nachdem sie die Korvette bereits unter ihre Kontrolle gebracht hatte. Deshalb musste sie improvisieren. Und genau deshalb eskalierte alles."
Für einen Augenblick sagte niemand etwas. Ich dachte an den Korridor voller Blut zurück. An die reglosen Körper unserer Leute. An die Aldrianer, die nicht einmal verstanden hatten, warum sie plötzlich angegriffen wurden. Je länger ich darüber nachdachte, desto deutlicher wurde mir, dass Tahl und Gal wahrscheinlich recht hatten. Das Massaker war vermutlich niemals Teil des ursprünglichen Plans gewesen. Es war entstanden, weil der eigentliche Plan versagt hatte.
Misora stieß hörbar die Luft aus. Sie verschränkte die Arme, doch anders als Tahl wirkte ihre Haltung nicht kontrolliert, sondern verletzt. "Das gefällt mir überhaupt nicht." Ihre dunklen Augen wanderten zu der Stationsgrafik. "An Altrix Nova habe ich monatelang gearbeitet. Die internen Sensornetze... die biologische Erkennung... die Wartungsalgorithmen... all das hätte diese Viecher entdecken müssen." Sie biss sich kurz auf die Unterlippe. "Oder wenigstens deutlich früher."
Ich kannte Misora inzwischen gut genug, um zu wissen, dass sie Kritik an ihrer Technik fast persönlicher nahm als Kritik an sich selbst. Ihre langen schwarzen Haare mit dem feinen violetten Schimmer fielen ihr über die Schulter, als sie sich über die Projektion beugte und mehrere Sensorsektoren vergrößerte. Ihre Finger bewegten sich schnell über das Hologramm.
"Sie müssen sich in Bereichen versteckt haben, die für die Sensorik praktisch unsichtbar waren. Oder..." Sie stockte. "...oder Hatileos wusste genau, welche Wartungsschächte und Abschirmungen sie benutzen musste."
Gal nickte leicht. "Beides ist möglich."
"Gefällt mir trotzdem nicht." Misoras Stimme wurde leiser. "Wenn jemand unser System derart austricksen konnte, dann existiert eine Schwachstelle."
Ich nickte langsam. "Und Schwachstellen werden geschlossen." Ich trat an das Hologramm heran und betrachtete die Übersicht selbst. "Wir erweitern die biologische Sensorik. Höhere Empfindlichkeit. Zusätzliche Wärme- und Bewegungserkennung. Regelmäßige autonome Scans sämtlicher Versorgungsschächte. Außerdem mobile Drohnen, die unabhängig vom Hauptsystem patrouillieren."
Misora nickte bereits, während sie meine Punkte ergänzte. "Ich werde zusätzlich neue Mikrosonden entwickeln. Klein genug, um selbst in Belüftungsrohre und Kabelkanäle vorzudringen."
"Mach das."
Sie antwortete sofort. "Ich beginne noch heute."
Ich ließ den Blick erneut durch den Raum wandern. Niemand widersprach. Jeder wusste, dass wir Glück gehabt hatten. Ein paar Dutzend Nitsus wirkten auf einer Station dieser Größe zunächst beinahe lächerlich. Doch ich wusste genau, dass diese Rechnung trügerisch war. Schon auf der Handelsstation im Orbit Zuras hatte ich Geschichten gehört. Von Lagerhäusern, die innerhalb weniger Tazuras leergefressen worden waren. Von Frachtern, deren komplette Lebensmittelvorräte vernichtet wurden. Von Nitsus, die Kabelisolierungen zerbissen, Sensorleitungen beschädigten und sich in nahezu jedem Hohlraum einnisteten. Eine unbemerkte Population hätte sich auf Altrix Nova explosionsartig vermehrt. Unsere Nahrungsmittelproduktion wäre irgendwann massiv betroffen gewesen. Vielleicht nicht morgen. Vielleicht nicht nächsten Monat. Aber irgendwann mit Sicherheit.
Ich verschränkte die Arme. "Der Alarm bleibt bestehen." Mehrere Köpfe hoben sich. "Nicht auf höchster Stufe." Ich schüttelte den Kopf. "Aber wir stufen ihn lediglich zurück."
Gal nickte zustimmend. "Verstärkte Wachsamkeit?"
"Genau." Ich sah sie an. "Ich glaube nicht, dass wir bereits jedes einzelne Nitsu gefunden haben."
Mein Blick wanderte auf die holografische Stationskarte. Dort leuchteten die weitläufigen Freilandkuppeln auf, in denen unsere Argnu-Rinder gehalten wurden. Riesige künstliche Weideflächen mit Gras, Felsen, kleinen Wasserläufen und dichtem Buschwerk. Von oben wirkten sie beinahe wie natürliche Landschaften. Genau deshalb gefielen sie den Tieren so gut. Genau deshalb missfielen sie mir in diesem Moment.
"Vor allem die Freilandbereiche." Ich zeigte auf die entsprechenden Sektionen. "Zwischen den Argnu-Gehegen gibt es unzählige Versteckmöglichkeiten. Büsche. Felsnischen. Versorgungskanäle. Wenn sich dort noch Nitsus befinden, sehen wir sie vielleicht tagelang nicht."
Tahl folgte meinem Blick. "Dann stationieren wir dort zusätzliche Patrouillen."
"Nicht nur Patrouillen." Ich schüttelte langsam den Kopf. "Wir setzen auch automatische Sensorpfähle entlang der Weidegrenzen. Bewegung, Wärme, Biomasse. Alles."
Misora nickte sofort. "Das lässt sich relativ einfach nachrüsten."
Ich atmete tief durch. Langsam kehrte wieder etwas Ruhe in meine Gedanken zurück. Hatileos war verschwunden. Die Korvette war fort. Die Toten konnten wir nicht zurückholen. Aber wenigstens konnten wir verhindern, dass aus einem weiteren Problem noch eine zweite Katastrophe entstand. Und genau das musste jetzt oberste Priorität haben. Denn eines hatte ich in den vergangenen Monaten gelernt. Große Krisen entstanden selten durch einen einzigen Fehler. Meist waren es viele kleine Versäumnisse, die sich unbemerkt aufeinanderstapelten, bis irgendwann alles gleichzeitig zusammenbrach. Diesmal durfte genau das nicht noch einmal passieren.

Ich saß erschöpft am Esstisch unseres Privatquartiers auf Altrix Nova. Der Tag hatte sich angefühlt, als hätte er niemals enden wollen. Blut, Berichte, Verhöre, Lagebesprechungen, Nitsus, Tote, Vermisste. Selbst jetzt schien mein Kopf nicht bereit zu sein, zur Ruhe zu kommen. Durch die breite Panoramafront fiel das kalte Licht des Trantor-Orbits in den Raum. Der blaue Planet hing reglos im schwarzen Nichts, während sich langsam die künstliche Abendbeleuchtung einschaltete und den Wohnbereich in ein warmes, bernsteinfarbenes Licht tauchte. Aus der offenen Küchenzeile stieg der angenehme Geruch nach frischem Gemüse, gebratenem Argnu-Fleisch und Gewürzen auf. Es war einer dieser seltenen Momente, in denen alles friedlich wirkte. Gerade deshalb fühlte sich dieser Frieden unwirklich an.
Vanu saß rechts von mir. Asahi ruhte auf ihrem Schoß und strampelte zufrieden mit den kleinen Beinen, während sie ihn geduldig mit einem schmalen Löffel fütterte. Immer wieder lächelte sie ihn an, wischte ihm mit einem Tuch vorsichtig den Mund ab und sprach leise mit ihm, obwohl er ihre Worte vermutlich noch gar nicht verstand. Auf der anderen Seite kümmerte sich Valentina um Hoshiko. Unsere Tochter griff immer wieder nach dem Löffel, als wolle sie unbedingt selbst essen. Valentina musste schmunzeln und ließ sie schließlich den Griff festhalten, während sie den Löffel gemeinsam zu ihrem Mund führte. Für einige Minuten sagte niemand etwas. Man hörte nur das leise Klappern des Bestecks, das Summen der Belüftung und gelegentlich das zufriedene Glucksen unserer Kinder.
Dann durchbrach Vanu die Stille. "Glaubt ihr, dass Hatileos es auf die aldrianische Korvette abgesehen hatte?"
Ich hob langsam den Blick von meinem Teller und sah sie an. Ihre Stirn war leicht gerunzelt. Sie wirkte nachdenklich, nicht überzeugt von der Erklärung, die wir den ganzen Tag über beinahe selbstverständlich angenommen hatten.
"Glaubst du das nicht?", fragte ich.
Sie schüttelte kaum merklich den Kopf, während sie Asahi den nächsten Löffel hinhielt. "Der Plan mit den Nitsus ging zwar nicht ganz auf, aber an sich war er unglaublich zeitaufwendig."
Ich legte das Besteck beiseite. "Was willst du damit sagen?"
Sie blickte kurz zu Trantor hinaus, als suche sie dort draußen die richtigen Worte. "Wenn Hatileos ausschließlich die Korvette gewollt hätte, dann hätte sie unzählige Gelegenheiten gehabt. Die Korvette hätte jederzeit abdocken können. Wir hätten sie ebenfalls jederzeit auffordern können, die Station zu verlassen. Sie hätte nie garantieren können, dass das Schiff überhaupt noch an der Schleuse liegt, wenn ihr Plan in Gang gesetzt wird."
Valentina nickte langsam, ohne Hoshiko aus den Augen zu lassen. "Das bedeutet", sagte sie ruhig, "dass es Hatileos vollkommen egal gewesen sein könnte, welches Schiff sie letztendlich bekommt."
Ich runzelte die Stirn. "Aber warum heute?"
Valentina hob nur leicht die Schultern. "Ein Tag wie jeder andere."
Vanu verzog nachdenklich den Mund. "Für uns." Sie strich Asahi sanft über den Rücken, ehe sie weitersprach. "Aber wer weiß, was dieser Tag für sie bedeutet."
Ihre Worte blieben im Raum hängen. Ich ließ den Gedanken wirken. Je länger ich darüber nachdachte, desto weniger überzeugte mich meine ursprüngliche Annahme. Wir waren automatisch davon ausgegangen, dass die Korvette das eigentliche Ziel gewesen war. Doch vielleicht war das nie der Plan gewesen. Vielleicht war sie lediglich das Transportmittel geworden, das zufällig verfügbar gewesen war.
Ich stützte die Ellenbogen auf den Tisch und faltete die Hände. "Wenn das stimmt... warum musste sie heute fliehen?"
Beide Frauen sahen mich an. Valentina nickte langsam. Ich versuchte die Ereignisse des Tages chronologisch zu ordnen. Nichts Auffälliges. Keine besonderen politischen Entscheidungen. Keine militärischen Bewegungen. Keine neuen Nachrichten. Kein Besuch. Keine Inspektion. Zumindest nichts, von dem ich wusste.
"Was könnte jemanden dazu zwingen, einen langfristigen Plan plötzlich auszulösen?", fragte ich mehr mich selbst als die anderen.
"Zeitdruck", antwortete Valentina sofort.
"Entdeckung", ergänzte Vanu.
Ich schloss kurz die Augen. Hatileos hatte sich in den letzten Wochen erstaunlich frei auf Altrix Nova bewegen können. Sie war auf Frachtern unterwegs gewesen. Sie hatte Lager inspiziert. Sie hatte sich Zugang verschafft. Sie hatte Kontakte gehabt, von denen wir nichts wussten.
Niemand antwortete sofort. Dieser Gedanke gefiel mir überhaupt nicht. Ich blickte erneut hinaus auf Trantor. Der Planet drehte sich ruhig unter uns. Doch ich hatte das ungute Gefühl, dass wir längst Teil eines Spiels geworden waren, dessen Regeln nur einer Seite bekannt waren. Und genau das machte mir weit mehr Sorgen als eine gestohlene Korvette.

Re: [EX16] Isekai no Xistence

Verfasst: Sa 11. Jul 2026, 22:08
von Tom
Bild

Kapitel 67 - Investigation

Ich konnte in dieser Nacht kaum schlafen. Jedes Mal, wenn ich die Augen schloss, sah ich wieder den blutverschmierten Korridor vor mir. Die roten Schlieren auf den weißen Wandverkleidungen. Die reglosen Körper der SSA-Angehörigen. Den Ausdruck auf den Gesichtern der Überlebenden, die sich fragten, weshalb eine Frau, die wochenlang beinahe zum Inventar von Altrix Nova gehört hatte, plötzlich zu einer Mörderin geworden war. Irgendwann gab ich den Versuch auf, noch Ruhe zu finden. Ich zog meine Uniform an, legte die linke Armschiene an und verließ das Quartier. Die künstliche Morgendämmerung hatte gerade erst begonnen. Das Licht in den Korridoren wechselte langsam von einem gedämpften Nachtblau zu einem weichen Weiß. Nur vereinzelte Besatzungsmitglieder begegneten mir. Einige nickten mir respektvoll zu. Andere wirkten erschöpft. Jeder hatte mitbekommen, was geschehen war.
Die Ermittlungszentrale der SSA befand sich mehrere Ebenen unterhalb meines Büros. Schon bevor sich die automatische Tür öffnete, hörte ich gedämpfte Stimmen, das leise Summen von Holoprojektoren und das ununterbrochene Tippen auf Datenkonsolen. Im Inneren herrschte konzentrierte Betriebsamkeit. Niemand rannte hektisch umher. Stattdessen arbeitete jeder ruhig, methodisch und hochkonzentriert. Genau deshalb hatte ich Gal und Tahl die SSA aufbauen lassen. Ich wollte keine Organisation, die in Panik verfiel. Ich wollte Fachleute.
Als ich den Raum betrat, erhob sich niemand. Es wurde lediglich kurz genickt. Das gefiel mir. Ich wollte kein Zeremoniell. Ich wollte Ergebnisse. Gal stand vor einer mehrere Meter breiten Holowand. Ihre purpurfarbene Leiste am Kragen ihrer weißen und schwarzen Uniform hob sich dezent vom Stoff ab. Auf ihrer linken Brust glänzte das goldene Emblem ihrer Dienststellung. Sie bemerkte mich sofort.
"Du bist früh."
"Ich konnte ohnehin nicht schlafen."
Sie nickte verständnisvoll. "Wir haben in der Nacht einiges zusammengetragen."
Neben ihr stand Tahl. Seine Uniform war nahezu identisch, lediglich die petrolfarbene Kragenleiste unterschied ihn von Gal. Vor ihm schwebten mehrere dreidimensionale Zeitachsen.
"Wir beginnen ganz vorne."
Ich trat näher. Sofort wechselte die Projektion. Der gesamte Stationsgrundriss erschien über dem Tisch. Hunderte kleiner Lichtpunkte bewegten sich darin.
"Das sind sämtliche bestätigten Bewegungsdaten von Hatileos während der letzten sechs Wochen."
Ich musste unwillkürlich pfeifen. "Das ist... umfangreich."
Tahl nickte. "Sie war deutlich aktiver, als wir angenommen haben."
Er ließ die Darstellung schneller ablaufen. Die kleine Markierung wanderte nahezu täglich durch unterschiedliche Bereiche der Station. Hangars. Lager. Hydroponik. Maschinenräume. Wohnsektionen. Frachtschleusen. Werkstätten. Selbst medizinische Bereiche.
Ich runzelte die Stirn. "Sie war praktisch überall."
"Ja." Gal übernahm. "Und genau das macht uns inzwischen stutzig."
Ich sah sie fragend an. "Warum?"
"Weil niemand Fragen gestellt hat."
Sie vergrößerte mehrere Sicherheitsprotokolle. "Hatileos bewegte sich so selbstverständlich über Altrix Nova, dass sie irgendwann niemandem mehr auffiel."
Mir gefiel diese Erkenntnis überhaupt nicht. Sie hatte sich integriert. Nicht sozial. Sondern funktional. Jeder hatte angenommen, sie gehöre einfach dazu. Eine Technikerin. Eine Inspektorin. Eine Besucherin. Eine neugierige Teladi. Nichts Besonderes. Genau dadurch war sie praktisch unsichtbar geworden.
"Das war Absicht."
Gal nickte. "Mit hoher Wahrscheinlichkeit."
Ein Ermittler trat an den Tisch. Er war noch jung. Vielleicht Anfang dreißig. Auf seiner Uniform befand sich ein kleineres silbernes Emblem.
"Neue Auswertung." Er legte mehrere Datenpakete in die Projektion. "Wir haben sämtliche Türprotokolle überprüft."
Ich sah ihn an. "Und?"
"Keine Manipulation."
Ich blinzelte überrascht. "Gar keine?"
"Nein." Er vergrößerte mehrere Datensätze. "Sie hat nahezu jede Tür regulär geöffnet."
"Mit welcher Berechtigung?"
"Unterschiedlichen."
Er wechselte erneut die Anzeige. Mal war sie als Wartungstechnikerin eingetragen. Dann als Hygienekontrolleurin. Kurz darauf als Schädlingsbekämpferin. An anderer Stelle wiederum als Logistikmitarbeiterin.
Ich runzelte die Stirn. "Gefälschte Identitäten?"
Gal schüttelte den Kopf. "Nicht vollständig." Sie zeigte auf die Datensätze. "Sie hat echte Identitäten benutzt."
Mir wurde kalt. "Echte?"
"Ja."
Tahl verschränkte die Arme. "Mehrere Mitarbeiter haben bestätigt, dass Hatileos sie freundlich angesprochen hat." Er öffnete weitere Aufzeichnungen. "'Ich muss nur kurz durch.' 'Der Stationsleiter hat mich geschickt.' 'Ich bin gleich wieder draußen.' 'Kann ich deine Zugangsfreigabe kurz benutzen?'"
Ich schloss für einen Moment die Augen. Social Engineering. Kein Hack. Keine Gewalt. Vertrauen. Sie hatte einfach Menschen ausgenutzt.
Ich seufzte. "Das bekommen wir technisch kaum in den Griff."
Gal nickte langsam. "Nur durch Schulungen."
Ich antwortete sofort. "Dann werden wir sie durchführen."
Sie machte sich eine Notiz. Währenddessen trat eine weitere Ermittlerin hinzu.
"Wir haben außerdem sämtliche Kameraaufnahmen rekonstruiert."
Jetzt wurde es interessant. Die Holowand zeigte Hatileos. Immer wieder. Mal trug sie einen Werkzeugkoffer. Mal einen Datenkoffer. Mal Lebensmittelkisten. Ein anderes Mal sprach sie minutenlang freundlich mit einem Piloten. Dann half sie sogar mehreren Technikern dabei, Ersatzteile zu transportieren. Ich betrachtete die Aufnahmen lange. Sie spielte ihre Rolle perfekt. Nicht übertrieben freundlich. Nicht auffällig distanziert. Einfach ... normal.
"Sie wusste genau, wie sie wirken musste."
Gal antwortete leise. "Ja."
Die Ermittlerin wechselte auf den Tag des Angriffs. Jetzt wurde alles deutlich schneller. Hatileos bewegte sich ungewöhnlich zielgerichtet. Keine Umwege. Keine Gespräche. Keine Aufenthalte. Sie ging direkt zur Korvette. Kurz vorher verschwand sie allerdings für mehrere Minuten.
"Wo war sie dort?"
Ich zeigte auf einen Wartungskorridor. Der Ermittler vergrößerte den Bereich.
"Keine Kamera." Natürlich. "Blinder Fleck."
"Ja."
Ich atmete tief durch. "Wie viele haben wir davon?"
Tahl antwortete sofort. "Zu viele."
Das gefiel mir überhaupt nicht. Ich deutete auf den Bereich. "Alle schließen."
Misora wäre begeistert. Oder beleidigt, dass sie überhaupt existierten. Wahrscheinlich beides gleichzeitig. Die Untersuchung ging weiter. Sekunde für Sekunde. Frame für Frame. Dann blieb das Bild stehen. Hatileos trat aus dem Wartungsschacht. Ihre Hände waren leer. Als sie wenige Minuten später an der Schleuse erschien ... trug sie plötzlich mehrere Betäubungsgranaten. Niemand sagte etwas. Sie musste irgendwo auf der Station ein Waffenlager angelegt haben. Oder jemand hatte sie versorgt.
Ich sah Gal an. "Habt ihr gesucht?"
"Ja."
"Gefunden?"
Sie schüttelte den Kopf. "Nicht mehr."
Also hatte sie alles mitgenommen. Oder vernichtet. Oder nicht so viel gehabt. Ich ließ den Blick über sämtliche Ermittler schweifen. Jeder arbeitete konzentriert. Jeder suchte nach Zusammenhängen. Nach kleinsten Unstimmigkeiten. Nach einem Fehler. Doch Hatileos hatte kaum welche gemacht. Gerade das war beunruhigend. Sie war nicht einfach clever gewesen. Sie war vorbereitet gewesen. Wochenlang. Vielleicht monatelang. Ich trat langsam an die große Panoramascheibe des Ermittlungsraumes. Unter mir zogen Transportdrohnen lautlos zwischen den Hangarsektionen hindurch. Techniker reparierten beschädigte Wandsegmente. Reinigungsdrohnen entfernten noch immer letzte Blutspuren. Altrix Nova funktionierte wieder. Nach außen. Doch unter dieser Oberfläche hatte Hatileos etwas hinterlassen. Nicht nur Tote. Nicht nur eine gestohlene Korvette. Sondern Zweifel. An unseren Sicherheitsmaßnahmen. An unseren Routinen. An unserem Vertrauen.
Ich legte beide Hände auf den Rücken. "Wir suchen nicht mehr nach dem, was Hatileos getan hat." Mehrere Köpfe hoben sich. "Wir suchen danach, was sie noch vorbereitet hat."
Im Raum wurde es vollkommen still. Gal nickte als Erste. "Genau darauf wollte ich ebenfalls hinaus."
Ich sah erneut auf die riesige Stationskarte. Altrix Nova war gewaltig. Zu gewaltig. Und plötzlich kam mir ein Gedanke, der mir überhaupt nicht gefiel. Wenn Hatileos über Wochen hinweg Nitsus einschleusen konnte ... wenn sie Waffen verstecken konnte ... wenn sie Identitäten aufbauen konnte ... wer sagte mir eigentlich, dass sie das alles allein getan hatte?

Je länger ich mit den Investigatoren der SSA die gesicherten Daten sichtete, desto stärker setzte sich ein Gedanke in meinem Kopf fest, den ich zunächst nicht wahrhaben wollte. Er passte nicht zu dem Bild, das ich mir von Hatileos gemacht hatte. Oder vielmehr zu dem Bild, das ich von ihr hatte machen wollen. Ich verschränkte die Arme vor der Brust und starrte auf die schwebenden Holofenster, die sich halbkreisförmig vor uns ausbreiteten. Dutzende Zeitstempel, Bewegungsprofile, Kommunikationsprotokolle und Zugangsberechtigungen liefen synchron nebeneinander. Im Hintergrund summten die leistungsstarken Rechner der SSA-Zentrale gleichmäßig vor sich hin. Der Geruch nach frischem Kunststoff, Elektronik und heiß gelaufenen Projektoren hing in der klimatisierten Luft. Immer wieder hörte ich das leise Tippen der Analysten auf ihren holografischen Eingabefeldern, während irgendwo im hinteren Bereich ein Drucker ununterbrochen Beweisprotokolle auswarf.
"Sie hat sich zu schnell integriert...", murmelte ich mehr zu mir selbst als zu den anderen.
Gal hob den Blick von ihrer Konsole. Ihre grünen Augen musterten mich aufmerksam. "Wie meinst du das?"
Ich ließ meinen Blick über die Auswertungen gleiten. "Denkt doch einmal darüber nach. Hatileos hat ihr gesamtes Leben auf Nif'Nakh verbracht. Versteckt vor den Split. Als einzige Teladi. Ohne Kontakt zur galaktischen Gesellschaft. Nur ihre Split-Ziehmutter und ihr Stiefbruder waren da. Niemand sonst." Ich machte eine kurze Pause. "Jemand mit einer solchen Vergangenheit müsste sich doch vollkommen überfordert fühlen. Fremde Spezies. Milliarden neuer Eindrücke. Neue Technik. Neue Umgangsformen. Neue Kulturen." Niemand widersprach. "Stattdessen...", fuhr ich langsam fort, "...hat sie sich beinahe mühelos eingefügt. Zu mühelos." Mehrere Köpfe drehten sich zu mir. "In den ersten Tagen wirkte sie zwar zurückhaltend. Aber nie verängstigt. Nie orientierungslos. Sie beobachtete. Lernte. Bewegte sich immer sicherer durch Altrix Nova. Sie wusste erstaunlich schnell, wen sie ansprechen musste, welche Bereiche wichtig waren und welche Personen Einfluss hatten."
Gal nickte langsam. "Das ist mir ebenfalls aufgefallen."
Noch bevor jemand weiterreden konnte, öffnete sich mit einem leisen Zischen die Tür der Einsatzzentrale. Ich drehte mich automatisch um. Xandra trat herein. Sie wirkte noch sichtlich erschöpft. Ihre langen blonden Haare waren ungeordnet und fielen ihr locker über Schultern und Rücken. Einige Strähnen klebten noch leicht an ihrer Stirn, als wäre sie eben erst aufgestanden. Ihre grün schimmernden Augen waren halb geschlossen. Sie trug noch immer die leichte Kleidung der aldrianischen Krankenstation. Ihr Gang war langsam. Vorsichtig. Die Müdigkeit stand ihr ins Gesicht geschrieben.
Sie blinzelte mehrmals. Dann fiel ihr Blick auf mich. Ein sanftes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. "Papa..."
Im selben Augenblick wurde es vollkommen still. Nicht nur ich. Der gesamte Raum erstarrte. Mindestens ein Dutzend Investigatoren blickten gleichzeitig von ihren Arbeitsplätzen auf. Ich spürte, wie mir augenblicklich sämtliche Gedanken entglitten. Xandra selbst brauchte nur den Bruchteil einer Sekunde. Dann weiteten sich ihre Augen. Die Schläfrigkeit verschwand schlagartig. Ihr Gesicht wurde innerhalb weniger Herzschläge tiefrot. Ihre Hände schossen gleichzeitig vor ihren Mund.
"Ich..." Sie machte einen Schritt zurück. "Ich... ich..." Ihre Ohren wurden ebenso rot wie ihre Wangen. "Das..."
Sie brachte keinen vollständigen Satz mehr heraus. Ich konnte regelrecht sehen, wie ihr klar wurde, was sie gerade gesagt hatte. Sie starrte mich an. Dann die übrigen Anwesenden. Dann wieder mich. Am liebsten wäre sie vermutlich im Boden versunken. Niemand sagte ein Wort. Einige Investigatoren wechselten irritierte Blicke. Andere schauten bewusst wieder auf ihre Arbeitsflächen. Tahl hob lediglich eine Augenbraue. Misstrauen war in seinem Gesicht nicht zu erkennen. Nur Verwunderung.
Gerade als ich überlegte, ob ich überhaupt irgendetwas sagen sollte, räusperte sich Gal demonstrativ. "Lassen wir das fürs Erste." Ihre Stimme war ruhig. Professionell. Mit wenigen Schritten trat sie in die Mitte des Raumes. "Wir konzentrieren uns wieder auf Hatileos."
Dankbar dafür, dass niemand weiter auf Xandras Versprecher einging, sah ich, wie diese langsam wieder Luft bekam. Sie stellte sich schweigend etwas seitlich an eine freie Konsole und vermied es konsequent, mich anzusehen.
Gal aktivierte mehrere neue Projektionen. "Wir haben ihre komplette Reise rekonstruiert." Sofort erschienen dreidimensionale Zeitachsen. "Interessanterweise verließ Hatileos während des gesamten Fluges von Wen nach Presidents End ihr Quartier nur äußerst selten." Mehrere rote Markierungen erschienen. "Für Mahlzeiten." Eine weitere. "Für medizinische Untersuchungen." Noch eine. "Und für wenige Gespräche." Sie vergrößerte die Darstellung. "Den überwiegenden Teil der Reise verbrachte sie allein."
Ich nickte. "Das passt zu dem, was ich gesehen habe."
"Ja." Gal wechselte das Bild. "Dafür zeigen unsere Netzwerkprotokolle etwas ganz anderes." Nun erschienen riesige Datenströme. Unzählige Verbindungslinien liefen von Hatileos' Quartier in sämtliche Richtungen. "Sie ließ nahezu rund um die Uhr verschiedenste Informationsnetzwerke mitlaufen."
Ich trat näher. "Welche?"
Gal begann aufzuzählen. "Das Federal Information Network der Argonen." Ein Symbol erschien. "Das Profitnetzwerk der Teladi." Ein weiteres. "Die öffentlichen Archive der Boronen." Noch eines. "Mehrere paranidische Informationskanäle." Weitere Symbole. "Sowie frei zugängliche Datenbanken der Split, Handelsregister, Navigationskarten, historische Archive, wirtschaftliche Analysen, Sprachdatenbanken und öffentliche Nachrichtensender."
Ich starrte die Daten an. "Sie hat praktisch die gesamte bekannte Galaxis studiert."
"Ja." Gal nickte. "Fast ohne Unterbrechung." Sie wechselte erneut die Ansicht. "Teilweise liefen über zwanzig Datenströme gleichzeitig."
Ich runzelte die Stirn. "Das kann doch niemand gleichzeitig aufnehmen."
Da meldete sich Xandra vorsichtig zu Wort. Mittlerweile hatte sich ihre Gesichtsfarbe weitgehend normalisiert, auch wenn sie mich weiterhin konsequent nicht ansah. "Vielleicht... doch."
Alle blickten zu ihr. Sie verschränkte nachdenklich die Hände hinter dem Rücken. "Ich habe einmal gehört..." Sie überlegte kurz. "...dass Teladi ein außergewöhnlich gutes Gedächtnis besitzen."
Gal sah interessiert auf. "In welchem Ausmaß?"
Xandra hob leicht die Schultern. "Ich weiß es nicht genau. Aber während meines Studiums fiel der Begriff eines nahezu fotografischen Gedächtnisses. Zumindest bei vielen Teladi." Sie sah auf die schwebenden Datenströme. "Vielleicht musste Hatileos diese Informationen gar nicht ständig wiederholen. Vielleicht genügte es, sie einmal vollständig zu sehen."
Ich spürte, wie sich ein weiteres Puzzleteil an seinen Platz schob. "Dann hat sie während der Reise nicht einfach Nachrichten konsumiert."
Gal nickte langsam. "Sie hat gelernt."
Tahl verschränkte die Arme. "Nicht oberflächlich." Sein Blick blieb auf den eingeblendeten Daten hängen. "Sondern systematisch."
Ich ließ die Projektionen noch einmal an mir vorbeiziehen. Hatileos hatte während der Reise kaum mit Menschen gesprochen. Kaum Kontakte gesucht. Kaum soziale Beziehungen aufgebaut. Stattdessen hatte sie etwas völlig anderes getan. Sie hatte beobachtet. Gelernt. Analysiert. Und vermutlich jedes einzelne Detail dauerhaft gespeichert. Desto länger ich darüber nachdachte, desto unangenehmer wurde mir. Vielleicht war Hatileos niemals so ahnungslos gewesen, wie wir alle geglaubt hatten. Vielleicht hatte sie uns die ganze Zeit studiert. Uns, unsere Organisation, unsere Routinen, unsere Schwächen. Und vielleicht war genau das der eigentliche Grund gewesen, warum sie sich nach ihrer Ankunft auf Altrix Nova so erstaunlich schnell zurechtgefunden hatte. Nicht, weil sie sich außergewöhnlich gut anpasste, sondern weil sie bereits vorbereitet gewesen war, lange bevor wir glaubten, sie hätte überhaupt erst angefangen, unsere Welt kennenzulernen.

Als die Lagebesprechung schließlich beendet wurde, leerten sich die Arbeitsplätze der SSA-Zentrale nach und nach. Holografische Projektionen verschwanden, Datensätze wurden archiviert und Gespräche gingen in gedämpftes Murmeln über. Ich blieb noch einen Moment regungslos stehen und sah den Ermittlern dabei zu, wie sie sich bereits der nächsten Spur widmeten. Xandra hatte den Raum schon deutlich früher verlassen. Noch während Gal die letzten Anweisungen verteilt hatte, war sie beinahe fluchtartig zur Tür gegangen. Sie hatte niemanden angesehen. Vor allem mich nicht. Die Erinnerung an ihren Versprecher musste sie noch immer verfolgen. Ich konnte ihr das nicht einmal übel nehmen. Es war ihr im Halbschlaf herausgerutscht, und dennoch hatte es jeder im Raum gehört. Ich fragte mich einen Augenblick lang, ob ich ihr nachgehen sollte. Vielleicht hätte ich ihr sagen können, dass es mir nicht unangenehm war. Dass ich wusste, weshalb sie mich verwechselt hatte. Dass sie sich dafür nicht schämen musste. Doch je länger ich darüber nachdachte, desto mehr kam ich zu dem Schluss, dass jede Erklärung die Situation vermutlich nur noch peinlicher gemacht hätte. Also ließ ich es fürs Erste auf sich beruhen. Manche Dinge brauchten Abstand, bevor man sie ansprechen konnte.
Ich verließ die Einsatzzentrale allein. Die Tür glitt lautlos hinter mir zu, und mit einem Mal war es deutlich ruhiger. Nur das gleichmäßige Summen der Station begleitete mich. Die Korridore von Altrix Nova wirkten trotz ihrer enormen Ausmaße beinahe wohnlich. Das helle Licht der Deckenpaneele spiegelte sich auf den sauber polierten Bodenplatten, während in regelmäßigen Abständen bepflanzte Nischen mit dunkelgrünen Farnen und kleineren Zierpflanzen das sterile Metall auflockerten. Einige Besatzungsmitglieder gingen ihren Aufgaben nach. Techniker transportierten Werkzeugwagen, Logistiker schoben Container auf schwebenden Plattformen durch die Gänge, medizinisches Personal eilte in Richtung Krankenstation. Jeder schien zu wissen, wohin er musste. Nur ich hatte plötzlich kein klares Ziel mehr.
Eigentlich hatte ich in mein Büro gewollt. Dort warteten Berichte, Anträge und Entscheidungen, die nicht länger aufgeschoben werden konnten. Doch meine Beine ignorierten meinen Plan. Ohne bewusst darüber nachzudenken, bog ich immer wieder anders ab, folgte Aufzügen, nahm Verbindungsgänge, wechselte Ebenen. Erst als ich das entfernte Echo schwerer Arbeitsmaschinen hörte und der Geruch nach Reinigungsmitteln sowie geschmolzenem Kunststoff in meine Nase stieg, wurde mir bewusst, wohin mich mein Unterbewusstsein geführt hatte. Ich stand vor der Andockschleuse. Genau hier hatte Hatileos zugeschlagen. Der Bereich war weiträumig abgesperrt. Mobile Barrieren trennten die Arbeitszone vom restlichen Stationsverkehr. Dahinter waren Dutzende Arbeiter beschäftigt. Einige tauschten beschädigte Wandverkleidungen aus. Andere entfernten die letzten deformierten Metallsegmente aus der Schleusenmechanik. Mehrere Reinigungsdrohnen glitten langsam über den Boden und saugten selbst kleinste Rückstände aus den Fugen der Bodenplatten. Der metallische Geruch von Blut war fast vollständig verschwunden und wurde inzwischen von scharfen Desinfektionsmitteln überdeckt. Trotzdem wusste ich noch genau, wie dieser Ort nur wenige Stunden zuvor ausgesehen hatte. Vor meinem inneren Auge lag wieder rotes Blut auf dem hellen Boden. Ich hörte Schreie. Das Knallen von Betäubungswaffen. Das Kreischen beschädigter Schleusentore. Das Stöhnen Verwundeter. Jetzt hörte ich nur das monotone Summen der Maschinen. Ein Arbeiter bemerkte mich, hob kurz die Hand zum Gruß und widmete sich sofort wieder seiner Arbeit. Niemand sprach mich an. Wahrscheinlich sah man mir an, dass ich allein sein wollte. Ich blieb einige Minuten regungslos stehen. Morgen, dachte ich. Morgen würde hier vermutlich nichts mehr an das Massaker erinnern. Neue Wandverkleidungen. Frischer Bodenbelag. Polierte Oberflächen. Altrix Nova würde aussehen, als wäre nie etwas geschehen. Doch Orte vergaßen nicht. Und Menschen erst recht nicht.
Ich atmete tief durch und setzte meinen Weg fort. Erneut glaubte ich, nun endlich mein Büro anzusteuern. Doch wieder schien mein Körper schneller zu entscheiden als mein Verstand. Ich bog an einer Kreuzung nach links ab. Nahm einen Personenaufzug. Ging zwei weitere Verbindungskorridore entlang. Vor mir tauchte schließlich ein Abschnitt auf, den ich inzwischen ebenfalls nur allzu gut kannte. Erst als ich die vertraute Tür sah, blieb ich stehen. Hatileos' Quartier. Ich starrte einige Sekunden auf das schlichte Türschild. Kein Name mehr. Nur noch die Quartiernummer. Mein Unterbewusstsein hatte mich wahrscheinlich hierhergeführt. Vor dem Eingang standen bereits mehrere Angehörige der SSA. Die goldenen und silbernen Embleme auf ihren Uniformen verrieten mir sofort, dass es sich um spezialisierte Investigatoren handelte. Zwei sicherten den Zugang, während weitere im Inneren arbeiteten. Die Tür war vollständig geöffnet. Ich trat näher.
Gal bemerkte mich zuerst. "Wir haben gerade begonnen."
Ich nickte nur. Langsam trat ich über die Schwelle. Der Raum wirkte auf den ersten Blick beinahe unberührt. Das Bett war ordentlich gemacht. Ein schmaler Schrank stand geöffnet an der Wand. Der kleine Tisch unter dem Panoramafenster war leer. Nur dass inzwischen nahezu jeder Gegenstand mit kleinen Markierungen versehen worden war. Mehrere Ermittler trugen dünne Handschuhe und arbeiteten mit beeindruckender Sorgfalt. Jeder Gegenstand wurde fotografiert, dreidimensional gescannt, katalogisiert und anschließend in nummerierte Behälter gelegt. Kleidung wurde einzeln untersucht. Datenspeicher geöffnet. Selbst kleinste Fasern von den Möbeln abgesaugt und gesichert. Einer der Techniker hatte bereits die Lüftungsgitter demontiert und kontrollierte mit einer flexiblen Endoskopkamera die dahinterliegenden Schächte. Ein anderer untersuchte die Innenverkleidung der Wände auf nachträglich geschaffene Hohlräume.
"Wir stellen wirklich alles auf den Kopf", sagte ich leise.
Gal trat neben mich. "Wenn jemand über Wochen hinweg eine solche Operation vorbereitet, darf man nichts übersehen."
Ich ließ den Blick langsam durch das Quartier schweifen. Es wirkte ... leer. Nicht nur physisch. Persönlich. Es gab keine Bilder. Keine Erinnerungsstücke. Keine Dekoration. Keine Pflanzen. Keine kleinen Gegenstände, wie sie fast jeder Terraner oder Argone automatisch ansammelte. Nichts erzählte von einer Persönlichkeit. Es war, als hätte hier nie wirklich jemand gelebt. Nur gewohnt.
"Sie hat erstaunlich wenig Besitz gehabt."
"Das ist uns ebenfalls aufgefallen."
Ein Ermittler hob vorsichtig ein zusammengefaltetes Kleidungsstück hoch. "Alles funktional."
Ein anderer öffnete einen Schrank. "Keine versteckten Fächer."
Ein Dritter untersuchte die Matratze. "Keine Datenspeicher."
Ich trat langsam an das Fenster. Von hier aus hatte Hatileos wochenlang auf Trantor blicken können. Auf die Schiffe. Auf die Station. Auf das Leben. Oder hatte sie überhaupt nicht hinausgesehen? Hatte sie stattdessen Stunde um Stunde vor ihren Bildschirmen verbracht und Informationen verschlungen? Ich ließ meinen Blick über den kleinen Raum gleiten. Plötzlich blieb ich an einer kaum auffälligen Stelle der Wand hängen. Dort, wo normalerweise ein Bild oder ein persönliches Erinnerungsstück hätte hängen können, befanden sich lediglich zwei winzige, nahezu kreisrunde Druckstellen im Material. Ich trat näher.
"Was ist damit?"
Sofort kam einer der Ermittler hinzu. "Die haben wir ebenfalls gesehen."
Er leuchtete mit einer schmalen Lampe über die Oberfläche. "Hier hing einmal etwas."
"Nehmt ihr an, sie hat es mitgenommen?"
Er nickte. "Wahrscheinlich kurz vor dem Angriff."
Ich strich mit zwei Fingern vorsichtig über die kleinen Vertiefungen. Was immer dort gehangen hatte, musste ihr wichtig gewesen sein. Denn alles andere hatte sie zurückgelassen. Nur dieses eine Objekt nicht. Und genau deshalb fragte ich mich unwillkürlich, was dort einst gewesen war. Ein Foto? Eine Zeichnung? Eine Erinnerung an Nif'Nakh? Oder etwas, das weit mehr über Hatileos verraten hätte, als sie jemals selbst preisgegeben hatte?

Anstatt in mein Büro zurückzukehren, führten mich meine Schritte diesmal bewusst in das Kommandozentrum von Altrix Nova. Der Gedanke hatte sich erst gebildet, nachdem ich in Hatileos ehemaligem Quartier einige Minuten schweigend aus dem Panoramafenster hinausgesehen hatte. Zunächst war es nur ein flüchtiger Einfall gewesen. Einer jener Gedanken, die so weit hergeholt wirkten, dass man sie normalerweise wieder verwarf. Doch je länger ich darüber nachdachte, desto hartnäckiger hielt er sich fest. Vielleicht führte er ins Leere. Vielleicht war er völlig unsinnig. Aber ich hatte inzwischen gelernt, dass viele der entscheidenden Hinweise genau mit solchen scheinbar absurden Überlegungen begonnen hatten.
Das Kommandozentrum lag tief im zentralen Kern der Station. Schon beim Betreten empfing mich das leise, aber allgegenwärtige Summen hunderter Rechnersysteme. Halbkreisförmig angeordnete Arbeitsplätze füllten den riesigen Saal. Über ihnen schwebten mehrere meterhohe Hologramme von Altrix Nova, Trantor und dem gesamten System Presidents End. Datenbahnen zogen sich wie leuchtende Fäden durch den Raum. Schiffe erschienen als kleine Lichtpunkte, Sensorreichweiten als transparente Kugeln, Kommunikationsverbindungen als feine Linien. Das Licht war etwas gedämpfter als in den übrigen Bereichen der Station, damit die Projektionen besser sichtbar waren. Trotzdem wirkte der Raum keineswegs dunkel. Das kalte Blau der Holodisplays verlieh ihm vielmehr eine konzentrierte, beinahe wissenschaftliche Atmosphäre.
Mehrere Offiziere arbeiteten schweigend an ihren Konsolen. Manche trugen die weiß-schwarze Uniform der SSA mit den petrolfarbenen Kragen der Männer oder den purpurfarbenen der Frauen. Andere gehörten zur Stationskontrolle oder zur Navigation der UNO. Kaum jemand sprach laut. Informationen wurden meist knapp ausgetauscht. Tastaturen gab es praktisch keine mehr. Stattdessen bewegten sich Hände durch holografische Bedienfelder, während Datenfenster lautlos verschoben oder vergrößert wurden.
Als ich den zentralen Auswertungstisch erreichte, erhob sich der diensthabende Offizier sofort.
"Grau-san."
Ich nickte nur. "Ich brauche eine etwas ungewöhnliche Berechnung."
Der Offizier schien daran inzwischen gewöhnt zu sein. "Worum geht es?"
Ich stellte mich an den großen Projektionstisch und blickte auf das langsam rotierende Modell von Altrix Nova. "Vergleichen Sie die Rotation der Station mit ihrer Umlaufbahn um Trantor."
Der Offizier legte bereits mehrere Berechnungsfenster übereinander.
"Speziell..." Ich deutete auf den Ringabschnitt, in dem Hatileos Quartier gelegen hatte. "...dieser Bereich."
Er nickte.
"Ich möchte wissen, welchen Abschnitt von Trantor Hatileos während ihres Aufenthalts von ihrem Fenster aus überwiegend gesehen hat."
Für einen kurzen Moment wurde es still. Dann begann der Rechner mit seiner Arbeit. Die Projektionen wechselten ständig. Bahnen wurden simuliert. Rotationen überlagerten sich. Zeitstempel erschienen. Die Station drehte sich ununterbrochen. Trantor ebenfalls. Zusätzlich bewegte sich Altrix Nova auf ihrer Umlaufbahn. Aus der Kombination all dieser Bewegungen musste der Rechner zunächst die Sichtkegel berechnen, bevor daraus ein statistisch relevanter Schwerpunkt entstand. Ich wartete. Minuten vergingen. Der Offizier sprach zwischendurch kaum ein Wort. Immer wieder erschienen neue Diagramme. Schließlich hob er den Kopf.
"Extrapolation abgeschlossen."
Die große Projektion wechselte. Vor uns erschien Trantor. Langsam zoomte das Hologramm näher heran. Ein einzelner Bereich begann hell aufzuleuchten.
"Dieser Abschnitt."
Ich trat näher. Unwillkürlich begann mein rechter Zeigefinger langsam auf die Tischkante zu tippen. Ein dumpfer Rhythmus. Ganz automatisch. Ich betrachtete Küstenlinien. Gebirgsketten. Flüsse. Die Form einer langgezogenen Insel. Irgendetwas daran... Ich konnte nicht sagen was. Aber irgendetwas fühlte sich falsch an. Oder vielmehr... vertraut. Ich kniff leicht die Augen zusammen. Wo hatte ich etwas Ähnliches gesehen? Plötzlich erinnerte ich mich. Nicht an einen Ort. An eine Form.
"Nif'Nakh..."
Der Offizier blickte auf. "Bitte?"
Ich sah weiterhin auf die Insel. "Vergleichen Sie diesen Bereich von Trantor mit sämtlichen bekannten geologischen Formationen von Nif'Nakh."
Er runzelte leicht die Stirn. "Nach welchen Parametern?"
"Nach allem." Ich verschränkte langsam die Arme. "Küstenverläufe." Ich hob einen Finger. "Gebirgslinien." Noch einer. "Flusssysteme." Ein weiterer. "Inselketten." Ich dachte kurz nach. "Es muss keine vollständige Übereinstimmung sein." Ich blickte ihn an. "Achtzig Prozent reichen mir."
Der Offizier nickte. "Verstanden."
Sofort liefen neue Berechnungen an. Diesmal dauerte es deutlich länger. Die Datenmenge war ungleich größer. Sämtliche kartierten Regionen Nif'Nakhs mussten zunächst digitalisiert, anschließend skaliert, gedreht und mit den Geländestrukturen Trantors verglichen werden. Die Zeit verging.
Jemand trat an mich heran. "Möchten Sie etwas trinken?"
Ich sah auf. Eine junge Mitarbeiterin hielt ein Tablett. Darauf standen mehrere Tassen. Aus den meisten stieg der kräftige, leicht bittere Geruch von Keffa auf. Ich verzog innerlich unwillkürlich das Gesicht. Die meisten hier schworen auf Keffa. Das Getränk galt als anregend, leistungssteigernd und gehörte auf praktisch jeder Brücke, in jedem Leitstand und in jeder Einsatzzentrale zum Alltag. Im weitesten Sinne war es mit dem Kaffee der Erde verwandt. Genau deshalb konnte ich mich bis heute nicht damit anfreunden.
"Wäre Tee möglich?"
Die Mitarbeiterin lächelte freundlich. "Natürlich."
Einige Minuten später brachte sie mir eine schlichte weiße Tasse. Schon der Duft gefiel mir deutlich besser. Mild. Kräuterig. Leicht blumig. Ich nahm vorsichtig einen Schluck. Die angenehme Wärme breitete sich langsam in meinem Körper aus und vertrieb zumindest einen Teil der Anspannung der vergangenen Stunden. Währenddessen arbeitete der Rechner weiter. Immer wieder erschienen neue Vergleichsbilder. Einmal schien eine Halbinsel zu passen. Dann wieder ein Gebirgszug. Doch jedes Mal lagen die Übereinstimmungen nur bei fünfzig oder sechzig Prozent. Ich begann bereits zu glauben, dass mein Gedanke tatsächlich ins Leere geführt hatte. Dann ertönte ein leises akustisches Signal.
Der Offizier richtete sich auf. "Treffer."
Ich stellte meine Tasse sofort ab. Die Projektion wechselte. Links erschien eine topografische Karte Nif'Nakhs. Rechts dieselbe Darstellung eines Bereichs auf Trantor. Beide Karten wurden langsam übereinandergelegt. Die Formen deckten sich überraschend gut. Eine langgezogene Insel. Zwei markante Gebirgskämme. Ein halbmondförmiger Küstenverlauf. Mehrere kleinere Nebeninseln. Selbst einige Flussläufe verliefen nahezu identisch.
"Übereinstimmung?"
"Zweiundachtzig Komma vier Prozent."
Ich schwieg. Das war zu viel. Viel zu viel für einen bloßen Zufall. Natürlich konnten ähnliche geologische Strukturen auf unterschiedlichen Planeten entstehen. Aber ausgerechnet jener Bereich, den Hatileos während ihres Aufenthalts nahezu täglich aus ihrem Fenster betrachtet hatte? Ich spürte erneut dieses unangenehme Ziehen im Bauch. Vielleicht hatte sie dort gar nicht Trantor gesehen. Vielleicht hatte sie jedes Mal an ihre Heimat gedacht. An Nif'Nakh. An die einzige Landschaft, die sie ihr ganzes Leben lang gekannt hatte. Oder... Mein Blick blieb auf der Insel liegen. Vielleicht hatte sie dort etwas erkannt. Etwas, das wir bislang völlig übersahen.
Ich wandte mich an den Offizier. "Informieren Sie die zuständigen Behörden auf Trantor."
Er nickte sofort. "Mit welcher Priorität?"
"Mittlere Priorität." Ich dachte kurz nach. "Nein." Ich korrigierte mich. "Mittelhoch."
Er wartete. "Sie sollen sich diesen Ort ansehen."
Ich zeigte auf die Projektion. "Unauffällig." Eine kurze Pause. "Und vorsichtig."
Der Offizier begann bereits mit der Verschlüsselung der Nachricht. Ich blieb noch einen Moment vor der schwebenden Insel stehen. Vielleicht fand man dort gar nichts. Vielleicht verschwendete ich gerade Ressourcen wegen einer bloßen Intuition. Doch inzwischen hatte ich gelernt, meinem Bauchgefühl zumindest eine Chance zu geben. Zu oft hatte sich gezeigt, dass gerade die unwahrscheinlichsten Spuren am Ende die entscheidenden gewesen waren.

Mari meldete sich über den internen Kommunikationskanal der UNO, und bereits die Art, wie sie sprach, ließ mich aufhorchen. Sie klang nicht panisch, aber eindeutig irritiert. Mari war normalerweise jemand, der selbst in chaotischen Situationen ruhig blieb. Sie war seit langer Zeit für die Überwachung und Versorgung der Argnu-Habitate auf Altrix Nova zuständig und kannte die Tiere besser als viele andere an Bord. Wenn sie sagte, dass sie etwas Seltsames gefunden hatte, bedeutete das meistens, dass es tatsächlich ungewöhnlich war. Ihre Nachricht war kurz gewesen. Sie hatte bei einem ihrer Kontrollgänge in den weitläufigen Argnu-Habitaten etwas entdeckt, das sie nicht einordnen konnte. Ich machte mich sofort auf den Weg.
Die Argnu-Bereiche lagen in einem der künstlichen Landwirtschaftssektoren von Altrix Nova. Trotz der gewaltigen Größe der Raumstation hatte Misora darauf bestanden, dass die Tierhaltung nicht wie eine einfache industrielle Anlage wirkte. Die Habitate waren keine kahlen Hallen mit Metallböden und automatisierten Futterspendern. Stattdessen erstreckten sie sich über riesige, geschlossene Landschaftsbereiche mit künstlich erzeugten Wiesen, flachen Hügeln, Wasserläufen und unterschiedlichen Vegetationszonen. Unter der transparenten Kuppel leuchteten künstliche Sonnenmodule, die den Tieren einen Tag-Nacht-Rhythmus ermöglichten. Das Licht war wärmer als die übliche Stationsbeleuchtung und tauchte die Landschaft in goldene Farbtöne. Der Geruch unterschied sich deutlich vom Rest der Station. Hier roch es nach feuchter Erde, Gras, Pflanzen und den schweren, warmen Ausdünstungen großer Tiere. Ein kaum wahrnehmbares Summen der Klimaanlagen erinnerte jedoch daran, dass diese natürliche Umgebung vollständig künstlich erzeugt wurde.
Als ich endlich dort ankam, waren Mari sowie die beiden Wissenschaftler Greg Watson und Rosa Morgan bereits vor Ort. Greg stand mit verschränkten Armen neben einer Absperrung und beobachtete aufmerksam die Herde. Der Wissenschaftler wirkte nachdenklich. Seine Augen folgten nicht einfach nur den Tieren, sondern suchten nach Mustern. Rosa hingegen hatte mehrere Analysegeräte aufgebaut. Kleine Drohnen schwebten über dem Rand des Habitats und sammelten Luftproben, während sie auf einem Datenpad verschiedene Messwerte überprüfte.
Mari drehte sich zu mir um. "Tori." Sie deutete sofort in Richtung der Herde. "Ich wollte erst nichts überstürzen. Aber das hier ist definitiv nicht normal."
Ich folgte ihrem Blick. Vor uns erstreckte sich eine gewaltige Fläche voller Argnus. Die Tiere bewegten sich langsam durch das künstliche Grasland. Die Weibchen bildeten größere Gruppen und grasten ruhig, während die massiven Bullen am Rand der Herde standen und jede Bewegung in der Umgebung aufmerksam verfolgten. Ich hatte Argnus bereits oft gesehen, aber ihre Größe beeindruckte mich jedes Mal aufs Neue. Die ausgewachsenen Bullen waren gigantisch. Über fünf Meter Körperhöhe. Breite, schwere Körper. Drei gewaltige Hörner, die aus ihren Köpfen ragten und ihnen ein beinahe prähistorisches Aussehen verliehen. Ihre Bewegungen wirkten langsam und schwerfällig, doch jeder Schritt ließ den Boden leicht vibrieren. Die Tiere waren keine aggressiven Raubtiere, aber ihre schiere Masse machte sie gefährlich. Vor allem ihre Beschützerinstinkte. Ein Bulle, der eine Bedrohung für seine Herde wahrnahm, würde ohne zu zögern angreifen. Und gegen ein mehrere Tonnen schweres Tier mit drei Hörnern hatte kaum jemand eine Chance. Die Weibchen waren deutlich kleiner. Sie erreichten ungefähr zwei bis drei Meter Körpergröße und besaßen nur zwei Hörner. Trotzdem waren auch sie alles andere als ungefährlich. Ihre Körpermasse reichte aus, um einen Argonen, Teladi oder Split schwer zu verletzen oder sogar zu töten, wenn sie in Panik gerieten. Für Boronen wäre die Situation noch schlimmer gewesen. Ihre empfindlichere Körperstruktur hätte einem direkten Angriff kaum etwas entgegenzusetzen.
Mari zeigte auf einen entfernten Bereich mitten in der Herde. "Dort."
Ich sah in die Richtung. "Was genau?"
"Das ist das Problem." Sie verschränkte die Arme. "Ich weiß es nicht."
Da ich aus der Entfernung nichts erkennen konnte, nahm ich das bereitgestellte Fernglas. Ich stellte die Vergrößerung ein und suchte die Stelle, auf die Mari zeigte. Zunächst sah ich nur Argnus. Bewegende Körper. Gräser. Schatten. Dann schob sich das Bild langsam schärfer. Eine kleine Erhöhung im Gelände. Eingerahmt von verschiedenen Gräsern. Direkt unter einem künstlichen Lichtstrahl, der durch die simulierte Abendbeleuchtung fiel. Und dort lag etwas. Etwas Helles. Rundes. Fast oval. Ich hielt inne. Mein erster Gedanke passte überhaupt nicht zu dem, was ich sah. Ich senkte kurz das Fernglas. Dann setzte ich es wieder an.
"Moment."
Ich vergrößerte weiter. Die Oberfläche wirkte glatt. Nicht wie ein Stein. Nicht wie ein Pflanzenbestandteil. Es hatte eine Schale. Eine richtige Schale.
"Ist das ein Ei?"
Mari zuckte mit den Schultern. "Sieht so aus."
Ich nahm das Fernglas langsam herunter und sah zwischen ihr und dem Gehege hin und her. "Ich dachte, Argnus sind lebend gebärende Säuger."
"Sind sie auch."
Die Antwort kam von Mari ohne zu zögern.
Ich sah erneut zum Ei. "Dann stellt sich die Frage..." Ich deutete darauf. "...woher kommt dieses Ei?"
Für einen Moment sagte niemand etwas. Nur die entfernten Geräusche der Herde waren zu hören. Das tiefe Grunzen der Argnus, das Rascheln der Pflanzen und das gleichmäßige Summen der Habitattechnik füllten die Stille. Dann trat Greg Watson näher. Sein Gesichtsausdruck hatte sich verändert. Er wirkte nicht mehr nur neugierig. Er wirkte besorgt.
"Ich fürchte, es ist eine Hinterlassenschaft unserer flüchtigen Besucherin."
Ich brauchte einen Moment. Die Worte wollten nicht sofort in meinen Kopf passen. Ich blickte wieder zum Ei. Dann zu Greg.
"Du meinst..." Ich sprach langsamer. "...das ist ein Teladi-Ei?"
Greg nickte. "Ja."
Ich sah erneut durch das Fernglas. Die Erkenntnis traf mich erst jetzt vollständig. Ein Ei. Auf Altrix Nova. Versteckt mitten in einem Argnu-Habitat. Von Hatileos zurückgelassen.
"Und darin befindet sich ein Embryo?"
Gregs Blick wurde ernst. "Genau das vermuten wir."
Ich schwieg. Die Ereignisse der letzten Stunden hatten bereits viele Fragen aufgeworfen. Hatileos' Flucht. Der Angriff. Die Nitsus. Die Korvette. Und nun das. Eine Teladi, die über Wochen unbemerkt Informationen gesammelt hatte und offenbar nicht nur einen Fluchtplan vorbereitet hatte. Sondern etwas zurückgelassen hatte. Etwas Lebendiges.

Re: [EX16] Isekai no Xistence

Verfasst: Di 14. Jul 2026, 21:32
von Tom
Bild

Kapitel 68 - Examination

Je länger ich das Ei betrachtete, desto mehr musste ich Hatileos widerwillig Respekt zollen. Nicht für das, was sie getan hatte, sondern für die Art, wie sorgfältig sie geplant hatte. Ausgerechnet mitten in einem Argnu-Habitat. Es gab auf Altrix Nova unzählige Orte, an denen sich etwas hätte verstecken lassen. Wartungsschächte, Lagerbereiche, Versorgungstunnel oder ungenutzte Technikräume. Doch sie hatte sich einen Platz ausgesucht, an dem vermutlich niemand freiwillig nach etwas suchen würde. Selbst wenn jemand zufällig das Habitat betreten hätte, wäre sein Blick auf die Tiere gerichtet gewesen und nicht auf eine kleine, flach in der Erde vergrabene Erhebung zwischen den Gräsern. Dass das Ei überhaupt entdeckt worden war, grenzte beinahe an einen Zufall.
Mari bestätigte meinen Gedanken. "Eigentlich hätten wir es nie gefunden." Ich sah sie fragend an. "Eine der Argnu-Kühe hat dort gegrast." Sie zeigte mit ausgestrecktem Arm auf die kleine Anhöhe. "Offenbar wollte sie an die Wurzeln einer Pflanze gelangen und hat mit ihren Vorderhufen den Boden aufgescharrt."
Ich blickte wieder durch das Fernglas. Tatsächlich war um das Ei herum deutlich lockere Erde zu erkennen. Mehrere Grassoden waren aus dem Boden gerissen worden. Ein Teil der ursprünglich dünnen Erdschicht war zur Seite geschoben worden, wodurch die glatte Schale nun teilweise sichtbar geworden war.
"Als einer meiner Mitarbeiter die aufgewühlte Stelle kontrollieren wollte, hat er die Schale entdeckt." Ich nickte langsam. "Hätte die Kuh dort nicht gegraben ... würde das Ei wahrscheinlich noch immer dort liegen."
Niemand widersprach. Der Gedanke ließ in mir ein unangenehmes Gefühl entstehen. Wie viele Dinge hatten wir vielleicht noch nicht entdeckt? Wie viele Vorbereitungen hatte Hatileos während der vergangenen Wochen getroffen? Ich verdrängte diese Frage zunächst. Das Ei hatte jetzt Vorrang. Allerdings stellte sich sofort das nächste Problem. Niemand konnte einfach zu ihm gehen. Die gesamte Herde befand sich noch immer im Habitat. Vor allem die Bullen hielten sich weiterhin in unmittelbarer Nähe auf. Selbst aus der Entfernung konnte ich erkennen, wie ihre mächtigen Köpfe immer wieder in unsere Richtung schwenkten. Die drei Hörner jedes einzelnen Bullen glänzten matt im künstlichen Sonnenlicht. Ihre breiten Nüstern stießen regelmäßig Dampfwolken aus, obwohl die Temperatur im Habitat angenehm war. Es war kein Zeichen von Kälte, sondern Teil ihrer Atmung.
"Wir müssen sie dort weglocken."
Mari nickte sofort. "Das haben wir bereits vorbereitet."
Kurz darauf setzte sich das eingespielte Team der Tierpfleger in Bewegung. Niemand handelte hektisch. Genau das durfte man bei Herdentieren nicht tun. Mehrere automatische Futterfahrzeuge begannen langsam über die gegenüberliegende Seite des Habitats zu rollen. Ihre Elektromotoren arbeiteten nahezu lautlos. Große Behälter öffneten sich und verteilten frisches Futter auf mehreren weit voneinander entfernten Flächen. Zeitgleich aktivierten andere Mitarbeiter akustische Locksignale. Tiefe, beruhigende Töne, an die die Tiere seit Jahren gewöhnt waren. Die ersten Kühe reagierten sofort. Langsam setzten sie sich in Bewegung. Die Kälber folgten. Die Bullen beobachteten zunächst misstrauisch ihre Umgebung. Erst nachdem sich der größte Teil der Herde bereits entfernt hatte, schlossen auch sie sich an. Es dauerte lange. Sehr lange. Immer wieder blieb ein Tier stehen. Andere wechselten plötzlich die Richtung. Die Tierpfleger mussten geduldig bleiben. Niemand durfte die Tiere unter Druck setzen. Ich stand währenddessen schweigend neben Mari und beobachtete das langsame Schauspiel. Erst nach beinahe einer Stunde war der Bereich um das Ei endlich frei. Trotzdem wagte zunächst niemand, die Weide zu betreten. Mehrere Tierpfleger überprüften nochmals die Position der Herde. Die Bullen standen inzwischen mehrere hundert Meter entfernt. Erst als endgültig feststand, dass keines der Tiere zurückkehrte, öffnete sich das Sicherheitstor. Greg Watson und Rosa Morgan betraten als Erste vorsichtig das Habitat. Beide trugen sterile Schutzanzüge mit integrierten Analysemodulen. Über ihren Handschuhen lagen zusätzliche transparente Schutzschichten, damit keinerlei Verunreinigungen auf die Oberfläche gelangen konnten. Ich blieb gemeinsam mit Mari außerhalb des Geheges. Nicht nur aus Sicherheitsgründen. Ich wollte den Wissenschaftlern auch nicht im Weg stehen. Greg kniete sich langsam vor das Ei. Rosa aktivierte mehrere kompakte Scanner. Ein feiner bläulicher Lichtfächer glitt über die Schale. Dann ein weiterer. Mehrere holografische Anzeigen erschienen direkt über dem Objekt. Temperatur. Oberflächenstruktur. Materialzusammensetzung. Innere Dichte. Biologische Aktivität.
Rosa sprach leise, während sie die Werte überprüfte. "Schale vollständig intakt."
Greg nickte. "Keine sichtbaren Mikrorisse."
Ein weiterer Scanner summte. "Interne Wärmeentwicklung vorhanden."
Ich runzelte die Stirn. "Lebt der Embryo?"
Greg blickte kurz zu mir. "Ja." Er sagte das vollkommen sachlich. "Die Biosignaturen sind eindeutig."
Ein eigenartiges Schweigen entstand. Obwohl wir alle wussten, dass sich in einem Ei normalerweise ein lebender Embryo befand, wirkte diese Bestätigung plötzlich sehr real. Dort draußen lag kein Gegenstand. Kein Beweisstück. Sondern ungeborenes Leben. Rosa ließ einen Ultraschallscanner langsam um das Ei kreisen. Die Projektion zeigte schemenhafte innere Strukturen. Ich konnte kaum etwas erkennen.
Greg dagegen offensichtlich schon. "Entwicklungsstadium..." Er hielt kurz inne. "...schätzungsweise frühes bis mittleres Wachstum."
"Kann man genauer sagen, wie lange?"
Er schüttelte langsam den Kopf. "Dafür kennen wir die Entwicklungszyklen der Teladi nicht präzise genug."
Weitere Minuten vergingen. Immer neue Messungen wurden durchgeführt. Die Schale wurde auf chemische Rückstände untersucht. Auf mögliche Sprengstoffe. Auf versteckte Sender. Auf biologische Gefahren. Auf Krankheitserreger. Auf Nanotechnologie. Auf Strahlungsquellen. Nichts. Schließlich nahm Greg den Scanner vom Ei. Er sah Rosa an. Sie kontrollierte ein letztes Mal ihre Messwerte.
Dann nickte sie. "Aus wissenschaftlicher Sicht spricht nichts gegen einen Transport."
Greg ergänzte. "Solange wir Erschütterungen vermeiden."
Ich atmete langsam aus. "Gut."
Sofort wurde ein spezieller Transportbehälter gebracht. Er bestand aus mehreren konzentrischen Dämpfungsringen, die Schwingungen vollständig kompensieren konnten. Im Inneren befand sich ein weiches Trägerbett aus intelligentem Gelmaterial, das sich exakt der Form des Eis anpasste. Erst jetzt hob Greg das Ei vorsichtig an. Seine Bewegungen wirkten beinahe ehrfürchtig. Langsam legte er es in den Behälter. Sobald die Schale die Gelauflage berührte, schloss sich das Material sanft um ihre Unterseite und fixierte sie ohne Druck. Der Deckel blieb zunächst geöffnet.
Rosa kontrollierte nochmals sämtliche Anzeigen. "Stabil."
Erst danach wurde der Behälter verschlossen. Ich sah ihm nach, während mehrere Wissenschaftler ihn vorsichtig aus dem Habitat trugen. Das Ei verschwand wenig später in Richtung eines der biologischen Forschungslabore von Altrix Nova. Doch mein Blick blieb noch eine Weile auf der kleinen Stelle im Boden liegen, an der es gelegen hatte. Die aufgewühlte Erde. Die freigelegten Wurzeln. Ein paar einzelne Grashalme bewegten sich leicht im Luftstrom der Klimaanlage. Kaum vorstellbar, dass dort eben noch ein Geheimnis verborgen gewesen war.
Ich aktivierte meine Armschiene. "Sofortanweisung an sämtliche Suchteams." Mehrere Offiziere bestätigten den Empfang. "Erweitert alle laufenden Suchmaßnahmen." Ich dachte kurz nach, bevor ich weitersprach. "Nicht nur nach Nitsus." Mein Blick glitt noch einmal über das Habitat. "Sondern nach weiteren möglichen... Überraschungen." Ich bemerkte selbst, dass ich das letzte Wort mit einer gewissen Bitterkeit ausgesprochen hatte. "Zusätzlich sämtliche internen Sensoren neu kalibrieren." Ich sah zu Mari. "Erhöht die Empfindlichkeit für biologische Anomalien." Dann ergänzte ich. "Und untersucht jeden Bereich der Station, der sich zum Verstecken eignet. Wartungsschächte, Lagerbereiche, Versorgungskanäle, Grünflächen, technische Hohlräume. Alles."
Mehrere Bestätigungen gingen gleichzeitig ein. Während die ersten Teams bereits neue Suchrouten berechneten, wurde mir klar, dass wir Hatileos offenbar völlig unterschätzt hatten. Sie war nicht einfach geflohen. Sie hatte vorbereitet. Geplant. Vorausgedacht. Und ich hatte das ungute Gefühl, dass dieses Ei möglicherweise noch längst nicht ihre letzte Hinterlassenschaft auf Altrix Nova gewesen war.

Das Ei war inzwischen sicher im Biologielabor angekommen. Der Transportbehälter ruhte auf einer vibrationsgedämpften Analyseplattform, deren Oberfläche von feinen, bläulich leuchtenden Energielinien durchzogen war. Um das Ei herum arbeiteten mehrere Scanner nahezu lautlos. Dünne Lichtfächer tasteten die Schale aus unterschiedlichen Winkeln ab, während holografische Projektionen im Raum schwebten und ununterbrochen Messdaten aktualisierten. Die Luft roch steril. Ein leichter Geruch nach Desinfektionsmitteln lag in der Atmosphäre, vermischt mit der warmen Elektronik der Analysegeräte. Das Summen der Kühlaggregate war gleichmäßig und beruhigend. Niemand sprach laut. Selbst die Wissenschaftler bewegten sich mit einer gewissen Ehrfurcht um den Untersuchungstisch. Während Greg Watson und Rosa Morgan weitere Messreihen vorbereiteten, öffnete sich die Labortür erneut. Ich drehte mich um. Thovareus trat ein. Der männliche Teladi bewegte sich mit seiner für seine Spezies typischen Mischung aus vorsichtiger Eleganz und leicht nach vorne geneigter Haltung. Seine langen Arme schwenkten ruhig neben seinem Körper, während sein kräftiger Schwanz hinter ihm langsam über den Boden glitt. Seine Schuppen besaßen jenes intensive Blau, das ich inzwischen mit ihm verband. Unter der hellen Laborbeleuchtung schimmerten sie metallisch, wobei einzelne Schuppen je nach Blickwinkel leicht türkis oder dunkelviolett wirkten. Seine bernsteinfarbenen Augen mit den schmalen, senkrechten Pupillen wanderten sofort zum Ei. Er blieb einige Sekunden schweigend davor stehen. Sein Gesicht verriet kaum Emotionen. Dennoch bemerkte ich, wie sich seine Nasenschlitze leicht öffneten und wieder schlossen. Er roch. Ganz automatisch. Wie viele Reptilien nahm auch er einen großen Teil seiner Umgebung über Gerüche wahr.
Schließlich hob er langsam den Blick. "Ich glaube... ich weiß, warum Hatileos ein Ei gelegt hat."
Greg und Rosa sahen ihn gleichzeitig an.
Ich verschränkte die Arme. "Wieso?"
Thovareus trat näher an die Projektion heran und betrachtete die biologischen Werte. "Sie befand sich höchstwahrscheinlich in der Vitellogenese."
Greg runzelte die Stirn. "Vitellogenese?"
Der Teladi nickte langsam. "So bezeichnet man bei uns die Phase der Eibildung." Er legte eine Klaue auf die schwebende Darstellung des Embryos. "Im weitesten Sinne kann man sie mit der Paarungszeit anderer Spezies vergleichen."
Ich hörte aufmerksam zu. Von der Biologie der Teladi wusste ich nur theoretisch.
Thovareus sprach ruhig weiter. "Der Körper beginnt während dieser Phase große Mengen an Nährstoffen in die zukünftigen Eier einzulagern. Gleichzeitig verändern sich verschiedene hormonelle Regelkreise." Er machte eine kurze Pause. "Diese Veränderungen beeinflussen nicht nur den Körper." Seine bernsteinfarbenen Augen trafen meine. "Sondern auch das Verhalten."
Rosa verschränkte nachdenklich die Hände hinter dem Rücken. "Kann sich ein Teladi dagegen wehren?"
Thovareus nickte. "Ja." Seine Antwort kam ohne Zögern. "Unsere Spezies hat im Laufe der Geschichte gelernt, diese Phase zu kontrollieren." Er zeigte auf seinen Kopf. "Mentales Training." Dann auf seinen eigenen Arm. "Und bei Bedarf Medikamente."
Greg hob überrascht die Augenbrauen. "Das heißt, ein erwachsener Teladi verliert normalerweise nicht einfach die Kontrolle?"
"Nein." Thovareus schüttelte langsam den Kopf. "Das passiert äußerst selten." Seine Stimme wurde nachdenklicher. "Deshalb glaube ich auch nicht, dass Hatileos ihre Vitellogenese bewusst zugelassen hat."
Im Labor wurde es still. Ich bemerkte, dass Greg ebenfalls aufmerksam geworden war.
"Worauf willst du hinaus?"
Thovareus senkte den Blick auf das Ei. "Ich vermute..." Er sprach nun langsamer. "...dass etwas ihren ursprünglichen Instinkt ausgelöst haben muss." Niemand unterbrach ihn. "Etwas Starkes." Er suchte nach den richtigen Worten. "Etwas, das tief mit ihren Erinnerungen verbunden war." Seine Klaue ruhte noch immer neben der holografischen Darstellung. "Etwas, das ihr Unterbewusstsein davon überzeugt hat, dass sie sich wieder in ihrer natürlichen Umgebung befindet."
In meinem Kopf begann sich augenblicklich ein Bild zusammenzusetzen. Nicht logisch. Sondern beinahe instinktiv. Ich sah wieder Hatileos' ehemaliges Quartier vor mir. Das Fenster. Den Ausblick. Die lange Zeit, die sie dort verbracht hatte. Dann erinnerte ich mich an die Berechnung im Kommandozentrum. Die Rotation von Altrix Nova. Den Blick aus genau diesem Quartier. Den Abgleich mit Trantor. Und schließlich an jene Insel. Die Insel, deren Landschaft eine auffällige Ähnlichkeit zu einem Gebiet auf Nif'Nakh besessen hatte. Ich spürte, wie sich mein Herzschlag beschleunigte. Nicht wegen des Eis. Sondern wegen der Konsequenz. Ich hatte bisher angenommen, Hatileos hätte lediglich Heimweh entwickelt. Jetzt erschien mir dieser Gedanke erschreckend naiv. Was, wenn diese Insel nicht einfach Erinnerungen geweckt hatte? Was, wenn sie unbewusst sämtliche Instinkte aktiviert hatte, die über Jahrzehnte unterdrückt worden waren? Isolation. Vertraute Landschaft. Ein scheinbar sicherer Lebensraum. Die biologische Phase ihres Körpers. Alles zusammen. Ich hob langsam den Kopf.
"Das Quartier..." Alle sahen mich an. "...sie hat ständig aus dem Fenster gesehen."
Thovareus nickte vorsichtig. "Das würde meine Vermutung stützen."
Ich begann unruhig im Labor auf und ab zu gehen. Vor meinem inneren Auge entstand die Insel auf Trantor. Dann Hatileos. Allein. Vielleicht immer wieder stundenlang aus ihrem Fenster blickend. Vielleicht ohne selbst zu verstehen, warum sie sich plötzlich dorthin hingezogen fühlte. Bis irgendwann ihre Instinkte stärker wurden als ihre Vernunft. Ich blieb abrupt stehen. Ein weiterer Gedanke traf mich. Wenn sie ihr Ei dort gelegt hatte... Dann war das vielleicht gar nicht der Ort gewesen, den sie ursprünglich vorgesehen hatte. Vielleicht hatte sie ursprünglich genau dorthin gewollt. Zu dieser Insel. Vielleicht war ihr Plan durch ihre Flucht lediglich unterbrochen worden. Oder... Mein Magen zog sich zusammen. ...sie war bereits dort gewesen. Ich sah Greg an. Dann Rosa. Dann Thovareus.
"Wir müssen sofort zu dieser Insel." Alle drei blickten mich überrascht an. Ich sprach bereits weiter. "Jetzt." Meine Stimme war fester geworden. "Bevor noch ein Massaker passiert."
Im selben Moment begriff ich selbst, was ich gerade ausgesprochen hatte. Falls Hatileos tatsächlich dorthin unterwegs gewesen war... Falls sie dort etwas vorbereitet hatte... Falls ihre Instinkte sie nicht nur zum Eierlegen, sondern auch zum Schutz ihres Nachwuchses trieben... dann konnte jeder Mensch, der ihr dort zufällig begegnete, in Lebensgefahr schweben. Und ich war nicht bereit, dieses Risiko einzugehen.

Ich hatte meine Entscheidung getroffen, noch bevor die ersten Einsatzberichte der Behörden von Trantor vollständig eingetroffen waren. Die Möglichkeit, dass Hatileos tatsächlich auf die Insel zurückgekehrt sein könnte, ließ mir keine Ruhe. Zu viele Einzelheiten passten plötzlich zusammen. Die Flucht, das Ei, die scheinbar ungewöhnliche Auswahl des Ablageortes und die Erkenntnis von Thovareus, dass ihr Verhalten möglicherweise nicht vollständig bewusst gesteuert worden war. Es war keine gewöhnliche Fahndung mehr. Es ging nicht nur darum, eine Flüchtige zu finden. Es ging darum herauszufinden, ob eine Teladi, die möglicherweise von uralten biologischen Instinkten beeinflusst wurde, gerade dabei war, eine Situation auszulösen, die niemand mehr kontrollieren konnte. Ich entschied mich deshalb, die lokalen Sicherheitskräfte auf Trantor aktiv zu unterstützen. Natürlich hätte ich die Untersuchung vollständig an die Behörden des Planeten übergeben können. Trantor war kein rechtsfreier Raum. Es gab eigene Polizeikräfte, eigene Sicherheitsstrukturen und eigene Verantwortliche. Doch Hatileos war nicht irgendeine Kriminelle. Sie war eine Teladi, die jahrzehntelang isoliert auf Nif'Nakh gelebt hatte, die Zugang zu einer hochentwickelten aldrianischen Korvette erhalten hatte und die offenbar in der Lage gewesen war, Sicherheitsmaßnahmen von Altrix Nova zu umgehen. Zusätzlich war sie möglicherweise in einem Zustand, in dem Instinkt und bewusste Entscheidungen miteinander verschmolzen. Ich wollte nicht aus der Entfernung Befehle geben und später feststellen, dass ein entscheidender Faktor übersehen worden war. Also ließ ich Gal und Tahl einen Einsatztrupp der SSA zusammenstellen. Die Sustenance Security Agency reagierte wie erwartet schnell. Innerhalb kurzer Zeit gingen die ersten Einsatzpläne auf meinen Bildschirm ein. Die Auswahl des Teams erfolgte nicht nach Größe oder reiner Feuerkraft, sondern nach Erfahrung. Gal und Tahl kannten ihre Leute. Sie wussten, wer unter Druck ruhig blieb, wer improvisieren konnte und wer nicht bei der ersten ungewöhnlichen Situation die Kontrolle verlor. Gal Connar übernahm wie selbstverständlich die taktische Leitung. Ihre Vergangenheit beim argonischen Geheimdienst war ihr anzumerken. Sie ging jede Möglichkeit durch, prüfte Fluchtwege, Risiken und mögliche Szenarien. Sie stellte keine Fragen, um Informationen zu sammeln, sondern um Schwachstellen zu finden. Tahl Brenna war ähnlich konzentriert. Seine militärische Vergangenheit zeigte sich in jeder Bewegung. Er sprach wenig, aber wenn er etwas sagte, hörten die anderen zu. Seine Erfahrung mit Sicherheitssystemen und Verteidigung machte ihn zu jemandem, auf den ich mich verlassen konnte. Als jedoch bekannt wurde, dass ich selbst mit auf die Oberfläche wollte, änderte sich die Stimmung sofort. Valentina war die Erste, die protestierte. Ich hatte sie über die Entscheidung informiert, als wir uns in unserem privaten Bereich auf Altrix Nova befanden. Die künstliche Beleuchtung des Wohnbereiches war gedämpft eingestellt. Durch die Panoramaflächen konnte man die gewaltige Oberfläche von Trantor unter uns sehen. Ein blauer Planet mit grünen und braunen Landmassen, der trotz seiner Verletzungen immer noch lebendig wirkte. Valentina stand mir gegenüber und verschränkte die Arme. Ihr Gesichtsausdruck sagte bereits alles.
"Nein."
Ich musste fast lächeln. Nicht, weil ich ihre Reaktion lustig fand. Sondern weil ich sie erwartet hatte. "Valentina..."
"Nein, Tori." Sie unterbrach mich sofort. Ihre Stimme war ruhig, aber bestimmt. "Du gehst nicht auf einen Planeten, auf dem eine bewaffnete Teladi mit einer gestohlenen Korvette irgendwo verschwunden ist."
Vanu stand etwas hinter ihr und sah ebenfalls nicht begeistert aus. Sie hielt Asahi auf dem Arm, während Hoshiko neben ihr spielte. Ihr Blick war weicher als der von Valentina, aber die Sorge darin war deutlich erkennbar.
"Sie hat recht." Vanu sprach leiser. "Du bist nicht irgendein Mitarbeiter der UNO, der zufällig mitfliegt." Sie sah mich direkt an. "Du bist das Ziel, um das sich die halbe Galaxis gerade dreht."
Diese Worte trafen mich mehr, als ich zugeben wollte. Denn sie hatte recht. Ich war lange Zeit davon ausgegangen, dass meine Position als Gründer und CEO der UNO bedeutete, Entscheidungen treffen zu müssen. Aber in den letzten Monaten hatte sich die Realität verändert. Ich war nicht mehr nur jemand, der Entscheidungen traf. Ich war jemand, um den herum Entscheidungen getroffen wurden. Trotzdem blieb mein Entschluss bestehen.
"Ich muss hin."
Valentina schloss kurz die Augen und atmete hörbar aus. Ich kannte diese Reaktion. Sie wusste, dass weitere Argumente vermutlich nichts bringen würden. "Ich hasse es, wenn du so etwas sagst."
"Ich weiß."
"Nein. Ich glaube nicht, dass du es wirklich weißt." Ihr Blick wurde für einen Moment traurig. "Du unterschätzt immer noch, wie viele Menschen wegen dir reagieren würden, wenn dir etwas passiert."
Ich schwieg. Darauf hatte ich keine gute Antwort. Am Ende waren es Gal und Tahl, die eine Lösung fanden. Wenn ich unbedingt mitkommen wollte, dann würden sie selbst ebenfalls mitkommen. Nicht als einfache Begleiter. Sondern als meine direkte Sicherung.
"Du gehst nicht ohne Schutzteam." Tahl hatte das ohne Diskussion festgestellt.
Gal nickte. "Und ich werde dafür sorgen, dass du nicht plötzlich irgendwo alleine auftauchst und versuchst, mit einer möglicherweise instinktgetriebenen Teladi zu verhandeln."
Ich hob leicht die Augenbrauen. "Das klingt so, als würdest du mir zutrauen, genau das zu tun."
Gal sah mich nur an. Ein kurzer Moment verging. Dann sagte sie trocken: "Ja."
Ich konnte nicht einmal widersprechen. Am Ende akzeptierten Valentina und Vanu die Entscheidung nur unter dieser Bedingung. Gal und Tahl würden mich begleiten. Der SSA-Trupp würde zusätzlich für die Absicherung sorgen. Und Thovareus durfte ebenfalls mitkommen. Sein Wunsch war für mich zunächst überraschend gewesen, doch je länger ich darüber nachdachte, desto sinnvoller erschien er. Der Teladi war einer der wenigen Experten, die Hatileos' Verhalten überhaupt einordnen konnten. Er verstand ihre Spezies besser als jeder andere in unserem Umfeld.
"Ich möchte helfen." hatte er gesagt. "Wenn meine Vermutung stimmt, dann müssen wir vorsichtig sein." Er hatte seinen Blick gesenkt. "Nicht nur wegen dem, was sie getan hat. Sondern wegen dem Grund, warum sie es getan hat."
Genau dieser Punkt beschäftigte mich. Denn wenn Thovareus recht hatte, dann musste die Situation anders bewertet werden. Nicht entschuldigt. Aber anders bewertet. Wenn Hatileos tatsächlich nur teilweise bewusst gehandelt hatte, wenn ihr Verhalten durch biologische Prozesse beeinflusst worden war, dann stellte sich die Frage nach ihrer Schuld völlig neu. Eine Person, die eine Handlung plant und bewusst ausführt, war etwas anderes als jemand, dessen Instinkte Entscheidungen beeinflussten, die er selbst kaum noch kontrollieren konnte. Doch gleichzeitig durfte ich eine andere Erkenntnis nicht ignorieren. Teladi waren gefährlicher, als ich ursprünglich angenommen hatte. Nicht, weil sie körperlich stärker waren. Nicht, weil sie aggressiver waren. Sondern weil ihre Geduld, ihre Anpassungsfähigkeit und ihre Fähigkeit, langfristig zu planen, unterschätzt wurden. Hatileos hatte wochenlang Informationen gesammelt. Sie hatte Netzwerke analysiert. Sie hatte sich in die Gesellschaft eingefügt. Sie hatte Sicherheitslücken gefunden. Und sie hatte einen Plan verfolgt, den wir erst verstanden, nachdem sie verschwunden war. Das war kein spontaner Ausbruch gewesen. Selbst wenn ihre Instinkte eine Rolle gespielt hatten, bedeutete das nicht, dass sie harmlos war. Ich stand vor der Panoramawand und betrachtete Trantor. Der Planet drehte sich langsam unter Altrix Nova hinweg. Eine Welt voller Narben. Eine Welt, die immer noch versuchte, sich selbst wieder aufzubauen. Und irgendwo dort unten befand sich Hatileos. Vielleicht verängstigt. Vielleicht verwirrt. Vielleicht getrieben von Instinkten, die sie selbst nicht verstand. Oder vielleicht bereitete sie bereits den nächsten Schritt vor. Ich wusste es nicht. Aber ich wusste, dass wir keine Zeit verlieren durften.
"Wir brechen auf." sagte ich schließlich.
Und während sich die Einsatzvorbereitungen in Bewegung setzten, hatte ich zum ersten Mal seit Hatileos' Flucht den Gedanken, dass die Suche nach ihr nicht nur eine Sicherheitsoperation war. Vielleicht war es auch eine Untersuchung darüber, wie wenig wir tatsächlich über die anderen Spezies in der Galaxis verstanden.

Als ich mit meinem Team im Hangar von Altrix Nova eintraf, lag bereits die typische Betriebsamkeit eines Raumstationshangars in der Luft. Das tiefe Dröhnen der gewaltigen Energieaggregate vibrierte durch die metallischen Böden, während über uns die riesigen Kransysteme langsam Container und Ausrüstung zwischen den verschiedenen Andockbereichen bewegten. Die Beleuchtung der Decke tauchte die gesamte Halle in ein kühles, weißliches Licht, das sich auf den glatten Oberflächen der Schiffe spiegelte und die scharfen Konturen der Konstruktionen hervorhob. Der Geruch von Maschinenöl, erhitztem Metall und der leicht säuerliche Duft von Kühlmitteln lagen in der Luft. Zwischen den einzelnen Schiffen bewegten sich Techniker, Sicherheitskräfte und Logistikmitarbeiter, doch trotz des normalen Betriebs war eine gewisse Anspannung spürbar. Der Angriff von Hatileos hatte seine Spuren hinterlassen. Jeder wusste, dass etwas geschehen war, das nicht einfach als gewöhnlicher Sicherheitsvorfall abgetan werden konnte. Misora wartete bereits auf uns zwischen mehreren abgestellten Schiffen. Die Ingenieurin stand mit verschränkten Armen neben einem umgebauten Spacetruck und beobachtete die Ankunft unserer Gruppe. Ihre langen schwarzen Haare mit dem kaum sichtbaren lilanen Schimmer fielen über ihre Schultern, während ihre Augen aufmerksam jedes Detail wahrnahmen. Es dauerte nicht lange, bis ihr Blick auf mich fiel. Zuerst zeigte sich Überraschung in ihrem Gesicht. Ihre Augen weiteten sich leicht und ihre Stirn legte sich in kleine Falten. Sie hatte offensichtlich nicht erwartet, mich persönlich im Hangar zu sehen. Doch die Überraschung verwandelte sich innerhalb weniger Sekunden in völliges Erstaunen, als ihr Blick über meine Kleidung wanderte. Ich bemerkte, wie sie für einen Moment einfach nur schwieg. Der Grund dafür war die Ghok-Rüstung, die ich trug. Es war keine moderne Kampfrüstung wie die der SSA-Angehörigen. Kein Verbundmaterial, keine integrierten Energiesysteme, keine taktischen Anzeigen oder automatischen Schutzfunktionen. Diese Rüstung war etwas vollkommen anderes. Etwas Altes. Etwas, das aus einer Kultur stammte, die ihre Stärke nicht durch Technologie zeigte, sondern durch das, was sie überwunden hatte. Sie bestand aus den Überresten jenes Raubtieres, das mich auf Nif'Nakh beinahe getötet hatte. Das schwarze Chitin bildete die äußeren Platten der Rüstung und verlieh ihr eine unnatürliche, fast bedrohliche Erscheinung. Die Oberfläche war nicht glatt wie moderne Panzerungen, sondern zeigte die organische Struktur des ehemaligen Lebewesens. Einige Bereiche wirkten wie gehärtete Schuppen, andere wie natürliche Panzerplatten. Dazwischen verliefen graue Musterungen, kaum auffällig, aber dennoch sichtbar, wenn das Licht aus dem richtigen Winkel darauf fiel. Die Schulterplatten bestanden aus verstärkten Chitinteilen und ragten leicht nach außen. An mehreren Stellen waren Knochenfragmente verarbeitet worden, nicht als Verzierung, sondern als Teil der ursprünglichen Konstruktion. Die Split hatten daraus keine einfache Rüstung gebaut. Sie hatten daraus ein Symbol gemacht. Eine Art Kriegsrüstung. Eine Split-Version eines Ritters. Nur bestand dieser Ritter nicht aus glänzendem Metall, sondern aus den Überresten eines besiegten Raubtieres. Ich wusste selbst nicht genau, warum ich sie angelegt hatte. Es war keine bewusste Entscheidung gewesen. Kein strategischer Plan. Kein rationaler Gedanke. Es war ein Instinkt gewesen. Während meiner Zeit bei den Split hatte ich mehr über ihre Kultur gelernt, als ich ursprünglich erwartet hatte. Ihre Denkweise war brutal, direkt und für viele andere Völker schwer nachvollziehbar. Aber sie war nicht einfach nur von Gewalt geprägt. Stärke, Respekt und die Fähigkeit, eine Herausforderung zu überleben, hatten eine tiefere Bedeutung. Vielleicht glaubte ein Teil von mir, dass diese Rüstung mir helfen konnte, Hatileos besser zu verstehen. Vielleicht wollte ich nicht als Fremder auftreten. Vielleicht wollte ich mich daran erinnern, dass nicht jedes Verhalten nur mit Logik erklärt werden konnte. Misora betrachtete mich weiterhin schweigend. Schließlich schüttelte sie leicht den Kopf.
"Ich hätte nicht erwartet, dass du persönlich mitkommst", sagte sie. Ihr Blick wanderte erneut über die Ghok-Rüstung. "Und damit habe ich schon gar nicht gerechnet."
Ich sah kurz an mir herunter. "Es könnte hilfreich sein."
Misora hob eine Augenbraue. "Eine Rüstung aus dem Kadaver eines Raubtieres?"
Ich nickte. "Mehr oder weniger."
Sie musterte mich noch einen Moment, sagte aber nichts weiter. Misora kannte mich inzwischen gut genug, um zu wissen, dass ich solche Entscheidungen selten ohne Grund traf.
Dann wandte sie sich ab und deutete auf den umgebauten Spacetruck hinter ihr. "Wir sollten los."
Der Frachter war auf den ersten Blick noch eindeutig als Spacetruck zu erkennen. Die Grundform des Schiffes war unverändert. Der breite, robuste Rumpf, die verstärkten Triebwerkssektionen und die kantige Bauweise waren typisch für die Frachterklasse, die Misora selbst maßgeblich weiterentwickelt hatte. Doch die Ladebereiche waren vollständig verändert worden. Wo normalerweise Transportcontainer und Frachtmodule untergebracht waren, befanden sich nun Sitzbereiche, zusätzliche Lebenserhaltungssysteme und taktische Ausrüstung. Die Innenräume waren funktional gehalten. Keine unnötige Dekoration, kein Komfort wie auf einer Passagiermaschine. Alles war darauf ausgelegt, Personen schnell und sicher zu einem Einsatzort zu bringen. Es war eine Übergangslösung. Ein Provisorium. Misora hatte längst Pläne für eine eigene Klasse von Einsatz- und Transportschiffen erstellt. Ich wusste, dass die Entwürfe bereits existierten. Sie hatte mir einige davon gezeigt. Wie immer waren ihre Konstruktionen effizient, praktisch und durchdacht. Aber im Moment fehlten ihr zwei entscheidende Dinge. Zeit. Und Personal. Der Bau neuer Spacetruck-Frachter hatte weiterhin höchste Priorität. Die BLD benötigte ihre neuen Transportkapazitäten, und gleichzeitig befand sich Altrix Nova selbst in der entscheidenden Phase ihrer Fertigstellung. Zu viele Projekte liefen gleichzeitig. Misora konnte nicht alles gleichzeitig umsetzen. Auch wenn sie es wahrscheinlich gerne versucht hätte. Wir betraten den umgebauten Spacetruck und bewegten uns durch die engen Gänge in Richtung Cockpit. Die Beleuchtung im Inneren war gedämpfter als im Hangar. Die Wände bestanden aus funktionalem Metallverbund, an einigen Stellen waren zusätzliche Kabelstränge sichtbar, die später vermutlich sauberer integriert werden sollten. Als ich das Cockpit betrat, sah ich bereits den Piloten. Kon Mah saß im Pilotensessel. Der Argone war sofort als ehemaliger Militärangehöriger zu erkennen. Seine Haltung war gerade, konzentriert und kontrolliert. Seine kurzen olivfarbenen Haare waren sauber geschnitten, ebenso sein olivfarbener Bart, der ordentlich gestutzt war. Seine dunkelroten Augen richteten sich auf mich und verengten sich leicht, als er die Ghok-Rüstung betrachtete. Für einen Moment fragte ich mich, ob er sie bereits kannte. Ich konnte mich nicht erinnern. Vielleicht hatte er mich bereits darin gesehen. Vielleicht auch nicht. Falls er überrascht war, zeigte er es nicht. Das war eine Eigenschaft, die ich bei vielen ehemaligen Soldaten bemerkte. Sie hatten gelernt, ihre Reaktionen unter Kontrolle zu halten. Kon Mah nickte mir knapp zu. Ich erwiderte die Geste.
"Alles bereit?"
"Bereit", antwortete er.
Die letzten Mitglieder des Teams gingen an Bord. Gal und Tahl nahmen ihre Positionen ein, während die SSA-Angehörigen ihre Ausrüstung überprüften. Thovareus hatte ebenfalls Platz genommen. Der männliche Teladi wirkte ruhig, aber seine Aufmerksamkeit wanderte immer wieder durch das Schiff. Offensichtlich war auch für ihn diese Mission mehr als nur eine Untersuchung. Nachdem die Türen geschlossen waren und die Systeme hochgefahren wurden, erwachte der Spacetruck langsam zum Leben. Ein tiefes Vibrieren ging durch den Rumpf, als die Energieversorgung auf die Triebwerke umgeleitet wurde. Auf den Anzeigen im Cockpit erschienen die verschiedenen Statusmeldungen. Lebenserhaltung, Navigation, Kommunikation und Antrieb wechselten nacheinander auf grüne Anzeigen. Dann kam die Freigabe von Altrix Nova. Die gewaltigen Dockklammern lösten sich. Der Spacetruck bewegte sich langsam aus seiner Position. Durch die Cockpitfenster konnte ich sehen, wie die riesige Raumstation hinter uns zurückblieb. Altrix Nova, die größte Raumstation, die jemals gebaut worden war, wirkte aus dieser Entfernung noch immer unfassbar. Ihre gewaltigen Strukturen, die künstlichen Lebensbereiche und die zahlreichen angedockten Schiffe bildeten ein künstliches Gebilde, das fast wie eine eigene kleine Welt wirkte. Vor uns lag Trantor. Der Planet, dessen Zukunft vielleicht von etwas abhing, das vor Jahrhunderten als Bedrohung erschaffen worden war. Und irgendwo dort unten befand sich eine Insel, die Hatileos an Nif'Nakh erinnert hatte. Ich wusste nicht, was wir finden würden. Aber ich hatte das Gefühl, dass wir kurz davor standen, Antworten zu bekommen. Oder neue Fragen.

Der umgebaute Spacetruck entfernte sich langsam von Altrix Nova, während die Steuerdüsen die letzten Korrekturen vornahmen. Durch die Cockpitfenster sah ich, wie die gewaltige Raumstation immer kleiner wurde. Die äußeren Segmente der Station zogen langsam an uns vorbei. Lichterreihen, Andockringe und die gewaltigen Strukturverstrebungen verschwanden allmählich hinter uns. Altrix Nova wirkte aus dieser Entfernung nicht mehr wie ein künstliches Bauwerk, sondern wie ein eigener kleiner Mond aus Metall und Energie. Ein gigantischer Körper, der im Orbit von Trantor schwebte und unzählige Leben beherbergte. Für einen kurzen Moment blieb mein Blick an der Station hängen. Dort oben befand sich mein Zuhause. Meine Familie. Die UNO. All das, was ich aufgebaut hatte. Und trotzdem flog ich gerade davon, weil eine einzelne Teladi, die ich vor wenigen Wochen noch als einsame Überlebende auf Nif'Nakh gesehen hatte, eine Kette von Ereignissen ausgelöst hatte, deren Ausmaß ich noch immer nicht vollständig verstand. Ich wandte den Blick wieder nach vorne. Trantor füllte langsam unser Sichtfeld. Der Planet war beeindruckend. Aus dem Orbit wirkte er beinahe unberührt. Große grüne Landmassen zogen sich über die Oberfläche, durchzogen von tiefblauen Ozeanen und hellen Wolkenformationen. Die künstliche Beleuchtung der Städte zeichnete sich bereits auf der Nachtseite ab und bildete verstreute Muster aus goldenen und weißen Lichtpunkten. Doch ich wusste, dass dieser Eindruck täuschte. Unter dieser Schönheit lagen die Spuren einer langen Geschichte. Kriege. Katastrophen. Wiederaufbau. Verlust. Und Hoffnung. Kon Mah saß ruhig im Pilotensessel. Seine Hände lagen sicher an den Steuerkontrollen, während seine dunkelroten Augen regelmäßig zwischen den Anzeigen und dem Sichtfenster wechselten. Er flog präzise, ohne unnötige Bewegungen. Jede Kurskorrektur war klein und effizient. Hinter uns im Passagierbereich arbeiteten die SSA-Investigatoren bereits. Die Atmosphäre an Bord war konzentriert. Niemand sprach unnötig. Jeder wusste, warum wir hier waren. Gal stand über einer holografischen Projektion der Flugroute. Die ehemalige Geheimdienstlerin bewegte einzelne Datenfelder mit schnellen Bewegungen ihrer Finger und ließ verschiedene Sensordaten übereinanderlegen. Tahl befand sich neben ihr und überprüfte die Ergebnisse.
"Wir haben bisher keine eindeutige Spur", sagte einer der SSA-Investigatoren.
Gal blickte nicht auf. "Nicht eindeutig heißt nicht nicht vorhanden."
Der Investigator nickte und arbeitete weiter. Die Aufgabe der SSA war schwierig. Wir wussten nicht einmal sicher, ob Hatileos tatsächlich auf Trantor geblieben war. Die aldrianische Korvette hätte nach dem Abdocken mehrere Möglichkeiten gehabt. Sie hätte die Umlaufbahn verlassen und direkt eines der Sprungtore anfliegen können. Sie hätte eine andere Station im System erreichen können. Oder sie hätte nur eine Spur hinterlassen können, um uns in die falsche Richtung zu schicken. Hatileos hatte bereits bewiesen, dass sie vorsichtig vorging. Sie hatte uns getäuscht. Sie hatte Sicherheitsmaßnahmen überwunden. Sie hatte gewartet. Ich konnte nicht einfach davon ausgehen, dass sie den offensichtlichsten Weg genommen hatte.
"Wir müssen davon ausgehen, dass sie möglicherweise bereits weg ist", sagte Tahl. Seine Stimme war ruhig. "Wenn sie geplant hat, durch ein Sprungtor zu verschwinden, dann könnten wir bereits Stunden zu spät sein."
Ich sah zu ihm. "Und trotzdem suchen wir weiter."
Tahl nickte. "Natürlich."
Die Antwort kam ohne Zögern. Genau deswegen schätzte ich Menschen wie ihn. Er war realistisch. Aber er gab nicht auf. Thovareus saß etwas abseits und beobachtete die Gespräche. Seine blauen Schuppen reflektierten das schwache Licht der Innenbeleuchtung. Der Teladi wirkte nachdenklich. Seine Augen wanderten immer wieder zu den Sensordaten. Ich wusste, dass er nicht nur nach einem Schiff suchte. Er suchte nach Hatileos. Nach dem Wesen hinter ihren Entscheidungen. Nach einer Erklärung. Der Spacetruck erreichte schließlich die obere Atmosphäre. Die ersten Anzeigen änderten sich. Die Temperatur der Außenhülle begann zu steigen. Ein kaum wahrnehmbares Zittern ging durch das Schiff, als die Reibung der Atmosphäre gegen den Rumpf zunahm. Die künstliche Gravitation blieb stabil, doch die Geräusche des Schiffes veränderten sich. Das tiefe Summen der Triebwerke wurde von einem dumpferen Dröhnen begleitet. Durch das Cockpitfenster sah ich, wie die Schwärze des Weltraums langsam einem intensiven Blau wich. Trantor nahm uns auf. Die Wolkenschichten kamen näher. Weiße, gewaltige Formationen zogen an uns vorbei, während Kon Mah die Geschwindigkeit reduzierte und den Eintrittswinkel stabil hielt. Unter uns öffnete sich die Landschaft. Grüne Wälder. Weite Ebenen. Berge. Flüsse. Und Städte, die wie künstliche Inseln zwischen den natürlichen Landschaften lagen. Doch die SSA arbeitete weiter. Während wir tiefer sanken, suchten die Sensoren weiterhin nach Spuren der Korvette. Die Ermittler nutzten nicht nur gewöhnliche Ortungssysteme. Sie analysierten auch Rückstände des Antriebs, elektromagnetische Signaturen und mögliche Abweichungen in der Atmosphäre. Eine aldrianische Korvette war kein gewöhnliches Schiff. Ihre Technologie hinterließ charakteristische Muster.
"Moment." Die Stimme eines Investigators ließ den Raum sofort verstummen.
Gal drehte sich um. "Was haben Sie?"
Der Investigator vergrößerte die Darstellung. "Eine schwache Signatur."
Tahl trat näher. "Quelle?"
Der Mann zoomte weiter hinein. "Nicht direkt vom Schiff." Er wechselte mehrere Anzeigen. "Es handelt sich um eine Restspur."
Mein Blick wanderte auf die Projektion. "Von der Korvette?"
"Sehr wahrscheinlich." Die Worte sorgten für neue Aufmerksamkeit. Der Investigator legte weitere Daten darüber. "Die Signatur ist schwach, aber eindeutig aldrianischen Ursprungs."
Gal verschränkte die Arme. "Richtung?"
Eine Linie erschien auf der Karte. Sie führte von Altrix Nova hinab zur Oberfläche. Genauer gesagt zu einem bestimmten Punkt. Eine Insel.
"Isla Rica."
Der Name erschien auf dem Bildschirm. Ich betrachtete die Markierung. Eine Insel mitten im Ozean von Trantor. Genau der Ort, den wir aufgrund der Berechnungen vermutet hatten.
Thovareus hob leicht den Kopf. "Das passt zu Ihrer Theorie."
Ich antwortete nicht sofort. Denn obwohl die Daten vielversprechend waren, blieb eine Unsicherheit. Eine Restspur bedeutete nicht automatisch, dass Hatileos noch dort war. Sie konnte die Spur absichtlich hinterlassen haben. Sie konnte gelandet sein und längst weitergezogen sein. Sie konnte bereits durch das nächste Sprungtor verschwunden sein. Die Möglichkeit blieb bestehen. Doch zumindest hatten wir eine Richtung. Kon Mah führte den Spacetruck weiter. Die Wolkendecke öffnete sich. Unter uns erschien das Meer. Ein endloses blaues Feld, auf dem sich die Sonnenstrahlen spiegelten. Die Oberfläche glitzerte wie flüssiges Glas. In der Ferne zeichnete sich eine Inselgruppe ab. Isla Rica. Je näher wir kamen, desto mehr Details wurden sichtbar. Dichte Vegetation bedeckte große Teile der Insel. Zwischen den grünen Flächen waren helle Sandstrände zu erkennen. Kleine Wasserläufe zogen sich wie silberne Linien durch die Landschaft. Doch die Schönheit der Insel konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir möglicherweise einen gefährlichen Ort betraten. Eine Teladi mit unbekannter Absicht befand sich irgendwo hier. Oder hatte sich hier befunden. Der Spacetruck verringerte die Geschwindigkeit. Kon Mah übernahm die letzten Flugmanöver.
"Landepunkt erreicht."
Die Triebwerke wurden angepasst. Das Schiff sank langsam tiefer. Durch das Fenster sah ich die Oberfläche näher kommen. Die Vegetation bewegte sich durch den Abwind der Triebwerke. Blätter und Gräser wurden zur Seite gedrückt, während das Schiff seine Position stabilisierte. Dann setzte der Spacetruck auf. Ein leichtes Vibrieren ging durch den Boden. Die Triebwerke fuhren herunter. Stille. Nur noch das leise Summen der Systeme blieb zurück. Niemand bewegte sich sofort. Jeder wartete. Jeder wusste, dass der eigentliche Teil der Mission erst jetzt begann. Ich sah zu Gal und Tahl. Beide waren bereits bereit. Thovareus erhob sich langsam. Misora überprüfte noch einmal die Ausrüstung. Und ich blickte durch die Scheibe auf die grüne Landschaft von Isla Rica. Etwas in mir sagte, dass wir hier Antworten finden würden. Aber etwas anderes sagte mir auch, dass diese Antworten möglicherweise nicht das waren, was wir erwarteten.

Die Anzeigen im Cockpit bestätigten noch einmal, dass sämtliche Systeme des umgebauten Spacetrucks einwandfrei arbeiteten. Draußen peitschte der warme Wind über die Küstenvegetation von Isla Rica. Die mächtigen Triebwerke liefen inzwischen nur noch im Standby und ließen den Boden unter dem Schiff kaum merklich vibrieren. Durch die Frontscheibe sah ich dichte Baumkronen, hohe Farne und vereinzelte Felsformationen, die aus dem satten Grün hervorragten. Das Licht der Sonne brach sich auf den breiten Blättern tropischer Pflanzen und tauchte die Lichtungen in ein warmes Gold, während weiter entfernt das Rauschen der Brandung bis zu uns herüberwehte. Die Luft wirkte feucht. Selbst durch die Lebenserhaltungssysteme des Schiffes glaubte ich den würzigen Geruch von Erde, Moos und salziger Meeresluft wahrzunehmen.
Ich löste den Verschluss meines Sicherheitsgurtes und erhob mich. "Misora." Sie blickte von ihrer Konsole auf. "Du bleibst an Bord."
Sie schnaubte amüsiert. "Keine Sorge." Sie verschränkte die Arme und lehnte sich entspannt gegen eine Konsole. "Nichts auf der Welt würde mich da draußen rausbekommen." Ich sah sie fragend an. Sie grinste leicht. "Ich mag Abenteuer." Ihr Grinsen wurde schmaler. "Aber ich bin nicht lebensmüde."
Einige der SSA-Angehörigen mussten unwillkürlich schmunzeln. Misora zuckte nur mit den Schultern. "Ich bin Ingenieurin. Mein Arbeitsplatz ist das Schiff. Ihr seid diejenigen mit den Waffen."
Ich nickte zufrieden. "Genau deswegen bleibst du hier."
Sie hob zustimmend die Hand. "Keine Diskussion."
Anschließend wandte ich mich an die Investigatoren, die im hinteren Bereich des Cockpits bereits über mehrere holografische Sensorprojektionen gebeugt standen.
"Ein Teil von euch bleibt ebenfalls hier." Alle hoben den Blick. "Ich will, dass ihr die komplette Insel ohne Unterbrechung scannt." Ich deutete auf die holografische Karte. "Thermische Anomalien. Bewegungen. Energiesignaturen. Lebensformen. Alles."
Der dienstälteste Investigator nickte sofort. "Verstanden."
"Wenn ihr auch nur die kleinste Veränderung entdeckt, meldet ihr sie sofort."
"Jawohl."
Dann sah ich zu Kon Mah. Der ehemalige Militärpilot hatte bereits beide Hände an den Steuerkontrollen, obwohl das Schiff noch auf dem Boden stand. "Kon." Er blickte zu mir. "Du wirst nach unserem Ausstieg sofort wieder starten." Er nickte aufmerksam. "Zieh Kreise über der Insel." Ich zeigte auf die Projektion. "Nicht zu tief."
"Verstanden."
"Vielleicht erkennt man von oben etwas, das wir am Boden übersehen."
Kon dachte kurz nach. "Und falls jemand versucht, das Schiff zu erreichen?"
"Fliehen."
Er antwortete ohne Zögern. "Zu Befehl."
Ich nickte. "Ich möchte auf keinen Fall erleben, dass Hatileos auch noch unseren Spacetruck kapert."
Kon verzog leicht den Mund. "Ein Schiff reicht."
Ein leises zustimmendes Murmeln ging durch die Besatzung. Ich aktivierte den Öffnungsmechanismus der Seitenschleuse. Mit einem dumpfen Zischen entwich Luft aus den Druckkammern, bevor sich die schwere Luke langsam nach unten senkte und gleichzeitig die Einstiegsrampe bildete. Warme, feuchte Luft schlug uns entgegen. Sofort änderte sich der Geruch. Salz. Feuchte Erde. Blüten. Verrottendes Laub. Das Zirpen unzähliger Insekten erfüllte die Umgebung. Aus den Baumkronen erklangen Vogelrufe, die ich keiner bekannten Spezies zuordnen konnte. Dazwischen rauschte unaufhörlich das Meer. Die Insel wirkte friedlich. Fast zu friedlich. Ich stieg als Erster hinunter. Die Ghok-Rüstung knirschte leise bei jeder Bewegung. Das schwarze Chitin reflektierte das Sonnenlicht nur schwach und ließ mich zwischen der grünen Vegetation vermutlich deutlich auffälliger erscheinen, als mir lieb war. Kurz darauf folgten Gal, Tahl, Thovareus und die übrigen SSA-Angehörigen. Keine hundert Meter vom Landeplatz entfernt warteten bereits mehrere Fahrzeuge der örtlichen Polizei. Die Einsatzkräfte hatten ihre Positionen rund um die Lichtung bezogen. Einige beobachteten aufmerksam den Waldrand, andere hielten ihre Waffen entspannt, aber griffbereit. Als wir näher kamen, löste sich eine Frau aus der Gruppe. Sie war vermutlich Mitte dreißig. Ihre Gesichtszüge erinnerten mich sofort an asiatische Abstammung. Ihr Gesicht war schmal, ihre Haut leicht gebräunt. Das Auffälligste waren jedoch ihre Haare. Sie waren hellbraun, fast blond, und reichten ihr bis knapp über die Schultern. Im Sonnenlicht wirkten einzelne Strähnen beinahe golden. Ihre Augen dagegen bildeten einen starken Kontrast. Tiefschwarz. Fast wie geschliffener Obsidian. Sie musterte zunächst Gal. Dann Tahl. Dann blieb ihr Blick an mir hängen. Genauer gesagt... an meiner Rüstung. Ihre Augen wurden groß.
Sie riss hörbar Luft ein. "Ersch..."
Mehr brachte sie nicht heraus. Der erschrockene Laut genügte bereits. Mehrere Polizisten rissen augenblicklich ihre Waffen hoch. Andere drehten sich in unsere Richtung. Eine Sekunde lang spannte sich die gesamte Situation gefährlich an.
Noch bevor ich reagieren konnte, machte Gal einen schnellen Schritt nach vorne. "Ruhe!" Ihre Stimme war laut genug, um sämtliche Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.
Fast gleichzeitig trat Tahl einen halben Schritt neben mich. "Alles in Ordnung." Seine ruhige Stimme wirkte beinahe stärker als jeder Befehl. "Er gehört zu unserem Einsatzteam."
Die Polizisten zögerten. Die Frau atmete mehrmals tief durch. Dann ließ sie die Schultern etwas sinken. "Entschuldigung." Sie schüttelte leicht den Kopf. "Ich..." Sie sah erneut auf meine Rüstung. "...ich habe so etwas noch nie gesehen."
Ich konnte ihr das kaum verübeln. Zwischen modernen Uniformen und Hightech-Ausrüstung musste ich aussehen wie ein Wesen aus einer längst vergangenen Epoche. Oder wie ein Split-Krieger. Sie trat schließlich auf mich zu und streckte mir die Hand entgegen.
"Caroline Watanabe."
Ich erwiderte den Händedruck. "Tori Grau."
Sie nickte. "Ich bin die Ansprechpartnerin der örtlichen Polizei." Sie deutete in Richtung Meer. "Wobei 'örtlich' etwas übertrieben ist." Ein leichtes Lächeln huschte über ihr Gesicht. "Isla Rica ist offiziell unbewohnt."
Ich ließ den Blick über die Insel schweifen. "Naturschutzgebiet?"
"Genau." Sie zeigte auf eine holografische Karte. "Die nächste Stadt ist Horny Reef." Ihr Finger glitt über die Projektion. "Mehr als zwanzig Kilometer entfernt."
Ich erkannte die Küstenlinie. Horny Reef lag auf dem Festland. Eine Küstenstadt. Von dort waren offenbar sämtliche Einsatzkräfte hierher verlegt worden.
Caroline deaktivierte die Projektion wieder. "Wir sind kurz nach Ihrer Nachricht eingetroffen."
Ich nickte. "Gab es irgendwelche Sichtungen?"
Sie schüttelte den Kopf. "Keine bestätigten."
"Die Korvette?"
"Wurde von niemandem beobachtet."
Das überraschte mich nicht. Eine aldrianische Korvette war schnell. Und wenn sie bewusst tief oder über dem Meer angeflogen war, konnte sie den meisten zivilen Sensoren entgangen sein.
Gal trat neben mich. "Unsere Sensoren haben allerdings eine Restsignatur gefunden."
Caroline nickte. "Die Daten haben wir erhalten." Sie verschränkte die Arme. "Deshalb durchsuchen wir die Insel bereits seit über einer Stunde."
"Ergebnis?"
"Bis jetzt nichts."
Ich sah in den dichten Wald hinein. Die Vegetation war enorm. Hohe Bäume bildeten ein geschlossenes Dach aus Blättern. Dazwischen wucherten Farne, Lianen und dichtes Buschwerk. Das Gelände war unübersichtlich. Perfekt, um sich zu verstecken. Oder etwas zu verstecken.
Caroline aktivierte erneut ihre Karte. "Wir haben das Gebiet bereits in Suchsektoren eingeteilt." Mehrere farbige Bereiche erschienen. "Meine Leute durchsuchen die Küste." Ein anderer Bereich leuchtete auf. "Ein zweites Team arbeitet sich durch den südlichen Wald." Noch ein Bereich. "Der Norden besteht größtenteils aus felsigem Gelände." Sie sah mich an. "Falls Ihre Sensoren etwas finden, können wir sofort reagieren."
Ich nickte. "Und falls Ihre Leute etwas entdecken, möchte ich es unmittelbar erfahren."
"Selbstverständlich."
Für einen kurzen Moment schwiegen wir alle. Der Wind bewegte die Baumkronen. Irgendwo kreischte ein Vogel. Aus der Ferne war erneut das dumpfe Rollen der Brandung zu hören. Alles wirkte friedlich. Fast idyllisch. Doch inzwischen wusste ich, dass genau solche Orte oft ihre gefährlichsten Geheimnisse am besten verbargen.

Gemeinsam mit Captain Caroline Watanabe verließen wir den provisorischen Einsatzstützpunkt an der Küste. Während mehrere Teams der örtlichen Polizei ihre Suchmuster fortsetzten und der Spacetruck bereits wieder an Höhe gewann, um seine Kreise über Isla Rica zu ziehen, führte uns Caroline zu einem der schwebenden Einsatzbusse ihrer Einheit. Das Fahrzeug unterschied sich deutlich von den gewöhnlichen Polizeitransportern, die ich aus den argonischen Kernwelten kannte. Die matte dunkelgraue Außenhaut war nahezu fugenlos verarbeitet. Dezente blaue Lichtstreifen verliefen entlang der Fahrzeugseiten und signalisierten den Betriebszustand. Auf dem Dach befand sich ein ausfahrbarer Sensormast, während unter dem Rumpf mehrere Antigravitationsaggregate mit einem gleichmäßigen Summen arbeiteten. Das Fahrzeug schwebte etwa einen halben Meter über dem Boden und wirbelte beim Start lediglich einige trockene Blätter und Sandkörner auf, ohne den Untergrund zu beschädigen.
Caroline öffnete die Seitentür mit einer fließenden Handbewegung. Erst jetzt fiel mir auf, wie außergewöhnlich ihre Ausrüstung tatsächlich war. Ihr Trenchcoat war kein gewöhnliches Kleidungsstück. Der Stoff besaß eine feine, fast seidige Oberfläche, die je nach Lichteinfall zwischen Anthrazit und dunklem Graphit schimmerte. Winzige eingewebte Leiterbahnen verliefen unauffällig entlang der Nähte und regulierten kontinuierlich die Temperatur. Weder die feuchte Hitze der Insel noch die klimatisierten Innenräume schienen ihre Kleidung zu beeinflussen. Trotz des schmalen Schnitts wirkte der Mantel überraschend funktional. Als sie sich setzte und den Saum leicht öffnete, erkannte ich mehrere präzise angeordnete Taschen und Halterungen. Darin befanden sich versiegelte Analysebehälter, kompakte Scanner, Probenröhrchen, Mikroinstrumente und weitere Geräte, deren Funktion ich nur erahnen konnte. Es war tatsächlich ein kleines mobiles Labor, geschickt im Mantel verborgen. Noch interessanter war jedoch ihre Brille. Auf den ersten Blick wirkte sie unscheinbar. Erst als sich feine holografische Elemente über den Gläsern aufbauten und sich nahezu unsichtbare Projektionen in ihren Pupillen spiegelten, wurde deutlich, dass sie weit mehr war als eine Sehhilfe. Während sie den Innenraum des Schwebebusses musterte, erschienen winzige Datenfenster vor ihren Augen. Sensorwerte, Positionsdaten, biometrische Anzeigen und taktische Karten liefen offenbar gleichzeitig über ihre CSI-Schnittstelle. Ihre Augen bewegten sich kaum merklich, während sie Informationen auswertete. Es wirkte beinahe so, als würde sie mehrere Computer gleichzeitig bedienen, ohne auch nur einen Finger zu bewegen.
Mir wurde klar, weshalb sie trotz ihres Alters bereits Captain geworden war. Sie war jung. Wahrscheinlich kaum älter als Mitte dreißig. Und dennoch leitete sie die Special Crimes & Forensics Unit, die modernste kriminaltechnische Spezialeinheit auf ganz Trantor. Ich erinnerte mich an das, was mir Gal während des Fluges erzählt hatte. Caroline galt als jüngste Captain in der Geschichte der trantorianischen Polizei. Nicht wegen Beziehungen. Nicht wegen Politik. Sondern weil ihre Aufklärungsquote ihresgleichen suchte. Sie war Ermittlerin und Forensikerin zugleich. Während andere Fälle wegen fehlender Beweise hatten einstellen müssen, hatte sie begonnen, genau dort anzusetzen. Sie hatte sich wissenschaftlich spezialisiert, neue Methoden entwickelt und Spuren sichtbar gemacht, die zuvor niemand wahrgenommen hatte. Verbrecher, die sich jahrelang sicher gefühlt hatten, waren durch ihre Arbeit schließlich doch noch verurteilt worden. Dennoch wirkte sie nicht wie jemand, der sich auf seinen Erfolgen ausruhte. Ganz im Gegenteil. Je länger ich sie beobachtete, desto mehr erkannte ich eine gewisse innere Unruhe. Immer wieder presste sie unbewusst die Lippen aufeinander oder trommelte mit einem Finger gegen ihr Knie, sobald neue Informationen eintrafen. Sie glaubte offensichtlich fest an Recht und Ordnung. Gleichzeitig hatte ich den Eindruck, dass sie regelmäßig gegen bürokratische Mauern anlaufen musste, die ihr die Arbeit erschwerten.
Der Schwebebus setzte sich lautlos in Bewegung. Die Antigravitationsfelder trugen uns über die schmale Küstenlinie hinweg, bevor wir über die Baumkronen der Insel glitten. Unter uns rauschte ein dichtes Blätterdach vorbei. Gewaltige Farngewächse wechselten sich mit uralten Bäumen ab, deren Kronen ein beinahe geschlossenes grünes Dach bildeten. Dazwischen ragten immer wieder dunkle Felsen empor, die teilweise vollständig von Moosen und Kletterpflanzen überwachsen waren. An einigen Stellen öffnete sich der Wald und gab den Blick auf kleine Süßwasserseen frei, deren spiegelglatte Oberflächen das Sonnenlicht reflektierten. Der Schwebebus flog in geringer Höhe weiter. Schließlich erreichten wir die Nordseite der Insel. Die Landschaft veränderte sich schlagartig. Die dichte Vegetation wich immer häufiger nacktem Fels. Graue und schwarze Gesteinsformationen zogen sich bis zur Küste. Manche waren vom Wind rund geschliffen, andere ragten scharfkantig aus dem Boden. Zwischen ihnen wuchsen nur vereinzelte Sträucher und widerstandsfähige Gräser. Die Sonne brannte nahezu ungehindert auf das dunkle Gestein herab, das die Wärme speicherte und flirrende Luftschichten darüber entstehen ließ.
Caroline löste den Blick von ihren holografischen Anzeigen und sah zu mir. "Grau-san."
Ich blickte zu ihr. "Warum beginnen wir ausgerechnet hier?"
Ihre Stimme war sachlich, nicht skeptisch. Sie wollte meinen Gedankengang verstehen.
Ich sah durch die Frontscheibe hinaus auf die sonnenbeschienenen Felsen. "Weil Teladi gerne in der Sonne baden."
Für einen kurzen Moment herrschte Schweigen. Dann wandte Caroline langsam den Kopf zu mir. "Das ist Ihre Begründung?"
Ich nickte. "Der Süden der Insel ist dicht bewachsen." Mein Blick blieb auf den Felsformationen. "Hier oben dagegen gibt es offene Felsen, die sich den ganzen Tag über aufheizen." Ich deutete auf eine größere Formation. "Wenn Hatileos ihren Instinkten folgt, sucht sie möglicherweise nicht den sichersten Ort." Ich machte eine kurze Pause. "Sondern den, der sich richtig anfühlt."
Thovareus, der neben mir saß, nickte zustimmend. Seine blauen Schuppen glänzten im Sonnenlicht, das durch die Frontscheibe fiel. "Grau-san hat recht."
Caroline sah nun ihn an. Der Teladi legte seine Klauen ruhig aufeinander. "Unsere Spezies liebt Wärme." Er blickte ebenfalls nach draußen. "Viele Teladi verbringen freiwillig Stunden regungslos auf sonnengewärmten Felsen." Ein leises Schmunzeln huschte über sein reptilienhaftes Gesicht. "Sie haben bei Ihrem Aufenthalt auf Zura offenbar gut aufgepasst, Grau-san."
Ich musste unwillkürlich lächeln. "Ich hatte gute Lehrer."
Thovareus neigte leicht den Kopf. "Die meisten Besucher achten nur auf unsere Handelsgewohnheiten." Er blickte erneut aus dem Fenster. "Sie haben stattdessen unsere Verhaltensweisen beobachtet."
Ich antwortete nicht. Ehrlich gesagt hatte ich damals gar nicht bewusst versucht, etwas über Teladi zu lernen. Ich hatte lediglich viel Zeit damit verbracht, zuzuhören und meine Umgebung wahrzunehmen. Offenbar hatte mein Unterbewusstsein mehr gespeichert, als mir selbst bewusst gewesen war. Caroline schwieg inzwischen. Ich bemerkte, wie ihre Augen hinter der Brille erneut verschiedene Daten auswerteten. Sie dachte nach. Nicht über meine Worte. Sondern darüber, ob sie logisch waren.
Schließlich nickte sie langsam. "Verhaltensbiologie." Sie sprach mehr mit sich selbst als mit uns. "Wenn die bisherigen Handlungen tatsächlich instinktgetrieben waren..." Sie blickte erneut hinaus. "...dann ist die Wahl des Suchgebietes durchaus nachvollziehbar."
Gal warf einen kurzen Blick zu mir. Ein kaum sichtbares Lächeln huschte über ihr Gesicht. "Manchmal vergisst man, dass Ermittlungen nicht nur aus Technik bestehen."
Caroline antwortete sofort. "Technik liefert Daten." Sie verschränkte die Arme. "Aber Verhalten erklärt Entscheidungen."
Der Schwebebus setzte seinen Flug fort. Unter uns glitten weitere sonnenbeschienene Felsplateaus vorbei. Und während ich hinaus auf die schroffen Klippen blickte, fragte ich mich, ob Hatileos genau jetzt irgendwo dort unten regungslos auf einem warmen Stein lag. Nicht als Flüchtige. Nicht als Mörderin. Sondern einfach nur als Teladi, die ihren ältesten Instinkten folgte.

Re: [EX16] Isekai no Xistence

Verfasst: Sa 18. Jul 2026, 16:05
von Tom
Bild

Kapitel 69 - Intuition

Der schmale Suchtrupp setzte sich schließlich in Bewegung. Caroline übernahm gemeinsam mit zwei ihrer Beamten die linke Flanke, während Gal und Tahl ihre SSA-Investigatoren so verteilten, dass sich ihre Sichtfelder gegenseitig überschnitten. Niemand lief dicht nebeneinander. Jeder hielt genügend Abstand, um im Ernstfall reagieren zu können, ohne einen Kameraden zu behindern. Thovareus blieb unmittelbar hinter mir. Obwohl der blauschuppige Teladi keinerlei Bewaffnung trug, ließ sein aufmerksamer Blick erkennen, dass er jeden Stein und jede Geländekante genau beobachtete. Über unseren Köpfen zog der umgebaute Spacetruck langsam seine Kreise. Sein leises Triebwerksgeräusch war kaum mehr als ein fernes Summen, das gelegentlich vom Wind herübergetragen wurde. In regelmäßigen Abständen meldeten sich die Investigatoren an Bord über Funk und glichen ihre Sensordaten mit den tragbaren Scannern am Boden ab.
Ich ließ meinen Blick langsam über die Landschaft schweifen. Der nördliche Strand war völlig anders als die südlichen Küstenbereiche, die wir beim Anflug überflogen hatten. Hier bestand der Boden fast ausschließlich aus dunklem Lavagestein, das im Laufe unzähliger Gezeiten glatt geschliffen worden war. Zwischen den schwarzen Felsen lagen nur vereinzelte Bänder hellen Sandes, der mit Muschelschalen, getrockneten Tangresten und angeschwemmtem Treibholz durchsetzt war. Das Meer schlug in gleichmäßigen Wellen gegen die Klippen. Weißer Schaum spritzte meterhoch empor, bevor das Wasser zischend wieder zwischen den Felsspalten verschwand. Die salzige Luft legte sich als feiner Film auf meine Lippen, während der Wind den Geruch des offenen Ozeans mit sich brachte. Ich blieb kurz stehen. Die Sonne stand inzwischen hoch genug, dass die dunklen Basaltplatten Wärme abstrahlten. Selbst durch die Sohlen meiner Stiefel konnte ich die aufgeheizten Steine spüren.
"Hier würde ich mich hinlegen." Mehr dachte ich laut als dass ich bewusst sprach. Caroline sah mich fragend an. "Wenn ich eine Teladi wäre."
Thovareus nickte zustimmend. "Angenehm warm." Er hob die Schnauze leicht an und schloss für einen Moment die Augen. "Fassst perfekt."
Gal hob skeptisch eine Augenbraue. "Fast?"
Der Teladi öffnete wieder die Augen. "Etwasss mehr Luftfeuchtigkeit." Ein kurzes Zischen entwich seiner Kehle. "Dann wäre esss ausssgezzzeichnet."
Wir gingen weiter. Die Investigatoren arbeiteten ausgesprochen professionell. Einer untersuchte regelmäßig die Felsoberflächen mit einem tragbaren Spektralscanner. Ein anderer richtete ein langes stabförmiges Gerät auf Vertiefungen zwischen den Steinen, um nach biologischen Rückständen zu suchen. Caroline ließ ihre Brille fortlaufend Daten einblenden. Ich konnte die schwachen Spiegelungen holografischer Anzeigen auf ihren Gläsern erkennen, während ihre Augen beinahe regungslos über das Gelände glitten. Niemand sprach unnötig. Lediglich kurze Statusmeldungen wurden ausgetauscht.
"Keine Wärmesignaturen."
"Negativ."
"Nur lokale Kleintiere."
"Keine Bewegung."
Der Wind nahm etwas zu. Zwischen den Felsen entstanden pfeifende Geräusche, während einzelne Vögel, die Möwen ähnelten, aufgeregt aufflogen, als wir uns näherten. Mehrfach entdeckten wir kleine Echsen, die blitzschnell in Felsspalten verschwanden. Einmal huschte ein pelziges Tier zwischen den Steinen hindurch und verschwand ebenso rasch wieder im Unterholz. Doch von Hatileos fehlte jede Spur. Ich begann mich immer stärker auf die Umgebung einzulassen. Nicht auf einzelne Details. Sondern auf das Gesamtbild. Während meiner Zeit auf Nif'Nakh hatte ich gelernt, Landschaften anders wahrzunehmen. Nicht nur zu sehen, was vor mir lag, sondern zu überlegen, wie jemand oder etwas diese Landschaft nutzen würde. Ich blieb erneut stehen. Vor mir ragte eine größere Felsformation empor, deren Oberfläche nahezu waagerecht verlief. Die dunklen Steine lagen vollkommen frei in der Sonne. Keine Bäume warfen Schatten darauf. Ich trat näher. Die Handfläche meiner Ghok-Rüstung legte sich auf den Fels. Selbst durch das Chitin spürte ich die gespeicherte Wärme.
Ich nickte unbewusst. "Hier hätte sie sich wohlgefühlt."
Caroline trat neben mich. "Woran machen Sie das fest?"
"Instinkt." Ich strich mit der Hand langsam über das Gestein. "Wenn sie sich tatsächlich überwiegend von ihren Urinstinkten leiten ließ, dann wäre Wärme wichtiger als Deckung."
Thovareus bestätigte meine Vermutung. "Ein Teladi denkt in einer sssolchen Phassse andersss." Er sprach ungewöhnlich ernst. "Gefahren werden zzzwar wahrgenommen." Er machte eine kurze Pause. "Aber dasss Bedürfnisss nach einem geeigneten Brutplatzzz überlagert vielesss."
Seine Worte ließen mich erneut an das Ei im Argnu-Gehege denken. Die Bilder schoben sich beinahe automatisch in meinen Kopf. Das halb vergrabene Ei. Die Argnu-Kuh. Die überraschten Gesichter von Greg und Rosa. Und schließlich Thovareus' Erklärung über die Vitellogenese. Ich verdrängte die Gedanken wieder. Jetzt mussten wir Hatileos finden. Nicht ihre Beweggründe analysieren. Der Weg führte uns weiter landeinwärts. Nach und nach änderte sich die Landschaft erneut. Zwischen den Felsen sammelte sich immer häufiger Erde. Kleine Büsche wuchsen in den Felsspalten. Dann erschienen erste größere Bäume. Ihre Wurzeln hatten sich tief in das vulkanische Gestein gegraben und die Felsen über Jahrhunderte auseinander gedrückt. Lianen hingen von den Ästen herab. Farnpflanzen bedeckten den Boden. Die Luft wurde spürbar feuchter. Das Rauschen der Brandung entfernte sich langsam. Dafür traten andere Geräusche in den Vordergrund. Das Zirpen zahlloser Insekten. Das Rufen unbekannter Vögel. Das Rascheln kleiner Tiere im Unterholz. Der Geruch veränderte sich ebenfalls. Salz trat in den Hintergrund. Stattdessen roch es nach feuchter Erde, verrottendem Laub, Harz und Blüten, deren süßlicher Duft in der warmen Luft hing. Der Dschungel begann. Nicht schlagartig. Sondern beinahe fließend. Jeder weitere Schritt führte uns tiefer hinein. Das Sonnenlicht erreichte den Boden nur noch in schmalen goldenen und rubinfarbenen Säulen, die zwischen den Baumkronen hindurchfielen. Überall tanzten winzige Staubpartikel und Pollen im Licht. Manche Baumstämme waren so dick, dass drei Erwachsene sie kaum hätten umfassen können. Moose bedeckten ihre Rinde, während breite Blätter das Licht einfingen und den Boden darunter in grünliches Halbdunkel tauchten.
Ich hob automatisch die Hand. Der gesamte Suchtrupp blieb augenblicklich stehen. Vor uns befand sich weicher Boden. Fast schlammig. Ich kniete mich hin. Die Erde war deutlich weniger fest als noch zwischen den Felsen. Falls Hatileos tatsächlich hier entlanggekommen war ... würden wir vielleicht endlich Spuren finden. Hinter mir verstummten sämtliche Gespräche. Selbst Caroline hielt den Atem an, während wir alle gleichzeitig denselben Gedanken hatten. Vielleicht endete unsere Suche genau hier nicht mehr nur mit Vermutungen. Sondern mit dem ersten eindeutigen Hinweis darauf, wohin Hatileos nach ihrer Landung tatsächlich gegangen war.

Ich kniete noch immer auf dem feuchten Waldboden, als einer der Investigatoren einige Meter rechts von mir plötzlich die Faust hob. Sofort blieb die gesamte Gruppe stehen. Niemand sagte ein Wort. Das Summen der Insekten schien für einen Augenblick lauter zu werden, während selbst die Vögel in den Baumkronen verstummten. Der SSA-Ermittler ging langsam in die Hocke, schob mit der behandschuhten Hand einige breite Farnwedel zur Seite und betrachtete etwas im Erdreich.
Gal war als Erste bei ihm. "Nicht anfassen."
Ihre ruhige Stimme ließ keinen Zweifel daran, dass es sich um einen möglichen Beweis handelte. Auch Caroline trat heran. Bereits während sie sich neben den Ermittler kniete, aktivierte ihre Brille mehrere Analysefenster. Die dünnen holografischen Projektionen spiegelten sich kurz auf ihren dunklen Augen, ehe sie sich vollständig auf das Objekt konzentrierte.
Ich trat näher. Zwischen feuchter Erde, Moos und verwitterten Wurzeln ragte eine unregelmäßig geformte Metallplatte hervor. Sie war etwa so groß wie mein Unterarm. Die Oberfläche bestand aus einem silbrig grauen Material mit einem leichten bläulichen Schimmer, wie ich ihn bereits mehrfach an der aldrianischen Korvette gesehen hatte. Eine Seite war sauber abgerissen. Das Metall war nicht geschmolzen, sondern regelrecht abgeschert worden. Winzige Leiterbahnen verliefen im Inneren der Platte und waren an der Bruchkante freigelegt.
Caroline zog vorsichtig ein schmales Analysegerät aus ihrem Trenchcoat. "Nicht magnetisch." Sie ließ den Scanner langsam über die Oberfläche gleiten. "Keine Korrosion." Mehrere Zahlenreihen erschienen vor ihren Augen. "Legierungszusammensetzung unbekannt."
Sie blickte zu X... Nein. Xandra war nicht hier. Mein eigener Gedanke irritierte mich für einen kurzen Moment. Automatisch hatte ich erwartet, dass sie uns technische Details erklären würde. Stattdessen war es Thovareus, der sich langsam vorbeugte. Der Teladi betrachtete die Platte aufmerksam. Seine blauen Schuppen reflektierten das grünliche Licht des Dschungels. Er fuhr mit einer einzelnen Kralle wenige Millimeter über die Oberfläche, ohne sie zu berühren.
"Dasss ssstammt eindeutig von einem aldrianissschen Ssschiff."
Ich sah ihn an. "Woran erkennst du das?"
Er deutete auf die innere Struktur. "Mehrssschichtige Wabenkonssstruktion." Seine gelben Augen verengten sich leicht. "Sssehr leicht." Dann zeigte er auf die Bruchkante. "Und exxxtrem belassstbar." Er nickte. "Dasss verwenden außerhalb Aldrinsss nur sssehr wenige."
Caroline sah von ihrer Analyse auf. "Unsere Materialdatenbank bestätigt das." Sie richtete sich langsam wieder auf. "Mit hoher Wahrscheinlichkeit stammt das Teil von der gesuchten Korvette."
Ein kaum hörbares Aufatmen ging durch die Gruppe. Zum ersten Mal hatten wir einen eindeutigen Hinweis. Ich hob den Blick und betrachtete die Umgebung. Der Wald war dicht. Viel dichter, als er aus der Luft gewirkt hatte. Die Baumkronen schlossen sich nahezu vollständig über uns. Dicke Lianen hingen zwischen den Ästen. Moose bedeckten Felsen und umgestürzte Baumstämme. Selbst wenige Meter entfernt verschluckte das Blattwerk beinahe jede Sicht. Kein Wunder...
Ich sprach den Gedanken laut aus. "Kein Wunder, dass wir sie nicht gefunden haben."
Gal nickte. "Von oben sieht das alles gleich aus."
Ich aktivierte mein Funkgerät. "Kon."
Seine Stimme meldete sich sofort. "Ich höre."
"Wir haben ein Wrackteil gefunden."
"Verstanden."
Ich blickte mich noch einmal um. "Kannst du unsere Position markieren?"
"Bereits erfolgt."
Ein kurzer Moment verging. Dann meldete sich einer der Sensoroffiziere aus dem Spacetruck. "Wir führen eine lokale Neuberechnung durch."
Ich wartete. Über uns zog der Personentransporter weiterhin seine langsamen Kreise. Durch kleine Lücken im Blätterdach konnte ich ihn gelegentlich erkennen. Sein heller Rumpf glitt lautlos über den Himmel. Sekunden wurden zu Minuten. Niemand sprach. Alle warteten.
Schließlich knackte der Funk. "Tori?"
"Ja."
"Wir haben die Flugbahn neu berechnet."
Ich richtete mich unwillkürlich etwas auf. "Ergebnis?"
"Die Korvette muss wesentlich steiler eingeflogen sein als ursprünglich angenommen."
Ich runzelte die Stirn. "Wie steil?"
"Eintreffwinkel ungefähr achtundsiebzig Grad."
Neben mir pfiff Caroline leise durch die Zähne. "Das ist fast ein kontrollierter Sturz."
Kon übernahm wieder. "Deshalb hat sie kaum Schneisen geschlagen."
Jetzt verstand ich. Jeder hatte erwartet, dass ein Raumschiff dieser Größe beim Landeanflug Bäume umknicken oder breite Verwüstungen hinterlassen würde. Doch wenn Hatileos nahezu senkrecht eingeflogen war ... hatte sie lediglich einen vergleichsweise kleinen Bereich benötigt. Die Natur hatte den Rest übernommen. Das dichte Blätterdach schloss sich über dem Schiff. Von oben blieb kaum etwas sichtbar.
Kon sprach weiter. "Ich gleiche gerade eure Position mit der neuen Einflugbahn ab."
Auf meinem Armband erschien eine dreidimensionale Karte. Eine schmale blaue Linie zog sich quer über das Gelände. Sie endete ... keine fünfhundert Meter von uns entfernt.
Ich hob den Blick. "Gleiche Richtung wie unser bisheriger Suchkorridor."
"Bestätigt." Kon machte eine kurze Pause. "Dazu kommt noch etwas. Warte."
Ich blieb stehen. "Was?"
"Wir haben eine ungewöhnliche Reflexion."
Jetzt waren sämtliche Blicke auf mein Funkgerät gerichtet. "Kannst du sie identifizieren?"
"Nicht eindeutig." Er schien mehrere Daten gleichzeitig auszuwerten. "Die Vegetation stört."
Sekunden vergingen. Dann hörte ich den Sensoroffizier im Hintergrund etwas sagen. Kon antwortete ihm kurz.
Schließlich meldete er sich wieder. "Jetzt haben wir sie." Ich hielt unwillkürlich den Atem an. "Größe stimmt." Eine weitere Pause. "Form ebenfalls." Mein Herz begann schneller zu schlagen. "Thermisch vollständig ausgekühlt." Noch eine Sekunde. Dann sagte Kon mit ruhiger, beinahe sachlicher Stimme: "Ich habe die aldrianische Korvette."
Für einen kurzen Augenblick sagte niemand etwas. Selbst Caroline schloss für einen Moment die Augen, als würde sie die Information gedanklich bestätigen. Ich betrachtete die eingeblendete Karte. Zwischen den dichten Baumkronen lag das Schiff praktisch unsichtbar. Erst jetzt erkannte ich, weshalb sämtliche bisherigen Suchmaßnahmen erfolglos geblieben waren. Der steile Landevektor hatte kaum Spuren hinterlassen. Keine breite Schneise. Keine zerstörten Baumreihen. Lediglich einige geknickte Äste und vereinzelte beschädigte Kronen, die aus der Luft aussahen wie gewöhnliche Sturmschäden. Der Rest der Korvette verschwand vollständig unter dem natürlichen Blätterdach. Selbst ihre graublaue Hülle verschmolz beinahe mit den Schatten des Dschungels und den dunklen Felsen darunter.
Hatileos hatte den perfekten Landeplatz gewählt. Ob absichtlich oder instinktiv ... spielte in diesem Moment keine Rolle mehr. Wir wussten jetzt, wo sie war. Und zum ersten Mal, seit sie Altrix Nova verlassen hatte, waren wir ihr wieder einen entscheidenden Schritt näher gekommen.

Ich blieb wie angewurzelt stehen. Noch eben hatte mich die Erleichterung getragen, dass wir die Korvette überhaupt gefunden hatten. Jetzt war davon nichts mehr übrig. Mein Blick blieb an der geöffneten Schleuse hängen, deren schwere Außenluke reglos in der feuchten Tropenluft stand. Das matte Grau der aldrianischen Legierung war von Kratzern und Schrammen übersät. Mehrere Stellen zeigten dunkle Brandspuren vom extrem steilen Atmosphäreneintritt. Zwischen den metallischen Verstrebungen hingen einzelne Ranken, als hätte der Dschungel bereits begonnen, sich das Schiff einzuverleiben. Aus der geöffneten Schleuse drang kühle Luft nach draußen und vermischte sich mit der warmen, nach Salz, feuchter Erde und Pflanzen riechenden Brise der Insel.
Doch es war nicht die Schleuse, die mich erstarren ließ. Es waren die Körper. Sie lagen verstreut vor dem Eingang, als wären sie noch in letzter Sekunde aus dem Schiff geflohen. Manche waren nur wenige Meter voneinander entfernt, andere lagen halb zwischen Farnen und den scharfkantigen Lavasteinen. Die weißen und hellgrauen Uniformen der Aldrianer waren an mehreren Stellen mit getrocknetem, dunkelrotem Blut durchtränkt. Einer lag auf dem Rücken, beide Arme weit ausgestreckt. Eine Frau war zusammengesunken gegen einen Felsen gelehnt, als hätte sie sich dort in ihren letzten Sekunden Schutz gesucht. Ein anderer lag bäuchlings im Sand, eine Hand noch ausgestreckt zur Schleuse. Mir wurde schlagartig flau.
"Nicht näher!" rief Caroline sofort und hob eine Hand. Ihre Stimme war fest, professionell, doch selbst sie sprach leiser als zuvor. "Forensische Sicherung."
Die Ermittler der örtlichen Polizei und mehrere SSA-Investigatoren blieben augenblicklich stehen. Niemand trat weiter vor. Ich konnte trotzdem bereits erkennen, dass etwas nicht stimmte. Etwas stimmte ganz und gar nicht.
"Das..." hörte ich mich selbst sagen, doch meine Stimme verlor sich.
Ich ging trotzdem langsam einen Schritt näher. Dann noch einen. Und noch einen. Der erste Tote lag jetzt kaum drei Meter vor mir. Ich zwang mich hinzusehen. Sein Gesicht... Ich schluckte schwer. Seine Augenhöhlen waren leer. Nicht verletzt. Nicht verbrannt. Nicht zerquetscht. Leer. Sauber. Zu sauber. Ich kniete mich langsam neben ihn. Die Ghok-Rüstung knackte leise, als die massiven Chitinplatten gegeneinander drückten. Der Geruch traf mich sofort. Metallisch. Alt. Blut. Dazu der süßliche Beginn der Verwesung, den die tropische Wärme bereits beschleunigte. Fliegen summten über den Wunden. Ich zwang mich, ruhig zu atmen. Sein Hals zeigte mehrere tiefe Schnittverletzungen. Die Kleidung war dort vollständig mit Blut durchtränkt. Doch erstaunlich wenig Blut hatte sich unter dem Körper gesammelt. Viel zu wenig. Mein Magen zog sich zusammen. Ich blickte zum nächsten Körper. Dann zum nächsten. Und jedes Mal wiederholte sich dasselbe Bild. Leere Augenhöhlen. Tiefe Verletzungen. Kaum Blut. Ich spürte, wie sich mein Nacken verkrampfte.
"Greg...", sagte ich leise.
Der Wissenschaftler trat vorsichtig näher, zog bereits dünne Untersuchungshandschuhe über und begann, ohne die Leiche unnötig zu bewegen, erste Messungen vorzunehmen. Rosa arbeitete schweigend neben ihm und ließ einen kleinen Multiscanner über Brustkorb, Hals und Kopf gleiten. Niemand sagte etwas. Selbst die sonst so unerschütterliche Gal hatte ihre Arme vor der Brust verschränkt. Ihre sonst so ruhigen grünen Augen wirkten ungewöhnlich ernst. Tahl ließ seinen Blick ununterbrochen zwischen Dschungel und Korvette wandern. Sein Sturmgewehr blieb im Anschlag. Thovareus stand regungslos hinter mir. Seine blauen Schuppen reflektierten das Sonnenlicht nur schwach. Seine senkrechten Pupillen waren ungewöhnlich weit geöffnet.
Schließlich sprach Greg. "Das passt nicht."
Ich sah zu ihm. "Wieso?"
Er deutete auf den Hals des Toten. "Die Blutmenge."
Rosa nickte sofort. "Sie müsste deutlich größer sein."
Greg fuhr fort. "Ein Mensch... oder Aldrianer... verliert nach einer solchen Verletzung enorme Mengen Blut."
Er zeigte auf den sandigen Boden. "Aber hier..."
Er ließ den Satz offen. Ich verstand sofort. "Das Blut fehlt."
Greg nickte langsam. "Ja."
Caroline trat neben uns. Ihre CSI-Brille projizierte mehrere transparente Anzeigen vor ihre Augen. Sie betrachtete jede Wunde einzeln.
"Keine typischen Fraßspuren." Sie wechselte den Blickwinkel. "Keine Zahnabdrücke." Noch einmal überprüfte sie die Augenhöhlen. "Dafür..." Sie hielt inne. "...extrem präzise Entnahmen."
Mir lief ein kalter Schauer über den Rücken. "Entnahmen?"
Caroline nickte. "Die Augen wurden nicht herausgerissen." Sie zeigte auf den Rand der Augenhöhle. "Sie wurden entfernt."
Das Wort ließ meinen Magen noch schwerer werden. Entfernt. Nicht zerstört. Nicht zerfetzt. Entfernt. Bewusst. Gezielt. Ich zwang mich, weiterzusehen. Alle Leichen. Dasselbe Muster. Keiner hatte noch Augen. Keiner. Ich schluckte.
"Und das Blut?"
Greg richtete sich langsam auf. "Ich vermute..." Er schien selbst ungern auszusprechen, was er dachte. "...dass der Großteil fehlt."
"Wohin?" fragte Misora leise, die über Funk zugehört hatte.
Niemand antwortete. Für mehrere Sekunden hörte man nur das Meeresrauschen. Irgendwo kreischte ein Vogel über den Baumwipfeln. Der Wind strich durch die hohen Palmen und ließ ihre Blätter gegeneinander rascheln. Diese friedliche Geräuschkulisse machte den Anblick nur noch verstörender. Ich hob langsam den Blick zur offenen Schleuse. Das Innere lag im Halbdunkel. Nur einzelne Notleuchten funktionierten noch und tauchten den Gang in ein kaltes bläuliches Licht. Immer wieder wanderten Schatten über die Wände, wenn sich draußen Palmenblätter im Wind bewegten. Es sah aus ... als würde sich dort drinnen etwas bewegen. Ich wusste natürlich, dass es nur Licht war. Und trotzdem spielte mein Kopf mir etwas anderes vor. Ich erinnerte mich unwillkürlich an Nif'Nakh. An die Höhlen. An das Gefühl, beobachtet zu werden.
Ich spürte, wie sich meine Finger unbewusst um den Griff meiner Split-Klinge schlossen. Die Ghok-Rüstung fühlte sich plötzlich nicht mehr archaisch an. Sie fühlte sich richtig an. Passend. Mein Blick glitt erneut über die Leichen. Ich wollte Hatileos verstehen. Bis eben hatte ich geglaubt, sie sei ihren Instinkten gefolgt. Ein fliehendes Tier. Eine Teladi in einem biologischen Ausnahmezustand. Doch dieses Bild bekam Risse. Große Risse. Denn Instinkt erklärte vieles. Aber nicht das hier. Nicht diese Präzision. Nicht die systematische Entfernung der Augen. Nicht das nahezu vollständige Fehlen von Blut. Nicht einmal Thovareus schien dafür eine Erklärung zu haben. Seine Schwanzspitze bewegte sich unruhig über den Boden. Ein Verhalten, das ich bei ihm bislang kaum gesehen hatte.
Schließlich sagte er leise: "Dasss... entssspricht keinem teladianissschen Brutverhalten, dasss mir bekannt wäre."
Ich sah ihn an. "Bist du sicher?"
Er nickte langsam. "Sssehr." Seine Stimme klang unsicher. "Ssso etwasss habe ich noch nie gehört."
Das machte alles nur noch schlimmer. Wenn selbst ein Teladi keine Erklärung hatte ... was war hier dann passiert?
Caroline schloss langsam ihr mobiles Labor und sah zur geöffneten Schleuse. "Grau-san." Sie sprach mich inzwischen ganz selbstverständlich so an. "Wir sollten davon ausgehen, dass sich der Täter noch an Bord befinden könnte."
Gal trat sofort neben mich. "Ich übernehme den linken Trupp."
Tahl nickte. "Ich den rechten."
Mehrere SSA-Ermittler lösten lautlos die Sicherungen ihrer Waffen. Metall klickte gedämpft ineinander. Die schwarzen und weißen Uniformen verschwammen beinahe mit den Schatten des Dschungels. Ich hob den Blick ein letztes Mal zur geöffneten Schleuse. Aus der Dunkelheit kam kein Laut. Kein Schritt. Kein Atem. Nur Stille. Eine Stille, die viel lauter war als jedes Geschrei. Ich hatte das ungute Gefühl, dass wir die Korvette zwar gefunden hatten. Aber vielleicht war das Schlimmste, was Hatileos hinterlassen hatte, noch gar nicht das, was vor der Schleuse lag. Es wartete möglicherweise noch im Inneren des Schiffes auf uns.

Mit erhobenen Waffen rückten wir weiter vor. Jeder Schritt hallte dumpf durch die schmalen Korridore der aldrianischen Korvette. Das matte Notlicht tauchte die Wände in ein kaltes, bläulich weißes Flimmern, das in unregelmäßigen Abständen kurz flackerte. Überall lagen lose Verkleidungsplatten, herausgerissene Kabelstränge und feine Splitter transparenter Verbundstoffe auf dem Boden. Die Luft roch nach verschmorter Elektronik, heißem Metall, verbrannten Isolierungen und dem metallischen Geruch von Blut. Dazwischen lag ein beißender Geruch, den ich inzwischen nur allzu gut kannte. Angst. Argonen und Aldrianer rochen anders, wenn sie um ihr Leben fürchteten. Gal ging wenige Meter vor mir. Ihr Sturmgewehr ruhte fest an ihrer Schulter. Ihr Blick wanderte ununterbrochen über Türen, Lüftungsschächte und Kreuzungen. Tahl sicherte die gegenüberliegende Seite des Ganges. Caroline bewegte sich überraschend ruhig zwischen den schwer bewaffneten SSA-Ermittlern. Hinter der Brille wirkten ihre schwarzen Augen konzentriert, während ihre Fingerspitzen über ein tragbares Analysegerät glitten. Immer wieder erschienen blassblaue Projektionen vor ihr, verschwanden wieder und machten neuen Messwerten Platz. Thovareus blieb dicht hinter mir. Seine blauen Schuppen wirkten unter dem kalten Licht fast violett. Sein langer Schwanz bewegte sich langsam hin und her. Er sagte nichts. Seine gelben Reptilienaugen verrieten jedoch, dass auch er jede Kleinigkeit registrierte. Deck um Deck arbeiteten wir uns vor. Jede Tür wurde vorsichtig geöffnet. Jeder Raum kontrolliert. Mannschaftsquartiere. Aufenthaltsräume. Techniksektionen. Lager. Sanitärbereiche. Überall dieselbe gespenstische Leere.
"Hatileos!" rief ich schließlich laut durch einen der Hauptgänge.
Meine Stimme lief durch das Schiff und wurde von den metallenen Wänden vielfach zurückgeworfen. Keine Antwort. Nur das leise Summen der Notstromaggregate. Dann hörte ich plötzlich mehrere schnelle Schläge gegen Metall.
"Dort!" rief einer der SSA-Ermittler.
Sofort richteten sich sämtliche Waffen auf eine verschlossene Sicherheitstür. Wieder. Klopf. Klopf. Klopf. Diesmal deutlich. Keine Schläge eines Angreifers. Jemand versuchte Aufmerksamkeit zu erregen.
Gal trat langsam an die Tür heran. "SSA! Wer befindet sich dahinter?"
Für einen Moment blieb alles still. Dann antwortete eine erschöpfte Stimme. "Nicht schießen... bitte..."
Ich kannte diese Stimme. "Valen?"
Einen Augenblick lang herrschte völlige Stille. "Tori?" kam es ungläubig zurück.
Er lebte. Ich spürte, wie sich etwas in meiner Brust löste.
"Tür öffnen!" befahl Gal sofort.
Einer der Techniker trat vor, verband sein Universalmodul mit der Steuerkonsole und begann das verriegelte Schott zu umgehen. Die Anzeigen flackerten mehrfach rot auf. Offenbar hatte jemand sämtliche Sicherheitsprotokolle manuell überschrieben.
"Sie wurde von innen verriegelt", stellte Caroline fest, nachdem sie einen kurzen Blick auf die Daten geworfen hatte.
"Wahrscheinlich, um sich zu verschanzen", murmelte Tahl.
Nach wenigen Sekunden ertönte ein dumpfes Klicken. Langsam glitt das Schott zur Seite. Sofort richteten sämtliche Soldaten ihre Waffen in den dahinterliegenden Raum. Dann erst senkten sie sie wieder. Vor uns standen mehrere Aldrianer. Verschmutzt. Erschöpft. Mit leerem Blick. Einige saßen kraftlos an der Wand. Andere hielten noch immer ihre Energiewaffen in den Händen, obwohl ihre Arme bereits zitterten. Die Uniformen waren an mehreren Stellen verbrannt oder eingerissen. Manche hatten notdürftig angelegte Verbände aus Stofffetzen um Arme oder Schultern gewickelt. Einer hielt sich die Seite, an der getrocknetes Blut den hellen Stoff dunkel verfärbt hatte. Ganz vorne erkannte ich Valen Seldon. Sein Gesicht war blass. Unter seinen Augen lagen dunkle Schatten. Ein Teil seiner Stirn war aufgerissen und notdürftig verbunden worden. Das Verbandmaterial war bereits wieder rot durchtränkt. Sein linker Arm hing ungewöhnlich ruhig an seinem Körper. Wahrscheinlich ausgekugelt oder gebrochen. Dennoch stand er aufrecht. Als sich unsere Blicke trafen, ließ er seine Waffe langsam fallen. Sie schlug scheppernd auf den Boden.
"Endlich..." flüsterte er.
Seine Beine gaben nach. Ich fing ihn gerade noch auf. Er war deutlich leichter, als ich ihn in Erinnerung hatte. Sein Körper fühlte sich fiebrig an.
"Sanitäter!" rief ich.
Sofort drängten sich mehrere medizinisch ausgebildete SSA-Angehörige an uns vorbei.
Valen hob schwach den Kopf. "Wir... dachten..." Er musste Luft holen. "Wir dachten... sie kommt zurück..."
"Wer?" fragte ich ruhig.
"Hatileos."
Alle im Raum wurden augenblicklich still. Valen schluckte schwer. "Sie hat... uns zusammengetrieben." Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. "Wir hatten Waffen..." Ich nickte langsam. "Wir haben sie benutzt." Sein Blick wanderte ins Leere. "Es war nur ein kurzer Kampf." Er schloss kurz die Augen. "Sie war schnell..." Seine Hand zitterte. "Unfassbar schnell."
Ein anderer Aldrianer übernahm. "Wir haben sofort das Feuer eröffnet." Er zeigte auf mehrere Einschusslöcher in der Wand. "Mindestens acht Schützen."
Caroline trat näher und betrachtete die Trefferbilder. "Die Einschüsse bestätigen das."
Der Aldrianer nickte. "Wir haben sie mehrfach getroffen."
Ich sah ihn überrascht an. "Getroffen?"
"Ja." Er war sich sicher. "Mindestens drei Treffer."
"Und?"
"Sie hat einfach weitergekämpft."
Niemand sagte etwas. Der Mann atmete tief durch. "Nicht... als wäre sie unverwundbar." Er suchte nach den richtigen Worten. "Eher... als hätte sie beschlossen, dass Schmerzen keine Rolle mehr spielen."
Thovareus senkte langsam den Blick. Seine Schuppen wirkten plötzlich deutlich dunkler.
Valen sprach weiter. "Als wir merkten, dass wir sie nicht aufhalten konnten... zogen wir uns zurück." Sein Blick fiel auf die verriegelte Tür. "Wir haben alles verriegelt."
"Und sie?" fragte Gal.
Valen schüttelte langsam den Kopf. "Sie hat nicht versucht, hereinzukommen."
Alle sahen ihn überrascht an. "Sie hat einfach aufgehört."
"Wann?" fragte Caroline.
"Vielleicht..." Er überlegte. "Zehn Minuten später hörten wir die Schleuse."
"Sie ist ausgestiegen?"
"Ja."
"Wohin?"
Valen schloss erneut die Augen. "Keine Ahnung." Er atmete schwer. "Seitdem haben wir gewartet."
Ich blickte durch den Raum. Etwa ein Dutzend Aldrianer hatten überlebt. Einige saßen regungslos an der Wand. Andere hielten sich gegenseitig fest. Viele hatten diesen Ausdruck, den ich inzwischen nur zu gut kannte. Nicht Erleichterung. Nicht Freude. Sondern den leeren Blick von Menschen, die nur deshalb noch lebten, weil der Tod sie aus irgendeinem Grund übergangen hatte. Ich ließ den Blick langsam durch den Raum schweifen. Keiner wirkte unverletzt. Aber niemand befand sich unmittelbar in Lebensgefahr. Die Sanitäter bestätigten mir nach wenigen Minuten genau das.
"Mehrere Knochenbrüche."
"Verbrennungen."
"Prellungen."
"Einige Schussverletzungen."
"Aber niemand verblutet."
Ich atmete langsam aus. Zum ersten Mal seit Betreten der Korvette hatten wir etwas Positives gefunden. Überlebende. Doch während die Verwundeten versorgt wurden, ließ mich ein anderer Gedanke nicht mehr los. Wenn Hatileos diese Menschen am Leben gelassen hatte... Dann hatte sie die Korvette nicht wegen ihrer Besatzung gekapert. Sie war wegen etwas anderem hier gewesen. Oder wegen etwas, das längst nicht mehr an Bord war.

Ich strich meinen letzten Gedankengang innerlich durch. Nein. Die Besatzung war kein zufälliger Nebenaspekt gewesen. Sie war ein Teil des Puzzles. Vielleicht hatte Hatileos die aldrianische Korvette tatsächlich nur aus einer Gelegenheit heraus gekapert, weil irgendein Schiff genügt hätte, um Altrix Nova zu verlassen. Aber spätestens nach der Notlandung auf Isla Rica hatte sie begonnen, alles um sich herum in ihren eigentlichen Plan einzubeziehen. Davon war ich inzwischen überzeugt. Die Besatzung war von diesem Moment an keine Geisel mehr gewesen. Sie war zu einer Ressource geworden.
Schweigend ließ ich den Blick über das Wrack schweifen. Überall herrschte geschäftige Hektik. Sanitäter versorgten Verwundete. Die Männer und Frauen der SSA sicherten jeden Zugang der Korvette. Forensiker der Polizei Trantors fotografierten jede Blutlache, jede Schleifspur, jeden Einschlag in den Wänden. Tragbare Scanner summten leise, während sie biologische Rückstände analysierten. Über allem lag der Geruch verbrannter Elektronik, heißer Metalllegierungen und getrockneten Blutes. Der feuchte Wind, der vom Dschungel herüberwehte, brachte den Duft nasser Erde und exotischer Blüten mit sich, vermochte den metallischen Geruch des Todes jedoch nicht zu verdrängen.
Ich nahm all das kaum bewusst wahr. Meine Gedanken wanderten zurück. Zu jenem luziden Traum. Zu dem Ancient. Seine ruhige Stimme erklang beinahe wieder in meinem Kopf.
'Die Teladi besitzen eine besondere Fähigkeit. Aber sie sind ihrer Zeit weit voraus. Vielleicht werden sie sie erst in tausend Jahren wieder vollständig verstehen.'
Damals hatte ich seine Worte kaum einordnen können. Jetzt verstand ich. Langsam setzte sich alles zusammen. Nopileos. Eine ursprüngliche Teladi. Durch einen Zufall, oder vielleicht durch das Schicksal selbst, war Split-Blut von Hatrak in ihren Körper gelangt. Nur eine winzige Menge. Daraus war Hatileos entstanden. Fünfundneunzig Prozent Teladi. Fünf Prozent Split. Ich erinnerte mich an jedes einzelne Gespräch mit Thovareus. Der blauschuppige Teladi hatte mir geduldig erklärt, wie sich seine Spezies fortpflanzte. Weibliche Teladi konnten sich sogar gegenseitig fortpflanzen. Allerdings entstand dabei keine gleichmäßige Vermischung des Erbguts wie bei Menschen. Es wurde lediglich ein minimaler genetischer Anteil übertragen. Die Nachkommen blieben nahezu vollständige Klone der Mutter. Damals hatte ich diese Information nur interessant gefunden. Jetzt bekam sie eine völlig neue Bedeutung. Noch deutlicher erinnerte ich mich an Nif'Nakh. An den Moment, als mir klar geworden war, dass Hatileos nicht einfach nur Tiere beobachtet hatte. Sie hatte sie untersucht. Analysiert. Ausgewertet. Damals war mir bereits der Gedanke gekommen, dass Teladi offenbar dazu fähig gewesen waren, genetische Eigenschaften anderer Lebewesen in irgendeiner Form zu übernehmen oder für ihre Nachkommen nutzbar zu machen - so hatten sie sich auf Zura entwickelt. Ich hatte diese Erkenntnis wieder verdrängt. Vielleicht, weil sie zu absurd geklungen hatte. Vielleicht auch, weil ich sie nicht wahrhaben wollte. Doch nun stand ich hier. Zwischen Leichen. Zwischen Aldrianern, denen Augen und Blut fehlten. Langsam wurde mir eiskalt. Die besondere Fähigkeit der Teladi war nicht Profit. Nicht Handel. Nicht Kultur. Nicht Ästhetik. Nicht Anpassungsfähigkeit im gesellschaftlichen Sinne. Sie war biologische Anpassung. Evolution. Eine Evolution, die nicht auf Jahrmillionen wartete. Sondern aktiv beschleunigt werden konnte. Überleben. Optimieren. Verbessern.
Mein Blick blieb auf einem der leblosen Aldrianer liegen, dessen Gesicht von einem weißen Tuch bedeckt worden war. Unter dem Stoff zeichneten sich die eingefallenen Augenhöhlen nur noch als dunkle Vertiefungen ab. Ich schluckte. Fünf Prozent. Mehr hatte Hatileos von Hatrak nicht erhalten. Fünf Prozent Split-DNA. Und dennoch... Ich dachte an ihren Kampf. An ihre Geschwindigkeit. An ihre Kraft. An ihre Reaktionen. An ihre Aggressivität. An die Art, wie sie Dutzende ausgebildete Soldaten überwältigt hatte. Vielleicht hatte der Ancient genau das gemeint. Nicht, dass Teladi irgendwann mächtiger werden würden. Sondern dass sie irgendwann lernen würden, ihre uralte Fähigkeit wieder gezielt einzusetzen. Ich spürte, wie sich meine Finger unwillkürlich zu Fäusten ballten. Was, wenn das hier erst der Anfang war? Was, wenn Hatileos gar keine Ausnahme darstellte? Was, wenn sie lediglich die Erste war, bei der dieser Prozess zufällig ausgelöst worden war?
Mein Blick wanderte über die Korvette. Über die Blutspuren. Über die notdürftig verbundenen Verwundeten. Über die Ärzte, die Valen versorgten. Über Caroline, die mit ernster Miene ihre Ermittler koordinierte. Niemand außer mir schien diesen Gedankengang zu verfolgen. Und vielleicht war das auch gut so. Denn selbst ich bekam Angst davor. Ich erinnerte mich an das Ei. An Gregs Untersuchungen. An Thovareus' Erklärung über die Vitellogenese. An Hatileos' plötzlich ausgelösten Brutinstinkt. Mein Herz schlug schneller. Was, wenn sie das Blut gar nicht wegen der Nahrung genommen hatte? Was, wenn es nie darum gegangen war? Mein Magen zog sich zusammen. Ich sah wieder die leeren Augenhöhlen. Dann schoss mir ein weiterer Gedanke durch den Kopf. Die Augen. Nicht das Blut. Die Augen. Aldrianer besaßen eine außergewöhnlich leistungsfähige Sehkraft. Ihre Augen waren hervorragend an das Leben im Weltraum angepasst. Sie konnten Kontraste besser erkennen, auf große Entfernungen fokussieren und auf wechselnde Lichtverhältnisse deutlich schneller reagieren als gewöhnliche Menschen. Ich spürte, wie mir gleichzeitig heiß und eiskalt wurde.
"Hatileos..."
Das Wort verließ meine Lippen kaum hörbar. Wenn meine Vermutung stimmte... Dann hatte sie ihre Opfer nicht wahllos verstümmelt. Sie hatte gezielt bestimmte Organe entnommen. Nicht aus Grausamkeit. Nicht als Trophäen. Sondern als genetische Vorlage. Als biologisches Material. Ich schloss für einen kurzen Moment die Augen. Was, wenn sie diese Eigenschaften nicht für sich selbst wollte? Was, wenn alles dem Gelege galt? Was, wenn sie Nachkommen erschaffen wollte, die nicht nur teladianische Anpassungsfähigkeit besaßen ... sondern zusätzlich die Sehkraft der Aldrianer? Mir wurde schwindelig. Der Ancient hatte recht gehabt. Die Teladi entwickelten sich noch immer weiter. Langsam. Unbemerkt. Und Hatileos war der lebende Beweis dafür. Nicht Profit. Nicht Macht. Nicht Territorium. Ihre eigentliche Stärke war Evolution. Eine Spezies, die sich selbst optimieren konnte, war möglicherweise die gefährlichste Lebensform überhaupt. Und wenn Hatileos Erfolg hatte ... dann stand ich vielleicht nicht vor einem einzelnen Monster. Sondern vor dem Beginn einer völlig neuen Generation.

Ich verließ die Korvette, ohne noch ein weiteres Wort zu sagen. Meine Schritte führten mich über den unebenen Boden vor dem Wrack, vorbei an den provisorisch eingerichteten Untersuchungsbereichen und den Absperrungen, die die SSA und die trantorische Polizei inzwischen errichtet hatten. Gal und Tahl folgten mir wortlos. Beide kannten mich inzwischen gut genug, um zu wissen, dass ich in solchen Momenten nicht angesprochen werden wollte. Nicht, weil ich ihre Anwesenheit nicht schätzte, sondern weil mein Kopf zu viele Gedanken gleichzeitig verarbeitete.
Die Sonnen von Trantor standen bereits tiefer am Himmel. Das Licht fiel schräg durch die hohen Bäume des Inselwaldes und tauchte die Umgebung in ein wechselndes Muster aus goldenen Flächen und dunkelroten Schatten. Die feuchte Luft flimmerte über den warmen Steinen. In der Ferne rauschte das Meer gegen die Küste, während über uns der Rotor eines weiteren Rettungsschwebers aufheulte und Sand, Blätter und kleine Pflanzenreste über den Boden wirbelte.
Immer mehr Hilfskräfte trafen ein. Die anfängliche Stille um die Korvette war längst verschwunden. Jetzt herrschte kontrolliertes Chaos. Polizeikräfte sicherten den äußeren Bereich. Rettungsteams brachten medizinische Ausrüstung heran. Bergungsspezialisten untersuchten die Struktur des Schiffes und prüften, ob weitere Gefahren durch instabile Sektionen oder beschädigte Energiesysteme bestanden. Techniker in orangefarbenen Schutzanzügen legten Leitungen aus, um zusätzliche Energiequellen und Beleuchtung für die Nacht bereitzustellen.
Es war ein seltsamer Gegensatz. Ein Schiff aus einer fremden Zivilisation, gestrandet auf einer tropischen Insel, umgeben von moderner Technologie, während die Natur unbeirrt weiterlief. Vögel flogen über die Baumkronen. Insekten summten zwischen den Pflanzen. Das Meer bewegte sich ruhig im Hintergrund. Und mitten darin stand die beschädigte Korvette wie ein Fremdkörper aus einer anderen Welt.
Ich begann, um das Schiff herumzugehen. Nicht, weil ich bewusst einen Rundgang machen wollte. Nicht, weil ich etwas Bestimmtes suchte. Ich musste mich einfach bewegen. Wenn ich stillstand, wurden die Gedanken in meinem Kopf zu laut. Gal ging einige Meter hinter mir. Tahl hielt etwas mehr Abstand und beobachtete gleichzeitig die Umgebung. Beide verstanden, dass ich gerade weniger einen Begleiter als einen Moment zum Denken brauchte. Erst jetzt, da ich nicht mehr direkt vor der Schleuse stand, wurde mir bewusst, wie gewaltig die Korvette eigentlich war. Im Orbit und aus der Entfernung hatte ich sie natürlich gesehen. Ich hatte in ihr gesessen. Ich hatte ihre Korridore betreten. Aber erst jetzt, außerhalb des Schiffes, bekam ich ein Gefühl für ihre tatsächliche Größe. Ich blieb stehen und legte den Kopf leicht in den Nacken.
"Beeindruckend..." murmelte ich leise.
Die aldrianische Korvette ragte vor mir auf. Nach meiner groben Einschätzung musste sie ungefähr 150 Meter lang sein. Ihre Höhe lag vermutlich bei etwa 25 Metern. Die Breite war schwerer einzuschätzen, da die beschädigten Flügelstrukturen die ursprüngliche Form verzerrten, aber ich schätzte ungefähr 100 bis 120 Meter, abhängig davon, wie genau man die ausladenden Seitenbereiche vermessen würde. Und gerade diese Flügel waren massiv beschädigt. Große Teile der Außenstruktur waren deformiert. Einige Platten waren aufgerissen. Andere standen schräg ab und gaben den Blick auf innere Verstrebungen frei. Ich war kein Schiffsingenieur. Ich konnte nicht beurteilen, wie genau die Struktur aufgebaut war oder welche Reparaturen notwendig wären. Aber eines konnte selbst ich erkennen. Dieses Schiff würde nicht so schnell wieder in den Weltraum zurückkehren. Innerhalb einer Atmosphäre? Vielleicht. Mit viel Aufwand. Aber für einen Sprung ins All fehlte vermutlich einiges. Besonders, wenn die Hauptsysteme, die Antriebseinheiten oder die strukturelle Integrität der Flügel betroffen waren. Es war ironisch. Ein Schiff, das eigentlich zwischen Sternen reisen konnte, war nun auf einer einzigen Insel gefangen. Mein Blick blieb auf den beschädigten Flügeln hängen. Und plötzlich musste ich wieder an die Worte des Ancient denken.
'Halte dich aus den Plänen der Ancients heraus. Führe ein ruhiges Leben.'
Damals hatte ich diese Warnung anders verstanden. Ich hatte angenommen, dass es darum ging, die politische Balance des 71. Sprungtornetzwerkes nicht zu zerstören. Ich hatte geglaubt, dass meine Universal Nourishment Organization vielleicht zu mächtig werden könnte. Dass eine Organisation, die Völker mit Nahrung versorgte, Handelswege kontrollierte und wirtschaftliche Abhängigkeiten schuf, unbeabsichtigt das Gleichgewicht zwischen den Spezies verändern könnte. Das erschien mir damals logisch. Die Ancients waren Wesen, deren Existenz sich über Milliarden von Jahren erstreckte. Ihre Macht lag jenseits meiner Vorstellungskraft. Der Vergleich war eigentlich lächerlich. Ein dreiäugiger Paranide, der einen gewöhnlichen irdischen Wurm betrachtete, hätte wahrscheinlich einen ähnlichen Abstand in Verständnis und Möglichkeiten. So weit waren die Ancients von mir entfernt. Ich hatte nie vorgehabt, mich mit ihnen anzulegen. Nie. Aber jetzt fragte ich mich, ob ich ihre Warnung überhaupt richtig verstanden hatte. Denn vielleicht ging es nicht um politische Macht. Vielleicht ging es darum, dass jede Handlung Folgen hatte. Und meine hatten Hatileos nach Trantor gebracht. Ich blieb stehen. Mein Blick wanderte über das Wrack. Über das Schiff. Über den Ort, an dem Aldrianer gestorben waren. Hätte ich mich anders entschieden? Hätte ich einfach auf Son'ra 4 bleiben sollen? Ein ruhiges Leben führen. Mit Vanu. Mit meiner Familie. Als Co-Chef einer kleinen Restaurantkette namens Anshin. Eine Firma, die eigentlich nie dafür gedacht gewesen war, die Galaxie zu verändern. Vanu war noch immer die eigentliche Chefin von Anshin. Sie hatte das Unternehmen mit ihrer eigenen Art aufgebaut, mit ihrer Geduld und ihrem Verständnis für Argonen. Vielleicht wäre das mein Leben geblieben. Einfach. Überschaubar. Friedlich. Keine Xenon. Keine Terraformer. Keine Ancients. Keine genetisch optimierte Teladi, die eine Korvette entführte und Aldrianer tötete. Ich schloss kurz die Augen. Wenn ich mich damals zurückgehalten hätte... Wenn ich Nif'Nakh nicht besucht hätte... Wenn ich die Split nicht früher als geplant aufgesucht hätte... Wenn ich niemals die Terraformer gefunden hätte... Dann hätte Hatileos niemals die Möglichkeit bekommen, jenen Ort zu verlassen. Dieser Gedanke traf mich härter, als ich erwartet hatte. Natürlich wusste ich, dass die Realität komplizierter war. Natürlich wusste ich, dass ich nicht jede Entscheidung der Vergangenheit kontrollieren konnte. Aber Schuld fragte nicht nach Logik. Schuld fragte nur nach Möglichkeiten. Und in meinem Kopf gab es gerade eine einzige Möglichkeit. Ich hatte eine Tür geöffnet. Und durch diese Tür war etwas gekommen, das niemand erwartet hatte.
Gal bemerkte meine Stille. "Tori."
Ihre Stimme war ruhig. Ich öffnete die Augen und sah zu ihr. Sie sagte nichts weiter. Sie musste es nicht. Sie kannte meinen Blick. Sie wusste, dass ich wieder versuchte, die gesamte Verantwortung für etwas zu tragen, das größer war als ein einziges Lebewesen. Bevor ich antworten konnte, wurde die Stille plötzlich durchbrochen. Ein Schrei. Weit entfernt. Aber deutlich hörbar. Menschlich. Mein Körper reagierte sofort. Gal und Tahl ebenfalls. Beide drehten sich in dieselbe Richtung. Dann kam ein zweiter Schrei. Diesmal anders. Nicht menschlich. Tiefe Frequenzen. Fremd. Unnatürlich. Ein Laut, der nicht aus einer menschlichen Kehle stammen konnte. Für einen Moment schien die gesamte Umgebung stillzustehen. Die Rettungskräfte hielten inne. Die Techniker blickten auf. Die Gespräche verstummten. Ich spürte, wie sich mein Herzschlag beschleunigte. Langsam wanderte meine Hand zu meiner Waffe. Gal hatte ihre bereits gezogen. Tahl ebenfalls. Der Dschungel vor uns bewegte sich leicht. Nur ein paar Blätter. Nur ein Schatten. Aber nach allem, was ich in den letzten Tagen erlebt hatte, wusste ich eines mit absoluter Sicherheit: Auf dieser Insel war noch nicht alles vorbei.

Re: [EX16] Isekai no Xistence

Verfasst: Di 21. Jul 2026, 23:05
von Tom
Bild

Kapitel 70 - Konfrontation

Sofort setzte sich alles in Bewegung. Funksprüche überschnitten sich. Caroline hob augenblicklich ihre linke Hand an das schmale Kommunikationsmodul an ihrem Kragen. Hinter den Gläsern ihrer CSI-Brille huschten Datenfenster über ihre Augen, während sie mit ruhiger, aber bestimmter Stimme Befehle erteilte. "Alle Einheiten aufmerksam. Möglicher Kontakt im östlichen Waldgebiet. Rettungskräfte bleiben zurück. Nur bewaffnete Kräfte und Forensik folgen. Niemand bewegt sich allein."
Gal reagierte noch schneller. "SSA, Sicherungsformation Delta. Vorhut auf mich. Tahl übernimmt die Nachhut. Niemand verlässt die Sichtlinie."
Ein knappes "Verstanden." antwortete aus mehreren Richtungen.
Ich zog meine Pistole aus dem Holster. Das vertraute Gewicht in meiner Hand beruhigte mich nicht. Ganz im Gegenteil. Es erinnerte mich daran, dass ich sie wahrscheinlich gleich brauchen würde. Thovareus schluckte hörbar. Seine gelben Augen blickten angespannt in den dichten Dschungel. Die blauen Schuppen an seinem Hals lagen ungewöhnlich eng an. Ich erinnerte mich daran, dass Teladi ihre Schuppenstellung unbewusst mit ihren Emotionen veränderten. Angst. Der Wald verschluckte uns beinahe augenblicklich. Kaum hatten wir die letzten Felsen hinter uns gelassen, wurde das Sonnenlicht von einem dichten Blätterdach abgefangen. Riesige Farne wucherten zwischen den Baumstämmen. Dicke Lianen hingen von den Ästen herab. Moose überzogen Steine und Wurzeln mit einem satten, dunklen Grün. Der Boden war feucht und weich. Jeder Schritt drückte Wasser aus dem humusreichen Untergrund nach oben. Es roch intensiv nach Erde, Pflanzen und abgestorbenem Holz. Dazwischen lag ein anderer Geruch. Blut. Noch schwach. Aber vorhanden.
"Riecht ihr das?" fragte einer der Polizisten leise.
Niemand antwortete. Man musste nichts sagen. Jeder roch es inzwischen. Wir arbeiteten uns langsam vorwärts. Die SSA bewegte sich routiniert. Immer zwei Personen sicherten jeweils gegenüberliegende Richtungen. Waffen waren im Anschlag. Caroline blieb überraschend dicht hinter Gal. Immer wieder kniete sie sich kurz hin, betrachtete den Boden oder berührte vorsichtig abgebrochene Zweige.
"Dort." sagte sie schließlich und zeigte auf eine frische Schleifspur im feuchten Boden.
Nicht weit daneben klebten einzelne dunkelrote Tropfen auf großen Blättern. Frisches Blut.
"Keine Stunde alt." murmelte Caroline nach einem kurzen Blick auf ihre Anzeigen.
Ich nickte nur. Je tiefer wir in den Wald eindrangen, desto stiller wurde es. Die Vögel waren verschwunden. Keine Insekten. Kein Rascheln kleiner Tiere. Nicht einmal der Wind schien sich noch zwischen den Bäumen zu bewegen. Nur unsere eigenen Schritte. Das Knirschen von Ausrüstung. Leises Atmen. Dann wieder. Ein Schrei. Diesmal deutlich näher. Er war voller Panik. Er dauerte nur wenige Sekunden. Dann folgte sofort ein zweiter Laut. Nicht menschlich. Er klang rau. Tief. Fast wie ein Fauchen. Oder Knurren. Ich konnte ihn keiner Tierart zuordnen. Alle beschleunigten unwillkürlich ihre Schritte. Äste peitschten gegen unsere Kleidung. Blätter streiften mein Gesicht. Die schwere Ghok-Rüstung schränkte meine Beweglichkeit zwar etwas ein, schützte mich dafür aber zuverlässig gegen Dornen und scharfkantige Äste.
"Beeilung!" rief Caroline.
Niemand musste dazu aufgefordert werden. Dann... Stille. Von einem Moment auf den anderen. Die Schreie verstummten. Schlagartig. Nicht langsam. Nicht ausklingend. Einfach...weg. Ich blieb stehen. Mein Herz schlug bis zum Hals.
"Warum..." flüsterte einer der Ermittler.
Niemand beantwortete die Frage. Gal hob ihre Faust. Alle stoppten. Vor uns lichtete sich der Wald. Zwischen den Baumstämmen fiel plötzlich helles Sonnenlicht. Eine Lichtung. Vorsichtig traten wir aus dem Dickicht. Und blieben wie angewurzelt stehen. Mir zog es augenblicklich den Magen zusammen. Ich hatte in meinem Leben Tote gesehen. Ich hatte auf Nif'Nakh Dinge erlebt, die mich bis heute verfolgten. Ich hatte Lebewesen sterben sehen. Split. Argonen. Teladi. Doch das hier... war etwas anderes. Hier lagen keine Leichen. Hier lagen Überreste. Der gesamte Boden war mit Blut getränkt. Frischem Blut. Es glänzte dunkelrot im Sonnenlicht und sammelte sich zwischen den Wurzeln zu kleinen Lachen. Fliegen hatten den Ort bereits gefunden und schwirrten in dichten Wolken über den Resten. Überall lagen Körperteile. Ein Arm. Ein abgerissenes Bein. Fetzen von Uniformen. Gewebe. Knochen. Innere Organe. Därme zogen sich wie graurote Schlingen durch das hohe Gras. Zerfetzte Rippen ragten aus Fleischresten hervor. Ich erkannte einen menschlichen Unterkiefer, an dem noch einzelne Zähne saßen. Wenige Meter weiter lag ein halber Brustkorb. Der Rest des Körpers fehlte. Es gab keinen einzigen vollständig erhaltenen Toten. Nicht einen. Alles war... zerteilt. Zerrissen. Verstümmelt. Als hätte etwas mit unvorstellbarer Gewalt die Menschen buchstäblich auseinandergerissen. Der metallische Geruch traf mich jetzt mit voller Wucht. Blut. So viel Blut. Dazu der süßliche Geruch geöffneter Körper. Verdauungsinhalt. Feuchte Erde. Die Hitze der tropischen Sonne begann bereits ihre Arbeit. Mir wurde augenblicklich übel. Ich schluckte. Einmal. Zweimal. Mein Körper wollte sich übergeben. Ich presste die Zähne zusammen. Nicht jetzt. Nicht hier. Neben mir hörte ich plötzlich würgende Geräusche. Einer der jungen Polizisten drehte sich abrupt zur Seite, ging auf die Knie und übergab sich lautstark zwischen die Büsche. Keine zwei Sekunden später folgte der nächste. Dann noch einer. Eine junge Ermittlerin der SSA hielt sich beide Hände vor den Mund, doch auch sie schaffte es nur wenige Augenblicke, bevor sie sich zitternd abwandte. Mehrere Rettungskräfte, die kurz darauf die Lichtung erreichten, blieben bereits am Waldrand stehen. Einige wurden kreidebleich. Andere senkten sofort den Blick. Thovareus stand regungslos. Seine blauen Schuppen hatten jede Farbe verloren. Sie wirkten beinahe grau. Sein Schwanz hing schlaff zu Boden. Seine Pupillen waren auf schmale Schlitze zusammengezogen.
Er flüsterte kaum hörbar. "Profitheiliger..."
Mehr brachte er nicht heraus. Selbst Caroline, die bis eben noch vollkommen professionell gewirkt hatte, blieb für einen Moment stehen. Ich sah, wie sich ihre Kiefermuskeln anspannten. Hinter ihrer Brille arbeitete die Software ununterbrochen weiter, markierte Körperteile, berechnete Blutverteilungen und dokumentierte automatisch den Tatort. Doch ihre Hände... zitterten. Nur ganz leicht. Aber sie zitterten. Gal stand neben mir. Ihr Gesicht war hart wie Stein. Dennoch bemerkte ich, wie sich ihre Nasenflügel unmerklich bewegten. Auch sie kämpfte gegen den Brechreiz an. Tahl fluchte leise. Nicht laut. Nicht wütend. Eher fassungslos. Ich zwang mich weiterzuatmen. Langsam. Ruhig. Ein. Aus. Ein. Aus. Doch mein Blick blieb an den Überresten hängen. Das hier war kein Kampf gewesen. Kein Massaker. Das hier war... Ich konnte das Wort nicht einmal zu Ende denken. Und irgendwo, tief in meinem Inneren, wurde mir mit erschreckender Klarheit bewusst... Hatileos hatte nicht getötet, weil sie töten wollte. Sie hatte hier etwas gesucht. Oder gesammelt. Und genau dieser Gedanke machte mir mehr Angst als alles, was ich auf dieser Lichtung sah.

Einer der Polizisten, der den Rand der Lichtung absuchte, hob plötzlich die Hand.
"Taichō!" rief er gedämpft und deutete zwischen zwei dicht stehenden Farnen hindurch.
Sofort richteten sich mehrere Blicke auf ihn. Caroline ging als Erste hinüber, kniete sich neben die Stelle und betrachtete schweigend den Boden. Ich trat einige Schritte näher heran und erkannte nun ebenfalls, worauf der Beamte aufmerksam geworden war. Zwischen den hohen Gräsern zog sich ein schmaler Trampelpfad in den Dschungel hinein. Er war eindeutig frisch. Grashalme waren geknickt, aber noch saftig grün. Dünne Zweige hingen gesplittert von den Büschen herab, ihre hellen Bruchstellen waren noch feucht. Einige große Blätter waren eingerissen und begannen erst langsam zu welken. Der dunkle Waldboden zeigte tiefe Eindrücke, wo etwas oder jemand mit erheblichem Gewicht entlanggelaufen war. Caroline strich mit zwei Fingern vorsichtig über eine zerbrochene Astspitze. Anschließend betrachtete sie die kaum sichtbaren Pflanzenfasern durch die Vergrößerungsfunktion ihrer Brille.
"Keine Stunde alt." sagte sie ruhig. "Vielleicht sogar deutlich jünger."
Niemand musste fragen, wer diesen Pfad hinterlassen hatte. Die Antwort lag praktisch vor unseren Füßen.
Gal hob sofort ihre Waffe etwas höher. "SSA. Doppelte Aufmerksamkeit. Wir gehen langsam."
Tahl nickte knapp. "Keine Alleingänge. Niemand verlässt die Formation."
Die ersten Beamten der Polizei betraten den Pfad. Ich folgte ihnen. Sofort wurde deutlich, dass dieser Weg nicht natürlich entstanden war. Er war gerade breit genug für eine einzelne Person. Links und rechts drängten sich dichtes Buschwerk, meterhohe Farne und ineinander verwachsene Lianen so eng zusammen, dass zwei Menschen unmöglich nebeneinander hätten gehen können. Wir mussten hintereinander marschieren. An der Spitze gingen fünf Polizisten zusammen mit Caroline. Ihre Bewegungen waren ruhig und eingespielt. Jeder Schritt wurde bewusst gesetzt. Immer wieder leuchteten kleine Sensoren den Boden ab oder tasteten die Vegetation nach biologischen Rückständen und Wärmesignaturen ab. Direkt vor mir lief Tahl. Sein Sturmgewehr ruhte fest in seiner Schulter. Sein Blick wanderte ununterbrochen zwischen den Pflanzen links und rechts des Pfades hin und her. Jede Bewegung schien kontrolliert. Ich ging unmittelbar hinter ihm. Meine Pistole hielt ich mit beiden Händen vor der Brust. Hinter mir folgte Gal. Ich musste mich nicht umdrehen, um zu wissen, dass sie ebenso aufmerksam jede Richtung sicherte. Der Rest der SSA bildete das Ende der Kolonne. Niemand sprach. Nur das Knacken kleiner Zweige unter unseren Stiefeln war zu hören. Ab und zu tropfte Wasser von den Blättern auf unsere Schultern oder Helme. Der Dschungel war dicht. Unnatürlich dicht. Teilweise ragten dicke Baumstämme wie Säulen aus dem Boden. Dazwischen wuchsen Pflanzen mit riesigen Blättern, deren dunkelgrüne Oberflächen das wenige Sonnenlicht reflektierten. Feine Nebelschwaden schwebten zwischen den Farnen und verliehen der Umgebung etwas Gespenstisches. Überall hing Feuchtigkeit in der Luft. Jeder Atemzug fühlte sich schwer an. Und genau in diesem Moment meldete sich mein Instinkt. Dieser Weg... war eine Falle. Nicht, weil ich irgendwelche Hinweise entdeckt hätte. Nicht, weil ich etwas gehört hätte. Sondern weil alles in mir schrie, dass dies der denkbar schlechteste Ort war, um einer unbekannten Gegnerin zu folgen. Der schmale Pfad zwang uns hintereinander. Niemand konnte ausweichen. Niemand konnte den anderen überholen. Ein einziger Angriff von vorne würde die gesamte Formation aufhalten. Ein Angriff von hinten ebenso. Und links oder rechts? Dort gab es praktisch kein Durchkommen.
Mein Herz schlug schneller. Unwillkürlich musste ich an Nif'Nakh denken. An das Ghok. Ich konnte ihn beinahe wieder riechen. Den säuerlichen Geruch seines Atems. Das dumpfe Zittern des Bodens unter seinen Schritten. Das markerschütternde Brüllen. Damals war ich ebenfalls einen schmalen Wildpfad entlanggerannt. Ich hatte geglaubt, der enge Weg würde mir helfen. Dass das riesige Raubtier Schwierigkeiten bekommen würde, mir zu folgen. Teilweise hatte ich sogar recht gehabt. Der Trampelpfad hatte das Ghok tatsächlich ausgebremst. Zumindest für wenige Sekunden. Doch dieses Monster hatte sich davon nicht aufhalten lassen. Es war einfach durch den Dschungel gepflügt. Bäume waren unter seinem Gewicht umgestürzt. Lianen zerrissen wie dünne Fäden. Sträucher wurden förmlich explodiert, als mehrere Tonnen Muskelmasse unaufhaltsam hindurchbrachen. Ich erinnerte mich noch genau an das Geräusch. Holz, das splitterte. Äste, die brachen. Blätter, die durch die Luft wirbelten. Das Ghok hatte sich seinen eigenen Weg geschaffen. Wie ein urzeitlicher Rammbock. Wie ein lebender Bulldozer. Und trotzdem hatte er mich schließlich eingeholt. Ich spürte noch immer den dumpfen Schmerz in meiner Brust, wenn ich daran dachte. Damals hatte ich geglaubt, sterben zu müssen. Mein Blick fiel kurz auf die schwarzen Chitinplatten meiner Rüstung. Die gewaltigen Schulterstücke. Die Hornverstärkungen. Die dunklen Knochenplatten an meinen Armen. Alles, was ich jetzt trug... war einst Teil genau dieses Monsters gewesen. Ein seltsamer Gedanke. Ich trug den Kadaver meines beinahe eigenen Mörders. Nicht aus Stolz. Nicht als Trophäe. Sondern weil ich auf Nif'Nakh gelernt hatte, dass Überleben oft bedeutete, sich anzupassen. Mein Überleben damals war ohnehin kaum erklärbar gewesen. Nicht meine Kraft hatte mich gerettet. Nicht meine Geschwindigkeit. Nicht meine Kampffähigkeiten. Sondern... Ich musste beinahe ungläubig darüber schmunzeln. Mein Rucksack. Instinktiv hatte ich ihn dem Ghok direkt ins geöffnete Maul geworfen. Nicht, weil ich einen Plan gehabt hätte. Sondern weil ich in meiner Panik einfach alles getan hatte, um ihn für einen einzigen Augenblick abzulenken. Das Ghok hatte den gesamten Inhalt verschlungen. Die letzten Vorräte. Essen. Getränke. Alles. Damals hatte ich noch nicht gewusst, dass einige der Lebensmittel für dieses Raubtier hochgiftig waren. Ich hatte schlicht unglaubliches Glück gehabt. Oder Schicksal. Oder beides. Der Gedanke ließ mich frösteln. Denn diesmal würde mich kein Rucksack retten. Nicht gegen Hatileos. Nicht hier. Nicht in diesem schmalen Korridor aus Pflanzen. Ich spürte, wie sich meine Finger fester um den Griff meiner Pistole schlossen. Vor uns blieb Caroline plötzlich stehen und hob langsam die Hand. Die gesamte Kolonne erstarrte augenblicklich. Selbst der Wald schien für einen Moment den Atem anzuhalten.

Caroline hatte ihre erhobene Hand noch nicht gesenkt, als aus dem dämmrigen Unterholz rechts des schmalen Pfades etwas hervorschoss. Es war keine Bewegung, die mein Auge sauber erfassen konnte. Es war lediglich ein graugrüner Schatten, begleitet vom explosionsartigen Bersten mehrerer Äste. Im nächsten Augenblick war Caroline verschwunden. Ihre Finger streiften noch den Schaft ihres Gewehrs, dann riss eine ungeheure Kraft sie seitlich zwischen die dicht stehenden Farne. Es geschah so schnell, dass sie nicht einmal Zeit hatte zu schreien. Nur ein kurzes, scharfes Einatmen war zu hören, bevor der Dschungel sie verschluckte.
"Caroline!" brüllte einer der Polizisten.
"Vorwärts!" schrie ich aus voller Kehle. "Nicht stehen bleiben! Hinterher!"
Jeder vernünftige Gedanke hätte mir sagen müssen, dass wir genau das nicht tun durften. Genau darauf hatte ich mich innerlich vorbereitet. Ein schmaler Pfad. Dichtes Unterholz. Keine Sicht. Ein perfekter Hinterhalt. Dennoch gab es keine Alternative. Caroline lebte vielleicht noch. Jede Sekunde zählte. Tahl warf sich sofort nach vorne und drückte mit seinem Körper Äste auseinander. Gal folgte dicht hinter mir. Die übrigen SSA-Ermittler und Polizisten schlossen ohne Zögern auf. Niemand diskutierte meinen Befehl. Rennen war unmöglich. Der Dschungel ließ es nicht zu. Jeder Meter musste erkämpft werden. Dickes Wurzelwerk zwang uns immer wieder zum Abbremsen. Feuchte Lianen verfingen sich an den Waffen und Rüstungen. Dornige Ranken rissen an Kleidung und Ausrüstung. Mehrfach blieb ich mit den Hörnern meiner Ghok-Rüstung an tief hängenden Ästen hängen. Ich riss mich mit Gewalt los, wobei trockene Zweige splitternd zu Boden fielen. Meine Stiefel rutschten auf dem schlammigen Untergrund weg. Einmal fing ich mich nur mit Mühe an einem moosbewachsenen Stamm ab. Vor mir fluchte Tahl leise, als er beinahe über eine freiliegende Wurzel gestürzt wäre. Immer wieder glaubte ich, wenige Meter vor uns Pflanzen auseinanderbrechen zu hören. Etwas bewegte sich. Schnell. Viel schneller als wir.
"Da vorne!" rief einer der Beamten.
Zwischen den Stämmen blitzte für den Bruchteil einer Sekunde eine Bewegung auf. Dann wieder Stille. Nur unser schweres Atmen. Das Knacken von Holz. Das Rascheln tausender Blätter. Mein Herz hämmerte gegen meinen Brustkorb. Nicht vor Erschöpfung. Vor Anspannung. Plötzlich weitete sich der enge Trampelpfad. Die Pflanzen traten auseinander. Vor uns öffnete sich eine kleine Senke, die von hohen Felswänden und uralten Bäumen umgeben war. Die Baumkronen ließen nur vereinzelte Sonnenstrahlen hindurch, die wie schmale Lichtsäulen auf den feuchten Boden fielen. Überall hing Nebel zwischen den Farnen. Und dort... fanden wir Caroline. Sie lag nicht am Boden. Sie kämpfte. Mit erstaunlicher Entschlossenheit stemmte sie sich gegen ihre Angreiferin. Ihr Trenchcoat war an mehreren Stellen aufgerissen. Schlamm und Blätter klebten daran. Ihre Brille war schief ins Gesicht gerutscht, dennoch arbeitete ihre CSI-Schnittstelle weiter und projizierte unablässig Daten über ihr Sichtfeld. Mit einer Hand hielt sie das Handgelenk ihrer Gegnerin fest, mit der anderen versuchte sie verzweifelt, ein Kampfmesser auf Abstand zu halten. Ihr Gesicht war vor Anstrengung gerötet. Einzelne Haarsträhnen klebten schweißnass an ihren Wangen. Die Muskeln ihres Halses traten deutlich hervor, während sie die Zähne zusammenbiss. Über ihr befand sich Hatileos. Ich brauchte einen Augenblick, um sie überhaupt zu erkennen. Sie trug keinerlei Kleidung mehr. Für mich spielte das jedoch keine Rolle. Teladi unterschieden sich in ihrem Körperbau grundlegend von Menschen. Auffällige äußere Geschlechtsmerkmale besaßen sie praktisch nicht. Ihr vollständig von Schuppen bedeckter Körper wirkte vielmehr wie der eines großen, aufrecht gehenden Reptils. Die graugrünen Schuppen schimmerten im gefilterten Sonnenlicht matt und erinnerten in ihrer Färbung an Agavenblätter. Zwischen den einzelnen Schuppen hafteten Schlamm, Erde und vereinzelte Blätter. An Armen, Beinen und Schwanz klebten eingetrocknete Blutspuren. Was mir jedoch sofort auffiel, waren ihre Augen. Sie wirkten völlig verändert. Die sonst berechnenden, intelligenten Pupillen waren extrem geweitet. Darin lag kaum noch ein Funken der besonnenen Teladi, die ich auf Nif'Nakh kennengelernt hatte. Stattdessen erinnerte ihr Blick an ein wildes Raubtier. Wachsam. Getrieben. Instinktiv. Ihre Krallen hatten sich tief in Carolines Ärmel gebohrt. Mit erschreckender Kraft drückte sie die Ermittlerin gegen den Boden. Ein kehliges Fauchen drang aus ihrer Kehle. Es war kein Laut, den ich jemals zuvor von einem Teladi gehört hatte. Es klang animalisch. Unkontrolliert. Fast... verzweifelt. In diesem Augenblick wünschte ich mir mehr als alles andere, Thovareus wäre bei uns. Der männliche Teladi hätte vielleicht verstanden, was Hatileos tat. Vielleicht hätte er sie ansprechen können. Vielleicht hätte er irgendeinen Instinkt erkannt. Vielleicht hätte er eine Möglichkeit gefunden, sie zu beruhigen. Doch nachdem wir die verstümmelten Überreste auf der Lichtung gefunden hatten, hatte ihn seine Fassung verlassen. Die Bilder hatten selbst ihn an seine Grenzen gebracht. Kreidebleich und sichtlich erschüttert war er unter Begleitung einiger Beamter zum Schwebebus zurückgekehrt. Jetzt standen wir allein vor Hatileos. Und in ihrem Gesicht erkannte ich nichts mehr von der zurückhaltenden, vorsichtigen Teladi, die auf Nif'Nakh jahrelang verborgen gelebt hatte. Vor mir befand sich nur noch ein Wesen, das ausschließlich seinen Instinkten zu folgen schien.
"Hatileos!" rief ich mit aller Kraft.
Für einen winzigen Moment hielt sie inne. Langsam drehte sich ihr Kopf. Ihre bernsteinfarbenen Augen trafen meine. Etwas darin flackerte. Nur für den Bruchteil einer Sekunde. Als würde tief in ihrem Inneren die Hatileos, die ich gekannt hatte, verzweifelt versuchen, wieder die Kontrolle über sich zu gewinnen. Dann verzog sich ihr Gesicht erneut zu einem knurrenden Ausdruck, ihre Krallen spannten sich an, und der Dschungel schien für einen Atemzug den Atem anzuhalten.

"Hatileos! Nicht!" rief ich noch einmal, doch meine Stimme ging im plötzlichen Krachen der Waffen unter.
Die ersten Polizisten eröffneten das Feuer. Grellblaue Impulsbolzen rasten durch die feuchtwarme Luft und ließen den Dschungel in kurzen Lichtblitzen aufleuchten. Mit lautem Krachen zerbarsten dicke Farnwedel. Junge Stämme wurden aufgerissen. Holz splitterte explosionsartig aus den Xylemschichten der Bäume, während glühende Pflanzenfasern durch die Luft wirbelten. Der Geruch verbrannter Vegetation mischte sich augenblicklich mit feuchter Erde, Schweiß und dem metallischen Duft des Blutes, das noch immer an Hatileos' Schuppen haftete. Doch keine einzige Salve traf ihr Ziel. Hatileos verschwand nicht einfach. Sie explodierte förmlich aus ihrer Position. Mit einer Geschwindigkeit, die ich einem Teladi niemals zugetraut hätte, stieß sie sich vom Boden ab. Ihr muskulöser Schwanz peitschte durch die Luft und verlieh ihrem Sprung zusätzliche Beschleunigung. Für den Bruchteil einer Sekunde befand sie sich waagerecht zwischen zwei Baumstämmen, stieß sich mit Händen und Füßen gleichzeitig an der rauen Rinde ab und wechselte mitten im Sprung erneut die Richtung. Weitere Impulse rasten hinter ihr vorbei. Blätter wurden zerfetzt. Moos verdampfte. Ein Ast brach krachend über unseren Köpfen ab und schlug wenige Meter neben einem SSA-Ermittler auf dem Boden auf.
"Nicht wahllos feuern!" brüllte Gal. "Freie Schusslinie beachten!"
Die Stimme meiner Stellvertreterin schnitt durch das Chaos wie ein Messer. Während einige Polizisten weiterhin versuchten, Hatileos mit schnellen Schüssen zu erwischen, arbeiteten die Ermittler der SSA vollkommen anders. Ruhiger. Kontrollierter. Sie schossen nicht auf Hatileos selbst. Sie nahmen Fluchtwege ins Visier. Ein Schuss ließ einen dicken Ast unmittelbar vor ihr zerbersten. Ein anderer traf einen herabhängenden Lianenteppich, der krachend auf den Boden fiel und einen schmalen Durchgang blockierte. Weitere Beamte bewegten sich seitlich auseinander und bildeten unauffällig einen Halbkreis. Mir wurde klar, was sie taten. Sie versuchten nicht, sie zu töten. Sie schnitten ihr systematisch jeden Rückzugsweg in den Dschungel ab. Hatileos bemerkte das ebenfalls. Ihre bernsteinfarbenen Augen huschten ununterbrochen zwischen den einzelnen Personen hin und her. Jeder Muskel ihres Körpers arbeitete gleichzeitig. Die graugrünen Schuppen spannten sich über ihren langen Gliedmaßen. Jetzt, da sie keinerlei Kleidung mehr trug, konnte ich ihren gesamten Körperbau erkennen. Und genau das erschreckte mich. Sie war eindeutig eine Teladi. Breite Hüfte. Langer Schwanz. Der typische reptilienartige Brustkorb. Die bekannten Proportionen. Doch irgendetwas war anders. Ihre Statur wirkte deutlich schlanker. Nicht mager. Sondern drahtig. Sehnig. Die langen Muskelstränge unter ihren Schuppen zeichneten sich bei jeder Bewegung sichtbar ab. Besonders an Oberschenkeln, Unterarmen und Rücken erkannte ich eine Athletik, wie ich sie bisher noch bei keinem Teladi gesehen hatte. Normale Teladi bewegten sich gemächlich. Bedacht. Sie sparten Energie. Selbst Thovareus hatte mir erklärt, dass Ausdauer und Geschwindigkeit niemals zu den besonderen Stärken seiner Spezies gehört hatten. Hatileos schien diese Regel vollständig zu widerlegen. Sie beschleunigte. Bremste. Sprang. Duckte sich. Wechselte ihre Richtung innerhalb eines Herzschlags. Ohne sichtbare Ermüdung. Mir lief ein kalter Schauer über den Rücken. Fünf Prozent. Nur fünf Prozent Split-DNA. Ich hatte diesen Wert dutzende Male gehört. Damals hatte er harmlos geklungen. Eine biologische Besonderheit. Eine statistische Randnotiz. Jetzt sah ich die Folgen unmittelbar vor mir. Mir schossen unzählige Fragen durch den Kopf. Hatte die Split-DNA lediglich ihren Körper verändert? Oder war sie tiefer gegangen? Beeinflusste sie ihre Gedanken? Ihre Entscheidungen? Ihre Instinkte? War das, was wir hier sahen, überhaupt noch ausschließlich Hatileos? Oder kämpften in ihr zwei völlig unterschiedliche evolutionäre Programme gegeneinander? Ich wusste es nicht. Und genau das machte mir Angst. Wieder peitschten mehrere Impulsbolzen durch den Wald. Hatileos duckte sich unter einem Schuss hinweg, rollte sich über den Waldboden ab und sprang im nächsten Augenblick an einem schräg gewachsenen Baumstamm empor. Mit erschreckender Leichtigkeit lief sie mehrere Meter fast senkrecht den Stamm hinauf, stieß sich erneut ab und landete hinter einem moosbewachsenen Felsen.
"Links!" schrie einer der Polizisten.
Sofort richteten sich mehrere Waffen auf die Stelle. Doch bevor der erste Schuss fiel, war sie bereits verschwunden. Nicht aus dem Wald. Sondern lediglich aus der direkten Sichtlinie. Die SSA reagierte schneller.
"Tahl!" rief Gal.
"Bereits unterwegs!"
Tahl führte zwei Ermittler nach rechts und schnitt Hatileos den Weg zwischen zwei mächtigen Baumriesen ab. Ein weiterer Trupp schloss gleichzeitig von links auf. Sie bewegten sich erstaunlich diszipliniert, nutzten Deckungen und kommunizierten fast ausschließlich über kurze Handzeichen. Es war kein hektisches Gefecht mehr. Es entwickelte sich zu einer Jagd. Und langsam wurde die Jägerin selbst zur Gejagten. Hatileos bemerkte das. Zum ersten Mal wirkte ihr Blick nicht mehr ausschließlich aggressiv. Er wurde unruhig. Suchend. Sie suchte einen Fluchtweg. Fand aber keinen. Vor ihr standen die Polizisten. Seitlich rückte die SSA immer weiter zusammen. Hinter ihr lagen nur noch dichter Wald und die Felswand der kleinen Senke. Ich hob langsam meine Pistole. Mein Finger lag am Abzug. Doch ich konnte einfach nicht schießen. Vor mir stand nicht irgendein Monster. Vor mir stand Hatileos. Die Teladi, die ich auf Nif'Nakh kennengelernt hatte. Die Frau, die jahrzehntelang völlig isoliert gelebt hatte. Die Frau, die mit ihrer Split-Familie überlebt hatte. Die Frau, die irgendwann den Verstand oder zumindest die Kontrolle über ihre Instinkte verloren haben musste. Für einen flüchtigen Augenblick trafen sich unsere Blicke erneut. In ihren bernsteinfarbenen Augen lag etwas. Keine Wut. Kein Hass. Sondern etwas, das erschreckend nah an nackter Verzweiflung lag. Dann spannte sich ihr gesamter Körper erneut an. Ich wusste instinktiv, dass sie nicht aufgeben würde. Nicht freiwillig. Und genau deshalb hielt jeder im Halbkreis den Atem an und wartete auf ihre nächste Bewegung.

Hatileos verharrte nur einen winzigen Augenblick. Dann geschah genau das, wovor mich mein Instinkt die ganze Zeit gewarnt hatte. Ihre kräftigen Hinterbeine spannten sich, ihre Krallen gruben sich tief in den feuchten Waldboden, und im nächsten Augenblick schoss sie mit einer Gewalt nach vorne, die mich jede Entfernung zwischen uns vergessen ließ. Sie kam nicht auf irgendeinen der Polizisten zu. Nicht auf Tahl. Nicht auf Gal. Nicht auf die Ermittler der SSA. Sie kam direkt auf mich zu. Alles geschah innerhalb eines Herzschlags. Ich riss instinktiv meine Impulspistole hoch. Mein Verstand hatte keine Zeit mehr, die Situation zu analysieren. Mein Finger krümmte sich reflexartig. Der Schuss löste sich. Ein grellblauer Impuls raste auf ihren Kopf zu. Doch selbst jetzt reagierte Hatileos mit einer Körperbeherrschung, die jeder Logik widersprach. Während sie bereits mitten im Sprung war und sich ihre Flugbahn eigentlich nicht mehr grundlegend ändern ließ, verdrehte sie ihren gesamten Oberkörper. Ihr Schwanz schlug wie ein Gegengewicht durch die Luft und erzeugte ein Drehmoment, das ihren Körper gerade weit genug rotieren ließ. Der Impuls verfehlte ihren Schädel. Stattdessen strich der Energiebolzen schräg über ihren Rücken. Mehrere Schuppen platzten auf, verbrannten augenblicklich und hinterließen eine glühende Furche. Im selben Moment traf der Schuss das hintere Ende ihres langen Schwanzes. Es gab einen dumpfen Knall. Schuppen. Blut. Gewebefetzen. Alles wurde explosionsartig auseinandergerissen. Das Schwanzende platzte regelrecht auseinander. Ein markerschütternder Schrei durchschnitt den gesamten Dschungel. Ich hatte Hatileos noch nie schreien hören. Dieser Laut war weder teladianisch noch menschlich. Er war purer Schmerz. Unkontrolliert. Roh. Unzählige Vögel stoben kreischend aus den Baumwipfeln empor. Hatileos verlor völlig die Kontrolle. Rasend vor Schmerzen schlug sie mit Armen, Beinen und dem verstümmelten Schwanz wild um sich. Grünes Blut spritzte in einem Halbkreis durch die Luft. Ich versuchte noch zurückzuweichen, doch dafür war es längst zu spät. Ihre rechte Klaue traf meinen Unterarm. Ein dumpfer Schlag fuhr bis tief in meine Schulter. Meine Finger öffneten sich reflexartig. Die Pistole wurde mir aus der Hand geschlagen, überschlug sich mehrfach in der Luft und verschwand irgendwo zwischen Farnen und dichtem Unterholz. In Hatileos' Augen war jetzt nichts Teladianisches... mehr zu erkennen. Sollte dort eben noch der kleinste Rest ihres Verstandes existiert haben, so wurde er nun vollständig von einer Flut aus Schmerz, Wut, Panik und uralten Instinkten verschlungen. Sie fixierte nur noch mich. Ihre geweiteten bernsteinfarbenen Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. Jede einzelne Muskelpartie ihres Körpers spannte sich. Sie fauchte. Nicht laut. Sondern tief. Bedrohlich. Es war der Laut eines Raubtieres, das sich entschieden hatte, welche Beute zuerst sterben musste. Ich brauchte niemanden, der mir erklärte, was gerade passiert war. Ich wusste es. Instinktiv. Für Hatileos war ich in diesem Moment die größte Bedrohung. Nicht die zwanzig Waffen. Nicht die Polizisten. Nicht die SSA. Ich. Auch ihre gesamte Körperhaltung verriet es. Sie achtete kaum noch auf die Argonen um uns herum. Ihr Schwerpunkt verlagerte sich ausschließlich auf mich. Ihr Oberkörper war leicht abgesenkt. Die Schultern arbeiteten ununterbrochen. Ihr verletzter Schwanz zuckte unkontrolliert hinter ihr, während dunkelgrünes Blut auf den Boden tropfte. Auch mein Körper reagierte. Ich merkte, wie sich jede einzelne Muskelfaser anspannte. Doch dann... passierte etwas. Etwas, das zuvor niemals geschehen war. Ich hörte kein Geräusch. Ich sah kein Licht. Aber ich fühlte es. Tief unter den harten Chitinplatten meiner Ghok-Rüstung begann sich das lebendige Innengewebe zu bewegen. Es war, als würden unzählige feine Fasern erwachen. Sie legten sich enger um Arme, Brustkorb, Rücken und Beine. Gleichzeitig entstand ein seltsamer Druck auf meiner Haut. Nicht schmerzhaft. Unterstützend. Verstärkend. Es fühlte sich an, als würden sich zusätzliche Muskelstränge direkt über meine eigenen legen. Meine Arme wurden schwerer. Nicht vor Erschöpfung. Vor Kraft. Meine Beine spannten sich, ohne dass ich sie bewusst bewegte. Mein Brustkorb hob sich tiefer als zuvor. Für einen winzigen Augenblick vergaß ich sogar Hatileos. Was hatten die Split mit dieser Rüstung getan? Sie bestand doch lediglich aus den Überresten jenes Ghoks, das mich auf Nif'Nakh beinahe getötet hatte. Oder... eben doch nicht nur. Ich hatte keine Zeit, weiter darüber nachzudenken. Hatileos sprang erneut. Diesmal mit voller Wucht. Sie prallte frontal gegen mich. Der Aufprall fühlte sich an, als hätte mich ein kleiner Gleiter gerammt. Der Boden verschwand unter meinen Füßen. Ich wurde nach hinten geschleudert. Gemeinsam stürzten wir durch Farne und niedriges Buschwerk. Trotz der enormen Wucht spürte ich überraschend wenig Schmerz. Die Rüstung fing den größten Teil der Aufprallenergie ab. Noch während wir fielen, griff ich instinktiv zu. Meine rechte Hand verfehlte sie. Die linke schloss sich um ihren Fuß. Fest. Unglaublich fest. Ich spürte ihre Schuppen unter meinen Fingern. Ihre Klaue kratzte über meinen Brustpanzer. Dann handelte ich, ohne bewusst darüber nachzudenken. Ich stemmte mich mit beiden Beinen gegen den Boden. Die ungewohnte Kraft meiner Muskeln explodierte förmlich. Mit einer einzigen Bewegung riss ich Hatileos herum. Ihr Körper hob vollständig vom Boden ab. Für einen Sekundenbruchteil hing sie waagerecht in der Luft. Dann schleuderte ich sie mit aller Kraft von mir weg. Sie flog mehrere Meter weit. Prallte mit ohrenbetäubender Wucht gegen den Stamm eines gewaltigen Mammutbaumes. Es klang, als würde ein Fahrzeug mit voller Geschwindigkeit gegen eine Betonwand rasen. Der uralte Stamm hielt dem Aufprall nicht vollständig stand. Dort, wo Hatileos einschlug, splitterte das Holz explosionsartig auseinander. Meterlange Rindenstücke flogen durch die Luft. Ein tiefer Riss zog sich durch den gewaltigen Stamm, während Holzfasern wie Sehnen auseinanderplatzten. Hatileos rutschte benommen zwischen den herabfallenden Splittern zu Boden. Für einen Moment blieb sie regungslos sitzen. Ihr Kopf hing nach vorne. Ihr Atem ging stoßweise. Blut lief aus mehreren frischen Wunden über ihre Schuppen. Dann hob sie langsam den Kopf. Sie blinzelte. Und starrte mich an. Nicht voller Wut. Sondern voller Fassungslosigkeit. Fast schien sie selbst nicht zu begreifen, was gerade geschehen war. Doch sie war nicht die Einzige. Ich bemerkte erst jetzt die Stille. Kein einziger Schuss fiel mehr. Niemand bewegte sich. Ich drehte den Kopf. Gal stand wie angewurzelt da. Ihre Augen waren weit geöffnet. Selbst ihre sonst so kontrollierte Mimik war für einen Augenblick vollkommen entgleist. Tahl hatte seine Waffe noch immer im Anschlag, doch sein Finger lag nicht mehr am Abzug. Er sah mich an, als hätte er gerade etwas erlebt, das jede seiner bisherigen Erfahrungen infrage stellte. Die Ermittler der SSA blickten abwechselnd zwischen dem halb zerstörten Mammutbaum und mir hin und her. Mehrere Polizisten hatten ihre Waffen unbewusst ein Stück gesenkt. Sogar Caroline, die sich inzwischen keuchend wieder aufgerichtet hatte und sich mit einer Hand den schmerzenden blutverschmierten Brustkorb hielt, sah mich mit ungläubigem Blick an. Ich selbst starrte auf meine Hände. Langsam schloss und öffnete ich die Finger. Die Kraft war noch immer da. Nicht unkontrolliert. Nicht berauschend. Einfach... da. Und zum ersten Mal fragte ich mich ernsthaft, ob die Split mir mit dieser Rüstung weit mehr hinterlassen hatten als lediglich eine außergewöhnlich widerstandsfähige Panzerung.

Ich wusste in diesem Moment, dass ich nicht länger nur reagieren konnte. Bisher hatte ich mich verteidigt, ausgewichen, versucht, die Situation zu verstehen und Hatileos nicht zu verletzen. Ich hatte gehofft, irgendwo in ihr noch die Teladi zu erreichen, die ich auf Nif'Nakh kennengelernt hatte. Die einsame Frau, die jahrzehntelang verborgen gelebt hatte, geprägt von Isolation, Verlust und einer Vorfahrin, die sie nur aus Erinnerungen und Daten kannte. Doch das Wesen vor mir war gerade nicht diese Hatileos. Vor mir stand eine Kreatur, die von Schmerz und Instinkt beherrscht wurde. Eine Kreatur, die mich als Bedrohung erkannt hatte und erst aufhören würde, wenn eine Seite nicht mehr kämpfen konnte.
Also änderte ich meine Haltung. Zum ersten Mal seit Beginn dieses Kampfes ging ich nicht zurück. Ich ging nach vorne. Meine Beine spannten sich an und die Rüstung reagierte sofort. Dieses fremdartige Material, das sich unter den Chitinplatten verbarg, bewegte sich mit meinen Muskeln, als würde es meine Absicht verstehen, bevor mein eigener Körper sie vollständig ausführte. Es war kein Gefühl wie das Tragen einer Maschine. Es war eher, als würde etwas Lebendiges meine Bewegungen unterstützen, als würde die Rüstung nicht nur meinen Körper schützen, sondern ihn erweitern.
Dann setzte ich mich in Bewegung. Ich sprintete. Der erste Schritt ließ den weichen Boden unter meinem Fuß nachgeben. Die feuchte Erde des Dschungels, bedeckt von Moos, Blättern und zerdrückten Pflanzen, wurde tief eingedrückt. Es waren keine großen Abdrücke, keine gewaltigen Löcher, wie man sie vielleicht von einem schweren Fahrzeug erwartet hätte. Es waren tiefe, konzentrierte Spuren, entstanden durch eine Kraft, die sich nicht nach außen verteilte, sondern direkt nach unten wirkte. Jeder Schritt fühlte sich anders an als früher. Schwerer. Stabiler. Unaufhaltsamer. Die Geräusche meiner Bewegung hallten zwischen den riesigen Bäumen wider. Das dumpfe Auftreffen meiner Füße mischte sich mit dem Rascheln der Blätter, dem Knacken gebrochener Äste und dem entfernten Schreien verängstigter Tiere, die längst verstanden hatten, dass sich etwas Gewaltiges in ihrem Lebensraum abspielte.
Und für einen kurzen Augenblick, nur für einen winzigen Moment, hatte ich eine seltsame Erkenntnis. Ich glaubte zu verstehen, wie sich ein Ghok gefühlt haben musste. Nicht im Denken. Nicht in seiner Brutalität. Sondern in diesem Gefühl. Diese absolute körperliche Sicherheit. Diese gewaltige Kraft. Diese Gewissheit, dass die eigene Masse und Stärke ausreichten, um Hindernisse einfach zu überwinden. Ein Ghok war kein schnelles Raubtier gewesen. Es war ein lebender Panzer. Und jetzt, mit dieser Rüstung an meinem Körper, bekam ich einen winzigen Einblick darin, warum ein solches Wesen auf Nif'Nakh selbst für mich eine solche Bedrohung gewesen war.
Doch ich war nicht mehr derjenige, der vor einem Ghok davonlaufen musste. Ich war derjenige, der jetzt auf eine Gefahr zulief. Hatileos hatte sich währenddessen wieder aufgerichtet. Sie stand zwischen den zerstörten Pflanzen, ihr Körper noch immer angespannt. Ihr verletzter Schwanz schleifte teilweise über den Boden und hinterließ eine dunkle Spur im feuchten Untergrund. Ihre Brust hob und senkte sich schnell. Die Augen waren weiterhin auf mich gerichtet. Doch diesmal war dort etwas anderes. Nicht nur Wut. Auch Verwirrung. Sie hatte gesehen, wie ich ihre Attacke überlebt hatte. Sie hatte gespürt, dass ich stärker war, als sie erwartet hatte. Aber sie hatte keine Zeit mehr, darauf zu reagieren. Ich traf sie mit voller Geschwindigkeit. Der Aufprall war gewaltig. Meine gesamte kinetische Energie entlud sich in diesem einen Moment. Es fühlte sich an, als würde ich gegen eine Wand aus Schuppen, Muskeln und Instinkt prallen. Gleichzeitig spürte ich, wie mein eigener Körper durch die Rüstung stabilisiert wurde. Kein Zittern. Kein Verlust der Kontrolle. Nur Bewegung.
Hatileos hingegen wurde die Grundlage genommen. Ihre Beine gaben nach. Die Wucht meines Angriffs riss sie vollständig von den Füßen. Sie wurde nach hinten geschleudert und schlitterte mehrere Meter über den Boden. Pflanzen wurden unter ihrem Körper zerdrückt. Erde spritzte auf. Kleine Steine wurden durch die Bewegung zur Seite geschleudert. Ich blieb nicht stehen. Ich setzte nach. Nicht aus Hass. Nicht aus Rache. Sondern weil ich wusste, dass ein einziger Moment des Zögerns reichen konnte, damit sie wieder die Kontrolle über die Situation bekam.
Als ich sie erreichte, hatte sie kaum Zeit, sich aufzurichten. Meine Faust traf ihren Bauch. Der Schlag ließ ihren gesamten Körper zusammenzucken. Ein kehliges Geräusch entrang sich ihrer Kehle. Dann spuckte sie grünes Blut aus. Es tropfte auf den Boden zwischen den Blättern und vermischte sich mit dem dunklen Erdreich des Dschungels. Für einen Moment sah ich es. Dieses Grün. Diese fremdartige Farbe. Und trotzdem wusste ich, dass dort ein lebendes Wesen vor mir stand. Eine Entscheidung, die mir später vielleicht noch schwer auf der Seele liegen würde. Doch jetzt gab es keinen Raum dafür. Hatileos versuchte zurückzuweichen. Ich ließ es nicht zu. Weitere Schläge folgten. Jeder Treffer wurde von den Schuppen abgefangen, aber nicht vollständig. Einige der harten Platten rissen auf. Kleine Stücke lösten sich und fielen zu Boden. Unter der Oberfläche wurde das darunterliegende Gewebe sichtbar. Sie war widerstandsfähig. Unglaublich widerstandsfähig. Aber selbst ihre veränderte Biologie konnte die Wucht meiner Angriffe nicht vollständig ignorieren.
Um uns herum herrschte beinahe absolute Stille. Die Polizisten und SSA Angehörigen schossen nicht. Niemand wollte eingreifen. Vielleicht, weil sie nicht wussten, wie. Vielleicht, weil sie erkannt hatten, dass jeder Schuss in diesem Moment eher eine Gefahr für mich als für Hatileos darstellen konnte. Ich hörte nur meinen eigenen Atem. Das Knacken von Ästen unter unseren Füßen. Das schwere Geräusch von Hatileos' Bewegungen.
Dann öffnete sich eine kleine Lücke. Sie hob den Kopf. Ihre Augen suchten meinen Blick. Für einen Moment dachte ich, ich hätte etwas darin gesehen. Einen Funken Bewusstsein. Eine Erinnerung. Vielleicht sogar Angst. Doch dann bewegte sie sich wieder. Also beendete ich die Bewegung. Ich drehte meinen Körper und setzte die gesamte Kraft in einen einzigen Schlag. Mein Arm bewegte sich nach oben. Der Treffer erwischte sie am Kinn. Ein sauberer Treffer. Die Wucht der Bewegung riss ihren Kopf nach hinten. Ihr Körper folgte der Kraft des Schlages. Ihre Füße verloren den Kontakt zum Boden. Hatileos wurde nach oben geschleudert. Für einen Moment schwebte sie tatsächlich in der Luft. Die Sonne, die durch die dichten Blätter des Dschungels fiel, spiegelte sich auf ihren graugrünen Schuppen, während sie sich schwerelos zu drehen begann.
Alle um uns herum starrten nur. Niemand sagte etwas. Und ich selbst stand dort, meine Hände noch immer erhoben, meine Atmung schwer, während mir langsam bewusst wurde, was gerade passiert war. Ich hatte nicht mehr gegen eine Bedrohung gekämpft. Ich hatte gegen ein Wesen gekämpft, das stärker war, schneller war und gefährlicher hätte sein müssen. Und trotzdem lag der Ausgang dieses Kampfes gerade in meinen Händen.

Ich hatte noch nicht einmal vollständig begriffen, was gerade geschehen war. Hatileos befand sich noch in der Luft, ihr Körper von meinem letzten Schlag hochgerissen, die Bewegung ihrer Gliedmaßen unkontrolliert, während feiner Staub und zerrissene Blätter um sie herum durch die aufgewirbelte Luft tanzten. Das Licht der Sonne brach durch die dichte Decke aus Blättern und Ästen und ließ einzelne Strahlen wie schmale goldene Säulen zwischen den gewaltigen Bäumen erscheinen. Der Geruch des Dschungels lag schwer in der Luft: feuchte Erde, zerdrückte Pflanzen, der metallische Geruch von Blut und der scharfe Duft von aufgerissener Rinde, die durch den Kampf beschädigt worden war.
Meine Aufmerksamkeit war noch vollständig auf Hatileos gerichtet. Bis sich etwas bewegte. Oben. Zwischen den Baumkronen. Zuerst hielt ich es für einen weiteren Schatten, der durch die Bewegung der Blätter entstanden war. Die riesigen Kronen der Bäume schwankten leicht im Wind, obwohl der Dschungel ansonsten fast still geworden war. Doch dann erkannte ich eine Kontur, die nicht zu den natürlichen Formen der Umgebung passte. Eine Gestalt. Ein Körper. Ein Lebewesen. Der Schatten löste sich aus dem Grün der Baumkronen und bewegte sich nach vorne. Für einen kurzen Moment verstand mein Verstand nicht, was meine Augen sahen. Dann erkannte ich die blauen Schuppen. Thovareus. Meine Augen weiteten sich. Ich war vollkommen überrascht. Nicht nur darüber, dass er dort oben war, sondern vor allem darüber, dass ich nicht die geringste Ahnung hatte, wann er überhaupt dort hingekommen sein konnte.
"Thovareus?"
Meine eigene Stimme klang beinahe fremd in meinen Ohren. Der Teladi bewegte sich lautlos durch die Äste. Für ein Wesen seiner Größe hätte ich erwartet, dass jede Bewegung verräterische Geräusche verursachte. Doch er bewegte sich anders, als ich es von ihm kannte. Nicht langsam. Nicht gemächlich. Nicht wie der ruhige und überlegte Wirtschafter, der mich auf Altrix Nova begleitet hatte. Er bewegte sich zielgerichtet. Jede Bewegung hatte einen Zweck. Seine blauen Schuppen reflektierten das grüne Licht des Dschungels und erzeugten einen beinahe unwirklichen Eindruck. Zwischen den Schatten der Blätter wirkte er wie ein Teil der Umgebung und gleichzeitig wie etwas Fremdes, das dort nicht hingehörte. Aber am meisten fiel mir die Waffe in seiner Hand auf. Eine Klinge. Sie war nicht groß im Vergleich zu menschlichen Waffen, aber sie hatte eine Form, die ich sofort als fremdartig erkannte. Die Oberfläche war geschwungen und mit feinen Verzierungen versehen. Eingearbeitete Muster zogen sich über das Material, organisch wirkende Linien, die fast wie Pflanzenranken aussahen, aber gleichzeitig eine technische Präzision besaßen. Eine teladianische Waffe. Davon war ich überzeugt. Aber mehr wusste ich nicht. Und genau dieser Gedanke traf mich in diesem Moment besonders deutlich. Ich hatte so viel gesehen. Ich hatte mit Split gelebt. Ich hatte die Teladi auf Zura kennengelernt. Ich hatte Aldrianer, Argonen und Boronen getroffen. Und trotzdem wusste ich so wenig. Selbst bei den Argonen, deren Kultur mir vermeintlich am vertrautesten war, gab es unzählige Dinge, die mir verborgen blieben. Traditionen, Bräuche, Bedeutungen von Symbolen und Gegenständen, die für die Menschen dieses Universums selbstverständlich waren. Ich war jemand, der zwischen den Kulturen stand. Aber ich war noch lange kein Teil von ihnen. Und Thovareus erinnerte mich gerade daran. Denn ich wusste nicht einmal, was diese Klinge bedeutete. Doch ich wusste, was er vorhatte. Ich musste nicht fragen. Nicht nach seinen Worten suchen. Nicht seine Gedanken lesen. Seine Körperhaltung verriet alles. Sein Blick lag auf Hatileos. Nicht mit der wissenschaftlichen Neugier, die er zuvor gezeigt hatte. Nicht mit der Sorge eines Händlers. Sondern mit einer tiefen, beinahe schmerzhaften Entschlossenheit.
Er hielt die Klinge so, dass sie nach unten zeigte. Sein Arm war angespannt. Sein Körper leicht nach vorne geneigt. Der Winkel, in dem er sich aus den Baumkronen löste, war perfekt. Er wollte nicht landen. Er wollte zuschlagen. Er wollte den Fall nutzen. Er wollte Hatileos durchbohren, bevor sie wieder reagieren konnte. Und plötzlich verstand ich. Thovareus wollte sie töten. Nicht festnehmen. Nicht stoppen. Töten. Vielleicht sah er in ihr nicht mehr nur die Teladi, die er kennengelernt hatte. Vielleicht sah er nur noch die Spur aus Blut und Zerstörung, die sie hinterlassen hatte. Die zerstörte Schleuse. Die Toten auf der Korvette. Die verstümmelten Körper im Dschungel. Das Ei. Alles, was wir gefunden hatten. Vielleicht hatte auch er irgendwann eine Grenze erreicht.
Ich wollte etwas sagen. Ich wollte seinen Namen rufen. Doch in dem Moment passierte etwas. Etwas, das ich bereits kannte. Die Welt veränderte sich. Nicht plötzlich. Nicht wie eine Explosion. Es war eher, als würde die Realität selbst langsamer werden. Das Geräusch des Dschungels verschwand. Die Blätter, die gerade noch durch die Luft gefallen waren, blieben stehen. Staubpartikel schwebten regungslos zwischen den Lichtstrahlen. Ein Tropfen grünes Blut, der sich von Hatileos gelöst hatte, blieb wie eine kleine Kugel in der Luft hängen. Thovareus bewegte sich nicht mehr. Zumindest nicht in einer Geschwindigkeit, die mein Verstand erfassen konnte. Seine Klinge befand sich nur noch wenige Zentimeter von Hatileos entfernt. Der Moment vor dem Einschlag. Der Moment vor der endgültigen Entscheidung. Und ich wusste sofort, was das bedeutete. Ich hatte dieses Gefühl schon erlebt. Mehr als einmal. Diese unnatürliche Stille. Diese Veränderung der Wahrnehmung. Diese Präsenz, die nicht sichtbar war und sich trotzdem überall befand. Die Ancients. Oder genauer gesagt: ihre Abgesandten. Die Sohnen. Immer wenn sie eingriffen, fühlte es sich an, als würde die Zeit selbst kurz innehalten, als würde das Universum einen Atemzug lang warten. Ich konnte mich bewegen. Ich konnte denken. Aber ich wusste, dass etwas außerhalb meiner Kontrolle geschehen war. Etwas, das weit über meine Möglichkeiten hinausging. Ich stand zwischen zwei Entscheidungen. Thovareus, der aus seinem Schmerz und seiner Wut heraus handeln wollte. Und Hatileos, die vielleicht selbst nicht mehr vollständig verstand, was sie getan hatte. Und irgendwo über all dem standen Wesen, deren Alter und Macht jede Vorstellung überstiegen. Die Warnung des Ancient kam mir wieder in den Sinn.
'Halte dich aus den Plänen der Ancients heraus. Führe ein ruhiges Leben.'
Damals hatte ich geglaubt, ich hätte verstanden, was damit gemeint war. Ich hatte gedacht, es ging um Politik. Um Macht. Um das Gleichgewicht zwischen den Völkern. Aber vielleicht war das nur ein kleiner Teil davon gewesen. Vielleicht ging es darum, dass manche Ereignisse größer waren als einzelne Personen. Und trotzdem stand ich jetzt hier. Mitten in einem solchen Ereignis. Vor mir eine Teladi, die durch eine genetische Verbindung zweier Völker etwas Neues geworden war. Hinter mir meine eigene Vergangenheit. Und über mir die Hand eines Wesens, das entschieden hatte, diesen einen Moment anzuhalten.

Doch dann geschah etwas, womit ich nicht gerechnet hatte. Die Präsenz, die ich erwartet hatte, erschien nicht. Kein Sohnen. Kein Ancient. Kein Wesen, das durch eine unbegreifliche Technologie oder eine Macht, die mein Verständnis überstieg, aus den Tiefen des Universums zu mir gesandt worden war. Zumindest soweit ich es erkennen konnte. Denn das Wesen, das vor meinen Augen entstand, sah aus wie ich. Nicht ähnlich. Nicht entfernt verwandt. Sondern erschreckend ähnlich. Es war, als hätte jemand mein eigenes Spiegelbild aus einer anderen Zeit genommen und vor mich gestellt. Für einen kurzen Moment konnte ich nichts anderes tun, als ihn anzusehen. Die Umgebung um uns herum war noch immer vollkommen erstarrt. Die Schüsse standen regungslos in der Luft, Blätter schwebten ohne Bewegung zwischen den Baumkronen, und selbst der Staub, der durch den Kampf aufgewirbelt worden war, hatte jede Dynamik verloren. Die gesamte Lichtung wirkte wie ein eingefrorenes Gemälde. Nur wir beide bewegten uns. Nur wir beide existierten in diesem Moment. Das Wesen vor mir hatte meine Gesichtszüge. Die gleiche Form des Gesichts, ähnliche Konturen, dieselbe grundlegende Statur. Selbst die Art, wie er mich ansah, erinnerte mich auf unheimliche Weise an meine eigene Art, Dinge zu beobachten.
Doch zwei Dinge passten nicht. Seine Augen. Meine Augen waren grünblau. Je nach Licht wirkten sie manchmal fast türkis, manchmal eher petrolfarben. Ich hatte nie besonders darüber nachgedacht, weil es für mich einfach ein Teil meines Aussehens war. Doch seine Augen waren anders. Sie waren grüngelb. Ein helles Oliv, beinahe wie das sanfte Grün einer jungen Pflanze, das von warmem Licht getroffen wurde. Und dann waren da seine Haare. Meine waren kurz und schwarz. Seine Haare dagegen waren unglaublich lang. Sie fielen ihm wie ein silberblonder Vorhang über den Rücken und reichten tatsächlich bis zu seinen Fersen. Jede einzelne Strähne schimmerte im künstlichen Licht der Zeitblase, als würde sie aus feinsten Metallfasern bestehen. Dieser Anblick ließ mich unwillkürlich an Xandra denken. Ihre blonde Haarpracht hatte manchmal ebenfalls diesen silbrigen Schimmer, besonders wenn Licht darauf fiel. Auch ihre Haare waren ungewöhnlich fein und wirkten fast unnatürlich glatt. Ein Gedanke formte sich in meinem Kopf. Eine Vermutung. Eine, die so absurd erschien, dass ich sie eigentlich nicht aussprechen wollte. Doch bevor ich darüber nachdenken konnte, entwich der Name meinen Lippen.
"Toru Haiiro."
Das Wesen vor mir lächelte leicht. Dann begann er langsam von oben herabzuschweben. Nicht wie jemand, der fiel. Nicht wie jemand, der durch eine Schwerkraft beeinflusst wurde. Es wirkte eher so, als würde die Realität selbst entscheiden, dass er sich bewegen durfte. Er kam direkt vor mir zum Stillstand. Dann sah er mich an.
"Tori Grau."
Für einen Moment sagte keiner von uns etwas. Wir standen einfach nur da. Zwei Versionen derselben Existenz, getrennt durch Zeit, Erfahrungen und Umstände. Dann mussten wir beide lachen. Es war ein seltsamer Moment. Fast schon absurd. Mitten in einer Katastrophe, während um uns herum ein Kampf eingefroren war, standen zwei Männer, die sich selbst ähnlich sahen, und lachten über die Tatsache, dass das Universum offenbar einen eigenartigen Sinn für Humor hatte. Niemand sonst bemerkte es. Für alle anderen existierte dieser Moment nicht.
"Du bist Xandras Vater", sagte ich schließlich.
Mein Gegenüber nickte. "Ja. Danke, dass du auf meine Tochter aufpasst."
Diese Worte trafen mich stärker, als ich erwartet hatte. Nicht wegen des Inhalts. Sondern wegen der Selbstverständlichkeit, mit der er es sagte. Für ihn war es offensichtlich. Er hatte gesehen, was geschehen war. Er wusste, dass Xandra bei mir war. Er wusste, dass ich mich um sie kümmerte.
"Was ist mit dir geschehen?"
Toru sah für einen Moment zur Seite. Sein Blick wurde nachdenklicher. "Die Geschichte ist lang."
Ich deutete mit einer Handbewegung auf die eingefrorene Umgebung. "Wir haben Zeit."
Er lächelte leicht. "Nicht wirklich."
Ich hob fragend eine Augenbraue. "Was meinst du damit?"
"Es ist nur eine lokale Zeitblase. Sie hält diesen Moment isoliert. Sie wird sich bald von selbst auflösen."
Ich betrachtete die unbewegten Gestalten um uns herum. "Die Kurzform?"
Toru dachte kurz nach. "Ich bin durch die Gemeinschaft der Planeten gereist und hatte unerwartet ... Probleme."
"Die aldrianische Physiologie?"
"Auch." Er machte eine kurze Pause. "Aber das eigentliche Problem war technischer Natur. Mir fehlten kompatible Ersatzteile."
Ich musste kurz schmunzeln. "Es sind die Details."
Toru sah mich an. "... die einem das Genick brechen."
Wir lachten erneut. Es war merkwürdig vertraut. Als würden wir nicht über ein Ereignis sprechen, das irgendwo zwischen Leben, Tod und Existenz lag, sondern über eine alltägliche Erfahrung.
"Die Ancients und Sohnen hielten mich anscheinend für würdig genug, mich zu retten und zum Wächter dieses Sonnensystems zu machen."
Meine Neugier war sofort geweckt. "Das ist faszinierend. Und du lebst jetzt wo?"
Toru schwieg kurz. Sein Blick wurde ruhiger. "Fixieren wir uns nicht zu sehr auf das Wort 'Leben'." Diese Antwort ließ mich aufmerksam werden. "Jedes Sprungtor besitzt eine eingebaute Computroniumkugel. Um ein Wurmloch dauerhaft aufrechtzuerhalten, benötigt man enorme Rechenleistung. Permanentes Feintuning, Berechnungen, Anpassungen, Kontrolle." Er deutete nach oben, obwohl dort nur die eingefrorene Atmosphäre zu sehen war. "Mein Bewusstsein existiert in einer dieser Kugeln."
Ich schwieg. Es war eine der wenigen Situationen, in denen mir wirklich die Worte fehlten. Ein Bewusstsein. Nicht in einem Körper. Nicht an einem Ort. Sondern als Teil einer gigantischen Struktur, die das Fundament des gesamten Sprungtornetzwerkes bildete. Nach einigen Sekunden wurde die Stille unangenehm.
"Was nun?", fragte ich.
Toru sah wieder zu Hatileos. "Ich werde Hatileos und ihre Nachkommen mitnehmen."
"Wohin?"
Er überlegte kurz. "Zuerst ins ... Virtuseits."
Ich verzog das Gesicht. Der Begriff sagte mir nichts. Toru bemerkte meine Reaktion. "Blatant ausgedrückt ist das Virtuseits ein digitaler Ort."
Ich hob eine Augenbraue. "Sowas wie eine virtuelle Realität? Der Ort, an dem die Ancients leben? In Computroniumkugeln?"
Jetzt war Toru überrascht. "Mir war bekannt, dass du bereits Kontakt zu einem Ancient und zu Sohnen hattest. Aber dass du so gut darüber Bescheid weißt, überrascht mich."
Ich zuckte mit den Schultern. "Ich hatte ungewöhnliche Begegnungen."
Toru lächelte leicht. "Das scheint bei dir häufiger vorzukommen." Dann wurde sein Gesicht wieder ernst. "Auf Weisung der Ancients wird Hatileos mit ihrer Brut auf einen unbewohnten Planeten umgesiedelt. Einen Planeten, der von allen bekannten Tornetzwerken getrennt ist."
"Wo sie in einigen tausend Jahren durch genetische Drift aussterben", vermutete ich. "Sofern sie sich nicht selbst dazu entscheiden, freiwillig auszusterben."
Toru nickte langsam. "Oder durch genetische Assimilation zu einer neuen Spezies werden."
Diese Worte ließen mich verstummen. "Davor haben die Ancients Angst, nicht wahr?" Ich sah ihn direkt an. "Dass die Teladi diese Fähigkeit zu früh entdecken."
Toru antwortete ohne Zögern. "Die Teladi wissen um diese Fähigkeit."
Ich war überrascht. "Sie wissen es?"
"Ja. Aber ihnen fehlt der Kontext. Sie betrachten die Parthenogenese ausschließlich innerhalb ihrer eigenen Spezies. Nicht in Verbindung mit anderen Lebensformen." Er sah zu Hatileos. "Es gibt einige Wissenschaftler und Philosophen auf Zura, die bereits in diese Richtung denken. Aber ihre Arbeiten stehen noch ganz am Anfang."
Dann drehte er sich um. Er hob eine Hand. Und plötzlich veränderte sich die Umgebung. Aus der Luft erschienen Formen. Eier. Dutzende. Sie tauchten überall auf, schwebten lautlos zwischen den eingefrorenen Pflanzen und Körpern. Einige waren graugrün. Ihre Oberfläche erinnerte an die Schuppenfarbe von Hatileos. Andere hatten zusätzlich einen rötlichen Schimmer. Einen fremden, warmen Farbton, der nicht zu einer normalen Teladi-Entwicklung passte.
"Sind das ..."
"Ja." Toru blickte auf die Eier. "Das sind Hatileos' Eier. Ihre Nachfahren." Er deutete zuerst auf die graugrünen Eier. "Einige direkte Ableger." Dann zeigte er auf die anderen. "Einige bereits ... angepasst."
Das Wort blieb in meinem Kopf hängen. Angepasst. Ein harmloses Wort für etwas, das alles andere als harmlos war. Hatileos hatte es tatsächlich getan. Sie hatte die Aldrianer nicht nur angegriffen. Sie hatte versucht, ihre Eigenschaften in ihre eigene Linie einzubauen. Sie hatte DNA aufgenommen. Sie hatte optimiert.
"Ist Hatileos mental instabil?"
Toru dachte lange nach. "Das ist schwer zu sagen." Er sah zu der Teladi. "Sie hatte auf alle Fälle kein normales teladianisches Leben."
"Und das soll heißen ...?"
"Dass die Umstände sie zu dem Individuum gemacht haben, das sie jetzt ist. So wie sie uns alle formen."
Ich beobachtete, wie sich digitale Linien über die Eier bewegten. Feine Strukturen liefen über ihre Oberfläche, bevor sie sich in goldenen und saphirfarbenen Funken auflösten. Dann hörte ich eine Stimme. Leise. Gebrochen.
"Meine ... Kinder ..." Hatileos.
Toru wurde ernster. "Das Zeitfeld kann nicht länger aufrechterhalten werden. Es bekommt bereits Risse." Er sah mich an. "Es wird bald zusammenbrechen."
Dann bewegte er sich zu Hatileos. Er berührte sie. Sofort erschienen auch auf ihrem Körper digitale Linien. Ihr Körper begann sich langsam ebenfalls in goldenen und saphirfarbenen Funken aufzulösen.
"Ich ... wollte ... eine ... überlegene ... Razze ... erzchaffen ..."
Da war sie. Die wahre Hatileos. Nicht das Monster. Nicht nur die Bedrohung. Sondern das Ergebnis eines Lebens, das niemals normal gewesen war. Ich verstand plötzlich, was Toru gemeint hatte. Nif'Nakh. Die Isolation. Nopileos, die nur wenige Jazuras in ihrem Leben gewesen war. Hatrak, ihre Split-Mutter, die sie zwar aufzog, aber fernab jeder anderen Gemeinschaft. Keine anderen Teladi oder Split. Keine anderen Kulturen. Keine wirkliche Verbindung zur Welt. Nur Einsamkeit. Und dann plötzlich die gesamte Vielfalt der Gemeinschaft der Planeten. So viele Möglichkeiten. So viele Formen des Lebens. So viele Ideen. Vielleicht war das zu viel gewesen. Vielleicht hatte etwas in ihr darauf reagiert.
"Wenn Hatileos Nif'Nakh niemals verlassen hätte ... wäre sie dann so geworden wie jetzt?"
Toru sah mich ernst an. "Ich weiß es nicht." Er schwieg kurz. "Ich kann nur vermuten, dass die geballte Freiheit und Vielfalt der Gemeinschaft etwas in ihr ausgelöst hat."
Die Zeit begann zurückzukehren. Ich spürte es. Die Starre löste sich. Geräusche kehrten zurück. Der Wind bewegte wieder die Blätter. Doch Toru begann bereits zu verblassen. Sein letzter Blick galt mir.
"Kümmere dich bitte um meine Tochter." Er lächelte leicht. "Und vergib Valen. Er mag ein alter Sturkopf sein, aber seine Loyalität gilt zweifellos Xandra."
Ich sah ihn an. "Soll ich sie von dir grüßen?"
Sein Gesicht veränderte sich. Zum ersten Mal sah ich nicht den Wächter. Nicht das Wesen, das in einem Computronium existierte. Sondern einfach einen Vater.
"Gerne." Er hob eine Hand. "Hier. Ein Geschenk."
Vor mir erschienen zwei kleine schwarze Karten. Sie schwebten kurz in der Luft. Ihre Oberfläche war vollkommen dunkel, doch darin bewegten sich pinkfarbene holografische Muster wie lebendige Energie. Sie erinnerten an Kreditkarten. Doch ich wusste sofort, dass sie etwas anderes waren. Noch bevor ich fragen konnte, verschwamm Torus Gestalt. Dann war er weg. Die Zeit setzte wieder ein. Der Wind rauschte durch den Dschungel. Die Schüsse erklangen wieder. Die Stimmen der Argonen kehrten zurück. Hatileos war verschwunden. Die Eier waren verschwunden. Und in meinen Händen hielt ich zwei schwarze Karten mit pink schimmernden Einschlüssen. Ich sah sie an. Und wusste, dass meine Begegnung mit Toru Haiiro mein Verständnis von Leben, Evolution und dem Universum für immer verändert hatte.

Der Aufprall kam so plötzlich, dass ich kaum reagieren konnte. Noch wenige Augenblicke zuvor hatte ich versucht, die letzten Eindrücke dieses vollkommen surrealen Moments zu verarbeiten, den wieder einsetzenden Geräuschen des Dschungels zu folgen und zu begreifen, dass ich gerade mit einem Wesen gesprochen hatte, das gleichzeitig fast mein Ebenbild, Xandras Vater und ein Teil einer Existenz war, die weit über mein Verständnis hinausging. Dann riss mich ein gewaltiger Stoß aus diesen Gedanken. Etwas Schweres traf mich mit voller Geschwindigkeit und rammte mich zurück auf den feuchten Boden der Lichtung. Die Luft wurde mir aus den Lungen gepresst, der weiche Untergrund unter meiner Rüstung gab nach und feuchte Erde drückte sich zwischen die Platten der Ghok-Rüstung. Der Geruch des Dschungels, der zuvor von nassem Holz, fremdartigen Pflanzen und der warmen Luft der Insel geprägt gewesen war, wurde plötzlich von dem metallischen Geruch verbrannter Energiewaffen und dem erdigen Aroma aufgewühlten Bodens überlagert. Über mir lag ein schwerer Körper, und für einen Moment wusste ich nicht einmal, was geschehen war. Dann erkannte ich Thovareus. Der männliche Teladi mit den blauen Schuppen hatte mich mit solcher Wucht getroffen, dass selbst die verstärkte Rüstung nachgegeben hatte. Seine Klauen waren noch angespannt, sein Körper unter sichtbarer Anspannung, und seine Augen suchten hektisch die Umgebung ab, als würde er erst jetzt wieder verstehen, wo er sich befand. Wenige Sekunden später bemerkte er, dass ich unter ihm lag. Sein Gesichtsausdruck veränderte sich sofort. Die zuvor angespannte Haltung wich einer Mischung aus Schock, Verlegenheit und ehrlicher Bestürzung.
"Tori!" rief er erschrocken. "Ich bitte um Verzzzeihung. Hatileosss issst plötzzzlich verssschwunden."
Mit einer hastigen Bewegung richtete er sich auf und kroch von mir herunter. Dabei achtete er darauf, mich nicht noch einmal mit seinen kräftigen Gliedmaßen oder den scharfen Klauen zu verletzen. Seine blauen Schuppen wirkten im Licht der untergehenden Sonnen beinahe violett, während sich kleine Staubpartikel auf seiner Oberfläche absetzten. Er sah mich an, als hätte er gerade erst realisiert, dass er beinahe denjenigen verletzt hatte, den er eigentlich schützen wollte.
"Alles in Ordnung", sagte ich und richtete mich langsam auf.
Meine Muskeln protestierten, aber die Rüstung hatte den größten Teil der Wucht abgefangen. Trotzdem spürte ich den Nachhall des Aufpralls noch in meinem gesamten Körper. Doch die Entschuldigung von Thovareus war nicht das Einzige, was nun auf mich wartete. Die Blicke der anderen waren weitaus schwerer.
Gal stand einige Meter entfernt und musterte mich mit ihren ruhigen, aber äußerst aufmerksamen Blick. Ich kannte diesen Ausdruck bei ihr. Es war derselbe Blick, den jemand entwickelte, der jahrelang im Geheimdienst gearbeitet hatte und gelernt hatte, zwischen dem Gesagten und dem Ungesagten zu unterscheiden.
Tahl dagegen wirkte sichtbar verwirrt. Seine Stirn war gerunzelt, seine Arme leicht angespannt, und sein Blick wanderte immer wieder zwischen mir und der Stelle hin und her, an der Hatileos verschwunden war.
Caroline stand etwas abseits. Ihre silbernen Cyberpatches an den Schläfen reflektierten das Licht, während ihre Augen jede noch so kleine Bewegung analysierten. Ihre Haltung verriet nichts, doch ich erkannte, dass in ihrem Kopf bereits unzählige Fragen entstanden waren. Fragen, auf die ich Antworten geben könnte. Ich hätte ihnen vieles erklären können. Ich hätte von Toru erzählen können. Von den Ancients. Von den Sohnen. Von der wahren Natur der Teladi. Von dem, was Hatileos wirklich gewesen war und warum ein Eingreifen dieser Größenordnung notwendig geworden war. Doch ich tat es nicht. Nicht, weil ich ihnen misstraute. Nicht, weil ich sie für unwürdig hielt. Sondern weil manche Informationen eine Verantwortung waren. Manche Erkenntnisse veränderten den Blick auf die gesamte Existenz. Und ich wusste nicht, ob diese Lebewesen und diese Galaxie bereit dafür waren.
Also gab ich ihnen nur einen kleinen Teil der Wahrheit. "Die Sohnen wurden von den Ancients beauftragt, Hatileos aus der Gemeinschaft zu entfernen."
Für einen Moment sagte niemand etwas. Es war, als hätte der Satz ein Gewicht bekommen, das schwerer war als die Worte selbst. Dann kamen die Fragen. Natürlich kamen sie.
"Warum haben die Ancients eingegriffen?" fragte ein Polizist schließlich. Seine Stimme war ruhig, aber seine Augen verrieten seine Neugier.
"Was war an Hatileos so besonders?" wollte eine andere wissen. "Oder so gefährlich?"
Caroline sagte nichts, aber ihr Blick stellte dieselbe Frage. Sie musste sie nicht einmal aussprechen. Ich sah ihre Gesichter. Die Unsicherheit. Die Suche nach Zusammenhängen. Den Versuch, aus wenigen Informationen ein vollständiges Bild zu erschaffen.
Doch ich blieb bei meiner Antwort. "Darüber kann ich euch keine vollständige Auskunft geben."
Mehr sagte ich nicht. Nicht auf dem Rückweg durch den Dschungel. Nicht während wir über die zerstörte Lichtung gingen. Nicht, als wir wieder an den Stellen vorbeikamen, an denen noch die Spuren des Kampfes zu sehen waren. Der Weg zurück zum Strand fühlte sich anders an als der Hinweg. Vorher waren wir Jäger gewesen, die eine Gefahr suchten. Jetzt waren wir Zeugen von etwas, das weit größer war als ein einzelner Angriff. Die Geräusche des Dschungels wirkten wieder normal. Das Rascheln der Blätter, die entfernten Rufe unbekannter Tiere und das Knacken von Ästen unter unseren Schritten bildeten eine seltsame Normalität nach den Ereignissen, die wir erlebt hatten. Doch niemand sprach viel. Jeder war mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt.
Als wir schließlich den Strand erreichten, wartete dort bereits der umgebaute Spacetruck. Die Oberfläche des Fahrzeugs glänzte im Licht der Sonne, während die Sensoranlagen weiter über die Insel tasteten. Einige SSA-Investigatoren standen noch immer an ihren Geräten und überprüften die Daten, obwohl längst klar war, dass von Hatileos keine Spur mehr vorhanden war. Bevor ich zusammen mit Gal, Tahl und den anderen an Bord ging, blieb Caroline noch einmal stehen. Sie hatte ihre Arme leicht verschränkt und sah mich mit einem Ausdruck an, den ich nicht eindeutig einordnen konnte. Es war keine Feindseligkeit. Kein Misstrauen im klassischen Sinne. Aber es war auch keine Freundschaft. Es war der Blick einer Ermittlerin, die wusste, dass jemand vor ihr Geheimnisse besaß.
"Ich behalte dich im Auge." Ihre Stimme war ruhig, fast sachlich. Keine Drohung. Eher eine Feststellung.
Ich nickte langsam. Ich glaubte nicht, dass ich in Caroline Watanabe eine neue Feindin gefunden hatte. Dafür war ihre Haltung zu professionell und ihr Pflichtbewusstsein zu stark. Aber ein Freund war sie vermutlich ebenfalls nicht. Noch nicht. Vielleicht würde sie mich irgendwann besser verstehen. Vielleicht auch nicht.
Dann stieg ich in den Spacetruck. Während das Fahrzeug langsam abhob und die Geräusche der Insel unter uns kleiner wurden, dachte ich an die Ereignisse der letzten Stunden. An Hatileos. An Toru. An die beiden schwarzen Karten, die noch immer sicher verstaut waren. Und an die Erkenntnis, dass manche Begegnungen nicht einfach vorbei waren, nur weil die Person verschwunden war.
Valen und die anderen Überlebenden der aldrianischen Korvette wurden währenddessen von den Rettungskräften nach Altrix Nova gebracht. Dort befand sich die einzige medizinische Einrichtung in Reichweite, die mit der besonderen aldrianischen Physiologie umgehen konnte. Die Verletzten wurden unter intensiver Überwachung behandelt, während Wissenschaftler und Mediziner versuchten, die Folgen des Angriffs zu verstehen.
Die Korvette selbst blieb noch einige Tage auf Isla Rica zurück, bis Misoras Bergungsteams eintrafen. Mit schwerem Gerät und spezialisierten Drohnen wurde das Schiff Stück für Stück gesichert. Misora hatte den Auftrag persönlich überwacht, auch wenn sie nicht jede Phase der Bergung selbst begleiten konnte. Die beschädigte aldrianische Korvette wurde schließlich von ihren Leuten geborgen und zu ihrem Schrottplatz transportiert. Dort würde sie untersucht, zerlegt und vielleicht eines Tages wieder Teile ihrer Geheimnisse preisgeben. Doch ich wusste, dass die wichtigsten Antworten nicht in den Metallplatten des Schiffes verborgen lagen. Sie lagen in den Dingen, die ich erfahren hatte. Und in den Fragen, die dadurch erst entstanden waren.