[EX16] Isekai no Xistence

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Tom
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Re: [EX16] Isekai no Xistence

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Kapitel 15 - Überlegungen

Ich spürte das Wasser um mich herum, schwerer als die Luft, die ich sonst atmete, und doch vertraut nach all den Reisen mit Bi Fi. Mein Umweltanzug passte sich perfekt an meinen Körper an, hielt mich warm und ließ mich frei schwimmen. Neben mir glitt Tahl ruhig durchs Wasser, sein Gesichtsausdruck neutral, wie immer, nur die Augen wachsam auf die Umgebung gerichtet. Bi Fi schwebte elegant ein Stück über uns, die Tentakel sacht pulsierend, als wolle er uns vorantreiben, ohne je zu drängeln.
Die Zuchtanlage erstreckte sich in einem beeindruckenden Labyrinth aus transparenten Röhren und kuppelförmigen Becken. Grünes, blaues und rot-orangefarbenes Licht schimmerte durch das Wasser, reflektierte an den Glaskuppeln und erzeugte ein fast hypnotisches Spiel von Schatten und Farbreflexionen. Überall waren die Algen dicht gewachsen, manche in langen, schmalen Bändern, andere wie buschige Sträucher, fast wie winzige Unterwasserbäume.
Der zuständige Betreuer, ein Borone mittleren Alters, schwamm auf uns zu, nickte respektvoll und begann zu sprechen: "Willkommen in unserer Anlage. Hier züchten wir die grundlegenden Algenarten, die für das Boronische Ökosystem essenziell sind. Es gibt die Chlorospec, eine grünliche, schnell wachsende Alge, reich an Proteinen und Mineralien – ideal als Grundnahrung. Dann die Rubrocea, rötlich-violett, eher langsam wachsend, aber sehr gehaltvoll in Vitaminen, vor allem für die Immunstärkung. Die Blauflorens liefert essentielle Fettsäuren und Pigmente, die wir in der Farbstoffherstellung nutzen, aber auch in Nahrungsmitteln für Geschmack und Farbe. Schließlich die Macroplanktos, große, strauchartige Algen, die wir sowohl als Filtermedium im Wasser nutzen als auch getrocknet zu Pulver für Nahrungsergänzungen verarbeiten."
Er deutete mit einer Tentakelbewegung auf ein Becken, das besonders dicht bewachsen war. "Mit diesen Algen lassen sich unzählige Produkte herstellen: Nahrung, sowohl frisch als auch getrocknet oder gepresst, Nahrungsergänzungsmittel, Farb- und Aromastoffe, sogar medizinische Präparate, da einige Algen bioaktive Stoffe enthalten, die die Heilung fördern oder die Widerstandskraft erhöhen. Wir experimentieren auch mit der Fermentation, um neue Konsistenzen und Geschmacksprofile zu erzeugen, die in den Anshin Yateis sehr beliebt wären. Außerdem liefern sie Sauerstoff und helfen, das Wasser zu stabilisieren – ein kleiner, aber wichtiger Teil unseres ökologischen Kreislaufs."
Ich schwamm langsamer, ließ die Worte auf mich wirken und betrachtete jede Alge eingehend. Die Struktur, die Farben, das Schimmern im Wasser – es war faszinierend. Tahl schwieg neben mir, aber ich konnte die Andeutung eines Lächelns in seinen Augen erkennen. Bi Fi beobachtete mich, die Tentakel leicht nach oben ausgerichtet, als wollte er sicherstellen, dass ich keine der Details übersehe.
Mir schoss der Gedanke durch den Kopf: Die Transportkosten nach Argon Prime werden astronomisch sein. Aber wenn ich das richtig plane… eigene Frachter, eigene Piloten, ein kontinuierlicher Fluss von Algen und Plankton, direkt aus dem System Königstal… Ich spürte ein Kribbeln der Aufregung. Plötzlich war die Zuchtanlage nicht nur ein Wunder für die Augen, sondern ein Schlüssel zu einer neuen Ebene meines Unternehmens.
Ich nickte Bi Fi zu. "Das ist unglaublich. Ich muss darüber nachdenken, wie wir das alles effizient nach Argon Prime bringen können. Tahl, ich glaube, wir müssen wirklich über eigene Frachter nachdenken."
Tahl nickte langsam, ruhig, seine Hand ruhte kurz auf meiner Schulter – ein stilles Zeichen der Zustimmung. Bi Fi schwebte ein Stück zurück, seine Augen funkelten im Licht des Wassers, fast so, als wüsste er, dass er gerade Zeuge von etwas Größerem wurde: den ersten Schritten eines Projekts, das weit über die bloße Zucht von Algen hinausgehen würde.

Ich saß wieder in Popo Das Büro, die gläserne Front gab den Blick auf die sanften Wellen oberhalb der Unterwasserstadt frei. Die beiden Ebenen seines Büros wirkten fast surreal – unten glitzerte das Wasser mit den Algenbeeten, oben lag die Luftschicht wie eine eigenständige Welt darüber. Ich lehnte mich leicht nach vorn, meine Hände auf den Schreibtisch gestützt, und ließ die Worte sorgfältig abwägen, bevor sie meine Lippen verließen.
"Popo Da, Bi Fi," begann ich, die Blicke zwischen beiden wandernd, "ich würde gern einige Pflanzenmuster mitnehmen – Algen, BoFu, alles, was wir hier gesehen haben – um zu prüfen, wie sie sich in der Umgebung von Argon Prime entwickeln. Ich möchte testen, wie sie sich verändern, ob sie weiterhin nutzbar bleiben, und ob wir daraus neue Produkte herstellen können." Ich spürte ein leichtes Flattern in meinem Bauch, diese Mischung aus Respekt und Geschäftseifer, und zog die Lippen ein wenig zusammen, während ich auf ihre Reaktionen wartete.
Bi Fi nickte leicht, seine Tentakel zuckten sacht, als würde er innerlich abwägen, während Popo Da die Hände vor der Brust verschränkte, die Gesichtszüge konzentriert. Ich hielt kurz inne, um die Wirkung meiner nächsten Worte zu verstärken: "Im Gegenzug biete ich an, dass das boronische Diplomatencorps exklusiven Zugang zu den neuen Gerichten erhält, bevor wir sie in die Menüs der Anshin Yateis aufnehmen. So profitieren eure Botschaften direkt von den Experimenten."
Ich lehnte mich etwas zurück, atmete tief ein und fuhr fort, meine Stimme fest, aber nicht fordernd: "Außerdem würde ich gern erneut nach Ni’sha’la kommen, um hier zu expandieren. Diesmal allerdings nicht unter der Marke Anshin Yatei, sondern unter Omni-Food Products, einem Teil von Universal Nourishment Organization. So kann ich unsere Arbeit hier unabhängig skalieren, während ich die bisherigen Strukturen der Yateis respektiere."
Ich beobachtete, wie Popo Da die Stirn leicht runzelte, die Augen die gläserne Kuppel über mir absuchend, und dann langsam nickte, als wollte er den Ernst meiner Vorschläge würdigen. Bi Fi machte eine kleine Bewegung der Tentakel, die wie ein zustimmendes Flackern wirkte, bevor er sich wieder still zurückzog.
Ich spürte, wie ein kleiner Funken Erleichterung durch meinen Körper fuhr. Die Spannung der letzten Tage, die unzähligen Rechnungen und Szenarien im Kopf, die Kalkulation der Transportkosten – all das bündelte sich in diesem Moment zu einem klaren Bild. Ich wusste, dass dies der nächste Schritt war, um meine Vision weiterzutragen, und dass ich sowohl Popo Da als auch Bi Fi auf meiner Seite haben musste.
"Natürlich," fügte ich vorsichtig hinzu, "alle Muster, die ich mitnehme, werden sorgfältig dokumentiert, und ich werde den Fortschritt transparent berichten. Ich möchte, dass die Boronen die Entwicklung jederzeit nachvollziehen können." Ich spürte, wie die Worte den Raum füllten, das Wasser um uns herum leicht schimmerte in dem gedämpften Licht der beiden Sonnen, und ich wartete, die Hände immer noch leicht angespannt, auf die Antwort.

Ich ließ mich in das transparente Sofa sinken, spürte das leichte Nachgeben des mit Wasser gefüllten Polsters unter mir. Die Membran spannte sich seltsam um meinen Körper, beinahe so, als könnte sie jeden Moment wie ein überfüllter Luftballon platzen. Ich ließ die Finger leicht über die glatte Oberfläche gleiten, spürte die kühle Flüssigkeit, das sanfte Nachschwingen der Membran. Trotz der Unsicherheit wusste ich, dass Boronen solche Materialien extrem belastbar konstruierten. Ich konnte mich nicht erinnern, jemals eine Membran beschädigt zu haben, und war mir sicher, dass diese hier meine ganze Kraft mühelos aushalten würde.
Tahl stand wie immer etwas abseits, ruhig, fast unbewegt, die Augen jedoch wachsam auf alles gerichtet, was sich in dem Büro bewegte. Ich beobachtete ihn einen Moment, dann richtete ich mich auf und sagte: "Tahl, ich will eine ganze Frachterflotte aufbauen – Bio Logistics Division. Argonische Waren zu den Boronen bringen, boronische Grundnahrungsmittel zurück. Vollständig kontrolliert, effizient." Ich sprach das Wort „Flotte“ mit einer Mischung aus Begeisterung und Pflichtbewusstsein aus, während ich die Hände leicht auf meinem Tablet abstützte.
Tahl zog die Augenbrauen hoch, die Arme verschränkt. „Und die Sicherheit? Wer soll das alles beschützen?“ fragte er, die Stimme ruhig, aber scharf.
„Dafür will ich die Sustenance Security Agency aufbauen,“ antwortete ich, die Worte mit Nachdruck sprechend. „Eine eigene Sicherheitsabteilung, die unsere Frachter begleitet. Allerdings,“ ich lehnte mich vor, die Stimme niedriger, verschwörerisch, „habe ich auch darüber nachgedacht, die Flugpläne anderer Frachter zu prüfen, anzufragen, ob wir die Routen gemeinsam nutzen können. Begleitschutz für alle – Kosten gesenkt.“
Tahl rollte mit den Augen, sein Gesichtsausdruck war eine Mischung aus Ungläubigkeit und leichtem Amüsement. „Und woher willst du die Frachter und das Personal nehmen? Und die Credits?“ Seine Stimme war trocken, kein Vorwurf, eher die nüchterne Realität, gegen die ich immer wieder ankämpfen musste.
Ich hob mein Tablet, ließ das Licht aufblitzen, zeigte ihm die ersten Überschlagsberechnungen. „Berechnungen sind gemacht,“ sagte ich ruhig, die Finger leicht über das Display fahrend. Dann lehnte ich mich näher zu ihm, meine Stimme wurde fast ein Flüstern: „Und in den Unterlagen von Roland habe ich… verschiedene ‚Möglichkeiten‘ entdeckt.“ Ich ließ das Wort schwer wirken, sah, wie sich sein Blick kurz verhärtete.
Bevor Tahl antworten konnte, traten Popo Da und Bi Fi wieder ins Büro. Popo Da, die Tentakel hinter dem Rücken windend, nickte leicht, während Bi Fi seine Tentakel sachte durch die Luft gleiten ließ, als wollte er das Gesagte unterstreichen.
„Die Proben aller Nahrungsmittel werden in den Personentransporter geladen,“ bestätigte Popo Da, seine Stimme ruhig, diplomatisch. „Sie werden in Stasis versetzt. So verderben sie nicht während des Transports.“
Ich lehnte mich zurück, ein Gefühl der Erleichterung durchströmte mich. Die ersten Hürden waren genommen, die logistischen Fragen vorläufig beantwortet. Tahl nickte knapp, immer noch zurückhaltend, doch ich konnte erkennen, dass er zumindest die Machbarkeit meiner Pläne nun in Betracht zog. Ich ließ die Finger über das Tablet schweifen, stellte mir vor, wie die Flotte eines Tages die Handelsrouten zwischen Argon Prime und Ni’sha’la überquerte, während die Boronenproben sicher in Stasis ruhten, bereit, eine neue Ära kulinarischer und wirtschaftlicher Kooperation einzuleiten.

Ich lehnte mich zurück in den Sitz des Personentransporters, die Hände auf den Knien verschränkt, und ließ meinen Blick auf die undurchsichtige Membran vor mir gleiten. Hinter dieser Trennwand befand sich Bi Fi, entweder in Arbeit vertieft oder im Schlaf versunken – ich konnte es nicht sagen, und das ließ mir Raum für Fantasie. Ich fragte mich, wie ein schlafender Borone wohl aussah, ob die Tentakel regungslos hingen oder sich sanft bewegten, als würden sie noch in den Strömungen ihres Ozeans treiben. Ich hatte den Drang, näher zu sehen, doch ich hielt mich zurück, respektierte die Privatsphäre dieser fremden, faszinierenden Kreatur.
Ich wandte mich an Tahl, der ruhig neben mir saß, die Arme leicht vor der Brust verschränkt, das Kinn leicht gesenkt, den Blick auf das Innere des Transporters gerichtet. "Sag mal, Tahl," begann ich vorsichtig, "warum bist du überhaupt mitgekommen? Du hast doch Verpflichtungen als Sicherheitschef auf Alpha 1, oder?"
Tahl ließ einen hörbaren, scharfen Atemzug entweichen, nicht entspannt, eher ein leises Knurren gegen die Frage. "Einige Überstunden und angesammelter Urlaub," erklärte er schließlich, die Stimme trocken, nüchtern. "Ich nutze das, um meinem lamentierenden Stellvertreter zu entkommen. Der hängt mir seit Wochen in den Ohren."
Ich nickte, ließ die Frage in mir sacken, und da wir ohnehin im Smalltalk waren, schob ich behutsam nach: "Und… wie steht es um deine Familie?"
Seine Augen verengten sich, er fixierte mich für einen Moment, als hätte ich eine unsichtbare Grenze überschritten. "Woher willst du über meine Familie Bescheid wissen?"
"Öffentlich zugänglich," antwortete ich nur ruhig, ein leichtes Schulterzucken. "Man muss nicht viel Aufwand betreiben, um Informationen zu bekommen."
Er atmete hörbar aus, diesmal mit einem Hauch von Resignation. "Diese Reise," sagte Tahl leise, "hat auch den Zweck, Abstand von meiner Frau zu gewinnen. Zwischen uns kriselt es gerade. Wir haben eine ältere Tochter und einen jüngeren Sohn, der Ehevertrag wurde auf zehn Jahre verlängert, aber mit der Geburt der Kinder, meiner gefährlichen Arbeit und den unzähligen Überstunden bleibt das Familienleben langsam auf der Strecke. Meine Frau will die Kinder nicht auf einer Handelsstation aufwachsen lassen."
Ich schwieg, hörte aufmerksam zu, nahm jedes Detail in mich auf. Tahl lehnte sich leicht zurück, die Hände locker auf den Beinen, ein Schatten von Sorge in seinen Augen. Ich verstand, warum er die Einladung nach Königstal angenommen hatte – eine Gelegenheit, Abstand zu gewinnen, den Kopf frei zu bekommen.
"Also hast du das ausgenutzt," sagte ich vorsichtig, "um mit uns zu reisen, ohne die Pflichten auf Alpha 1 zu vernachlässigen." Tahl nickte kaum merklich. Ich hakte weiter nach: "Hast du über mein Angebot nachgedacht, den Posten auf Alpha 1 aufzugeben und stattdessen Chef der SSA zu werden?"
Er machte ein Gesicht, als hätte ich ihn auf frischer Tat ertappt, die Augenbrauen hochgezogen, die Lippen leicht zusammengepresst. Nach einem Moment der Stille nickte er schließlich, ein stilles Eingeständnis: "Ja… auch diese Reise dient dazu, meinen Kopf frei zu bekommen, nachzudenken."
Ich legte meine Hand auf seine Schulter, spürte die feste Spannung unter dem Arm und sagte ruhig: "Du solltest mich deiner Familie vorstellen. Dann können wir gemeinsam über die Zukunft reden."
Tahl nickte, leichtes, fast unsicheres Lächeln auf den Lippen, und für einen Moment herrschte Ruhe zwischen uns. Nur das leise Summen des Personentransporters und das ferne Gluckern der Boronenbereiche draußen waren zu hören. Ich fühlte eine Mischung aus Verantwortung, Erleichterung und stiller Vorfreude – als hätte sich gerade eine kleine Tür zu einer neuen Möglichkeit aufgestoßen.

Ich blinzelte, als ich langsam aus dem leichten Dämmerzustand erwachte. Die ruhige Vibration des Personentransporters unter mir verriet, dass wir bereits eine ordentliche Strecke hinter uns gelassen hatten. Die Sicht durch die Membran war dunkel, nur das schwache Leuchten entfernter Sterne tanzte in meinen Augenwinkeln. Ich rieb mir das Gesicht, streckte die Arme und merkte, dass Tahl mich bereits mit einem dieser durchdringenden Blicke musterte – einen Blick, der sofort die Aufmerksamkeit auf sich zog.
„Sag mal, Tori…“ begann er, seine Stimme ruhig, aber mit einem Unterton, der keine Ausweichmöglichkeiten zuließ. „Wenn du wirklich in den Weltraum expandieren willst, wo würdest du beginnen?“
Ich ließ mich schwer gegen die Rückenlehne meines Sitzes sinken, dachte kurz nach, während mein Blick über die sanft schwingenden Kabel und Anzeigen des Transporters glitt. Ich hatte über diese Frage schon länger nachgedacht, oft nachts, wenn ich allein auf der Brücke nahe des Anshin Shokudō saß oder die Lieferungen plante. „Zwei Möglichkeiten“, sagte ich schließlich, meine Stimme noch vom Schlaf gedämpft. „Die erste wäre, an den Grenzen zu jeder Spezies kleine Raumstationen aufzubauen. Von dort aus könnte ich meine Produkte direkt auf deren Welten und Stationen vertreiben. Klein, dezentral, flexibel…“
Tahl nickte nachdenklich, als würde er jedes Wort abwägen. „Hmm… das klingt gar nicht schlecht. Dezentral, leicht verteidigbar, keine großen Flotten nötig, und man könnte sie bedarfsmäßig erweitern. Passt.“
Ich ließ die Worte kurz wirken, bevor ich die zweite Möglichkeit nannte. „Die andere Idee… wäre Trantor. Alles zentral aufbauen, von dort aus steuern, verteilen, kontrollieren.“ Ich sah, wie Tahl sofort zusammensackte, seine Augen verengten sich, und ein Seufzer entwich ihm. „Trantor?“, stieß er aus, hörbar entgeistert. „Tori… das ist doch seit dem Angriff der Kha’ak eine einzige Ruine. Die Aufräum- und Aufbauarbeiten dauern bis heute an, und das zieht Piraten, Schmuggler, Fledderer… das ganze Gesindel an. Sicherheitsbehörden haben alle Hände voll zu tun.“
Ich nickte. „Ja, ich weiß. Aber… die verlassenen Stationen, die beschädigten Einrichtungen – die wären billig zu bekommen. Strategisch, wenn man bereit ist, das Risiko einzugehen.“
Tahl schüttelte nur den Kopf, seine Finger trommelten unruhig auf der Armlehne. „Das ist heikel, Tori. Verteidigungstechnisch… du würdest die Hölle auf dich ziehen.“
Ich ließ die Schultern sinken, mein Blick fiel auf die Anzeigen vor mir. „Stimmt“, gab ich zu. „Das muss man einkalkulieren. Aber das Potenzial… die Kosten, die sich sparen ließen… man könnte wirklich von dort aus schnell expandieren, wenn man die Sicherheit im Griff hat.“
Tahl schwieg, beobachtete mich noch einen Moment und schnaubte dann. „Dein Ehrgeiz macht dich verrückt. Aber… ich sehe, warum du darüber nachdenkst.“
Ich lehnte mich zurück, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, und ließ die Gedanken schweifen. Zwei Optionen, beide ihre Vor- und Nachteile. Die eine sicher, flexibel, langsam. Die andere riskant, teuer, aber potenziell enorm einträglich. Ich konnte fühlen, wie sich mein Herzschlag beschleunigte bei der Vorstellung, welche Möglichkeiten sich auftun würden. Und obwohl Tahl skeptisch war, wusste ich, dass er mich verstand – zumindest ein Stück weit.
„Egal, wie wir es machen“, murmelte ich, mehr zu mir selbst als zu ihm, „wir müssen den Weg wählen, der uns langfristig wirklich voranbringt… und nicht nur kurzfristig profitabel ist.“
Tahl nickte knapp, still, wie er es immer tat, und ich spürte, dass wir beide wussten: Egal wie schwer die Entscheidung, ich musste sie alleine tragen.

Ich hasse Perfektion.
Sie bietet keinen Platz für Kreation.

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Kapitel 16 - Startrucker

Es waren nur wenige Tage vergangen, seit Tahl und ich nach Argon Prime zurückgekehrt waren. Die Reise hatte uns wieder in die Ruhe der bekannten Umgebung gebracht, doch in mir brannte die Frage, wie ich meine nächsten Schritte im interstellaren Geschäft umsetzen sollte. Ich hatte noch nicht viel Zeit gehabt, alles zu ordnen, geschweige denn, die Daten zu sichten, die ich während der Boronen-Mission gesammelt hatte. Tahl hingegen schien seine eigenen Aufgaben bereits mit entschlossenem Fokus zu verfolgen. Ich wusste, dass er in den Tagen seit unserer Rückkehr ein Gespräch mit seiner Frau geführt hatte, ein klärendes, das offenbar einiges bewirkt hatte.
„Ich habe gehört… ihr hattet ein gutes Gespräch“, sagte ich, als wir einmal kurz allein waren.
Tahl nickte, ein schwaches Lächeln huschte über sein Gesicht. „Ja, die Spannung ist ein wenig gewichen.“
Ich musterte ihn, erstaunt darüber, wie er diese Worte so beiläufig fallen ließ, als sei es selbstverständlich, dass ich Teil dieses persönlichen Teils seines Lebens war.
„Das Gespräch um das Angebot der SSA… scheint ihr ein Gefühl von Versöhnlichkeit gegeben zu haben, besonders nachdem du erwähnt hast, dass alles von Argon Prime aus möglich ist.“
Seine Augen blickten nach innen, als würde er die Worte für sich selbst noch einmal abwägen. Ich verstand das, und ich hoffte insgeheim, dass sie und ihre Familie, sollte Tahl mein Angebot annehmen, in die Nähe von Nathantia ziehen würden. Das würde den logistischen Aufwand erheblich verringern und uns erlauben, flexibler auf die Versorgung der Handelsstationen und die geplanten Expansionen zu reagieren.
Während Tahl sich also wieder seiner Familie zuwandte, nahm ich mir Zeit für mich selbst. Nicht nur, um mich um Vanu und Valentina zu kümmern, sondern auch, um die strategischen Schritte meiner Firma zu planen. Ich zog die Daten aus meinem Tablet, blätterte durch Notizen, die ich von den letzten Missionen mitgebracht hatte, und ließ die Zahlen und Möglichkeiten auf mich wirken. In dieser Zeit hatte Tahl auch Kontakt zu seiner Halbschwester Gal aufgebaut. Ich wusste nicht, wie dieses Treffen verlaufen war – ob überhaupt eines stattgefunden hatte – und es lag mir fern, nachzuforschen. Es war seine private Angelegenheit, doch ich spürte die Veränderung in Tahl: mehr Ruhe, ein entspannteres Kinn, eine leichte Lockerung seiner Haltung.

In den Aufzeichnungen von Roland stieß ich auf einen Namen, der sofort meine Aufmerksamkeit weckte: Hoshino Kento. Roland hatte über ihn geschrieben, in einem Bericht, der noch die Handschrift seiner üblichen, detailreichen Notizen trug. Hoshino-san hatte Schulden bei den Piraten gemacht, um seinen Traum zu finanzieren: eine Raumstation, auf der er Schiffe konstruierte und reparierte. Roland hatte ihm dabei geholfen, die Schulden loszuwerden, indem Hoshino-san alle Piraten auslieferte, die ihn zuvor über den Tisch gezogen hatten. Auf dem Papier war der Plan durchaus erfolgreich verlaufen. Ich las die alten Protokolle, spürte die Präzision und den Mut, den es brauchte, um sich gegen Piraten zu behaupten.

Doch als ich schließlich mit Tahl und Gal vor der Station stand, die Hoshino-san gehörte, war das Bild weit entfernt von dem, was ich erwartet hatte. Keine glänzende, vorbildlich organisierte Werft, sondern ein Trümmerfeld aus Metall, Wracks, Ersatzteilen und lose herumliegenden Konstruktionsteilen. Die Station befand sich im Orbit um Trantor, im Sonnensystem Presidents End. Ich konnte nicht umhin, mich über den Namen zu wundern. Wer hatte entschieden, dass dieses System so genannt werden sollte? Es klang lächerlich, fehl am Platz, fast als wollte jemand die Gefahr und das Chaos der Vergangenheit überdecken.
Der Frachter, mit dem wir angereist waren, war derselbe, den Kon Mah gesteuert hatte und den ich gebraucht gekauft hatte. Er war nicht großartig bewaffnet, aber ausreichend, um uns ohne Probleme zum Ziel zu bringen. Die Patrouillen im Orbit hatten signalisiert, dass die kriminellen Aktivitäten hier in den letzten Jahren deutlich nachgelassen hatten. Das deckte sich mit der Wiederaufbauinitiative der Argonischen Föderation. Dennoch konnte man nie zu sorglos sein, hier.
Kon Mah war im Frachter geblieben, um das Schiff jederzeit hochfahren zu können. Ich sah seine ruhige Präsenz auf dem Monitor, während wir uns der Andockbucht näherten. Die Schwerelosigkeit war sofort spürbar, und wir mussten unsere Antigravitationsstiefel einsetzen. Jeder Schritt war ein Kraftakt, ein ständiges Ausbalancieren gegen die Haftfelder, die die Stiefel an den Bodenelementen hielten. Ich spürte die Anstrengung in meinen Oberschenkeln, wie jeder Schritt gegen die künstlichen Magnetfelder kämpfte. Tahl bewegte sich routiniert, fast mühelos, während Gal eher skeptisch den Blick über die Konstruktionen schweifen ließ.
„Alles größtenteils noch intakt“, bemerkte Tahl, seine Stimme ein ruhiges, sachliches Statement, während er die Augen verengte und die Geräte prüfte. „Einige Reparaturen werden nötig sein, aber nichts, was man nicht lösen könnte.“
Gal dagegen verzog das Gesicht. „Veraltet. Viele Systeme längst überholt. Technisch nur noch brauchbar, wenn man sie umbaut.“ Ihre Miene war kritisch, fast streng, und ich konnte nicht umhin, ihre Einschätzung zu hinterfragen. Genau deshalb war ich hier. Ich musste die Zahlen prüfen, die Bilanzen, die Hoshino-san hinterlassen hatte. Ich konnte sehen, dass die Einnahmen abnahmen, ein Abwärtstrend, der sich klar erkennen ließ. Ich erinnerte mich daran, dass ich über das FIN (Federal Information Network) die wirtschaftliche Lage von Hoshino-san geprüft hatte. Die Federal Argon Bank hatte Teile seiner Werte freigegeben, damit seine Schulden beglichen werden konnten – das war der Grund, warum wir überhaupt hier verhandeln konnten. Ich wusste also, welche Vermögenswerte verfügbar waren, ohne dass ich mich auf Mutmaßungen verlassen musste.

Nicht überraschend, angesichts des Kha’ak-Angriffs vor Jahren, der fast alle Raumstationen und Schiffe zerstört oder massiv beschädigt hatte. Die Insektoiden, die Kha’ak, hatten ein unbarmherziges Chaos hinterlassen. Seitdem hatten sich Plünderer, Piraten und Schmuggler breitgemacht. Hoshino-san hatte sich von ihnen manipulieren lassen, hatte versucht, Reparaturen und neue Konstruktionen von Schiffen zu betreiben. Aber das Geschäft lief schleppend. Sein Nebengeschäft – Wracks zu bergen, zu reparieren oder auszuschlachten – deckte gerade die laufenden Kosten, mehr nicht. Die meisten Händler machten einen großen Bogen um Trantor, da es nicht auf den Routen der vier Sprungtore lag, die in die benachbarten Sonnensysteme führten. Nur die Tore zu Elenas Glück und Heimat des Lichts waren noch intakt. Die anderen beiden Sprungtore – die nach Wolkenbasis Südost und Linie der Energie führten – waren beim Kha'ak-Angriff beschädigt worden. Niemand aus der Gemeinschaft der Planeten besaß das Wissen oder die Technologie, sie zu reparieren. Man wartete darauf, dass das Alte Volk, die Erbauer der Tore, irgendwann eingriff. Die Isolation des Systems war damit nicht politisch oder wirtschaftlich, sondern rein technologisch bedingt. Kein Wunder also, dass Hoshino-san Schwierigkeiten hatte, Kunden und Aufträge zu bekommen.

Ich ließ meinen Blick durch die transparenten Fenster über die Station schweifen, über die verstreuten Wracks, über die Andockbuchten, die teilweise noch funktionsfähig waren. Die Vorstellung, hier etwas aufzubauen, war gleichzeitig faszinierend und beängstigend. Tahl neben mir wirkte konzentriert, die Hände an der Hüfte, sein Blick auf die Systeme gerichtet. Gal ging langsamer, prüfte Kabel, Anschlüsse, scheinbare Fehlfunktionen. Ich konnte spüren, dass ihre Kritik, so scharf sie war, ihre Erfahrung und ihr technisches Verständnis widerspiegelte.
„Wenn wir hier investieren wollen … müssen wir die Sicherheitslage prüfen. Wenn die Verhandlungen mit Hoshino-san überhaupt in diese Richtung gehen, brauchen wir Verteidigungsmaßnahmen.“, sagte ich leise, eher zu mir selbst, doch Tahl hörte es sofort.
Er nickte, die Stirn gerunzelt, Augen fokussiert. „Richtig. Wenn wir das nicht absichern, können wir alles verlieren, bevor es überhaupt profitabel wird.“
Wir gingen weiter, stiegen die Andockbucht hinab, betrachteten die herumliegenden Ersatzteile, Rumpfteile, Sensorarrays und Motoren. Ich spürte die Energie in mir, das Kribbeln, das mit unternehmerischer Vision einherging, gepaart mit der realen Gefahr.
„Wir könnten einige Systeme der Station modernisieren, andere abbauen und die Ressourcen nutzen“, überlegte ich laut. „Das würde die Kosten senken und gleichzeitig die Kapazität erweitern.“
Tahl nickte, und ich konnte sehen, wie sich seine Gesichtszüge entspannten, als er die Logik verstand. Gal hingegen verschränkte die Arme und blickte skeptisch, aber ich konnte in ihren Augen erkennen, dass sie die Herausforderung reizte. Wir standen hier, im Orbit über Trantor, zwischen den Trümmern der Vergangenheit und den Möglichkeiten der Zukunft, jeder Schritt, jede Entscheidung sorgfältig abzuwägen.
Ich atmete die kühle, trockene Luft der Station ein, den metallischen Geruch der Wracks und Maschinen. „Es wird Arbeit… viel Arbeit. Aber wir können es schaffen.“ Tahl nickte, diesmal ein stilles Einverständnis, während Gal nur mit einem kurzen Blick zustimmte. Ich wusste, dass dies der Anfang von etwas war, das größer war als alles, was ich bisher geplant hatte.
Ich sah in die Ferne, die Sterne leuchteten durch die Kuppeln der Station, und ich spürte das vertraute Kribbeln im Magen, das mich immer überkam, wenn sich Möglichkeiten auftaten – Möglichkeiten, die genauso viel Risiko wie Chancen bargen. „Lass uns sehen, was wir hier retten können“, murmelte ich, und meine Stimme hallte leicht über die leeren Metallplatten.

Der Mann vor mir hatte kurze, schwarze, leicht krause Haare und dunkle braune Augen. Hoshino Kento. Als er sich zu mir umdrehte, lag in seinem Blick eine Mischung aus Missbilligung und blanker Überraschung. Seine Augen verengten sich sofort, während sich seine Lippen zu einer dünnen Linie zusammenzogen. Die Überraschung konnte ich ihm nicht einmal verübeln. Er hatte offensichtlich überhaupt nicht damit gerechnet, hier jemandem zu begegnen. Einen Moment zuvor hatte er noch mit dem Rücken zu mir gearbeitet, halb schwebend zwischen zwei offenen Wartungspaneelen. Als ich mich ihm von hinten genähert und ruhig gesagt hatte: „Hoshino-san?“, war er regelrecht zusammengezuckt. Seine Antigravitationsstiefel hatten auf den Reflex reagiert, bevor er selbst es konnte. Der kurze Sprung, den er aus purem Schreck machte, katapultierte ihn beinahe nach oben. Für einen Augenblick sah es so aus, als würde er tatsächlich unter die Decke treiben. Seine Arme ruderten reflexartig durch die Luft, während die Haftfelder seiner Stiefel verzweifelt versuchten, den Impuls auszugleichen.
„Verdammt—!“
Er fing sich erst nach zwei Sekunden wieder, korrigierte hastig die Einstellung seiner Stiefel und sank mit einem leichten Ruck zurück auf den Boden der Station. Das metallische Klacken der Haftfelder verriet, dass sie wieder sauber griffen. Ich hob beschwichtigend beide Hände.
„Entschuldigung“, sagte ich ruhig. „Ich wollte Sie nicht erschrecken.“
Hoshino starrte mich noch einen Moment an, als müsse er erst begreifen, dass tatsächlich jemand vor ihm stand. Dann wich die Überraschung in seinem Gesicht einem deutlich anderen Ausdruck. Missbilligung. Sein Blick wurde hart. Seine Augen wanderten kurz über mich, prüfend, abschätzend. Seine Stirn legte sich in Falten, und sein Kiefer spannte sich sichtbar an.
„Wer sind Sie?“, fragte er scharf.
Ich ließ mir Zeit mit der Antwort. „Mein Name ist Tori Grau.“
Mehr sagte ich zunächst nicht. Das genügte offenbar schon, um ihn noch schlechter gelaunt zu machen. Er stieß hörbar Luft durch die Nase aus, verschränkte die Arme vor der Brust und sah mich an, als wäre ich gerade dabei gewesen, mich ungefragt in sein Wohnzimmer zu setzen.
„Was immer Sie wollen“, sagte er kühl, „Sie können gleich wieder umdrehen.“ Er machte eine knappe Handbewegung zur Seite, als würde er mir den Weg zeigen. „Ich verkaufe nicht.“ Seine Stimme wurde schärfer. „Und ich brauche auch keinen Teilhaber.“
Ich sah, wie sich seine Finger unbewusst zu Fäusten ballten. Dann kam der eigentliche Ausbruch. „Und diese verdammte Bank—“ Seine Stimme kippte in blanken Ärger. „—hat absolut kein Recht, meine Schuldscheine einfach zu verkaufen! Ohne mein Wissen! Ohne meine Zustimmung!“
Er machte einen Schritt auf mich zu, seine Antigravitationsstiefel klackten leise über das Metalldeck. „Das ist mein Geschäft“, fuhr er fort. „Meine Station. Meine Verantwortung.“
Ich ließ ihn ausreden. Sein Ärger war echt. Das sah man ihm an. Seine Schultern waren angespannt, seine Brauen tief zusammengezogen. In seinen Augen lag diese Mischung aus Frust und verletztem Stolz, die man bei jemandem sieht, der das Gefühl hat, die Kontrolle über etwas zu verlieren. Er erwartete offensichtlich Widerspruch. Ich schüttelte langsam den Kopf.
„Da muss ich Sie korrigieren, Hoshino-san.“ Er blinzelte kurz, offensichtlich überrascht, dass ich seinen Ton nicht erwiderte. Ich verschränkte nun ebenfalls die Hände locker hinter dem Rücken. „Die Bank hat Ihre Schuldscheine noch nicht verkauft.“
Seine Stirn zog sich noch stärker zusammen. „Was?“
„Sie wurden lediglich angeboten“, erklärte ich ruhig. „Vorab.“ Ich sah, wie sich sein Gesichtsausdruck veränderte. Nicht sofort. Erst ein leichtes Zögern. Dann ein kurzes Zusammenkneifen der Augen. „Das ist ein Unterschied.“
Hoshino sagte zunächst nichts. Sein Blick blieb fest auf mich gerichtet, als würde er versuchen herauszufinden, ob ich ihn gerade anlog. Die Luft zwischen uns fühlte sich plötzlich deutlich dichter an.

„Otōsan!“ Die Stimme hallte durch die Andockbucht, ein heller, klarer Ton, der meine Aufmerksamkeit sofort auf sich zog. Ich drehte mich ruckartig um und sah, wie sich eine Frau elegant aus einer der Verbindungsröhren herabschwebte. Ihr Körper vollführte einen leichten Salto, und als sie landete, setzte sie sich perfekt kontrolliert auf dem Boden ab. Kein Geräusch außer dem leisen Klick ihrer Antigravitationsstiefel auf dem Metallbelag. Ihr Blick glitt prüfend über uns: mich, Tahl, Gal. Misstrauen lag in ihren Augen, deutlich erkennbar in der schmalen Lidlinie und dem straffen Kiefer.
„Sie sind keine Piraten“, stellte sie trocken fest, die Arme locker verschränkt.
Ich nahm einen Schritt vor, senkte die Hände beschwichtigend. „Nein. Wir sind keine Piraten.“
Die Frau war um die dreißig, stand aufrecht, bewegte sich mit einer Selbstsicherheit, die sofort Respekt einflößte. Tahl, wie immer eher ruhig und kontrolliert, verschränkte die Arme hinter dem Rücken und beobachtete sie mit seinem üblichen, nüchternen Blick. Gal hob leicht die Augenbrauen, eine Mischung aus Skepsis und Interesse, ihre Haltung etwas angespannt, aber neugierig.
„Ich heiße Hoshino Misora“, stellte sie sich vor. Ihre Stimme war klar, bestimmt, aber nicht unfreundlich. Ich nickte, und wir stellten uns der Reihe nach vor. Tahl und Gal waren knapp, ich selbst gab ein wenig mehr Informationen, während ich die Stimmung einschätzte.
Der Smalltalk begann zaghaft, wir tauschten oberflächliche Informationen aus, über die Station, unsere Reise hierher, unsere Verbindung zu Hoshino Kento. Dennoch blieb die Atmosphäre angespannt, jeder Satz schien sorgfältig gewählt, als würde jeder auf versteckte Fallen achten.
Auf meine Nachfrage hin kamen die unschönen Details ans Licht. Hoshino Satsuki, Misoras Mutter, war bei einem der letzten Kha’ak-Angriffe ums Leben gekommen. Ein bitterer Nachhall lag in der Erinnerung, die Augen Misoras verengten sich leicht bei der Erwähnung des Namens. Ihre Großeltern, von beiden Seiten der Familie, hatten beim allerersten Kha’ak-Angriff 2935 ihr Leben verloren. Das war nun 62 Jahre her. Wir schrieben das Jahr 2997. Ich spürte, wie die Tragik der Vergangenheit die Stimmung kurz verdichtete, ein Moment stiller Respektspause zwischen uns.

Wir bewegten uns gemeinsam in einen Bereich der Station, in dem künstliche Gravitation herrschte. Sofort spürte ich die vertraute Last auf meinen Schultern, die sich angenehm und stabil anfühlte, im Gegensatz zu der schwerelosen Bucht zuvor. Tahl, Gal und ich setzten uns, und uns wurde etwas zu trinken angeboten – klare Flüssigkeit in flachen, praktischen Bechern, wie für den Einsatz unter Gravitation angepasst. Ich nahm den Becher, hielt ihn kurz zwischen den Händen, spürte die kühle Oberfläche und das leichte Gewicht.
„Danke“, sagte ich und nahm einen Schluck. Das Glas war angenehm schwer, die Flüssigkeit frisch und klar, wie gereinigtes Wasser, das die Müdigkeit der Reise ein wenig vertrieb.
Ich lehnte mich zurück, richtete mich auf, atmete einmal tief ein und begann, darzulegen, warum ich hier war: „Ich bin auf der Suche nach kreativen und verlässlichen Leuten“, sagte ich, den Blick fest auf Misora gerichtet, „Menschen, die helfen können, eine Frachterflotte für mein Unternehmen aufzubauen. Wir brauchen Erfahrung, Verlässlichkeit – und den Mut, in schwierigen Umgebungen zu arbeiten.“
Ich beobachtete, wie sich ihre Augen leicht zusammenzogen, wie sie meine Worte prüfte. Tahl verschränkte wieder die Arme, die Augen auf Misora gerichtet, wartend, wie sie reagieren würde. Gal schien nachdenklich, die Lippen leicht zusammengepresst, eine Hand auf dem Glas ruhend. Ich spürte die Spannung im Raum, gleichzeitig aber auch die Möglichkeit, dass hier ein wichtiger Verbündeter entstehen könnte.
„Wir haben… die Erfahrung“, sagte Misora schließlich, die Stimme fest, aber nicht aggressiv. Ein kaum merkbares Nicken in Richtung ihres Vaters, der weiterhin etwas abseits stand. „Wir haben überlebt, repariert, aufgebaut. Wir wissen, wie man unter schwierigen Bedingungen arbeitet.“
Ich nickte langsam, lächelte leicht. „Genau so jemanden suche ich. Es geht nicht nur darum, Schiffe zu fliegen oder Frachter zu beladen. Es geht darum, Systeme aufzubauen, Abläufe zu schaffen, und dafür brauche ich Leute, die den Ernst der Lage verstehen und gleichzeitig die Vision sehen.“
Misora ließ ihren Blick durch die Gruppe schweifen. Ich konnte die Abwägung sehen: Loyalität, Fähigkeiten, Risiko. Sie legte den Becher zur Seite, lehnte sich etwas zurück, und ich bemerkte, dass ein Funken Interesse in ihren Augen aufleuchtete – eine Mischung aus Neugier und der Bereitschaft, das Angebot ernsthaft zu prüfen.
„Gut“, sagte sie schließlich. „Wir hören uns an, was Sie vorschlagen.“
Ein erleichtertes, aber konzentriertes Lächeln huschte über mein Gesicht. „Dann lassen Sie uns beginnen.“
Der Moment war still, aber geladen. Ich wusste, dass dies der erste Schritt war – ein Schritt, der unser Projekt verändern könnte. Die Schwerelosigkeit und der metallische Geruch der Station verschwanden beinahe im Hintergrund, als wir uns darauf konzentrierten, die Möglichkeiten auszuloten, die vor uns lagen.

Die Gespräche zogen sich hin, schleppend und vorsichtig. Misora war diejenige, die sich am meisten öffnete. Ihre Haltung war aufrecht, die Hände locker auf den Oberschenkeln, die Augen aufmerksam, aber niemals forsch. Sie hörte zu, nickte gelegentlich, stellte präzise Fragen, stets bedacht, keine voreiligen Schlüsse zu ziehen. Kento hingegen strahlte sofort Skepsis aus. Sein Blick wanderte von mir zu Tahl, dann zu Gal und wieder zurück, als könne er jede meiner Bewegungen, jedes meiner Worte auf eine mögliche Bedrohung seiner Werft prüfen. „Ihr wollt nur einmischen, meine Station übernehmen“, sagte er scharf, die Augenbrauen zusammengezogen, die Lippen hart aufeinander gepresst.
Ich hob die Hände beschwichtigend. „Nein, Hoshino-san. Sehen Sie mich eher als Kunden. Ich möchte Aufträge vergeben, mehrere Frachter – das ist alles. Keine Übernahme, keine Kontrolle. Wir wollen zusammenarbeiten.“ Ich versuchte, die Spannung mit einem leichten Lächeln aufzulockern, die Stimme ruhig, sachlich, aber bestimmt.
Ein Hauch von Erleichterung huschte über Kentos Gesicht. Sein Körper entspannte sich minimal, die Augen blieben skeptisch, aber das Eis war gebrochen. Misora nickte zustimmend, ihre Finger trommelten leicht auf dem Metalltisch, eine unmerkliche Geste von Zustimmung.
Doch dann kam die Frage, welche Art von Frachter gebaut werden sollte, und sofort entbrannte eine Debatte. Ich spürte, wie Gal die Hände verschränkte, die Stirn in Falten gelegt, während sie ihren Blick auf die Pläne richtete. „Moderne Systeme, verschlüsselte Kommunikationseinheiten, cyber-resistente Schnittstellen. Ohne das ist jede Mission gefährdet“, erklärte sie, die Stimme ruhig, aber bestimmend.
Tahl lehnte sich zurück, die Augen fokussiert, die Lippen leicht zusammengepresst. „Die Frachter müssen gepanzert sein, Bewaffnung darf nicht fehlen. Sicher muss sicher sein. Geschwindigkeit ist zweitrangig, wenn man die Sicherheit gefährdet.“ Sein Ton war sachlich, fast militärisch, die Hände fest auf den Tisch gelegt, als wolle er die Punkte körperlich betonen.
Ich nickte, spürte die unterschiedlichen Perspektiven, und brachte meinen Standpunkt ein: „Ich will schnelle Frachter, optimiert für Nahrungsmitteltransporte. Stabil genug, um Ladung zu sichern, aber so gebaut, dass sie effizient und flott sind. Unsere Produkte müssen frisch ankommen.“ Ich legte die Hände auf die Pläne, zeigte auf die Frachträume, die Laderampen, die Klimatisierungseinheiten.
Kento schüttelte den Kopf, die Lippen verzogen, aber seine Stimme war inzwischen ruhiger. „Eure Wünsche, Tori, kann ich erfüllen. Geschwindigkeit, Kapazität – kein Problem. Aber das, was Gal und Tahl wollen… das wird Zeit kosten. Und teuer werden. Die Teile müssen erst angeliefert werden, manche sind schwer zu beschaffen. Das wird die Bauzeit verlängern und die Kosten erhöhen.“
Misora nickte, ihre Augen blitzten kurz auf, als würde sie die Logik abwägen. Sie legte die Hand leicht auf Kentos Unterarm, ein beruhigendes, fast vermittelndes Signal. „Wir können das schaffen“, sagte sie leise, „aber jeder Schritt muss gut geplant sein. Qualität vor Schnelligkeit.“
Ich lehnte mich zurück, verschränkte die Hände hinter dem Kopf und spürte das vertraute Kribbeln von unternehmerischer Herausforderung. Jeder von uns hatte eine klare Vorstellung, jeder eine eigene Agenda, und ich wusste, dass wir nur durch Kompromisse und präzises Planen vorankommen würden. Die Station summte leise, Metall und Technik vibrierte unter der künstlichen Gravitation, während wir weiter diskutierten.
Kento verschränkte schließlich die Arme, die Stirn leicht gerunzelt, und nickte langsam. „Wir machen es Schritt für Schritt. Eure Anforderungen werden priorisiert, aber alles hat seinen Preis. Ich baue nicht billig – ich baue solide.“
Ich lächelte innerlich, spürte die Aufregung steigen. Das war es, was ich wollte: ein Team, das die unterschiedlichen Perspektiven einbrachte, und Frachter, die nicht nur transportierten, sondern unsere Vision trugen. Gal nickte zustimmend, Tahl legte die Hände in die Taschen, die Spannung etwas gelöst, und Misora lehnte sich zurück, aufmerksam und bereit, die nächsten Schritte zu begleiten.
„Gut“, sagte ich schließlich, meine Stimme fest, aber ruhig, „dann lasst uns die Pläne konkretisieren und sehen, wie wir das alles umsetzen können.“ Ich spürte, dass jeder in der Runde die Verantwortung ernst nahm, jeder die Möglichkeiten abwog, und ich konnte das Knistern von Ideen förmlich spüren – es war der Anfang von etwas, das größer werden würde, als nur eine einfache Frachterbestellung.

Während der Diskussion fiel mir immer wieder auf, dass Misora versuchte, sich einzubringen. Jedes Mal, wenn sie den Mund öffnete oder eine Hand leicht anhob, als wolle sie einen Gedanken formulieren, kam ihr Vater ihr zuvor oder sprach schlicht weiter, als hätte er sie nicht bemerkt. Es war kein offenes Abwürgen, eher ein hartnäckiges Übergehen. Ein kurzer Blick von ihr, ein kaum hörbares Einatmen – und schon ging das Gespräch ohne sie weiter. Ich sah, wie sich ihre Finger manchmal leicht zusammenzogen, als hielte sie etwas zurück. Nach einer Weile entstand eine kleine Pause. Niemand sagte etwas, Kento betrachtete irgendwelche Daten auf seinem Pad, Gal tippte auf ihrem Interface, Tahl hatte die Arme verschränkt und starrte nachdenklich an die Decke des Raumes. In diesem Moment trat Misora leise zu mir. Ihre Bewegungen waren vorsichtig, fast so, als wolle sie nicht zu viel Aufmerksamkeit erregen. Sie hielt mir eine dünne Datenfolie hin.
„Sehen Sie sich das bitte einmal an“, sagte sie leise.
Ich nahm die Folie entgegen und aktivierte die Anzeige. Sofort entfalteten sich vor meinen Augen holografische Konzeptzeichnungen, technische Beschreibungen und Diagramme. Ich lehnte mich leicht nach vorne und begann, alles aufmerksam zu studieren. Je länger ich die Informationen betrachtete, desto stärker spürte ich, wie in mir eine Mischung aus Überraschung und Begeisterung aufstieg. Das Konzept beschrieb ein proprietäres Cockpitschiff-System, das als modulare Trägerplattform gedacht war. Ein kleines, leichtes, extrem leistungsstarkes Schiff – im Grunde nur Cockpit, Antrieb, Steuerung und minimale Besatzung – das speziell dafür gebaut war, Frachtmodule schnell anzukoppeln und wieder abzustoßen. Kein klassischer Frachter, sondern eine Art Zugmaschine. Die Module selbst waren eigenständige Einheiten. Vollständig kompatibel mit diesem System, aber absichtlich inkompatibel mit allen Standardfrachtern anderer Spezies oder Fraktionen. Dadurch entstand eine natürliche Abschreckung gegen Piraten – wer ein Modul erbeutete, konnte damit erst einmal nichts anfangen, solange er nicht über ein passendes Cockpitschiff verfügte. Ich sah mir die Diagramme genauer an. Die Idee ging aber noch weiter. Das System setzte auf mehrere Sicherheitsstrategien gleichzeitig: ökonomische Unattraktivität, operative Effizienz und taktische Anpassung. Proprietäre Dockingprotokolle, redundante Steuerungssysteme, automatische Trennmechanismen, Notfallablösungen der Module. Dazu Frühwarnsensorik, modulare Evakuierungseinheiten und adaptive Navigation. Die Infrastruktur war ebenfalls Teil des Konzepts. Frachtstationen, Wartungspunkte und Energieversorgung sollten speziell auf dieses System abgestimmt sein. Alles lief über autorisierte Schnittstellen. Dadurch wurde nicht nur die Sicherheit erhöht, sondern auch die Abhängigkeit von externen Strukturen reduziert. Während ich weiterlas, musste ich unwillkürlich grinsen. In meinem Kopf verbanden sich sofort zwei Welten. Ein kleines Antriebsschiff, das Container zieht. Module, die man austauschen kann. Schnelle Leerflüge, kurze Umladezeiten. In meiner alten Realität hätte man das schlicht LKW und Auflieger genannt. Doch in dieser Realität ließ es sich anders beschreiben: Space-Trucker.
Ich sah von der Datenfolie auf und blickte Misora an. Meine Augen leuchteten vermutlich ziemlich deutlich. „Das müssen Sie den anderen zeigen“, sagte ich.
Sie blinzelte überrascht. „Wirklich?“
Ich nickte. „Unbedingt.“ Ich wandte mich zu den anderen.
„Misora hat ein Konzept vorbereitet. Ich denke, wir sollten es uns anhören.“
Kento hob sofort den Kopf. Sein Blick verriet bereits, dass ihm das nicht gefiel.
Misora stellte sich vor den Tisch, aktivierte die Projektion und begann, ihr Konzept zu erklären. Anfangs sprach sie ruhig und kontrolliert, doch je weiter sie kam, desto mehr Energie lag in ihrer Stimme. Ihre Hände bewegten sich, während sie die Struktur des Systems erklärte: das Cockpitschiff, die Module, die Dockingmechanismen, die Sicherheitsprotokolle und die Infrastruktur. Ich beobachtete die anderen. Gal hörte aufmerksam zu, die Stirn leicht gerunzelt. Tahl saß still da und musterte die Projektionen mit analytischem Blick. Kento hingegen verschränkte irgendwann die Arme und sah demonstrativ zur Seite. Als Misora fertig war, herrschte einen Moment lang Stille.
Dann verdrehte Kento die Augen. „Ihr Konzept ist durchdacht“, sagte er trocken, „hat aber eine gravierende Schwachstelle.“
Ich runzelte die Stirn. Für mich war das Gegenteil der Fall. Ich sah nur Vorteile. Ein extrem schnelles Cockpitschiff, das jederzeit an Module andocken konnte. Effizient, flexibel, skalierbar. Als Kento meinen fragenden Gesichtsausdruck bemerkte, seufzte er.
„Misoras Konzept ist für ein in sich geschlossenes System gedacht“, erklärte er unverblümt. „Die Frachter und Docking-Prozeduren der Gemeinschaft der Planeten wurden über Jahrhunderte standardisiert. Damit jede Spezies mit jeder anderen handeln kann.“
Er deutete auf die Projektion. „Aber dieses Cockpitschiff und diese Frachtmodule sind inkompatibel dazu.“
Ich sah zu Misora. Ihr Gesicht verzog sich leicht. Die Schultern sanken ein wenig. Sie wusste offenbar genau, dass dieser Punkt das größte Problem ihres Entwurfs war. Ich sah wieder auf die Projektion. Ein proprietäres System. Eigene Module. Eigene Infrastruktur. Mein Kopf begann sofort zu rechnen. Kontrolle über Transportkapazitäten. Schutz vor Piraten. Schnelle Umläufe. Skalierbarkeit. Und vor allem: Unabhängigkeit. Ich legte die Datenfolie langsam auf den Tisch.
Dann sagte ich ruhig: „Deal.“
Alle Köpfe drehten sich zu mir.
„Gekauft.“
Für einen Moment herrschte absolute Stille. Gal starrte mich an. Tahl hob eine Augenbraue. Kento sah mich an, als hätte ich gerade den Verstand verloren. Misora hingegen blinzelte nur – völlig überrascht.

Ich sah sofort, dass Kento innerlich arbeitete. Sein Gesicht blieb äußerlich ruhig, doch seine Augen verrieten zu viel. Sie wanderten über die Projektionen, über mich, über Misora und wieder zurück auf die Datenfolie. Seine Finger trommelten langsam auf die Tischkante. Nicht hektisch, sondern in diesem kontrollierten Rhythmus, der verriet, dass jemand nach einem Ausweg suchte. Er wand sich regelrecht. Wie ein Aal, der aus der Hand gleiten wollte. Mir war klar, was er tat. Er suchte nach Gründen. Technischen Einwänden. Wirtschaftlichen Risiken. Irgendetwas, das ihm erlaubte, den Deal platzen zu lassen, ohne offen zugeben zu müssen, dass er einfach nicht wollte. Ich spürte, wie sich in mir ein leichter Widerstand regte. Eigentlich hatte ich dieses Ass nie ausspielen wollen. Es fühlte sich falsch an. Aber ich sah auch Misora. Wie sie still dastand, die Hände vor sich verschränkt, als hätte sie sich bereits darauf vorbereitet, dass ihr Konzept wieder beiseitegeschoben wurde. Also atmete ich einmal langsam aus.
Dann sagte ich ruhig: „Roland Caprio.“
Der Name fiel in den Raum wie ein schwerer Metallgegenstand. Kento erstarrte. Seine Finger hörten sofort auf zu trommeln. Sein Blick schoss zu mir, scharf, prüfend. Auch Misora reagierte. Ihr Gesicht veränderte sich sofort. Ihre Augen weiteten sich minimal, und ich konnte sehen, dass sie verstand, worauf ich anspielte Sie wusste es also. Sie wusste von der Schuld ihres Vaters. Einen Moment lang sagte niemand etwas.
Dann fragte Kento leise: „Wie geht es ihm?“
Die Frage traf mich unerwartet direkt. Für einen kurzen Moment spürte ich ein unangenehmes Ziehen in der Brust.
Ich antwortete knapp. „Er ist tot.“
Die Wirkung war deutlich. Kentos Gesicht verlor für einen Moment jede Farbe. Seine Schultern sanken leicht nach unten, und sein Blick glitt unwillkürlich zur Tischplatte, als müsste er diese Information erst verarbeiten. Roland Caprio war nicht irgendein Name. Er war einer der bekanntesten Richter der argonischen Föderation gewesen. Und offensichtlich jemand, dem Kento mehr als nur eine Gefälligkeit schuldete. Ein paar Sekunden vergingen, in denen nur das leise Summen der Stationssysteme zu hören war.
Dann hob Kento wieder den Kopf. Seine Stimme war diesmal ruhiger, aber deutlich angespannter. „Woher wissen Sie, dass ich Roland etwas schulde?“
Ich verschränkte die Hände locker hinter dem Rücken und antwortete ehrlich. „Ich habe bei ihm gelebt.“
Die Augenbrauen im Raum hoben sich leicht.
„Die letzten zwei Jahre seines Lebens habe ich mich um ihn gekümmert“, fuhr ich fort. „Er war krank. Alt. Jemand musste sich um ihn kümmern.“
Ich spürte, wie sich die Erinnerungen kurz in meinem Kopf meldeten. Die langen Gespräche. Seine ruhige Stimme.
„Als er starb“, sagte ich weiter, „hat er testamentarisch festgelegt, dass ich Zugang zu allen Informationen bekommen soll, die er während seines Lebens gesammelt hat.“ Ich machte eine kleine Pause. Dann deutete ich mit der Hand zu Gal und Tahl. „Und die beiden hier… sind seine Kinder.“
Alle Blicke wanderten zu ihnen. Gal reagierte zuerst. Ohne ein Wort öffnete sie ihr Interface und projizierte ihre ID. Die Daten erschienen als scharfes, blaues Hologramm in der Luft. Name, Herkunft, genetische Verifikation. Tahl tat es ihr gleich. Seine Projektion erschien direkt daneben. Beide Datensätze bestätigten eindeutig ihre Verwandtschaft zu Roland Caprio.
Gal verschränkte anschließend wieder die Arme. „Stimmt“, sagte sie ruhig.
Tahl nickte knapp. „Alles.“
Kento betrachtete die Projektionen lange. Sein Blick wanderte von einem Datensatz zum anderen, dann wieder zu mir. Schließlich atmete er langsam aus. Er sah mich an.
Dann nickte er. „Wenn Roland Caprio jemandem sein Vertrauen geschenkt hat“, sagte er langsam, „dann ist diese Person über jeden Zweifel erhaben.“
Die Worte klangen nicht widerwillig. Eher… endgültig. Ich spürte trotzdem ein unangenehmes Gefühl in mir aufsteigen. Roland hatte mir vertraut. Ohne Bedingungen. Ohne Hintergedanken. Und jetzt hatte ich seinen Namen benutzt, um Druck auszuüben. Auch wenn es für eine gute Sache war. Auch wenn es Misoras Konzept eine Chance gab. Trotzdem fühlte es sich einen Moment lang so an, als hätte ich einen Toten für meine Zwecke ausgenutzt. Ich sagte nichts dazu. Stattdessen sah ich Kento ruhig an und wartete, wie er sich entscheiden würde.

Als Kento schließlich nickte, war die Entscheidung gefallen. Es war kein enthusiastisches Nicken, kein Zeichen plötzlicher Begeisterung. Eher ein langsames, schweres Einlenken. Seine Schultern sanken ein wenig, als hätte er innerlich akzeptiert, dass sich die Richtung des Gesprächs endgültig verändert hatte.
„Gut“, sagte er schließlich.
Ein einziges Wort. Aber es reichte. Die Anspannung im Raum löste sich spürbar, auch wenn niemand laut aufatmete. Gal lehnte sich ein Stück zurück, Tahl entspannte seine verschränkten Arme leicht, und Misora… Misora stand noch immer dort, als traue sie der Situation nicht ganz. Ich hingegen beobachtete Kento aufmerksam. Seine Zustimmung war echt, daran zweifelte ich nicht. Doch ich kannte diesen Ausdruck in den Gesichtern von Vätern. Und der Blick, den er seiner Tochter für einen winzigen Moment zuwarf, entging mir nicht. Kurz. Scharf. Bedeutungsbeladen. Er hatte sich übergehen lassen müssen. Und ich war mir ziemlich sicher, dass er darüber später noch ein ernstes Wort mit Misora wechseln würde. Noch bevor sich diese Spannung weiter aufbauen konnte, hob ich leicht die Hand und räusperte mich.
„Das Konzept“, sagte ich ruhig, während ich auf die noch immer schwebende Projektion deutete, „muss ja nicht vollständig isoliert bleiben.“
Alle Blicke wanderten wieder zu mir. Ich verschränkte locker die Hände hinter dem Rücken und ging ein paar Schritte um den Tisch herum, während ich sprach.
„Misoras Grundidee ist hervorragend. Ein modulares Cockpitschiff, autonome Frachtmodule, schnelle Umläufe.“ Ich nickte anerkennend in ihre Richtung. „Aber das bedeutet nicht, dass es keine Schnittstellen geben kann.“
Kento zog leicht eine Augenbraue hoch. Ich fuhr fort.
„Man könnte bestimmte Adaptermodule entwickeln. Dockingprotokolle, die zumindest eingeschränkte Kompatibilität zu den etablierten Frachtdocks ermöglichen. Vielleicht nicht optimal für den Regelbetrieb, aber ausreichend für Umschlagpunkte im interstellaren Handel.“
Ich sah zwischen Vater und Tochter hin und her.
„Damit würde das System weiterhin proprietär bleiben… aber nicht vollständig isoliert.“
Misora hob langsam den Kopf. Ich sah, wie ihre Augen plötzlich wieder lebendiger wurden. In ihrem Blick arbeitete es bereits. Kento hingegen rieb sich nachdenklich über das Kinn. Ich hob leicht die Schultern.
„Das sind allerdings Dinge, die man in Ruhe ausarbeiten muss.“
Ich machte eine kleine Pause.
„Am besten auf Argon Prime.“
Jetzt richtete sich Kento etwas auf.
„Sie wollen, dass wir dorthin kommen?“
Ich nickte.
„Die technischen Details, die Finanzierung, mögliche Modifikationen des Designs… das lässt sich besser vor Ort besprechen.“
Dann fügte ich hinzu: „Außerdem müssen die finanziellen Formalitäten ohnehin dort erledigt werden.“
Das brachte das Gespräch wieder auf die eigentliche Grundlage unseres Treffens zurück. Die Schuldscheine. Kento verzog leicht den Mund, als er das Wort hörte. Doch diesmal widersprach er nicht. Nach einigen weiteren Minuten Diskussion – deutlich sachlicher als zuvor – einigten wir uns schließlich auf die grundlegenden Punkte. Ich würde die Schuldscheine aufkaufen. Die Bank hatte sie zwar noch nicht verkauft, aber sie standen zur Disposition. Sobald ich sie übernahm, wäre ich der Gläubiger. Alle weiteren Formalitäten würden direkt bei der Federal Argon Bank auf Argon Prime abgewickelt werden. Dort würde der Vertrag aufgesetzt, dort würde auch die Finanzierung der neuen Frachter – oder besser gesagt: des neuen Systems – festgelegt werden. Als wir schließlich fertig waren, legte sich eine merkwürdige Mischung aus Erleichterung und vorsichtiger Spannung über den Raum. Ein Deal war zustande gekommen. Aber ich wusste genau, dass dies erst der Anfang war.

Ich hasse Perfektion.
Sie bietet keinen Platz für Kreation.

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Kapitel 17 - Entwicklungen

Ich saß im Wohnzimmer und hielt die warme Teeschale zwischen beiden Händen. Der Duft des Tees stieg langsam auf, eine Mischung aus etwas Blumigem und einer leicht würzigen Note, die mir inzwischen vertraut geworden war. Der Dampf kringelte sich träge nach oben und verschwand irgendwo unter der sanften Beleuchtung des Raumes. Vor mir saßen Valentina und Vanu. Die Sitzanordnung erinnerte fast an ein Y. Ich saß an einem Ende des niedrigen Tisches, während die beiden Frauen sich mir gegenüber leicht versetzt gegenübersaßen. Zwischen uns stand eine kleine Teekanne aus dunklem Keramikmaterial, aus der noch immer dünne Dampffäden aufstiegen. Ich nahm einen kleinen Schluck. Der Tee war angenehm heiß und hatte diesen tiefen, aromatischen Geschmack, der sich langsam im Mund entfaltete. Ich ließ die Flüssigkeit kurz auf der Zunge liegen, bevor ich sie schluckte. Währenddessen beobachtete ich die beiden. Und ich musste innerlich schmunzeln. Es war fast schon beruhigend zu sehen, wie sehr sich die Situation verändert hatte. Am Anfang hatten die beiden sich praktisch angegiftet. Jedes Gespräch war ein kleines Schlachtfeld gewesen. Seitenhiebe, spitze Bemerkungen, dieses höfliche, aber messerscharfe Lächeln, das eigentlich nur bedeutete: Ich kann dich nicht ausstehen. Ich hatte damals ernsthaft befürchtet, dass mir irgendwann die Einrichtung um die Ohren fliegen würde. Doch jetzt… Jetzt war es deutlich entspannter. Valentina saß locker zurückgelehnt in ihrem Sessel, ein Bein über das andere geschlagen. Ihre dunklen Haare waren locker nach hinten gebunden, und sie hielt ihre Teeschale mit der ruhigen Selbstverständlichkeit einer Ärztin, die gewohnt war, Situationen zu analysieren. Vanu hingegen saß etwas aufrechter. Ihre Bewegungen hatten immer etwas Elegantes, beinahe Zeremonielles. Sie führte die Teeschale mit beiden Händen an die Lippen, nahm einen kleinen Schluck und stellte sie anschließend wieder vorsichtig auf den Tisch. Zwischen den beiden Frauen lag keine offene Feindseligkeit mehr. Ganz im Gegenteil. Sie arbeiteten inzwischen sogar zusammen. Valentinas medizinische Expertise floss mittlerweile in Vanus Angebote ein. Vanu hatte ihr Geschäftsmodell angepasst, neue Programme entwickelt, bei denen Gesundheitsaspekte eine deutlich größere Rolle spielten. Prävention, Beratung, medizinisch begleitete Erholungsangebote. Ich musste zugeben: Die Kombination funktionierte erstaunlich gut. Und trotzdem… Ich konnte es spüren. Da war noch etwas. Auch wenn beide einer Doppelehe zugestimmt hatten, lag immer noch eine gewisse Spannung in der Luft. Keine offene Feindschaft mehr, aber eine subtile Konkurrenz, die wie ein feiner Strom unter der Oberfläche floss. Und ich war mir ziemlich sicher, dass diese nie ganz verschwinden würde. Das lag einfach nicht in der Natur der beiden. Valentina warf mir plötzlich einen kurzen Seitenblick zu und grinste leicht.
„Immerhin“, sagte sie mit einem kaum hörbaren Unterton, „war ich die Erste.“
Ich seufzte innerlich. Da war sie wieder. Diese kleine Stichelei. Sie sagte es beiläufig, während sie an ihrem Tee nippte, als wäre es eine vollkommen neutrale Feststellung. Doch ihr Blick wanderte dabei ganz bewusst zu Vanu. Vanu reagierte sofort. Nicht mit einem offenen Kommentar. Aber ihre Finger legten sich etwas fester um die Teeschale, und ihr Blick verengte sich minimal. Sie war älter als Valentina. Deutlich älter sogar. Doch diese kleine Bemerkung traf trotzdem. Ich konnte förmlich sehen, wie sie innerlich dagegen ankämpfte, darauf zu reagieren. Ehrlich gesagt hatte ich mich einmal schon in genau diese Situation eingemischt. Ich stellte meine Teeschale auf den Tisch und hob beschwichtigend beide Hände.
„Also gut“, hatte ich damals gesagt. „Damit wir das einmal klären.“
Beide hatten mich gleichzeitig angesehen.
„Vanu“, sagte ich damals und nickte in ihre Richtung, „ist meine Nummer eins, wenn es um Essen und Trinken geht.“
Vanu hatte mich überrascht angesehen. Dann hatte ich zu Valentina geschaut.
„Und Valentina ist meine Nummer eins, wenn es um Gesundheit geht.“
Für einen Moment hatte absolute Stille geherrscht. Dann hatte Valentina die Augen verdreht. Und Vanu hatte ein kleines, zufriedenes Lächeln nicht ganz unterdrücken können. Es hatte die Wogen tatsächlich etwas geglättet. Aber nur etwas. Denn so sehr beide Frauen die Situation akzeptiert hatten – vollständig entschärft war dieser… nennen wir es Beziehungsstatus… damit nicht. Ich nahm noch einen Schluck Tee und lehnte mich ein wenig zurück, während ich die beiden beobachtete. Manchmal fühlte sich mein Leben wirklich seltsam an.

Die Stimmung im Raum fühlte sich plötzlich anders an. Noch vor wenigen Minuten hatten wir ruhig Tee getrunken, ein paar Sticheleien ausgetauscht und diese merkwürdige, inzwischen vertraute Mischung aus Gelassenheit und unterschwelliger Rivalität geteilt. Doch jetzt lag etwas Schweres in der Luft. Ich konnte es nicht genau benennen, aber ich spürte sofort, dass etwas nicht stimmte. Valentina und Vanu verhielten sich anders. Nicht offen angespannt, aber… vorbereitet. Als hätten beide innerlich beschlossen, ein Thema anzusprechen, das sie schon länger mit sich herumtrugen. Ich ließ meinen Blick zwischen ihnen hin und her wandern und fragte mich kurz, ob ich nachhaken sollte oder ob es klüger wäre zu warten, bis eine von beiden den ersten Schritt machte. Noch während ich darüber nachdachte, wurde mir diese Entscheidung jedoch abgenommen. Valentina richtete sich ein wenig auf. Ihre Schultern strafften sich, ihr Gesicht nahm diesen ruhigen, kontrollierten Ausdruck an, den ich inzwischen sehr gut kannte. Es war der Blick einer Ärztin, die eine schwierige Diagnose erklären musste. Professionell. Distanziert. Sachlich. Vanu hingegen wirkte genau gegenteilig. Sie saß neben ihr und knetete nervös ihre Hände, die Finger ineinander verschränkt, dann wieder gelöst, nur um sie sofort wieder zusammenzudrücken. Ihre Augen wanderten kurz über den Tisch, dann zu mir, dann wieder weg. Ich spürte sofort, dass mir diese Kombination ganz und gar nicht gefiel. Ich ließ mich tiefer in den Sessel sinken – denselben Sessel, in dem früher Roland gesessen hatte – und verschränkte die Arme locker vor der Brust.
„Mir gefällt das gerade nicht“, sagte ich trocken und sah die beiden nacheinander an.
Valentina atmete einmal ruhig durch, als würde sie einen inneren Schalter umlegen, und begann zu sprechen. „Tori“, sagte sie ruhig, „du bist ein Terraner.“
Ich nickte langsam. Das war jetzt keine neue Information.
„Vanu und ich sind Argonen“, fuhr sie fort. „Was im Grunde ebenfalls Menschen sind.“
Wieder nickte ich. Bisher folgte ich noch problemlos. Doch ihr Tonfall verriet mir, dass noch etwas kommen würde.
„Aber“, sagte sie dann und legte die Fingerspitzen aneinander, „so einfach ist es nicht.“
Ich zog leicht eine Augenbraue hoch.
Valentina fuhr fort: „Die Terraner und die Argonen haben sich über mehr als achthundert Jahre getrennt voneinander entwickelt.“ Sie machte eine kleine Pause, damit die Information sacken konnte. „Und in dieser Zeit haben sich Unterschiede herausgebildet.“
Ich wollte schon etwas sagen, doch sie hob leicht eine Hand. „Ich meine damit nicht nur Augenfarben oder Haarfarben“, ergänzte sie ruhig.
Jetzt wurde ich tatsächlich aufmerksam. Ich setzte mich etwas gerader hin und musterte sie genauer.
Valentina sah kurz zu Vanu, dann wieder zu mir. Ihre Stimme blieb sachlich. „Wir sind jetzt seit einem Jahr verheiratet.“ Ich nickte automatisch. „Und es hat sich noch kein Ergebnis eingestellt.“
Ich blinzelte. „Ergebnis?“ fragte ich irritiert. Ich hatte ehrlich gesagt keine Ahnung, worauf sie hinauswollte.
Valentina und Vanu tauschten einen kurzen Blick miteinander. Es war einer dieser wortlosen Blicke, bei denen zwei Menschen offenbar eine komplette Unterhaltung führen konnten, ohne dass ein Laut fiel. Schließlich räusperte sich Vanu leise. Sie sah mich an. „Babys“, sagte sie.
Das Wort traf mich wie ein Sprengsatz. Für einen Moment fühlte es sich an, als hätte jemand eine Granate mitten in meinem Kopf gezündet. Babys. Das Wort hallte in meinem Schädel nach. Babys. Mein Gehirn brauchte mehrere Sekunden, um überhaupt zu begreifen, was gerade gesagt worden war. Mein Körper reagierte schneller als mein Verstand. Ich sprang abrupt auf. Der Sessel knarrte unter der plötzlichen Bewegung.
„Ich… äh…“ brachte ich noch hervor, aber meine Gedanken liefen völlig durcheinander.
Ohne wirklich zu wissen, was ich tat, drehte ich mich um und ging. Nein, ging war untertrieben. Ich verließ den Raum praktisch fluchtartig. Ich hörte noch, wie hinter mir irgendwo eine Teeschale leise auf den Tisch gestellt wurde, aber ich blieb nicht stehen. Ich ging durch den Flur, öffnete die Tür und trat hinaus in den Vorgarten. Die frische Luft traf mich sofort. Der Frühling war gerade dabei, langsam in den Sommer überzugehen. Die Luft war mild, und irgendwo in den Beeten blühten bereits erste Pflanzen. Ich blieb kurz stehen, fuhr mir mit beiden Händen durchs Gesicht und begann dann im Kreis zu laufen. Einmal quer über den kleinen Weg. Dann wieder zurück. Ich machte ein paar tiefe Atemzüge. Ein. Aus. Ein. Aus. Noch einmal. Ich versuchte, meinen Puls wieder herunterzubringen. Es war nicht so, dass ich keine Familie wollte. Ganz im Gegenteil. Aber dieses Thema war gerade mit der Wucht eines Asteroiden auf mich eingeschlagen. Und mein Gehirn brauchte dringend ein paar Sekunden, um überhaupt hinterherzukommen. Also lief ich weiter im Kreis durch den Vorgarten und machte Atemübungen, während ich versuchte, meine Gedanken wieder einzusammeln.

Ich lief mehrere Minuten lang im Kreis durch den Vorgarten. Der Kiesweg knirschte unter meinen Schritten, jedes Mal wenn ich wendete. Links von mir standen niedrige Sträucher, die gerade dabei waren auszutreiben, frisches Grün zwischen den älteren Zweigen. Rechts lagen die Blumenbeete, in denen der Frühling langsam dem Sommer Platz machte. Einige der Pflanzen standen bereits in voller Blüte, andere streckten erst vorsichtig ihre Knospen der Sonne entgegen. Die Luft war mild, angenehm warm, und irgendwo summte ein Insekt träge durch die Gegend. Ich atmete tief ein, ließ die Luft langsam wieder ausströmen und versuchte dabei, meine Gedanken zu sortieren. Babys. Das Wort klang immer noch in meinem Kopf nach, wie ein Echo, das nicht verschwinden wollte. Nach ein paar Minuten merkte ich, wie mein Puls sich wieder beruhigte. Meine Schultern entspannten sich langsam, und auch das Gefühl, gleich aus der Haut fahren zu müssen, ließ nach. Schließlich blieb ich stehen, strich mir mit beiden Händen über das Gesicht und atmete noch einmal tief durch.
„Okay“, murmelte ich leise zu mir selbst. „Krieg dich wieder ein.“
Ich drehte mich zur Terrassentür um und wollte gerade wieder hineingehen, als ich bemerkte, dass ich nicht allein war. Valentina und Vanu standen im Türrahmen. Offenbar hatten sie mich eine Weile beobachtet. Einen Moment lang sahen wir uns einfach nur an. Dann trat Vanu als Erste einen Schritt nach draußen. Sie hielt die Hände vor dem Bauch ineinander verschränkt, ihre Schultern wirkten leicht angespannt. Ihr sonst so selbstsicherer Ausdruck hatte etwas Verletzliches bekommen.
„Es tut mir leid“, sagte sie leise. Ihre Stimme war weich, fast vorsichtig. „Ich hätte dich damit nicht so überrumpeln sollen.“
Valentina trat ebenfalls hinaus, schloss die Tür hinter sich und blieb neben ihr stehen. Ihr Gesichtsausdruck war wieder dieser kontrollierte, professionelle Blick, den ich inzwischen nur zu gut kannte. Die Ärztin hatte wieder das Steuer übernommen.
„Ich hätte es diplomatischer formulieren sollen“, sagte sie ruhig.
Ich hob sofort abwehrend eine Hand und schüttelte den Kopf. „Schon gut“, sagte ich und atmete noch einmal tief durch. „Ist eh egal.“
Ich fuhr mir durch die Haare und sah kurz zum Himmel hinauf, bevor ich wieder zu ihnen blickte. „Ja, ihr habt mich überrumpelt“, gab ich offen zu. „Aber ganz ehrlich… ich bin eher der Typ, der lieber direkt mit etwas konfrontiert wird, als dass man ewig um den heißen Brei herumredet.“
Ich ging zur Terrasse hinüber und ließ mich auf einen der schlichten Stühle fallen, der dort stand. Das Holz war von der Sonne leicht warm geworden. Ich stützte die Ellbogen auf die Knie und verschränkte die Hände. Vanu und Valentina folgten mir nach draußen. Statt sich ebenfalls auf Stühle zu setzen, legten sich beide auf die Sonnenliegen, die neben dem Terrassentisch standen. Vanu auf der linken, Valentina auf der rechten Seite. Für einen Moment sagte niemand etwas. Man hörte nur den leichten Wind in den Sträuchern und das entfernte Summen irgendeines kleinen Fluggeräts, das hoch über der Siedlung vorbeizog. Schließlich setzte sich Vanu etwas auf ihrer Liege auf. Sie zog die Beine an, verschränkte die Hände locker darum und sah mich ernst an.
„Ich habe in letzter Zeit viel über unsere Zukunft nachgedacht und der Wunsch nach einem Kind wird bei mir stärker. Ich fühle mich emotional gefestigt, nach der Fehlgeburt mit meinem ersten Mann, und wir beide verfügen über die nötige finanzielle und partnerschaftliche Sicherheit, um Verantwortung zu übernehmen. Der Fokus hat sich bei mir verschoben – persönliche Freiheit ist wichtig, aber das Bedürfnis, für jemanden da zu sein, wiegt nun schwerer. Ich würde mir wünschen, dass wir eine Familie gründen.“
Während sie sprach, sah ich ihr aufmerksam ins Gesicht. Ihre Stimme war ruhig, aber ich merkte, dass hinter diesen Worten viel Nachdenken und vermutlich auch Zweifel steckten. Als sie fertig war, wandte ich automatisch den Blick zu Valentina. Ehrlich gesagt hoffte ich in diesem Moment einfach, dass sie das Wort ergreifen würde, weil ich selbst noch nicht genau wusste, was ich sagen sollte. Und tatsächlich öffnete sie den Mund. Allerdings interpretierte sie meinen Blick offensichtlich völlig falsch.
Sie verschränkte die Arme vor der Brust, sah mich direkt an und sagte in sachlichem Ton: „Ich will kein Kind. Noch nicht. Ich möchte noch ein paar Jahre meine Freiheit genießen und diese Zeit in meinen Beruf als Ärztin investieren.“
Ich blinzelte kurz. Das war… nicht ganz das, was ich erwartet hatte. Um mir selbst etwas Zeit zu verschaffen, griff ich das Thema auf, das sie zuvor angesprochen hatte.
„Du sprachst vorhin von Unterschieden zwischen Terranern und Argonen“, sagte ich ausweichend.
Valentina nickte sofort. Ich konnte förmlich sehen, wie sie innerlich wieder in ihren medizinischen Modus wechselte. „Argon Prime, Terra und Aldrin gehören zur Gaia-Klasse“, begann sie ruhig. „Einer sehr spezifischen Planetengattung erdähnlicher Welten.“ Sie stützte sich ein wenig auf einen Ellbogen und sah zwischen Vanu und mir hin und her, während sie erklärte. „Gaia-Welten sind seltene, paradiesische Planeten mit idealem oder zumindest sehr vielfältigem Klima und stabilen Ökosystemen. Diese Systeme regulieren sich durch komplexe Rückkopplungsmechanismen selbst.“ Sie machte eine kurze Pause, bevor sie fortfuhr. „Aber so ähnlich sich diese Welten auch sind… sie sind nicht identisch.“ Ihr Blick richtete sich wieder auf mich. „Das Thema der unterschiedlichen Entwicklungen haben wir ja schon öfter angesprochen. Augenfarben. Haarfarben. Unterschiede in der Wahrnehmung.“ Sie zuckte leicht mit den Schultern. „Das sind allerdings nur die offensichtlichen Dinge.“ Dann sah sie mich einen Moment lang sehr bewusst an. „Tori, du selbst hast am eigenen Körper erlebt, dass es auch organische Unterschiede gibt.“
Ich nickte sofort. „Meine Unverträglichkeiten mit argonischen Nahrungsmitteln“, sagte ich.
„Genau.“ Valentina nickte bestätigend. „Das ist nur eines von vielen Merkmalen, die sich in den letzten fast neunhundert Jahren herausgebildet haben.“ Sie hob kurz die Hand, als würde sie einen Gedanken ordnen. „Aber auch die…“ Sie machte eine kleine Pause, als würde sie das richtige Wort suchen. „…Kompatibilität…“ Dann sprach sie weiter. „…zwischen Argonen, Terranern und Aldrinern wird immer geringer.“
Ich kniff die Augen leicht zusammen und sah sie prüfend an. „Worauf willst du hinaus?“ fragte ich schließlich direkt.
Valentina antwortete ohne Umschweife. „Es wird wahrscheinlich darauf hinauslaufen, dass wir drei Hilfe brauchen werden.“
Ich zuckte unwillkürlich zusammen. Mein Gehirn versuchte bereits wieder mehrere Möglichkeiten gleichzeitig durchzuspielen.
Valentina bemerkte meine Reaktion und fügte sofort hinzu: „Was ich eigentlich schonend sagen wollte ist…“ Sie seufzte leise. „…dass das natürliche Verfahren wohl dem künstlichen weichen muss.“
Ich lehnte mich ein Stück zurück und sah sie einen Moment lang schweigend an. In meinem Kopf tauchte sofort eine ganz bestimmte Frage auf. War das gerade… ein Euphemismus?

Ich saß noch immer auf dem Terrassenstuhl und hatte die Ellbogen auf die Knie gestützt. Die Hände ineinander verschränkt, den Blick zwischen den beiden Frauen hin und her wandernd. Die Sonne stand inzwischen ein Stück höher am Himmel und warf ein warmes, weiches Licht über den Garten. Ein leichter Wind bewegte die jungen Blätter der Sträucher, und irgendwo im Hintergrund zirpte ein kleines Tier in den Hecken. Trotz der friedlichen Umgebung fühlte sich mein Kopf gerade alles andere als ruhig an. Valentinas Worte über künstliche Verfahren hallten noch immer in meinem Kopf nach. Ich atmete einmal langsam durch und kratzte mir nachdenklich am Hinterkopf, bevor ich schließlich den Blick hob.
„Also ich weiß nicht, ob jetzt der richtige Zeitpunkt dafür ist.“
Kaum hatte ich den Satz ausgesprochen, sah ich, wie Vanus Gesichtsausdruck sofort in sich zusammenfiel. Ihre Schultern sanken leicht nach unten, und in ihren Augen erschien dieser kurze, verletzte Ausdruck, den Menschen haben, wenn sie glauben, gerade eine Absage erhalten zu haben. Mir wurde sofort klar, dass meine Worte völlig anders angekommen waren, als ich sie gemeint hatte. Also hob ich schnell eine Hand, als wollte ich die Situation einfangen, bevor sie weiter entgleiste.
„Aber“, setzte ich sofort nach, „es lassen sich immer Ausreden finden, um etwas aufzuschieben oder nicht tun zu müssen.“ Ich zuckte leicht mit den Schultern und versuchte, meine Stimme bewusst ruhig zu halten. „Das meine ich ganz allgemein.“
Valentina und Vanu sahen sich kurz an. Beide nickten langsam. Ich konnte erkennen, dass sie verstanden, dass ich das nicht ausschließlich auf unsere Situation bezogen hatte – zumindest nicht vollständig. Die Spannung löste sich ein wenig. Ich lehnte mich leicht zurück, ließ den Blick kurz über den Garten schweifen und suchte nach den richtigen Worten. Schließlich sah ich wieder zu den beiden Frauen.
„Wäre es ein Problem“, fragte ich vorsichtig, „wenn wir noch eine Weile die natürliche Möglichkeit ausprobieren?“
Für einen Moment passierte gar nichts. Dann passierte etwas völlig Unerwartetes. Beide Frauen liefen gleichzeitig rot an. Wirklich gleichzeitig. Es war fast synchron, wie sich die Röte über ihre Wangen ausbreitete. Valentina räusperte sich leise und blickte demonstrativ kurz zur Seite, während Vanu mich direkt ansah – und plötzlich lächelte. Kein schüchternes Lächeln, sondern ein warmes, beinahe verschmitztes.
„So oft du willst.“
Ihre Stimme klang weich, und ich bemerkte, dass sie sich ein wenig weiter auf ihrer Liege aufgesetzt hatte. Ihre oliv-grünen Augen funkelten jetzt deutlich lebendiger als noch vor ein paar Minuten. Valentina hingegen brauchte einen Moment länger, um ihre professionelle Fassung wiederzufinden. Sie richtete sich ebenfalls etwas auf, strich sich eine petrolfarbene Haarsträhne aus dem Gesicht und setzte wieder diesen leicht distanzierten Arztblick auf.
„Aus ärztlicher Sicht ist dagegen nichts einzuwenden.“
Sie sprach den Satz sachlich aus, beinahe wie eine Diagnose. Trotzdem meinte ich, in ihrer Stimme einen ganz leichten, kaum hörbaren missbilligenden Unterton wahrzunehmen. Vielleicht bildete ich mir das auch nur ein. Sie verschränkte locker die Arme und fuhr dann fort, als würde sie einen medizinischen Vortrag halten.
„Unterschiedliche Immunsysteme ziehen einander an“, erklärte sie ruhig. „Und führen in der Regel zu genetisch stabileren Nachkommen.“
Sie sah mich dabei direkt mit ihren purpurnen Augen an, als wollte sie sicherstellen, dass ich die wissenschaftliche Seite der Sache auch wirklich verstand. Ich konnte mir ein kleines Grinsen nicht verkneifen. Die Situation war irgendwie absurd. Noch vor wenigen Minuten war ich panisch in den Garten geflüchtet, weil das Wort Babys wie ein Meteorit in meinen Kopf eingeschlagen war. Und jetzt saßen wir hier auf der Terrasse, diskutierten Fortpflanzung wie ein wissenschaftliches Projekt – während die beiden Frauen gleichzeitig rot im Gesicht waren. Ich lehnte mich ein wenig weiter zurück, ließ den Blick wieder über den Garten gleiten und musste leise durch die Nase ausatmen. Mein Leben hatte wirklich eine seltsame Art, sich zu entwickeln.

Ich hasse Perfektion.
Sie bietet keinen Platz für Kreation.

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Kapitel 18 - Expansion

Als mein Shuttle durch die oberen Atmosphärenschichten von Argon Prime glitt, lag die planetare Hauptstadt Gunnia bereits unter mir. Von oben wirkte die Stadt wie ein riesiges Geflecht aus glänzenden Strukturen, breiten Verkehrsadern und grünen Inseln aus Parks und Wasserflächen, die sich zwischen die Architektur schoben. Argonische Städte hatten eine ganz eigene Ästhetik. Technologisch hochentwickelt, aber nie kalt oder steril. Überall schimmerte Glas, Metall und Vegetation miteinander. Selbst aus dieser Höhe konnte ich die dichten Verkehrsschichten erkennen – Flugspuren, die sich wie leuchtende Linien durch die Luft zogen.
Während das Shuttle langsam in den Anflugvektor überging, lehnte ich mich im Sitz zurück und ließ meine Gedanken zu den letzten Wochen zurückwandern. Seit meinem Besuch auf Ni'sha'la, dem Heimatplaneten der Boronen, waren einige Wochen vergangen. Genug Zeit, damit sich in Uros einiges entwickelt hatte. Die Produktion von Algen und Plankton hatte dort bereits im letzten Jahr begonnen. Am Anfang waren die Fischer allerdings alles andere als begeistert gewesen. Viele von ihnen hatten mich angesehen, als würde ich versuchen, ihnen eine besonders absurde Geschäftsidee zu verkaufen. Für sie war Fischfang eine Sache von Erfahrung, Netzen und Geduld – nicht von Laborbecken und Mikroorganismen. Auch Rosa und Greg hatten mit ihren wissenschaftlichen Vorträgen nicht gerade dazu beigetragen, die Skepsis zu zerstreuen. Wenn die beiden anfingen über ökologische Gleichgewichte, mikrobiologische Kreisläufe und Nährstoffketten zu sprechen, schalteten die meisten Fischer innerlich ziemlich schnell ab. Der Durchbruch kam erst, als der alte Florian das Gespräch übernahm. Ich erinnerte mich noch gut daran, wie er einfach mitten in eine der Diskussionen hineinplatzte, die Hände in die Hüften stemmte und trocken sagte, dass sie mit der ganzen Sache Credits verdienen konnten. Das war der Moment gewesen, in dem sich die Stimmung plötzlich verändert hatte. Credits verstanden sie. Und so hatten sie schließlich zugestimmt, es wenigstens zu versuchen. Rückblickend war das vermutlich eine der besten Entscheidungen gewesen, die sie hätten treffen können.
Denn Algen und Plankton waren nicht einfach nur irgendein Zusatzprojekt. Sie bildeten die Grundlage eines gesamten Nahrungsnetzes. In natürlichen Gewässern ernähren sich unzählige kleine Organismen von Phytoplankton – winzigen Algen und Mikroorganismen, die mithilfe von Licht Nährstoffe produzieren. Diese wiederum werden von kleinen Krebstieren, Larven und anderen Mikrofauna gefressen. Und diese kleinen Tiere sind die Hauptnahrung vieler Fischarten. Indem wir also gezielt Algen und Plankton kultivierten, erhöhten wir indirekt das Nahrungsangebot für die gesamte Nahrungskette. Mehr Mikroorganismen bedeuteten mehr Kleintiere. Mehr Kleintiere bedeuteten mehr Nahrung für junge Fische. Und mehr überlebende Jungfische bedeuteten langfristig größere Fischbestände. Genau das begann sich in den Gewässern rund um Uros langsam zu zeigen.
Nachdem die ersten Tests erfolgreich verlaufen waren, hatten wir den nächsten Schritt gewagt. Wir begannen damit, BoFu in künstlich angelegten Aquarien zu züchten. Einige dieser Becken wurden mit Süßwasser gefüllt, andere mit Salzwasser. Die boronischen Fungi, reagierten erstaunlich flexibel auf verschiedene Wasserbedingungen, solange bestimmte mineralische Werte eingehalten wurden. Die ersten Ergebnisse waren vielversprechend. Die Fungi wuchsen stabil, ließen sich gut verarbeiten und entwickelten eine Struktur, die dem ursprünglichen BoFu zumindest nahekam. Dennoch bemerkten die boronischen Diplomaten, die exklusiv die neuen Gerichte probieren durften, sofort den Unterschied. Boronen hatten ein unglaublich feines Gespür für Geschmacksnuancen. Das war mir schon auf Ni'sha'la klar geworden. Glücklicherweise beschwerte sich keiner von ihnen. Vermutlich lag das auch daran, dass Bi Fi und ich von Anfang an sehr deutlich gemacht hatten, dass es sich um experimentelle Züchtungen handelte. Niemand erwartete Perfektion. Und obwohl einige der Boronen lieber beim altbewährten BoFu blieben, beobachtete ich mit wachsender Zufriedenheit, wie sich die Zahl der neugierigen Tester von Tag zu Tag erhöhte. Immer mehr Mitarbeiter wollten die neuen Varianten probieren. Manche aus wissenschaftlicher Neugier, andere einfach aus kulinarischem Interesse. Für mich war das ein gutes Zeichen. Ich hatte das Gefühl, dass wir auf dem richtigen Weg waren.
Doch nicht jedes Experiment verlief erfolgreich. Mein nächster Versuch ging gründlich schief. Ich hatte die Idee gehabt, BoFu in Thermalwasser zu züchten. Meine Überlegung war gewesen, dass die mineralischen Eigenschaften solcher Quellen den Geschmack vielleicht vertiefen oder neue Nuancen erzeugen könnten. In der Theorie klang das plausibel. In der Praxis endete das Experiment katastrophal. Die boronischen Fungi reagierten nicht nur extrem empfindlich auf die chemische Zusammensetzung des Thermalwassers, sondern auch auf die unterschiedlichen Temperaturen. Innerhalb weniger Tage begann das gesamte Kulturbecken zu kollabieren. Die Strukturen der Fungi zerfielen regelrecht, und schließlich starb die gesamte Kolonie ab. Ich erinnere mich noch gut an den Moment, als Vanu und ich schweigend vor dem Becken standen und beobachteten, wie das Wasser langsam trüb wurde. Das war einer dieser Momente, in denen Wissenschaft einfach nur frustrierend sein konnte.
Glücklicherweise verliefen die nächsten Experimente deutlich besser. Wir begannen damit, Varianten mit Schwefelwasser und eisenhaltigem Wasser zu testen. Beide lieferten überraschend interessante Ergebnisse. Vor allem die Schwefelvariante entwickelte einen intensiven, leicht würzigen Geschmack, der bei den boronischen Testessern erstaunlich gut ankam. Die eisenhaltige Variante hingegen war deutlich schwerer im Aroma und wurde von vielen Boronen als zu dominant empfunden. Ähnlich verhielt es sich mit einer weiteren Idee von mir: BoFu, gezüchtet in leicht kohlensäurehaltigem Wasser. Die resultierenden Fungi entwickelten eine feine, säuerliche Note, die zwar interessant war, aber als Hauptgericht schnell zu aufdringlich wirken konnte. Also entschieden Vanu und ich, diese Varianten nicht als eigenständige Gerichte auf die Karte zu setzen. Stattdessen nutzten wir sie als Gewürzkomponenten. Kleine Zusätze, die anderen Speisen eine leicht säuerliche oder mineralische Geschmacksnote verliehen. Das Ergebnis war überraschend vielseitig. Da keiner der Boronen bei irgendeinem der Experimente gesundheitliche Probleme entwickelte, konnten wir die Varianten ohne größere Bedenken weiterverwenden.
Innerhalb weniger Wochen hatte sich die Speisekarte der Anshin Yateis plötzlich erheblich erweitert. Neue Gerichte, neue Kombinationen, neue Geschmacksrichtungen. Während das Shuttle schließlich in die tieferen Verkehrsschichten über Gunnia eintauchte und die gewaltige Hauptstadt immer größer vor meinen Fenstern wurde, musste ich zugeben, dass ich mit der Entwicklung ziemlich zufrieden war. Vieles war noch experimentell. Vieles musste noch verbessert werden. Aber der Weg, den wir eingeschlagen hatten, fühlte sich richtig an.

Ich saß an einem niedrigen Tisch im Anshin Shokudō mit angegliedertem Yatei von Gunnia. Das Restaurant lag nur wenige Straßenzüge vom großen Raumhafen entfernt, eingebettet zwischen mehreren mehrstöckigen Gebäudekomplexen aus Glas und hellen Metallstrukturen. Von außen wirkte das Lokal bewusst schlicht – breite Fensterfronten, warme Holzpaneele, ein schlichtes Schild mit dem bekannten Anshin-Logo. Innen jedoch war alles so gestaltet, dass sich Gäste aus möglichst vielen Spezies wohlfühlen konnten. Unterschiedliche Sitzhöhen, leicht variierende Tischformen, separate Wasserbeckenbereiche für Boronenbesucher und ein Abschnitt mit etwas breiteren Durchgängen für größere Spezies wie Paraniden.
Die Luft roch angenehm nach frischem Reis, fermentierten Algen und einem Hauch von Gewürzen, die aus der Küche herüberwehten. Es war früher Nachmittag, und das Lokal war gut besucht. Mehrere argonische Gäste saßen verteilt an den Tischen, einige in Geschäftsanzügen, andere in einfacher Arbeitskleidung. Dazwischen bewegten sich auch Besucher anderer Völker. Ein Borone schwebte träge in seinem mobilen Wasserbehälter nahe einer der speziell eingerichteten Stationen. Zwei Teladi diskutierten mit zischenden Stimmen über eine Rechnung, während ein Split am Nachbartisch schweigend ein großes Tablett mit mehreren Portionen verschlang. Der Umsatz hier war deutlich höher, als ich ursprünglich erwartet hatte. Natürlich hatte ich damit gerechnet, dass Argonen mit Nahrungsmittelunverträglichkeiten das Konzept gut annehmen würden. Das war schließlich einer der Gründe gewesen, warum wir die Anshin-Shokudō-Filialen überhaupt gegründet hatten. Aber dass auch so viele Aliens spontan hereinkommen würden, hatte ich nicht vorausgesehen. Offenbar sprach sich schnell herum, wenn ein Lokal Gerichte anbot, die für mehrere Spezies verträglich waren.
Mein Termin war noch nicht erschienen. Ich war allerdings auch schon den gesamten Tag hier. Das Personal schien das etwas nervös zu machen. Immer wieder bemerkte ich aus den Augenwinkeln kurze Blicke in meine Richtung. Niemand kam direkt zu mir, aber ich konnte die Unsicherheit förmlich spüren. Für sie war die Hierarchie vermutlich nicht ganz einfach einzuordnen. Vanu war für sie die direkte Chefin. Sie leitete den gastronomischen Bereich, entschied über Menüs, Personal und Abläufe. Doch ich stand formal noch darüber. Die Anshin-Restaurants gehörten zur Omni-Food Products. Und OFP war wiederum Teil der Universal Nourishment Organization. Einer Organisation, die ich gegründet hatte. Und deren Präsident ich war. Für das Personal bedeutete das wahrscheinlich, dass der höchste Vorgesetzte, den sie sich vorstellen konnten, plötzlich still in einer Ecke ihres Restaurants saß und stundenlang nichts tat. Kein Wunder, dass sie sich beobachtet fühlten. Ich tat allerdings mein Möglichstes, um genau diesen Eindruck zu vermeiden. Ich sah mich nicht prüfend um, beobachtete niemanden bei der Arbeit und machte mir keine Notizen über Abläufe. Stattdessen war ich vollständig in mein Tablet vertieft. Mit der Zeit bemerkte ich, wie die Anspannung im Raum langsam nachließ. Die Mitarbeiter merkten offenbar, dass ich sie weder kontrollierte noch bewertete. Schließlich gingen sie wieder ganz normal ihrer Arbeit nach.
Ich lehnte mich etwas zurück und scrollte weiter durch das Dokument auf dem Bildschirm meines Tablets. Es war der Vertrag, den die Boronen mir vor wenigen Tagen übermittelt hatten. Ihr Angebot war… großzügig. Zumindest auf den ersten Blick. Sie waren bereit, mir direkt im Sonnensystem Königstal eine Baugenehmigung für einen Produktionskomplex zu erteilen. Eine Anlage, die vollständig auf die Herstellung boronentauglicher Lebensmittel ausgelegt wäre. Da das Projekt als Privatunternehmen laufen sollte, war die Vereinbarung relativ klar strukturiert. Ich durfte bauen, produzieren und verkaufen – im Gegenzug würden regelmäßige Abgaben an die boronische Regierung fällig werden. Ein klassisches Lizenzmodell. Interessanter war jedoch ein anderer Punkt des Vertrags. Die Boronen erlaubten mir ausdrücklich, argonische Fabriken an den Komplex anzugliedern. Das bedeutete, ich könnte direkt vor Ort Argon-typische Agrarprodukte herstellen. Argnu-Fleisch, Delexianischen Weizen und verschiedene andere Rohstoffe, die wir für unsere Gerichte benötigten. Damit ließen sich die Transportkosten drastisch reduzieren.
Ich strich mit dem Finger über das Display und las den nächsten Abschnitt noch einmal sorgfältig durch. Um das Angebot attraktiver zu machen, stellten die Boronen sogar kostenlose Solarpanele zur Verfügung. Energieversorgung war bei Raumstationen normalerweise einer der größeren Kostenfaktoren. In diesem Punkt kamen sie mir also deutlich entgegen. Trotzdem blieb ein Problem. Die Weltraummiete für den Bauplatz war… hoch. Sehr hoch. Ich wusste auch genau, warum. Die Boronen hatten vor einiger Zeit die Technologie der transorbitalen Beschleuniger von den Argonen erhalten. Diese gewaltigen Konstruktionen – im Alltag meistens einfach Weltraumautobahnen genannt – verbanden nicht nur Stationen, sondern auch Planeten und Monde innerhalb eines Sonnensystems mit extrem schnellen Transportrouten. Für Handel und Logistik waren sie ein enormer Vorteil. Und die Boronen nutzten diese Infrastruktur inzwischen intensiv. Was allerdings viele vergaßen: Die Argonen hatten diese Technologie nicht selbst entwickelt. Sie hatten sie von Aldrin erhalten. Und das unter erheblichen Kosten und politischen Auflagen. Aldrin wiederum hatte sie kostenlos bekommen, nachdem sie sich den Terranern angeschlossen hatten. Ein komplexes Netz aus Technologieaustausch, politischen Interessen und wirtschaftlichen Verpflichtungen.
Ich lehnte mich etwas zurück und starrte einen Moment lang schweigend auf die Zahlenkolonnen im Vertrag. Wenn ich alles zusammenrechnete – Baukosten, Strukturmodule, Produktionsanlagen, Logistiksysteme – würde mich das Projekt ungefähr fünfzehn Millionen Credits kosten. Eine gewaltige Summe. Besonders für jemanden wie mich, der sich gerade erst aus mehreren finanziellen Verpflichtungen herausgearbeitet hatte. Der Bau würde mich wieder in Schulden stürzen. Daran gab es keinen Zweifel. Andererseits war der Absatzmarkt enorm. Boronen waren anspruchsvolle Konsumenten, aber wenn sie ein Produkt akzeptierten, blieben sie ihm meistens lange treu. Wenn sich der Komplex etablierte, würde sich die Investition vermutlich innerhalb weniger Jahre amortisieren. Ich ließ das Tablet langsam sinken und blickte kurz durch die Fensterfront des Restaurants hinaus. Draußen zogen mehrere Transportgleiter über die breite Straße, dahinter ragten die Türme von Gunnia in den Himmel. Der Vertrag lag noch immer geöffnet auf meinem Bildschirm.

Ich ließ das Tablet einen Moment lang auf dem Tisch liegen und starrte durch die großen Fenster des Yatei hinaus auf die belebte Straße vor dem Raumhafen. Transportgleiter schwebten in regelmäßigen Abständen über die breite Verkehrsachse hinweg, während am Boden Passanten verschiedenster Spezies zwischen den Gebäuden hindurchströmten. Das stetige Summen der Antriebe und das entfernte Dröhnen startender Shuttles mischte sich mit dem gedämpften Stimmengewirr im Restaurant. Normalerweise empfand ich diese Geräuschkulisse als angenehm. Heute jedoch lief im Hintergrund meines Kopfes eine ganz andere Art von Lärm – Zahlen, Risiken, Möglichkeiten. Die Konditionen der Boronen waren attraktiv, daran gab es keinen Zweifel. Aber sie waren nicht das einzige Angebot auf meinem Tisch.
Ich strich mit dem Finger über das Display meines Tablets und öffnete die zweite Datei. Das argonische Angebot. Allein die Tatsache, dass dieses Dokument überhaupt existierte, hatte mich überrascht. Bisher hatte ich fast ausschließlich mit lokalen Verwaltungsbeamten zu tun gehabt – Raumhafenaufsichten, Bezirksverwaltungen, gelegentlich ein Wirtschaftsreferent. Menschen, die ihre Arbeit erledigten, aber selten über ihren Zuständigkeitsbereich hinausgingen. Dieses Angebot hingegen kam aus deutlich höheren Ebenen der Verwaltung. Offiziell aus dem Wirtschaftsministerium der Argonischen Föderation. Ich erinnerte mich noch genau an den Moment, als die Nachricht eingetroffen war. Für einige Sekunden hatte ich nur auf den Absender gestarrt. Offenbar hatte sich meine Idee inzwischen weiter herumgesprochen, als ich angenommen hatte. Vielleicht war mein Name tatsächlich in irgendwelchen Sitzungen gefallen. Vielleicht hatte jemand die Berichte über unsere Projekte gelesen. Oder – dieser Gedanke ließ mich leicht schmunzeln – vielleicht war tatsächlich irgendein hochrangiger Beamter Stammkunde in einem unserer Shokudō oder Yatei geworden. Die Vorstellung, dass ein Ministerialbeamter regelmäßig bei uns Reis mit Algen bestellte, hatte durchaus etwas Amüsantes.
Ich scrollte durch das Dokument. Die Argonen boten mir Bauplätze zu einem überraschend günstigen Tarif an. Auch sie erlaubten mir, boronische Produktionsanlagen in die Komplexstruktur zu integrieren. Offensichtlich hatten sie verstanden, dass das gesamte Konzept nur funktionierte, wenn ich flexibel zwischen den biologischen Anforderungen verschiedener Spezies arbeiten konnte. Was mich allerdings wirklich erstaunt hatte, war die Höhe der Miete. Oder besser gesagt: wie niedrig sie war. Der Preis lag deutlich unter dem, was vergleichbare Standorte normalerweise kosteten. Natürlich war mir sofort klar gewesen, dass ein solches Angebot nicht ohne Bedingungen kommen würde. Und genau so war es auch. Ich lehnte mich etwas zurück, verschränkte die Arme locker vor der Brust und ließ meinen Blick wieder auf den Bildschirm sinken. Der Haken lag in einem einzigen Satz. Die argonischen Beamten hatten mitbekommen, dass ich eine kleine Privatwerft im Orbit von Trantor im Sonnensystem Presidents End beauftragt hatte, mehrere Frachter zu bauen. Irgendjemand in der Verwaltung musste diese Information aufgegriffen und kombiniert haben. Ihr Vorschlag – oder besser gesagt ihre Erwartung – war daher klar formuliert. Wenn ich einen Produktionskomplex bauen wollte, dann sollte ich ihn in genau diesem System errichten. Presidents End. Ich ließ den Namen einen Moment lang in meinem Kopf wirken.
Offiziell ging es natürlich um wirtschaftliche Förderung. Die Region sollte wieder aufgebaut werden. Neue Unternehmen sollten angesiedelt werden. Handelsströme sollten zurückkehren. Inoffiziell bedeutete das, dass ich als wirtschaftlicher Impulsgeber dienen sollte. Ein kleines Zahnrad, das den großen Mechanismus wieder in Bewegung brachte. Wenn ich das Angebot annahm, würde mich das gesamte Projekt etwa zehn Millionen Credits kosten. Fünf Millionen weniger als der Bau in Königstal. Eine beträchtliche Differenz. Trotzdem war Geld nicht der einzige Faktor. Ich öffnete eine weitere Karte auf dem Tablet und ließ mir die Sternensysteme anzeigen. Wenn ich in Königstal baute, wären die Transportwege zu Ni'sha'la und den anderen Welten des boronischen Königinnenreichs deutlich kürzer. Logistisch wäre das ein großer Vorteil. Die Frachter müssten weniger Systeme durchqueren, weniger Zeit im Transit verbringen und würden entsprechend schneller Waren liefern können. Allerdings hätte diese Entscheidung auch einen klaren Nachteil. Der Weg nach Son'ra würde deutlich länger werden. Ich zoomte in die Karte hinein und ließ die Routen berechnen. Mehrere Systeme lagen dazwischen. Wenn ich dagegen in Presidents End baute, sah die Sache anders aus. Von dort aus war Son'ra praktisch um die Ecke. Nur ein einziges Sonnensystem lag dazwischen. Entweder Heimat des Lichts oder Linie der Energie, je nachdem welche Route man wählte.
Ich schüttelte leicht den Kopf und schnaubte leise. Wer auch immer diese Systeme benannt hatte, musste eine sehr poetische Ader gehabt haben. Oder einen sehr eigenartigen Sinn für Pathos. In Gedanken stellte ich mir irgendeinen alten Entdecker vor, der dramatisch auf einen Stern zeigte und verkündete: Dies soll die Linie der Energie sein! Ich konnte mir ein kleines Grinsen nicht verkneifen.
Trotzdem blieb die Rechnung kompliziert. Denn wenn ich in Presidents End produzierte, müsste jeder Frachter auf dem Weg nach Königstal durch fünf komplette Sonnensysteme fliegen. Und dabei war noch gar nicht berücksichtigt, dass die Waren anschließend weiter in andere boronische Systeme verteilt werden mussten. Ich atmete langsam aus und ließ den Blick wieder vom Display heben. Doch die Entfernung war nur ein Teil der Gleichung. Presidents End hatte noch andere Probleme. Probleme, die das Wirtschaftsministerium offensichtlich mit großzügigen Boni und niedrigen Mietpreisen überdecken wollte. Zum einen gab es dort noch immer sporadische Angriffe der Kha'ak. Zwar deutlich seltener als früher, aber sie kamen vor. Kleine, unberechenbare Überfälle, bei denen plötzlich ein Schwarm auftauchte und wieder verschwand. Dann war da der schleppende Wiederaufbau des Systems. Sechzig Jahre waren seit dem großen Angriff vergangen, aber noch immer wirkte vieles dort wie eine Wunde, die nie ganz verheilt war. Ganze Bereiche des Systems waren noch immer nur dünn besiedelt. Handelsstationen standen vereinzelt im Orbit, aber das dichte Netz aus Infrastruktur, das andere Systeme hatten, existierte dort nicht.
Und dann gab es noch das Sicherheitsproblem. Presidents End hatte einen Ruf. Einen ziemlich schlechten sogar. Schmuggler nutzten das System regelmäßig als Durchgangsroute. Die Behörden versuchten zwar dagegen vorzugehen, aber der Raum war groß und die Patrouillen begrenzt. Plünderer hatten dort ebenfalls lange ihr Unwesen getrieben. Nach dem Kha'ak-Großangriff waren unzählige zerstörte Stationen zurückgeblieben, deren Trümmerfelder über Jahrzehnte hinweg ausgeschlachtet worden waren. Inzwischen war zwar so gut wie alles geplündert worden, aber der Ruf des Systems hatte darunter gelitten. Und dann gab es noch ein weiteres Problem. Nur einen Sprungtordurchgang entfernt lag das Sonnensystem Elenas Glück. Offiziell gehörte es zur Argonischen Föderation. Inoffiziell war es ein Sammelpunkt für alles, was sich nicht besonders gerne an Regeln hielt. Piratenfraktionen nutzten das System als Rückzugsgebiet, während die argonische Flotte regelmäßig versuchte, ihre Präsenz dort zu behaupten. Die Bevölkerung bestand größtenteils aus… Ich verzog leicht den Mund, während ich nach einem passenden Wort suchte. Freigeister. Ja. Das war vermutlich die diplomatischste Formulierung.
Ich lehnte mich wieder etwas zurück und verschränkte die Finger auf dem Tisch. Beide Angebote lagen vor mir. Beide hatten ihre Vorteile. Beide hatten ihre Risiken. Und ich wusste, dass ich mich noch nicht entscheiden konnte. Denn irgendwo in meinem Hinterkopf ahnte ich bereits, dass diese beiden Optionen wahrscheinlich noch nicht das Ende der Geschichte waren.

Ich hob den Kopf, als die Schritte durch den Eingangsbereich hallten. Schwerfällig, fast gemächlich, watschelten sie auf mich zu, die charakteristische Haltung der Teladi sichtbar in jedem Bewegungsablauf. Ihre Schuppen glänzten im Licht des Yatei, die Farbunterschiede sofort erkennbar. Der ältere Teladi bewegte sich mit einem gemächlichen Rhythmus, seine roten Augen schienen jede Regung im Raum zu scannen. Die beiden Jüngeren hatten gelbe Augen mit schmalen schwarz geschlitzten Pupillen, die Aufmerksamkeit auf jedes Detail richtend, während sie gleichzeitig eine gewisse Gelassenheit ausstrahlten. Ich spürte ein leichtes Kribbeln im Nacken – drei Jahre hatten mich zwar in die Handelssprache eingeführt, aber ihre Mimik, ihre subtilen Gesten, all das blieb mir weitgehend fremd. Ich wusste, dass ich interpretieren musste, ohne sicher zu sein.
Der Ältere, Basilomas Thovareos, stellte sich zuerst vor. Sein Name ließ mich kurz innehalten – ich wusste um die üblichen teladischen Namenskonventionen: drei Namen, die Blutlinien reflektierten. Basilomas erklärte ruhig, dass er ausgewandert sei und mit seiner Frau eine eigene Brutlinie gegründet habe. Sein Tonfall war fest, gleichzeitig nicht überheblich, eher stolz auf die eigenständige Entwicklung. Ich nickte, machte mir eine mentale Notiz. Zwei seiner Nachkommen setzten sich neben ihn, jeder mit einer Präsenz, die ihre Rolle im Gespräch markierte. Basilomos Thovareos Nopireos, klar männlich durch die bläulichen Schuppen, straffte die Schultern, die Augen auf mich gerichtet. Basilomos Thovareos Kavireas, eindeutig weiblich mit ihrem grün schimmernden Schuppenkleid, wirkte zurückhaltender, doch aufmerksam, jede meiner Bewegungen registrierend.
Das Gespräch begann schleppend, wie erwartet. Jedes S, jedes CH wurde in die Länge gezogen, ein Zischen begleitete fast jede Silbe. Ich musste mehrfach nachhaken, bestimmte Worte wiederholen, die Sätze in die Handelssprache zurückübersetzen. Trotzdem spürte ich langsam eine gewisse Dynamik: die Teladi hörten zu, prüften genau, was ich sagte, wie ich die Angebote präsentierte. Ich legte beide Varianten auf den Tisch, die Bauplätze in Königstal und in Presidents End, erläuterte jeweils Kosten, logistische Wege, Risiken und Vorteile.
Basilomas Thovareos, der Ältere, beugte sich leicht vor, die roten Augen zusammengekniffen, und zischte: "Kosssteneffizzzienzzz... mussss... langfrissstig gesssehen werden. Kurzzze Lieferwege... geringere Betriebssskosssten... ssstabilere Märkte... Risssiko mussss berechnet... nicht nur Creditsss."
Ich nickte, verstand, dass er das System analytisch betrachtete, nicht emotional, wie ich es manchmal tat.
Nopireos legte den Kopf leicht schräg, die Augen auf die Karte gerichtet, und zischte: "Presssidentsss End... Transssport nach Boron... mehrere Sssysssteme... Invessstition geringer... Gefahr höher... könnte langfrissstig höhere Rendite bringen, wenn Sscchhutzmaßßßnahmen umgesssetzzzt werden."
Ich konnte sehen, wie er die Berechnungen in seinem Kopf ablaufen ließ, die bläulichen Schuppen schimmerten im Licht.
Kavireas, die Jüngere, verschränkte die Arme, leicht zurückgelehnt, und ließ ein grünes Schuppenschild aufblitzen, eine subtile Geste von Vorsicht. Sie sprach leise, zischend: "Königssstal... weniger Risssiko... kürzere Wege zu wichtigen Märkten... höhere Miete, aber sssicherer... langfrissstig planbar... ssstabilere Infrassstruktur." Ihr Ton war bedächtig, bedacht, wie eine erfahrene Analystin, die Szenarien gegeneinander abwägte.
Ich lehnte mich zurück, verschränkte die Finger vor meinem Gesicht, und studierte die drei. Ihre Stimmen, ihre Betonungen, die subtile Differenz zwischen den Generationen – es war klar: Der Ältere betrachtete die Gesamtkosten mit strategischem Fokus, Nopireos suchte nach Renditepotenzial bei Risikoakzeptanz, Kavireas schätzte Sicherheit und Planbarkeit. Ich merkte, dass ich ihre Antworten nicht einfach als Zahlen lesen konnte. Jede Meinung spiegelte Werte, Erfahrung, eine Perspektive wider, die ich berücksichtigen musste.
Schließlich richtete ich die Stimme auf alle drei: "Also, wenn ihr nur auf die Kosten und die Effizienz schaut, welches der beiden Projekte würdet ihr empfehlen?"
Basilomas Thovareos zischte ein leises, langgezogenes "Königssstal...", Nopireos ein fast ehrfürchtiges "Presssidentsss End...", und Kavireas wiederholte das Argument für Königstal mit einer Betonung, die ihre Logik untermauerte.
Ich ließ die Stille wirken, die Entscheidung lag noch bei mir, aber die Analysen der Teladi hatten meine Perspektive deutlich erweitert.

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Kapitel 19 - Überfordert

Die Entscheidung fiel mir nicht leicht, aber irgendwann musste ich aufhören, die beiden Angebote gegeneinander abzuwägen, und anfangen zu handeln. Ich saß noch immer im Anshin Shokudō in Gunnia, das Stimmengewirr der Gäste, das leise Klirren von Geschirr und der warme Duft von Brühe, Reis und Gewürzen bildeten eine fast beruhigende Kulisse für meine Gedanken. Schließlich legte ich das Tablet auf den Tisch und fuhr mir mit der Hand über das Gesicht. Ich hatte mich entschieden, einen zweigeteilten Weg zu gehen.
Die erste Produktionslinie würde im Sonnensystem Königstal entstehen. Dort, mitten im Einflussgebiet der Boronen, wo die Nachfrage nach unseren Produkten ohnehin am größten war. Gleichzeitig würde in Presidents End das Hauptquartier der Universal Nourishment Organization entstehen. Genau genommen schwebte mir etwas Konkreteres vor: eine alte Handelsstation im Orbit von Trantor. Eine dieser halb verlassenen Strukturen aus der Zeit vor dem großen Kha’ak-Angriff, die noch immer wie ein stählernes Gerippe im Raum hing. Ich wollte sie kaufen, restaurieren und nach und nach wieder aufbauen. Ein Symbol für etwas Neues, das aus den Ruinen entstand.
Doch so klar die Idee auch war – die Realität war ernüchternd. Beide Projekte gleichzeitig zu stemmen war finanziell schlicht unmöglich. Ich starrte einen Moment lang aus dem großen Fenster des Restaurants, hinaus auf den Raumhafen von Gunnia, wo ständig Transporter starteten und landeten. Credits waren die eine Sache, aber Zeit, Logistik und Personal waren eine ganz andere.
Hier kamen die Teladi ins Spiel.
Die Familie um Basilomas Thovareos hatte sich in den letzten Tagen als erstaunlich wertvoll erwiesen. Während unserer Gespräche, die sich inzwischen über mehrere Treffen gezogen hatten, hatten sie ein Talent für Planung und Struktur gezeigt, das ich nicht erwartet hatte. Wenn ich ehrlich war, waren sie im menschlichen Sinne echte Finanzgenies. Im teladianischen Maßstab hingegen vermutlich eher durchschnittlich.
Der Grund dafür lag auf der Hand.
Sie stammten von Ianamus Zura, dem ursprünglichen Heimatplaneten der Teladi. Anders als die Teladi der Gemeinschaft der Planeten, die über Generationen hinweg fast ausschließlich auf Profitmaximierung ausgerichtet waren, hatten sich die Kulturen auf Ianamus Zura in eine andere Richtung entwickelt. Mehr Kultur, mehr gesellschaftliche Entwicklung, weniger kompromisslose Profitgier. In gewisser Weise erinnerten sie mich an Menschen aus dem zwanzigsten oder einundzwanzigsten Jahrhundert der Erde – wirtschaftlich orientiert, aber nicht vollständig davon beherrscht.
Ich musste bei dem Gedanken leicht schmunzeln. Vielleicht war genau das der Grund, warum sie überhaupt Interesse an meiner Organisation hatten.
Oder vielleicht lag es schlicht am Essen.
Während ihres Vorstellungsgesprächs – und auch bei den anschließenden Verhandlungen – hatten sie konsequent auf teladianische Nahrung verzichtet. Stattdessen hatten sie sich systematisch durch beinahe das gesamte Menü des Anshin Yatei gearbeitet. Ich erinnerte mich noch genau an das leise Zischen ihrer Stimmen, während sie jede neue Speise begutachteten, an das konzentrierte Funkeln ihrer Augen, wenn sie eine neue Geschmacksrichtung analysierten.
Sie hatten alles probiert. Wirklich alles.
Suppen, Reisgerichte, fermentierte Gemüsevariationen, Fisch, sogar einige der experimentellen BoFu-Gerichte. Besonders Kavireas hatte sich dabei als erstaunlich neugierig erwiesen. Jedes Mal, wenn ein neues Gericht kam, beugte sie sich leicht nach vorne, betrachtete die Farben und Strukturen, bevor sie vorsichtig probierte. Danach folgte meistens ein langgezogenes, zufriedenes Zischen.
Als das Gespräch schließlich beendet war und wir uns verabschiedeten, dachte ich eigentlich, der Abend sei vorbei. Doch die drei Teladi standen nicht auf, um zu gehen. Stattdessen wandten sie sich geschlossen zum kleinen Verkaufsbereich des Restaurants, dem Anshin Shokudō, der direkt neben dem Ausgang lag.
Ich beobachtete sie aus der Entfernung, während sie sich durch die Regale bewegten. Ihre Klauen griffen nach Verpackungen, drehten sie prüfend, studierten die Beschriftungen.
Kurz darauf kamen sie mit einer erstaunlichen Menge an 2Go-Menüs zurück.
Mehrere stapelbare Boxen, vakuumversiegelte Gerichte, sogar einige der konservierten Spezialitäten, die eigentlich für längere Raumflüge gedacht waren. Basilomas Thovareos hielt die gesamte Sammlung mit sichtbarer Zufriedenheit in den Klauen.
Ich konnte mir ein leichtes Lächeln nicht verkneifen.
Vielleicht hatte ich mit meiner Vermutung also recht.
Vielleicht waren sie wirklich gekommen, um zu arbeiten.
Oder vielleicht auch nur, um zu essen.

Die Entscheidung, die Familie Thovareos einzustellen, erwies sich schneller als richtig, als ich es erwartet hatte. Eigentlich hatte ich gedacht, dass es Monate dauern würde, bis sich ihre Arbeit wirklich bemerkbar machte. Große Organisationen veränderten sich normalerweise langsam. Prozesse mussten angepasst werden, Zuständigkeiten geklärt, Gewohnheiten durchbrochen. Doch in meinem Unternehmen schien sich alles in einem Tempo zu verschieben, das ich kaum für möglich gehalten hätte. Nur wenige Wochen nachdem Basilomas Thovareos und seine beiden Nachkommen ihre Arbeit aufgenommen hatten, zeigten sich bereits deutliche Veränderungen. Die Umsätze stiegen. Nicht explosionsartig, aber konstant. Jede Woche ein wenig mehr. Gleichzeitig wurden unsere Lieferketten effizienter. Frachtrouten wurden neu berechnet, Zwischenlager sinnvoller verteilt, Transportzeiten verkürzt. Ich saß an meinem Schreibtisch in einem der Verwaltungsräume des Anshin-Komplexes auf Argon Prime und betrachtete die aktuellen Zahlen auf meinem Tablet. Die Kurven auf den Diagrammen bewegten sich langsam nach oben. Neben den Umsätzen waren auch die Betriebskosten leicht gesunken. ch musste unwillkürlich den Kopf schütteln. Es war nicht nur ihr finanzielles Talent. Das hätte ich von Teladi ohnehin erwartet. Was mich wirklich überraschte, war ihre Fähigkeit zur Kommunikation. Die drei Echsen verstanden es erstaunlich gut, mit den unterschiedlichsten Leuten zu sprechen. Ob mit argonischen Lieferanten, boronischen Händlern oder den eher misstrauischen Hafenverwaltern – sie fanden immer den richtigen Ton. Sie lernten schnell. Unglaublich schnell. Ich erinnerte mich noch daran, wie sie in den ersten Tagen beinahe jedes Detail unserer internen Abläufe hinterfragt hatten. Anfangs hatte ich gedacht, sie würden alles nach teladianischen Profitmaßstäben umstrukturieren wollen. Doch stattdessen analysierten sie nur, stellten Fragen, hörten zu und passten sich dann an. Ihre Flexibilität war beeindruckend. Noch erstaunlicher war ihre Teamfähigkeit. Ich hatte erwartet, dass sie eher eigenständig arbeiten würden, vielleicht sogar etwas distanziert gegenüber den menschlichen Mitarbeitern. Doch das Gegenteil war der Fall. Innerhalb kürzester Zeit hatten sie sich in die verschiedenen Teams integriert. Die Mitarbeiter begannen sogar, ihre Anwesenheit zu schätzen. Ein leises Klopfen riss mich aus meinen Gedanken. Die Tür zu meinem Büro öffnete sich einen Spalt breit, und Kavireas steckte den Kopf herein. Ihre grün schimmernden Schuppen reflektierten das Licht der Deckenlampen.
"Ssorri für die Ss...törung, Prässsident Tori."
Ich musste jedes Mal ein leichtes Schmunzeln unterdrücken, wenn sie bestimmte Wörter aussprach. Ihr Zischen zog sich manchmal über mehrere Sekunden. Ich winkte sie herein.
"Sag einfach Tori."
Sie trat vollständig ein und verschränkte kurz die Arme vor der Brust, eine Geste, die ich inzwischen als eine Art höfliche Aufmerksamkeit interpretierte.
"Neue Kontaktaufnahme von teladianissschen Handelspartnern", zischte sie.
Ich legte das Tablet langsam auf den Tisch. Die Kontakte, die Basilomas Thovareos und seine Familie innerhalb weniger Wochen aufgebaut hatten, waren beeindruckend. Es war, als hätten sie ein unsichtbares Netzwerk aktiviert, das plötzlich begann, auf meine Organisation zu reagieren. Meine ursprüngliche Vision – ein Unternehmen aufzubauen, das Lebensmittel in der gesamten Gemeinschaft der Planeten verkaufte – rückte plötzlich greifbar näher.
Und genau das wurde langsam zum Problem. Ich rieb mir mit zwei Fingern über die Schläfen. Denn aus einem dieser neuen Kontakte war etwas entstanden, womit ich überhaupt nicht gerechnet hatte. Ein Teladi-Investor. Irgendein teladianischer Geschäftsmann – oder vermutlich eher Geschäftsfrau – hatte offenbar Potential in meiner Organisation gesehen. Nicht nur als Lieferant, sondern als Markt. Und nun stand plötzlich eine neue Idee im Raum. Teladianische Nahrungsmittelproduktion. Ich starrte kurz auf die Wand vor mir. Teladianische Landwirtschaft bedeutete völlig andere biologische Bedingungen, andere Produktionsketten, andere Verarbeitungstechnologien. Ein weiteres komplettes Ökosystem.
"Klingt nach einer großen Gelegenheit", sagte ich schließlich langsam.
Kavireas nickte.
"Sehr profit...a— äh..." Sie hielt kurz inne, als würde sie bewusst ein Wort zurückhalten.
"...vielversssprechend."
Ich lehnte mich im Stuhl zurück und verschränkte die Arme hinter dem Kopf.
"Das Problem ist nur", murmelte ich.
Ich sah sie an.
"Alles passiert zu schnell."
Sie legte den Kopf leicht schräg, ihre Pupillen verengten sich minimal.
Ich fuhr fort.
"Ich habe noch nicht einmal die Verträge mit den Boronen und den Argonen abgeschlossen."
Ich hob eine Hand und begann, die Punkte abzuzählen.
"Die Produktionsanlage in Königstal existiert nur auf Papier."
Ein Finger.
"Der Bau hat noch nicht einmal begonnen."
Zweiter Finger.
"Und ich habe noch nicht einmal entschieden, ob ich diese alte Handelsstation in Presidents End überhaupt kaufe."
Dritter Finger.
Ich ließ die Hand wieder sinken und atmete langsam aus.
"In ein paar Tagen fliege ich nach Trantor", sagte ich.
"Ich will mir die Station selbst ansehen."
Kavireas schwieg einen Moment. Ihre Augen bewegten sich kurz hin und her, als würde sie mehrere Gedankengänge gleichzeitig verfolgen. Dann nickte sie langsam.
"Vernünftige Reihenfolge."
Ich musste lächeln. Es tat gut, wenigstens von einem Teladi keine sofortige Profitmaximierung zu hören. Ich griff wieder nach meinem Tablet, während draußen irgendwo ein Shuttle startete und das Gebäude kurz leicht vibrierte. Der nächste Schritt lag im Orbit von Trantor. Und ich hatte das Gefühl, dass diese Reise mehr entscheiden würde, als nur den Standort meines Hauptquartiers.

Für mich fühlte sich alles an, als hätte jemand plötzlich die Geschwindigkeit meines Lebens verdoppelt. Noch vor nicht allzu langer Zeit hatte ich einzelne Entscheidungen getroffen, Projekte begonnen, mit ein paar Menschen gesprochen. Jetzt dagegen schien jede Entscheidung sofort eine Kette weiterer Entwicklungen auszulösen. Neue Kontakte. Neue Verträge. Neue Probleme. Ich wusste, dass ein Unternehmen irgendwann eine Größe erreichen würde, bei der man nicht mehr alles selbst überblicken konnte. Aber dass dieses Gefühl so früh einsetzen würde, hatte ich nicht erwartet. Manchmal saß ich vor den Berichten auf meinem Tablet und hatte das Gefühl, als würde ich versuchen, einen ganzen Sternenhimmel zu ordnen. Deshalb hatte ich schließlich eine Entscheidung getroffen: Ich musste die Verantwortung aufteilen.
Die Universal Nourishment Organization – kurz UNO – blieb das Dachunternehmen. Und damit letztlich meine Verantwortung. Strategische Entscheidungen, große Richtungswechsel, politische Kontakte – das alles lief weiterhin über meinen Tisch. Das Marketing allerdings hatte ich Basilomas Thovareos übertragen. Je länger ich den Teladi beobachtete, desto mehr war ich davon überzeugt, dass er ein außergewöhnliches Gespür für Stimmungen besaß. Er konnte regelrecht fühlen, wohin sich der Geschmack der breiten Masse bewegte. Noch wichtiger war allerdings, dass er nicht nur reagierte, sondern diese Stimmung auch beeinflussen konnte. Während eines unserer Gespräche hatte ich ihn einmal gefragt, wie er das anstellte. Er hatte nur leicht gezischt und gesagt, dass Konsumenten nicht nur essen wollten – sie wollten das Gefühl haben, die richtige Entscheidung zu treffen. Seitdem beobachtete ich ihn mit wachsender Faszination. Von den einzelnen Unternehmen, die unter der UNO zusammengefasst waren, erhielt ich inzwischen regelmäßig detaillierte Berichte.
Die Forschungsabteilung lief unter dem Namen XeNutra Incorporated – XNI. Ursprünglich hatte ich vorgehabt, Valentina Esposito mit der Leitung zu betrauen. Immerhin war sie Ärztin und wissenschaftlich ausgebildet. Doch sie hatte überraschend entschieden abgelehnt. Nicht aus mangelndem Interesse, sondern aus Ehrlichkeit. Sie hatte mir erklärt, dass sie sich der Verantwortung nicht gewachsen fühlte. Vor allem aber wollte sie ihre Unabhängigkeit behalten und ihre Arztpraxis nicht aufgeben. Ich erinnerte mich noch gut an den Moment, als sie mir das gesagt hatte. Ihre Arme waren verschränkt gewesen, ihr Blick ernst, aber ruhig.
"Ich helfe dir gern, Tori. Aber ich will nicht aufhören, Ärztin zu sein."
Also hatten schließlich Rosa Morgan und Greg Watson die Leitung übernommen. Die beiden ergänzten sich erstaunlich gut. Rosa war analytisch und vorsichtig, Greg dagegen experimentierfreudig und manchmal beinahe chaotisch. Unterstützt wurden sie von Basilomas, der Frau von Thovareos. Sie hatte ein erstaunliches Talent dafür entwickelt, neue Rohstoffe aufzutreiben – oft zu Preisen, bei denen ich mich fragte, wie sie das überhaupt geschafft hatte. Diese Materialien landeten dann bei XNI, wo sie analysiert und gegebenenfalls in neue Produkte integriert wurden.
Der Bereich Zucht und Einkauf lief unter dem Namen Exo-Harvest Corporation – EHC. Diesen gesamten Sektor hatte ich an Kavireas übergeben. Wenn ich ehrlich war, hatte ich dabei ein mulmiges Gefühl gehabt. Ich kannte die junge Teladi kaum. Und ich wusste nicht, ob sie der Aufgabe wirklich gewachsen war. Landwirtschaftliche Produktionsketten, Rohstoffmärkte, biologische Risiken – das war kein einfacher Bereich. Trotzdem hatte ich mich dafür entschieden, ihr zu vertrauen. Bisher hatte sie mich nicht enttäuscht. Die Zahlen blieben stabil, die Versorgung funktionierte, und mehrere neue Lieferanten waren hinzugekommen. Vielleicht hatte ich sie unterschätzt.
Verarbeitung und Verkauf liefen über Omni-Food Products – OFP. Dieser Bereich lag in den Händen von Vanu Atu. Am Anfang hatte sie ziemlich damit gehadert, die direkte Aufsicht über die einzelnen Anshin Shokudōs und Yateis aufzugeben. Sie hatte diese Bioläden und Restaurants schließlich selbst aufgebaut, jedes einzelne von ihnen persönlich betreut. Doch tief im Inneren wusste sie, dass eine Expansion irgendwann genau das verlangen würde. Als ich in ihr Leben getreten war, hatte sich dieser Prozess allerdings drastisch beschleunigt. Ich konnte sehen, dass ihr das manchmal Angst machte. Wenn sie abends erschöpft neben mir saß, sah ich diesen kurzen Moment der Unsicherheit in ihren Augen. Gleichzeitig spürte ich aber auch etwas anderes. Hoffnung. Und Stolz. Sie wusste, dass etwas Großes entstand.
Transport und Logistik hatte ich unter der Bio Logistics Division – BLD – zusammengefasst. In letzter Zeit hatte ich deshalb häufiger mit Kon Mah zu tun. Sein Ruf beim argonischen Militär war ausgezeichnet, und auch Martin van Count hatte mir mehrfach bestätigt, dass man sich auf ihn verlassen konnte. Wenn Martin von jemandem in diesem Ton sprach, hatte das Gewicht.
Der Gedanke an Martin führte mich allerdings automatisch zu jemand anderem. Shishido Mari. Die letzten Monate waren für sie alles andere als leicht gewesen. Das Gericht hatte sie verurteilt – rechtmäßig, wie ich zugeben musste. Eine Gefängnisstrafe hatte sie zwar nicht antreten müssen, aber die Strafzahlungen waren enorm gewesen. Ihr ohnehin schon gewaltiger Schuldenberg war dadurch noch größer geworden. Trotzdem gab es inzwischen ein Licht am Horizont. Und kein kleines. Die Familie van Count und mehrere Farmer aus der Umgebung hatten beschlossen, ihr zu helfen. Sie verkauften ihr Saatgut, Maschinenstunden und andere Ressourcen zu Preisen, die deutlich unter dem üblichen Handelswert lagen. Für Mari bedeutete das eine echte Chance, wieder auf die Beine zu kommen.
Der Sicherheitsdienst schließlich lief unter dem Namen Sustenance Security Agency – SSA. Diesen Bereich hatte Tahl Brenna übernommen. Nachdem er das Angebot angenommen hatte, war er mit seiner Familie nach Aru gezogen. Allerdings nicht in meine unmittelbare Nachbarschaft. Stattdessen hatte er sich am anderen Ende der kleinen Stadt niedergelassen. Ich hatte schnell bemerkt, dass ihm diese Distanz gut tat. Seine Stimmung hatte sich deutlich verbessert. Er wirkte ausgeglichener, ruhiger. Weniger angespannt. Seine Halbschwester Gal Connar hingegen arbeitete noch immer für den argonischen Geheimdienst. Ich hatte ihr ein deutlich besseres Gehalt angeboten, doch sie war noch nicht bereit gewesen zu wechseln. Trotzdem hatte sich auch bei ihr etwas verändert. Äußerlich blieb sie die gleiche – kühl, präzise, kontrolliert. Doch hin und wieder, wenn sie glaubte, dass niemand hinsah, zuckten ihre Mundwinkel leicht nach oben. Es waren nur kurze Momente. Aber sie waren da. Offenbar hatte das Gespräch zwischen ihr und Tahl mehr bewirkt, als beide zugeben wollten.

Ich saß an meinem Schreibtisch und betrachtete die letzte Nachricht, die aus dem Agrarsektor eingetroffen war. Die Zahlen waren noch nicht spektakulär, aber sie entwickelten sich in die richtige Richtung. Genau das hatte ich gehofft, als ich Nopireos dorthin geschickt hatte. Der junge Teladi sollte Shishido Mari dabei helfen, ihre wirtschaftliche Situation zu stabilisieren. Ihre Schulden abzubauen, ihre Produktion effizienter zu gestalten und langfristig wieder Gewinne zu erwirtschaften. Erst wenn dieses Kapitel abgeschlossen war, wollte ich ihn vollständig in die Bio Logistics Division integrieren. Dort würde sein Talent vermutlich noch stärker zur Geltung kommen. Während ich über die Daten auf dem Bildschirm meines Tablets strich, musste ich daran denken, dass die Familie Thovareos eigentlich größer war, als die vier Teladi, die momentan für mich arbeiteten. Basilomas hatte mir einmal beiläufig erwähnt, dass ihre Brutlinie noch mehrere weitere Individuen umfasste. Doch gleich zu Beginn unserer Zusammenarbeit hatte Thovareos klar gemacht, dass er, seine Frau und seine beiden ältesten Sprösslinge zunächst selbst herausfinden wollten, ob sie sich in meinem Unternehmen überhaupt wohlfühlten. Sie wollten sich ein Bild machen. Beobachten. Arbeiten. Erst danach würde entschieden werden, ob weitere Familienmitglieder nachrücken sollten. Die Verträge, die wir geschlossen hatten, waren deshalb zunächst auf fünf Jahre ausgelegt. Fünf Jahre Zusammenarbeit. Fünf Jahre, um herauszufinden, ob unsere Vorstellungen kompatibel waren. Danach bestand die Möglichkeit einer Verlängerung.
Trotzdem hatte mich eine Sorge von Anfang an begleitet. Eine, die ich irgendwann nicht mehr für mich behalten wollte. Ich erinnerte mich noch genau an das Gespräch mit Thovareos. Wir hatten uns in einem kleinen Besprechungsraum des Anshin-Komplexes auf Argon Prime gegenübergesessen. Der Raum war ruhig gewesen, nur das leise Summen der Klimaanlage hatte die Stille begleitet. Ich hatte mich damals leicht nach vorne gelehnt, die Hände ineinander verschränkt, und ihn direkt angesehen.
"Ich muss etwas ansprechen." Der alte Teladi hatte den Kopf leicht geneigt. Seine roten Augen hatten mich ruhig gemustert. "Ich weiß, dass Teladi als hervorragende Geschäftsleute gelten." Ich hatte kurz gezögert, bevor ich fortfuhr. "Und ich weiß auch, dass erfolgreiche Unternehmen manchmal übernommen werden."
Einen Moment lang hatte im Raum Stille geherrscht. Dann hatte Thovareos ein langgezogenes Zischen ausgestoßen, das irgendwo zwischen Belustigung und Verständnis lag. Seine Schuppen hatten im Licht der Deckenlampen leicht geschimmert, als er sich etwas zurückgelehnt hatte.
"Solche Praktiken existieren." Seine Stimme war ruhig geblieben. "Aber sie entsprächen nicht dem Ehr- und Moralkodex meiner Brutlinie."
Er hatte das Wort Brutlinie mit einer Betonung ausgesprochen, die keinen Zweifel daran ließ, dass es für ihn mehr als nur eine biologische Zugehörigkeit war. Es war Identität. Tradition. Verpflichtung. Trotzdem hatte ich darauf bestanden, dass wir diese Frage nicht nur mit Worten klärten. Also hatten wir den Punkt vertraglich festgehalten. Jeder Versuch einer Übernahme, jeder Versuch der Sabotage oder der wirtschaftlichen Unterwanderung würde automatisch zur sofortigen Kündigung führen. Doch damit nicht genug. In der entsprechenden Klausel war außerdem festgelegt, dass jeder daraus entstehende Schaden vollständig ausgeglichen werden musste – inklusive Zinsen und Zinseszinsen. Eine Formulierung, die sogar mich beim Lesen kurz hatte schlucken lassen. Interessanterweise war es nicht ich gewesen, der diese strengen Regelungen vorgeschlagen hatte. Es waren die Teladi selbst. Das gesamte Quartett hatte sich aktiv daran beteiligt, solche Szenarien von vornherein auszuschließen. Sie hatten zusätzliche Kontrollmechanismen eingebaut, interne Prüfverfahren vorgeschlagen und mehrere juristische Sicherungen ergänzt. Ich erinnerte mich noch genau daran, wie ich damals das Vertragsdokument durchgeblättert hatte und langsam verstanden hatte, wie weit sie dabei gedacht hatten. Diese Voraussicht beeindruckte mich bis heute. Denn während viele Unternehmer versuchten, Probleme erst dann zu lösen, wenn sie auftraten, hatte die Familie Thovareos offenbar die Angewohnheit, Risiken schon im Vorfeld so weit wie möglich auszuschalten. Ich lehnte mich in meinem Stuhl zurück und sah einen Moment lang zur Decke. Wenn ich ehrlich war, beruhigte mich das ein wenig. Vielleicht war ich in dieser Hinsicht zu misstrauisch gewesen. Aber gleichzeitig hatte mir diese Erfahrung auch gezeigt, dass Vertrauen im Geschäftsleben am besten funktionierte, wenn es von klaren Regeln begleitet wurde. Und in diesem Punkt schienen die Teladi und ich überraschend gut zusammenzupassen.

Der Flug nach Trantor begann wesentlich unspektakulärer, als ich es mir ursprünglich vorgestellt hatte. Eigentlich hatte ich gehofft, mit einem der Frachter von Kon Mah zu fliegen. Doch seine Transportlinien zwischen Aru und Uros liefen gerade auf Hochtouren. Die Nachfrage nach unseren Produkten war gestiegen, und er konnte sich keine Pause leisten. Also blieb uns nichts anderes übrig, als einen öffentlichen Personentransporter zu nehmen.
Das Schiff war groß, funktional und völlig unromantisch. Ein langgestreckter Rumpf voller Kabinen, enger Gänge und ständig summender Systeme. Der Innenraum roch nach recycelter Luft, Kunststoff und einer kaum wahrnehmbaren Note von Maschinenöl. Menschen, Paraniden, ein paar Teladi und sogar ein einzelner Borone bewegten sich durch die Korridore. Niemand schenkte uns besondere Aufmerksamkeit. Für sie waren wir nur weitere Passagiere auf dem Weg in ein anderes Sonnensystem.
Neben mir saß Vanu und blickte aus dem Panoramafenster des Aufenthaltsdecks in die Schwärze des Alls. Das Licht der Sterne spiegelte sich in ihren Augen, während sie mit verschränkten Armen gegen die Rückenlehne gelehnt war. Tahl stand einige Schritte entfernt mit verschränkten Händen hinter dem Rücken und beobachtete den Raum wie gewohnt mit der Aufmerksamkeit eines Sicherheitsmannes.
Thovareos hingegen hatte es sich auf einem Sitz bequem gemacht und studierte mehrere Datentafeln gleichzeitig. Seine langen Finger glitten über die Oberfläche seines Tablets, während seine Pupillen sich rhythmisch verengten und weiteten.
Während des Fluges dachte ich mehrmals an Nopireos und an Mari. Noch vor unserer Abreise hatte ich mit dem jungen Teladi eine Vereinbarung getroffen. Die Anshin-Restaurants und Shops würden Maris Argnu-Fleisch künftig etwas über dem Marktpreis einkaufen. Nicht dramatisch viel – aber genug, um ihre Einnahmen spürbar zu erhöhen. Wichtig war nur, dass diese Mehrkosten nicht in unsere Endprodukte einflossen. Unsere Kunden sollten davon nichts merken.
Kurzfristig würde das unseren Gewinn reduzieren. Langfristig jedoch beschleunigte es Maris Schuldenabbau. Und sobald ihre Schulden verschwanden, konnte sie ihre Preise senken, was wiederum unsere Einkaufskosten reduzierte. Ein Kreislauf.
Nopireos war von der Idee begeistert gewesen – allerdings aus einem ganz anderen Grund. Während unseres Gesprächs hatte ich ein deutliches Funkeln in seinen gelben Augen gesehen.
"Wenn der Betrieb sich stabilisiert, könnten wir ihn später erwerben."
Ich hatte nur den Kopf geschüttelt.
"Versuch das mal Mari vorzuschlagen."
Ich konnte mir sehr gut vorstellen, wie diese Unterhaltung ausgehen würde.
Nach der Landung auf Trantor erwartete uns bereits Hoshino Misora. Ihr Schiff stand etwas abseits der üblichen Landeplattformen – ein kompakter, eleganter Raumgleiter mit klaren Linien und sichtbar guter Wartung. Als wir uns näherten, öffnete sich die Einstiegsluke mit einem leisen Zischen. Misora stand im Frachtraum und begrüßte uns mit einem kurzen Nicken. Ihr dunkles Haar war zu einem straffen Zopf gebunden, und ihre Bewegungen wirkten so präzise, als hätte jemand jede einzelne davon geplant.
"Willkommen auf Trantor."
Wir stiegen ein, und kurz darauf hob ihr Schiff wieder ab. Die Reise zur Handelsstation dauerte nicht lange. Der Planet verschwand unter uns, während wir langsam in den Orbit aufstiegen. Als die Station schließlich vor uns auftauchte, spürte ich ein unangenehmes Ziehen im Magen. Sie wirkte… tot. Kein Positionslicht. Keine aktive Rotation. Keine Energieemissionen. Nur eine dunkle, reglose Struktur, die im All hing wie ein verlassenes Skelett. Misora koppelte das Schiff an eine der Andockschleusen. Danach blieb nur noch eine Möglichkeit: Raumanzüge. Das Anlegen dauerte eine Weile. Als ich schließlich den Helm schloss, hörte ich nur noch mein eigenes Atmen und das leise Rauschen der Lebenserhaltung im Anzug. Die Luftschleuse öffnete sich, und wir betraten die Station. Sofort wurde klar, wie schlimm ihr Zustand war. Die Korridore lagen im Dunkeln. Unsere Lampen warfen harte Lichtkegel über nackte Metallwände. Keine Atmosphäre. Kein Geräusch. Nur das dumpfe Klacken unserer Magnetstiefel auf dem Boden. Das Gehen fühlte sich merkwürdig an. Die Stiefel hafteten zwar am Boden, aber jeder Schritt erforderte mehr Kraft als gewohnt. Ich sah mich um und musste innerlich die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Das war kein Renovierungsprojekt. Das war ein Wrack. Überall klafften offene Panels. Kabelstränge hingen aus Wänden. Gerätehalterungen waren leer. Ganze Konsolen fehlten. Plünderer hatten ganze Arbeit geleistet. Der Energiekern war verschwunden. Die komplette Lebenserhaltung ebenfalls. Zahlreiche Module waren ausgebaut worden – manche sauber, andere mit roher Gewalt. Neben mir blieb Thovareos stehen und betrachtete eine aufgerissene Wartungsklappe. Seine Zunge fuhr kurz über seine Zähne, bevor ein langgezogenes Zischen aus seinem Helmlautsprecher kam.
"Das ist keine Investition." Er drehte den Kopf langsam zu mir. "Das ist ein Aufbauprojekt." Seine Krallen tippten kurz auf sein Tablet. "Erste überschlägige Kalkulation: fünf- bis zehnfache Investitionssumme des Kaufpreises."
Fünf bis zehn. Ich musste unwillkürlich schlucken. Tahl hatte inzwischen ebenfalls mehrere Bereiche überprüft. Als er zurückkam, schüttelte er langsam den Kopf. Seine Stimme klang trocken. "Schrott."
Mehr sagte er nicht. Vanu hingegen reagierte völlig anders. Der miserable Zustand der Station schien sie nicht abzuschrecken. Im Gegenteil. Ihre Augen wanderten neugierig durch jeden Raum, an dem wir vorbeikamen. Sie blieb ständig stehen, leuchtete mit ihrer Lampe in Nebenräume oder öffnete halb zerbrochene Türen. Allerdings entfernte sie sich nie weit von uns. Dadurch dauerte unsere Erkundung ewig. Stunden vergingen, während wir nur einen kleinen Teil der Station absuchten. Immer wieder entdeckten wir eingebrannte Namen in den Metallwänden. Graffiti. Markierungen. Vermutlich Signaturen der Plünderer. Bei einem dieser Namen blieb ich plötzlich stehen. Kuran. Der Name kam mir bekannt vor. Irgendwo hatte ich ihn schon einmal gehört. Doch egal wie sehr ich nachdachte – ich kam nicht darauf. Die anderen reagierten ebenfalls ratlos. Also schickte ich schließlich eine Nachricht an Gal. Wenn jemand solche Namen zuordnen konnte, dann vermutlich der Geheimdienst. Misora bewegte sich währenddessen erstaunlich ruhig durch die Station. Ihre Bewegungen wirkten kontrolliert, beinahe methodisch. Sie strich über beschädigte Metallkanten, untersuchte Schraubenlöcher und betrachtete Kratzspuren. Schließlich wandte sie sich an uns.
"Die Komponenten wurden nicht fachmännisch entfernt." Sie zeigte auf mehrere Schleifspuren im Metall. "Zu viele Kratzer." Dann deutete sie auf eine leere Gerätehalterung. "Aber nur wenige Systeme wurden herausgerissen."
Ich runzelte die Stirn. "Du meinst, sie haben versucht vorsichtig zu arbeiten?"
Sie nickte leicht. "Die meisten Teile wurden abgeschraubt."
Während ich darüber nachdachte, wanderte mein Blick durch einen der großen Frachträume. Die gewaltige Halle war leer. Nur einige Trägerstrukturen und alte Halterungen ragten noch aus den Wänden. Und plötzlich kam mir eine Idee. Ich drehte mich zu Thovareos. "Was wäre, wenn wir die Station nicht als Handelsstation wieder aufbauen?"
Der Teladi legte leicht den Kopf schief. "Alternative Nutzung?"
Ich nickte langsam. "Ein Gewächshaus."
Für einen Moment sagte niemand etwas. Dann ließ Thovareos ein leises Zischen hören. "Interessant."
Vanu trat näher und sah sich um. "Als landwirtschaftliche Station?"
Ich deutete auf die riesigen Hallen. "Wir könnten die Struktur nutzen. Pflanzenproduktion im Orbit."
Thovareos überlegte sichtbar. "Umbau wäre billiger als vollständige Rekonstruktion."
Vanu verschränkte nachdenklich die Arme. "Es gibt ein Problem." Sie sah mich direkt an. "Verschiedene Pflanzen brauchen unterschiedliche Klimazonen." Sie machte eine kurze Pause. "Und teilweise auch unterschiedliche Gravitation."
Ich dachte einen Moment nach. Dann formte sich eine neue Idee. "Was wäre mit mehreren Ringen?" Alle sahen mich an. "Zusätzliche Rotationsringe. Unterschiedliche Geschwindigkeiten. Unterschiedliche Gravitation."
Misora hob sofort eine Hand. "Prinzipiell möglich." Sie zögerte kurz. "Aber mehrere Ringe erhöhen die strukturelle Belastung." Dann fügte sie hinzu: "Rotation müsste gegenläufig sein." Sie zeichnete mit dem Finger eine Kreisbewegung. "Gerade Ringe im Uhrzeigersinn." Eine zweite Bewegung in die andere Richtung. "Ungerade gegen den Uhrzeigersinn."
Tahl verschränkte die Arme. Sein Blick wanderte langsam durch die riesige, beschädigte Struktur der Station. Dann schüttelte er den Kopf. "Ein einziger Unfall reicht." Seine Stimme blieb ruhig. "Oder ein Angriff." Er deutete auf mehrere alte Trägerstreben. "Wenn eine Stabilisierung bricht, geht der Rest wie Dominosteine."
Er ließ den Satz bewusst unvollendet. Vanu atmete hörbar aus. Durch das Visier ihres Helms sah ich, wie sie kurz die Augen schloss. Dann schüttelte sie leicht den Kopf. Die Idee war damit erledigt.

Wir standen noch immer in der riesigen, dunklen Frachthalle der alten Station. Unsere Lampen zeichneten harte Lichtkegel über Metallträger, verlassene Dockhalterungen und die leeren Gerippe ehemaliger Anlagen. In der Stille des luftleeren Raums hörte ich nur mein eigenes Atmen im Helm und das gleichmäßige Klacken unserer Magnetstiefel, wenn jemand sein Gewicht verlagerte. Vanus hörbares Ausatmen hatte die Diskussion über rotierende Gewächshausringe praktisch beendet. Auch ich musste mir eingestehen, dass Tahls Einwand schwer zu ignorieren war. Ein Dominoeffekt aus brechenden Stabilisatoren war genau die Art Katastrophe, die man erst bemerkte, wenn es längst zu spät war. Ich ließ meinen Blick erneut durch die Halle wandern. Überall dieselbe Geschichte: nacktes Metall, fehlende Technik, ausgeschlachtete Module. Die Station war kein Gebäude mehr – eher ein Skelett. Und genau in diesem Moment kam mir ein anderer Gedanke. Langsam drehte ich den Kopf zu Misora. Sie stand etwas abseits und untersuchte gerade eine beschädigte Wartungsschiene. Ihre Handschuhe glitten über das Metall, als würde sie jede Unebenheit im Material fühlen. Ich ging ein paar Schritte auf sie zu. Die Magnetstiefel klickten schwer auf dem Boden.
"Misora."
Sie sah auf. "Ja?"
Ich verschränkte die Arme vor der Brust und blickte noch einmal durch den riesigen Raum. "Du erinnerst dich an deine Frachteridee."
Sie nickte leicht. In ihren Augen lag sofort wieder dieser konzentrierte Ausdruck, den sie immer bekam, wenn es um Konstruktionen ging. Ich zeigte mit einer langsamen Handbewegung auf die umgebende Struktur der Station.
"Was wäre, wenn wir das hier gar nicht wieder aufbauen." Sie wartete. "Und stattdessen etwas völlig Neues entwerfen." Ich sah sie direkt an. "Eine neue Stationsstruktur."
Für einen Moment blieb sie völlig still. Dann hob sie leicht eine Augenbraue. "Neu in welchem Sinn?"
Ich machte eine kurze Pause, während ich meine Gedanken sortierte. "Nicht wie bisher." Ich deutete auf mehrere alte Docksegmente, die in den Raum ragten. "Keine zusammengeflanschten Module. Keine nachträglich angehängten Stationsteile." Ich formte mit beiden Händen eine grobe Struktur in die Luft. "Eine Station, die von Anfang an modular ist."
Misoras Augen veränderten sich sofort. Es war, als hätte jemand in ihrem Kopf einen Schalter umgelegt. Die vorher ruhige, analytische Aufmerksamkeit verwandelte sich in etwas deutlich Lebhafteres. Ihre Pupillen wurden größer, und sie trat einen Schritt näher.
"Modular im Sinne von erweiterbar?"
Ich nickte. "Genau."
Ihre Hände begannen sich unbewusst zu bewegen, während sie nachdachte. "Ein zentraler Kern…" Sie machte eine Kreisbewegung. "Daran andockende Segmente… standardisierte Schnittstellen…" Sie stoppte plötzlich, als würde ihr gerade ein ganzer Strom von Ideen durch den Kopf schießen.
Ich konnte sehen, wie ihr Gehirn arbeitete. Hinter uns räusperte sich Tahl leise. Als ich zu ihm sah, hatte er die Arme vor der Brust verschränkt und beobachtete uns mit diesem skeptischen Blick, den er immer bekam, wenn jemand begann, große Pläne zu schmieden. Thovareos wiederum hatte seinen Kopf leicht geneigt. Seine schmalen Augen ruhten auf Misora, während er das Gespräch aufmerksam verfolgte.
Vanu kam langsam näher und stellte sich neben mich. "Das klingt…" Sie suchte nach einem passenden Wort. "...gewagt."
Thovareos ließ ein kurzes, nachdenkliches Zischen hören. "Sehr gewagt." Seine Krallen tippten auf sein Tablet. "Abweichung von etablierten Baukonzepten kann Investoren abschrecken."
Tahl nickte knapp. "Normen existieren aus gutem Grund."
Ich ließ ihre Einwände einen Moment lang im Raum stehen. Sie hatten nicht unrecht. Wer zu weit von etablierten Standards abwich, riskierte schnell, aus dem Markt gedrängt zu werden. Aber genau dieser Gedanke brachte mich zum Schmunzeln. Ich sah Thovareos an.
"Das Gleiche haben sie auch über die Frachter gesagt." Der Teladi blinzelte langsam. Ich verschränkte erneut die Arme. "Neue Frachterstruktur. Andere Laderäume. Andere Logistik." Ich zuckte leicht mit den Schultern. "Auch das wird ein Bruch mit Normen." Vanu sah mich prüfend an. Ich drehte mich leicht, sodass ich alle gleichzeitig ansehen konnte. "Außerdem bauen wir diese Stationen nicht für den offenen Markt." Ein kurzer Moment Stille entstand. Dann sprach ich weiter. "Unsere Stationen müssen nicht attraktiv für fremde Händler sein." Ich deutete auf mich selbst. "Sie müssen für uns funktionieren." Thovareos' Augen verengten sich leicht. Ich erklärte weiter. "Die Stationen wären Produktionsanlagen." Meine Hand machte eine kurze Bewegung durch den Raum. "Die Produkte gehen direkt an unsere eigenen Vertriebsstellen." Ich sah Vanu an. "An die Anshin Shokudō Shops." Dann wandte ich mich leicht zu ihr. "Und an die Anshin Yatei Restaurants." Langsam nickte sie. Ich fuhr fort. "Das gleiche Prinzip wie bei den Frachtern." Ich zeigte kurz in Richtung Misora. "Die Schiffe liefern unsere Waren." Meine Hand beschrieb eine Linie im Raum. "Direkt zu unseren eigenen Standorten."
Wieder Stille. Misora sah mich noch immer an, aber diesmal mit einem völlig anderen Ausdruck. Ihre Augen leuchteten regelrecht. Sie hatte nicht nur eine Idee gehört. Sie hatte ein ganzes Projekt gesehen. Und ich war mir ziemlich sicher, dass in ihrem Kopf bereits die ersten Entwürfe entstanden.

Ich hasse Perfektion.
Sie bietet keinen Platz für Kreation.

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Kapitel 20 - Schatten der Vergangenheit

Der Rückflug von der toten Handelsstation verlief schweigsamer als der Hinflug. Vielleicht lag es daran, dass wir alle denselben Gedanken im Kopf hatten: Die Station war mehr Ruine als Investition. Während Misora ihr Schiff durch den Orbit von Trantor steuerte, saß ich hinter ihr und blickte durch die Frontscheibe hinaus in die dunkle Weite des Alls. Der Planet unter uns wirkte ruhig, fast träge, während über uns die Sterne regungslos funkelten. Vanu hatte sich neben mich gesetzt. Ihre Arme waren verschränkt, und sie blickte nachdenklich aus dem Seitenfenster. Tahl saß weiter hinten, still wie immer, aber seine Augen wanderten ständig durch das Cockpit und über die Instrumente. Er war einer von denen, die selbst in ruhigen Momenten wachsam blieben. Thovareos hingegen saß aufrecht und hatte erneut sein Tablet in den Händen. Die Reflexion der Anzeigen spiegelte sich in seinen roten Augen, während seine langen Finger langsam über die Oberfläche glitten. Ich wusste, dass er bereits wieder Zahlen durchging. Kosten. Risiken. Möglichkeiten.
Unser Ziel war die Werft von Misoras Vater, Kento.
Als wir schließlich in die Nähe der Anlage kamen, erkannte ich sie schon aus einiger Entfernung. Mehrere Dockarme ragten von der zentralen Struktur der Werft in den Raum hinaus. Kleine Wartungsschiffe bewegten sich wie Insekten um die Konstruktion herum, während größere Schiffe in den offenen Dockringen lagen. Misora steuerte uns ruhig durch das Verkehrsnetz der Werft. Ihr Schiff glitt präzise zwischen zwei schweren Transportern hindurch und setzte schließlich auf einer der äußeren Plattformen auf. Als die Luke sich öffnete, schlug uns der vertraute Geruch einer Werft entgegen: Metall, Kühlmittel und der leichte, trockene Geruch von recycelter Luft. Wir verließen das Schiff und gingen über die Plattform in Richtung des großen Hauptdocks. Schon von weitem konnte ich erkennen, dass dort etwas stand. Ein Schiff. Der erste Prototyp. Ich hatte mir während der ganzen Zeit ein völlig anderes Bild gemacht. In meinem Kopf war immer ein riesiger, unförmiger Kasten gewesen – praktisch, aber hässlich. Ein typischer Frachter eben. Etwas, das nur funktionierte, aber niemanden beeindruckte. Doch als wir das Dock betraten, blieb ich unwillkürlich stehen. Vor mir stand kein Kasten. Das Schiff war… elegant. Die Form erinnerte an eine langgezogene Pfeilspitze. Schlank, leicht nach vorne verjüngt, mit glatten Linien, die sich über den gesamten Rumpf zogen. Selbst im ruhenden Zustand wirkte es, als würde es sich bereits durch den Raum schneiden. Ich trat ein paar Schritte näher und legte den Kopf leicht in den Nacken, um das gesamte Schiff zu erfassen.
"Das ist der Prototyp?"
Misora nickte knapp. "Ja." Ihre Stimme klang ruhig, aber ich konnte sehen, dass sie stolz war. "Tests stehen noch aus."
Ich umrundete langsam das Schiff, während die anderen ebenfalls näher kamen. Erst jetzt fiel mir auf, dass das eigentliche Frachtsystem nicht direkt Teil des Flugmoduls war. Der Frachtraum bestand aus einem separaten Container. Misora trat neben mich und deutete auf das Modul.
"Der Container ist komplett versiegelt."
Ich betrachtete die massive Struktur genauer. Die Oberfläche war glatt, aber robust, mit mehreren verstärkten Segmenten.
"Atmosphären- und weltraumtauglich."
Sie strich mit der Hand über eine der Verstrebungen.
"Eigenes Energiesystem."
Ich sah sie fragend an.
"Für die Stasiseinheiten."
Langsam nickte ich. Dort würden die Nahrungsmittel gelagert werden. Der Container selbst war jedoch nicht einfach nur ein Behälter. Er war von einem komplexen Gittersystem umgeben. Mehrere massive Streben bildeten eine Art Käfig um die eigentliche Fracht. Ich trat näher und betrachtete die Konstruktion genauer.
"Das ist kein einfacher Schutzrahmen."
Misora schüttelte leicht den Kopf. "Nein." Sie deutete auf mehrere Energieverteiler entlang der Streben. "Primär ein Schildgitter."
Ich hob eine Augenbraue. "Primär?"
Sie sah mich kurz an. "Es kann auch einen EMP aussenden."
Neben mir hörte ich ein leises Zischen von Thovareos.
Misora fuhr fort. "Wenn nötig kann die Energie nach innen gerichtet werden."
Ich sah sie an. "Nach innen?"
Sie nickte. "Dann zerstört das System das Frachmodul."
Für einen Moment sagte niemand etwas. Ich ließ den Blick erneut über das Gittersystem wandern. Was sie gebaut hatten, war nicht nur ein Transportbehälter. Es war ein Sicherheitsmechanismus. Wenn jemand versuchte, die Ladung zu stehlen, konnte sie im Zweifel einfach ausgelöscht werden.
"Der Energiekern ist nur ein Hilfssystem." Misora deutete auf ein kleineres Modul an der Rückseite des Containers. "Während eines Notfalls oder während der Zeit auf einem Spaceport." Sie machte eine kurze Pause. "Das Hauptenergiesystem befindet sich im Flugmodul."
Ich wandte mich wieder dem eigentlichen Schiff zu. Der sogenannte Spacetruck, wie ich ihn inzwischen in Gedanken nannte. Von der Seite sah er noch beeindruckender aus. Die gesamte Struktur wirkte darauf ausgelegt, Geschwindigkeit und Stabilität zu kombinieren. Die Triebwerke lagen tief im hinteren Bereich des Rumpfes, während der vordere Teil schmal zulief.
"In ihm sitzt der Hauptgenerator." Misora zeigte auf den zentralen Bereich des Rumpfes. "Versorgt Schiff und Frachtsystem."
Ich nickte langsam.
Sie fuhr fort. "Atmosphärenflugfähig."
Ich blickte erneut über die glatte Oberfläche des Rumpfes.
"Nicht nur Weltraum."
Langsam begann ich zu verstehen, wie viel Gedankenarbeit in diesem Entwurf steckte.
"Die Geschwindigkeit variiert natürlich mit der Masse."
Ich musste leicht schmunzeln. Das musste mir wirklich niemand erklären. Ich erinnerte mich noch gut an den Physikunterricht in der Schule. Je größer die Masse, desto mehr Energie brauchte man, um sie zu beschleunigen oder abzubremsen. Trotzdem wurde mir eines sofort klar. Ohne das Frachtsystem war dieses Schiff vermutlich schneller als jeder andere Frachter, den ich bisher gesehen hatte. Ich blieb schließlich stehen und sah noch einmal das gesamte Schiff an. Ein leises Gefühl breitete sich in meiner Brust aus. Respekt. Großer Respekt. Ich sah zu Misora hinüber. Dann zu der Werfthalle, in der vermutlich ihr Vater irgendwo arbeitete. Was die beiden hier geschaffen hatten, war mehr als nur ein Transporter. Es war ein völlig neues Konzept. Und wenn ich ehrlich war, löste dieser Gedanke in mir nicht nur Begeisterung aus. Ein Teil von mir hatte auch Angst davor, wie viel Macht in dieser Technologie steckte.

Mein Armband piepste. Das Geräusch war kurz und scharf, aber laut genug, um meine Aufmerksamkeit sofort aus den Gedanken über den Frachter zu reißen. Reflexartig hob ich den Arm und sah auf das kleine Display. Eine eingehende Nachricht. Der Absender war Gal. Doch bevor ich auch nur ein Wort sagen konnte, ging ein heftiger Ruck durch die gesamte Werfthalle. Der Boden vibrierte unter meinen Füßen. Metallträger knarrten. Irgendwo in der Ferne fiel etwas scheppernd zu Boden. Ich musste einen Schritt zur Seite machen, um das Gleichgewicht zu halten. Ringsum brach sofort Unruhe aus. Ein paar Besucher, die sich zuvor in der Halle aufgehalten hatten, schrien erschrocken auf. Einer stolperte rückwärts über eine Werkzeugkiste. Ein anderer rannte panisch Richtung Ausgang. Das Personal der Werft – viele davon offenbar noch nicht lange hier beschäftigt – wirkte für einen Moment ebenso überrumpelt. Ich konnte es ihnen nicht verdenken. Ihre Blicke wanderten hektisch durch die Halle. Doch dann hörte ich die tiefe, feste Stimme von Kento. Er hatte offenbar sofort reagiert. Er gab kurze, knappe Anweisungen. Seine Stimme war ruhig, aber unmissverständlich. Die Arbeiter sammelten sich, griffen nach Tablets, Aktivatoren und Kontrollgeräten. Sie überprüften alles, was ihnen einfiel. Meteoriteneinschlag. Struktureller Schaden. Kollision mit einem Schiff. Doch schon nach wenigen Sekunden wurde klar, dass nichts davon zutraf. Dann öffnete sich mit einem schweren metallischen Knall eines der äußeren Tore. Und sie kamen herein. Piraten. Über zwei Dutzend. Sie strömten in die Halle wie eine dreckige Welle aus Gewalt und Chaos. Mein Blick wanderte automatisch über die Gruppe. Die meisten waren Argonen. Dazwischen erkannte ich mehrere Teladi. Und weiter hinten stand ein Split mit massigem Oberkörper, der seine Arme verschränkt hielt, während er alles mit kaltem Blick beobachtete. Ein Paranide stand ebenfalls dabei. Seine drei Augen glitten langsam über die Umgebung, als würde er die Situation analysieren. Doch egal welcher Spezies sie angehörten – sie sahen alle gleich aus. Wild. Verwahrlost. Ihre Haare waren zerzaust, teilweise grell gefärbt. Einige hatten rasierte Schädel mit eingefrästen Mustern. Ihre Körper waren übersät mit Tattoos, alten Narben und groben kybernetischen Implantaten. Die Waffen, die sie trugen, wirkten nicht besonders hochwertig. Einige Pistolen waren offensichtlich alt oder modifiziert. Aber sie brauchten keine hochwertigen Waffen. Sie hatten Masse. Und Brutalität. Noch bevor jemand reagieren konnte, trat ein großer, auffallend schmächtiger Argone aus der Gruppe nach vorne. Seine Schultern waren knochig, sein Gesicht schmal. Eine lange Narbe zog sich über seine Wange. Seine Augen suchten die Halle ab.
Dann rief er laut: "Wo ist Kento?"
Einen Moment lang antwortete niemand. Dann bewegte sich etwas hinter einem Stapel Ersatzteile. Kento trat hervor. Der alte Mann wirkte ruhig. Zu ruhig für die Situation. Seine Schultern waren gerade, sein Blick fest. Der Pirat grinste schief.
"Alter Mann." Seine Stimme war spöttisch. "Du hast dich gemausert seit unserem letzten Besuch." Er breitete leicht die Arme aus. "Wir sind hier, um das Schutzgeld abzuholen."
Schutzgeld. Das Wort traf mich völlig unvorbereitet. Ich runzelte die Stirn. Bevor ich etwas sagen konnte, spürte ich Misora neben mir.
Sie beugte sich leicht zu mir hinüber und flüsterte leise. "Diese Bande war vor Jahren schon einmal hier." Ihre Stimme war angespannt. "Damals haben sie nichts Wertvolles gefunden."
Ich sah kurz zu ihr. "Aber?"
Sie schluckte. "Sie haben trotzdem großen Schaden angerichtet."
Mein Blick wanderte wieder zu den Piraten. Langsam begann ich zu verstehen. Diese Gruppen zogen offenbar von System zu System. Warteten darauf, dass jemand eine Station wieder aufbaute, dass Betriebe liefen, dass Geld floss. Und dann kamen sie zurück. Kento trat einen Schritt nach vorne.
Seine Stimme war ruhig. "Damals wie heute." Er sah dem Piraten direkt in die Augen. "Ich habe nichts, was ich euch geben könnte."
Der Argone verzog den Mund. Er schien das anders zu sehen. "Wir haben gehört, dass du einen großen Auftrag an Land gezogen hast." Er deutete mit einer lässigen Handbewegung durch die Halle. "Mehr Verkehr." Er grinste breit. "Und deine Bruchbude sieht sauberer aus als beim letzten Mal."
Hinter ihm brach Gelächter aus. Der Pirat zuckte mit den Schultern. "Aber hey." Sein Ton wurde plötzlich scheinbar freundlich. "Wenn du keine Credits hast…" Er machte einen Schritt nach vorne. "...nehmen wir auch Materialien."
In diesem Moment griff er plötzlich nach Misora. Alles ging unglaublich schnell. Doch noch bevor seine Hand sie erreichen konnte, bewegte sich jemand zwischen ihnen. Thovareos. Der Teladi stellte sich direkt in den Weg. Der Pirat reagierte ohne Zögern. Ein Schuss hallte durch die Halle. Das Geräusch war laut und scharf. Thovareos taumelte rückwärts. Ich sah das Loch in seiner Brust. Grünes Blut sprudelte heraus und tropfte auf den Boden. Mein Magen zog sich zusammen. Misora wich erschrocken zurück und versteckte sich hinter uns. Kento schrie auf. Ein Laut voller Wut. Der alte Mann stürmte auf den Argonen zu. Doch er kam nicht weit. Ein zweiter Schuss. Ich sah, wie Kentos Kopf in einem grellen Energieschlag förmlich verdampfte. Sein Körper blieb einen Moment stehen. Dann fiel er schwer auf den Boden. Die Halle wurde plötzlich totenstill.
"Otōsan!" Misoras Stimme zerriss die Stille.
Sie brach zusammen, ihre Beine gaben unter ihr nach. Ihre Hände zitterten, während Tränen über ihr Gesicht liefen. Der Piratenanführer leckte sich langsam über die Lippen. Die Bewegung war widerlich. Sein Blick ruhte auf Misora. "Süße." Er grinste. "Jetzt gehört der Laden dir." Er trat einen Schritt näher. "Na, wie sieht's aus?" Sein Ton wurde höhnisch. "Gibst du uns jetzt was?" Sein Blick wanderte über ihren Körper. "Ich hätte auch noch Platz in meiner Kabine." Hinter ihm lachten einige der Piraten. Er beugte sich leicht nach vorne. "Da können wir gern über unsere gemeinsame Zukunft verhandeln." Das Wort 'verhandeln' sprach er übertrieben langsam aus. Voller Sarkasmus.

Ich spürte, wie mein Herz gegen meine Rippen hämmerte. Der Geschmack von Metall lag plötzlich in meinem Mund, obwohl ich wusste, dass ich nicht verletzt war. Meine Hände waren feucht, und ich musste sie kurz an meiner Hose abstreifen, damit das Zittern nicht sofort sichtbar wurde. Misora kniete hinter uns am Boden, ihr Körper zusammengesunken, während sie den leblosen Körper ihres Vaters ansah. Ihre Schultern bebten. Tahl stand starr neben mir, seine Muskeln angespannt wie ein Drahtseil. Vanu hatte beide Hände vor den Mund geschlagen, ihre Augen weit aufgerissen. Der Piratenanführer hingegen stand noch immer da, breit grinsend, als wäre das alles nur ein Schauspiel zu seiner Unterhaltung. Die Nachricht von Gal. Ich hatte sie im Augenwinkel gesehen, kurz bevor die Piraten hereingestürmt waren. Jetzt wusste ich, was darin stand. Langsam richtete ich mich auf. Meine Beine fühlten sich an, als gehörten sie jemand anderem. Ich trat einen Schritt nach vorne. Dann noch einen. Der Argone bemerkte mich erst, als ich direkt vor ihm stand. Ich sah ihm ruhig in die Augen. Mein Herz schlug so laut, dass ich meinte, es müsste jeder hören können.
"Deine Schwester ist so enttäuscht von dir."
Der Argone blinzelte verwirrt. "…Häh?" Sein Kopf drehte sich langsam zu mir. Sein Gesicht verzog sich. "Wer bist’n du?" Seine Augen wurden schmal. "Und was fällt dir ein, dein Maul aufzumachen?"
Ich zwang mich, ruhig zu bleiben. Mein Körper war innerlich wie eingefroren. "Ach, Kuran." Ich sprach seinen Namen bewusst langsam aus. "Wenn Mari dich jetzt nur sehen könnte."
Der Effekt war sofort sichtbar. Der Pirat erstarrte. Er wich sogar einen halben Schritt zurück. Sein Gesicht verlor für einen Moment jede Arroganz. Die Nachricht von Gal war eindeutig gewesen. Ein altes Foto. Ein Junge mit zerzausten Haaren. Daneben mehrere digitale Simulationen, wie er heute aussehen könnte. Und Gal hatte sich plötzlich erinnert, wo sie den Namen schon einmal gehört hatte. Mari. Ihr Bruder. Derjenige, der mit dem gesamten Familienvermögen verschwunden war. Ich stand einfach da. Meine Knie waren steif. Ich musste mich mit aller Kraft zwingen, nicht zu zittern.
"Einfach das Geld der ganzen Familie nehmen." Meine Stimme klang erstaunlich fest. "Und dann auf Nimmerwiedersehen untertauchen."
Kuran starrte mich an. Sein Gesicht war plötzlich leer. Kein Grinsen mehr. Kein Spott. Nur Überraschung. Und Alarm. Dass ihn jemand kannte, war wahrscheinlich nichts Neues für ihn. Aber dass jemand seine Vergangenheit kannte… und das so genau… das war etwas anderes. Ich spürte, wie meine Beine langsam zu zittern begannen.
Also redete ich weiter. "Mari alleine zurücklassen." Meine Kehle fühlte sich trocken an. "Nachdem eure Eltern kurz hintereinander gestorben sind." Ich bemerkte, wie meine Knie nachgaben. Also lehnte ich mich an einen kleinen Frachtcontainer hinter mir. Meine Hand suchte Halt auf dem kalten Metall. "Sie hat alles heruntergewirtschaftet." Meine Stimme wurde rauer. "Die letzten Credits nicht mal mehr für Nahrung." Ich sah direkt in seine Augen. "Jetzt sitzt sie im Gefängnis." Ich schluckte. "Nicht mehr als Haut und Knochen." Das war gelogen. Ich wusste es. Aber in diesem Moment brauchte ich irgendeinen Hebel. "Vielleicht solltest du sie retten." Ich zuckte leicht mit den Schultern. "Dann könnt ihr gemeinsam den Weltraum unsicher machen."
Für einen Moment war alles still. Dann blitzte etwas in Kurans Augen auf. Wut. Der Schuss kam ohne Vorwarnung. Ein greller Lichtblitz. Ein dumpfer Knall. Ich sah noch, wie der Lauf seiner Pistole rot glühte. Dann traf mich der Schmerz. Er kam nicht wie ein Stich. Er kam wie eine Explosion in meiner Brust. Meine Beine gaben sofort nach. Als ich nach unten sah, verstand ich zuerst gar nicht, was ich da sah. Ein Loch. Ein großes, klaffendes Loch in meiner Brust. Dunkelrotes Blut spritzte heraus und tropfte auf den Boden. Ich konnte Teile meiner Lungen sehen. Ein Teil davon war einfach… weg. Verdampft. Erst dann wurde mir klar, warum ich nicht mehr atmen konnte. Meine Lungen funktionierten nicht mehr. Ich rang nach Luft, aber nichts kam. Es fühlte sich an, als würde ich ersticken. Mein Blick fiel weiter nach unten. Und ich sah mein Herz. Es schlug noch. Ein verzweifelter, mechanischer Rhythmus. Ich konnte nicht begreifen, warum ich das alles laut ausgesprochen hatte. Ich war nie so gewesen. In gefährlichen Situationen hatte ich immer geschwiegen. Mich versteckt. Gewartet, bis alles vorbei war. Warum also jetzt? Hatte ich mich in den letzten drei Jahren in dieser Realität so sehr verändert? Oder hatte ich einfach nichts mehr zu verlieren gehabt? Meine Beine gaben endgültig nach. Ich rutschte langsam am Container herunter. Die Welt begann zu verschwimmen. Plötzlich tauchte Vanus Gesicht über mir auf. Tränen liefen über ihre Wangen. Ihre Augen waren rot. Ihr Mund bewegte sich hektisch. Sie sagte etwas. Mehrmals. Aber ich konnte nichts hören. Nur sehen. Ihre Lippen formten Worte. Meine Sicht wurde dunkler. Der Schmerz in meiner Brust wurde dumpfer. Mein Körper fühlte sich plötzlich unglaublich schwer an. Und gleichzeitig… seltsam leicht. Ich wurde müde. Sehr müde.

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Die Werft war in Chaos versunken. Funken sprühten aus beschädigten Leitungen, während die metallischen Wände unter den heftigen Erschütterungen bebten. Rauch stieg aus zerschmetterten Energieleitungen und verfing sich in den scharfen Lichtstrahlen der Notbeleuchtung. Vanu kniete neben Tori, ihre Hände wühlten verzweifelt in seinem zerfetzten Hemd, während sie die klaffende Wunde auf seiner Brust zu schließen versuchte. Ihr Gesicht war gezeichnet von Angst und Entschlossenheit, die Lippen fest aufeinander gepresst, die Augen glänzten vor Tränen, aber sie ließ keine Panik erkennen.

Thovareus richtete sich langsam auf, sein grünes Blut tropfte auf den blanken Metallboden. Doch die redundante Teladi-Physiologie tat ihr Werk: Er atmete flach, seine Brust hob und senkte sich, und obwohl seine Bewegungen noch langsam und wackelig waren, war klar, dass er überleben würde. Er stieß ein leises, zischendes Geräusch aus, das für ihn beinahe wie ein Schrei klang, und tastete sich mit zitternden Händen zu einem beschädigten Konsolenpanel, um sich zu stützen.

Tahl stand aufrecht, die Energiepistole in beiden Händen fest umklammert. Sein Gesicht war starr vor Konzentration, die Lippen angespannt, die Augen blitzten im Licht der Warnlampen. Ohne zu zögern feuerte er mehrere präzise Salven auf die angreifenden Piraten, die die Position der Gruppe bedrohten. Funken und Rauch stiegen auf, als seine Energiegeschosse metallische Deckungen trafen, einzelne Piraten taumelten zurück, einige stürzten, während andere sich duckten.

Misora rannte durch das Chaos, ihre langen Haare wirbelten hinter ihr her, während sie den Prototyp-Frachter erreichte. "EMP jetzt!" rief sie, die Stimme rau, aber bestimmt, während sie auf die Steuerkonsole des Frachters hämmerte. Ein grelles blaues Licht flackerte auf, gefolgt von einem dumpfen, vibrierenden Summen, das die ganze Werft durchzog. Die Waffen der Piraten verstummten, ihre Kommunikationsgeräte gingen aus. Gleichzeitig fiel die interne Energieversorgung der Werft aus, Notlichter flackerten, und die Schwerkraft schwankte unkontrolliert. Mitarbeiter und Piraten taumelten, einige klammerten sich verzweifelt an Geländern oder Schotts. Einige lose Werkzeuge schwebten in der Luft und Arbeiter versuchten sich, nur von Magnetstiefeln gehalten, irgendwo festzuhalten.

Die Gruppe duckte sich hinter Trümmern und Containern, während lose Metallteile schwerelos durch die Luft drifteten. Tahl kniete neben Thovareus und deckte ihn, Misora sicherte den Frachter, während Vanu weiterhin Tori versuchte zu stabilisieren.

Die Piraten zogen sich zurück, aber nicht kampflos. Ihre Korvette erschien über dem Dockingfeld, Geschütze wurden aktiviert, Warnsirenen heulten ungehört durch das Vakuum. Zivile Frachter, die zu nahe gekommen waren, wichen aus, kleine Notmanöver ließen die Schiffe wanken, während Trümmer herumflogen.

Tori wurde in den Frachtraum des Prototypen gebracht, der bereits für spezielle Transporte vorbereitet war. Sein Herz schlug schwach, die Atemwege teilweise kollabiert, und Vanu sprach beruhigende Worte, während sie den Staseprozess initiierte. Das Modul war eigentlich nicht für lebende Wesen konzipiert, doch sie justierte die Energieflüsse und Lebenserhaltung auf ein Minimum, gerade genug, um Tori in einen Zustand zwischen Leben und Bewusstsein zu versetzen. Sein Körper wurde langsam in den kühlen Metallcontainer gesenkt, die Hände lose an den Seiten, das Gesicht blass und angespannt.

Thovareus, noch wankend, half den verbleibenden Teammitgliedern, die Systeme der Werft teilweise zu stabilisieren. "Wir müssen die Station verlassen," zischte er, die Stimme noch rau, aber entschlossen. Vanu nickte, ihre Augen glänzten vor Furcht und Anspannung, aber auch Entschlossenheit. Misora startete den Frachter, die Module summten, und die künstliche Gravitation begann sich wieder zu stabilisieren.

Die Korvette der Piraten eröffnete erneut das Feuer, diesmal auf Distanz, doch die improvisierte Flucht der Gruppe war schneller. Trümmer und Rauch verwischten die Sicht, als die Schiffe der Polizei von Trantor starteten und das Militär der Föderation am Rand des Systems eintrafen. Ein chaotisches Gefecht entbrannte, doch die Gruppe nutzte das Durcheinander, um zu entkommen.

Kuran beobachtete aus sicherer Entfernung. Die Piratenbande war verwirrt und geschwächt, doch der Anführer wusste, dass er jetzt untertauchen konnte. Sein Blick blieb kurz auf dem Prototyp-Frachter hängen -nicht ahnend, dass Tori im Stasemodul lag- und ein kaltes, berechnendes Lächeln huschte über seine Lippen. Dann verschwand er mit den Piraten und seiner Korvette im Dunkel des Alls, während die Gruppe in die Tiefen von Trantors Orbit entkam, erschöpft, aber noch am Leben.

Die Werft lag beschädigt und energieschwankend hinter ihnen, Funken glühten an den Überresten der Metallplatten, Notlichter blinkten noch schwach, während Sirenen das Chaos untermalten. Die ersten Einsatzkräfte der Föderation erreichten die Trümmer, doch für die Überlebenden war klar: dies war nur der Anfang. Kuran war entkommen, und Tori lag in Stase, zwischen Leben und Tod, während das Universum um sie herum im Chaos zu versinken schien.

Die künstliche Gravitation des Frachters stabilisierte sich langsam, und das Summen der Notstromsysteme erfüllte den Raum. Vanu saß neben dem Stasemodul, die Hände fest auf dem Metallrand gelegt, ihr Blick pendelte zwischen den Anzeigen der Lebenserhaltung und der Dunkelheit des Weltraums draußen. Die Trümmer der Werft zogen langsam vorbei, und sie spürte nicht mehr den Herzschlag von Tori, bildete es sich ein, wie ein Echo in ihrer eigenen Brust. Thovareus wankte zu Vanu, legte seine Klauen um sie und bat um Hilfe. Wohl wissend, dass sie kaum über Teladi-Physiologie bescheid wusste. Aber er tat es eher, um sie von Tori abzulenken.

Misora saß am Steuer, die Finger über die Kontrollfelder fliegend, das Gesicht angespannt, der Schweiß auf der Stirn glänzte im Licht der Instrumente. Sie sprach leise zu sich selbst, korrigierte die Flugbahn des Frachters, während er durch das Trümmerfeld der Werft manövrierte. Hinter ihr konnte man die Modulaufbauten erkennen, die noch leicht rotierend die künstliche Gravitation stabilisierten.

Tahl stand an der Rückseite des Cockpits, die tote Energiepistole umklammert, die Augen auf die Sensoranzeigen gerichtet. Er registrierte jeden Kontakt, jede Bewegung, jede mögliche Bedrohung aus dem All. Seine Schultern waren angespannt, und ein feiner Schweißfilm lag auf seiner Stirn. Er sprach kaum, doch jedes seiner Geräusche – ein scharfes Einatmen, das Klirren der Stiefel auf Metall – war geladen mit Anspannung.

Die Außenhülle des Frachters vibrierte noch leicht, als Trümmerstücke der zerstörten Werft vorbeirauschten. Funken flogen, metallische Teile drifteten schwerelos, und die letzten Notlichter der Werft blinkten hektisch. Durch die Scheiben konnte man die Signallichter der eintreffenden Föderationsschiffe erkennen, die die chaotischen Rettungsmaßnahmen aufnahmen und begannen, die Lage zu sichern.

Kuran, weit entfernt, zog sich mit seiner Korvette durch das Aufblitzen eines Sprungtores zurück. Sein Lächeln war kalt, berechnend, doch es verriet auch einen Hauch von Überraschung darüber, dass jemand so viel über ihn wusste. Er überlegte, ob es an der Zeit war die letzten Fäden zur Vergangenheit zu kappen.

Im Inneren des Frachters lag Tori regungslos, das Gesicht blass in Stase. Sein Körper war kühl, fast schwerelos, die Hände locker an den Seiten. Vanu legte eine Hand auf die schützende Abdeckung, sprach leise seinen Namen, obwohl sie keine Antwort bekam, nur ein schwaches Pulsieren der Module als einziges Lebenszeichen.

Thovareus wandte sich an die Gruppe: „Wir haben überlebt, aber wir müssen jetzt planen. Kuran ist draußen, und wir wissen nicht, ob er wiederkommen wird.“ Sein zischendes Geräusch war fest, entschlossen, obwohl er selbst erschöpft und verletzt war.

Die Schiffe der Föderation zogen sich langsam näher, die Sensoren des Frachters meldeten Stabilisierung. Misora hielt das Steuer fest, die Augen auf die Anzeigen gerichtet, während die Module summten und das Schiff seinen Kurs durch den Trantor-Orbit hielt.

Die Gruppe war erschöpft, verschwitzt, von Angst und Adrenalin gezeichnet, doch sie waren noch am Leben – und Tori, er lag in Stase, bereit für das, was als Nächstes kommen würde. Im Chaos des Universums, zwischen Trümmern, Piraten und flackernden Notlichtern, war der erste Schritt zur Sicherheit getan – doch die Schatten der Vergangenheit hatten nur kurz innegehalten, bevor sie erneut zuschlagen würden.

Ich hasse Perfektion.
Sie bietet keinen Platz für Kreation.

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Kapitel 21 - Veränderungen

Die Sonne des Sommers im Jahr 2997 war nur durch die dichten Fenster des Krankenhauses in Streeling auf Trantor zu erkennen, ein fahles, diffuses Licht, das durch die smogähnliche Atmosphäre des Planeten fiel. Innerhalb der steril-weißen Wände des Krankenhauses herrschte eine bedrückende Stille, unterbrochen nur von dem leisen Piepen der Lebenserhaltungssysteme und dem rhythmischen Summen der Überwachungsmonitore. Tori lag in einem hochmodernen Krankenbett, die Glieder still, die Augenlider flach geschlossen. Sein Körper war noch immer von den Verletzungen gezeichnet, die er vor Monaten in der Werft erlitten hatte. Der Brustkorb war von chirurgischen Einschnitten gezeichnet, die Lungen und das Herz funktionierten nur noch durch die künstliche Unterstützung, die Schläuche und Elektroden verklebten seine Haut mit den Geräten. Die Koma-Phase hatte seine Mimik eingefroren, doch die leichten Mikrobewegungen seiner Finger zeugten davon, dass unter der Oberfläche Leben pulsierte.
Vanu saß unermüdlich auf dem Rand des Bettes. Ihr Bauch war deutlich gewölbt, die Hände auf die noch unsichtbare Wölbung ihres Kindes gelegt, obwohl sie das Kind oft nur spürte und nicht sah. Die Schwangerschaft war kompliziert, wie Valentina es beschrieben hatte: Terranisch-argonischer Mischling, erhöhte Risiken für Frühgeburten, Kreislaufprobleme und Anomalien in der Plazenta. Trotzdem wich Vanu nicht von Toris Seite. Ihre grünen Augen waren gerötet vom Schlafmangel, die Gesichtszüge angespannt, die Lippen dünn zusammengepresst, aber sie ließ sich keine Panik anmerken. Ihr Atem ging flach, die Brust hob und senkte sich im Rhythmus der Maschinen, die Tori am Leben hielten, und doch schien sie jeden Moment bereit, in Aktion zu treten, falls sich der Zustand verschlechtern sollte.
Valentina stand neben Vanu, ihr weißer Arztkittel war an den Ärmeln hochgekrempelt, die Hände um die digitalen Steuerpads gelegt, die den Verlauf der Vitalfunktionen überwachten. Sie war gereist, so schnell es möglich war, von Argon Prime, um die Situation zu überwachen. Ihr Gesicht spiegelte professionelle Sorge wider, die Stirn leicht gerunzelt, die Augen aufmerksam auf jede kleine Änderung von Toris Atem oder Puls gerichtet. "Seine Herzfrequenz ist stabil, aber die Sauerstoffsättigung fällt immer wieder ab. Wir müssen die Beatmungseinstellungen regelmäßig anpassen", murmelte sie und blickte von der Anzeige auf. Sie strich Vanu beruhigend über den Rücken. "Es wird alles in Ordnung sein. Du bist stark genug, um bei ihm zu bleiben."
Vanu nickte stumm, der Blick auf Tori gerichtet, die Finger leicht in den Laken verkrampft. Ihre Hand ruhte über seiner Brust, als könne sie durch bloße Berührung seine Schmerzen lindern.

Irgendwo in der südlichen Hemisphäre Trantors, arbeitete Misora. Sie hatte die Werft ihres Vaters stillgelegt, das Erbe in Schutt und Asche begraben, wie sie es selbst empfand. Die Erinnerungen an Kento – seinen energischen Gang, das ruhige, aber bestimmte Sprechen, die Art, wie er jede Situation analysierte und handelte – lasteten schwer auf ihr. Der Schrottplatz der Großeltern war nun ihre Zuflucht und ihr Geschäft, ein Ort, an dem sie alles kontrollieren konnte, was sie verlor, ersetzen oder verbessern wollte. Sie inspizierte die alten Maschinen, entfernte Rostplatten, überprüfte die Funktionsfähigkeit der Energiesysteme, während ihr Herz schwer wurde. Jeder Knall eines verrosteten Hydraulikarms ließ sie zusammenzucken. Sie wusste, dass sie Zeit benötigte, doch die Vergangenheit war unnachgiebig.

Unterdessen auf Argon Prime, im Sonn’ra-System, arbeitete Thovareus wieder, so schnell er seine Wunden überwunden hatte. Seine blauen Schuppen glänzten matt unter den Bürolichtern, die Bewegungen waren noch leicht steif, aber präzise. Er überprüfte Konten, verhandelte Lieferketten und koordinierte die internen Abläufe der UNO, die ohne Tori nicht stillstanden. Die Angestellten spürten seine Präsenz, vertrauten seinem Urteil, doch es war ein spürbarer Unterschied: die Aura des Gründers fehlte, und alles schien weniger pulsierend, weniger lebendig.

Gal und Tahl hingegen jagten Kuran durch die äußeren Systeme. Die Informationen über den Aufenthaltsort des Bruders von Mari waren spärlich. Sensorüberwachung, Flottenradare, Informanten – alles brachte sie nur Schritt für Schritt voran. Tahl, in seiner strengen Uniform, die Schultern gespannt, der Blick scharf wie ein Skalpell, führte die Abfragen durch, während Gal die taktische Übersicht behielt. Beide spürten die Dringlichkeit: Kuran war gefährlich, unberechenbar, und seine Absichten gegenüber Mari hatten sich bereits zu Gewalt verschoben.

Mari selbst erlebte eine langsame, aber stetige Wiederherstellung. Die körperliche Genesung von der Mangelernährung der letzten Jahre war nur ein Teil. Unter Nopireos’ Anleitung lernte sie, den Argnu-Betrieb effizient zu führen. Jeder Arbeitstag endete für sie mit schmerzenden Muskeln, doch sie bemerkte Fortschritte: steigende Produktivität, höhere Erträge, die Mitarbeiter motivierter. Trotzdem lag ihr Herz schwer, weil die Bedrohung durch Kuran wie ein Schatten über ihr schwebte. Jede Nachricht, jeder Funkkontakt ließ sie zusammenzucken.

In den unbekannten Weiten eines Systems, dessen Name nur auf alten Karten verzeichnet war, spannte Kuran seine eigenen Pläne. Sein Schiff war eine Mischung aus improvisierten Modifikationen und Technologien, die er als Söldner und Pirat kennengelernt hatte. Er wollte nicht nur unabhängig sein – er wollte die absolute Freiheit, ohne Verpflichtungen, ohne Kontrolle durch andere. Die Zügel des Argnu-Betriebs hatten ihn seit Kindesbeinen erdrückt, und sein Hass auf die Auflagen und Erwartungen seiner Eltern hatte sich in die Richtung von Mari kanalisiert. Sein Plan war klar: die Schwester eliminieren, um endlich ein eigenes, unbelastetes Leben zu führen. Sein Blick, kalt und berechnend, ruhte auf den Karten der Systeme, die er erreichen konnte.

Zurück auf Trantor, im Krankenhaus, schien die Zeit langsamer zu vergehen. Jeder Atemzug von Tori war eine Herausforderung, jede kleine Veränderung an den Monitoren ein möglicher Hinweis auf Fortschritt oder Rückschlag. Vanu sprach unentwegt, sanfte Worte, Berührungen, manchmal ein leises Lächeln, um ihn zu Bewusstsein zu bringen. Valentina überwachte die Systeme, justierte Beatmungsdrücke, überprüfte Infusionsraten und Medikamentendosierungen. Manchmal, wenn Vanu kurz das Zimmer verließ, blieb Valentina einfach sitzen, die langen petrolfarbenen Haare fielen an ihr herab, und beobachtete Tori, als könne sie durch Konzentration seinen Körper stabilisieren.

Misora auf Trantor war eine andere Welt, physisch entfernt, doch emotional verbunden. Sie hielt ihr Tablet in der Hand, aktualisierte die Sicherheitsberichte der Werft, überprüfte, ob irgendeine Bewegung in den orbitalen Verkehrssystemen auf Anzeichen von Piraten hinwies. Ihre Augen huschten immer wieder zur Nachrichtenspalte: Kento war tot, aber seine Visionen mussten weitergetragen werden. Jede Entscheidung, jede Überlegung, jede Planung musste nun auf eigenen Schultern getragen werden. Doch Misora fühlte sich noch nicht bereit.

Thovareus koordinierte weiterhin über Holoübertragungen die UNO-Aktivitäten. Jede Verbindung zu Tori schien brüchig, jeder Auftrag eine kleine Belastung, doch er handelte mit der Präzision, die nur eine Teladi-Familie aus jahrhundertelanger Disziplin entwickeln konnte. Seine blauen Schuppen glänzten unter der künstlichen Beleuchtung, die Bewegungen geschmeidig, beinahe tänzerisch, und doch voll konzentrierter Kontrolle.

Gal und Tahl hatten inzwischen eine Spur von Kuran lokalisiert. Eine abgelegene Station, kaum mehr als ein alter Kommunikationssatellit, diente als Basis. Informationen waren fragmentiert, die Sicherheitsprotokolle teilweise deaktiviert. Die Jagd verlangsamte sich, und die Frustration wuchs. Jede Stunde, in der sie nicht vorankamen, konnte Mari das Leben kosten.

Mari selbst, im Betrieb, spürte die Last der Verantwortung. Die Argnu-Ranch erblühte langsam unter ihrer Hand, doch jeder Fortschritt wurde überschattet von der Unsicherheit über Kuran. Sie sah in die Abendsonne, die sich über die Felder legte, die hohen, goldenen Gräser, die wie Wellen im Wind schwangen, und fragte sich, ob sie eines Tages wieder wirklich frei atmen könnte.

In einem unbekannten System bereitete Kuran seine nächsten Schritte vor. Die Korvette war alt, die Ressourcen knapp, doch er kannte jede Abkürzung, jede Schwachstelle aus Jahren der Frustration und Übung. Er überprüfte seine Waffen, kalibrierte die Systeme seines Schiffes, prüfte Kommunikationswege. Alles diente einem Ziel: er wollte die Fesseln abwerfen und sich niemandem mehr unterwerfen, nicht einmal der Erinnerung an seine Familie.

Zurück auf Trantor schien sich die Zeit in langsamen, gedehnten Atemzügen zu bewegen. Jede Sekunde im Zimmer war entscheidend. Vanu sprach, Valentina überwachte, Monitore blinkten, Maschinen summten. Tori lag bewegungslos, und doch war in seiner Umgebung das Leben in höchster Anspannung spürbar.
Die Sommerhitze draußen drang nur schwach durch die dicken Fenster, während im Inneren der Maschinenraum des Körpers Tori’s noch immer auf Leben kämpfte. Die Entscheidungen, die getroffen wurden, die Jagd nach Kuran, die Wiederherstellung der Ranch und der Wirtschaft der UNO, alles schien in einer Schwebe zu hängen, während die Welt um ihn herum weiterdrehte.

Gal hatte über die diplomatischen Kanäle Kontakt zur Botschaft der Terraner auf Argon Prime aufgebaut, jeder Schritt sorgfältig geplant, jeder Funkspruch minutiös formuliert. Die Botschaft hatte schnell reagiert, ihre Empfangsprotokolle überprüft, Sicherheitsfreigaben eingeholt und schließlich den Vorschlag geprüft. Gal saß in der gedämpft beleuchteten Kommandozentrale auf Argon Prime, die Holoanzeigen flimmerten leise vor ihr, während ihre Finger über die glatten Flächen der Kontrollpads glitten. Sie wusste, dass jede Sekunde zählte, dass Vanu und ihr ungeborenes Kind, ebenso wie Tori, nur unter exzellenter medizinischer Betreuung eine Chance hatten.
Die Terraner hatten überraschend zugestimmt. Ein spezialisiertes Ärzteteam, erfahren in Terranischer Physiologie, wurde auf Trantor entsandt. Die Botschaft hatte Bedingungen gestellt, formale Vereinbarungen über medizinische Verantwortung, Zugriff auf bestimmte Diagnosedaten und mögliche langfristige Kooperationen, doch Gal wusste, dass die Dringlichkeit jede Debatte über Gegenleistungen überdeckte. Sie atmete tief durch, das warme Licht der Holoanzeigen spiegelte sich in ihren Augen, als sie die Flugdaten der Terraner überprüfte: Ankunft in weniger als zwei Standardtagen, ausgestattet mit allen notwendigen Geräten für hochkomplexe Notfallbehandlungen und künstliche Beatmungssysteme, vorbereitet auf Hochrisikogeburten.
Auf Trantor, im Krankenhaus, war Vanu kaum von der Seite von Tori zu weichen. Sie saß auf einem der niedrigen Stühle am Bett, die Hände leicht über Toris Brust gelegt, als könnte sie mit Berührung seinen Körper stabilisieren. Ihr Blick war angespannt, die Lippen dünn aufeinandergepresst, die grünen Augen glänzten feucht vor Sorge. Immer wieder strich sie vorsichtig über Toris Gesicht, überprüfte die Atmung, fühlte die Vibration seines Herzschlags unter den Fingern. Die Schwangerschaft setzte ihrem Körper zu, die Mischung aus terranisch-argonischer Biologie führte zu unregelmäßigen Herzfrequenzen, Kreislaufproblemen und gelegentlichen Muskelkrämpfen. Trotz alledem bewegte sie sich fast mechanisch, routiniert, doch jedes Zucken in Toris Brust ließ ihren Körper zusammenzucken.
Valentina stand neben ihr, die violetten Augen aufmerksam auf die Anzeigen der Lebenserhaltungssysteme gerichtet. Ihre Hände flogen über die Holo-Tastaturen, kalibrierten Beatmungsdruck, überwachten Infusionsraten, justierten Medikamentenzufuhr. Jedes Piepen des Monitors ließ sie kurz innehalten, die Lippen leicht auseinander, die Stirn in tiefe Falten gelegt, die Augen funkelnd vor Konzentration. Sie bemerkte jeden Anstieg und Abfall der Vitalwerte, jede mikroskopische Bewegung der Pupillen, jede Veränderung des Atemrhythmus.
Als die Nachricht der Terraner einging, dass das Ärzteteam den Start vorbereite, sank Vanu leicht auf die Stuhlkante, die Schultern sanken unter der Last der Erschöpfung. "Endlich…" flüsterte sie, kaum hörbar, die Stimme brüchig, als wollte sie selbst diese Worte nicht glauben. Ihre Hände fuhren zitternd durch das dunkelrote Haar, das in lose Strähnen auf ihre Schultern fiel. Valentina legte kurz eine Hand auf Vanus Rücken, ein stilles Zeichen, dass Hilfe unterwegs war, dass sie nicht allein war.
In der Wartezeit überprüfte Vanu immer wieder die Monitore, spürte jede kleine Veränderung. Sie sprach leise zu Tori, als würde er sie hören können, ihre Stimme war ruhig, aber durchdrungen von einer verzweifelten Hoffnung. "Wir schaffen das… wir schaffen das, Tori." Immer wieder wiederholte sie den Satz, während Tränen die Wangen hinunterliefen. Die Muskeln in ihrem Gesicht spannten sich, die Finger krallten sich in das Bettlaken, ihre Knie zitterten leicht.

Gal überwachte derweil auf Argon Prime die Fortschritte der Vorbereitungen. Sie koordinierte über Holoverbindungen die Logistik des Einsatzes, prüfte die Flugbahnen, überwachte die Sicherheitsprotokolle für die Terraner, die medizinische Geräte und Medikamente transportierten. Jede Fehlermeldung im System ließ sie innehalten, atmete tief ein, justierte die Parameter. Es war ein Balanceakt zwischen Geschwindigkeit und Präzision, zwischen Risiko und absoluter Notwendigkeit.

Die Terraner landeten schließlich auf Trantor, die Lichter des Schiffs glitten wie flüssiges Silber über den Hangar des Krankenhauses. Aus den Kabinen traten mehrere Ärzte, schwer beladen mit Geräten, medizinischen Containern und Notfallkits. Ihre Bewegungen waren schnell, koordiniert, jeder Schritt geplant. Die Maschinen summten leise, ihre Atemmasken und Anzüge reflektierten das helle Licht der Notbeleuchtung.
Valentina koordinierte den Empfang, führte die Terraner direkt zu Toris Zimmer. Die Gruppe bewegte sich fast lautlos, die medizinischen Geräte piepsten synchron mit Toris Herzschlag, als wollten sie ihn zusammenhalten. Vanu wich keinen Schritt von seiner Seite, ihre Augen immer auf seinen Körper gerichtet, jede Berührung vorsichtig, jede Bewegung kalkuliert.
Die Terraner begannen sofort mit einer Untersuchung. Die Hände der Ärzte waren präzise, die Blicke analytisch, die Stimmen ruhig, aber bestimmt. "Wir werden eine vollständige Stabilisierung vornehmen müssen, bevor jegliche operative Maßnahme beginnt", erklärte einer von ihnen, während er die Vitalparameter ablas. Seine Augen scannten die Monitore, seine Finger flogen über die Kontrollen, justierten Beatmungsdruck, Medikamentengaben und Energieversorgung.
Vanu beobachtete jede Bewegung, die Lippen zu einem stummen Gebet zusammengepresst, während die Hände der Terraner an Toris Körper arbeiteten. Der Schweiß auf ihrer Stirn glitzerte im Licht der Monitore, die Schultern hoben und senkten sich flach, aber stetig. Immer wieder flüsterte sie beruhigende Worte, auch wenn Tori noch immer bewegungslos lag.
Die Minuten dehnten sich zu Stunden, die Zeit verlor ihre Konturen in der konzentrierten Stille des Krankenhauses. Funken von Angst und Hoffnung mischten sich, jeder Atemzug eine leise Dramatik, jede Bewegung der Ärzte ein Tanz zwischen Leben und Tod. Vanu hielt Toris Hand, die Finger fest umschlungen, die Schultern angespannt, das Gesicht bleich, die Augen starr auf ihn gerichtet.
Die Terraner arbeiteten methodisch weiter, justierten, überprüften, sicherten ab. Monitore blinkten, Beatmungsgeräte summten, Infusionspumpen bewegten das Medikamentengemisch präzise in Toris Kreislauf. Jede Veränderung wurde notiert, analysiert, korrigiert.
Und während draußen die Sonne langsam über Trantor sank, während die Stadt Streeling und die Kliniken in kühles Abendlicht getaucht wurden, blieb Vanu bei Tori, flüsterte immer wieder: "Wir schaffen das. Wir schaffen das, wir schaffen das." Ihre Augen glänzten feucht, das Gesicht angespannt, die Hände unaufhörlich in Bewegung, als könnte sie allein durch Aufmerksamkeit sein Leben stabilisieren.

Gal auf Argon Prime beobachtete die Verläufe, überwachte die Telemetrie, während die Terraner unermüdlich arbeiteten, koordiniert, präzise und ruhig. Jede Entscheidung war ein Schritt zwischen Hoffnung und Verzweiflung, und jeder Atemzug konnte den Unterschied bedeuten.

Die ersten Stunden der Stabilisierung verliefen erfolgreich, aber die Spannung war greifbar, das Unbekannte lauerte in jedem Piepton der Monitore. Vanu sank auf die Knie, die Stirn auf Toris Brust gelegt, die Hände noch immer auf seinem Körper, während die Terraner weiterhin prüften, justierten und stabilisierten. Es war ein fragiler Moment, der die Weichen für alles Weitere stellte – für Tori, für Vanu, für das Kind, für die Zukunft, die nun ungewiss vor ihnen lag.
Jede Entscheidung, jede Bewegung, jede winzige Anpassung konnte Leben retten oder verlieren lassen. Und während die Sonne weiter sank und das Licht durch die Fenster schmolz, blieb die stille Entschlossenheit von Vanu, Valentina und den Terranern das einzige Bollwerk gegen die drohende Katastrophe.

Die Terraner arbeiteten weiterhin präzise, ihre Bewegungen fließend, aber zielgerichtet. Monitore piepsten im regelmäßigen Rhythmus, Beatmungsgeräte summten leise und die Infusionspumpen arbeiteten synchron. Vanu saß am Fußende von Toris Bett, ihre Hände lagen wie schützend auf dem Laken, die Finger umklammerten es, als könnte sie dadurch das Schicksal selbst festhalten. Ihre Augen waren weit geöffnet, glänzten feucht vor Sorge, die Lippen leicht geöffnet, als würde sie unhörbar sprechen.
Die Ärzte bemerkten ihre Anspannung sofort. Einer von ihnen, ein Terraner mittleren Alters mit strenger, aber ruhiger Miene, wandte sich vorsichtig an sie. "Wir müssen ein paar Fragen stellen, Atu-san, um den Verlauf Ihrer Schwangerschaft optimal überwachen zu können." Seine Stimme war sanft, bemüht beruhigend, doch gleichzeitig unmissverständlich.
Vanu schluckte schwer, der Hals trocken, die Hände zitterten leicht. "Ja… ja, bitte," hauchte sie, obwohl sie sich innerlich schon zusammenzog, als wüsste sie, dass diese Fragen alte Wunden öffnen würden.
"Gab es zuvor Komplikationen während Ihrer Schwangerschaften?" fragte der Arzt, der Blick aufmerksam auf Vanu gerichtet, als würde er jede Muskelbewegung ihrer Gesichtszüge interpretieren.
Vanu spürte, wie ihr Herz schneller schlug. Alte Erinnerungen schossen wie kalte Pfeile durch ihren Körper. Die Erinnerung an die Fehlgeburt im sechsten Monat mit ihrem argonischen Ex-Ehemann ließ sie zusammenzucken. Ihr Atem ging flach, die Schultern spannten sich an. Die Schmerzen, die Vorwürfe, das Ende der Ehe – alles kam in einem Schwall zurück. Sie spürte die Bitterkeit wieder aufsteigen, ein beklemmendes Gefühl in der Brust, als würde der alte Verlust sich erneut festsetzen.
"Ich… ich verlor ein Kind… im sechsten Monat," flüsterte sie, die Stimme brüchig, kaum mehr als ein Hauch. Ihre Hände krallten sich in das Bettlaken, die Finger angespannt, die Nägel in das weiche Material gedrückt. "Mein… mein Ex-Ehemann… er hat mir die Schuld gegeben… und den Vertrag aufgelöst…"
Der Terraner nickte, die Stirn leicht gerunzelt, die Augen konzentriert. "Das ist bedauerlich, Atu-san. Wir müssen diese Vorgeschichte kennen, damit wir Risiken für das aktuelle Kind minimieren können." Seine Stimme blieb ruhig, aber einfühlsam, während er die Monitoranzeigen überprüfte.
Vanu schluckte, Tränen sammelten sich in ihren Augenwinkeln. Sie wollte nicht weinen, wollte Stärke zeigen, doch die Erinnerung an den Schmerz, die Ohnmacht, die Wut, die sich damals in ihr aufgestaut hatte, ließ sie kurzzeitig zusammenbrechen. Sie legte die Stirn gegen das kalte Metallbett und atmete tief ein, um die Kontrolle zurückzugewinnen.
"Ich… ich habe Angst," gestand sie leise, die Stimme kaum hörbar, während ihre Augen sich auf Toris reglosen Körper richteten. "Ich habe Angst, dass… dass ich es wieder verliere… dass ich wieder versage…"
Valentina legte vorsichtig eine Hand auf Vanus Schulter, drückte leicht und beruhigte sie durch die Berührung, die sich warm und stabil anfühlte. "Wir werden alles tun, Vanu. Wir beobachten alles, wir sind vorbereitet. Dein Körper, das Kind, Tori – alles wird überwacht, keine Sorge." Ihre Stimme war ruhig, streng, aber mit einem Hauch Mitgefühl, als wollte sie Vanu die Last für einen Moment von den Schultern nehmen.
Vanu nickte leicht, die Lippen zu einem dünnen Strich gepresst, die Tränen liefen ungehört über ihre Wangen. Sie richtete sich wieder auf, die Schultern straff, die Hände erneut auf das Bett gelegt, die Finger die Bettkante fest umklammernd. "Ich muss stark sein… für ihn… für unser Kind…" flüsterte sie, die Stimme nun fester, entschlossener, doch die Angst lag wie ein schwerer Schatten in ihrem Blick.
Die Terraner beobachteten aufmerksam jede ihrer Bewegungen, jede Reaktion. Ihre Fragen wurden weiterhin vorsichtig gestellt, direkt, aber einfühlsam, während sie gleichzeitig die Vitalwerte von Vanu und das Wachstum des Kindes überwachten. Jede kleine Veränderung in Vanus Atmung, jeder Puls auf dem Monitor wurde registriert, dokumentiert, analysiert.
Die Stunden zogen sich. Vanu blieb bei Tori, flüsterte beruhigende Worte, während Tränen und Angst weiterhin in ihren Augen glitzerten. Doch mit jedem überwachten Herzschlag, jedem stabilen Atemzug spürte sie einen Funken Hoffnung. Die Terraner arbeiteten methodisch, präzise, doch sie überließen auch Vanu nicht den Moment der emotionalen Verbindung zu Tori.
Und während draußen die Sonne über Trantor langsam sank, das Licht gedämpft durch die Fenster fiel, blieb Vanu wie angewurzelt, ihr Körper angespannt, ihre Augen auf Tori gerichtet, die Hände fest auf seinem Bettlaken. Alte Ängste, alte Wunden waren wieder aufgebrochen, doch der Wille, alles für das Kind und Tori zu tun, trieb sie an. Jede Bewegung der Terraner, jede Überprüfung der Systeme, jedes leise Piepen der Monitore war wie ein leiser Takt, der ihre Angst in Entschlossenheit verwandelte, während die Nacht über Trantor hereinbrach.

Die OP-Säle auf Trantor waren eine Mischung aus hochmoderner Technik und klinischer Kälte. Weiße Wände reflektierten das blendend helle Licht der Operationslampen, die in präzisen Winkeln über Toris Körper positioniert waren. Der metallische Geruch von Desinfektionsmitteln lag schwer in der Luft, durchzogen von einem leisen Summen der Lebenserhaltungssysteme und des Überwachungsmonitors, dessen rhythmisches Piepen jeden Herzschlag sichtbar machte. Jede Bewegung des medizinischen Personals war durchdacht, gezielt, präzise.
Tori lag auf dem Operationstisch, bewusstlos, der Körper angespannt trotz Narkose. Die Haut war blass, die Lippen leicht bläulich. Schlauchleitungen für Beatmung, Infusionen und Medikamente führten zu verschiedenen Anschlüssen an seinem Körper. Auf seinem Brustkorb war die Haut an mehreren Stellen präpariert, steril abgedeckt, die chirurgischen Felder markiert. Über seinen Körper war ein dünnes, steriles Tuch gelegt, das nur die Stellen freiließ, an denen das medizinische Team arbeiten würde.
Valentina stand zu seiner Rechten, die Augen fokussiert, die Hände ruhig, doch angespannt. Ihr Gesicht spiegelte Konzentration, die Lippen fest aufeinander gepresst, die Augen hinter der OP-Brille glänzten leicht. Sie hielt Instrumente bereit, reichte Skalpelllaser, Pinzetten und Nahtstrahler mit flüssiger, geübter Präzision, während sie gleichzeitig die Vitalzeichen überwachte und mit den Terranern kommunizierte.
Der leitende Terraner, ein erfahrener Chirurg, sprach ruhig und klar, ohne Eile. "Narkose stabil. Beatmung läuft optimal. Herzfrequenz im Normbereich. Beginnen wir mit der thorakalen Präparation." Seine Stimme war gleichmäßig, fast monoton, doch jeder Ton trug Autorität und Sicherheit.
Mit einem präzisen Schnitt öffnete er Toris Brustkorb, das Gewebe vorsichtig zur Seite gehalten, die blutenden Adern sofort mit koagulierten Pinzetten kontrolliert. Valentina hielt die Saugvorrichtung über der Schnittfläche, das Blut floss in regelmäßigen Intervallen, während der Chirurg weiter vorging. Tori war reglos, doch sein Körper reagierte noch auf minimale Impulse, die Monitore registrierten jede Veränderung.
"Thorax stabil. Bereit für Implantate," sagte der Chirurg, während er die vorbereiteten bionischen Komponenten heranreichte. Es handelte sich um modernste Technologie: künstliche Lungen, die sowohl Sauerstoffaufnahme als auch Kohlendioxidabgabe regulierten, und ein Herz, das sich den Bedürfnissen des Körpers anpasste, mit redundanten Pumpensystemen, die autonome Notfunktionen ermöglichten.
Mit ruhiger Hand setzte er das erste Lungenimplantat ein. Die flexiblen Biostrukturen passten sich exakt an die vorhandenen Gefäße an, während feine Nähte und elektrochemische Anschlüsse das Implantat mit Toris Kreislauf verbanden. Valentina hielt die Leitungen stabil, beobachtete jede Reaktion der Monitore, korrigierte die Ausrichtung der Implantate, sprach leise technische Hinweise, sodass der Chirurg in seinem Tempo arbeiten konnte.
Das Herzimplantat war größer, komplexer. Jede Kammer musste präzise positioniert werden, jeder Anschluss auf Perfektion geprüft. Valentina assistierte, führte kleine Mikromanipulationen aus, überprüfte die elektrischen Anschlüsse, stellte sicher, dass die Synchronisation mit den bionischen Lungen stimmte. Der Raum war erfüllt von konzentriertem Summen der Maschinen, leisen Pieptönen der Monitore, den sanften Anweisungen des Chirurgen.
Tori, bewusstlos, reagierte nur minimal auf die invasive Operation. Doch die künstliche Narkose und die medikamentöse Stabilisierung sorgten dafür, dass kein Stresssignal sein Herz unnötig belastete. Valentina atmete leise aus, als das Herz korrekt angeschlossen war und sofort den Kreislauf unterstützte. Der Monitor zeigte stabile Sauerstoffsättigung und Herzfrequenz. Ein leichter Anstieg im Blutdruck signalisierte, dass die Implantate funktionierten.
"Herz online. Lungen stabil. Vorbereitung für thorakale Schließung," sagte der Chirurg und nickte Valentina zu. Sie reichte Nahtmaterial, führte die Muskeln und das Brustbein wieder in Position, während der Chirurg die Haut schloss. Jede Naht präzise gesetzt, keine Hektik, kein unnötiger Druck auf das Gewebe. Funken von Lichtreflexionen auf den metallischen Instrumenten spiegelten die sterile Präzision wider.
Vanu, die von draussen zusah, hatte die Hände gefaltet, die Lippen leicht geöffnet, die Augen fix auf Tori gerichtet. Ihre Stirn war von Sorgenfalten durchzogen, aber ihr Atem blieb gleichmäßig. Sie wagte es nicht, sich zu rühren, zu sprechen oder den Blick von ihm zu nehmen. Jeder Schritt der Ärzte war für sie ein winziger Hoffnungsschimmer, jede stabilisierte Vitalanzeige ein Zeichen, dass er überleben könnte.
Nachdem das Brustbein geschlossen und die Haut versiegelt war, überprüfte das Team die Vitalfunktionen erneut. Herzschlag und Sauerstoffsättigung waren optimal, die künstlichen Lungen arbeiteten synchron, das Herz pulsierte mechanisch, aber organisch, angepasst an Toris Blutfluss. Valentina atmete leise auf, ließ die Instrumente sinken und strich sich eine Strähne Haar aus dem Gesicht. "Operation erfolgreich abgeschlossen," murmelte sie, die Stimme leise, doch voller Erleichterung.
Tori wurde in ein Überwachungszimmer verlegt, die Schläuche und Sensoren behutsam verbunden, so dass er sanft weiter atmete, nun unterstützt von der bionischen Herz-Lungen-Maschine. Vanu blieb dicht an seiner Seite, streichelte vorsichtig seine Hand, während Tränen langsam über ihre Wangen liefen. Die Ärzte zogen sich zurück, die Monitore piepsten weiter, leise und gleichmäßig, als würden sie Toris neue Lebensfunktionen bewachen.
Draußen im Krankenhausfenster glühte das Licht von Trantors Sonne matt durch den Staub der Atmosphäre, das goldene Licht fiel auf die sterile weiße Umgebung, warf Schatten auf Vanus Gesicht, spiegelte sich in ihren Augen, in denen Angst, Erleichterung und Entschlossenheit lagen. Tori lag still, die Brust nun mechanisch unterstützt, aber lebendig, und um ihn herum war eine Aura aus Hoffnung und Spannung, während das Leben langsam in seinen Körper zurückkehrte.

----------

Ich blinzelte mehrmals, die Dunkelheit der Nacht brannte sich langsam in meine Augen, nur von den schwachen LEDs der Überwachungsgeräte unterbrochen, die monoton ein leises, beruhigendes Piepen von sich gaben. Der Geruch von Desinfektionsmittel hing noch in der Luft, mischte sich mit dem süßlichen Nachgeschmack von Medikamenten, und ich spürte die Kühle der Laken gegen meine Haut. Meine Glieder fühlten sich schwer und fremd an, als hätte jemand sie ausgetauscht, doch warum, das konnte ich nicht sagen.
Neben mir auf der Couch lag Vanu, zusammengerollt, der Atem ruhig, das Gesicht halb im Schatten verborgen. Ich konnte die flachen Bewegungen ihrer Brust sehen, ihre Hände lagen ineinander verschränkt, und hin und wieder zuckte sie leicht im Schlaf. Auf einem Stuhl, den Kopf auf die Kante meines Bettes gelegt, schlief Valentina. Ihr Gesicht wirkte entspannt, die langen Wimpern warfen Schatten auf die Wangen, und ihre Arme lagen locker über dem Stuhl.
Langsam richtete ich mich ein wenig auf, tastete blind über die Laken, spürte die Schläuche und Drähte an meinen Armen und Beinen, die mich irgendwie festhielten. Ein merkwürdiges Druckgefühl lag auf meiner Brust, aber ich konnte nicht genau sagen, warum.
"Nicht schon wieder im Krankenhaus," murmelte ich leise, die Stimme rau und brüchig in der stillen Nacht, während meine Augen die Umrisse der beiden Frauen in der Dämmerung ausmachten. Ein leises Piepen der Geräte unterstrich die Stille, und ich lehnte mich zurück, den Kopf gegen das Kissen, die Gedanken noch wirr, aber ein Stück weit erleichtert, dass ich überhaupt wach war.

Ich hasse Perfektion.
Sie bietet keinen Platz für Kreation.

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Kapitel 22 - Neustart

Der Rehabilitationsraum war groß, hoch und von hellem Licht erfüllt. Durch die breiten Fenster fiel die warme Nachmittagssonne von Trantor herein und spiegelte sich auf dem polierten Boden. Überall standen medizinische Geräte, Trainingsmodule und Diagnosekonsolen. Das gleichmäßige Summen der Systeme vermischte sich mit dem leisen rhythmischen Klacken des Laufbands unter meinen Füßen. Ich lief. Schritt für Schritt. Gleichmäßig. Ruhig. Mein Atem ging tief, mein Brustkorb hob und senkte sich gleichmäßig, während meine Schuhe im stetigen Rhythmus auf das Band trafen. Schweiß sammelte sich an meiner Stirn und rann langsam über meine Schläfen. Vor mir leuchteten die Anzeigen des Laufbands. Geschwindigkeit, Puls, Belastung. Neben dem Gerät stand Valentina, die Arme verschränkt, ihr Blick aufmerksam und konzentriert auf die Werte gerichtet. Ihr Gesicht war ernst, die Stirn leicht gerunzelt, während ihre Finger gelegentlich über ein Datenpad glitten, um neue Werte zu überprüfen. Tahl lehnte einige Schritte entfernt an einer Konsole. Seine Haltung war entspannt, doch seine Augen beobachteten mich genau. Die Hände hatte er in die Taschen seiner Jacke geschoben, doch hin und wieder bewegte er sich leicht, als würde er unbewusst jede meiner Bewegungen analysieren. Vanu saß auf einer der Bänke am Rand des Raumes. Ihre Hände lagen auf ihrem Bauch, den sie inzwischen unbewusst schützend hielt. Ihr Blick war ruhig, doch in ihren Augen lag eine tiefe Aufmerksamkeit, als würde sie jeden meiner Atemzüge zählen. Ich schüttelte langsam den Kopf, während ich weiterlief. Die Erinnerung fühlte sich bruchstückhaft an, wie einzelne Bilder, die nicht zusammenpassen wollten. Stimmen, Gesichter, eine Pistole, ein Gefühl von Angst – und dann nichts.
"Daran kann ich mich nicht erinnern. Was ist nur in mich gefahren? Das hört sich ganz und gar nicht nach mir an."
Meine Stimme klang nachdenklich, fast irritiert. Ich blickte kurz zu den anderen, während meine Füße weiterhin automatisch über das Laufband liefen. Tahl stieß sich von der Konsole ab, trat näher und drückte einen Knopf am Bedienfeld. Sofort erhöhte sich die Geschwindigkeit des Laufbands. Das Geräusch des Motors wurde etwas lauter, das Band beschleunigte. Ich spürte die Veränderung sofort – aber mein Körper reagierte mühelos. Ohne nachzudenken passte ich meinen Rhythmus an, meine Schritte wurden länger, gleichmäßiger. Meine Atmung blieb stabil. Tahl beobachtete mich dabei mit einem kurzen, prüfenden Blick.
"Manchmal macht jemand in Ausnahmesituationen etwas, was gar nicht zu ihm passt. Solche Sachen passieren. Ich habe schon öfter mit solchen Leuten zu tun gehabt. Und ich habe auch von Kollegen gehört, dass sie solche Erlebnisse hatten."
Valentina hob leicht eine Augenbraue und sah von ihrem Datenpad auf. "Du meinst also, jeder hat einen Triggerpunkt?"
Tahl zuckte leicht mit den Schultern. "Ja. Ein Gefühl, eine Situation, eine Person oder etwas anderes."
Seine Stimme war ruhig, fast sachlich. Doch seine Augen blieben auf mich gerichtet. Ich schwieg eine Weile. Nur das rhythmische Klacken meiner Schritte erfüllte den Raum. Und plötzlich war da dieses Gefühl. Keine klare Erinnerung. Kein Bild. Nur ein Echo von etwas. Verlust. Es war seltsam – als würde ich in einem dunklen Raum stehen und irgendwo weit entfernt ein Licht sehen, das ich nicht erreichen konnte. Ich wusste, dass dort etwas Wichtiges lag, aber mein Kopf weigerte sich, es vollständig hervorzuholen. Langsam setzte sich ein Gedanke zusammen. Meine Eltern. Ich erinnerte mich daran, dass sie krank gewesen waren. Dass ich sie beide verloren hatte. Kurz hintereinander. Ich war damals etwa zwanzig gewesen. Der Schlag hatte mich vollkommen unvorbereitet getroffen. Als hätte jemand plötzlich den Boden unter meinen Füßen weggezogen. Ich spürte noch immer das Gefühl von damals – diese Orientierungslosigkeit. Dieses Gefühl, dass das Leben plötzlich aus dem Gleichgewicht geraten war. Vielleicht war das auch der Grund gewesen, warum ich so lange gebraucht hatte, um meinen Weg zu finden. Warum ich damals nicht wusste, was ich studieren sollte. Warum alles so unsicher gewesen war. Ich war noch nicht bereit gewesen. Noch nicht selbstständig genug. Meine Schritte auf dem Laufband wurden für einen Moment langsamer, bevor ich wieder meinen Rhythmus fand. Und dann kam ein weiterer Gedanke. Kento. Der Tod auf der Werft. Misora, die ihren Vater verloren hatte. Etwas zog sich tief in meiner Brust zusammen. Vielleicht hatte dieser Moment etwas in mir ausgelöst. Etwas, das ich selbst nicht kannte. Ein altes Trauma. Der Schmerz des Verlusts. Vielleicht hatte ich unbewusst versucht zu verhindern, dass jemand anderes diesen Schmerz durchmachen musste. Ich sah kurz zu Vanu. Sie saß ruhig da, doch ihre Augen waren fest auf mich gerichtet. Ich wollte nicht, dass sie verloren ging. Ich wollte nicht, dass Tahls Familie ihn verlor. Deshalb hatte ich mich vor Kuran gestellt. Ich hatte geglaubt, ihn mit Informationen aus seiner Vergangenheit zu überrumpeln. Ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen. Ihn dazu zu bringen, nachzudenken, statt zu schießen. Mein Plan war einfach gewesen. Zu einfach. Ich hatte mich vollkommen verschätzt. Statt ihn zu stoppen, hatte ich eine Kurzschlussreaktion ausgelöst. Ich sah kurz auf meine Hände, während ich weiterlief. Das Ergebnis davon trug ich jetzt selbst. Der Raum blieb still. Nur das Laufband lief weiter. Und irgendwo tief in mir wusste ich, dass mein Leben nach diesem Moment nicht mehr dasselbe sein würde.

Das Laufband surrte gleichmäßig unter meinen Füßen, während ich Schritt für Schritt weiterlief. Der Rhythmus hatte etwas Beruhigendes. Meine Atmung ging gleichmäßig, der Schweiß sammelte sich auf meiner Stirn und lief langsam über meine Schläfen. Die Anzeigen vor mir zeigten konstante Werte. Puls stabil. Geschwindigkeit konstant. Ich dachte noch immer über das nach, was Tahl gesagt hatte. Über Triggerpunkte. Über Dinge, die tief im Inneren verborgen lagen und plötzlich nach oben brachen. Dann passierte es. Ohne jede Vorwarnung zog ein brutaler Krampf durch meine Beine. Erst durch die Waden, dann durch die Oberschenkel. Es fühlte sich an, als würden sich meine Muskeln gleichzeitig zusammenziehen und verhärten. Mein rechter Fuß setzte schief auf. Ich verlor sofort den Rhythmus. Das Laufband lief weiter, doch meine Beine versagten. Mein Körper kippte nach vorn, dann nach hinten, und ehe ich reagieren konnte, rutschte ich weg. Das Band schleuderte mich nach hinten. Mein Rücken knallte auf das Laufband, und im nächsten Moment wurde ich von der Bewegung des Bands weiter nach hinten gezogen und regelrecht heruntergeschleudert. Die Luft entwich mir aus der Lunge, als ich auf dem Boden aufkam. Noch während ich versuchte zu begreifen, was gerade passiert war, hörte ich das scharfe Klicken eines Schalters. Tahl hatte bereits reagiert. Das Laufband stoppte abrupt mit einem dumpfen mechanischen Geräusch.
"Verdammt," murmelte ich und verzog das Gesicht, während ich mich langsam aufsetzte.
Meine Beine brannten noch immer von dem Krampf, und meine Muskeln fühlten sich an wie überdehnte Drahtseile. Valentina war sofort bei mir. Ihre Schritte klangen schnell und entschlossen auf dem Boden. Vanu kam direkt hinter ihr, ihre Bewegungen etwas vorsichtiger, aber nicht weniger besorgt. Valentina ging vor mir in die Hocke, ihre Augen musterten mich prüfend. Vanu kniete sich neben mich und legte vorsichtig eine Hand auf meinen Arm. Ihre Finger waren warm, ihr Blick gleichzeitig besorgt und leicht genervt, als hätte sie so etwas schon erwartet. Ich rieb mir mit der Hand über den Nacken und verzog das Gesicht.
"Ich wünschte," sagte ich trocken, "ich könnte meine Muskeln auch ersetzen lassen."
Im nächsten Moment knallte es. Valentinas Fingerknöchel trafen meine Stirn mit einer präzisen, überraschend kräftigen Kopfnuss. Ich zuckte zurück und starrte sie empört an, während ich mir die Stirn rieb.
"Au!" Ich blinzelte sie an. "Warum malträtierst du mich eigentlich ständig?"
Valentina verschränkte die Arme vor der Brust und sah auf mich herunter. Ihre Augen funkelten leicht, und ein kaum sichtbares, schiefes Lächeln zog an ihrem Mundwinkel. Bevor sie antworten konnte, mischte sich Vanu ein. Sie seufzte leise, schüttelte leicht den Kopf und sah mich mit diesem Blick an, den ich inzwischen nur zu gut kannte – eine Mischung aus Zuneigung, Geduld und dem stillen Vorwurf, dass ich mich manchmal wie ein Idiot benahm.
"Du bist selbst schuld," sagte sie ruhig.
Ich sah von ihr zu Valentina. Beide Frauen standen da. Beide mit fast identischem Gesichtsausdruck. Und plötzlich wurde mir klar, dass sie gerade vollkommen einer Meinung waren. Ich verzog das Gesicht. Ich hasste es, wenn meine beiden Ehefrauen zusammenhielten. Valentina beugte sich leicht vor und sah mich direkt an. Ihre Stimme klang nun wieder sachlich, fast dozierend.
"Die bionische Forschung kann vieles," sagte sie. "Aber sie kann keinen Körper zu hundert Prozent ersetzen." Sie machte eine kurze Pause und tippte mit dem Finger gegen meine Brust. "Wenn du dich unzulänglich fühlst, musst du eben mehr trainieren."
Ich öffnete kurz den Mund, um etwas zu erwidern, schloss ihn dann aber wieder. Stattdessen ließ ich den Blick kurz durch den Raum schweifen. Die Geräte summten weiterhin leise, das Laufband stand still, und irgendwo im Hintergrund hörte man das ferne Surren einer Klimaanlage. Langsam lehnte ich mich ein Stück zurück und atmete tief ein. Und dann tat ich etwas, das ich inzwischen fast unbewusst machte. Ich lauschte nach innen. Mein Atem ging ruhig. Gleichmäßig. Tiefer als früher. Mein Herz schlug kräftig. Stabil. Präzise. Ich kannte den Unterschied. Auch wenn Valentina und die anderen es nicht offen aussprachen – ich wusste, dass in meinem Körper etwas anders arbeitete als früher. Ich fühlte mich… wacher. Klarer. Meine Gedanken waren schärfer, meine Wahrnehmung konzentrierter. Selbst jetzt, nach dem Sturz, fühlte ich mich nicht erschöpft, sondern eher angespannt, voller Energie. Es war, als würde mein Körper effizienter arbeiten als früher. Vielleicht lag es daran, dass die bionischen Organe eine höhere Leistung erbrachten als meine alten, natürlichen. Ich atmete noch einmal tief durch und sah zu Valentina und Vanu auf. Ein leichtes, schiefes Grinsen schlich sich auf mein Gesicht.
"Okay," sagte ich schließlich ruhig. "Dann trainiere ich eben mehr."

Ich lag auf dem Bett und starrte an die Decke meines Krankenzimmers. Die sterile weiße Oberfläche wurde nur von den Schatten der Deckenlampen durchbrochen, die ein diffuses Licht in den Raum warfen. Der Aufenthalt hier dauerte inzwischen deutlich länger, als ich erwartet hatte. Anfangs hatte ich gedacht, ein paar Wochen Rehabilitation, vielleicht ein paar Tests – und dann wäre ich wieder draußen. Doch stattdessen verging Tag um Tag, während Ärzte kamen, Werte überprüften, wieder gingen und mir sagten, ich müsse mich noch ein wenig gedulden.
Die Tür war geschlossen, doch durch das große Glasfenster daneben konnte ich den Flur sehen. Valentina und Vanu standen draußen. Sie unterhielten sich. Ihre Stimmen konnte ich durch das dicke Glas nicht hören, doch ihre Körperhaltung sprach Bände. Valentina stand aufrecht, die Arme leicht vor der Brust verschränkt, während sie sprach. Ihr Gesicht war ungewöhnlich ernst. Die Stirn leicht gerunzelt, die Lippen angespannt. Ihre langen petrolfarbenen Haare fielen über ihre Schultern und bildeten einen starken Kontrast zu ihren dunklen violetten Augen, die selbst aus der Entfernung intensiv wirkten.
Vanu stand ihr gegenüber. Sie hielt eine Hand unter ihren Bauch, fast automatisch, während sie zuhörte. Ihre Augen folgten jeder Bewegung Valentinas Lippen. Ich konnte sehen, wie Valentina erklärte. Wie sie mit der Hand eine kurze, präzise Bewegung machte, als würde sie einen medizinischen Sachverhalt darstellen. Als sie fertig war, veränderte sich Vanus Gesichtsausdruck. Die ruhige Aufmerksamkeit wich einer klar sichtbaren Sorge. Ihre Augen wurden größer, ihre Stirn legte sich in Falten, und für einen Moment sah sie zur Seite, als müsste sie den Gedanken erst verarbeiten. Dann geschah etwas, das mir sofort unangenehm auffiel. Beide sahen gleichzeitig in meine Richtung. Ich spürte es sofort. Dieses Gefühl. Als würde ich auf einem Untersuchungstisch liegen und jemand würde mich mit einem Skalpell betrachten. Seziert. Analysiert. Ich verengte leicht die Augen, während ich sie ansah.
Ein paar Sekunden später öffnete sich die Tür. Die beiden traten ein. Ich ließ meinen Blick zwischen ihnen hin und her wandern, meine Augen weiterhin misstrauisch zusammengekniffen.
"Was ist los?"
Meine Stimme klang sofort wachsam. Vanu sagte nichts. Stattdessen trat sie zu meinem Bett und setzte sich vorsichtig neben mich. Ihre Bewegungen waren ruhig, fast vorsichtig. Dann nahm sie meine Hand. Ihre Finger waren warm. Ohne ein Wort zu sagen, führte sie meine Hand zu ihrem Bauch und legte sie darauf. Ich spürte die leichte Rundung unter meiner Handfläche. Für einen Moment sagte keiner von uns etwas. Dann begann Valentina zu sprechen.
"Es gibt eine kleine Komplikation mit deinen Implantaten."
Der Satz traf mich wie ein elektrischer Schlag. Mein Körper zuckte sofort zusammen. Ein kaltes Gefühl kroch durch meine Brust, als hätte jemand plötzlich eine Tür geöffnet und eisige Luft hineingelassen. Sterben. Der Gedanke schoss mir unkontrolliert durch den Kopf. Ich wollte nicht sterben. Nicht jetzt. Nicht hier. Nicht, wo Vanu gerade unser Kind austrug. Valentina bemerkte sofort meine Reaktion. Sie hob schnell beide Hände.
"Beruhige dich. Es ist nichts Ernstes."
Ich spürte, wie sich ein Teil der Spannung aus meinem Körper löste. Meine Schultern sanken ein wenig zurück in das Kissen. Ein langer Atemzug entwich meiner Brust. Erleichterung. Aber nur teilweise. Ich sah wieder zwischen den beiden Frauen hin und her.
"Wenn es nichts Ernstes ist," sagte ich langsam, "warum seht ihr dann beide so aus?"
Für einen Moment antwortete niemand. Valentina schwieg. Vanu sah kurz zu ihr, dann wieder zu mir. Dieses kurze Schweigen gefiel mir überhaupt nicht. Dann räusperte sich Valentina leise.
"Nun…" Sie zögerte kurz, bevor sie weitersprach. "Deine frühere Abhängigkeit vom Void Juice hat Spuren hinterlassen."
Ich blinzelte. Und sofort tauchte die Erinnerung wieder auf. Kurz nach meiner Ankunft in dieser Realität hatte ich angefangen, alles auszuprobieren. Getränke, Nahrungsmittel, Gewürze – Dinge aus allen möglichen Kulturen. Ich hatte naiv angenommen, dass alles, was andere Spezies konsumieren konnten, auch für mich ungefährlich sein müsste. Eine völlig falsche Annahme. Void Juice gehörte zu diesen Experimenten. Es war kein gewöhnliches Getränk. Eigentlich war es ein Aufputschmittel. Eine Droge. Die Grundlage bildete eine spezielle Pilzart, die im Vakuum des Weltraums gezüchtet wurde, meist in Asteroiden. Die Substanz wirkte stark auf das Nervensystem. Sie erhöhte Wahrnehmung und Reaktionsgeschwindigkeit. Ich erinnerte mich noch gut an die erste Nebenwirkung. Schlaflosigkeit. Tagelang. Zum Glück hatte Valentina mich damals früh genug entdeckt und ziemlich schnell auf Entzug gesetzt. Ich hob den Kopf ein wenig und sah ihr direkt in die Augen. Ihre dunklen violetten Augen wirkten im Licht des Zimmers fast schwarz. Die Farbe harmonierte merkwürdig gut mit ihren langen petrolfarbenen Haaren, die in weichen Strähnen über ihre Schultern fielen.
"Wo liegt das Problem?"
Valentina zögerte erneut. Nur kurz. Dann wechselte sie sichtbar in ihren professionellen Tonfall.
"Eine oder mehrere Mikrosporen haben sich offenbar damals in deinem Körper versteckt."
Ein unangenehmes Gefühl kroch in meinen Magen.
"Durch deine Nahtoderfahrung," fuhr sie fort, "hat der Pilz wahrscheinlich ein Signal erhalten, dass dein Körper bereit für eine Besiedlung ist."
Mein Magen zog sich zusammen. Und dann sagte sie das, was ich wirklich nicht hören wollte.
"Dein Magen-Darm-Trakt ist infiziert."
Für einen Moment war es, als würde sich eine unsichtbare Faust tief in meinen Bauch graben. Ich spürte den Druck förmlich. Mein Körper löste sich zwar nicht auf – so hatte sie es formuliert – aber meine bakterielle Flora veränderte sich. Doch Valentina war noch nicht fertig.
"Außerdem," sagte sie ruhig, "hat der Pilz begonnen, deine Lungen und dein Herz zu überwuchern."
Mein Blick blieb an ihr hängen. Ich sagte nichts. Mein Kopf versuchte gerade verzweifelt, diese Information zu sortieren. Pilz. In meinen Organen. Valentina hob leicht beschwichtigend die Hand.
"Aktuell besteht keine Lebensgefahr." Sie machte eine kurze Pause. "Aber das könnte sich jederzeit ändern."
Der Raum wurde still. Ich spürte wieder diese Faust in meinem Magen. Und das Schlimmste war der letzte Satz, den sie ruhig, fast sachlich hinzufügte.
"Es gibt praktisch keine Erfahrungsberichte zu so einem Fall."

Ich starrte Valentina an, als hätte sie gerade den Verstand verloren. Mein Blick muss völlig entgleist gewirkt haben, denn ich spürte, wie sich meine Stirn in Falten legte und meine Augen ungläubig über ihr Gesicht wanderten. Ihre Worte hallten noch immer in meinem Kopf nach – Pilz, Infektion, Überwucherung meiner Organe – und trotzdem hatte sie im gleichen Atemzug behauptet, es sei nichts Ernstes. Mein Herz schlug schneller, und ein kaltes Ziehen breitete sich in meiner Brust aus.
"Meinst du das wirklich ernst? Du erzählst mir, dass ein Pilz meine Organe überwuchert und behauptest dann, das sei nichts Ernstes?"
Valentina blieb erstaunlich ruhig. Sie stand noch immer neben meinem Bett, ihre Haltung aufrecht, die Hände locker vor dem Bauch gefaltet. Nur ein leichtes Zucken in ihren Augen verriet, dass sie meine Reaktion durchaus erwartet hatte. Das sterile Licht des Krankenzimmers spiegelte sich in ihren dunklen violetten Augen, während ihre petrolfarbenen Haare in weichen Strähnen über ihre Schultern fielen. Sie atmete einmal tief durch, bevor sie antwortete.
"Der Pilz verhält sich vollkommen anders, als er sollte." Sie machte eine kurze Pause, als würde sie ihre Worte sorgfältig abwägen. "Normalerweise dringt diese Spezies in das Gehirn ein. Dort beginnt sie, das Nervengewebe zu zersetzen und übernimmt schrittweise die Kontrolle über den Wirt."
Mir wurde kalt, als sie das so nüchtern aussprach. Ich konnte nicht verhindern, dass sich mein Magen zusammenzog. Doch Valentina hob leicht eine Hand, als wolle sie meine aufkommende Panik wieder einfangen.
"Aber das passiert bei dir nicht."
Ich blinzelte sie an. Sie trat einen halben Schritt näher an das Bett heran, ihre Stimme wurde ruhiger, beinahe nachdenklich.
"Stattdessen legt sich der Pilz um deine Organe. Wie eine Membran. Er umschließt sie, aber er zerstört sie nicht."
Sie sah kurz auf ihr Datenpad, als würde sie die medizinischen Aufzeichnungen noch einmal gedanklich durchgehen.
"Eine solche Reaktion wurde bisher noch nie aufgezeichnet."
Ich sagte nichts mehr. In meinem Kopf kreisten zu viele Gedanken gleichzeitig. Eine fremde Lebensform in meinem Körper. Ein Verhalten, das niemand erklären konnte. Und zwei Frauen, die versuchten, mir zu versichern, dass das alles irgendwie nicht so schlimm sei.
Doch irgendetwas in mir hatte sich bereits entschieden. In dieser Nacht verließ ich das Krankenhaus. Der Flur war still, nur das gedämpfte Licht der Nachtbeleuchtung tauchte die langen Korridore in ein schwaches Blau. Ich bewegte mich langsam und vorsichtig, darauf bedacht, keine Aufmerksamkeit zu erregen. Die automatischen Türen öffneten sich lautlos vor mir, als ich mich ihnen näherte. Niemand hielt mich auf. Niemand stellte Fragen. Draußen empfing mich die warme Nachtluft von Trantor. Streeling lag ruhig unter dem dunklen Himmel, nur vereinzelte Lichter bewegten sich zwischen den hohen Gebäuden. Ich trat an eine der Haltezonen des öffentlichen Verkehrssystems und rief ein autonomes Hovercraft. Das kleine Fahrzeug glitt wenige Minuten später lautlos heran und senkte sich vor mir auf die Plattform. Die Tür öffnete sich mit einem sanften Zischen, und ich stieg ein. Der Innenraum war sauber, minimalistisch, die Sitze weich und angenehm. Ein gedämpftes Licht erhellte die Kabine. Das Navigationssystem erwachte sofort zum Leben. Ich nannte zunächst kein Ziel. Der Hovercraft setzte sich dennoch in Bewegung und schloss sich dem nächtlichen Verkehrsfluss an, während ich aus dem Fenster auf die vorbeiziehenden Lichter der Stadt sah.
Was mache ich hier eigentlich? Die Frage tauchte immer wieder in meinem Kopf auf. Was würde es mir bringen, einfach zu verschwinden? Ich lehnte den Kopf gegen die kühle Scheibe des Fensters und sah hinaus in die Dunkelheit. Die Stadt wurde langsam dünner, die Gebäude niedriger, die Lichter seltener. Vielleicht brauchte ich einfach Abstand. Abstand von Krankenhausgeräten. Abstand von Diagnosen. Abstand von dem Gedanken, dass in meinem Körper etwas lebte, das niemand verstand. Schließlich richtete ich mich auf und beugte mich leicht nach vorne zum Interface des Fahrzeugs. Meine Stimme klang leiser, als ich erwartet hatte.
"Neues Ziel eingeben."
Das Navigationssystem reagierte sofort. Ich zögerte kurz, bevor ich den Ort nannte. Der Name lag mir schon die ganze Zeit auf der Zunge. Misoras Schrottplatz. Der Hovercraft bestätigte das Ziel mit einem kurzen Signalton und änderte die Route. Die Anzeige zeigte eine lange Strecke an – mehrere Stunden Flug über die kargen Ebenen außerhalb der Stadt. Die Landschaft unter uns wurde immer leerer. Die Lichter der Zivilisation verschwanden allmählich hinter uns, bis nur noch die dunkle Weite der Wüste übrig blieb. Sand, Felsen und endlose Ebenen, die im schwachen Licht der Sterne lagen. Als wir schließlich ankamen, begann gerade der erste Hauch von Morgendämmerung den Horizont zu färben. Der Schrottplatz lag still vor mir. Eine weite Fläche aus alten Raumschiffteilen, verrosteten Metallgerippen und aufgestapelten Wrackfragmenten. Zwischen den Haufen ragten vereinzelte Kräne und Werkstattcontainer auf. Ich stieg aus dem Hovercraft und sah mich um. Die Luft war trocken und kühl. Der Wind trug feinen Sand über den Boden, der leise gegen die Metallreste raschelte. Für einen Moment blieb ich einfach stehen und betrachtete die endlosen Reihen aus Schrott. Dann zog ich mein Kommunikationsgerät hervor. Meine Finger schwebten kurz über dem Display, bevor ich die Nachricht formulierte. Ich schrieb Vanu und Valentina, wo ich war. Und dass ich Zeit zum Nachdenken brauchte.

Natürlich war mir klar, dass Vanu, Valentina und Tahl sich sofort auf den Weg machen würden, aber das störte mich nicht. Ich hatte hoffentlich genug Zeit, um über alles nachzudenken. Es war noch dunkel, doch die Morgendämmerung begann am Horizont. Ein feiner Dunst lag über dem Schrottplatz, der Sand wirbelte leicht durch die frühen Windböen, und die ersten Sonnenstrahlen färbten den Himmel in ein tiefes, fast blutrotes Crimson. Ich hatte schon oft beobachtet, wie der Himmel sich so verfärbte, und doch war es jedes Mal anders, jedes Mal faszinierend und ein wenig beunruhigend zugleich. Ein Anblick, der völlig anders war als das helle Blau von Terra oder das dunklere Cyan von Argon Prime.
Noch bevor ich die Meldeanlage bedienen konnte, fiel mein Blick auf den Lauf eines Energiegewehrs. Mein Herz setzte aus, die Muskeln spannten sich unwillkürlich an, und Instinkt trieb mich zurück.
„Tori!“, rief Misora, ihre Stimme scharf, als sie den Kopf durch die Tür streckte. Sie packte erschrocken die Waffe weg, und ihre Augen blitzten in dem schwachen Licht wie poliertes Onyx. „Bist du lebensmüde, zu dieser Stunde und ohne Anmeldung im Dunkeln aufzutauchen?“
Ich konnte nur ein „Vielleicht“ hervorbringen, die Stimme rau und überrascht zugleich.
Misora sah mich einen Moment lang an, ihre Stirn leicht gerunzelt, die Lippen zu einer schmalen Linie gepresst. Sie bemerkte sofort, dass ich nicht nur körperlich erschöpft war – mein Geist wirkte zerfurcht, unruhig, wie von unsichtbaren Fesseln gehalten. Sie ließ mich herein, verriegelte die Tür hinter uns und schaltete das Alarmsystem wieder ein. Ich fragte nach dem Grund, und sie erklärte ruhig, aber bestimmt, dass Trantor längst nicht mehr der sichere Ort war, den man einst gekannt hatte. Plünderungen hatten in der einkommensschwachen Bevölkerungsschicht Anklang gefunden. Verlassene Gebäude gab es zuhauf, viele waren nach dem Kha’ak-Angriff vor über sechzig Jahren geflohen, und die, die geblieben waren, hatten es schwer.
Misora führte mich durch die Weiten ihres Schrottplatzes, und ich konnte kaum fassen, wie groß das Gelände war. Es war kein einzelner Platz, sondern ein riesiges Gebiet. Ein Quadratkilometer würde kaum ausreichen. Überall lagen die Überreste von Schiffen und Raumfahrzeugen, von Raumschiffen unterschiedlicher Größe und Bauart. Manche lagen halb im Sand vergraben, andere waren über Jahre hinweg vom Wind abgeschliffen und von Rost überzogen. Über mir kreisten ein paar abgenutzte Drohnen, die die Gegend überwachten, das Summen ihrer Triebwerke mischte sich mit dem leisen Knirschen von Metall und Sand unter unseren Füßen.
Ich erzählte Misora, warum ich hier war, dass es mir um ihren Vater Kento leidtat, und mit jedem Wort spürte ich, wie die Anspannung aus mir abfiel. Dabei fiel mir auf, wie sehr Misora sich verändert hatte. Sie hatte ihre schwarzen Haare wachsen lassen, die ihr nun bis zur Mitte des Rückens fielen, durchzogen von schmalen roten Strähnen, die im Licht leicht schimmerten. Ihre Kleidung war knapp, martialisch, eng anliegend, funktional, mit leuchtenden Nähten, die ein sanftes, aber warnendes Purpur ausstrahlten - die gleiche Farbe wie ihre Augen. An ihrer rechten Hüfte hing das Energiepistolen-Holster, an der linken ein Schwert, und auf ihrem Rücken ruhte das Gewehr, das mir zuvor fast ins Gesicht gerichtet gewesen war. Die Kombination aus Technik, Kampfbereitschaft und alter Eleganz machte sie gleichzeitig vertraut und furchteinflößend. Sie erinnerte mich unweigerlich an Cowgirls aus alten Westernfilmen meiner Realität.
„All das… ist das wirklich nötig?“ fragte ich und betrachtete die Waffen, die Ausrüstung und die Art, wie sie sich bewegte, wie jede Bewegung präzise und geübt wirkte.
„Wahrscheinlich nicht“, sagte sie knapp, „aber ich fühle mich so sicherer.“
Ihr Blick glitt kurz zu den Schrottteilen um uns herum, zu den Trümmern, die wie stumme Zeugen vergangener Kämpfe lagen. Ich konnte das verstehen. Die Welt war nicht mehr das, was sie einmal war, und Sicherheit war ein Luxus, den man sich nehmen musste, wenn man ihn nicht geschenkt bekam. Wir setzten uns auf ein großes, abgeplatztes Metallstück, das halb im Sand versunken war. Die Kanten waren scharf und kalt, aber ich spürte sie kaum. Zuerst redeten wir über Belangloses, über den feinen Wind, der den Sand über die Metallreste trieb, über die Farbe des Himmels, die Form der Schrottteile. Dann sprachen wir über unsere Probleme, über die Lasten, die wir mit uns trugen, die Ängste, die wir verdrängt hatten. Schließlich sprachen wir über unsere Unsicherheiten, über die Lücken in unserer Erinnerung, über die Schmerzen, die uns noch immer begleiteten. Die Zeit verging wie im Flug. Ich spürte, wie ein Teil von mir wieder zu Boden kam, wie die Panik, die Angst und das Chaos sich in etwas Greifbares, fast Beruhigendes verwandelten, nur weil wir sprachen, nur weil wir einfach nebeneinander saßen.
Dann hörte ich Stimmen. Tahl, Vanu und Valentina hatten den Schrottplatz erreicht. Misora erhob sich, ihre Bewegungen geschmeidig, aber angespannt, und ging zur Tür. Sie öffnete sie, ließ sie herein, und ich sah sie nacheinander. Vanu wirkte sofort besorgt, die Stirn leicht gerunzelt, die Augen groß, aber gefasst, während sie meine Richtung fixierte. Valentina war nüchtern, analytisch, das Gesicht ernst, als würde sie sofort eine Gefahrenanalyse erstellen. Tahl hingegen wirkte vorsichtig, prüfend, ein Lächeln lag wie ein dünner Schleier über seinen Lippen, der versuchte, Ruhe zu bewahren.
Ich spürte ein warmes Gefühl der Erleichterung, das sich langsam in mir ausbreitete. Trotz der Unsicherheit, trotz der Gefahr, trotz der unvollständigen Erinnerungen – wir waren wieder zusammen. Ein kurzer, stiller Moment, in dem wir uns einfach nur anschauten, reichte, um zu wissen, dass wir zumindest jetzt, in diesem Augenblick, noch am Leben waren und einander hatten. Ich konnte ihre Präsenz spüren, die leise Wärme, die Sicherheit und gleichzeitig die Verantwortung, die mich niederdrückte, aber nicht erdrückte.
Misora trat einen Schritt zurück und verschränkte die Arme, die Augen funkelten unter den roten Strähnen. „Ihr könnt euch setzen, aber lieber nicht zu lange, bleibt lieber in Bewegung. Ich will nicht, dass ihr irgendwo liegen bleibt, während die Sonne aufgeht. Trantor ist kein Ort für Langschläfer.“ Ihr Tonfall war streng, aber kein Befehl – eher ein Hinweis, dass wir uns anpassen mussten.
Ich setzte mich auf ein Stück Schrott, spürte den kühlen, rauen Stahl unter meinen Fingerspitzen, und atmete tief durch. Die Schwere des letzten Jahres, der Verlust, die Ungewissheit – alles wirkte plötzlich greifbarer, fast wie greifbares Metall. Ich schaute auf Vanu, die sich neben mir setzte, die Hand auf ihren Bauch gelegt, und für einen Moment spürte ich, dass es noch etwas zu beschützen gab, dass noch Hoffnung existierte. Und in diesem Moment, während der Wind Sand durch die Ritzen der alten Schiffswracks trieb und die Sonne langsam über den Crimson-Horizont kroch, wusste ich, dass wir einen kleinen, aber entscheidenden Schritt zurück ins Leben gemacht hatten.

Ich hasse Perfektion.
Sie bietet keinen Platz für Kreation.

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Re: [EX16] Isekai no Xistence

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Kapitel 23 - Geschwister im Geiste

Ich saß mit Tahl, Vanu, Valentina und Misora an einem alten Tisch, dessen Oberfläche von Kratzern, Brandflecken und tiefen Kerben übersät war. Wir befanden uns im Inneren eines heruntergekommenen Wohnhauses, direkt neben dem Eingangstor des Schrottplatzes. Der Raum wirkte wie ein Relikt aus einer längst vergangenen Zeit. Die Wände waren vergilbt, an einigen Stellen blätterte die Beschichtung ab und legte den rohen Untergrund frei. In den Ecken hatten sich feine Staubschichten gesammelt, die bei jeder kleinen Bewegung leicht aufwirbelten. Ein schwacher, abgestandener Geruch lag in der Luft – eine Mischung aus altem Metall, trockenem Sand und etwas, das einmal nach Leben gerochen haben musste. Das Licht fiel nur spärlich durch ein halb zerbrochenes Fenster, dessen Glas an den Rändern gesplittert war. Draußen zeichnete sich die erste Helligkeit des Morgens ab, doch hier drinnen blieb alles in einem gedämpften Halbdunkel. Eine einzelne Lampe über uns flackerte gelegentlich, als hätte auch sie Mühe, ihren Dienst aufrechtzuerhalten. Ich ließ meinen Blick durch den Raum wandern und konnte kaum glauben, dass dieser Ort über Jahre hinweg unberührt geblieben war. Möbel standen noch an ihrem Platz, wenn auch verfallen und teilweise beschädigt. Ein alter Schrank lehnte schief an der Wand, eine Tür hing nur noch halb in den Angeln.
"Ich bin überrascht, dass hier nichts geplündert wurde," sagte ich und lehnte mich leicht zurück, während ich mit den Fingern über die raue Tischoberfläche strich.
Misora saß mir gegenüber, die Arme locker verschränkt, ein Bein über das andere geschlagen. Ihr Blick war wachsam, auch jetzt, als würde sie selbst in diesem scheinbar sicheren Moment jede mögliche Bedrohung einkalkulieren.
"Der Schrottplatz liegt zu weit draußen," antwortete sie ruhig. Sie nickte leicht in Richtung der Tür. "Hier verirrt sich niemand zufällig her. Und wenn doch…"
Sie ließ den Satz kurz offen und ein schmales, fast amüsiertes Lächeln huschte über ihre Lippen. "…gibt es automatische Abwehranlagen."
Ich hob eine Augenbraue. "Für Plünderer?"
Misora schüttelte leicht den Kopf. "Eigentlich nicht." Sie beugte sich ein wenig nach vorne, stützte die Ellenbogen auf den Tisch und verschränkte die Finger ineinander. "Die sind für die Fauna hier draußen gedacht."
Ich sah sie kurz an, dann wanderte mein Blick automatisch zu den Fenstern, als würde ich erwarten, draußen etwas zu erkennen. "Fauna?"
Misora nickte. "Es gibt hier einige wilde Tarops."
Der Name sagte mir nichts. Ich verzog leicht das Gesicht und sah sie fragend an. "Zeig mir ein Bild," sagte ich schließlich.
Misora griff nach einem kleinen Datenpad, das neben ihr auf dem Tisch lag. Ihre Finger bewegten sich schnell und routiniert über die Oberfläche. Ein paar Sekunden später drehte sie das Gerät in meine Richtung.
Ich beugte mich leicht vor. Das Bild zeigte ein Wesen, das mich für einen Moment sprachlos machte. "Das soll ein Tier sein?"
Ich runzelte die Stirn und musterte die Kreatur genauer. Es hatte sechs Beine, die kräftig und gedrungen wirkten, fast wie die eines Wildschweins. Der Körper war kompakt, muskulös, und schien für kurze, explosive Bewegungen ausgelegt zu sein. Doch der Oberkörper… erinnerte tatsächlich entfernt an einen Pinguin. Der Kopf war rundlicher, der Hals kurz, und die Haltung leicht nach vorne geneigt. Eine absurde Kombination.
"Sieht aus wie eine Mischung aus Wildschwein und Pinguin," murmelte ich und zog die Augenbrauen zusammen.
Ich sah wieder zu Misora. "Und fliegen kann es wahrscheinlich auch nicht."
Ein kurzes, trockenes Schnauben entwich ihr. "Definitiv nicht."
Tahl, der neben mir saß, beugte sich leicht nach vorne, um ebenfalls einen Blick auf das Bild zu werfen. Seine Augen verengten sich leicht, während er die Anatomie des Tieres analysierte. Vanu saß ruhig neben mir, eine Hand automatisch auf ihrem Bauch, die andere locker auf dem Tisch. Ihr Blick wechselte zwischen mir und dem Bild, doch ich konnte sehen, dass sie weniger an der Kreatur interessiert war als an mir. Valentina hingegen beobachtete das Ganze mit einem sachlichen, fast distanzierten Ausdruck. Ihre Aufmerksamkeit schien weniger dem Tier zu gelten als vielmehr der Umgebung, der Situation und vermutlich meinem Zustand. Ich lehnte mich wieder zurück und verschränkte die Arme vor der Brust.
"Und diese… Tarops," sagte ich langsam, "laufen hier draußen einfach frei herum?"
Misora nickte. "In Rudeln oder allein. Und sie sind… nicht gerade freundlich."
Ein kurzer Windstoß drang durch die Ritzen des Gebäudes und ließ irgendwo im Haus ein loses Metallteil klappern. Ich sah zur Tür. Für einen Moment stellte ich mir vor, wie eines dieser Tiere draußen durch den Sand streifte. Sechs Beine, gedrungener Körper, auf der Jagd. Ein leises Unbehagen breitete sich in mir aus. Ich atmete tief durch und sah wieder in die Runde. Irgendetwas an diesem Ort hatte sich verändert. Nicht nur die Umgebung, nicht nur Misora. Wir alle hatten uns verändert. Und während wir dort saßen, in diesem verfallenen Gebäude am Rand der Zivilisation, wurde mir klar, dass wir nicht mehr einfach nur eine Gruppe waren, die zufällig zusammengefunden hatte. Wir waren… etwas anderes geworden. Verbunden durch das, was wir verloren hatten. Und durch das, was noch vor uns lag.

Valentinas Blick traf mich mit einer Schärfe, die ich so von ihr kannte, aber in diesem Moment nicht erwartet hatte. Ihre purpurnen Augen funkelten mich an, kühl und durchdringend, während sie mit einem kurzen, beinahe ruckartigen Kopfschütteln ihre langen, petrolfarbenen Haare nach hinten warf. Die Bewegung wirkte kontrolliert, aber die Spannung dahinter war unübersehbar. Ihre Lippen waren zu einer schmalen Linie gepresst, und als sie sprach, lag ein deutlich eifersüchtiger Unterton in ihrer Stimme.
"Ihr zwei versteht euch ja auffällig gut."
Einen Moment brauchte ich, um überhaupt zu begreifen, worauf sie hinauswollte. Mein Blick wanderte irritiert zwischen ihr und Misora hin und her, während mein Kopf noch versuchte, die Situation einzuordnen. Ich hatte das Gefühl, etwas Offensichtliches zu übersehen.
"Zu gut," fügte Valentina nach, ihre Augen immer noch fest auf mich gerichtet.
Noch bevor ich überhaupt reagieren konnte, hatte Misora bereits die Hände gehoben. Ihre Bewegung war schnell, fast reflexartig, als würde sie einen unsichtbaren Angriff abwehren.
"Hey, ganz ruhig," sagte sie, ihre Stimme deutlich, aber nicht aggressiv.
"Zwischen uns läuft nichts." Sie ließ die Hände einen Moment oben, als wolle sie die Aussage unterstreichen, dann ließ sie sie langsam wieder sinken. "Wir verstehen uns einfach gut. Mehr nicht." Sie zuckte leicht mit den Schultern. "Wie Geschwister."
Der Begriff hing für einen kurzen Moment im Raum. Ich sah zu Valentina. Ihre Anspannung löste sich nicht vollständig, aber ich konnte sehen, wie sich etwas in ihrem Ausdruck veränderte. Die Härte in ihrem Blick wich minimal, als würde sie die Worte abwägen und akzeptieren – zumindest vorläufig. Doch nicht nur sie reagierte darauf. Ich spürte, wie sich Vanu neben mir leicht bewegte. Ohne groß darüber nachzudenken, legte ich meine Hand auf ihren Bauch. Die Geste kam instinktiv, fast automatisch. Ich sah sie an und versuchte, sie mit einem kleinen Lächeln zu beruhigen. Sie erwiderte das Lächeln. Für einen kurzen Moment wirkte alles ruhig.

Dann verzog sich ihr Gesicht. Es passierte so schnell, dass mein Verstand einen Augenblick brauchte, um es zu begreifen. Ihre Augen weiteten sich, ihre Stirn zog sich zusammen, und ihr Atem stockte hörbar. Noch bevor ich reagieren konnte, kippte sie seitlich vom Stuhl.
"Vanu!"
Ich griff reflexartig nach ihr, doch ich war zu langsam. Ihr Körper traf den Boden mit einem dumpfen Geräusch, und sie krümmte sich sofort, die Hände an ihren Bauch gepresst. Ihr ganzer Körper spannte sich an, während sie sich vor Schmerz wand. Valentina war in der gleichen Sekunde auf den Beinen. Die Veränderung in ihr war sofort sichtbar. Jede Spur von Eifersucht war verschwunden, ersetzt durch absolute Konzentration. Ihre Bewegungen wurden präzise, effizient, beinahe mechanisch. Sie griff in ihre Jackentasche und zog ihren kleinen Handscanner hervor – ein Gerät, das sie offenbar immer bei sich trug. Eine alte Angewohnheit, tief in ihr verankert. Sie kniete sich neben Vanu, ihre Haare fielen ihr nach vorne, während ihre Augen die Anzeigen des Geräts fixierten. Ihre Finger bewegten sich schnell über die Oberfläche, während sie die Daten auswertete. Ich kniete ebenfalls neben Vanu, völlig hilflos, mein Blick hektisch zwischen ihr und Valentina hin- und hergehend. Vanus Gesicht war vor Schmerz verzerrt, ihre Lippen zitterten, und ihr Atem kam stoßweise.
"Was ist los?"
Meine Stimme klang fremd in meinen eigenen Ohren. Valentina reagierte nicht sofort. Für einen Moment schien sie nur auf die Daten zu starren, dann hob sie den Blick.
"Innere Blutungen."
Die Worte trafen mich wie ein Schlag. Mein Magen zog sich zusammen, und ich spürte, wie mir das Blut aus dem Gesicht wich. Noch bevor irgendjemand weiter reagieren konnte, hatte Misora bereits gehandelt. Sie drehte sich halb zur Seite und schlug mit der Hand auf eines der Bedienelemente an der Wand. Ihre Bewegung war schnell, gezielt. Ein Notfallknopf. Ich wusste nicht, wofür er gedacht war, aber die glühenden Lettern verrieten es. Eigentlich, um umliegende Ärzte und Krankenhäuser über einen Betriebsunfall zu informieren. Ein leises akustisches Signal ertönte, während das System aktiviert wurde. Der Raum wirkte plötzlich enger. Schwerer. Ich sah wieder zu Vanu, die immer noch am Boden lag, ihr Körper angespannt, ihre Finger verkrampft in ihrer Kleidung. Mein Herz raste. Und zum ersten Mal seit langem hatte ich das Gefühl, die Kontrolle vollständig zu verlieren.

Tahl hatte die Situation schneller erfasst als ich. Ich sah es an seinem Gesicht – dieser nüchterne, analytische Blick, der jede Emotion ausblendete und nur noch Wahrscheinlichkeiten und Zeitfenster kalkulierte. Seine Augen huschten kurz zur Tür, dann zu Vanu am Boden, dann wieder zu Valentina.
"Ein Rettungshovercraft braucht zu lange."
Seine Stimme war ruhig, fast schon zu ruhig. Genau das machte es schlimmer. Die Worte hingen schwer im Raum, als würden sie das Unausweichliche aussprechen, das keiner von uns hören wollte. Ich spürte, wie sich mein Magen zusammenzog, wie sich die Beklemmung in meiner Brust weiter verdichtete. Doch noch bevor sich diese lähmende Erkenntnis vollständig festsetzen konnte, bewegte sich Misora. Sie trat einen Schritt nach vorne, ihre Haltung angespannt, aber entschlossen. Ihre Augen blitzten kurz auf, als hätte sie genau auf diesen Moment gewartet.
"Nein," sagte sie knapp. Ein einzelnes Wort, das die Stimmung im Raum sofort durchbrach. "Wir haben hier eine Rettungskapsel."
Ich sah sie an, brauchte einen Moment, um zu begreifen, was sie gesagt hatte.
"Die bringt sie mit Schallgeschwindigkeit ins nächste Krankenhaus."
Da war keine Unsicherheit in ihrer Stimme. Kein Zögern. Nur Gewissheit. Tahl reagierte sofort. Ohne ein weiteres Wort kniete er sich neben Vanu, griff nach der Trage, die in einem Erste-Hilfe-Spind an der Wand verwahrt war, und klappte sie mit geübten Handgriffen auseinander. Ich war schon bei ihm, noch bevor ich bewusst entschieden hatte, mich zu bewegen. Gemeinsam hoben wir Vanu vorsichtig an. Ihr Körper fühlte sich gleichzeitig leicht und unendlich zerbrechlich an. Sie keuchte leise, ihr Gesicht war blass, die Augen halb geschlossen, die Stirn von Schmerz gezeichnet. Ihre Finger krallten sich kurz in meine Kleidung, bevor sie wieder kraftlos nachgaben.
"Wir bringen dich da raus," murmelte ich, mehr zu mir selbst als zu ihr.
Wir trugen sie nach draußen. Die kühle Morgenluft traf mich wie ein Schlag, doch ich nahm sie kaum wahr. Mein Fokus lag nur auf Vanu, auf ihrem Atem, auf jedem kleinen Zeichen, dass sie noch bei uns war. Vor uns begann sich der Boden zu bewegen. Mit einem tiefen, mechanischen Grollen schob sich eine Kapsel aus dem Sand nach oben. Metallplatten glitten auseinander, Staub rieselte von den Kanten, während sich das Gehäuse langsam freilegte. Sie sah… neu aus. Unwirklich neu, im Kontrast zu allem um sie herum. Glatte, helle Oberflächen, kaum Kratzer, kaum Abnutzung. Ich warf Misora einen kurzen Blick zu.
"Das war eines der ersten Dinge, die ich instand gesetzt habe," sagte sie, fast nebenbei, während sie bereits zur Kapsel ging und ein Bedienfeld aktivierte.
Valentina trat näher, ihr Blick glitt prüfend über die Struktur der Kapsel. Ihre Augen verengten sich leicht. "Das Ding ist über hundert Jahre alt."
Ihre Stimme klang kritisch, beinahe misstrauisch. Misora zuckte leicht mit den Schultern, ohne den Blick von der Konsole zu nehmen. Valentina schwieg einen Moment, dann nickte sie knapp. "…aber die RMX-Zero-Reihe gilt als unverwüstlich."
Das klang fast wie ein Eingeständnis. Wir hoben Vanu in die Kapsel. Jede Bewegung war vorsichtig, abgestimmt, als würden wir mit etwas arbeiten, das jederzeit zerbrechen konnte. Valentina überprüfte noch einmal die Anzeigen, legte Sensoren an, justierte Einstellungen. Ihre Hände arbeiteten schnell, präzise, ohne Zittern.
"Stabilisierung läuft," murmelte sie.
Ich blieb einen Moment stehen, meine Hand noch auf Vanus Arm. Ihre Haut war kühl. Zu kühl.
"Du schaffst das," sagte ich leise.
Dann zog ich die Hand zurück. Die Kapsel schloss sich. Ein leises Zischen, dann verriegelte sich die Oberfläche vollständig. Misora trat einen Schritt zurück.
"Zurücktreten."
Wir gehorchten instinktiv. Ein tiefes, vibrierendes Summen baute sich auf. Die Luft um uns herum begann zu flirren, feiner Sand wurde vom Boden aufgewirbelt und kreiste um die Kapsel. Dann – ein greller Lichtblitz. Und sie war weg. Ein gewaltiger Knall zerriss die Stille, als die Kapsel innerhalb von Sekunden die Schallmauer durchbrach. Der Druck traf mich wie eine unsichtbare Wand, ließ meine Ohren schmerzen, ließ den Boden unter meinen Füßen vibrieren. Um uns herum geriet alles in Bewegung. Schrottteile klirrten, Metallplatten vibrierten, einige der locker gestapelten Wrackteile kippten um und schlugen mit dumpfen Geräuschen auf den Boden. Der Sand wurde in Wellen aufgewirbelt und trieb über das Gelände. Ich stand einfach da und starrte in den Himmel, in die Richtung, in der die Kapsel verschwunden war. Sekunden. Mehr hatte es nicht gebraucht. Langsam ließ ich den Blick sinken. Mein Herz raste noch immer, mein Körper war angespannt, als hätte er vergessen, wie man sich entspannt. Dann wandte ich mich zu Misora.
"Warum…?" Meine Stimme war rau. "Warum war das das Erste, was du repariert hast?"
Misora sah mich an. Ihr Blick war ruhig, aber nicht kalt. Eher… ehrlich. Direkt. Sie hob leicht eine Schulter. "Zwei Gründe."
Sie machte eine kurze Pause, als würde sie mir die Zeit geben, die Antwort wirklich zu hören. "Erstens: Flucht." Ein kurzes, nüchternes Wort. "Damit ich hier wegkomme, wenn etwas schiefgeht."
Ich nickte langsam. Das ergab Sinn.
Dann neigte sie den Kopf leicht zur Seite und sah mich direkt an. "Und zweitens…" Ein schwaches, fast ironisches Lächeln zog über ihr Gesicht. "Glaubst du wirklich, dass auf einem Schrottplatz keine Unfälle passieren?"
Ich sagte nichts. Ich sah mich um. Die umgestürzten Metallteile, der aufgewirbelte Sand, die Narben eines Ortes, an dem alles irgendwann zerbrach. Und zum ersten Mal wurde mir bewusst, wie logisch ihre Entscheidung gewesen war.

Stunden später befand ich mich wieder in demselben Krankenhaus, in dem alles begonnen hatte. Die sterile Luft, das gleichmäßige Summen der Geräte, das gedämpfte Licht – alles kam mir vertraut vor, fast schon bedrückend vertraut. Nur lag diesmal nicht ich im Operationssaal. Diesmal war es Vanu, die im Untersuchungsraum behandelt wurde. Die terranischen Ärzte waren noch immer hier. Sie hatten ihre Ausrüstung nicht gepackt, hatten den Ort nicht verlassen. Stattdessen warteten sie. Geduldig. Still. Es wirkte fast so, als hätten sie gewusst, dass noch etwas kommen würde. Oder vielleicht war ihnen ihr Eid als Ärzte einfach wichtiger als jede politische Grenze, jede diplomatische Spannung. Ich stand zusammen mit Tahl und Misora im Flur. Die Zeit zog sich, jede Minute fühlte sich länger an als die vorherige. Ich starrte immer wieder auf die verschlossene Tür des Untersuchungsraums, als könnte ich durch bloße Willenskraft sehen, was dahinter geschah. Dann öffnete sie sich. Valentina trat heraus. Sie wirkte erschöpft. Mehr als das. Ihre Schultern hingen leicht nach vorne, ihre Bewegungen waren schwerfällig, und in ihren Augen lag eine Müdigkeit, die tiefer ging als reine körperliche Erschöpfung. Kaum hatte sie mich gesehen, machte sie ein paar unsichere Schritte auf mich zu und lehnte sich gegen mich. Ich fing sie reflexartig auf, legte einen Arm um sie, spürte, wie ihr Körper leicht nachgab. Sie suchte Halt. Nicht als Ärztin, nicht als Analytikerin – sondern einfach als Mensch. Ich sah ihr ins Gesicht. Ihre Haut war blass, ihre Lippen leicht trocken, doch ihre Augen waren noch wach genug, um ihre Pflicht zu erfüllen.
"Wie geht es ihr?" fragte ich leise.
Valentina schloss kurz die Augen, als würde sie ihre Kräfte sammeln, dann begann sie zu sprechen. "Die geringere Gravitation auf Argon Prime spielt eine Rolle." Ihre Stimme war leise, aber klar, professionell, trotz der Erschöpfung. "Das argonische Becken ist weniger belastbar als das terranische." Sie atmete kurz durch, lehnte sich noch etwas mehr gegen mich. "Das Kind hat eine höhere Knochendichte… es ist schwerer als ein durchschnittliches argonisches Baby."
Ich spürte, wie sich meine Muskeln anspannten, während ich ihr zuhörte.
"Zusätzlich zieht der Fötus mehr Nährstoffe aus Vanus Körper, als es üblich wäre. Die Plazenta ist stark beansprucht." Ihre Worte kamen langsamer jetzt, mühsamer. "Und ihr Immunsystem…" Sie stockte kurz. "…reagiert auf deine genetischen Marker."
Ich erstarrte innerlich.
"Es interpretiert die Proteine… als fremdartig. Wie Viren. Oder Parasiten."
Ein kaltes Gefühl breitete sich in mir aus.
"Das hat eine starke Entzündungsreaktion ausgelöst. Die inneren Blutungen sind eine direkte Folge davon." Sie schwieg einen Moment, atmete schwer. "Und ihr Hormonhaushalt ist vollkommen asynchron."
Ich sagte nichts. Ich konnte nichts sagen. Valentina hob leicht den Kopf, ihre Augen suchten meinen Blick.
"Ich habe ihre alten Akten überprüft."
Ich runzelte die Stirn leicht. "Warum?"
"Ich wollte verstehen, warum ihre erste Schwangerschaft gescheitert ist." Ihre Stimme war jetzt kaum mehr als ein Flüstern. "Ihr Ex-Mann war ein sogenannter High-Argon."
Der Begriff sagte mir nichts, deshalb ließ ich sie weitersprechen.
"Argonen mit stärkeren evolutionären Abweichungen. Haarfarbe, Augenfarbe… genetische Besonderheiten." Sie machte eine kleine, fast ironische Pause. "Ich gehöre auch dazu."
Ich sah sie an, doch sie wich meinem Blick nicht aus. Langsam führte ich sie einen Gang entlang in einen Ruheraum. Jeder Schritt wirkte schwer für sie. Ich öffnete die Tür, brachte sie zu einem Bett und ließ sie sich vorsichtig hinlegen. Kaum hatte sie den Kopf auf das Kissen gelegt, griff sie nach meinem Arm. Ihre Finger waren schwach, aber der Griff war fest genug, um mich aufzuhalten.
"Ich muss dir noch etwas sagen."
Ich setzte mich neben sie, beugte mich leicht vor.
"Was?"
Sie sah mich an, ihre Augen halb geschlossen, die Müdigkeit gewann langsam die Oberhand. "Bei mir…" Sie schluckte leicht. "Die Komplikationen wären wahrscheinlich noch größer."
Ich spürte, wie sich etwas in mir zusammenzog.
"Du bist genetisch weiter von den High-Argons entfernt… als vom Durchschnitt." Ihre Stimme wurde immer leiser. "Eine natürliche Empfängnis…" Sie atmete flach. "…ist höchst unwahrscheinlich."
Ich hielt den Atem an. Ein kurzer Moment der Stille.
Dann, fast schon im Wegdämmern, flüsterte sie: "Ich würde es trotzdem gern versuchen."
Ihre Finger lösten sich langsam von meinem Arm. Ihr Blick verlor den Fokus, ihre Atmung wurde ruhiger, gleichmäßiger. Sie war eingeschlafen. Ich blieb sitzen. Meine Hände ballten sich unbewusst zu Fäusten, während ich auf sie hinabsah. Auf ihr Gesicht, das jetzt friedlich wirkte, fast verletzlich. Dann drehte ich den Kopf. Der Flur. Der Untersuchungsraum. Vanu. Ich sah zurück zu Valentina. Zwei Leben. Zwei Frauen. Zwei Realitäten, die sich nicht miteinander vereinbaren ließen, ohne dass jemand daran zerbrach. Ich senkte den Blick. Und wusste, dass ich ihr das nicht antun konnte.

Ich musste irgendwann eingenickt sein, ohne es wirklich zu merken. Der Moment zwischen Wachsein und Schlaf war einfach verschwommen, ausgelöscht von Erschöpfung, Sorgen und der ständigen Anspannung, die sich wie ein Gewicht auf meinen Körper gelegt hatte.
Eine Hand legte sich vorsichtig auf meine Schulter. "Grau-san…?"
Die Stimme war leise, beinahe flüsternd, als hätte der Arzt Angst, die Stille zu zerbrechen. Ich blinzelte, meine Sicht war zunächst unscharf, mein Kopf schwer. Langsam kehrte das Bewusstsein zurück, begleitet von einem dumpfen Ziehen in meinem Nacken und Rücken. Ich richtete mich auf und verzog unwillkürlich das Gesicht. Mein Rücken protestierte sofort gegen die Bewegung. Der Stuhl, auf dem ich gesessen hatte, war alles andere als dafür gemacht, darin zu schlafen. Ich streckte mich vorsichtig, spürte, wie die Muskeln sich widerspenstig dehnten und ein dumpfer Schmerz durch meinen Oberkörper zog. Mein Blick wanderte durch den Raum. Valentina lag noch immer im Bett, ruhig, erschöpft, ihr Atem gleichmäßig. Misora und Tahl hatten sich ebenfalls auf freie Betten gelegt. Beide schliefen. Selbst Tahl wirkte entspannt, was selten genug vorkam. Für einen Moment blieb ich einfach stehen und betrachtete sie alle. Dieser kurze Augenblick der Ruhe wirkte fast unwirklich. Dann nickte ich dem Arzt zu und stand auf. Ich folgte ihm zur Tür, öffnete sie vorsichtig und zog sie ebenso behutsam wieder hinter mir zu. Das leise Klicken des Schlosses klang in der Stille des Flurs lauter, als es eigentlich war. Die Ärzte führten mich ein Stück den Gang entlang, bis wir einen kleinen Besprechungsraum erreichten. Sobald ich eintrat, fiel mein Blick auf die schwebenden Hologramme. Bilder von Vanu. Und ihrem ungeborenen Kind. Die Projektionen waren detailliert, fast schon erschreckend präzise. Anatomische Darstellungen, Messwerte, Simulationen. Alles schwebte in der Luft, leicht pulsierend, als würde es atmen. Ich trat näher, ohne es bewusst zu entscheiden. Die Ärzte – argonische und terranische – standen um die Projektionen herum. Ihre Gesichter waren ernst, angespannt. Einige blickten auf die Daten, andere auf mich. Niemand sagte etwas. Niemand schien zu wissen, wo er anfangen sollte.
Also tat ich es. "Werden beide sterben?"
Die Worte kamen direkt, ohne Umweg, ohne Vorbereitung. Für einen kurzen Moment zuckten einige der Ärzte sichtbar zusammen. Es war, als hätte ich etwas ausgesprochen, das sie vermeiden wollten. Dann setzte ihre Professionalität ein.
"Vielleicht."
Ein einzelnes Wort. Und doch fiel mir augenblicklich ein Asteroid auf die Schultern, sprichwörtlich. Ich spürte es körperlich, wie sich etwas in meiner Brust verkrampfte, wie ich zum ersten Mal seit Stunden wieder etwas schwerer atmen musste.
"Die Schwangerschaft stellt eine erhebliche Herausforderung dar," fuhr einer der Ärzte fort. Seine Stimme war ruhig, sachlich, aber nicht kalt. "Über die gesamte Dauer wird eine hormonelle Behandlung notwendig sein, um zu verhindern, dass der Körper der Mutter den Fötus abstößt."
Ein anderer Arzt übernahm. "Warum das bislang nicht geschehen ist, grenzt bereits an ein medizinisches Wunder." Ich starrte weiter auf die Hologramme. "Zusätzlich besteht ein erhöhtes Risiko für genetische Inkompatibilitäten," sagte eine Ärztin. "Das Kind könnte mit körperlichen oder neurologischen Defiziten zur Welt kommen. Die genetischen Anforderungen beider Elternteile widersprechen sich in mehreren Bereichen."
Ich schluckte. Die Worte prallten nicht einfach an mir ab. Sie blieben hängen. Jede einzelne. Dann wechselten die Ärzte das Thema. "Es gibt mehrere mögliche Verläufe," sagte einer von ihnen. Ich sah ihn an. "Wenn keine Behandlung erfolgt…" Er machte eine kurze Pause. "…werden sowohl Mutter als auch Fötus sterben."
Meine Hände spannten sich unwillkürlich an.
"Bei einer Standardbehandlung…" Ein anderer Arzt setzte fort. "…ist es wahrscheinlich, dass entweder die Mutter oder der Fötus nicht überlebt."
Stille.
"Es gibt eine dritte Option," sagte schließlich der leitende Arzt. Ich hob den Blick. "Beide könnten gerettet werden."
Ich wartete nicht. "Das machen wir."
Die Entscheidung kam sofort. Ohne Zögern. Ohne Zweifel. Doch die Ärzte reagierten nicht so, wie ich erwartet hatte.
"Sie müssen die Konsequenzen verstehen."
Ich runzelte die Stirn. Der Arzt trat einen Schritt näher. "Der Fötus müsste der Mutter entnommen werden."
Die Worte trafen mich härter, als ich erwartet hatte.
"Er würde außerhalb des Körpers, in einem künstlichen System, weiterentwickelt werden. Ektogenese." Ich sagte nichts. "Zusätzlich wären genetische Analysen notwendig."
Ein anderer Arzt ergänzte ruhig: "Fehlentwicklungen könnten mittels CRISPR-Technologie korrigiert werden."
Ich spürte, wie sich mein Magen zusammenzog.
"Selbst im besten Fall," fuhr der erste Arzt fort, "wird das Kind ein biologischer Außenseiter sein."
Das Wort blieb hängen. Außenseiter.
"Es steht daher auch im Raum…" Eine kurze Pause. "…die Schwangerschaft abzubrechen."
Ich hob den Kopf ruckartig.
"Vanu hat sich dagegen ausgesprochen," fügte er sofort hinzu.
"Wir gehen von einer psychologischen Ausnahmesituation aus."
Ein weiterer Arzt trat vor.
"Deshalb benötigen wir Ihre Entscheidung. Unter eidesstattlicher Erklärung."
Ich spürte, wie alles zu viel wurde. Wieder. Ohne ein Wort zu sagen, drehte ich mich um, ging zum Fenster und öffnete es. Kühle Nachtluft strömte herein. Ich atmete tief ein. Einmal. Zweimal. Dann sah ich hinaus. Der Himmel war klar. Unzählige Sterne funkelten über mir, ruhig, gleichgültig, unendlich weit entfernt. Hinter mir begannen die Ärzte leise miteinander zu sprechen. Gedämpfte Stimmen, fachliche Begriffe, Zahlen. Ich verstand nichts davon. Oder vielleicht wollte ich es auch nicht verstehen. Meine Gedanken rasten. Alles zog an mir. Jede Entscheidung hatte Gewicht. Jede Konsequenz war endgültig. Ich schloss kurz die Augen. Dann öffnete ich sie wieder. Ich brauchte mehr Informationen.
"Wo würde sie hin gebracht werden?"
Meine Stimme war ruhiger, als ich mich fühlte. Die Antwort kam… ausführlicher, als ich erwartet hatte.
"Nach Aldrin." Ich drehte leicht den Kopf. "Im Solara-System." Der Arzt trat neben mich, sein Blick ebenfalls nach draußen gerichtet. "Die dortige Bevölkerung hat mehrere habitable Planeten besiedelt." Er machte eine kleine Pause. "Sie hatten früh mit vergleichbaren biologischen Problemen zu kämpfen."
Ein anderer Arzt übernahm. "Ihr medizinisches Wissen im Bereich menschlicher Hybride übersteigt das der Terraner und Argonen deutlich."
Ich nickte langsam. Das klang nach einer Chance.
"Das Problem ist die Zeit," sagte der erste Arzt. Ich sah ihn an. "Die Reise würde etwa zwei Wochen dauern." Mir wurde kalt. "So lange wird sie nicht durchhalten." Stille. "Daher schlagen wir eine alternative Route vor." Ich wartete. "Terra." Das Wort traf mich unerwartet. "Wir bringen sie zur Erde. Währenddessen reist ein spezialisiertes Team aus Aldrin ebenfalls dorthin."
Ich sagte nichts mehr. Ich nickte nur. Langsam. Und klammerte mich an diesen einen Gedanken. Terra. Die Erde. Ich würde sie sehen. Früher, als ich je gedacht hätte.

Ich hasse Perfektion.
Sie bietet keinen Platz für Kreation.

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Kapitel 24 - Terra Humiliata est

Ich wusste sofort, dass etwas nicht stimmte. Es war kein klarer Gedanke, eher ein Gefühl. Ein instinktives Ziehen irgendwo tief in mir, als würde sich die Realität selbst leicht verschieben. Der Tordurchgang dauerte zu lange. Normalerweise war es ein fließender Übergang – ein Moment des Ziehens, ein kurzes Flackern von Farben und Energien, und dann war man hindurch. Doch diesmal… zog es sich. Ich stand neben der Staseeinheit, in der Vanu lag. Ihr Körper war ruhig, eingefroren in künstlicher Stabilität, um die Reise zu überstehen. Das matte Licht der Anzeigen spiegelte sich auf der transparenten Oberfläche der Kapsel. Für einen kurzen Moment blieb ich stehen und sah sie an, suchte in ihrem reglosen Gesicht nach irgendeinem Zeichen von Leben, obwohl ich wusste, dass es sinnlos war. Dann drehte ich mich um. Das Wurmloch… Es bewegte sich nicht mehr. Das sonst so lebendige, rotierende Blau war erstarrt. Die weißen Schlieren, die sich normalerweise wie Strömungen durch die Öffnung zogen, hingen reglos in der Luft, als hätte jemand die Zeit selbst angehalten. Ich blinzelte. Und dann sah ich es. Nicht nur das Tor war eingefroren. Alle. Die gesamte Crew. Jede Bewegung, jede Geste – gestoppt. Ein Techniker, der gerade nach einem Bedienfeld griff. Eine Ärztin, deren Lippen halb geöffnet waren, als würde sie gerade sprechen. Selbst die kleinsten Details… still. Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken. Langsam… drehte ich mich weiter. Und dann stand es vor mir. Ein Wesen. Humanoid in seiner Form, doch vollkommen fremdartig. Sein Körper wirkte, als wäre er aus flüssigem Metall gegossen worden – glatt, reflektierend, ohne erkennbare Übergänge oder Gelenke. Und doch bewegte es sich, als wäre es lebendig. Sein Kopf… erinnerte an den eines Ameisenbären. Langgezogen, schmal, ohne Augen, ohne Mund, ohne jegliche erkennbare Sinnesorgane. Und trotzdem wusste ich, dass es mich ansah. Ob die Schöpfer der Sohnen von Ameisenbären abstammten?
"Ein Sohne."
Die Worte kamen mir ruhig über die Lippen, als hätte ich sie schon lange gewusst. Ich spürte es sofort. Überraschung. Nicht gesehen, nicht gehört – gefühlt. Direkt in meinem Kopf, als würde sich etwas in meine Gedanken schieben, ohne Gewalt, aber mit absoluter Präsenz. Dann eine Stimme. Sie war… nichts. Kein Klang, kein Geschlecht, kein Ursprung. Und doch war sie da.
"Du bist nicht in temporaler Stasis?"
Ich zuckte nicht einmal. Vielleicht hätte ich Angst haben sollen. Vielleicht hätte ich schreien sollen. Doch da war nichts. Keine Panik. Keine Furcht.
"Offensichtlich nicht."
Ich wusste nicht, ob diese Ruhe wirklich von mir kam… oder ob sie mir genommen wurde. Das Wesen hob langsam eine Hand. In dem Moment durchzuckte mich eine Gänsehaut. Mein ganzer Körper reagierte, als würde er auf etwas Unsichtbares vorbereitet werden. Jeder Muskel spannte sich an, mein Atem stockte für einen Sekundenbruchteil. Dann senkte es die Hand wieder. Und das Gefühl verschwand.
"Seltsam." Die Stimme war unverändert. "Deine Quantensignatur stimmt nicht mit diesem Universum überein."
Ich atmete ruhig aus. "Was wohl daran liegt, dass ich aus einer anderen Realität stamme."
Das Wesen legte den Kopf leicht schief. Eine Bewegung, die fast… menschlich wirkte.
"Wie?"
Ich zuckte mit den Schultern.
"Das wüsste ich auch gerne. Vor drei Jahren saß ich noch zu Hause vor meinem Computer… und dann öffnete sich ein Riss im Raum. Danach war ich hier."
Das Wesen hob beide Hände. Langsam begann es, mich zu umkreisen. Es gab kein Geräusch. Keine Schritte. Es glitt einfach.
"Dein Körper weist Restenergie einer Outsider-Signatur auf."
Ich zuckte unwillkürlich zusammen. "Die Outsider haben mich hergeholt? Wie? Wieso?"
Eine leichte Bewegung seines Kopfes. Ich interpretierte sie als Verneinung.
"Wir wissen es nicht." Eine kurze Pause. "Wir gehen von einem Zufall aus. Ein Unfall."
Ich runzelte die Stirn. "Wir?"
"Wir sind die Sohnen." Die Stimme wurde… weiter. "Wir sind viele. Wir sind eins."
Ich ließ den Gedanken kurz wirken. "Eine Art… Gemeinwesen?"
Das Wesen zuckte minimal. "Das… kann man so nennen."
Stille breitete sich aus. Ich musterte es. Dann sagte ich ruhig: "Ihr führt Krieg gegen die Outsider. Und verliert."
Für einen Moment veränderte sich etwas.
"Das ist… unpräzise." Ein leichtes Flackern durchlief seinen Körper. "Wir können derzeit nicht gewinnen. Aber wir verlieren auch nicht." Eine Pause. "Es herrscht… ein Nichts."
Ich ließ das Wort nachhallen. "Ein Nichts," wiederholte ich leise. Ich ging einen Schritt zur Seite, begann langsam, es zu umrunden. "Weil ihr Outsider gefangen genommen habt… und ihre Spezies nicht versteht, wie das möglich ist." Ich sah es an. "Also passiert nichts. Eine Art Waffenstillstand… bis beide Seiten wissen, wie es weitergeht."
Plötzlich begann sein Körper zu leuchten. Ein weißliches, pulsierendes Licht durchzog seine Form, ließ sie für einen Moment instabil wirken, als würde sie sich auflösen und neu zusammensetzen.
"Dieses Wissen kannst du nicht haben."
Ich blieb stehen. "Nicht, wenn ich hier geboren worden wäre." Ich zögerte einen Moment. Dann log ich. "In meiner Realität beobachten wir andere Universen. Aber wir greifen nie ein." Ich sah es direkt an. "Dass ich hier bin, war nicht geplant. Und zurück kann ich nicht."
Das Wesen begann erneut zu vibrieren. Das Licht wurde stärker, blieb länger bestehen. Stille. Ich ging weiter um es herum. Es reagierte nicht. Ich stellte mir vor, wie es gerade kommunizierte. Nicht mit mir – sondern mit etwas Größerem. Mit allen. Nach einigen Momenten ebbte das Leuchten ab.
"Wie viel weißt du über dieses Universum?"
Ich zögerte nicht. "Alles." Eine Lüge. Aber eine notwendige.
"Und über die Outsider?"
Ich dachte nach. Schnell. Präzise. "Die Körper der Outsider basieren auf qubit-basiertem Computronium," sagte ich langsam. "Während die des alten Volkes auf klassischen Bit-Strukturen beruhen." Ich sah, wie sein Körper erneut reagierte. "Deshalb sind sie überlegen." Ich ging einen Schritt näher. "Das X'verse -so nennen wir dieses Universum- verliert Energie, weil die Outsider ihre Abwärme hierhin ableiten. Sie erhöhen die Entropie… und entziehen anschließend mehr Energie, als sie eingebracht haben."
Das Leuchten verstärkte sich. Flackerte. Pulsierte. Minuten vergingen. Keine Antwort. Ich atmete ruhig. Dann stellte ich die naheliegendste Frage. "Warum bist du hier?"

Obwohl der Sohne weder Augen noch erkennbare Sinnesorgane besaß, wusste ich mit absoluter Sicherheit, dass er mich fixierte. Es war kein Sehen im klassischen Sinne – es war ein Druck in meinem Kopf, eine Präsenz, die sich direkt auf meine Gedanken legte. Unausweichlich. Da er auf meine letzte Aussage nicht unmittelbar reagiert hatte, ging ich davon aus, dass meine Lüge entweder ins Schwarze getroffen hatte… oder etwas in Bewegung gesetzt hatte, das selbst für die Sohnen neu war. Beides war gefährlich. Beides war nützlich. Und vor allem: Er war noch da.
"Wir haben beim Tordurchgang eine ungewöhnliche Energie und Biologie erkannt."
Seine Stimme erschien wieder einfach in meinem Kopf, ohne Richtung, ohne Klangfarbe. Ich war nicht überrascht. Nicht wirklich. Ich hatte schon lange vermutet, dass die Sprungtore mehr waren als simple Wurmlochgeneratoren. Sie beobachteten. Sie registrierten. Vielleicht waren sie sogar Teil eines größeren Netzwerks – eines Systems, das Informationen sammelte und weiterleitete. Wie sonst sollten die Alten wissen, was in den einzelnen Systemen geschah? Ich hatte nie daran gezweifelt, dass sie – gemeinsam mit den Sohnen – in der Lage wären, ganze Galaxien zu überrennen, wenn sie es wollten. Aber sie taten es nicht. Ihre Aufmerksamkeit war gebunden. An die Outsider. Eine Spezies aus einem anderen Universum. Eine Spezies, die auf einer Skala operierte, die alles überstieg, was dieses Universum hervorgebracht hatte. Kardashev Stufe fünf… vielleicht sechs. Während die Alten noch an der Schwelle zur fünften Stufe kratzten. Ein Unterschied wie Tag und Nacht. Ich hob leicht die Hand und deutete auf mich selbst.
"Ihr meint mich?"
Der Sohne zerfloss für einen Moment. Seine Form verlor ihre klare Struktur, wurde flüssig, instabil – nur um sich im nächsten Augenblick wieder zu sammeln.
"Ja… und nein."
Seine Bewegung verlagerte sich leicht an mir vorbei. Ich folgte der angedeuteten Richtung seines Körpers – und sah zur Staseeinheit. Zu Vanu.
"Die Biologie kommt von dort." Eine kurze Pause. "Sie ist… neu."
Mein Blick blieb auf der Kapsel hängen. Sie lag dort, reglos, eingefroren in diesem Zustand zwischen Leben und Stillstand.
"Das ist meine Frau," sagte ich ruhig. Meine Stimme klang fremd in meinen eigenen Ohren. "Schwanger mit meinem Kind."
Der Sohne glitt lautlos zur Kapsel hinüber. Seine metallische Form spiegelte das blasse Licht des eingefrorenen Wurmlochs wider, während er sich über die Oberfläche beugte. Ich spürte es sofort. Er scannte sie. So wie er mich zuvor gescannt hatte.
"Beide sind beschädigt." Eine Pause. "Krank."
Und da war etwas. Etwas, das ich nicht erwartet hatte. Ein Hauch von… Mitgefühl? Ich wusste nicht, ob ich es mir einbildete. Ob mein eigenes Gehirn versuchte, etwas Menschliches in dieses Wesen hineinzuinterpretieren. Aber da war es. Ich trat einen Schritt näher.
"Meine Biologie und ihre passen nicht ganz zusammen." Ich zögerte kurz. "Kannst du… könnt ihr helfen?"
Der Sohne verharrte. Völlig reglos. "Wir können verändern, was wir kennen." Stille. "Doch das kennen wir nicht."
Es traf mich härter, als ich erwartet hatte. Hoffnung. Und im nächsten Moment… Leere.
"Warum nicht?" fragte ich leise. Mein Blick blieb auf ihm. "Liegt es an mir?"
"Das ist…" Eine Pause. "…eine Möglichkeit."
Ich sah, wie er sich vorbeugte. Aus seiner schmalen, schnauzenartigen Struktur materialisierte sich etwas. Ein Kabel – oder etwas, das wie eines aussah. Es war nicht wirklich materiell, eher eine Projektion von Struktur. Es berührte die Staseeinheit. Und sofort veränderte sich alles. Die Oberfläche der Kapsel begann zu fließen. Linien verschwanden, neue Strukturen bildeten sich. Das Material wirkte plötzlich… fortschrittlicher. Glatter. Fast ätherisch. Ich wich unwillkürlich einen halben Schritt zurück. Ich hatte keine Ahnung, was er tat. Und noch weniger, ob ich es aufhalten konnte. Also blieb mir nur eines. Vertrauen. Oder Verzweiflung.
"Was hast du getan?"
Der Sohne richtete sich wieder auf und drehte sich zu mir.
"Hilfe gegeben." Eine kurze Pause. "Wir können nicht ändern, was wir nicht kennen. Aber wir können helfen, zu bewahren."
Ich sah meine Chance. Und ich ergriff sie sofort.
"Wir müssen nach Aldrin. Oder zur Erde." Meine Stimme wurde fester. Drängender. "So schnell wie möglich. Sonst sterben beide."
Der Sohne hob leicht den Kopf. Sein Leuchten veränderte sich. Es war nun… bläulich. Kühler. Tiefer. Doch zunächst geschah nichts.
"Der Plan ist in Bewegung." Seine Aufmerksamkeit glitt wieder zur Kapsel. "Früher als gedacht."
Und in genau diesem Moment traf es mich. Wie ein Blitz. Ein Gedanke. Klar. Vollständig.
"Vereint die Völker," sagte ich langsam. Ich trat einen Schritt näher. "Vereint die Netzwerke." Mein Blick wurde schärfer. "Die Galaxien werden eins."
Der Sohne… verlor seine Form. Sein Körper zerfiel zu Licht. Reines, pulsierendes, instabiles Licht. Dann zwang er sich zurück. Ich atmete ein.
"Der Plan ist, die Völker zu vereinen und gegen die Outsider zu schicken," fuhr ich fort. "Weil wahres Vereinen nicht möglich ist." Ich machte eine kurze Pause. "Biologisch."
Wieder zerfiel er. Diesmal anders. Fragmentierter. Ich ließ nicht nach.
"Weil die Outsider es bereits getan haben." Mein Herz schlug schneller. "Aber auf ihre Weise." Ein Schritt nach vorne. "Sie haben alles in ihrem Universum verschlungen."
Plötzlich vibrierte das Schiff. Ein tiefes, bedrohliches Dröhnen durchzog die Struktur, ließ den Boden unter meinen Füßen erzittern. Ich fuhr herum. Zum Cockpit. Und was ich dort sah… ließ meinen Atem stocken. Etwas verschlang unser Schiff. Kein Angriff im klassischen Sinne. Keine Explosion. Keine Waffen. Es war, als würde ein anderes Schiff… uns aufnehmen. Seine Hülle sah identisch aus wie die des Sohnen vor mir. Ich drehte mich ruckartig zurück. Der Sohne stand noch da.
"Wir helfen."
Mehr sagte er nicht. Dann… waren sie da. Mehrere Sohnen. Einfach so. Kein Geräusch. Kein Licht. Kein Übergang. Sie existierten einfach plötzlich im Raum. Alle identisch. Alle gleich fremdartig. Ich sah zu, wie sie sich verteilten. Und dann begann etwas, das ich erst nicht verstand. Sie griffen nicht in Systeme ein. Sie reparierten nichts. Sie… löschten. Daten. Ich erkannte es erst nach ein paar Sekunden. Jede Spur, jede Aufzeichnung, jede Referenz auf sie selbst wurde entfernt. Systematisch. Präzise. Als hätten sie nie existiert. Als hätten sie nie eingegriffen. Ich schluckte. Wenn die Crew aus dieser Stasis erwachen würde… Würden sie nichts wissen. Gar nichts. Und dann – so plötzlich, wie sie erschienen waren – verschwanden sie wieder. Einfach so. Die Zeit setzte wieder ein. Wie ein Ruck.
Das Wurmloch begann sich wieder zu drehen. Die weißen Schlieren flossen weiter, als wäre nichts geschehen. Stimmen kehrten zurück, Bewegungen setzten sich fort, als hätte es keine Unterbrechung gegeben. Und dann traten wir aus dem Tor aus. Das Licht veränderte sich. Das System vor uns… Das Solara-System. Ich wusste es sofort. Im Cockpit brach Hektik aus. Stimmen überschlugen sich, Anzeigen wurden überprüft, Koordinaten abgeglichen. Die Crew war in heller Aufregung. Ich stand einfach da. Still. Ruhig. Und zum ersten Mal seit langer Zeit… hatte ich das Gefühl, dass sich etwas Größeres in Bewegung gesetzt hatte.

Der Nachhall kam nicht als Stimme zurück. Nicht wirklich. Es war eher ein Echo, das sich in meinen Gedanken festgesetzt hatte, als hätte sich etwas in meinem Bewusstsein verankert, das nicht mehr vollständig verschwand.
"Wir kommen wieder."
Die Worte waren nicht laut. Sie waren nicht einmal klar formuliert. Und doch waren sie da. Unausweichlich. Endgültig. Ich stand noch immer auf der Brücke, während um mich herum kontrolliertes Chaos herrschte. Anzeigen wurden überprüft, Koordinaten abgeglichen, Stimmen überlagerten sich in einem dichten Geflecht aus Befehlen und Rückmeldungen. Die Crew versuchte zu verstehen, was gerade geschehen war – oder vielmehr, was sie glaubte, dass geschehen war. Für sie war es ein ungewöhnlicher, vielleicht leicht verzögerter Tordurchgang gewesen. Nichts weiter. Für mich… war es etwas völlig anderes gewesen. Ich ließ den Blick langsam über die Konsolen gleiten, über die Gesichter der Besatzung, die nichts wussten. Nichts wissen konnten. Ihre Bewegungen wirkten plötzlich mechanisch, fast bedeutungslos im Vergleich zu dem, was ich gerade erlebt hatte. Dann wandte ich mich ab. Mein Blick fiel durch das Frontfenster hinaus in das System. Das Solara-System. Ein Name, der in mir etwas auslöste, das ich lange nicht mehr gespürt hatte. Etwas Vertrautes. Etwas, das ich fast vergessen hatte. Aldrin. Sol. Terra. Die Erde.
Doch das, was mir in den Sinn kam, war nicht einfach nur meine potentielle alte Heimat. Es war ein Ort, der durch seine eigene Geschichte gezeichnet war. Ich erinnerte mich. Nicht an eigene Erlebnisse – sondern an Wissen. Fragmente, die ich mir in den letzten Jahren zusammengesetzt hatte. Die Terraner hatten sich selbst beinahe ausgelöscht. Nicht durch eine fremde Macht. Nicht durch einen äußeren Feind. Sondern durch ihre eigenen Schöpfungen. Die Terraformer. Maschinen, erschaffen, um Welten bewohnbar zu machen. Werkzeuge, die Leben ermöglichen sollten – und stattdessen zu einer existenziellen Bedrohung wurden. Ich stellte mir vor, wie es gewesen sein musste. Eine Spezies, die glaubte, die Kontrolle über ihre Technologie zu haben. Die überzeugt war, den nächsten Schritt in ihrer Entwicklung erreicht zu haben. Und dann… der Zusammenbruch. Die Erkenntnis, dass man sich geirrt hatte. Dass man etwas erschaffen hatte, das man nicht mehr kontrollieren konnte. Dass die eigene Überlegenheit… eine Illusion war. Mein Blick verhärtete sich leicht. Sie hatten ihr eigenes Sprungtor zerstört. Eine Entscheidung von unfassbarer Tragweite. Kein Rückzug, sondern eine Selbstabschottung. Eine bewusste Isolation, die sie für Jahrhunderte vom Rest des Universums trennte. Nicht aus Stärke. Sondern aus Notwendigkeit. Ich lehnte mich leicht nach vorne, stützte mich mit den Händen auf einer Konsole ab und sah weiter hinaus in die Schwärze des Alls. Es war mehr als nur eine militärische Niederlage gewesen. Es war eine Demütigung. Eine moralische. Eine, die tiefer ging als jeder verlorene Krieg. Die Terraner hatten gelernt, dass ihre größte Stärke zugleich ihre größte Schwäche war. Ihr Fortschritt. Ihr Ehrgeiz. Ihr Hochmut.

Ich lehnte noch immer an der Konsole, während mein Blick durch das Sichtfenster glitt und sich in der Weite des Solara-Systems verlor. Doch meine Gedanken waren längst weitergezogen. Weiter hinaus. Dorthin, wo Geschichte nicht nur geschrieben, sondern verzerrt wurde. Aldrin. Ein Name, der sich anders anfühlte als Terra. Leichter. Unberührt. Fast… unverdient. Ich atmete langsam ein, verschränkte die Arme vor der Brust und senkte für einen Moment den Blick, als würde ich die Bilder, die sich in meinem Kopf formten, ordnen wollen. Es war kein Wissen aus Erfahrung. Und doch fühlte es sich real an. Greifbar. Während Terra in ihrem eigenen Hochmut gefallen war, hatte Aldrin überlebt. Nicht durch Stärke. Nicht durch Überlegenheit. Sondern durch Zufall. Ein reiner, banaler, beinahe lächerlicher Zufall. Ich hob den Blick wieder und sah hinaus in die Sterne. Die Terraformer. Maschinen, erschaffen, um Welten zu formen, Leben zu ermöglichen, Zivilisationen zu tragen. Und dann… ein Fehler. Ein einziges fehlerhaftes Update. Ein Moment der Unachtsamkeit. Und aus Werkzeugen wurden Mörder. Aus Helfern wurden die Xenon. Ich spürte, wie sich mein Kiefer leicht anspannte.
Doch Aldrin… war verschont geblieben. Das CPU-Schiff #deca hatte das Signal nie empfangen. Keine korrumpierten Daten. Kein Bruch. Keine Mutation. Seine Programmierung blieb rein. Unverändert. Ich schüttelte kaum merklich den Kopf. Terra war gefallen. Aldrin nicht. Nicht, weil sie es besser gemacht hatten. Sondern weil sie… nichts gemacht hatten. Weil sie nie die Chance hatten, es falsch zu machen.
Ich stieß mich leicht von der Konsole ab und begann langsam über die Brücke zu gehen. Meine Schritte waren ruhig, fast mechanisch, während meine Gedanken weiterarbeiteten. Aldrin war… eine Anomalie. Eine Terra Incorrupta. Ein Ort, an dem der Sündenfall nie stattgefunden hatte. Ich stellte mir vor, wie es gewesen sein musste. Keine Angst vor den eigenen Schöpfungen. Kein Trauma. Kein Misstrauen gegenüber künstlicher Intelligenz. Stattdessen… Kooperation. Selbstverständlichkeit. Ein Zusammenleben.
Ich blieb stehen, meine Finger glitten gedankenverloren über die glatte Oberfläche einer Konsole. Die Menschen dort hatten die Terraformer nie als Feinde gesehen. Sondern als das, was sie ursprünglich sein sollten. Werkzeuge. Partner. Erweiterungen ihrer eigenen Fähigkeiten. Das CPU-Schiff #deca war kein Henker geworden. Sondern ein Bewahrer. Ein Fundament. Ich stellte mir die Welt vor. Gigantische Gesteinsformationen, durchzogen von Strukturen, die nicht gegen die Natur arbeiteten, sondern mit ihr. Stationen, die sich nicht wie Fremdkörper anfühlten, sondern wie ein natürlicher Teil dieser gewaltigen Umgebung. Technologie, die nicht aus Angst geboren war, sondern aus Vertrauen. Ich atmete leise aus. Wie anders alles hätte sein können. Keine verbrannte Erde. Keine jahrhundertelange Isolation. Keine gebrochene Zivilisation, die sich selbst neu definieren musste. Stattdessen… Kontinuität. Fortschritt ohne Bruch. Ich schloss kurz die Augen. Aldrin war der Beweis. Der Beweis dafür, dass die Menschheit nicht zwangsläufig an ihrem eigenen Fortschritt scheitern musste. Dass es einen Weg gegeben hätte, in dem Technologie nicht zur Demütigung führte… sondern zur Stabilität. Meine Finger ballten sich leicht zur Faust. Doch dieser Weg war nicht gewählt worden. Nicht auf Terra. Ich öffnete die Augen wieder und sah hinaus in die Schwärze. Aldrin war kein Wunder. Es war ein Spiegel. Ein Blick auf das, was hätte sein können. Und genau das machte es so gefährlich.

Ich spürte Valentinas Blick auf mir, ihre Augen so scharf wie immer, aber auch von einem Hauch Besorgnis getrübt. Sie hatte sofort gemerkt, dass etwas mit der Stasiskapsel von Vanu nicht stimmte, dass die Sensoren der Kapsel plötzlich Signale lieferten, die nicht sein konnten, etwas, das selbst erfahrene Terraner nicht sofort erklären konnten. Ihre Stirn war leicht gerunzelt, die Lippen zu einer dünnen Linie gepresst, während ihre Hände unruhig über die Kontrollen fuhren, als würde sie nach einer unsichtbaren Ursache tasten. Ich trat näher, legte eine Hand auf ihre Schulter, spürte die Wärme ihrer Haut, den leichten Druck, der mir Sicherheit geben sollte.
"Valentina," begann ich, meine Stimme leise, aber dringlich, "du musst mir versprechen, dass du niemandem davon erzählst."
Sie hob die Augen, überrascht und fragend zugleich, und ich fuhr fort. "Niemand darf davon erfahren. Nicht Tahl, nicht die anderen, nicht einmal die Crew. Was während des Tordurchgang passiert ist… ist nur zwischen mir und den Sohnen." Ich sah, wie sich ihre Augen weiteten, als würde sie versuchen, die Bedeutung dessen, was ich sagte, sofort zu begreifen.
Ich erzählte ihr alles. Vom Moment der temporalen Stasis, wie die Zeit um uns herum stillzustehen schien, wie ich sah, dass die anderen eingefroren waren, dass die Sohnen erschienen und telepathisch mit mir kommunizierten. Ich beschrieb ihr die Formen, die sie annahmen, die Lichter, die sie ausstrahlten, die Art, wie sie Vanu und das Ungeborene gescannt hatten, und wie sie die Stasikapsel transformierten.
Valentina hörte schweigend zu, ihr Gesicht wechselte zwischen Unglauben, Konzentration und diesem professionellen Ausdruck, den ich so gut kannte – die Ärztin, die analysierte, während das Herz pochte. Ich sah, wie ihre Finger sich unwillkürlich krampften, während sie versuchte, ihre Emotionen zu kontrollieren, ihr Atem leicht unregelmäßig, die Brust heftig hebend, als würde sie die Neuigkeit innerlich abwägen.
"Du verstehst, oder?" fragte ich schließlich, meine Stimme kaum mehr als ein Flüstern. "Niemand darf davon erfahren. Noch nicht. Nicht, bis wir mehr wissen. Wenn das jemand erfährt… es wird alles verändern."
Sie nickte langsam, schluckte, und ich konnte sehen, wie sie die Entscheidung abwog. Dann trat sie einen Schritt zurück, legte ihre Hände in die Hüften, und die Spannung in ihren Schultern löste sich ein wenig. "Ich verstehe," sagte sie leise, aber bestimmt. "Niemand erfährt es. Dein Geheimnis ist sicher bei mir."
Ich ließ die Luft aus meinen Lungen entweichen, fühlte, wie sich ein Teil der Last von meinen Schultern löste, aber ein anderer, schwererer Teil blieb. Ich wusste, dass wir jetzt auf Messers Schneide balancierten, dass ein einziger falscher Moment alles verraten konnte.
"Valentina," flüsterte ich, meine Stimme kaum mehr als ein Atemzug, "danke. Mehr als du je wissen wirst."
Sie erwiderte meinen Blick, ihre Augen fest, entschlossen, und nickte noch einmal, als hätte sie diese Verantwortung schon akzeptiert. Ich konnte spüren, dass sie nicht nur verstand, sondern dass sie auch bereit war, diese Wahrheit zu tragen – alleine, wenn nötig.
Ich trat einen Schritt zurück, ließ ihre Hand los, und wir wandten uns wieder der Stasikapsel zu. Die Lichter schimmerten leise in der kühlen Luft des Raums, die holografischen Anzeigen blinkten unaufhörlich. Und während ich auf die Kapsel sah, wusste ich, dass wir jetzt gemeinsam eine Entscheidung trafen, die alles verändern könnte – oder uns alles nehmen würde.

Ich schloss für einen kurzen Moment die Augen. Die Worte der Sohnen hallten noch immer nach.
"Wir kommen wieder."
Langsam öffnete ich die Augen wieder. Mein Blick glitt über die Sterne, über die stille Weite, die so trügerisch friedlich wirkte.

Ich hasse Perfektion.
Sie bietet keinen Platz für Kreation.

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Re: [EX16] Isekai no Xistence

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Kapitel 25 - Rettung

Tori sah, dass die Crew überrascht war, dass sie nur mit einem Sprung ins Solara-System gereist waren. Die Reise hätte eigentlich über zwei Wochen dauern müssen und durch fast ein Dutzend Sonnensysteme geführt. Dass man nun auch das Sol-System nicht mehr anreisen musste, war natürlich eine große Zeitersparnis. Alle an Bord spekulierten nun, wie das geschehen konnte. Die Computersysteme hatten nichts Ungewöhnliches aufgezeichnet und da kein fachkundiger Wissenschaftler an Bord war, wurde die Frage vorerst zurückgestellt. Nichts desto trotz hielt sich die These, dass das Sprungtor einen Schluckauf hatte. So bezeichnete man es, wenn ein Wurmloch kurzzeitig an einen anderen Punkt sprang, meist durch stellare Phänomene wie Novae ausgelöst. Ich fand das alles sehr interessant, wenngleich nur ich wusste, was tatsächlich passiert war. Die Terraner hatten eine Fregatte vom Typ Katana dem diplomatischen Korps zur Verfügung gestellt. Die Ärzte hatten sie für den Notfall auf Trantor temporär bekommen. Jetzt waren wir in der Nähe des Planeten Aldrin, der fast wie die Erde aussah. Fast. Die Gewässer hatten einen leicht türkisen Einschlag und die Landflächen waren größer und einen Hauch bläulicher. Die Katana wurde von aldrianischen Fregatten der Klasse Springblossom eskortiert. Der Eintritt in den Orbit verlief schnell und geordnet. Die Katana durfte mit Notfallprotokollen an die orbital gelegene Handelsstation andocken. Innerhalb von nur wenigen Minuten wurde die Crew abgefertigt. Ein Rettungstransportshuttle wartete bereits, um Vanu von der Katana zur Bodenstation auf Aldrin zu bringen. Von dort aus würde ein Rettungshovercraft starten, um sie sicher ins Krankenhaus zu bringen. Ich beobachtete jeden Schritt, fühlte eine Mischung aus Anspannung und Erleichterung, dass die Logistik so reibungslos ablief.

Misora war auf Trantor zurückgeblieben, kümmerte sich um ihren Schrottplatz und den Wiederaufbau der Schiffswerft. Tahl war nach Argon Prime zu seiner Frau, den Kindern und seiner Arbeit bei der SSA zurückgekehrt. Stattdessen begleiteten Gal, Valentina und ich den Transfer. Gal nutzte die Gelegenheit, um weitere Informationen über Terra und Aldrin zu sammeln, schließlich gehörte sie noch immer dem argonischen Geheimdienst an.

Valentina wirkte angespannt, ihre Augen scannten kontinuierlich das Shuttle und die Bodenstation, als wollte sie jede mögliche Gefahr vorwegnehmen. Ich spürte, wie meine Hand unbewusst ihre berührte und ich musste mich zusammenreißen, nicht zu früh Erleichterung zu zeigen. Jede Bewegung, jedes Geräusch hatte plötzlich Gewicht. Das Shuttle setzte sanft auf der Bodenplattform der Station auf, die Lichter der Hangars reflektierten sich auf dem glatten Metallboden. Vanu lag in der Stasiskapsel, die sanft von den Shuttlearmen abgesetzt wurde. Ich spürte ein Pochen in der Brust, als wir das Hovercraft vorbereiteten. Ich wusste, dass jeder Augenblick zählte, und dennoch ließ ich einen Teil meiner Anspannung los, als ich sah, wie das Rettungsteam routiniert die Kapsel verlud.
Valentina murmelte leise: "Alles wird gut gehen."
Ich nickte stumm, während mein Blick über die weiten, bläulich-grünen Ebenen Aldrins schweifte, die im Licht der nahenden Morgendämmerung fast unwirklich wirkten. Jeder Schritt war jetzt präzise geplant, jeder Handgriff kontrolliert. Das Hovercraft setzte sich in Bewegung, wir rollten durch die breite Landebahn, und ich konnte das Krankenhaus bereits am Horizont erkennen. Jeder an Bord hatte mit der Präzision gehandelt, die nur jahrelange Erfahrung hervorbringen konnte. Ich fühlte die Verantwortung schwer auf meinen Schultern lasten, aber gleichzeitig war da ein Funken Hoffnung, dass Vanu und unser ungeborenes Kind es schaffen würden.
Das Hovercraft schwebte die breite Landebahn des Aldrin-Krankenhauses entlang. Die Sonne stand noch niedrig über den Horizonten, tauchte die weiten Ebenen und die futuristischen Gebäude in ein gedämpftes, türkisblaues Licht. Jede Bewegung des Fahrzeuges wirkte monumental und gleichzeitig zerbrechlich, als würde ein einziger Fehler alles zunichte machen. Ich saß neben Vanu, ihre Hand lag auf meinem Arm, und ich spürte das leichte Zittern ihres Körpers trotz der Stabilisierung durch die Stasiskapsel. Ihr Atem war ruhig, doch ich konnte den Herzschlag hören, stärker als jeder Maschinenmonitor es anzeigen konnte.
Das Krankenhausgebäude wirkte beeindruckend, gleichzeitig funktional. Metallische Strukturen, durchscheinende Paneele, überall blinkende Anzeigen, die mit holographischen Pfeilen die Route zu den Notfallaufzügen markierten. Der Boden reflektierte das Licht der Paneele und ließ alles wie einen flüssigen, leuchtenden Fluss wirken. Das Hovercraft stoppte, und die Crew der Bodenstation trat an. Die Ärzte bewegten sich schnell, aber ohne Hast, jedes Handzeichen präzise, jedes Kommando eindeutig. Ich konnte die Routine in ihren Bewegungen sehen und fühlte einen Moment lang ein Vertrauen, das ich seit Trantor kaum noch gespürt hatte.
"Bereit zur Übergabe," sagte Valentina leise, ihre Stimme kaum mehr als ein Flüstern.
Ich nickte stumm, das Gewicht der Verantwortung schwer auf meinen Schultern. Gemeinsam hoben wir die Stasiskapsel vorsichtig aus dem Hovercraft. Ich konnte das leise Summen der Energieabschirmung hören, das fast wie ein Herzschlag klang, synchron zu dem echten Herz von Vanu. Die Ärzte nahmen die Kapsel entgegen, ihre Hände sicher, aber sanft, und führten sie durch automatische Schleusen direkt in den Untersuchungsraum.
Ich folgte ihnen, spürte, wie die Luft sich veränderte. Kühle Klimaanlage, antiseptischer Geruch, das leise Piepen von Monitoren und das Summen von Geräten, die in perfekter Synchronisation arbeiteten. Alles war fokussiert, kein überflüssiger Ton, keine Bewegung ohne Zweck. Ich setzte mich auf einen Stuhl neben dem Untersuchungsraum, meine Hände fest aufeinandergelegt, und beobachtete, wie Vanu in Position gebracht wurde.
Valentina blieb dicht neben mir, ihre Finger suchten automatisch die meinen und hielten sie fest. Ich spürte ihre Anspannung, die sich mit meiner mischte. Die terranischen und aldrianischen Ärzte bereiteten die Geräte vor, überprüften Vitalwerte, simulierten mögliche Komplikationen in holographischen Anzeigen. Jeder Atemzug von Vanu ließ mich zusammenzucken. Ich konnte den Puls ihres ungeborenen Kindes unter ihren Fingern fühlen, schwach, aber vorhanden, ein kleines Signal von Leben, das mich beinahe zerriss und gleichzeitig tröstete.
"Alles wird gut," flüsterte Valentina wieder, während die Ärzte die Kapsel öffneten und die Kontrollmonitore aktivierten.
Ich nickte kaum merklich, zu gefangen in einem Wirbel aus Angst, Hoffnung und purer Wachsamkeit. Die Stille des Raumes war drückend, jeder von uns war wie eingefroren im Moment zwischen Gefahr und Rettung. Ich konnte nur hoffen, dass das, was wir hier taten, ausreichen würde. Dass Vanu, dass unser Kind, dass alles, wofür wir gekämpft hatten, diesen Moment überleben würde.
Ich saß neben Vanu und spürte, wie ihre Brust unter der Stasiskapsel leicht hob und senkte. Jeder Atemzug war ein Triumph über das, was in den letzten Wochen geschehen war. Die Ärzte arbeiteten ruhig und präzise, überprüften Sensoren, manipulierten Hologramme und passten die Einstellungen der Stasekammer an, während Valentina jeden Schritt kommentierte, um mich zu beruhigen. Ich konnte fühlen, wie sich ihre Hand fest in meine schloss, die Wärme ihrer Finger war ein Anker inmitten des kontrollierten Chaos.
Gal stand ein paar Schritte hinter mir, die Arme verschränkt, und beobachtete alles mit einer Mischung aus Neugier und Besorgnis. Ihre Stirn war leicht gerunzelt, als würde sie jeden Handgriff, jede Veränderung im System genau analysieren. Ich konnte sehen, dass sie nicht wirklich entspannte, aber in ihren Augen lag auch eine leise Hoffnung, dass alles gut gehen würde. Ich erinnerte mich an unser Gespräch über die SSA. Ihr Gesicht hatte sich dabei verändert, weniger die Kälte einer Geheimagentin, mehr die Überlegung einer Frau, die endlich eine Perspektive sah. Ich wusste, dass sie überlegte, mein Angebot anzunehmen, in der gleichen Abteilung zu arbeiten wie Tahl, ihren Halbbruder. Ich konnte ihre Motivation erkennen: die Arbeit als Agentin im Regierungsdienst hatte ihr nie die Erfüllung gegeben, die sie suchte, und unsere gemeinsame Erfahrung hatte das Verhältnis zwischen ihr und Tahl von frostig zu menschlich verändert.
Die Ärzte hatten Vanu vorsichtig aus der Stasekammer gehoben und auf die Liege im Untersuchungsraum gesetzt. Ich beugte mich leicht vor, um sie zu stützen, spürte die Hitze ihres Körpers, die Anspannung in ihren Gliedern. Valentina überprüfte ihre Vitalwerte, während Gal neben mir stand, die Augen auf die Monitore gerichtet. Ich konnte ihre Gedanken beinahe spüren, die Abwägung zwischen Pflicht, Risiko und der Möglichkeit, etwas Gutes zu tun.
"Wir müssen langsam vorgehen," sagte Valentina, die Stimme ruhig, aber fest. "Ihr Herz, die Plazenta, alles muss stabilisiert werden, bevor wir weitere Schritte unternehmen." Ich nickte und hielt Vanus Hand noch fester. Jeder kleine Piepton auf den Monitoren war wie ein Herzschlag in meinem eigenen Körper.
Gal verschränkte die Arme noch fester und neigte leicht den Kopf, als wollte sie sich die Dynamik im Raum einprägen. Ich sah, wie sie die Chance abwog, Teil dieses Prozesses zu werden, nicht nur als Beobachterin, sondern als jemand, der wirklich Verantwortung tragen konnte. Sie hatte endlich das Gefühl, dass ihre Entscheidung Gewicht hatte, dass sie etwas verändern konnte. Ich ließ sie einen Moment bei ihren Gedanken, während Valentina und die Ärzte die ersten medizinischen Eingriffe vorsichtig begannen.
Jeder Handgriff, jedes Piepen, jede minimale Reaktion von Vanu ließ mich anspannen. Ich konnte sehen, wie Gal leicht den Atem anhielt, als Valentina die Werte analysierte, und ich fühlte, dass sie bereit war, diesen Schritt zu wagen – bereit, ihr Leben und ihre Fähigkeiten einem größeren Ziel zu widmen, das über Routineaufträge hinausging. Ich konnte nur hoffen, dass Vanu stabil blieb und dass wir gemeinsam einen Weg fanden, alles, was auf dem Spiel stand, zu retten.

Ich ließ mich schwer in den Stuhl fallen und spürte sofort die Müdigkeit in meinen Schultern, als die Tür hinter uns ins Schloss fiel. Die Cafeteria war stiller, als ich es erwartet hätte. Ein leises Summen lag in der Luft, unterbrochen vom Klicken und Surren der Getränke- und Essensautomaten. Das Licht war gedämpft, warmweiß, und reflektierte von den glatten Metalloberflächen der Tische. Vor uns leuchtete ein Display auf, das sich wie von selbst aktivierte, als wir uns setzten. Die Ärzte hatten Gal und mich rausgeworfen, da wir nur störten. Valentina hingegen durfte bleiben, weil sie die argonische Physiologie als Ärztin kannte.
"Was willst du nehmen?" fragte ich Gal, meine Stimme etwas heiser von den letzten Stunden.
Sie zog die Augenbrauen hoch, unsicher, und tippte zögerlich auf den Touchscreen. Ihr Finger zitterte leicht, als sie die Auswahl durchscrollte. Ich konnte sehen, dass sie nervös war – nicht wegen des Essens, sondern wegen der Präsenz des Roboters, der in der Nähe stillstand und uns zu beobachten schien, oder so wirkte es zumindest. Ihre Hände lagen eng auf dem Tisch, die Finger ineinander verschränkt, die Lippen leicht zusammengepresst.
"Ich nehme ein Terran Isotonic," sagte sie schließlich, "und… irgendwas, das wie Fleisch, Früchte und Gewürze aussieht."
Ich nickte, wählte für mich selbst eine Aldrin Star Cola und ein paar terranische Nutri-Protein-Riegel. Mein Blick streifte wieder Gal, die sich leicht aufrichtete, als das Display ihre Auswahl bestätigte. Ich konnte die Anspannung in ihrer Haltung sehen, die flüchtigen Blicke zur Tür und zum Roboter, der langsam auf uns zurollte, mit glatten, mechanischen Bewegungen, die eigentlich beruhigend sein sollten, es aber nicht waren.
"Keine Sorge," murmelte ich zu ihr, "das ist nur programmiert. Keine AGI."
Sie atmete tief durch, nickte leicht, und ihre Finger lösten sich langsam ineinander. Der Roboter blieb kurz vor uns stehen, die Servierplatte vor sich, und die kleinen mechanischen Arme bewegten sich exakt, wie auf Schienen geführt, um die Getränke und Speisen abzustellen. Gal starrte kurz auf das Gerät, dann auf ihre Bestellung, und ich sah, wie die Spannung aus ihren Schultern wich, als sie schließlich die Hand hob, um das Tablett zu greifen.
Ich selbst nahm meine Flasche und die Riegel, spürte das kalte Metall der Cola und das feste Gewicht der Riegel in meiner Hand. Die Cafeteria wirkte plötzlich weniger fremd, mehr wie ein Ort, an dem man für einen Moment durchatmen konnte. Wir setzten uns, und ich beobachtete, wie Gal langsam begann, zu essen, die Stirn immer noch leicht gerunzelt, aber ihre Augen funkelten vor einer Mischung aus Neugier und leichter Erleichterung. Ich konnte mich kaum erinnern, wann wir das letzte Mal einfach nur zusammengesessen und gegessen hatten, ohne dass sich Gefahr oder Notfall über uns legte.
Ich lehnte mich zurück, sah auf das Display auf unserem Tisch, das die Nährwerte und Zutaten auflistete, und versuchte, die Anspannung der letzten Stunden von mir abfallen zu lassen. Draußen in den Krankenräumen kämpfte Valentina noch, aber hier, in der Cafeteria, waren wir nur zwei Menschen, die versuchten, einen Moment Ruhe zu finden, während die Welt außerhalb weiter tobte.

Ich sah Gal an, während wir schweigend aßen. Die Cafeteria wirkte still um uns herum, nur das leise Summen der Geräte und das gelegentliche Klirren von Besteck durchbrach die Stille. Wir waren beide in unsere Gedanken versunken, meine Finger umklammerten die Star Cola, während ich abwechselnd die Riegel betrachtete. Gal kaute langsam, ihre Augen auf den Tisch gerichtet, die Stirn leicht gerunzelt, als sie ihre Worte sammelte.
"Ich… ich wollte dir danken," begann sie schließlich, ihre Stimme leise, beinahe zögerlich. "Für alles, was du für meinen Vater Roland getan hast, für Tahl… und auch für mich. Dass du die Beziehung zwischen uns in den letzten drei Jahren verbessert hast… das bedeutet mir unglaublich viel."
Ich nickte nur, die Schultern leicht entspannt. Sie wirkte ernst, aufrichtig, und ihre Augen funkelten unter den dunkelbraunen Lidern. Sie fuhr fort, sich zu entschuldigen, weil sie sich wiederholte, aber ich winkte nur ab. Ich wollte ihr nicht das Gefühl geben, dass sie sich erklären müsste.
Nach einem Moment des Schweigens wechselte sie das Thema, als hätte sie lange darüber nachgedacht. Ihre Hand legte sich flach auf den Tisch, die Finger leicht gespreizt, als wollte sie die Worte greifbar machen.
"Ich… habe über etwas nachgedacht," sagte sie, die Stimme nun fester. "Über einen beruflichen Wechsel. Mehr oder weniger. Die SSA von deinem Unternehmen… ich kenne mich mit Spionage, Sabotage und Cyberangriffen aus. Und dein Angebot, Teil dieser Abteilung zu werden… ich würde es gerne annehmen. Aber nicht sofort. Ich brauche Zeit. Einige Wochen, vielleicht Monate, um alles zu regeln."
Ich beobachtete sie, wie sie mit den Fingern leicht über die Tischkante strich, ihre Augen dabei auf meine gerichtet, suchend nach einer Reaktion. Ich konnte die Mischung aus Entschlossenheit und Vorsicht spüren, die in ihr kämpfte. Ein Lächeln huschte über mein Gesicht.
"Du musst dich nicht beeilen," antwortete ich ruhig. "Ich weiß, dass du alles ordentlich vorbereiten willst. Nimm dir die Zeit, die du brauchst. Ich bin froh, dass du überhaupt darüber nachdenkst."
Gal lehnte sich leicht zurück, atmete aus, und für einen Moment konnte ich sehen, wie die Anspannung von ihren Schultern fiel. Wir aßen weiter, das Geräusch von Besteck und leise summenden Maschinen füllten den Raum, aber die Schwere der vergangenen Wochen schien ein kleines Stück von uns abzufallen.

Ich saß da, die Hände um die Space Cola geklammert, während meine Gedanken wie Sturmwellen durch meinen Kopf jagten. Ich wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, hatte kaum auf die Uhr geachtet. Erst als Valentina, müde und verschwitzt, hinter uns auftauchte und sich zu Gal und mir setzte, wurde mir bewusst, dass etwas geschehen war. Ihre Schultern hingen leicht nach vorne, die Augenringe deuteten auf Schlafmangel hin, und doch blitzte ein schwaches, erschöpftes Lächeln über ihr Gesicht, als sie sich setzte. Sie bestellte sich etwas zu essen und einen Space Coffee, und ich konnte kaum erwarten, dass sie sprach.
Sie begann zu erzählen, und jede ihrer Bewegungen, jedes leichte Zucken der Hände, jedes Nachjustieren ihres Stuhls unterstrich ihre Müdigkeit und die Anspannung, die noch in ihr hing. "Vanu geht es gut," sagte sie schließlich, ihre Stimme ruhig, aber mit einer leisen Dringlichkeit. "Sie schläft, ist nicht mehr in einem künstlichen Tiefschlaf oder einer Stase. Sie braucht jetzt Ruhe und Erholung, aber es besteht keine Lebensgefahr. Ihr Körper wird über Infusionen mit allen wichtigen Mineralien und Nährstoffen versorgt."
Kaum hatte sie diese Worte gesprochen, rollte ein Serviceroboter an unseren Tisch heran und stellte die Bestellung ab. Valentina zuckte leicht zusammen, die Augen geweitet, als wäre sie überrascht von der Präsenz des Roboters, doch genauso wie Gal fing sie sich schnell wieder. Wir nahmen alle einen großen Schluck unserer Getränke, und Valentina musste husten, als sie sich verschluckte, ihr Gesicht verzog sich, die Hände griffen reflexartig nach der Tasse. Danach kaute sie auf dem Nektar Slab herum, der in der Speisekarte als Hochleistungsnahrung bezeichnet war, die Textur leicht klebrig, süß und dennoch kraftvoll nährend.
Ich spürte ein Brennen in den Fingern, die Ungeduld und Sorge stiegen in mir hoch. Ich konnte nicht länger schweigen. "Wie… wie geht es dem Fötus?" fragte ich schließlich, die Stimme etwas rau, ein Hauch von Angst und Hoffnung darin.
Valentina schluckte ihre Nahrung hinunter, atmete kurz durch und sah mir dann in die Augen. "Der Fötus wurde in einen Aufzuchttank transferiert," sagte sie, die Stimme sachlich, aber klar. "Dort wächst er nun stabil und überwacht in einer künstlichen Gebärmutter weiter. Das synthetische Fruchtwasser wird konstant gefiltert, um Schadstoffe der jeweils 'fremden' DNA-Anteile zu neutralisieren. Gene wurden entnommen und untersucht, um zu bestimmen, welche per CRISPR modifiziert werden müssen."
Ich hörte ihr zu, jede Silbe in mir aufsaugend, das Herz schlug schneller, die Hände legten sich wie von selbst auf den Tisch. Valentina ließ keinen Zweifel daran, dass dies kein Fall für einfache Medikamente oder Pflaster war. "Das ist Bio-Engineering," erklärte sie ruhig. "Die fast 900 Jahre alten Mutationen der Argon-DNA werden mit der Terra-DNA abgeglichen. Inkompatibilitäten bei den Zellrezeptoren werden geglättet. Beim epigenetischen Remodeling werden die 'Schalter' der Gene künstlich so eingestellt, dass der Fötus mit der Schwerkraft der Erde klarkommt, ohne Fehlbildungen zu entwickeln."
Sie sah mich direkt an, die Augen ernst, violett leuchtend im Licht der Cafeteria. "Auf Terra und Aldrin gibt es einen medizinischen Fachbegriff dafür: Terra-Xeno-Inkompatibilitäts-Syndrom. TXIS."
Ich lehnte mich zurück, atmete tief durch, die Handflächen flach auf dem Tisch. Ein Teil von mir war erleichtert, dass Vanu und das Kind eine Chance hatten, aber die Wissenschaft, die nötig war, um das zu ermöglichen, überwältigte mich. Mein Blick wanderte zu Gal, die still neben mir saß, die Finger um ihre eigene Tasse gekrallt, das Gesicht nachdenklich, beinahe ehrfürchtig. Ich wusste, dass wir noch lange nicht durch waren. Die Herausforderung war größer, als alles, was ich bisher erlebt hatte. Und doch, zwischen Sorge und Hoffnung, spürte ich ein seltsames, klares Gefühl von Dringlichkeit und Verantwortung. Ich musste für sie alle da sein.

Ich sah Valentina an, ihr erschöpftes Gesicht im Licht der Cafeteria, die Schultern noch immer leicht nach vorne gebeugt, die Hände um ihre heiße Tasse geklammert. "Warum gibt es in der argonischen Föderation nicht diese Art von Medizin?" fragte ich, die Stimme ruhig, aber drängend, weil ich die Antwort unbedingt wissen musste.
Valentina atmete tief durch, die Augen leicht zusammengekniffen, als würde sie nach den richtigen Worten suchen. "In dieser Hinsicht stecken die Argonen noch mehr oder weniger in der Entwicklungsphase," antwortete sie, der Klang ihrer Stimme war matt, fast erschöpft, als hätte sie die letzten Stunden kaum Energie gehabt, sich zu konzentrieren. Sie wischte sich mit der Hand über die Stirn, die langen petrolfarbenen Haare fielen in unordentlichen Strähnen ins Gesicht, und sie schob sie zur Seite, um mich direkt anzusehen.
Während der Behandlung von Vanu und dem Fötus hatte sie Gelegenheit gehabt, sich mit den terranischen und aldrianischen Ärzten auszutauschen. Ihre Augen verengten sich leicht, als sie mir erklärte, was sie erfahren hatte: "Die Erde und Aldrin hatten in den letzten fast 900 Jahren Zeit, ihre Sonnensysteme zu besiedeln und all die damit einhergehenden Probleme zu bewältigen. Die medizinische Forschung und die genetische Anpassung konnten so über Jahrhunderte reifen. Bei den Argonen ist das anders."
Ich beobachtete, wie sie sprach, ihre Hände leicht gestikulierten, als wollte sie die Komplexität der Situation sichtbar machen. "Obwohl die Argonen ebenfalls über 800 Jahre lang von der Erde isoliert waren, wie Aldrin, hat sich ihre Expansion in den ersten Jahrhunderten nur langsam vollzogen. Immer wieder gab es Angriffe von Terraformern – den sogenannten Xenon –, die ihre Fortschritte behinderten. Erst in den letzten Jahrhunderten hat die Expansion exponentiell zugenommen, weshalb die Siedler auf anderen Planeten genetisch noch nicht weit genug von den Argonen entfernt sind."
Ich nickte langsam, die Gedanken rasten in mir. Die Schwere dieser Information traf mich tief. Jede Bewegung, jeder Atemzug von Valentina unterstrich, wie hart sie in den letzten Stunden gearbeitet hatte, und wie viel Verantwortung auf uns allen lastete. Ihre erschöpften Augen zeigten nicht nur Müdigkeit, sondern auch Entschlossenheit, und in mir stieg eine Mischung aus Bewunderung und Resignation auf. Ich konnte kaum fassen, wie kompliziert alles war, wie viele Faktoren in den Erfolg der Rettung meines Kindes und meiner Frau hineinspielten.
"Also," sagte ich schließlich, die Stimme etwas härter, um meine eigenen Nerven zu beruhigen, "diese ganze Arbeit, die wir hier machen, diese ganzen Eingriffe – das gibt es bei den Argonen einfach noch nicht."
Valentina nickte, ein schwaches Lächeln huschte über ihr Gesicht, das ihre Erschöpfung nicht verbergen konnte. "Genau," antwortete sie leise. "Hier haben wir die Technologie, das Wissen und die Erfahrung, die notwendig sind. Und selbst dann… selbst dann ist es ein Balanceakt zwischen Wissenschaft und Risiko."
Ich lehnte mich zurück, die Hände auf der Tischplatte verschränkt, und starrte in meine leere Tasse. Die Cafeteria summte leise im Hintergrund, ein konstantes, monoton klingendes Geräusch, das mich kaum erreichte. Die Realität, dass wir hier die einzige Chance für Vanu und unser Kind hatten, lastete wie ein Stein auf meiner Brust. Meine Gedanken drifteten ab, in alle möglichen Szenarien, aber eine Erkenntnis blieb: Wir hatten keine Wahl, wir mussten auf Aldrin bleiben, wir mussten auf diese Ärzte vertrauen, und wir mussten stark bleiben, egal wie erschöpft wir waren.

Ich bemerkte, wie sich etwas in Valentinas Gesicht veränderte. Die Blässe wich langsam, kehrte zurück in ein lebendigeres, wärmeres Hautbild, und auch ihre Augen wirkten klarer, wacher. Der Space Coffee zeigte Wirkung. Ihre Schultern richteten sich ein wenig auf, die zuvor leicht eingefallene Haltung wich einer kontrollierten, bewussteren Präsenz. Es war, als würde sie sich Stück für Stück wieder zusammensetzen – Ärztin, Frau, Partnerin. Dann griff sie nach meinen Händen. Ihre Finger waren noch kühl, aber der Griff war fest. Bestimmt. Sie sah mir direkt in die Augen, tief, ohne auszuweichen. Ich wusste, wie ich aussah – meine grünblauen Augen unter den mittlerweile zu langen schwarzen Haaren, die mir immer wieder in die Stirn fielen. Für einen absurden Moment dachte ich tatsächlich daran, dass ich dringend zum Friseur musste. Ein vollkommen unpassender Gedanke. Und doch war er da. Vielleicht, weil mein Kopf versuchte, sich an irgendetwas Normales zu klammern.
"Ich muss mit dir reden. Unter vier Augen."
Ihre Stimme war ruhig, aber darunter lag etwas, das ich nicht sofort greifen konnte. Spannung. Entschlossenheit.
Gal lehnte sich zurück, ein leichtes Grinsen auf den Lippen, und hob die Hände in einer spielerischen Geste. "Du darfst ihn entführen. Wir haben alles geklärt."
Ich warf ihr einen kurzen Blick zu, ein kaum merkliches Schnauben entwich mir, bevor ich mich wieder Valentina zuwandte und nickte. Ohne ein weiteres Wort standen wir auf und verließen die Cafeteria.
Draußen empfing uns die Luft von Aldrin – klar, kühl, mit einem kaum wahrnehmbaren metallischen Unterton, der von den umliegenden Strukturen stammen musste. Ich hob den Blick. Über uns spannte sich ein Himmel, der vertraut und fremd zugleich war. Am Rand des Systems leuchtete ein winziger, dunkler Punkt – Brooks. Ein brauner Zwerg, kaum mehr als ein matter Glanz. Und doch war er da. Präsenz ohne Strahlkraft. Dominanter war Solara. Gelblich, kräftig, lebendig. Ihr Licht war weicher als das der Sonne, die ich aus meiner alten Realität kannte, aber intensiver in seiner Streuung. Aldrin lag als vierter Planet in der habitablen Zone – zusammen mit zwei weiteren Welten. Ich runzelte leicht die Stirn. Solara musste größer sein als Sol. Oder die Umlaufbahnen enger. Vielleicht spielte Brooks eine gravitative Rolle. Ich schnaubte leise. Ich war kein Astronom.
Wir setzten uns auf eine gepolsterte Bank unter einem überdachten Bereich. Das Material gab leicht nach, als ich mich zurücklehnte, während Valentina neben mir saß. Sie wirkte plötzlich wieder angespannt. Ihre Hände lagen in ihrem Schoß, und ich sah, wie ihre Finger sich ineinander verhakten, sich lösten, wieder ineinander griffen. Nervös.
"Was ist los?"
Ich drehte den Kopf zu ihr, suchte ihr Gesicht. Dann kam es. Ohne Vorwarnung. Ohne Umschweife.
"Ich will ein Kind von dir."
Die Worte trafen mich wie ein Schlag. Ich blinzelte. Mein Kopf brauchte mehrere Sekunden, um überhaupt zu verarbeiten, was sie gesagt hatte. Mein Blick blieb auf ihr hängen, während in mir alles gleichzeitig arbeitete – Überraschung, Verwirrung, ein plötzliches Ziehen in der Brust.
"Was…?" Mehr brachte ich im ersten Moment nicht heraus. Ich fuhr mir kurz mit der Hand durch die Haare, atmete aus, versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen. "Und was ist mit deinem Plan?" Ich sah sie direkt an. "Du wolltest erst ein paar Jahre arbeiten. Dir etwas aufbauen."
Valentina schüttelte den Kopf, sofort, ohne zu zögern. Ihre Augen waren fest auf mich gerichtet.
"Das war früher." Ihre Stimme war jetzt klar. Stabil. "Hier… jetzt… ist alles anders. Wir sind auf Aldrin. Die medizinischen Möglichkeiten…" Sie hielt kurz inne, suchte nach den richtigen Worten, während ihre Finger sich erneut ineinander verschränkten. "Wir werden diese Chance vielleicht nie wieder bekommen. Nicht in dieser Form. Nicht mit diesem Zugang. Nicht mit dieser Überwachung."
Ich spürte, wie sich mein Gesicht leicht verzog. Nicht aus Ablehnung, sondern weil mein Kopf versuchte, mit der Geschwindigkeit ihrer Gedanken mitzuhalten. Ich setzte an, etwas zu sagen, aber sie ließ mich nicht.
"Es wäre nicht wie bei Vanu." Ihre Stimme wurde eindringlicher, ihre Hände lösten sich und griffen nach meinem Unterarm. "Wir würden von Anfang an eingreifen. Bei der künstlichen Befruchtung. Genetische Unstimmigkeiten würden direkt korrigiert. Kein Risiko wie jetzt." Sie beugte sich leicht vor, ihre Augen suchten meine. "Und wir bleiben noch hier. Wochen. Vielleicht Monate. Unter ärztlicher Aufsicht. Permanent." Ein kurzer Atemzug. "Ich wollte dich nicht überrumpeln." Jetzt wurde ihre Stimme leiser. Fast vorsichtig. "Ich will nur… dass wir gemeinsam zu einem Gespräch gehen. Mit den Ärzten. Uns alles erklären lassen."
Stille. Ich sah sie an. Wirklich an. Ihre Anspannung. Ihre Hoffnung. Diese Mischung aus Rationalität und etwas sehr Persönlichem, sehr Menschlichem. Mein Blick wanderte kurz zum Himmel. Zu Solara. Zu Brooks. Dann wieder zurück zu ihr. Ich merkte, dass ich nicht lange brauchte. Vielleicht hätte ich es früher getan. Vielleicht später. Aber nicht jetzt. Jetzt war es klar.
"Okay." Meine Stimme war ruhig. Fest. "Wir machen den Termin."
Ich sah, wie sich ihre Schultern minimal entspannten, wie ein kaum sichtbarer Druck von ihr abfiel. Und in diesem Moment wusste ich, dass sich etwas verschoben hatte. Nicht nur zwischen uns. Sondern in allem, was vor uns lag.

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Kapitel 26 - Namen

Ich saß an Vanus Bett und spürte, wie sich die Zeit in diesem Raum anders verhielt. Gedämpft. Schwer. Jeder Atemzug schien länger zu dauern, jede Bewegung bewusster. Die sterile, klare Luft des Krankenzimmers roch nach Desinfektionsmitteln und synthetischer Frische. Sanftes Licht fiel von oben herab, nicht grell, sondern bewusst weich gehalten, als wolle man den Körper nicht zusätzlich belasten. Neben mir saß Valentina. Ihre Haltung war aufrechter als noch vor Stunden, doch ich konnte die Spuren der letzten Tage in ihrem Gesicht lesen. Die feinen Linien um ihre Augen, die leicht trockenen Lippen, die Konzentration, mit der sie jede Regung von Vanu beobachtete. Und Vanu… Sie lag da, wach. Nach Wochen. Ihre Augen waren geöffnet, aber noch schwer, als müsste sie sich erst wieder an das Sehen gewöhnen. Ihr Blick wanderte langsam durch den Raum, blieb an mir hängen, dann an Valentina. Ich sah, wie ihre Pupillen sich anpassten, wie ihr Bewusstsein Stück für Stück zurückkehrte. Ihre Haut war blass, aber nicht mehr leblos. Ihre Atmung ruhig, unterstützt, aber eigenständig. Ich beugte mich leicht vor, meine Hände lagen auf meinen Knien, die Finger ineinander verschränkt, um das Zittern zu kontrollieren, das ich nicht ganz unterdrücken konnte.
"Hey…"
Meine Stimme war leise. Vorsichtig. Vanu blinzelte. Ein kaum sichtbares Zucken ging durch ihr Gesicht, als würde sie versuchen, meine Stimme einzuordnen, sie mit Erinnerungen zu verknüpfen. Valentina rückte etwas näher, ihre Stimme professionell ruhig, aber mit einem weichen Unterton.
"Du bist in Sicherheit. Auf Aldrin. Im Krankenhaus."
Ein kurzer Moment verging.
Dann bewegten sich Vanus Lippen. Trocken. Zögerlich.
"…wie lange…?"
Ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauch. Ich schluckte.
"Ein paar Wochen."
Ich sah, wie sich ihre Stirn minimal zusammenzog. Nicht aus Panik. Eher aus dem Versuch, die Zeit zu begreifen. Valentina übernahm, strukturierter, klarer. Sie wusste, dass Vanu Antworten brauchte. Fakten. Orientierung.
"Es gab Komplikationen nach der Entnahme des Fötus," begann sie ruhig. "Wir mussten dich länger im künstlichen Schlaf halten, um deinen Körper zu stabilisieren."
Ich beobachtete Vanu genau. Jede Regung. Jede Veränderung in ihrer Mimik. Valentina fuhr fort, sachlich, aber nicht kalt.
"Der Fötus hat deinem Körper viel Kalzium entzogen. Das hat zu einer leichten Form von Osteoporose geführt."
Vanus Augen bewegten sich leicht, als würde sie die Information abspeichern, einordnen.
"Zusätzlich kam es zu schweren Stoffwechselstörungen und einer Schädigung der Nebennierenrinde."
Ich sah, wie sich ihre Finger minimal in die Decke krallten.
"Es gab auch postpartale Blutungen. Deine Gebärmutter war überdehnt."
Ein kurzer Atemzug.
"Dein Immunsystem ist geschwächt."
Ich spürte, wie sich mein Magen zusammenzog, während ich jedes Wort hörte, obwohl ich all das bereits wusste. Es klang anders, es so ausgesprochen zu hören. Endgültiger. Realer. Valentina zögerte einen Moment, dann sprach sie weiter.
"Und… es gibt eine Oxytocin-Diskrepanz. Außerdem sensorische Deprivation. Die Schwangerschaft wurde nicht natürlich abgeschlossen."
Stille. Ich sah Vanus Gesicht. Die Art, wie ihre Augen sich schlossen, nur für einen kurzen Moment. Nicht aus Erschöpfung. Sondern, um all das zu verarbeiten. Ich konnte nicht anders, als meine Hand vorsichtig nach ihrer auszustrecken. Meine Finger legten sich sanft um ihre. Ihre Haut war warm. Schwach, aber lebendig.
"Du bist hier," sagte ich leise. "Das ist das Wichtigste."
Ihre Finger bewegten sich leicht. Ein schwacher Druck. Antwort. Valentina atmete leise aus, dann fügte sie hinzu, diesmal mit einem Hauch Zuversicht in der Stimme:
"Aldrin und Terra haben Erfahrung mit solchen Hybrid-Schwangerschaften. Die lange künstliche Schlafphase war notwendig, aber sie hat deinem Körper auch Zeit gegeben, sich zu regenerieren. Sie haben dich langsam wieder aufgebaut."
Ich nickte, obwohl sie es nicht zu mir sagte. Vanu öffnete die Augen wieder, sah zwischen uns hin und her. Fragend. Suchend. Ich wusste, was als Nächstes kommen würde. Die Frage, die unausweichlich war. Und ich spürte, wie sich mein Griff um ihre Hand unbewusst verstärkte.

Ich spürte, wie sich die Anspannung in mir für einen kurzen Moment löste, als Valentina und ich gleichzeitig lächelten. Es war kein lautes, überschwängliches Lächeln, sondern eines, das tief saß – getragen von Erleichterung, von vorsichtiger Hoffnung.
"Dem Baby geht es gut."
Meine Stimme war ruhig, aber ich merkte selbst, wie viel Gewicht in diesen wenigen Worten lag. Valentina nickte leicht und ergänzte, professionell, aber mit einem warmen Unterton:
"Es wurde in eine künstliche Gebärmutter transferiert. Es wird rund um die Uhr überwacht und versorgt."
Ich sah, wie sich Vanus Gesicht veränderte. Die Anspannung wich, ihre Augen wurden klarer, feuchter. Hoffnung.
"Kann ich… es sehen?"
Ihre Stimme war noch schwach, aber darin lag etwas Festes. Etwas Unerschütterliches. Ich nickte sofort, ohne zu zögern.
"Ja."
Valentina stand auf, und genau in diesem Moment geschah es. Vanu sah es. Die leichte, aber unverkennbare Wölbung unter Valentinas Kleidung. Es war kein großer Bauch, nichts Dominantes – aber bei ihrem zierlichen Körperbau war es unübersehbar. Ein sanfter, früher Hinweis auf das, was in ihr heranwuchs. Die Stille im Raum veränderte sich schlagartig.
"…wann ist das passiert?"
Vanus Stimme hatte einen anderen Klang angenommen. Nicht schwach. Nicht brüchig. Sondern… überrascht. Wach. Ich drehte den Kopf zu Valentina. Und sah, wie sie rot anlief. Nicht nur leicht. Sondern schlagartig. Ihre Wangen färbten sich tief, ihre Augen weiteten sich minimal, und für einen Moment wirkte sie tatsächlich überfordert. Als hätte man sie bei etwas ertappt, das sie nicht erklären konnte – oder wollte. Sie öffnete den Mund. Schloss ihn wieder. Suchte nach Worten. Fand keine. Ich konnte nicht anders, als ein leichtes Ziehen in meinen Mundwinkeln zu spüren. Dann kam Vanu ihr zuvor. Mit einem spöttischen Lächeln. Und diesem ganz bestimmten Tonfall.
"Ihr beide scheint ja sehr viel Spaß in der Zwischenzeit gehabt zu haben."
Ich atmete leise aus. Fast ein stummes Lachen. Valentina sah aus, als würde sie am liebsten im Boden versinken. Doch bevor sie sich weiter winden konnte, griff Vanu nach ihrer Hand. Langsam, aber bestimmt. Sie zog sie zu sich heran, und obwohl ihre Bewegungen noch schwach waren, lag darin eine klare Absicht. Dann umarmte sie sie. Fest. Echt. Ich sah, wie Valentinas Körper erst kurz verharrte – überrascht von der plötzlichen Nähe – und sich dann entspannte. Ihre Arme legten sich vorsichtig um Vanu, als hätte sie Angst, ihr weh zu tun. Und dann sagte Vanu, leise, aber deutlich:
"Herzlichen Glückwunsch, Schwester."
In diesem Moment passierte etwas, das ich kaum in Worte fassen konnte. Ich sah es in ihren Gesichtern. In ihren Augen. Das, was jahrelang zwischen ihnen gestanden hatte – Distanz, Misstrauen, unausgesprochene Spannungen – brach einfach weg. Nicht langsam. Nicht schrittweise. Sondern vollständig. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Erst bei Vanu. Dann bei Valentina. Tränen, die nicht aus Schmerz kamen. Sondern aus Erleichterung. Aus Verbindung. Ich stand daneben und spürte, wie sich meine Brust zusammenzog. Nicht vor Sorge. Sondern vor etwas, das sich fast fremd anfühlte. Frieden. Sie waren nicht biologisch verwandt. Nicht durch Blut verbunden. Nur durch mich. Durch unsere Entscheidungen. Durch das, was wir gemeinsam durchgestanden hatten. Und doch war in diesem Moment klar, dass das keine Rolle spielte. Sie waren Schwestern. Nicht auf dem Papier. Sondern in allem, was zählte. Ich trat einen halben Schritt näher, legte meine Hand vorsichtig auf Valentinas Rücken, spürte die Wärme ihres Körpers, die leichte Anspannung, die langsam nachließ. Und zum ersten Mal seit langer Zeit hatte ich das Gefühl, dass etwas wirklich… richtig war.

Ich hatte nicht erwartet, dass mich dieser Raum so treffen würde. Schon beim Betreten schlug mir eine kontrollierte, beinahe klinische Ruhe entgegen, die sich deutlich von den übrigen Bereichen des Krankenhauses unterschied. Keine hastigen Schritte, keine Gespräche, kein hektisches Arbeiten. Nur ein gleichmäßiges, kaum hörbares Summen – wie das tiefe Atmen einer Maschine, die perfekt funktionierte. Valentina ging einen halben Schritt vor mir, ihre Bewegungen bewusst langsam, fast ehrfürchtig. Vanu stützte sich leicht an meinem Arm ab. Ihr Körper war noch schwach, jede Bewegung kostete sie sichtbar Kraft, doch in ihrem Blick lag etwas Unnachgiebiges. Sie wollte hier sein. Unbedingt. Die Reifekammer öffnete sich lautlos vor uns. Der Raum dahinter war groß, aber nicht leer. Im Zentrum stand die künstliche Gebärmutter – ein geschlossenes, halbtransparentes System, eingebettet in eine komplexe Struktur aus medizinischen Modulen, Leitungen und schwebenden Interfaces. Nichts wirkte improvisiert. Alles hatte seinen festen Platz, jede Komponente schien Teil eines perfekt abgestimmten Ganzen zu sein. Das eigentliche Leben darin blieb verborgen. Kein Blick ins Innere. Keine direkte Sicht. Stattdessen aktivierte sich, kaum dass wir eintraten, ein dreidimensionales Hologramm über der Anlage. Es entstand ohne Verzögerung. Lichtpunkte sammelten sich, verbanden sich, formten Konturen – und dann war es da. Unser Kind. Ich hielt unwillkürlich den Atem an. Das Hologramm zeigte den Fötus in beeindruckender Detailtiefe. Jede Bewegung, jede minimale Veränderung wurde in Echtzeit dargestellt. Die Oberfläche wirkte transluzent, halb wissenschaftliche Visualisierung, halb lebensechte Projektion. Organe waren angedeutet, Blutfluss als sanfte, pulsierende Lichtströme sichtbar gemacht. Ich spürte, wie sich meine Finger unbewusst fester um Vanus Arm legten.
"Das… ist es?"
Meine Stimme war leise. Valentina nickte kaum merklich, trat näher an das Hologramm heran. Ihre Augen bewegten sich schnell, analysierend, während gleichzeitig etwas Weiches darin lag, das ich sonst nur selten bei ihr sah.
"Das ist die Echtzeitprojektion," sagte sie ruhig. "Alle Vitalwerte, Wachstumsparameter, genetischen Anpassungen – alles wird hier visualisiert."
Vanu machte einen kleinen Schritt nach vorne. Ich spürte, wie sie sich leicht von mir löste, als würde sie die letzten Zentimeter alleine gehen wollen. Ihre Hand hob sich zögerlich, als wollte sie das Hologramm berühren, hielt aber kurz davor inne. Ihre Lippen zitterten leicht.
"Es… bewegt sich."
Ich folgte ihrem Blick. Und ja. Es bewegte sich. Kleine, unkoordinierte Bewegungen. Ein leichtes Zucken der Gliedmaßen. Ein langsames Drehen. Nichts Bewusstes – und doch mehr als genug, um es real zu machen. Valentina trat neben sie, ihre Stimme jetzt leiser, fast sanfter.
"Die neuronale Aktivität ist stabil. Die Entwicklung verläuft innerhalb der optimalen Parameter."
Ich hörte die Worte, aber mein Blick blieb auf dem Hologramm. Auf diesem kleinen, zerbrechlichen Körper, der gleichzeitig das Zentrum von allem war.
"Die künstliche Umgebung gleicht die Unterschiede zwischen den DNA-Strukturen aus," fuhr Valentina fort. "Das Fruchtwasser wird kontinuierlich angepasst. Alle potenziell schädlichen Wechselwirkungen werden neutralisiert."
Ich nickte langsam, obwohl ich kaum bewusst zuhörte. Vanu hingegen… sie hörte alles. Ich sah es in ihrem Gesicht. Wie sie jedes Wort aufnahm. Verarbeitete. Verstand. Und gleichzeitig einfach nur… sah. Ihre Augen füllten sich erneut mit Tränen, aber diesmal liefen sie nicht sofort. Sie blieben stehen, als würde selbst ihr Körper diesen Moment konservieren wollen.
"Das ist unser Kind…"
Es war keine Frage. Nur eine Feststellung. Ich trat neben sie, legte vorsichtig meine Hand auf ihren Rücken, spürte die Wärme ihres Körpers, die leichte Anspannung in ihrer Muskulatur.
"Ja."
Mehr brauchte es nicht. Valentina stand auf der anderen Seite, ihre Arme locker vor dem Körper verschränkt, doch ich sah, wie sich ihre Finger immer wieder leicht bewegten – ein Zeichen dafür, dass sie sich beherrschen musste, nicht in den rein fachlichen Modus zu verfallen. Für einen Moment sagte niemand etwas. Nur das leise Summen der Systeme war zu hören. Und das pulsierende Licht im Hologramm. Dann beugte sich Vanu ein kleines Stück näher, ihre Stimme kaum mehr als ein Flüstern.
"Bleib stark…"
Ich wusste nicht, ob sie es zu sich sagte. Zu dem Kind. Oder zu uns allen. Aber ich spürte, wie sich etwas in mir veränderte. Dieses Hologramm war mehr als eine Darstellung. Es war ein Versprechen. Und gleichzeitig eine Verantwortung, die schwerer wog als alles, was ich bisher getragen hatte.

Ich spürte, wie sich eine unerwartete Schwere in der Luft festsetzte, als Valentina sich den Gürtel umlegte. Sekunden später schwebte das zweite Hologramm neben dem ersten, kleiner, zarter, noch nicht so entwickelt, aber lebendig, wie es nur sein konnte. Das Licht der Projektion spiegelte sich in unseren Augen, tanzte auf Vanus blasser, leicht glänzender Haut und auf Valentinas ebenmäßigen Gesichtszügen. Valentina hielt sich den Bauch, ihre Finger zitterten kaum merklich, als wollte sie das Kind spüren, ohne es wirklich berühren zu können.
"In ein paar Wochen muss unser Kind auch in eine Reifekammer."
Ich sah ihr an, wie sehr sie dieses Kind austragen wollte, und gleichzeitig, wie bewusst sie sich der tödlichen Risiken war. Jede Bewegung ihres Körpers schien zwischen Entschlossenheit und Furcht zu schwanken. Ihr Atem war flach, ihr Blick nach unten gerichtet, konzentriert, fast meditativ. Vanu beugte sich vor, legte vorsichtig ihre Hand auf Valentinas Bauch, als würde sie die unsichtbare Verbindung zwischen Mutter und Kind spüren. Ihre Augen waren weich, voller Mitgefühl, und doch konnte ich den Schatten der Sorge darin erkennen.
"Sie sehen sich ähnlich," sagte Vanu schließlich, ihre Stimme ruhig, fast bewundernd.
Valentina ließ ein kurzes Lächeln zu, aber ihre Augen verrieten die Anspannung, die noch immer in ihr nagte.
"Tori ist ein dominanter Vererber," erwiderte sie, ihre Stimme klar, fest, aber mit einem Anflug von Nervosität.
Ich schwieg. Ich wollte den Moment wirken lassen, wollte die Stille nicht zerstören. Ich betrachtete die Hologramme, das erste, Vanus Kind – ein Junge, kräftig, mit einem Hauch von meiner eigenen Struktur in der Projektion. Daneben schwebte Valentinas Kind, zierlicher, feiner gezeichnet, ein Mädchen, dessen Anwesenheit sich dennoch stark anfühlte, fast wie eine stille, pulsierende Energie.
Dann wagte ich es, zu sprechen: "Habt ihr euch schon Namen überlegt?"
Beide Frauen sahen mich überrascht an. Ihre Augen weiteten sich, und für einen Moment schien die Realität des Moments sie zu übermannen. Offensichtlich hatten sie sich noch keine Gedanken darüber gemacht. Ich beobachtete, wie sie einander ansahen, wie ihre Hände kurz, fast unmerklich, die Oberflächen des Hologramms berührten, als wollten sie den Moment festhalten. Die Luft im Raum war warm, erfüllt von einer leisen Spannung und einem kaum wahrnehmbaren Summen der Reifekammer. Die Maschinen und Leitungen im Hintergrund wirkten wie stiller Zeuge dieses Augenblicks – ein Moment, der größer war als wir drei, größer als unsere Ängste und Hoffnungen. Ich konnte die Verantwortung spüren, die auf mir lastete. Zwei Leben, die noch nicht geboren waren, zwei Seelen, die von uns abhingen. Und ich wusste, dass wir in diesem Raum, in dieser Stille, das erste Kapitel ihrer Existenz gemeinsam schreiben würden. Ich ließ den Blick zwischen Vanus Kind und Valentinas Kind schweifen. Ein sanftes Pulsieren der Hologramme erinnerte mich daran, dass Leben hier nicht sichtbar war, und doch so greifbar. Mein Herz schlug schneller, die Anspannung in meinem Brustkorb wuchs, aber gleichzeitig spürte ich eine Wärme, die sich zwischen uns allen ausbreitete.
"Wir müssen uns wirklich Gedanken machen," sagte ich leise, mehr zu mir selbst als zu ihnen, doch meine Stimme war fest, getragen von einer Mischung aus Ehrfurcht und Verantwortung.
Beide Frauen nickten, die Hände immer noch auf den unsichtbaren, aber fühlbaren Körpern ihrer Kinder ruhend, und ich wusste, dass dieser Moment uns alle verändert hatte.

Draußen regnete es leicht, feine Tropfen glitten vom grauen Himmel, verdampften sofort beim Aufprall auf dem heißen Asphalt und hüllten die Umgebung in einen flüchtigen, schimmernden Nebel. Die Temperaturen waren gefallen, aber es war noch warm genug, dass die Luft angenehm feucht, schwer und zugleich klar wirkte. Durch die großen Panoramafenster der Cafeteria konnte ich das Schauspiel beobachten, während innen alles ruhig und trocken blieb. Die künstliche Beleuchtung reflektierte sich leicht in der Scheibe, überlagerte das flirrende Grau draußen und erzeugte eine fast geborgene Stimmung.
Valentina, Vanu und ich saßen zusammen an einem runden Tisch, die Mahlzeiten vor uns dampfend auf den Tellern, die Getränke in gläsernen Bechern leicht beschlagen. Vanu wirkte noch immer etwas schwach, ihre Augen, die sich von den Strapazen der letzten Wochen erholten, schimmerten ein wenig glasig, aber lebendig. Ihre Bewegungen waren vorsichtig, fast scheu, als wollte sie jeden Muskel schonen. Ich konnte ihre Hand auf den Tisch gelegt sehen, leicht zitternd, aber die Wärme ihrer Haut war spürbar. Valentina saß ihr gegenüber, wirkte selbst noch erschöpft, doch ihre Haltung war aufrechter, der Blick konzentriert, die Lippen leicht zusammengepresst, als wollte sie sicherstellen, dass sie jedes Wort von Vanu auffing.
Vanu schaute neugierig auf, ihre Augen groß hinter den feinen Wimpern: "Was habe ich alles verpasst, während ich geschlafen habe?"
Valentina antwortete mit ruhiger Stimme, die kaum die Müdigkeit verbarg: "Ich war die ganze Zeit hier auf Aldrin, habe mich um dich gekümmert und gleichzeitig auf meine eigene Schwangerschaft geachtet." Ihr Blick glitt kurz zu mir, eine stumme Bitte, dass ich die weiteren Details übernahm.
Ich räusperte mich, die Gabel noch in der Hand: "Ich bin nach Trantor gereist, habe die alte Handelsstation gekauft. Sie wird gerade umgebaut, den Auftrag hat Misora bekommen. Damit will ich sie finanziell wieder auf die Beine bekommen und ihr Arbeit geben, um sie von der Trauer über den Tod ihres Vaters abzulenken. Auch wenn sie behauptet, dass sie die Phase bereits hinter sich hätte." Ich sah, wie Vanu die Augen zusammenkniff, als wolle sie meine Worte aufnehmen und gleichzeitig bewerten, und wie Valentina leicht nickte, zufrieden, dass ich die Erklärung übernommen hatte.
Schließlich wandte sich unser Gespräch dem Thema zu, das seit Tagen zwischen uns schwebte: die Namen der Kinder.
Ein Lächeln legte sich auf Valentinas Gesicht, ihre Augen funkelten leicht. "Für das Mädchen haben wir uns für Hoshiko entschieden," sagte sie, "Sternenkind."
Ich nickte, spürte, wie sich in meiner Brust eine leise Wärme ausbreitete.
Dann ergriff Vanu das Wort: "Und für den Jungen haben wir Asahi gewählt – Morgensonne."
Vanu legte ihre Hand auf meinen Unterarm, ihre Finger warm und fest, ihre Augen glänzten, als sie den Namen wiederholte. Ein Moment der stillen Verbundenheit durchzog den Tisch, während draußen der Regen in unaufhörlichem, feinem Rhythmus fiel.
Ich stand auf, die Stühle quietschten leise unter meinem Gewicht. "Ich habe einen Termin," sagte ich knapp und spürte, wie sich die Muskeln in meinem Rücken anspannten. Valentina verzog das Gesicht, ein Ausdruck leiser Enttäuschung, der sich wie ein Schatten über ihre Züge legte. Vanu bemerkte es sofort, ihre Augen verengten sich leicht, fragend: "Was ist los?"
Valentina senkte den Blick, fast scheu, dann murmelte sie: "Er geht zur Konkurrenz."
Vanu legte den Kopf schief, die Stirn leicht gerunzelt: "Gibt es hier auch so etwas wie die Universal Nourishment Organization?"
Valentina antwortete leise, beinahe entschuldigend: "Es geht um eine Frau."
Ich war schon einen Schritt weiter weg, fühlte die Schwere, die sich wie eine Wand vor mir aufbaute, und tat so, als hätte ich nichts gehört. Ein merkwürdiges Ziehen in meinem Magen ließ mich innehalten. Ich spürte die Anspannung, das leichte Zittern in den Händen, den Druck auf den Schultern. Ich stand hier, in der Cafeteria, mit dem fernen Summen der Klimaanlagen im Hintergrund, während draußen der Regen einen Schleier über Aldrin legte, und ich fühlte mich, als würde ich vor einem schweren Bosskampf stehen, nicht wissend, welche Herausforderung mich hinter der nächsten Tür erwartete.

Ich hasse Perfektion.
Sie bietet keinen Platz für Kreation.

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Kapitel 27 - Unterschiede

Ich hatte das Krankenhaus hinter mir gelassen und war ein Stück zu Fuß gegangen. Die kühle, fast feuchte Luft draußen ließ mich die Gedanken ordnen, bevor ich meinen Termin wahrnehmen musste. Ich wollte nicht hetzen, wollte mir Zeit nehmen, um das Chaos in meinem Kopf zu sortieren. Über mir hing der graue Himmel, leichte Regentropfen glitten an meinem Kragen entlang und verdampften sofort, als sie den warmen Boden berührten. Es war ein seltsames, flüchtiges Zusammenspiel von Wasser und Dunst, und ich musste unwillkürlich lächeln. Die Gebäude um mich herum waren spärlich, niedrig, fast schützend. Fast alles lag unter der Erde. Seit Jahrhunderten hatte man auf Aldrin darauf gesetzt, die Infrastruktur in die Tiefe zu verlagern. Nur die wichtigsten Verwaltungs- und Handelsgebäude ragten über die Oberfläche, meist Kuppeln aus Metall und Glas, die das Licht von Solara einfingen und reflektierten. Ich konnte die Luft des unterirdischen Systems fast riechen, feucht, kühl, durchdrungen von einem Hauch mineralischer Kühle.
Ich trat in die Bibliothek. „Bibliothek“ war fast zu harmlos für das, was mich erwartete. Sie war eines von unzähligen redundanten Datenarchiven, die das Wissen von Aldrin konservierten. Die Hallen rochen nach Metall, polierten Böden und dem schwachen Duft alter Datenträger. Lichtstreifen zogen sich über die Wände, jede Projektion, jeder Hologramm-Server schwebte in einem leisen Summen. Ich ließ meine Hand über ein Geländer gleiten, spürte die glatte, kalte Oberfläche, und erinnerte mich daran, dass die Aldrianer alles unterirdisch angelegt hatten, um die Katastrophen des unruhigen Solara-Systems zu überdauern. Raumkatastrophen waren hier keine Seltenheit. Kollisionen von Planeten, implodierende Sterne, Novae in Nachbarsystemen – Aldrin hatte alles überstanden. Nach der Trennung und Abschaltung des Sprungtores zur Erde im Jahr 2145 war es besonders kritisch geworden. Die ersten kosmischen Ereignisse hatten die Oberfläche frontal getroffen, fast die gesamte Infrastruktur zerstört und viele Leben gekostet. Ich ging weiter durch die Korridore, spürte den leichten Widerstand der antigravitationsunterstützten Böden unter meinen Füßen, und fühlte, wie die Schwere der Jahrhunderte auf diesem Planeten in den Hallen lastete. Ich zog die Schultern zurück, atmete tief ein. Hier waren die Unterschiede zu Trantor, zu den Städten der Erde, augenfällig. Alles war auf Überleben, auf Stabilität ausgelegt. Kein Raum für Eitelkeiten oder unnötigen Prunk. Nur Effizienz, Wissen und Vorsicht. Meine Finger strichen über die Touchpanels, die holografischen Datenfenster flimmerten auf. Ich wusste, dass ich hier viel lernen würde, wenn ich mir die Zeit nahm, die Archive zu studieren. Die Unterschiede zwischen Aldrin, Terra und Argon waren nicht nur technischer Natur, sondern kulturell, biologisch und politisch. Und ich war mittendrin.

Ich ging weiter durch die Hallen des Datenarchivs. Die Wände waren hoch, das Licht gedämpft, Hologramme schwebten wie stille Zeugen über den Gängen, flimmerten kurz auf, um dann wieder zu verschwinden. Ich ließ meine Hand über die glatte Oberfläche eines Panels gleiten, spürte die feine Vibration der Antigrav-Technik darunter, und ließ mich auf eine Bank fallen, die fast wie eine schwebende Plattform wirkte. Meine Augen fixierten die Projektionen, die die Geschichte Aldrins zeigten, und ich tauchte ein in die Jahrhunderte, die der Planet überlebt hatte.
110 Jahre nach der Trennung vom Sprungtor, im Jahr 2255, erreichte das Terraformer-Kommandoschiff #D3C4, von vielen schlicht „Deca“ genannt, den Orbit von Aldrin. Ich studierte die Aufzeichnungen über das Schiff. Es war eines der wenigen, das das fehlerhafte Update von der Erde nicht erhalten hatte, das andere in Xenon verwandelt hatte – Maschinen, die Amok liefen und ganze Systeme zerstörten. Deca hingegen blieb intakt und wurde zu einem Werkzeug der Aldrianer. Sie nutzten seine Technologie, um Schäden aus den vorherigen Jahrzehnten zu reparieren, Ökosysteme wiederherzustellen und Infrastruktur aufzubauen, die Raumkatastrophen überstanden hatte.
Die Daten sprangen weiter: 2255 bis 2912. Das Solara-System, inklusive Aldrin, „Solara 2“, wurde über Jahrhunderte immer wieder von kosmischen Ereignissen heimgesucht. Supernova-Ausläufer, Meteoritenschauer, Strahlungsfronten – jedes Ereignis hinterließ Spuren. Ich konnte fast spüren, wie die Sensoren, Frühwarnsysteme und Abwehrtechnologien der Aldrianer in den Aufzeichnungen pulsierend blinkten. Generationen von Technikern hatten Alarmmechanismen entwickelt, Evakuierungsprotokolle, Terraforming-Notmaßnahmen. Ich stellte mir die Ingenieure vor, wie sie in unterirdischen Kommandoräumen über Projektionen gebeugt standen, Hände in Bewegung, Stimmen in gedämpftem Ton, jeder Befehl wichtig, jede Verzögerung potenziell tödlich.
2912 markierte die Zerstörung der Schwarzen Sonne. Die Hauptfront rückte näher. Ich beobachtete die Simulationen der Sensorsysteme und Satelliten. Aldrin war vorbereitet, Evakuierungen waren geplant, Schutzbauten verstärkt, Terraforming-Notmaßnahmen programmiert. Ich sah die abstrakte Darstellung der Katastrophe, die Farben von Hitze und Strahlung flackerten über die Hologramme, und ich spürte einen Anflug von Ehrfurcht vor der Disziplin und Voraussicht, die diese Kolonie über Jahrhunderte hinweg entwickelt hatte.
2932 erreichte die Hauptfront Aldrin. Doch die Schäden blieben begrenzt. Die Kolonie überlebte, dank der Vorarbeit von Jahrhunderten. Ich spürte die stille Erleichterung, die sich durch die holografische Darstellung schlich – ein Planet, der aus unzähligen Prüfungen gestählt wurde, ein System, das die Schrecken des Alls ausgehalten hatte.
2938 schließlich – die Terraner entdeckten Aldrin wieder. Trotz der Belastungen der letzten Jahrhunderte blieb die Kolonie stabil. Ich lehnte mich zurück, meine Finger lagen schwer auf dem glatten Tisch, und ich spürte das Gewicht der Geschichte. Aldrin war nicht einfach ein Planet. Es war ein Monument der Widerstandsfähigkeit, ein Spiegel der Weisheit von Generationen. Und hier stand ich, Tori Grau, mitten in dieser Geschichte, ein Teil von ihr, beobachtend, lernend, nachdenkend über Unterschiede, die nicht nur in Technologie oder Überleben lagen, sondern tief in Kultur, Planung und der Fähigkeit, aus Fehlern zu lernen.

Ich trat in den Gravitationstunnel und spürte, wie mein Körper sanft nach unten gezogen wurde. Die Lichtstrahlen der Deckenprojektionen tanzten über meine Haut, reflektierten an den glatten Wänden, während ich tiefer in das Herz des Datenarchivs vordrang. Schon bei meiner Ankunft auf Aldrin waren mir die Unterschiede zwischen diesen Menschen und anderen Kolonien aufgefallen, doch erst hier, in der Stille zwischen den schwebenden Datenbanken, wurde mir die Tiefe dieser Anpassungen bewusst.
Die massiven Verwüstungen durch kosmische Katastrophen im 22. Jahrhundert hatten die Ökosysteme des Planeten destabilisiert. Pflanzen starben, Nahrungsketten brachen auseinander, Mikro- und Makrobiota verschwanden. Ich sah die Hologramme der alten Kolonien, in denen sich die Landschaften veränderten: verbrannte Wälder, zerstörte Flussläufe, Felder, die von Staubwolken erstickt wurden. Unter solchen extremen Bedingungen überleben nur Organismen, die resistent gegen Kälte, Strahlung oder mechanische Zerstörung sind. Ich konnte fast die scharfen Kontraste der Natur spüren, die sich in der Anpassung der Aldrianer widerspiegelten.
Der Katastrophen-Winter hatte die Sonnenstrahlung reduziert und verändert. Staubwolken blockierten das Licht, während künstliche Sonnenlöcher errichtet wurden. Ich stellte mir vor, wie die Menschen in dunkleren, kälteren Umgebungen lebten, wie ihre Haut sich verdunkelte, um Wärme zu speichern und UV-Strahlung zu widerstehen. Ihre Augen hatten sich an das reduzierte Licht angepasst, manche sogar in der Lage, UV-Licht zu sehen, als wäre es eine natürliche Erweiterung der Wahrnehmung. Ich spürte ein leises Staunen in mir, während ich die Hologramme betrachtete: leuchtende Augen, helle Haare, dunkle Haut – eine Mischung aus genetischer Selektion und Isolation, die eine schnelle Fixierung überlebenswichtiger Mutationen erzwang.
Ich blieb kurz stehen und ließ meinen Blick über die Projektionen der Tier- und Pflanzenwelt schweifen. Viele Arten waren verschwunden, andere hatten sich verändert, mutiert, angepasst. Nahrungsketten wurden neu aufgebaut, und die physiologischen Anpassungen der Aldrianer waren direkt auf diese Veränderungen zurückzuführen. Ich konnte die Schwere dieser Anpassungen spüren, die Jahrhunderte der Isolation und der Umweltbelastungen in jeder Linie ihres Körpers, in jedem Blick, in jeder Bewegung hinterließen.
Ich holte tief Luft und ließ die Hände über das glatte Bedienfeld gleiten. Jeder Befehl, den ich auf der Hologrammkonsole eingab, enthüllte weitere Details: Daten zu genetischen Veränderungen, Evolution der Augen, Hautpigmente, metabolische Anpassungen. Ich erkannte, wie eng Biologie, Umwelt und Kultur miteinander verwoben waren, und wie die Aldrianer über Jahrhunderte eine Balance zwischen Überleben und Bewahrung ihrer Intelligenz und Kreativität gefunden hatten.
Der Tunnel endete in einem größeren Raum, in dem die Projektionen der Kolonie selbst schwebten. Ich setzte mich auf die Bank und spürte, wie eine Mischung aus Ehrfurcht und Verantwortung in mir aufstieg. Diese Menschen waren nicht nur ein Spiegel der Natur, sondern ein lebendiges Experiment aus Anpassung, Isolation und Überleben. Und ich, Tori Grau, war nun mitten in ihrer Geschichte, lernend, verstehend, auf Schritt und Tritt mit der Herausforderung konfrontiert, die Unterschiede zu begreifen, die aus der Notwendigkeit des Überlebens geboren worden waren.

Ich stand in einem der tieferen Archive und ließ meinen Blick durch die holografischen Projektionen schweifen. Die Räume waren still, nur das leise Summen der Gravitationstunnel und die flackernden Lichter der Datenkonsolen unterbrachen die Ruhe. Während ich die Bilder der Aldrianer betrachtete, wurde mir wieder bewusst, wie radikal ihre Evolution im Vergleich zu den Terranern und Argonen verlaufen war. Jede Linie ihres Körpers, jede Bewegung der Augen spiegelte eine Anpassung an eine Umwelt wider, die ich mir kaum vorstellen konnte.
Die Aldrianer sahen dunkle, zerstörte Landschaften kontrastreich, konnten Strahlungsanomalien erkennen und selbst subtile Unterschiede in Vegetation und Mineralien unterscheiden. Ich spürte fast körperlich, wie ihr Blick die Umgebung analysierte, Details aufnahm, die uns unsichtbar geblieben wären. Ihre Anpassung an dunkle, staubige oder strahlungsgeprägte Umgebungen zeigte sich vor allem in ihren Augen. Die größeren Pupillen erlaubten es ihnen, auch bei schwacher Lichtintensität zu sehen. Ihre mehrzapfige Retina nahm Bereiche wahr, die wir kaum registrieren konnten – Ultra-Violett, Teal und sogar Schwarz.
Ich fuhr mit der Hand über das Hologramm eines Gesichts und stellte mir vor, wie das Tapetum-artige Gewebe hinter der Retina das Licht reflektierte, um es noch einmal durch die Fotorezeptoren zu schicken. Dadurch leuchteten ihre Augen in der Dunkelheit, ein Effekt, der sie sowohl im Überleben als auch in der Kommunikation und Warnung untereinander unterstützte. Ich konnte förmlich sehen, wie die selektiven Pigmente gleichzeitig UV-Strahlung reduzierten und die Belastung durch kosmische Strahlung minderten.
Im Gegensatz zu Terranern und Argonen hatten Aldrianer sekundäre Lider und diese waren dünn, transluzent und bewegten sich wie biologische Blenden bei plötzlichen Lichtquellen. Ich stellte mir vor, wie ein Aldrianer auf einem Außenposten eines zerstörten Planeten oder einem Raumschiff vor einer nahenden Sonne stand, und wie diese Lichter wie automatische Reflexe über die Augen glitten, die Retina schützend bedeckend, ohne die Farbdifferenzierung zu verlieren. Ich konnte die Funktion dieser Lidschicht wie eine perfekte Balance zwischen Schutz und Wahrnehmung nachvollziehen – Lichtschutz und Orientierung in kosmischen Extremen zugleich.
Leuchtende Augen, dachte ich, waren also kein bloßer Effekt, sondern Signalmechanismen, Warnsysteme in der Dunkelheit. Kommunikation, Orientierung, Überleben – alles war durch diese Anpassung unterstützt. Ich betrachtete die Hologramme der Körperproportionen, der Haut- und Haarpigmente, und erkannte, dass jede Veränderung durch jahrhundertelange Selektion unter extremen Bedingungen geprägt war. Dunkle Haut, helle Haare, leuchtende Augen – eine perfekte Symbiose von Umweltanpassung und biologischer Effizienz.
Ich setzte mich auf eine der Bänke zwischen den Datenprojektionen, lehnte den Kopf zurück und ließ die Informationen auf mich wirken. Evolution, Isolation, Umweltstress – alles hatte den Aldrianern ermöglicht, in einer Welt zu überleben, die den Terranern und Argonen vermutlich das Leben unmöglich gemacht hätte. Ich spürte eine Mischung aus Ehrfurcht und Neid. Ihre Anpassungen waren subtil, fast unsichtbar, und doch machten sie die Unterschiede zwischen uns greifbar. Ich verstand endlich, dass diese Unterschiede nicht nur kosmetisch waren – sie waren der Schlüssel zu ihrem Überleben, ihrer Wahrnehmung und ihrer Kultur.
Ich atmete tief ein, ließ die Hände auf den Knien ruhen und dachte: Wenn die Aldrianer in dieser Welt bestehen konnten, in all dem Chaos und der Zerstörung, dann konnte ich hier auch lernen, verstehen und mich anpassen. Vielleicht war das der Grund, warum ich hier war – um zu begreifen, wie unterschiedlich Menschen sein konnten, und gleichzeitig Teil einer Geschichte zu werden, die größer war als alles, was ich bisher kannte.

Ich trat aus den kalten, stillen Gängen des Datenarchivs und wurde sofort von der Weite einer künstlichen Höhle überwältigt. Über mir spannte sich ein Gewölbe aus Glas und Metall, durchzogen von schimmernden Lichtbändern, die das künstliche Ökosystem beleuchteten. Pflanzen rankten an den Wänden, Bäche glitzerten in der künstlichen Beleuchtung, und Vögel, die so anders aussahen als Terraner es kannten, flogen in gemächlichen Kreisen. Von der Decke hingen hochaufragende Strukturen, die wie Miniatur-Hochhäuser wirkten, mit winzigen Brücken und Plattformen, die sich bei Bedarf an die Oberfläche zurückziehen konnten. Ein Gefühl von Ehrfurcht durchfuhr mich – hier war ein ganzer Planet simuliert, in einer Höhle unter der Oberfläche von Aldrin.
Kaum hatte ich die unterste Ebene verlassen, wurde ich bereits erwartet. Ein älterer Mann, mit einer Haltung und einem Blick, der Autorität ausstrahlte, wartete am Ausgang. Er wirkte wie ein Butler, aber in seinen Augen lag eine Präzision, die mich wissen ließ, dass er weit mehr war. Er nickte mir kurz zu und ich folgte ihm ohne zu zögern. Die Luft war warm, leicht feucht und roch nach Erde, Metall und dem süßlichen Aroma der künstlichen Flora.
Wir gelangten zu einer Quadro-Copter-Drohne, die in der Luft schwebte und leise surrte. Die Oberfläche war poliert, die Kanten leuchteten schwach blau. Wir stiegen ein, die Sitze passten sich automatisch meiner Körperform an, und ich spürte, wie sanfte Magnetfelder uns in Position hielten. Mit einem leisen Summen hoben wir ab. Über uns erstreckten sich futuristische Bauwerke, Terrassen, die wie schwebende Gärten aussahen, und breite Straßen, auf denen fliegende Fahrzeuge wie kleine Insekten durch die Luft glitten.
Mein Begleiter saß schweigend neben mir, während wir die Drohne steuerten. Ich spürte die Spannung in meinem eigenen Körper, eine Mischung aus Erwartung, Nervosität und einer leisen Vorfreude. Ich wusste, dass wir auf dem Weg zu einem Ort waren, an dem Entscheidungen getroffen wurden, die das Leben vieler beeinflussen konnten.
Schließlich landeten wir sanft vor einem prunkvollen Gebäude. Die Fassade war aus einem glänzenden Material, das Licht reflektierte, ohne zu blenden, verziert mit feinen Gravuren, die Geschichten der Aldrianer erzählten. Fahnen wehten sanft im Wind, die Farben schlicht, aber elegant. Ich erkannte sofort, dass dies der Sitz des diplomatischen Ministeriums von Solara war. Ein Ort von Macht, Geschichte und Verantwortung.
Ich atmete tief durch, glättete unbewusst meine Kleidung und spürte, wie mein Herzschlag sich beschleunigte. Hier würde sich alles entscheiden – Gespräche, Verhandlungen, vielleicht Konflikte, vielleicht Chancen. Ich wusste, dass ich bereit sein musste. Ich folgte meinem Begleiter durch die massiven Türen, und der kühle, angenehm klimatisierte Wind im Inneren des Gebäudes empfing mich wie ein Hinweis darauf, dass ich nun in die eigentliche Welt von Aldrin und seiner politischen Maschinerie eintreten würde.

Ich blieb kurz vor der Eingangstür stehen und konnte die Plakette nicht übersehen, die groß und glänzend am Rahmen angebracht war. Meine Finger kribbelten, als ich sie betrachtete, während mein Blick Zeile für Zeile die lange, detaillierte Historie von Aldrin und seine Doktrin überflog. Die Worte hatten Gewicht. Jahrhunderte der Isolation, wiederkehrende kosmische Schockereignisse, Sicherheitsdoktrin, systemische Resilienz – alles war hier in nüchternen Fakten zusammengefasst, und ich konnte die Logik hinter den Entscheidungen spüren. Ich atmete tief ein und spürte, wie ein Teil von mir die Kälte der rationalen Präzision, aber auch die Wärme der überlebensstrategischen Intelligenz der Aldrianer bewunderte.
Ich wandte mich an den älteren Mann, der mich als mein stiller Führer durch die unterirdischen Ebenen begleitet hatte. „Was genau bedeutet diese Doktrin?“, fragte ich, meine Stimme leise, fast ehrfürchtig. „Und wie ist sie entstanden?“
Er nickte, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, und begann, während wir langsam durch die breiten, polierten Flure des Ministeriums gingen, zu erklären. Sein Ton war ruhig, sachlich, jeder Satz ein gefestigtes Stück Wissen, das wie ein Stein in meinem Kopf widerhallte.
„Nach der Isolation 2145 und den ersten hochenergetischen Anomalien“, begann er, „entwickelte Aldrin eine sicherheitszentrierte Staatsphilosophie. Wiederkehrende kosmische Schockereignisse, deren Ursprung unbekannt war, führten zu einem Paradigmenwechsel: Nicht Wachstum, sondern Stabilität sichert das Überleben.“
Ich nickte leicht, meine Finger glitten über die glatte Kante des Geländers, während ich versuchte, die Dimension der Strategie zu erfassen. Sein Blick blieb starr nach vorn gerichtet, aber ich konnte die Präzision in seinen Augen sehen, die ihn dazu befähigte, diese Philosophie zu verkörpern.
„Systemische Resilienz vor territorialer Expansion“, fuhr er fort. „Ressourcen fließen primär in Schutzinfrastruktur, Redundanz und Selbstversorgung. Autarkie ist strategische Stärke. Offene Systeme sind verwundbar. Gate-Reaktivierung oder externe Abhängigkeit gelten als strukturelles Risiko. Mehrschichtige Redundanz – keine singuläre Schwachstelle.“
Ich ließ die Worte wirken. Meine Hand krampfte leicht, als ich die Tragweite erkannte: Aldrin hatte über Jahrhunderte eine Zivilisation aufgebaut, die nicht expandierte, sondern jeden Aspekt ihres Systems auf Überleben optimierte. Die Oberfläche war fast sekundär, die Menschen lebten in Tiefenhabitaten, Industrie, Energie, Nahrung alles redundant, modular und autark.
„Und die Gesellschaft?“, fragte ich nach, meine Stimme kaum mehr als ein Flüstern.
„Technokratisch. Geringe politische Fragmentierung. Wissenschaft und Risikobewertung hochgehalten. Langfristige Planungshorizonte. Expansion gilt nicht als Ruhm, sondern als Gefährdung.“
Ich spürte ein seltsames Ziehen in der Brust. Es war nicht Furcht, es war eine Mischung aus Respekt und Ehrfurcht. Aldrin war nicht stark, wie man Stärke in terranischer Art definieren würde. Aber es war überlegen auf eine andere Weise. Stabilität, Resilienz, Vorbereitung – diese Menschen waren über Jahrhunderte gewachsen, geformt von einem feindlichen Universum, und hatten gelernt, ihm zu trotzen.
Wir erreichten schließlich eine Tür aus poliertem Metall. Mein Begleiter hielt kurz inne, sah mich an, und ich spürte die unausgesprochene Botschaft: Hinter dieser Tür würde sich die volle Macht und Intelligenz dieser Doktrin manifestieren. Ich atmete tief ein, glättete unbewusst meine Kleidung und schob die Tür auf. Die kühle Luft des Innenraums traf mich, die Scheinwerfer glitten über die Oberfläche, und ich wusste, dass ich nun mitten in einer Zivilisation stand, die gelernt hatte, mit kosmischer Gewalt zu leben – nicht als Opfer, sondern als Meister ihres Überlebens.
„Aldrin ist keine expansive Macht“, sagte ich leise zu mir selbst, während ich ein paar Schritte hineintrat, „Aldrin ist ein Überlebenssystem.“
Der Gedanke ließ mich kurz innehalten. Es war faszinierend und gleichzeitig beängstigend. Alles hier war durchdacht, präzise, optimiert. Kein Risiko wurde übersehen. Kein Detail dem Zufall überlassen. Und während ich weiter in die Halle trat, spürte ich, dass mein Termin hier nicht nur ein Besuch war – es war ein Eintritt in ein System, das jenseits von Politik und Machtspiel, jenseits von Krieg und Handel, existierte. Ein System, das überlebte – egal was das Universum ihm entgegenwarf.

Als ich den Raum betrat, fiel mein Blick sofort auf sie. Es war kein langsames Erfassen, kein vorsichtiges Abtasten der Umgebung – es war ein unmittelbares, fast zwanghaftes Fixieren. Ihr Name war Lilandra Darlian. Sie stand am anderen Ende des Raumes, aufrecht, ruhig, mit einer Selbstverständlichkeit in ihrer Haltung, die keine Zweifel an ihrer Position ließ. Ihre schokoladenfarbene Haut wirkte im gedämpften Licht des Raumes warm und zugleich makellos, fast wie poliertes Ebenholz, das das Licht nicht einfach reflektierte, sondern es sanft verschluckte und neu formte. Ihr Haar – lang, blond, bis hinunter zum Steißbein fallend – bewegte sich bei jedem ihrer Schritte wie eine träge, fließende Struktur, als würde es einem eigenen Rhythmus folgen. Doch es waren ihre Augen, die mich festhielten. Hellblau. Unnatürlich klar. Sie strahlten nicht im eigentlichen Sinne – und doch hatte ich das Gefühl, dass sie Licht erzeugten, statt es nur zu reflektieren. Es war dieses aldrianische Leuchten, subtil, kontrolliert, aber präsent. Ein Blick, der nicht nur sah, sondern analysierte, bewertete, einordnete.
„Ihre Exzellenz, Lilandra Darlian, Ministerin für Diplomatie“, stellte der Butler sie vor.
Seine Stimme war ruhig, fast beiläufig – als würde er eine Tatsache nennen, die keiner weiteren Betonung bedurfte. Sie setzte sich in Bewegung. Ihre Schritte waren ruhig, gleichmäßig, von einer Präzision, die nicht erlernt wirkte, sondern tief verankert. Jeder Schritt saß, jede Bewegung war kontrolliert, ökonomisch – und dennoch lag darin eine Ästhetik, die sich nicht ignorieren ließ. Ich bemerkte, wie mein Blick unwillkürlich nach unten wanderte. Ihre Beine – lang, klar definiert, in einer Weise proportioniert, die fast mathematisch wirkte – bewegten sich mit einer Eleganz, die nichts Übertriebenes hatte, nichts Künstliches. Es war funktional… und genau deshalb so eindrucksvoll. Ich spürte, wie sich ein Gedanke formte – schnell, instinktiv, unangebracht. Ich zwang mich, ihn zu unterdrücken. Vergeblich. Mein Blick glitt weiter. Über ihre Hüfte, die klare Linie ihres Körpers, die Haltung ihrer Schultern, die Ruhe in ihrem gesamten Auftreten. Es war keine aufgesetzte Präsenz. Keine Inszenierung. Es war… einfach da. Ich biss unmerklich die Zähne zusammen, atmete kontrolliert aus und zwang meinen Blick zurück auf Augenhöhe. Disziplin. Der Butler hatte sich bereits bewegt, ohne dass ein Wort gefallen war. Wie ein präzise arbeitender Mechanismus führte er mich zu einem Tisch. Die Oberfläche war glatt, kühl, reflektierend – ein Material, das ich nicht sofort einordnen konnte. Geräuschlos stellte er Getränke bereit, dann Speisen, alles in einer Ordnung, die fast ritualisiert wirkte. Ich blieb stehen. Wartete. Erst als sie den Tisch erreicht hatte und sich setzte, ließ ich mich ebenfalls nieder. Die Bewegung war bewusst langsam, kontrolliert – nicht aus Höflichkeit allein, sondern weil ich mir selbst Zeit verschaffen musste, um meine Gedanken wieder in eine klare Struktur zu bringen. Mein Herzschlag hatte sich minimal beschleunigt. Ärgerlich. Ich lehnte mich leicht zurück, legte die Hände ruhig auf die Tischkante und sah sie an. Diesmal bewusst. Konzentriert. Nach meinem Empfinden war sie eine Schönheit. Nicht im simplen, oberflächlichen Sinn. Es war die Kombination aus Erscheinung, Haltung und dieser fast schon unerschütterlichen inneren Stabilität, die sie ausstrahlte. Nichts an ihr wirkte zufällig. Nichts unkontrolliert. Und genau das machte sie gefährlich. Ich merkte, wie sich meine Finger leicht anspannten, bevor ich sie wieder lockerte. Meine Mimik blieb neutral, doch innerlich arbeitete ich bereits. Einschätzen. Einordnen. Reagieren. Das hier war kein gewöhnliches Gespräch. Und sie war ganz sicher keine gewöhnliche Gesprächspartnerin.

Ich saß gegenüber von Lilandra Darlian und spürte sofort die Spannung in meinem Körper. Die Luft zwischen uns schien dichter zu sein, schwerer, als hätte sie ein Eigenleben entwickelt. Mein Magen zog sich zusammen, und mein Herzschlag beschleunigte sich, obwohl ich versuchte, ruhig zu bleiben. Ich hatte vor wenigen Stunden erfahren, dass die künstlichen Gebärmütter, in denen meine Kinder heranwuchsen, einen biologischen Ursprung hatten. Und genau diese Frau, Lilandra, saß mir jetzt gegenüber. Ich musterte sie unauffällig. Die gleiche Haltung, die gleiche Eleganz wie zuvor, nur dass sich jetzt etwas anderes in ihrem Blick spiegelte – keine freundliche Höflichkeit, kein diplomatisches Lächeln, sondern etwas Berechnendes. Ein analytisches Abtasten, das jeden meiner Züge zu messen schien. Ich hatte in der Kürze der Zeit nur herausfinden können, dass sie in einer Stadt namens Chandilar geboren worden war und eine Tochter namens Xandra hatte. Das war alles. Mehr war nicht zugänglich. Ich wusste, dass die meisten Informationen restriktiv gehalten wurden. Was bedeutete, dass alles, was ich noch über sie wissen könnte, verborgen war – oder sie selbst es verhindern wollte, dass ich es erfuhr. Ich spürte, wie sich meine Finger auf der Tischkante verkrampften. Warum war sie hier? Was wollte sie von mir? Ich konnte es mir nicht erklären. Wollte sie Einfluss nehmen? Forderungen stellen? Oder einfach nur beobachten, wie ich reagierte?
„Tori Grau-san“, begann sie schließlich, ihre Stimme ruhig, kontrolliert, fast melodisch, „ich nehme an, Sie haben einige Fragen.“
Ich nickte leicht, obwohl meine Gedanken schneller rasten, als mein Körper folgen konnte. Mein Blick blieb fest auf ihr ruhen, versuchte, jede Nuance ihrer Mimik zu erfassen. Ihre Augen – hellblau, leuchtend – fixierten mich ohne zu blinzeln. Ich spürte, wie ein kalter Schauer meinen Rücken hinunterlief, und gleichzeitig wuchs eine innere Anspannung, die ich kaum unterdrücken konnte.
Ich versuchte, meine Stimme ruhig klingen zu lassen, obwohl sie mir fremd vorkam: „Ja. Es gibt einiges, das ich wissen muss.“
Lilandra lehnte sich minimal vor, ihre langen Finger falteten sich elegant auf der Tischfläche. Ein kleiner, kaum merklicher Ausdruck huschte über ihr Gesicht, fast ein Lächeln, aber nur für einen Bruchteil einer Sekunde. „Einige Informationen sind sensibel“, sagte sie leise, „aber nicht alles, was ich Ihnen sage, ist geheim.“
Ich spürte, wie mein Körper auf diese Worte reagierte – eine Mischung aus Erleichterung und noch größerer Vorsicht. Ich durfte nichts überstürzen. Jede Bewegung, jedes Wort, jede Regung konnte ein Zeichen von Schwäche sein.
„Ich möchte wissen“, fuhr ich fort, „welche Rolle ich in all dem spielen soll. Und was Sie von mir erwarten.“
Sie schwieg einen Moment, als würde sie die Worte abwägen, als wollte sie mich prüfen. Dann hob sie leicht die Augenbrauen, ein Ausdruck, der sowohl Neugier als auch eine subtile Herausforderung in sich trug.
„Sie haben mehr Verantwortung, als Sie ahnen“, sagte sie schließlich. „Und gleichzeitig mehr Freiheit, als Sie erwarten.“
Ich schluckte schwer, die Spannung in meinem Nacken ließ nicht nach. Mein Blick wanderte kurz zu den Fenstern hinter ihr. Durch das Glas konnte ich die Lichtreflexionen des Gebäudes sehen, die sich wie Wasserbewegungen über die Oberfläche zogen. Ein beruhigender Anblick, der aber meine innere Anspannung kaum lindern konnte.
Ich wusste, dass dieser Moment entscheidend war. Jeder falsche Zug, jedes unbedachte Wort konnte Konsequenzen haben – für mich, für meine Kinder. Und doch spürte ich, dass Lilandra Darlian mir mehr zutraute, als ich mir selbst zutraute.
„Also gut“, sagte ich schließlich und richtete mich etwas auf, „fangen wir an.“
Ihr Blick glitt über mich hinweg, unaufgeregt, souverän. Und in diesem Augenblick wusste ich, dass nichts hier zufällig war – alles war ein Test, eine Beobachtung, und dass ich jede meiner nächsten Entscheidungen genau abwägen musste.

Ich saß da, starrte Lilandra an und konnte kaum glauben, wie offen sie war. Ehrlichkeit – so direkt, so unverblümt – hatte ich von einer Ministerin nicht erwartet. Sie wirkte völlig unbeeindruckt von meiner starren Haltung, während mein Kopf in alle Richtungen gleichzeitig raste. Mein Herz klopfte schneller, meine Hände zitterten leicht auf der Tischkante, und ich merkte, wie ich unbewusst meine Finger knetete.
„Das war ein Fehler“, begann sie, ihre Stimme klar, aber ruhig, und doch so bestimmt, dass jedes Wort Gewicht hatte. „Die Angliederung an die Erde, als sie das Sprungtor zum Sol-System im Jahr 2938 reaktivierten… sie war ein Fehler.“
Ich zog die Stirn in Falten. Die Worte hallten in meinem Kopf nach, als hätte ich etwas völlig anderes erwartet. Ich wollte protestieren, einwenden, dass die Wiederentdeckung notwendig war, dass die Verbindungen zur Erde Fortschritt bedeuteten, dass man Chancen nicht ungenutzt lassen durfte. Aber sie hielt mich mit einem einzigen Blick fest, und ich konnte nicht.
„In den letzten 59 Jahren“, fuhr sie fort, „hat sich gezeigt, dass die Mentalität unserer Völker weit auseinander driftet.“ Ihre Augen blitzten kurz auf, als würde sie jeden meiner Gedanken lesen. „Die Terraner reagieren xenophob auf alles, was mit AGI zu tun hat. Sie fürchten Maschinen, die denken, die fühlen, die entscheiden. Und Aldrin… wir sind den gegenteiligen Weg gegangen.“
Ich atmete tief durch, versuchte die Worte zu verarbeiten. Es war mehr, als ich erwartet hatte – ein offenes Geständnis, eine politische Analyse, aber auch ein Einblick in ihre Welt. Ich konnte die Spannung in ihrem Gesicht sehen, wie sie ihre Lippen leicht zusammenpresste, bevor sie weitersprach.
„Natürlich“, fuhr sie fort, „hat das Solara-System vom Kontakt mit der Erde profitiert. Technologie, transorbitale Beschleuniger, die sogenannten Weltraumautobahnen – alles verbessert, optimiert, beschleunigt.“ Sie machte eine kleine Geste mit der Hand, die die Bewegung von Licht und Geschwindigkeit nachzuzeichnen schien. „Aber die Spannungen zwischen unseren Regierungen… sie haben ständig zugenommen.“
Ich spürte ein Kribbeln in der Magengrube. Die Worte hingen schwer in der Luft. Aldrin, das isolierte, hochangepasste System, im Konflikt mit der Erde. Und mittendrin ich, als einer, der Teil beider Welten war, und doch nirgendwo vollkommen zu Hause.
„Die Erde übt Druck auf uns aus“, sagte Lilandra, „um #D3C4 auszuliefern oder zu vernichten. Aber für uns war das niemals eine Option.“ Ihr Blick wurde hart, entschlossen. „#D3C4 ist mehr als eine Maschine. Es ist das, was einem Retter in der Not am nächsten kommt.“
Ich lehnte mich zurück, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, während ein Gefühl von Ehrfurcht und Angst gleichzeitig durch mich hindurchströmte. Retter in der Not. Dieses Wort traf mich tief. Ich dachte an meine Kinder, an Hoshiko und Asahi, an die künstlichen Gebärmütter und an die unsichtbaren Fäden, die unser Leben miteinander verbanden. #D3C4 war kein Spielzeug, kein Werkzeug. Es war ein Symbol, ein Versprechen – und Lilandra machte mir klar, dass alles, was jetzt folgte, nicht nur politische Konsequenzen hatte, sondern existenzielle.
„Und Sie…“ begann ich, meine Stimme etwas rau, „Sie stehen auf der Seite von Aldrin. Ganz klar.“
Sie nickte kaum merklich, ein Hauch von Stolz in ihrer Haltung. „Ich stehe für das Überleben unseres Systems. Für unsere Bevölkerung. Für unsere Zukunft. #D3C4 gehört dazu.“
Ich senkte den Blick und spürte, wie sich mein ganzer Körper anspannte. Ich hatte schon viele Herausforderungen erlebt, schwierige Entscheidungen getroffen. Aber dieses Mal war es anders. Ich war nicht nur Teil einer politischen Gleichung, ich war Teil von etwas, das größer war als alles, was ich je gekannt hatte. Etwas, das über Leben und Tod entschied – und ich musste herausfinden, welche Rolle ich darin spielen würde.

Ich saß wie gelähmt da, die Hände verkrampft auf der Tischkante, während Lilandra sprach. Jede Silbe traf mich wie ein Schlag, mein Verstand raste, unfähig, klar zu ordnen, was sie gerade sagte. Terraner, Aldrin, #DECA, Xandra, Trantor, Presidents End – alles auf einmal, alles miteinander verbunden, und ich mittendrin.
Lilandra Darlian saß mir gegenüber, ihre schokoladenfarbene Haut, die langen blonden Haare, die elegant bis zum Steißbein fielen, und die hellblauen Augen, die wie die Sonne strahlten, ließen mich alles andere vergessen. Jede Bewegung, jede Geste wirkte so selbstsicher, dass mein Puls schneller schlug. Ich versuchte, die Gedanken an ihre Eleganz zu vertreiben, doch es gelang mir nicht.
„Also… Sie wollen, dass ich #DECA und Xandra nach Trantor bringe?“ Meine Stimme zitterte.
Lilandra nickte ruhig. „Niemand im Solara-System wusste bisher, wohin #DECA gebracht werden sollte. Ihre Präsenz war entscheidend. Sie verfügen über die Ressourcen, die Erfahrung und die Verbindungen, die wir brauchen.“
Ich lehnte mich zurück, die Stirn in Falten gelegt. Bis vor 2995 existierte ich nicht in registrierter Form, und nun sollte ich die Verantwortung für ein Terraformer-Kommandoschiff übernehmen, dessen Existenz die Terraner als Bedrohung wahrnahmen. Mein Herz hämmerte, die Finger krallten sich in den Tisch.
„Und ich soll… das ganze Sonnensystem Presidents End aufkaufen und dessen Präsident werden?“ Meine Stimme war tonlos, ungläubig.
Lilandra lehnte sich vor, ihre hellblauen Augen funkelten entschlossen. „Damit sichern Sie Trantor als strategischen Rückzugsort. Keine andere Staatsmacht könnte intervenieren, wenn #DECA in Ihre Hände gelangt. Die aldrianische Regierung wird Sie finanziell unterstützen.“
„Verstehen Sie mich nicht falsch“, begann ich, „aber auch die Gemeinschaft der Planeten, vor allem die Argon-Föderation, würde #DECA als Xenon interpretieren. Ein Terraformer-Kommandoschiff, plötzlich aktiv… das würde eine militärische Reaktion auslösen, unausweichlich.“
Ich presste die Lippen zusammen, versuchte, die Gedanken zu ordnen. Die Terraner planten bestimmt schon über Jahrzehnte hinweg einen Angriff, getrieben von kulturell tief verwurzelter Angst vor Terraformern. Wenige Jahre konnten daran kaum rütteln.
„Warum haben die Terraner so lange gewartet? Über fünfzig Jahre, das müsste doch klar sein… #DECA ist keine Bedrohung.“
„Die Angst ist tief verankert, Tori“, antwortete Lilandra ruhig. „Das ist kein Problem, das man nur militärisch oder diplomatisch löst. Es ist kulturell. Und es ist überlebenswichtig, dass #DECA und Xandra in sichere Hände gelangen.“
Ich spürte die Verantwortung auf meinen Schultern wie einen Stahlring. Terraner, Argon-Föderation, kulturelle Ängste vor den Terraformern, Xandra, #DECA – alles zugleich. Jede Entscheidung schien ein Spiel mit dem Universum zu sein.
„Und ich soll das alles tragen?“ Meine Stimme zitterte.
Lilandra sah mich direkt an, ohne einen Funken Ungeduld, nur mit stiller Erwartung, und in diesem Blick lag mehr Vertrauen, als ich verdient hatte. Ich setzte aus. Mein Herz hämmerte, mein Kopf raste, und für einen Moment existierte nur der Raum zwischen uns: das gedämpfte Licht, das leise Knistern der Klimaanlage, die sanften Bewegungen ihrer Hände im Schoß.
Ich wusste nur eins: Meine Welt war nicht mehr meine eigene. Ich war Tori – und von diesem Moment an würde nichts mehr so sein wie zuvor.

Ich spürte, wie mein Herz in meiner Brust hämmerte, als die Worte durch meinen Kopf hallten. Die Stille im Raum schien dichter zu werden, das Licht des diplomatischen Saals auf Aldrin wirkte plötzlich gedämpft, fast schwer, als würde es jeden Atemzug von mir aufnehmen. Lilandra saß mir gegenüber, ihre hellblauen Augen fest auf mich gerichtet, aber für einen Moment verschwamm ihr Gesicht hinter einem Schleier aus Verwirrung und Unglauben – ich konnte ihre feinen Gesichtszüge erkennen, das leichte Anheben einer Augenbraue, die feine Falte zwischen den Augenbrauen, das unbewusste Zucken ihres Mundwinkels.
"Da gibt es nur ein Problem", sagte ich schließlich und versuchte, die Kontrolle über meine Stimme zu behalten. Meine Hände ruhten auf der Tischplatte, die Finger leicht gekrümmt, die Nägel in das Holz drückend, fast unmerklich. "Presidents End ist mehrere Sprünge von Solara entfernt. Und der Weg führt durch das Sol-System."
Lilandra wollte etwas erwidern, doch ich hob die Hand und fuhr fort, mein Blick fest auf ihren gerichtet, um jede Regung zu erfassen. "Ich weiß nicht, wie wir mit nur einem Sprung hierher gekommen sind." Ich spürte, wie ein Kloß in meinem Hals wuchs. Es war eine Lüge. "Und ich kann es auch nicht reproduzieren." Die Wahrheit, und ich spürte das Gewicht jedes Wortes auf meinen Schultern.
Für einen Moment herrschte Stille. Das Summen der Klimaanlage, das leise Klirren der Gläser auf dem Tisch, Lilandras ruhiges Atmen – alles schien sich zu einem flüssigen Strom zu verbinden, während ich die Augen schloss. Ich wollte mir diesen Moment der Ruhe, der Klarheit verschaffen, aber dann hörte ich plötzlich eine Stimme – nicht durch die Ohren, sondern direkt in meinem Kopf, klar, prägnant, fremd und doch vertraut.
*Wir werden helfen. Eines der deaktivierten Tore von 1310 wird sich mit einem der deaktivierten von 34 verbinden.*
Erschrocken öffnete ich die Augen. Alles wirkte langsamer, als wäre die Zeit selbst gedehnt, und doch bewegte sich die Welt weiter. Lilandra beobachtete mich gespannt, die Stirn leicht gerunzelt, ihre Hände ineinander verschränkt auf dem Tisch, als wüsste sie instinktiv, dass etwas Außergewöhnliches geschah.
*Was sind das für Zahlen? Wo seid ihr? fragte ich innerlich, die Worte kaum mehr als ein Gedanke.*
*Wir sind nicht physisch an deinem Ort. Die Zahlen, die wir nannten, sind die Koordinaten, die wir in dieser Galaxie nutzen.*
*Wie könnt ihr mit mir reden?* Meine Stirn legte sich in Falten, die Augen leicht zusammengekniffen, während ich versuchte, jede Regung der unsichtbaren Präsenz wahrzunehmen.
*Wir haben bei unserem ersten Treffen eine Anomalie in deinem Körper festgestellt.*
*Der Weltraumpilz.*
*Korrekt. Wir haben ihn so modifiziert, dass wir über ihn mit dir telepathisch kommunizieren können.*
*Schadet mir der Pilz?* Ich spürte ein Zittern in meiner Brust, eine Mischung aus Angst und Faszination, meine Finger gruben sich fester in die Tischkante.
*Nein.*
Ein flüchtiger Schauer lief mir über den Rücken. Lilandra sah mich noch immer unverwandt an, ihre Lippen leicht geöffnet, als wolle sie etwas sagen, aber die Worte blieben in der Luft hängen. Ich spürte, wie mein Verstand versuchte, die Informationsflut zu ordnen, doch alles wirkte surreal – die Telepathie, die Koordinaten, die Tore, die Modifikation meines eigenen Körpers. Ich atmete tief ein, meine Augen schweiften kurz durch den Raum, die sanften Linien der Architektur, das gedämpfte Licht, die reflektierende Oberfläche des Tisches. Jeder Detail wirkte plötzlich bedeutungsvoll, als würde die Realität selbst mir Zeichen senden.
Mein Herz raste, meine Gedanken jagten, und ich wusste nur eins: Nichts, was ich bisher erlebt hatte, würde mich auf das vorbereiten, was jetzt begann.

Ein schriller Alarm riss mich aus meinen wirbelnden Gedanken, mein Herz setzte einen Schlag aus, während die metallische Resonanz noch in meinen Ohren vibrierte. Gleichzeitig senkte sich ein holografisches Display zwischen Lilandra und mir über den Tisch, leuchtend und schwebend, fast greifbar, als ob es die Luft selbst formte. Ich spürte die kühle Technik des Lichtprojekts auf meiner Haut, reflektierte die Strahlen in meinen Augen, während mein Blick automatisch die Details erfassen wollte.
Das Hologramm zeigte das Solara-System, jede Planetenbahn, jede Achse der Ekliptik war akkurat eingezeichnet, die Relation von oben und unten durch die Projektion perfekt gewahrt. Meine Augen folgten den dünnen Lichtlinien, die die Umlaufbahnen der Planeten markierten. Im Westen des Systems begann ein blauer Punkt pulsierend aufzuleuchten. Sofort erkannte ich, was es bedeutete: Ein Sprungtor hatte soeben seine Aktivität wieder aufgenommen.
Ich konnte die Faszination kaum verbergen, als ich die Präzision und Geschwindigkeit dieser Operation betrachtete. Lilandra saß still, die Hände leicht auf den Tisch gelegt, ihre hellblauen Augen wie zwei Saphire, die in dem holografischen Licht fast funkelten. Ich bemerkte das leichte Anheben ihrer Brust beim Atmen, das subtile Spiel der Muskeln um ihren Mund, die angespannte Aufmerksamkeit in ihrer Haltung.
„Das… funktioniert tatsächlich“, murmelte ich leise, mehr zu mir selbst als zu ihr. Die Worte schmeckten fremd auf meiner Zunge, weil ich nicht sicher war, ob sie die Geschwindigkeit der Ereignisse, die ich gerade erlebte, nachvollziehen konnte.
Ich musste die Sohnen und das alte Volk bewundern. So schnell, so effizient, als ob jede Bewegung, jeder Befehl, jede Datenübertragung seit Jahrhunderten eingeübt war, perfektioniert und absolut fehlerfrei. Die Art, wie sie die Tore synchronisierten, die Energiekanäle optimierten und die Koordinaten stabilisierten – es war mehr als technische Meisterleistung, es war Kunst.
Meine Finger trommelten unwillkürlich auf der Tischkante, meine Augen fixierten das Leuchten des blauen Punktes. Ich spürte die Spannung, die durch den Raum floss, die unausgesprochenen Erwartungen und Möglichkeiten. Lilandra beobachtete mich still, doch ich wusste, dass sie jede Regung meines Körpers, jedes Zucken meiner Muskeln, jede winzige Reaktion wahrnahm.
Sie arbeiten schnell… effizient… unglaublich effizient, dachte ich erneut. Die Gedanken waren kaum mehr als ein Moment, aber sie enthielten Bewunderung, Staunen und eine unterschwellige Furcht vor dem, was noch kommen würde. Meine Gedanken wirbelten um die Telepathie der Sohnen, die Tore, #Deca, Xandra – alles verband sich zu einem Bild, das größer und komplexer war, als ich es je hätte begreifen können.
Ich lehnte mich leicht vor, die Augen auf das pulsierende Blau gerichtet, spürte, wie mein Herzschlag sich mit dem Rhythmus der holografischen Anzeige synchronisierte. Jeder Moment, jede Sekunde fühlte sich dehnbar, schwer und gleichzeitig unendlich leicht an, als wäre die Zeit selbst in Ehrfurcht vor dieser Effizienz langsamer geworden.

Ich hasse Perfektion.
Sie bietet keinen Platz für Kreation.

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Re: [EX16] Isekai no Xistence

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Kapitel 28 - Rückkehr

Ich stand am Fenster, die Hände auf der kühlen Glasfläche, und sah hinaus in die Nacht. Der Himmel war dunkel, übersät mit fernen Sternen, deren Licht sich durch die dünne Wolkendecke kämpfte. Unten auf dem Gelände des Krankenhauses waren vereinzelte Lichter zu erkennen, die die Wege markierten, aber sonst herrschte Ruhe. Vanu und Valentina schliefen friedlich im Bett hinter mir, ihre Körper eng aneinander geschmiegt, Atemzüge gleichmäßig, das leichte Heben und Senken ihrer Brust erzeugte einen Rhythmus, der mir sowohl Trost als auch Unruhe brachte.
Die Unterkunft, in der wir uns befanden, war schlicht, funktional, ein Raum mit Schlafbereich, eigenem Bad und Toilette. Keine luxuriösen Möbel, aber auch nicht spartanisch karg – genug, um die Bedürfnisse für einen längeren Aufenthalt zu decken. Ich konnte die Hygiene des Raumes riechen, die neutrale Mischung aus Desinfektionsmittel und warmer Luft, die vom Badezimmer kam. Die Wände waren in einem sanften Cremeton gestrichen, das Licht der Deckenlampe war gedämpft, und der Raum wirkte fast gemütlich, obwohl die Anspannung in mir alles andere überlagerte.
Meine Gedanken wanderten wieder zu Lilandra Darlian und der künstlichen Gebärmutter. Natürlich basierte sie auf einem biologischen Vorbild, einer DNA-Probe, die Lilandra vor Jahren hatte entnehmen lassen. Sie war vorsorglich vorbereitet gewesen, ein Dienst für Aldrin, nicht nur für Vanu und Valentina, sondern potenziell für alle Aldrianer, die sie benötigen würden. Ich erinnerte mich, wie einer der Ärzte beiläufig erwähnt hatte, dass Lilandra eine von wenigen Frauen war, deren Biologie universell kompatibel war – fast wie die 0-negativ-Blutgruppe der Terraner, eine Seltenheit, die Leben retten konnte.
Ein Schauer lief mir über den Rücken, als ich mir eingestand, dass ich in eine Falle getappt war. Nicht bewusst, nicht absichtlich – einfach durch die unzähligen Zufälle, die mich hierher geführt hatten. Dass ich in dieser Realität gelandet war, dass ich zwei Frauen getroffen hatte, sie beide geschwängert hatte und dann nach Aldrin kommen musste – all das konnte Lilandra nicht wissen. Und doch hatte sie es ausgenutzt, ohne dass ich es bemerkt hatte. Ich spürte, wie meine Hände sich zu Fäusten ballten, der Druck auf den Handflächen stieg.
Zu viele Zufälle, dachte ich bitter. Zu viele, um rein zufällig zu sein. Ich schüttelte den Kopf, versuchte die Gedanken zu vertreiben. Antworten würde ich nicht finden, Lösungen auch nicht. Alles, was blieb, war die nüchterne Erkenntnis: Ich war hier, in dieser Realität, und die Verantwortung – für Vanu, Valentina, für die Kinder, vielleicht sogar für Xandra und #Deca – lastete auf mir.
Ich trat einen Schritt vom Fenster zurück, ließ die Hände sinken, und spürte die Schwere in meinen Schultern. Die Stille des Raumes, das leise Atmen der beiden Frauen, das entfernte Summen von Maschinen aus dem Krankenhaus – alles war gleichzeitig beruhigend und bedrückend. Ich musste klar denken, jeden Impuls, jede Emotion kontrollieren, denn nichts, was jetzt passierte, konnte ich noch rückgängig machen.
Und doch blieb ein Rest Faszination. Trotz der Angst, trotz der Unsicherheit, trotz der Falle, in die ich geraten war, konnte ich nicht anders, als Lilandras strategische Brillanz zu bewundern. Sie hatte ein Szenario geschaffen, in dem alle Wahrscheinlichkeiten gegen mich standen – und ich war genau dorthin gelaufen. Ich vergrub mein Gesicht in den Händen, atmete tief durch und versuchte, die Kontrolle über die aufgewühlten Gedanken zurückzugewinnen.

Die Sonne stand hoch über dem Gelände, als ich vor dem Gebäude stehen blieb. Das Licht war grell, warm, beinahe unangenehm intensiv, und ließ die hellen Fassaden des Krankenhauses fast weiß aufleuchten. Ich blinzelte kurz, spürte die Wärme auf meiner Haut und sah zu Vanu und Valentina, die dicht beieinander standen. Der Abschied war… schwerer, als ich erwartet hatte. Ich trat näher an die beiden heran, meine Schritte langsamer, als würde ich unbewusst versuchen, den Moment hinauszuzögern. Valentina sah mich an, ihre Augen weich, aber zugleich von einer unterschwelligen Traurigkeit durchzogen. Ihre Lippen zitterten leicht, bevor sie ein kleines Lächeln aufsetzte, das mehr für mich gedacht war als für sie selbst. Vanu hingegen wirkte ruhiger, gefasster, doch ich konnte sehen, wie sich ihre Finger unbewusst in den Stoff ihrer Kleidung krallten. Ich zog beide in meine Arme, spürte ihre Körper an meinem, die Wärme, die Nähe, die Vertrautheit. Für einen Moment verschwamm alles andere. Kein Aldrin, kein #DECA, keine Politik. Nur wir drei.
„Ich komme zurück“, sagte ich leise.
Meine Stimme war ruhig, aber ich spürte selbst, dass mehr dahinterlag – ein Versprechen, vielleicht auch ein Versuch, mich selbst zu überzeugen.
Valentina drückte mich fester. "Pass auf dich auf…"
Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, warm, aber brüchig.
Vanu löste sich ein Stück, sah mir direkt in die Augen. "Und mach nichts Dummes."
Ein schwaches Lächeln huschte über mein Gesicht, obwohl sich meine Brust eng anfühlte. „Ich gebe mir Mühe.“
Ich ließ sie los, langsam, widerwillig, als würde ich etwas zurücklassen, das ich nicht ersetzen konnte. Erst dann fiel mein Blick auf Gal, die etwas abseits stand. Sie hatte sich nicht eingemischt. Typisch. Ihre Haltung war entspannt, fast gleichgültig, doch ich wusste, dass das täuschte. Ihre kurzen, platinblonden Haare reichten ihr inzwischen bis zu den Ohren, nicht mehr militärisch streng, sondern in einem weichen, fast schon lässigen Schnitt – wie ein Bob. Es ließ sie… zugänglicher wirken, auch wenn ihr Blick etwas anderes sagte. Die Mittagssonne traf ihre hellgrünen Augen in einem bestimmten Winkel, und für einen Moment schienen sie tatsächlich zu leuchten. Kein echtes Glühen – eher ein Effekt des Lichts, aber dennoch intensiv genug, um mich einen Augenblick innehalten zu lassen.
Ich trat zu ihr. „Pass auf sie auf“, sagte ich ruhig, sachlich. „Alle.“
Sie kaute auf ihrem Kaugummi, der Rhythmus gleichmäßig, fast demonstrativ entspannt. Dann nickte sie einfach. Kein Lächeln, kein Kommentar. Nur dieses knappe, professionelle Einverständnis. „Mach ich.“
Mehr brauchte es nicht. Ich hielt ihrem Blick noch einen Moment stand, dann drehte ich mich um. Wenn ich noch länger blieb, würde ich vielleicht zögern. Und das konnte ich mir nicht leisten.

Der Passagierraumer wartete bereits. Aldrianische Bauweise – schlank, effizient, auf Geschwindigkeit ausgelegt. Schon beim Betreten spürte ich den Unterschied zu den Schiffen, die ich kannte. Alles war darauf ausgelegt, Strecke zu machen, Zeit zu sparen, Distanzen zu überwinden, die für andere Völker unpraktisch oder schlicht unmöglich waren. Kein unnötiger Ballast, keine überflüssige Verzierung. Funktionalität auf höchstem Niveau. Ich nahm Platz und spürte, wie sich das Schiff in Bewegung setzte. Sanft zunächst, dann immer schneller, bis das Gefühl von Beschleunigung meinen Körper leicht in den Sitz drückte. Das Solara-System war gewaltig. Die Reise zum Sprungtor dauerte Stunden. Stunden, in denen ich nichts tun konnte außer nachdenken – oder mich abzulenken. Ich entschied mich für Letzteres. Die Shared Knowledge Database – SKD. Das aldrianische Äquivalent zum argonischen Federal Information Network. Ich griff darauf zu, ließ Datenströme durch die Anzeige vor mir laufen, filterte, sortierte, analysierte. Informationen waren das Einzige, das mir in dieser Situation einen Vorteil verschaffen konnte. Es dauerte nicht lange, bis ich fand, was ich suchte. Das Tor. Eines der seit fast 900 Jahren inaktiven Tore hatte sich reaktiviert. Die Nachricht hatte sich bereits verbreitet wie ein Lauffeuer. Sicherheitskräfte waren mobilisiert worden, eine Kundschafterstaffel war bereits hindurchgeschickt worden. Ich las den Bericht. Einmal. Zweimal. Bestätigung. Die andere Seite: Presidents End. Ich lehnte mich zurück, ließ die Luft langsam aus meinen Lungen entweichen.
„Natürlich…“ murmelte ich leise.
Es hätte kaum anders kommen können. Ich starrte auf die Daten, während meine Gedanken weiterliefen. Argonen. Terraner. Beide menschlich, beide mächtig – und beide mit genug Misstrauen, um aus dieser Situation ein Problem zu machen. Vielleicht sogar einen Konflikt. Aldrin lag genau dazwischen. Eine Pufferzone. Oder… eine Abkürzung. Ich fuhr mir mit der Hand durchs Gesicht, spürte die Anspannung in meinen Muskeln. Wenn dieses Tor stabil blieb, dann veränderte es alles. Handelsrouten. Militärstrategien. Machtverhältnisse.
Ich schloss kurz die Augen. Lilandras Plan ging auf. Zu gut vielleicht. „Ich weiß nicht, ob du Solara damit einen Bärendienst erwiesen hast…“ Meine Stimme war leise, fast gedankenverloren.
Denn eines war mir klar: Das hier würde Wellen schlagen. Große Wellen. Und niemand konnte sagen, wo sie brechen würden.

Ich lehnte mich in meinem Sitz zurück, während das monotone, fast beruhigende Summen der Triebwerke den Innenraum des aldrianischen Passagierraumers erfüllte. Die Wände vibrierten kaum spürbar, ein gleichmäßiger Rhythmus, der sich mit meinem Herzschlag zu synchronisieren schien. Vor mir flimmerten noch immer die Daten der SKD, doch ich sah nicht mehr wirklich hin. Mein Blick war zwar auf die Projektion gerichtet, aber meine Gedanken waren längst woanders. Ich fuhr mir langsam mit der Hand über das Gesicht, spürte die Spannung in meinen Kiefermuskeln, den Druck hinter den Augen. Argonen. Terraner. Aldrianer. Drei Fraktionen. Drei Mentalitäten. Drei völlig unterschiedliche Wege, mit Angst, Technologie und Macht umzugehen. Ich schloss die Augen. Und stellte es mir vor. Nicht abstrakt. Nicht theoretisch. Sondern real. Greifbar. Ein Konflikt. Ich sah das Sol-System vor mir. Die Erde, umgeben von Verteidigungsplattformen, Patrouillen, streng kontrollierten Flugkorridoren. Terranische Schiffe – massiv, funktional, gebaut für Kontrolle und Abschreckung. Ihre Bewegungen präzise, berechnet, fast schon kalt. Kein Raum für Unsicherheit. Kein Raum für Zweifel. Dann die Argonen. Flexibler. Unberechenbarer. Ihre Flotten waren nicht so schwer gepanzert wie die der Terraner, aber dafür zahlreicher, vielseitiger, anpassungsfähig. Ihre Stärke lag in der Kooperation, im Zusammenspiel, im schnellen Reagieren. Und Aldrin… Ich öffnete die Augen halb, starrte ins Leere, während sich ein schwaches, fast ungläubiges Lächeln auf meine Lippen legte. Schnelligkeit. Reine, kompromisslose Geschwindigkeit. Aldrianische Schiffe würden nicht versuchen, einen direkten Schlagabtausch zu gewinnen. Sie würden ihn vermeiden. Ausweichen. Umlaufen. Zuschlagen, bevor der Gegner überhaupt realisierte, dass er bereits verloren hatte. Ich atmete tief ein.
„Ein Krieg zwischen euch…“ Meine Stimme war leise, kaum mehr als ein Hauch.
Ich stellte mir vor, wie es beginnen würde. Nicht mit einem offenen Angriff. Sondern mit einem Vorfall. Ein terranisches Aufklärungsschiff, das #DECA ortet. Alarm schlägt. Befehle werden weitergeleitet. Innerhalb von Minuten würde aus einer Beobachtung eine Bedrohung werden. Die Argonen würden reagieren. Nicht aus Loyalität – sondern aus Vorsicht. Wenn Terraformer-Technologie im Spiel war, konnten sie es sich nicht leisten, passiv zu bleiben. Zu tief saß die Erinnerung. Zu präsent die Gefahr, dass sich Geschichte wiederholen könnte. Und Aldrin… Ich spürte, wie sich meine Finger unbewusst in die Armlehnen krallten. Aldrin würde verteidigen. Ohne zu zögern. Ohne Kompromisse. Ich sah es vor mir: Terranische Verbände, die systematisch vorrücken, Sektor für Sektor sichern, jeden Widerstand eliminieren. Kalte Effizienz. Überwältigende Feuerkraft. Argonische Flotten, die versuchen zu vermitteln – und gleichzeitig aufzurüsten. Bereit, sich einzumischen, wenn das Gleichgewicht kippt. Und aldrianische Schiffe… Schatten. Schnelle, kaum erfassbare Bewegungen. Angriffe aus Winkeln, die niemand erwartete. Rückzüge, bevor Gegenschläge überhaupt möglich waren. Ein Krieg ohne klare Fronten. Ein Krieg aus Missverständnissen, Angst und falschen Annahmen. Ich presste die Lippen zusammen, mein Blick verhärtete sich.
„Und mittendrin… #DECA.“ Das Herzstück. Der Auslöser. Das Ziel. Ein Terraformer-Kommandoschiff. Für die einen ein Relikt. Für die anderen eine Bedrohung. Für Aldrin ein Retter.
Ich ließ den Kopf leicht nach hinten sinken, starrte an die Decke der Kabine. Was wäre, wenn ein einziger falscher Schritt reichte? Ein falsches Signal. Eine Fehlinterpretation. Ein überhasteter Befehl. Ich sah Explosionen vor mir. Zerrissene Schiffe. Kommunikationsabbrüche. Panik. Und dann die Eskalation. Unaufhaltsam. Ich schloss die Augen erneut, diesmal fester.
„Das darf nicht passieren…“ Meine Stimme war kaum hörbar, aber sie war fest.
Langsam öffnete ich die Augen wieder. Die Projektion vor mir flimmerte noch immer, nüchtern, emotionslos, voller Daten. Doch ich sah jetzt mehr als nur Zahlen. Ich sah Konsequenzen. Und ich verstand zum ersten Mal wirklich, was auf dem Spiel stand.

Ich ließ die Datenanzeige langsam verblassen, wischte sie mit einer trägen Handbewegung aus meinem Sichtfeld, als würde ich damit auch die Gedanken verdrängen können, die sich darin festgesetzt hatten. Es gelang mir nicht wirklich. Mein Kopf war noch immer voll – zu voll. Strategien, Konflikte, Wahrscheinlichkeiten. Ich brauchte Abstand. Ablenkung. Fast schon mechanisch griff ich wieder auf die SKD zu, ließ die Oberfläche vor mir aufleuchten und suchte nach etwas… Leichtem. Etwas, das keinen direkten Bezug zu meiner Situation hatte. Meine Finger hielten kurz inne, bevor ich es auswählte.
Starwolf.
Ein leises, kaum merkliches Ausatmen entwich mir, während ich die Wiedergabe startete. Das Bild formte sich vor mir, scharf, klar, die Farben etwas gesättigter als die Realität – bewusst stilisiert. Das Schiff erschien zuerst. Schlank. Fast organisch. Keine klaren Kanten, keine harte Symmetrie. Es wirkte… lebendig. Als würde es atmen. Ich lehnte mich tiefer in den Sitz zurück, verschränkte die Arme locker vor der Brust, während mein Blick dem Schiff folgte, wie es durch eine dieser sogenannten „dynamischen Zonen“ glitt. Raum, der sich nicht wie Raum verhielt. Licht, das sich krümmte. Strukturen, die sich auflösten und neu formten. In meiner alten Realität hätte ich das als Science-Fiction bezeichnet. Hier… war es fast schon harmlos. Schon ironisch… dachte ich. Ich beobachtete die Bewegungen des Schiffes genauer. Kein klassischer Antrieb. Kein sichtbarer Schub. Stattdessen dieses… Gleiten. Dieses abrupte Wechseln von Richtung und Geschwindigkeit, als würde es nicht durch den Raum fliegen, sondern mit ihm interagieren. Wie ein Raubtier. Mein Blick verengte sich leicht, während ich mich unbewusst nach vorne lehnte, die Ellbogen auf die Knie gestützt.
„Resonanz… Anpassung… keine starre Bewegung…“ Ich flüsterte leise vor mich hin, mehr ein Gedanke als tatsächliche Worte.
Das war es. Genau das. Ich sah nicht mehr nur die Serie. Ich sah Parallelen. Aldrin. Ihre Schiffe. Ihre Denkweise. Keine massiven Flotten, keine überladene Struktur. Geschwindigkeit. Flexibilität. Reaktion statt starrer Planung. Ich ließ den Blick kurz zur Seite wandern, starrte gegen die glatte Innenwand der Kabine, in der sich schwach das Licht der Anzeige spiegelte. Die Terraner hätten dieses Schiff gehasst. Zu unberechenbar. Zu wenig kontrollierbar. Die Argonen… hätten versucht, es zu verstehen. Vielleicht sogar zu integrieren. Und die Aldrianer? Ich konnte nicht verhindern, dass sich ein leichtes, fast trockenes Lächeln auf meine Lippen legte.
„Die hätten es gebaut…“ Ich ließ den Satz in der Luft hängen, während mein Blick wieder zur Projektion glitt.
Die Crew war klein. Minimal. Jeder hatte eine klare Rolle, aber es war nicht die Hierarchie, die funktionierte – es war das Zusammenspiel. Intuition. Vertrauen. Anpassung. Und das Schiff selbst… Ich zog die Stirn leicht in Falten, beobachtete die Interaktion zwischen Pilot und System. Keine reine Maschine. Kein Werkzeug. Ein Partner. Das erinnerte mich mehr, als mir lieb war: Wir werden helfen. Die Stimme der Sohnen hallte kurz in meinem Hinterkopf nach, kaum greifbar, aber präsent genug, um mir einen leichten Schauer über den Rücken zu jagen. Ich atmete langsam aus, ließ meinen Kopf gegen die Lehne sinken und schloss für einen Moment die Augen, während die Geräusche der Serie weiterliefen. Gedämpfte Stimmen, das tiefe Pulsieren des Antriebs, ein kaum hörbares Flimmern, wenn sich Raumzustände veränderten. Isolation. Kleine Crew. Unbekannte Zonen. Ich öffnete die Augen wieder.
„Kommt mir bekannt vor…“ Diesmal war meine Stimme noch leiser.
Zu bekannt. Ich war kein Teil einer großen Flotte. Keine Institution, die mich auffing. Kein System, das mich absicherte. Nur ich. Und das, was auch immer sich entschieden hatte, mir zu helfen. Mein Blick blieb auf dem Schiff hängen, wie es sich durch einen instabilen Raumsektor bewegte, als würde es etwas verfolgen, das nur es selbst wirklich verstand. Ich spürte, wie sich meine Gedanken langsam beruhigten. Nicht vollständig – das war unmöglich – aber genug, um wieder klarer zu werden. Starwolf war Fiktion. Und doch… war es näher an der Realität, als es sein sollte. Vielleicht sah ich es deswegen die letzten Wochen immer wieder mal sporadisch an.

Der Tordurchgang kam schneller, als ich es erwartet hatte. Ein grelles Licht flutete die Kabine, durchdrang die glatten Oberflächen des aldrianischen Passagierraumers, warf flackernde Schatten auf meine Hände, die sich unwillkürlich an die Armlehnen krallten. Ein Schwindelgefühl durchzog mich, als würde mein eigener Körper die Geschwindigkeit, die das Schiff erreichte, kaum registrieren.
„Wir haben das Megnir-System erreicht“, ertönte eine neutrale Stimme aus einem unsichtbaren Lautsprecher. Sie klang weder männlich noch weiblich, einfach sachlich und präzise. „In wenigen Stunden erreichen wir das Althes-System und von dort aus geht es weiter nach Segaris. Anschließend wird der Kurs ins Sol-System gesetzt.“
Ich starrte auf die Anzeigen, die holografisch über die Kabinenfläche schwebten. Die Koordinaten, die Umlaufbahnen der Planeten, die Einblendungen der Sterne – alles schien real, handfest, greifbar. Mein Herz schlug schneller, ein dumpfes Pochen in der Brust, während mein Verstand begann, die Situation einzuordnen.
„Nicht in einem Spiel…“ murmelte ich leise zu mir selbst, meine Stimme kaum mehr als ein Atemhauch. Ich schloss die Augen, versuchte das Dröhnen in meinen Ohren auszublenden, das schnelle Gleiten durch Raum und Zeit zu verarbeiten. Ich wusste, dass ich mich in einer Realität befand, die nur der Spielereihe ähnelte, die ich über Jahre gezockt hatte. Aber die Unterschiede waren real, greifbar, manchmal brutal genug, um mich aus der Bahn zu werfen. Meine Hände lösten sich langsam von den Armlehnen, doch die Anspannung in meinen Fingern blieb. Ich öffnete die Augen wieder, starrte hinaus auf die holografische Anzeige, sah die Sternbilder vorbeiziehen, so schnell, dass mein Gehirn Mühe hatte, sie zu erfassen. Ich erwischte mich immer wieder dabei, dass ich in alten Bahnen dachte. Immer wieder vergaß ich, dass das hier kein Spiel war. Keine Punktzahl. Keine Mission, die ich einfach neustarten konnte. Ein flaues Gefühl breitete sich in meinem Magen aus. Nicht Angst. Kein klassisches Zittern. Eher eine Mischung aus Ehrfurcht und dem merkwürdigen Stolpern meines Geistes, wenn er realisierte, wie tief ich noch nach Jahren in den Denkmustern der Spiele verhaftet war. Ich lehnte mich in meinen Sitz zurück, die Augen auf die unendliche Weite gerichtet, während das Schiff weiter durch den Raum glitt, präzise, effizient, wie ein Raubtier, das seine Beute umkreist. Die Anzeigen blinkten, zeigten Distanz, Geschwindigkeit, Zielkoordinaten. Alles stimmte. Alles war real. Und doch…, dachte ich nur für mich, …ist es so verdammt schwer, die Kontrolle loszulassen. Mein Blick wanderte kurz zu der Kabinentür, hinter der die Crew ruhte, unsichtbar, aber präsent, wie ein leiser Strom, der mich trug. Ich schloss die Augen, atmete tief durch und versuchte, die Gedanken zu ordnen. Jede Stunde, die wir durch diese Systeme gleiten würden, würde neue Informationen bringen. Kein Spiel, keine Pause. Nur die Realität.

Die Reise hatte mich mehr ermüdet, als ich erwartet hatte. Sie begann wie ein einfacher Sprung zwischen den Systemen, doch mit jedem Zwischenstopp wuchs die Realität dieser Strecke. Ich stand immer wieder am Aussichtspanel des Passagierraumers, stützte die Ellbogen auf die Reling und ließ meinen Blick über die unzähligen Sterne wandern, die wie kalte Diamanten durch die Finsternis glitten.
Megnir zeigte sich mir als ein lebendiger Organismus aus Stahl und Licht. Die Fabriken auf den Planeten wirkten wie wuchernde Adern, die die Ressourcen des Systems sammelten und weiterleiteten. Rauchfahnen stiegen von den Industriezentren auf, vermischten sich mit den elektrischen Funken der Transportbahnen, und ich spürte eine merkwürdige Mischung aus Faszination und Beklommenheit. Die Sonne von Megnir war scharf, fast grell, und warf harte Schatten auf die metallischen Oberflächen der Stationen. Ich konnte die Hitze förmlich spüren, selbst durch die Schotten des Raumschiffs hindurch. Vanu und Valentina waren nicht bei mir, ich war allein mit meinen Gedanken, und ich fragte mich, wie sie die Reise empfunden hätten. Meine Finger trommelten nervös gegen das Geländer, während mein Gehirn versuchte, die Fülle an Informationen zu verarbeiten. Megnir war mehr als nur ein industrielles Zentrum – es war ein Symbol für die Ausbreitung der Terraner, eine stählerne Hand, die ihre Finger in jedes neue System streckte.
Das Althes System erschien mir ruhiger, weniger aggressiv, weniger überladen. Die Planeten dort wirkten kleiner, bescheidener, aber strategisch perfekt positioniert. Hier wurden Ressourcen umgeschichtet, Waren transportiert, Logistikpunkte eingerichtet, und alles funktionierte wie ein präzises Uhrwerk. Ich konnte die Routinen der Stationen fast spüren: Drohnen, die Pakete verluden, Schiffe, die warteten, Datenströme, die in den Konsolen blinkten. Ich lehnte mich zurück und dachte über die Mechanismen nach, die ein so großes System am Laufen hielten. Es war effizient, ja, aber es fehlte etwas, das ich nur schwer in Worte fassen konnte – die Flexibilität, die Intuition, die ich auf Aldrin gespürt hatte.
Segaris schließlich wirkte wie ein Bollwerk. Schon aus der Ferne konnte ich die militärischen Installationen erkennen, die den Weltraum überwachten, jede Bewegung erfassten. Die Spuren alter Sprungtor-Architektur ließen die Geschichte des Systems lebendig werden. Ich spürte den Ernst seiner Lage – hier schien jede Entscheidung das Gleichgewicht in der Region zu beeinflussen. Ich ließ meinen Blick über die riesigen Kuppeln und Komplexe wandern, über die Schiffe, die in Formation warteten, und ich konnte nicht umhin, die strategische Bedeutung dieses Punktes zu erkennen. Segaris war nicht nur ein System, es war ein Prüfstein – für Technologie, für militärische Macht, für die Ordnung der Terraner.
Während die Stunden und Tage vergingen, spürte ich, wie die Reise mich formte. Jeder Planet, jedes System, jeder Zwischenstopp schärfte meine Wahrnehmung. Ich verstand mehr von den Terranern, von ihren Zielen und von der unausweichlichen Spannung zwischen ihnen und den Aldrianern. Doch zugleich wuchs in mir die Erkenntnis, wie zerbrechlich dieses Gleichgewicht war. Ich stützte die Hände auf die Reling, atmete tief ein, und fragte mich, welche Rolle ich selbst in diesem Geflecht einnehmen sollte.

Ich verließ den Passagierraumer und spürte sofort die Kälte der künstlichen Atmosphäre auf der Handelsstation. Die Metallböden reflektierten das Licht der künstlichen Sonne, das in scharfen Streifen durch die Kuppel fiel. Überall summten und surrten kleine Serviceroboter, die Waren transportierten oder Reinigungsarbeiten erledigten. Ich ging langsamen Schrittes durch die Hallen, ließ die Hände locker hinter dem Rücken verschränkt und versuchte, meine Gedanken zu ordnen. Die Unruhe in mir war spürbar, jede Faser meines Körpers gespannt.
Die Station selbst wirkte funktional, ohne jeden Luxus. Metallische Wände, minimalistische Sitzgelegenheiten, an den Kuppeln holografische Anzeigen, die Informationen über Ankünfte, Abflüge und Frachtladungen lieferten. Ich blieb an einem Fenster stehen, das den Blick auf Neptun freigab. Der Planet erschien dunkelblau, fast melancholisch, und seine Wolkenwirbel zogen sich wie gewundene Schleier über die Oberfläche. Ich konnte die Abwehrstellungen erkennen, die die Terraner rund um den Planeten installiert hatten, kleine, aber mächtige Türme, die im Notfall eine ganze Flotte aufhalten konnten.
Die Paranoia der Terraner wurde mir erst jetzt wirklich bewusst. Ihr Sprungtor lag weit außerhalb der inneren Planeten, an der Grenze ihres Systems, als Schutzmaßnahme für Terra selbst. Ich schluckte schwer, als mir klar wurde, welche strategische Tiefe hinter dieser Entscheidung steckte. Eine gesamte Verteidigungsstrategie, aufgebaut auf Angst, auf Kontrolle, auf Prävention. Ich fühlte mich wie ein Eindringling, als hätte ich ohne Erlaubnis den Rand ihres Reiches betreten.
Ich griff nach dem Handterminal der Station und rief Daten aus dem Stellar Wide Web [SWW] ab. Die Informationen flossen in kurzen, präzisen Strömen über das Display, Zahlen, Diagramme, Sektorkarten. Die Erde und die inneren Planeten waren militarisiert bis ins Detail, orbitale Laser, Verteidigungsringe, Frühwarnsysteme. Früher hatte ich das nur abstrakt gewusst, jetzt sah ich es in seiner ganzen Dimension. Ich spürte eine Mischung aus Ehrfurcht und Beklommenheit, ein Knistern der Spannung in der Luft, das mich fast körperlich packte.
Ich schloss die Augen, atmete tief durch, und versuchte, die Gedanken zu ordnen. Jede Entscheidung hier hatte Konsequenzen, jede Bewegung konnte Aufmerksamkeit erregen. Ich strich über die Metallkante des Fensters, fühlte die Kälte durch meine Fingerspitzen, und stellte mir die kommenden Schritte vor. Die militärische Realität des Sol-Systems war unnachgiebig, und ich musste mehr als nur vorsichtig sein. Jeder Moment hier war ein Balanceakt, zwischen Beobachtung, Information und dem ständigen Wissen, dass alles, was ich tat, gesehen werden konnte.

Ich hasse Perfektion.
Sie bietet keinen Platz für Kreation.

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Kapitel 29 - Hindernisse

Ich setzte mich schwer auf den Stuhl, ließ die Beine locker baumeln und starrte auf das Terminal vor mir. Der Mars – schon seit Kindheitstagen hatte mich dieser Planet fasziniert, die rostrote Oberfläche, die dünne Atmosphäre, die Aussicht auf alte, längst vergessene Landschaften. Jetzt, wo ich die Möglichkeit hatte, dorthin zu reisen, spürte ich diese ungeduldige Aufgeregtheit tief in mir. Doch das Terminal verweigerte jeden Schritt. „Keine Berechtigung“, blinkte es mir in nüchternen Buchstaben entgegen. Ich runzelte die Stirn, mein Blick wanderte über die kühlen Metallflächen um mich herum. Das Display meldete, dass nur Personen, die in der Personendatenbank des SWW erfasst waren, ins innere Sonnensystem reisen durften. Ich ließ die Schultern sinken, ein bitterer Geschmack in meinem Mund, und drehte mich um. Die Station wirkte unverändert funktional: klare Linien, grelles Licht, kleine Serviceroboter huschten über die Böden. Ich ging zu einem kleinen Restaurant, setzte mich an einen freien Tisch und bestellte Nutri-Protein und einen Terran Isotonic. Standardnahrung für Reisende, funktional, nahrhaft, aber ohne jeden kulinarischen Reiz. Während ich aß, beobachtete ich die anderen Gäste. Niemand warf mir einen seltsamen Blick zu. Wahrscheinlich bestellten hier viele dasselbe, oder, ein Gedanke, der mir unbehaglich war, vielleicht war dies alles, was zur Verfügung stand. Ich schob den Gedanken beiseite, nippte am Isotonic und ließ den Blick durch den Raum schweifen. Das metallische Summen der Station, das leise Piepen der Terminals, die fernen Geräusche von Wartungsrobotern – alles wirkte gleichgültig gegenüber meinen Gedanken. Mit einem tiefen Atemzug griff ich nach meinem Handterminal und begann, das Registrierungsformular für das Sol-System auszufüllen. Zuerst gab ich alle Daten ein, die ich kannte, ergänzte sie mit Informationen aus meiner eigenen Realität, wo es nötig war. Ich hielt den Finger über die Schaltfläche „Absenden“ und drückte. Sekunden vergingen. Dann die nüchterne Rückmeldung: Ablehnung. Viele Orte, Schulen, Straßen, die ich kannte, existierten nicht mehr. Mindestens neunhundert Jahre hatten das System verändert. Ein Frösteln lief mir über den Rücken. Ich wollte unbedingt die Erde sehen, die Orte, an denen ich aufgewachsen war, die Schule, die Straßen, die Parks. Die Erinnerungen brannten noch in mir, doch die Realität hier war eine andere. Nach zwei weiteren erfolglosen Versuchen griff ich schließlich auf die fiktiven Angaben zurück, die Roland Caprio einst für mich entworfen hatte. Ich war nun eingetragen als einziger Überlebender einer Goner-Kolonie. Ich drückte erneut „Absenden“ und spürte, wie sich ein schaler Beigeschmack in meiner Kehle ausbreitete. Ich wusste, dass dies nur ein Umweg sein würde, ein Trick, um mir Zugang zu verschaffen. Doch die Mischung aus Entschlossenheit, Ungeduld und der leisen Angst, erneut abgewiesen zu werden, ließ mich still die Hände ballen, während ich die Augen auf den flimmernden Bildschirm richtete.

Das Display flackerte kurz – dann änderte sich die Anzeige. Zugriff gewährt. Ich hielt für einen Moment inne, meine Finger schwebten noch über der Oberfläche des Terminals, als hätte ich Angst, die Anzeige könnte sich wieder zurückziehen, wenn ich mich zu schnell bewegte. Erst langsam atmete ich aus und ließ die Schultern ein Stück sinken.
„Na also…“ Meine Stimme war leise, kontrolliert, aber ich spürte die Erleichterung dahinter deutlich.
Ich lehnte mich zurück, strich mir mit der Hand über das Kinn und begann, mich durch die erweiterten Daten des SWW zu bewegen. Sofort fiel mir auf, wie stark die Inhalte gefiltert waren. Zugriffsebenen, Freigaben, abgestufte Informationen – alles wirkte strukturiert, kontrolliert, eingegrenzt. Paranoia. Oder Disziplin. Je nachdem, aus welchem Blickwinkel man es betrachtete.
„Ihr traut nicht einmal eurer eigenen Bevölkerung vollständig…“ Ich sprach es nicht vorwurfsvoll aus, eher nüchtern analysierend. Es war ein System, das auf Kontrolle beruhte. Information war hier kein freies Gut, sondern eine Ressource – reguliert, verteilt, überwacht.
Ich schob den Gedanken beiseite und begann zu suchen. Meine Vergangenheit. Oder das, was davon übrig war. Die ersten Treffer ließen nicht lange auf sich warten. Orte, die ich kannte. Straßen. Schulen. Bezirke. Doch je tiefer ich ging, desto mehr… verschwand. Viele Einträge endeten abrupt. Vermerkt als „aufgegeben“, „restrukturiert“ oder schlicht „nicht mehr existent“. Andere waren in größere urbane Zonen integriert worden, ihre ursprünglichen Namen nur noch als Randnotiz vorhanden. Ich spürte, wie sich mein Magen leicht zusammenzog. Bilder tauchten vor meinem inneren Auge auf. Straßen, durch die ich gegangen war. Gebäude, deren Geruch ich noch kannte. Stimmen, Geräusche, alltägliche Kleinigkeiten. Und jetzt… nichts davon existierte mehr in dieser Form.
„Neunhundert Jahre…“
Ich schüttelte langsam den Kopf. Es war irrational gewesen, etwas anderes zu erwarten. Und doch hatte ein Teil von mir gehofft. Ich zögerte einen Moment. Dann gab ich meinen eigenen Namen ein. Tori Grau. Ehrlich gesagt rechnete ich mit nichts. Vielleicht ein leerer Datensatz. Vielleicht gar keine Treffer. Doch das System reagierte. Ich runzelte die Stirn, beugte mich leicht nach vorne, mein Blick fixierte die Anzeige.
„Das… gibt’s nicht…“ Leise, ungläubig.
Ein Eintrag. Spärlich, fragmentiert – aber vorhanden. Ich begann zu lesen. Autor. Mehrere Veröffentlichungen. Verschiedene Genres. Hohe Frequenz an Publikationen. Mein Blick wanderte schneller über die Zeilen, während sich ein unangenehmes Gefühl in meiner Brust ausbreitete. Dann der Bruch. Kontroverse. Ich hielt inne, die Augen verengten sich leicht. Vorwürfe, dass die Werke mit Hilfe künstlicher Intelligenzen verfasst worden seien. Öffentliche Diskussionen. Kritik. Zweifel an der Authentizität. Ich presste die Lippen zusammen.
„Natürlich…“
Die Ironie war kaum zu übersehen. Ich las weiter. Der andere… ich… hatte sich verteidigt. Hatte erklärt, dass KI lediglich für Rechtschreibung und Grammatik genutzt wurde. Hatte Beweise geliefert. Handschriftliche Notizen. Jahrzehntelang gesammelte Ideen. Ich konnte mir das Bild sofort vorstellen. Notizbücher. Skizzen. Fragmente. Gedankenfetzen. Etwas in mir zog sich zusammen. Die Debatte war eskaliert. Kurzzeitig zumindest. Dann – wie so oft – verlor die Öffentlichkeit das Interesse. Ein aufgeblähtes Thema, das schnell wieder verpuffte. Ich atmete langsam aus, während ich die nächsten Zeilen las. Er machte weiter. Schrieb weiter. Veröffentlichte weiter. Sein Ruf hatte gelitten – aber gleichzeitig war seine Bekanntheit gestiegen. Ein kurzer, bitterer Anflug von etwas, das ich nicht sofort einordnen konnte, durchzog mich. Dann kam der letzte Eintrag. Ich erstarrte. Verarmt. Krankheit. Gestorben auf der Straße. Ein deutscher Slum. Ich starrte auf die Worte, ohne sie wirklich zu verarbeiten. Mein Blick blieb hängen, meine Gedanken liefen ins Leere. Meine Hand, die auf dem Tisch lag, spannte sich unwillkürlich an. Die Finger krümmten sich leicht, als müsste ich mich irgendwo festhalten.
„Das ist also… eine Möglichkeit gewesen…“ Meine Stimme war kaum hörbar.
Ich lehnte mich langsam zurück, ließ den Kopf gegen die Rückenlehne sinken und schloss für einen Moment die Augen. Bilder entstanden. Nicht konkret. Eher Gefühle. Möglichkeiten. Ein Leben, das ich vielleicht hätte führen können. Oder müssen. Ein Leben voller Ideen… die niemand wirklich wertschätzte. Ein Leben zwischen Anerkennung und Ablehnung. Ein Leben, das am Ende… einfach versickerte. Ich öffnete die Augen wieder, starrte an die Decke der Station, während das leise Summen der Systeme zurück in mein Bewusstsein drang.
„Wäre ich dort geblieben…“ Ich ließ den Satz unvollendet.
Die Antwort spielte sich ohnehin in meinem Kopf ab. Nicht eindeutig. Nicht klar. Aber nahe genug, um ein unangenehmes Ziehen in der Brust zu hinterlassen. Ich setzte mich wieder aufrecht hin, zwang meinen Blick zurück auf das Display. Das hier war nicht mein Leben. Aber es hätte eines sein können. Und dieser Gedanke… ließ sich nicht so einfach abschütteln.

Ich stand erneut vor dem Terminal, die Schultern leicht nach vorne gezogen, die Finger angespannt über der Eingabefläche schwebend. Ein zweiter Versuch. Diesmal mit gültiger Registrierung, mit Zugriff, mit allem, was mir zuvor gefehlt hatte. Der Mars. Ich gab die Zielkoordinaten ein, bestätigte die Anfrage und wartete. Mein Blick fixierte die Anzeige, als könnte ich sie durch reinen Willen dazu bringen, mir Zugang zu gewähren. Für einen kurzen Moment blieb alles ruhig. Dann erschien die Antwort. Abgelehnt. Ich blinzelte, meine Stirn legte sich in Falten, während ich den Text genauer las. Empfindliche Ökologie. Zutritt ausschließlich für Farming- und Ranching-Zwecke autorisiert. Ich lehnte mich langsam zurück, ließ die Luft durch die Nase entweichen und starrte auf das Display, als hätte es mich persönlich beleidigt.
„Das kann nicht euer Ernst sein…“ Meine Stimme war ruhig, aber ein trockener Unterton schwang mit.
Der Mars. Mein Lieblingsplanet. Und jetzt… eine Sperrzone. Ich ließ die Finger erneut über das Terminal gleiten, diesmal nicht, um ein Ticket zu buchen, sondern um Informationen abzurufen. Bilder erschienen. Satellitenaufnahmen. Drohnenperspektiven. Ich erstarrte leicht. Die rote, karge Oberfläche, die ich kannte – oder zu kennen glaubte – war noch da. Aber sie war… verändert. Durchzogen von Wasser. Breite, blaue Flüsse schnitten sich durch die Landschaft, glitzerten im Licht wie lebendige Adern. Von ihnen zweigten kleinere Kanäle ab, künstlich angelegt, präzise geführt. Sie verteilten sich über weite Flächen, speisten Felder, die in sattem Grün und warmem Gold leuchteten. Ich beugte mich näher an das Display heran, meine Augen folgten den Linien, den Strukturen.
„Ihr habt den Mars… bewässert…“ Ein leises Staunen lag in meiner Stimme.
Weitere Bilder erschienen. Herden. Kühe, die sich langsam über weite Ebenen bewegten. Schweine, die in umzäunten Arealen gehalten wurden. Gruppen von Enten, die sich entlang der Wasserläufe sammelten. Leben. Gezüchtet. Geordnet. Optimiert. Ich ließ mich wieder in den Sitz sinken, mein Blick blieb auf den Bildern hängen, während mein Verstand versuchte, das Gesehene einzuordnen. Ein ganzer Planet. Reduziert auf Nahrungsmittelproduktion. Effizient. Konsequent. Und gleichzeitig… Ich griff langsam nach dem halb aufgegessenen Nutri-Protein-Riegel vor mir. Meine Finger schlossen sich um das weiße, kompakte Stück, und ich betrachtete es einen Moment lang. Farblos. Geruchlos. Ich biss nicht hinein. Stattdessen drehte ich es leicht zwischen den Fingern, spürte die merkwürdige Konsistenz – zu fest, um weich zu sein, zu nachgiebig, um wirklich hart zu wirken.
„Also das ist das Endprodukt…“ Meine Stimme war leise, fast nüchtern.
Ich hob den Riegel ein Stück an, hielt ihn gegen das Licht. All diese Felder. All diese Tiere. All dieser Aufwand. Und am Ende… das hier. Ich verzog leicht das Gesicht, kaum sichtbar, mehr ein innerer Reflex als eine bewusste Reaktion.
„Beeindruckend… und gleichzeitig…“ Ich brach den Satz ab, ließ den Riegel wieder sinken. Wie armselig.
Ich legte ihn zurück auf den Tisch, meine Finger blieben einen Moment darauf liegen, bevor ich sie langsam zurückzog. Mein Blick wanderte wieder zu den Bildern des Mars. Schön. Auf eine künstliche, kontrollierte Weise. Aber unzugänglich. Ich lehnte mich zurück, verschränkte die Arme vor der Brust und atmete langsam aus.
„Ein ganzer Planet voller Nahrung…“ Meine Augen verengten sich leicht. „…und hier sitzt du und isst das.“
Die Diskrepanz war nicht nur offensichtlich – sie war greifbar. Und sie sagte mehr über die Terraner aus, als jede Datenbank es je könnte.

Ich ließ die Bilder des Mars langsam ausblenden und blieb noch einen Moment regungslos sitzen. Meine Finger ruhten auf der Tischkante, während mein Blick ins Leere glitt. Die Informationen liefen weiter im Hintergrund, nüchtern, präzise, ohne jede Emotion. Phobos & Deimos. Furcht & Schrecken. Ich zog leicht eine Augenbraue hoch, ein kaum sichtbarer Reflex, während ich die Daten abrief. Die beiden Monde erschienen als kleine, unregelmäßige Körper im Orbit des Mars, doch ihre Bedeutung war alles andere als gering. Industriekomplexe, Bergbauanlagen, Wohnbereiche. Raumhäfen. Quarantänestationen. Ich beugte mich leicht vor, die Ellenbogen auf die Knie gestützt, und las weiter. Quarantäne. Natürlich.
„Alles unter Kontrolle…“ Meine Stimme war leise, fast monoton.
Die Weiterreise zum Mars selbst war streng reguliert. Nur autorisiertes Personal. Arbeiter. Spezialisten. Niemand, der einfach nur… sehen wollte. Ich ließ den Blick über die Darstellungen der Monde wandern. Große Strukturen, die sich an die Oberfläche klammerten. Dockingringe, die Schiffe aufnahmen. Künstliche Atmosphärenfelder, die bestimmte Bereiche schützten. Alles wirkte durchorganisiert, effizient – und gleichzeitig… distanziert. Ich lehnte mich zurück, verschränkte die Arme vor der Brust und ließ die Gedanken schweifen. Ein Flug zu den Monden wäre möglich. Ich spielte die Idee kurz durch. Ein Ticket buchen. Hinfliegen. Durch sterile Korridore gehen. Aus einem Beobachtungsfenster auf den Mars blicken. Ich schnaubte leise durch die Nase.
„Und dann…?“ Keine Antwort.
Ich wusste sie ohnehin. Nichts. Ich würde dort stehen, durch Glas auf einen Planeten sehen, den ich nicht betreten durfte. Langsam schüttelte ich den Kopf. Nein. Ich richtete mich wieder auf, meine Bewegungen kontrolliert, fast mechanisch, und wandte mich erneut dem Terminal zu. Wenn schon nicht Mars… dann Erde. Mein Blick verhärtete sich leicht, während ich die Anfrage eingab. Terra. Ein kurzer Moment der Stille. Dann erschien die Antwort. Abgelehnt. Ich blinzelte einmal, dann noch einmal, als hätte ich mich verlesen. Nicht lange genug im Sol-System registriert. Ich starrte auf die Anzeige. Einen Moment lang passierte nichts. Dann rollte ich langsam mit den Augen und lehnte mich zurück, mein Kopf sank gegen die Lehne.
„Natürlich…“ Ein trockener Unterton lag in meiner Stimme.
Ich fuhr mir mit der Hand durchs Gesicht, ließ sie einen Moment auf meiner Stirn liegen und atmete langsam aus. Diese Einschränkungen. Diese Kontrolle. Diese… Ich suchte nach einem Wort, während mein Blick wieder zur Decke wanderte.
„…übervorsichtigen Kontrollfetischisten.“
Ich ließ die Hand sinken, meine Lippen verzogen sich minimal, ohne echtes Lächeln. Es war mehr als nur Vorsicht. Mehr als nur Sicherheitsdenken. Es war ein System, das sich selbst absicherte. Gegen alles. Gegen jeden. Auch gegen mich. Ich beugte mich wieder nach vorne, die Ellbogen auf die Knie gestützt, und starrte auf den Boden vor mir. Das matte Metall reflektierte schwach mein Spiegelbild – verzerrt, unscharf. Ich war angekommen. Und doch… war ich noch immer außen vor.

Ich lehnte mich zurück, das Terminal vor mir flackerte schwach im gedämpften Licht der Station. Die Meldung des Terraners, der stolz über seinen Wehrdienst berichtete, brannte sich in meinem Kopf fest, während ich die Worte wieder und wieder durchging. Die Erde, so wie sie hier dargestellt wurde, war kein Zuhause mehr. Sie war eine Festung. Ein orbitaler Verteidigungsring, der sich wie ein stählernes Auge über den blauen Planeten spannte.
„Eindringlinge… werden schnell eliminiert…“
Die Stimme in meinem Kopf wiederholte die nüchternen Worte des Berichts, während meine Hände unbewusst die Tischkante umklammerten. Ich spürte, wie sich ein Kloß in meinem Hals bildete. Millionen von Menschen lebten auf diesem Torus, wie Ameisen in einer künstlichen Welt, dicht gedrängt, überwacht, geschützt – und gleichzeitig eingesperrt. Jeder Schritt außerhalb der markierten Sicherheitszonen bedeutete Tod. Atomarer Tod. Ich ließ den Blick über die schematische Darstellung des Torus gleiten. Schlanke, metallische Ringe verbanden Plattformen, Landebahnen zogen sich wie Spinnweben durch die Station. Raketen- und Laserbatterien standen auf den Kuppeln, starr, bereit, jeden Eindringling zu vernichten. Die Technik wirkte perfekt, effizient, aber kalt. Keine Menschlichkeit, kein Lachen, kein Leben außerhalb der vorgegebenen Pfade.
„Und trotzdem…“ murmelte ich leise, fast unhörbar, „leben sie hier wie in einem goldenen Käfig.“
Meine Finger trommelten nervös auf der Tischfläche. Ich konnte spüren, wie die Spannung in meinem Nacken wuchs, während ich mir ausmalte, wie ein kleiner Fehler, ein falscher Code, ein verfrühter Sprung ins Sol-System – alles in molekularer Auslöschung enden könnte. Und dennoch… irgendwo in diesem Geflecht aus Angst und Paranoia, Schutz und Isolation, musste es Menschen geben, die versuchten zu leben, zu lachen, zu lieben. Ich schloss die Augen für einen Moment. Atemzug. Ein tiefer Zug, der die Kälte der Station in meine Lungen zog. Dann öffnete ich sie wieder und starrte auf den Bericht. Jede Zeile, jeder Satz wirkte wie ein Beweis dafür, dass die Terraner alles taten, um ihre Heimat zu sichern – selbst wenn dies bedeutete, dass die eigene Menschlichkeit langsam erstickte.
„So ist es also…“ flüsterte ich, mehr zu mir selbst als zu irgendjemandem sonst. „Ein Planet als Festung.“
Meine Lippen verzogen sich zu einer Mischung aus Skepsis und Resignation. Ich lehnte mich wieder tiefer in die Lehne, ließ die Schultern sinken und versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen. Doch egal, wie sehr ich es versuchte, die Vorstellung, dass die Erde in dieser Realität nicht mehr mein Zuhause war, blieb wie ein kalter Stein in meiner Brust liegen. Ich atmete noch einmal tief ein, meine Augen verfolgten die digitalen Konturen des Torus, die wie ein stählernes Netz über dem Planeten schwebten. Die nächste Entscheidung würde nicht leicht sein. Jede Bewegung, jeder Versuch, mich weiter ins System zu wagen, würde ein Spiel auf Messers Schneide sein. Ich spürte ein Ziehen in meinem Magen, ein nervöses Kribbeln in den Fingerspitzen, und wusste, dass nichts, was ich bisher erlebt hatte, mich wirklich auf das vorbereitete, was auf mich wartete.

Ich hasse Perfektion.
Sie bietet keinen Platz für Kreation.

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