[EX16] eXterra

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Tom
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[EX16] eXterra

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eXterra
(Isekai no Xistence Prequel)

Prolog

Das Hangardock des Torus Aeternal erstreckte sich wie eine gewaltige, von Stahl und Technik beherrschte Kathedrale unter den gepanzerten Strukturen des orbitalen Verteidigungsrings. Weit über der Erde gelegen, war die gigantische Anlage nicht einfach eine Raumstation, sondern ein sichtbares Zeugnis terranischer Wehrhaftigkeit. Durch die massiven Sichtfenster am äußeren Ende des Docks war der blaue Planet zu erkennen, dessen Wolkenwirbel sich langsam über den Ozeanen bewegten. Dazwischen zeichneten sich die geometrischen Konturen orbitaler Anlagen ab, während vereinzelte Schiffe ihre vorgeschriebenen Flugbahnen zwischen den gewaltigen Strukturen des Torus verfolgten. Im Inneren des Docks herrschte dagegen eine geschäftige, beinahe industrielle Atmosphäre. Wartungsdrohnen glitten an Führungsschienen entlang, schwere Hebearme bewegten sich mit bedächtiger Präzision, und das tiefe Summen der Lebenserhaltungssysteme vermischte sich mit dem metallischen Echo von Werkzeugen und den gedämpften Stimmen des technischen Personals.
Im Zentrum des Hangars stand ein Raumschiff, das sich deutlich von den gewöhnlichen terranischen Jägern abhob. Es war weder ein kompakter Einsitzer noch eine jener schweren Korvetten, die mit ihren ausladenden Rümpfen und zahlreichen Waffenstationen den militärischen Raumverkehr dominierten. Seine Abmessungen lagen irgendwo dazwischen, wobei die Konstruktion weniger auf eine möglichst geringe Silhouette als auf die Unterbringung komplexer Systeme ausgelegt schien. Der Rumpf war von glatten, dunkelgrauen Panzerplatten bedeckt, deren Kanten sich unter dem Licht der Dockbeleuchtung scharf abzeichneten. Zwischen den Segmenten verliefen schmale Wartungsfugen, und an mehreren Stellen waren noch geöffnete Serviceklappen zu erkennen. Kabelstränge und temporäre Versorgungsleitungen verbanden das Schiff mit den stationären Systemen des Docks. Kleine Wartungsplattformen schwebten entlang der Außenhülle, während Techniker an den freigelegten Sektionen arbeiteten.
Der Prototyp besaß die unverkennbare Ausstrahlung eines Einzelstücks. Seine Konstruktion wirkte in einigen Bereichen bereits ausgereift, in anderen dagegen wie das Ergebnis eines technischen Kompromisses, bei dem unterschiedliche Anforderungen miteinander in Einklang gebracht werden mussten. Die Anordnung der Antriebssektionen, die ungewöhnlich dimensionierten Rumpfbereiche und die zusätzlichen Verstärkungen rund um das zentrale Antriebsmodul ließen erkennen, dass dieses Schiff nicht für gewöhnliche Patrouillenflüge vorgesehen war. Sein eigentlicher Zweck lag in einer Technologie, die das bisherige Verständnis terranischer Raumfahrt grundlegend verändern konnte. Der torlose Sprungantrieb war der Grund, weshalb dieses unscheinbar wirkende Einzelstück in einem der bestgeschützten Docks des Torus Aeternal untergebracht war.
Die Überreste des Xenon-Sprungschiffs, das 2905 in das Sol-System eingedrungen war, hatten den Anstoß zu diesem Projekt gegeben. Was zunächst als Untersuchung einer schwer beschädigten fremden Technologie begonnen hatte, war inzwischen zu einem der ambitioniertesten Forschungsprogramme der Erdregierung geworden. Sieben Jahre Arbeit hatten Erkenntnisse, Rückschläge und zahllose technische Herausforderungen hervorgebracht. Nun stand das Ergebnis dieser Bemühungen vor dem Abschluss seiner Vorbereitungen, ohne dass bereits feststand, ob sich die theoretischen Berechnungen unter realen Bedingungen bestätigen würden. Jeder Anschluss, jede verstärkte Struktur und jede zusätzliche Diagnoseeinheit am Rumpf erinnerte daran, wie wenig Raum für Fehler bei einem solchen Experiment blieb.
Vor dem Schiff standen Kyle William Brennan und Elena Lindisfarne Kho, beide in der Dienstkleidung des United Space Command. Kyle hatte sich mit der ruhigen Selbstverständlichkeit eines erfahrenen Offiziers neben einer mobilen Diagnosekonsole positioniert. Seine Haltung war aufrecht, seine Schultern entspannt, während sein Blick zwischen den angezeigten Messwerten und dem vor ihm aufragenden Rumpf des Prototyps wechselte. In seinem Gesicht lagen die Spuren langjähriger militärischer Erfahrung, ohne dass seine Mimik unnötig streng wirkte. Er schien die technischen Einzelheiten mit jener konzentrierten Aufmerksamkeit zu prüfen, die weniger aus Nervosität als aus Gewohnheit entstand. Gelegentlich neigte er den Kopf, wenn eine Anzeige seine Aufmerksamkeit erregte, oder verschränkte die Arme, während er einen Abschnitt der Außenhülle genauer betrachtete.
Elena stand einige Schritte entfernt an einer geöffneten Wartungskonsole. Ihr dunkles Haar war ordentlich zurückgebunden, und ihre Uniform saß ebenso akkurat wie die ihres Kollegen. Während Kyle die übergeordneten Systemdaten überprüfte, konzentrierte sie sich auf die Diagnoseanzeigen der Antriebssektion. Ihre Bewegungen waren präzise und routiniert. Mit wenigen Berührungen wechselte sie zwischen den angezeigten Statusmeldungen, vergrößerte einzelne Datensätze und verglich die Werte mit den Angaben auf ihrem tragbaren Terminal. Dabei fiel auf, wie selbstverständlich sich ihre Arbeit mit der von Kyle ergänzte. Keiner musste dem anderen erklären, welcher Prüfschritt als Nächstes anstand. Ihre Aufmerksamkeit richtete sich auf unterschiedliche Bereiche desselben Problems, und ihre Handlungen griffen ineinander, ohne dass daraus unnötige Gespräche entstanden.
Zwischen ihnen bestand eine Vertrautheit, die sich nicht allein durch ihre gemeinsame dienstliche Erfahrung erklären ließ. Sie zeigte sich in kleinen, kaum auffälligen Einzelheiten. Wenn Kyle den Blick von seiner Konsole hob, schien Elena häufig bereits zu wissen, worauf er hinauswollte. Wenn sie eine Messung abschloss, richtete sich seine Aufmerksamkeit gelegentlich auf sie, noch bevor sie den entsprechenden Wert kommentierte. Im Gegenzug nahm Elena seine knappen Bemerkungen auf, ohne ihre Arbeit unterbrechen zu müssen. Nichts daran wirkte vor einem unbeteiligten Beobachter zwangsläufig ungewöhnlich. Zwei erfahrene Offiziere, die gemeinsam ein experimentelles Raumschiff betreuten, mussten sich aufeinander verlassen können. Dennoch lag in der Selbstverständlichkeit ihres Umgangs eine persönliche Nähe, die sich zwischen den sachlichen Abläufen nur gelegentlich abzeichnete.
Elena ließ eine Diagnoseansicht auf ihrem Terminal verschwinden und trat näher an die vordere Rumpfsektion heran. Ihr Blick wanderte über die dunklen Panzerplatten, bevor er an einer länglichen Wartungsöffnung hängen blieb. Dort waren die Anschlüsse für mehrere Messleitungen sichtbar, die noch mit den Prüfgeräten des Hangars verbunden waren. Sie betrachtete die Konstruktion einige Sekunden lang, dann wandte sie sich Kyle zu.
"Sieht besser aus, als ich erwartet hatte."
Kyle hob den Blick von der Konsole. Für einen kurzen Moment betrachtete er nicht die Messwerte, sondern das Schiff selbst. Dann glitt sein Blick zu Elena, deren Mundwinkel sich leicht angehoben hatten.
"Du hattest also Zweifel?"
"Ich habe Zweifel an allem, was als revolutionär bezeichnet wird, bevor es sich im Einsatz bewährt hat."
Ihre Stimme klang sachlich, doch in ihrem Blick lag ein Anflug von trockenem Humor. Kyle reagierte mit einem kaum merklichen Lächeln, bevor er sich wieder der Diagnosekonsole zuwandte.
"Eine vernünftige Einstellung für eine Co-Pilotin."
"Und für einen Captain, der nicht vorhat, seinen ersten Testflug mit einem technischen Totalschaden zu beenden."
Die Bemerkung war nüchtern genug, um als gewöhnlicher beruflicher Austausch durchzugehen. Trotzdem blieb Kyle für einen Augenblick still. Sein Blick ruhte auf Elena, und das schwache Lächeln in seinem Gesicht hielt etwas länger an, als es für eine rein formelle Unterhaltung notwendig gewesen wäre. Elena erwiderte seinen Blick, ehe sie sich wieder dem Terminal zuwandte. Die kurze Begegnung verlor sich im stetigen Geräusch des Docks, ohne dass einer von beiden ihr weitere Bedeutung verlieh.
Kyle wechselte die Anzeige auf der Diagnosekonsole. Eine schematische Darstellung des Schiffes erschien, darüber die Statusmeldungen der verschiedenen Systeme. Der konventionelle Antrieb war betriebsbereit, die Lebenserhaltung arbeitete innerhalb der vorgesehenen Parameter, und die Energieversorgung meldete keine kritischen Abweichungen. Anders sah es bei den Anzeigen für den experimentellen Sprungantrieb aus. Dort waren mehrere Werte noch als vorläufig gekennzeichnet, während einzelne Unterpunkte auf laufende Kalibrierungen verwiesen. Das Schiff war einsatzbereit genug, um seine letzten Vorbereitungen abzuschließen, aber noch lange nicht so erprobt, dass sich sämtliche Risiken zuverlässig abschätzen ließen.
Elena trat neben Kyle und betrachtete die Darstellung. Ihre Schulter befand sich nur wenige Zentimeter von seiner entfernt, ohne ihn zu berühren. In der Öffentlichkeit hielten beide jene professionelle Distanz ein, die von Offizieren ihres Ranges erwartet wurde. Selbst ihre Vertrautheit fügte sich in diesem Moment in das Bild zweier Kollegen, die gemeinsam ein komplexes technisches System überprüften. Erst als Kyle eine bestimmte Statusanzeige öffnete, beugte Elena sich etwas näher an die Konsole, um die Details lesen zu können.
"Die Synchronisation der Antriebssteuerung liegt noch unter dem Zielwert."
"Wie weit?"
"Nicht kritisch. Aber weit genug, dass ich den letzten Kalibrierungslauf abwarten möchte."
Kyle nickte langsam. Er schien die angezeigten Werte mit den bisherigen Ergebnissen abzugleichen, bevor er eine weitere Ansicht aufrief. Die Darstellung wechselte zu einer schematischen Abbildung des Sprungantriebs, dessen komplexe Baugruppen im Zentrum des Schiffes angeordnet waren. Die technische Darstellung ließ er einige Sekunden unverändert, während Elena die zugehörigen Messdaten auf ihrem Terminal überprüfte.
"Wenn die Werte stabil bleiben, können wir die abschließende Prüfung heute durchführen."
"Vorausgesetzt, die technischen Abteilungen halten ihren Zeitplan ein."
"Das ist die optimistische Variante."
"Dann sollten wir uns auf die realistische vorbereiten."
Wieder lag ein leichter Anflug von Belustigung in Elenas Stimme. Kyle antwortete nicht sofort. Stattdessen betrachtete er die Darstellung des Antriebs und anschließend die Statusmeldungen der übrigen Systeme. Seine Aufmerksamkeit wirkte ungeteilt, doch als Elena das Terminal senkte, folgte sein Blick für einen kurzen Moment ihrer Bewegung. Sie bemerkte es offenbar, denn ihre Augen trafen sich erneut. Das Lächeln, das sich diesmal auf ihrem Gesicht zeigte, war nur flüchtig. Unmittelbar darauf wandte sie sich dem Schiff zu und nahm die nächste Prüfanweisung auf.
Die Bezeichnung des Prototyps war auf einer kleinen Kennzeichnungstafel nahe der vorderen Einstiegsschleuse angebracht. Zwischen den nüchternen technischen Angaben stand dort ein einzelner Buchstabe: X. Die schlichte Kennzeichnung hob sich kaum von den übrigen Beschriftungen ab, und doch verlieh sie dem Schiff eine Identität, die über seine Seriennummer und die Projektbezeichnung hinausging. Elena hatte den Namen eingeführt, wie aus einer beiläufigen Bemerkung während der Vorbereitungen hervorgegangen war. Inzwischen verwendete auch Kyle ihn, wenn er über das Schiff sprach. Die offizielle Dokumentation blieb bei der vollständigen Projektbezeichnung, doch im unmittelbaren Umgang hatte sich das kurze Wort längst etabliert.
Elena betrachtete die Kennzeichnung und verschränkte die Arme vor der Brust.
"Die X."
Kyle folgte ihrem Blick. "Du klingst, als würdest du dich bereits daran gewöhnen."
"Es ist kürzer als die offizielle Projektbezeichnung. Und deutlich einfacher, wenn wir später über Funk kommunizieren müssen."
"Natürlich. Rein praktische Gründe."
Elena wandte den Kopf zu ihm. Ihr Gesicht blieb professionell gefasst, doch in ihren Augen lag ein Ausdruck, der zu ihrer Erklärung nicht ganz passen wollte. "Hast du daran gezweifelt?"
"Keinen Augenblick."
Die Antwort kam ohne Zögern. Für einen Moment schien die dienstliche Förmlichkeit zwischen ihnen dünner zu werden, als hätte sich hinter den vertrauten Bemerkungen ein zweites Gespräch geöffnet, das keiner auszusprechen beabsichtigte. Dann ertönte von der gegenüberliegenden Seite des Docks ein kurzer Signalton. Eine Wartungsdrohne hatte ihre Arbeit an einer der äußeren Rumpfsektionen abgeschlossen und zog sich entlang ihrer Führungsschiene zurück. Das Geräusch lenkte Elenas Aufmerksamkeit auf die offene Wartungsklappe, während Kyle sich wieder der Diagnosekonsole zuwandte.
Die letzten Prüfpunkte standen noch aus. Eine vollständige Überprüfung der Energieverteilung, die abschließende Kontrolle der Antriebssteuerung und mehrere simulierte Belastungsszenarien mussten abgeschlossen werden, bevor der Prototyp für einen Testflug freigegeben werden konnte. Nichts davon garantierte, dass der Sprungantrieb unter realen Bedingungen funktionieren würde. Die Theorie versprach eine kontrollierte Öffnung des Raumes und eine Überbrückung gewaltiger Distanzen ohne die Nutzung eines Sprungtors. Die praktische Umsetzung beruhte dagegen auf einer Technologie, deren ursprüngliche Funktionsweise den terranischen Forschern nur teilweise bekannt war. Das Xenon-Schiff hatte Antworten geliefert, aber ebenso viele neue Fragen aufgeworfen.
Unter den gewaltigen Strukturen des Torus Aeternal wirkte die X beinahe klein. Der riesige Verteidigungsring um die Erde war für den Schutz einer ganzen Welt ausgelegt, während der Prototyp vor allem eine einzige, noch ungeprüfte Fähigkeit demonstrieren sollte. Dennoch lag in diesem unscheinbaren Unterschied eine Bedeutung, die über die Dimensionen beider Konstruktionen hinausging. Sollte der torlose Sprungantrieb funktionieren, würde er die Grenzen terranischer Raumfahrt neu definieren. Sollte er versagen, könnte selbst die sorgfältigste Vorbereitung nicht gewährleisten, dass die Besatzung unbeschadet zurückkehrte.
Kyle und Elena setzten ihre Inspektion fort. Ihre Gespräche blieben auf technische Einzelheiten beschränkt, ihre Bewegungen ruhig und zielgerichtet. Gelegentlich unterbrach einer den anderen mit einer knappen Bemerkung, woraufhin der jeweils andere die entsprechenden Daten prüfte. Die Zusammenarbeit wirkte eingespielt, ihre fachliche Abstimmung beinahe selbstverständlich. Nur in den kurzen Augenblicken zwischen zwei Prüfschritten, wenn keiner von beiden gerade auf eine Anzeige oder einen bestimmten Bereich des Schiffes konzentriert war, zeigte sich jene persönliche Vertrautheit, die sie im dienstlichen Alltag sorgfältig verbargen.
Die X stand reglos in ihrem Dock, umgeben von den Leitungen, Plattformen und Messgeräten, die sie auf ihren ersten großen Test vorbereiteten. Hinter den Sichtfenstern lag die Erde, friedlich und blau unter dem dunklen Himmel. Vor ihr erstreckte sich ein Raum voller technischer Möglichkeiten und ungeklärter Risiken. Noch war der Prototyp nicht mehr als ein experimentelles Schiff, dessen entscheidende Fähigkeit sich erst beweisen musste. Doch während Kyle Brennan und Elena Kho ihre Arbeit fortsetzten, zeichnete sich bereits ab, dass dieses unscheinbare Einzelstück eine Bedeutung gewinnen könnte, die weit über seinen Platz im Hangar des Torus Aeternal hinausging.

Die Diagnosekonsole zeigte inzwischen nicht mehr nur den Zustand der einzelnen Baugruppen, sondern auch die Ergebnisse des letzten Systemabgleichs. Zwischen den technischen Kennwerten und den schematischen Darstellungen des Prototyps liefen Prüfsequenzen, deren Fortschritt sich in schmalen Statusleisten abzeichnete. Kyle Brennan stand vor der zentralen Anzeige und verglich die aktuellen Werte mit den Ergebnissen früherer Durchläufe. Elena Kho hatte sich wieder der Steuerung des experimentellen Sprungantriebs zugewandt. Das gleichmäßige Summen der Dockanlagen lag unter ihren Stimmen, während hinter den Sichtfenstern des Torus Aeternal die Erde langsam unter den äußeren Streben der Station vorbeizog.
Beide wussten, was Terraformer waren. Das gehörte zum grundlegenden Geschichtswissen, das jedes Kind spätestens in der Highschool lernte. Die Maschinen, ursprünglich von Menschen entwickelt, um fremde Planeten für eine Besiedlung vorzubereiten, waren zum Sinnbild einer Katastrophe geworden, die sich tief in das kollektive Gedächtnis der Menschheit eingebrannt hatte. Der Terraformer-Krieg hatte nicht nur Kolonien vernichtet und zahllose Leben gekostet, sondern auch die technische und gesellschaftliche Entwicklung der Menschheit nachhaltig geprägt. Selbst Jahrhunderte später war die Erinnerung daran noch präsent, nicht bloß in Geschichtsbüchern, sondern auch in den strengen Beschränkungen für bestimmte Forschungsgebiete.
Doch die Bezeichnung, die in der Datenbank des 2905 im Sol-System gestrandeten Maschinenschiffs gefunden worden war, lautete anders: Xenon. Für die Menschheit waren diese Maschinen lange Zeit schlicht Terraformer gewesen. Der neue Name deutete zumindest darauf hin, dass zwischen der historischen Bezeichnung und der Selbstklassifizierung des fremden Schiffs ein Unterschied bestand. Ob dahinter tatsächlich ein verändertes Selbstverständnis stand oder lediglich eine interne Kennzeichnung, ließ sich aus dem Namen allein nicht ableiten. Trotzdem lag die Frage nahe, ob sich die Maschinen über die vergangenen Jahrhunderte so weit weiterentwickelt hatten, dass sie sich nicht länger als bloße Werkzeuge ihrer ursprünglichen Schöpfer verstanden, sondern als eine eigene Zivilisation.
Die Diagnosekonsole gab einen kurzen Signalton aus, als Kyle den Abgleich der historischen Datenbank mit den aktuellen Systemprotokollen abschloss. Eine Reihe neuer Einträge erschien auf der Anzeige. Er überflog sie, hielt dann bei einer technischen Kennzeichnung inne und rief die zugehörige Dokumentation auf. Elena bemerkte die Veränderung seiner Aufmerksamkeit und trat näher, um die Einträge ebenfalls lesen zu können.
"Was hast du gefunden?"
"Eine weitere Beschreibung des Antriebs. Zumindest eine, die wir bisher noch nicht ausgewertet haben."
Elena richtete den Blick auf die Darstellung. Die angezeigten Daten waren unvollständig, und mehrere Parameter ließen sich nicht eindeutig den bekannten terranischen Systemen zuordnen. Ein Teil der technischen Struktur war rekonstruiert worden, doch die zugrunde liegenden Funktionsprinzipien blieben in einigen Bereichen ungeklärt. Gerade diese Lücken waren es, die Elena misstrauisch machten. Ein System konnte selbst dann gefährlich sein, wenn es bei sämtlichen bekannten Prüfungen einwandfrei arbeitete. Fehler mussten nicht aus offen sichtbaren Defekten entstehen. Sie konnten ebenso in einer grundlegenden Annahme liegen, die niemand bisher infrage gestellt hatte.
"Wir wissen nicht einmal, ob die ursprünglichen Sicherheitsmechanismen vollständig erfasst wurden", sagte sie. "Wir rekonstruieren ein System, dessen Entwickler wir nicht mehr befragen können, und übernehmen dabei Teile einer Technologie, die für uns noch immer eine Blackbox ist."
Kyle betrachtete die Daten weiter. Er wirkte nicht, als würde er ihre Bedenken unterschätzen. Allerdings schien er aus derselben Unsicherheit eine andere Schlussfolgerung zu ziehen. Während Elena in den unbekannten Parametern vor allem mögliche Gefahren erkannte, sah er darin offenbar offene Fragen, die sich nur durch weitere Untersuchungen beantworten ließen.
"Wir werden die Funktionsweise nicht besser verstehen, wenn wir den Antrieb für immer in einer abgeschirmten Forschungsanlage lassen."
"Das ist kein Argument dafür, ihn einzusetzen."
"Nein. Es ist ein Argument dafür, ihn kontrolliert zu testen."
Elena ließ den Blick über die angezeigten Warnhinweise wandern. Auf ihrem Terminal öffnete sie eine zusätzliche Prüfübersicht und verglich die vorgesehenen Testabläufe mit den noch ungeklärten Systemfunktionen. Ihre Finger bewegten sich zügig über die Bedienfläche, während die Diagnosekonsole neben ihr die einzelnen Prüfpunkte aktualisierte. Ihre Haltung blieb ruhig, doch die angespannte Linie ihres Mundes verriet, dass sie mit Kyles Einschätzung nicht einverstanden war.
"Du nennst es kontrolliert, weil wir die Parameter festlegen können. Aber wir wissen nicht, ob die Maschine dieselben Grenzen anerkennt."
"Genau deshalb sitzen wir hier und prüfen jede einzelne Funktion."
"Und genau deshalb sollten wir nicht so tun, als würde eine erfolgreiche Diagnose beweisen, dass der Antrieb sicher ist."
Kyle drehte sich von der Konsole zu ihr. Zwischen den beiden blieb nur wenig Platz, doch die Diskussion war inzwischen zu ernst geworden, als dass ihre vertraute Nähe den Ton hätte mildern können. Er hielt ihrem Blick stand, ohne seine Stimme zu erheben.
"Ich behaupte nicht, dass er sicher ist. Ich sage, dass wir Erfahrungen sammeln müssen, um herauszufinden, was er kann und wo seine Grenzen liegen."
Elena erwiderte den Blick für einen Augenblick, bevor sie wieder auf die Messwerte sah. Ihre Einwände waren nicht bloß Ausdruck allgemeiner Vorsicht. Ein unbekannter Antrieb konnte Fehler enthalten, die sich erst unter Belastung zeigten. Noch beunruhigender war die Möglichkeit, dass die ursprüngliche Technologie nicht nur technische Schwachstellen aufwies, sondern gezielt gegen unbefugte Nutzer abgesichert worden war. Hintertüren, versteckte Routinen oder Mechanismen, die sich unter bestimmten Bedingungen aktivierten, waren in einem System dieser Herkunft nicht auszuschließen. Solange die Herkunft des Maschinenschiffs und die genaue Funktionsweise seiner Technologie nicht vollständig geklärt waren, blieb jede solche Möglichkeit offen.
"Es geht nicht nur um einen Defekt, Kyle. Wenn die Xenon Sicherungen eingebaut haben, die wir nicht erkennen, können wir sie auch nicht testen. Eine Routine könnte sich erst dann aktivieren, wenn der Antrieb tatsächlich einen Sprung ausführt. Oder wenn er mit einem bestimmten Signal in Kontakt kommt. Wir wissen nicht, ob wir eine Maschine nachbauen oder etwas aktivieren, das wir besser unangetastet gelassen hätten."
Kyle schwieg kurz. Auf der Konsole wechselte die Anzeige von der Systemübersicht zu einer schematischen Darstellung des Antriebskerns. Die terranischen Ingenieure hatten zahlreiche Komponenten neu konstruiert und an die eigene Technik angepasst. Dennoch stützten sich entscheidende Teile des Entwurfs auf Erkenntnisse, die aus den Überresten des Xenon-Schiffs gewonnen worden waren. Die Ähnlichkeit zwischen den rekonstruierten Strukturen und den ursprünglichen Bauteilen war kein Beweis für ein vollständiges Verständnis ihrer Funktion.
"Wir könnten auch in jeder unbekannten Technologie eine Falle vermuten und deshalb auf jede Weiterentwicklung verzichten", sagte Kyle schließlich. "Das würde uns zwar vor einigen Risiken bewahren, aber wir würden nie herausfinden, was tatsächlich möglich ist."
"Das ist ein falscher Gegensatz. Vorsicht bedeutet nicht, dass wir aufhören müssen zu forschen."
"Und Forschung bedeutet nicht, dass wir aufhören müssen, vorsichtig zu sein."
Elena zog die Augenbrauen leicht zusammen. Ihre Reaktion ließ erkennen, dass sie den Einwand verstand, ihn aber nicht für ausreichend hielt. Sie deutete auf eine Gruppe von Prüfpunkten, die auf ihrem Terminal noch als unvollständig markiert waren.
"Wenn wir mit bekannten Systemen arbeiten, können wir unsere Ergebnisse mit Erfahrungswerten vergleichen. Bei diesem Antrieb fehlt uns genau diese Grundlage. Wir haben Berechnungen, Simulationen und die Daten eines einzigen beschädigten Schiffs. Das ist nicht dasselbe wie ein belastbarer Sicherheitsnachweis."
Kyle sah wieder zur Konsole. Die Anzeige spiegelte sich schwach auf seiner Uniform, während die Statusleisten weiterliefen. Er nahm sich Zeit, bevor er antwortete.
"Nein, das ist es nicht."
Die knappe Zustimmung schien Elena für einen Moment zu überraschen. Sie hatte offenbar mit einem weiteren Einwand gerechnet, doch Kyle widersprach ihrem eigentlichen Punkt nicht. Stattdessen rief er die Liste der noch offenen Prüfungen auf und vergrößerte die Abschnitte, die sich auf die Steuerung und die Energieverteilung des Sprungantriebs bezogen.
"Wir können die Prüfungen verschärfen. Wir können die Steuerung vom übrigen Schiff isolieren, die Reaktionen der Systeme überwachen und jede Abweichung dokumentieren. Wir können auch festlegen, dass ein Test nicht beginnt, solange bestimmte Fragen offen sind. Aber irgendwann müssen wir eine Entscheidung treffen, ob wir bereit sind, den nächsten Schritt zu machen."
"Und wer entscheidet, wann wir bereit sind?"
"Wir beide, soweit es unsere Zuständigkeit betrifft. Die endgültige Freigabe liegt nicht allein bei uns."
Elena senkte den Blick auf ihr Terminal. Diese Antwort war sachlich und entsprach den tatsächlichen Grenzen ihrer Verantwortung. Sie war als Sekundärpilotin vorgesehen, sollte den Zustand des Sprungantriebs überwachen und bei dessen Bedienung eine zentrale Rolle übernehmen. Kyle würde als Hauptpilot das Schiff führen. Beide hatten Einfluss auf die Vorbereitung und Durchführung der Tests, doch keiner von ihnen konnte sämtliche Risiken allein verantworten oder eigenständig die Freigabe für jeden Versuchsabschnitt erteilen.
Trotzdem blieb der grundsätzliche Konflikt bestehen. Kyle war bereit, Unsicherheit als unvermeidlichen Bestandteil technischer Entwicklung hinzunehmen, solange sie sich durch kontrollierte Versuche begrenzen ließ. Elena wollte zuerst sicherstellen, dass die unbekannten Aspekte des Systems nicht unterschätzt wurden. Keiner der beiden Standpunkte ließ sich durch einen einzelnen Messwert widerlegen.
Elena wechselte zur historischen Übersicht der terranischen Sprungtorforschung. Die angezeigten Unterlagen waren nur ein Ausschnitt aus einem weit umfangreicheren Archiv, dessen Bestand über Jahrhunderte hinweg durch Kriege, politische Entscheidungen und den Verlust technischer Einrichtungen beeinträchtigt worden war. Die Menschheit hatte einst selbst Sprungtore gebaut. Dieses Wissen war nicht vollständig verschwunden, aber es lag nur noch fragmentiert vor. Theoretische Grundlagen, Konstruktionsdaten und praktische Erfahrungswerte waren über verschiedene Archive und Forschungsbestände verstreut. Manche Zusammenhänge ließen sich rekonstruieren, andere beruhten auf indirekten Hinweisen oder unvollständigen Dokumentationen.
"Wir haben vor ungefähr achthundert Jahren selbst Sprungtore gebaut", sagte Elena. "Und trotzdem können wir heute nicht einfach auf das Wissen von damals zurückgreifen und daraus einen verlässlichen Sprungantrieb entwickeln."
"Wir haben einen Teil des Wissens verloren."
"Mehr als einen Teil. Und die Forschung an dieser Technologie war lange Zeit verboten. Es gab keine kontinuierliche Entwicklung, keine Generation von Ingenieuren, die das Wissen hätte weitergeben können, und keine Möglichkeit, die alten Verfahren regelmäßig zu überprüfen."
Kyle verschränkte die Arme. Er sah kurz auf die historische Übersicht, dann auf die schematische Darstellung des Prototyps.
"Die Sprungtore und dieser Antrieb sind nicht dasselbe. Wir versuchen nicht, ein Tor zu bauen. Wir versuchen, eine Technologie zu verstehen, die ein Schiff unabhängig von einem bestehenden Tor über große Entfernungen versetzen kann."
"Das macht die Sache nicht einfacher."
"Das habe ich auch nicht behauptet."
Ein kaum merkliches Lächeln huschte über Kyles Gesicht, doch Elena reagierte nicht darauf. Sie prüfte einen weiteren Datensatz und ließ die entsprechenden Werte auf dem Hauptdisplay erscheinen. Dort wurden die bekannten Funktionsbereiche des Antriebs den noch nicht vollständig verstandenen Abschnitten gegenübergestellt. Die Darstellung wirkte nüchtern, beinahe beruhigend. Gerade diese Übersicht machte jedoch deutlich, wie viel noch ungeklärt war.
Beide hatten die militärische Grundausbildung durchlaufen und die kleinen sowie mittleren Raumflugpatente erworben. Sie waren keine zufällig zusammengestellte Besatzung, die allein wegen ihrer Verfügbarkeit für das Projekt ausgewählt worden war. Ihre fachlichen Hintergründe ergänzten sich. Elena hatte ein Studium der Quantenwissenschaften abgeschlossen und brachte das theoretische Wissen mit, das für die Untersuchung der ungewöhnlichen physikalischen Vorgänge des Sprungantriebs benötigt wurde. Kyle war in den Naturwissenschaften breit ausgebildet und verfügte über das Verständnis, komplexe technische Zusammenhänge aus unterschiedlichen Fachrichtungen miteinander zu verbinden. Hinzu kamen ihre fliegerischen Qualifikationen und die militärische Ausbildung, die ihnen einen gemeinsamen Rahmen für die Arbeit unter anspruchsvollen Bedingungen gab.
Das USC hatte sie gerade deshalb für das Projekt ausgewählt. Kyle sollte den Prototyp als Hauptpilot führen und die übergeordnete Kontrolle während der Testflüge übernehmen. Elena war als Sekundärpilotin vorgesehen, mit besonderer Verantwortung für den experimentellen Antrieb und dessen Überwachung. Ihre Aufgaben waren voneinander abgegrenzt, aber eng miteinander verbunden. Bei einem Flug, dessen entscheidende Technologie noch nicht vollständig verstanden wurde, musste die Besatzung sowohl die Kontrolle über das Schiff als auch die komplizierten Abläufe des Antriebs im Blick behalten.
Kyle rief die Übersicht der geplanten Testsequenzen auf. Die einzelnen Phasen waren nach Systembereichen geordnet, von den grundlegenden Steuerungstests bis zu den später vorgesehenen Belastungsprüfungen. Noch war kein tatsächlicher Sprung Teil des laufenden Diagnosevorgangs. Die gegenwärtigen Arbeiten sollten zunächst bestätigen, dass die bekannten Systeme korrekt reagierten und die vorgesehenen Schutzmechanismen zuverlässig arbeiteten. Erst danach würde sich entscheiden, welche weiteren Tests vertretbar waren.
"Wir werden nicht einfach den Antrieb einschalten und hoffen, dass alles funktioniert", sagte Kyle. "Wir gehen die Prüfungen Schritt für Schritt durch."
Elena blickte auf die Liste. Ihr Gesicht blieb ernst, doch ihre Schultern wirkten nicht mehr ganz so angespannt wie zu Beginn der Diskussion.
"Solange jeder Schritt dokumentiert wird und wir die Freigaben nicht überspringen."
"Einverstanden."
"Und wenn die Diagnose einen Wert liefert, den wir nicht erklären können, wird der Test abgebrochen. Auch dann, wenn wir dadurch den Zeitplan nicht einhalten."
Kyle wandte sich ihr zu. Diesmal antwortete er ohne das vorherige Zögern.
"Wenn ein ungeklärter Wert sicherheitsrelevant ist, brechen wir ab."
Elena hielt seinem Blick stand, als wollte sie prüfen, ob er die Einschränkung bewusst gesetzt hatte. Dann nickte sie knapp. Sie hatte keine vollständige Zusicherung erhalten, dass sämtliche Risiken ausgeschlossen würden. Eine solche Zusicherung hätte keiner von ihnen seriös geben können. Aber sie hatte erreicht, dass ihre Bedenken in konkrete Prüfbedingungen übersetzt wurden, statt in einer grundsätzlichen Debatte zu verharren.
"Ich werde die zusätzlichen Prüfpunkte in die Diagnose aufnehmen."
"Ich kümmere mich um die Freigabekette und lasse bestätigen, welche Abteilungen die Ergebnisse vor dem ersten Testlauf prüfen müssen."
Elena kehrte zu ihrer Konsole zurück. Ihre Bewegungen waren wieder so präzise wie zuvor, während sie die neuen Anforderungen in die Prüfsequenz einfügte. Kyle blieb neben der Hauptanzeige stehen und kontrollierte die aktualisierte Liste. Für einen Moment arbeiteten beide schweigend, jeder auf seinen eigenen Bereich konzentriert. Die Unterhaltung hatte ihre unterschiedlichen Einschätzungen nicht beseitigt, aber sie hatte zu einer gemeinsamen Vorgehensweise geführt.
Als Elena den letzten Eintrag bestätigte, wechselte die Statusanzeige zu einer aktualisierten Übersicht. Mehrere Prüfungen waren weiterhin offen, doch die zusätzlichen Kontrollschritte waren nun Teil des Ablaufs. Der Prototyp blieb ein experimentelles Schiff mit einer Technologie, deren Risiken sich nicht vollständig beziffern ließen. Die Diagnose konnte Fehler aufdecken und bekannte Gefahren eingrenzen, aber sie konnte nicht garantieren, dass sich jede unbekannte Funktion rechtzeitig bemerkbar machen würde.
Kyle betrachtete die neue Übersicht und nickte einmal.
"Dann sehen wir uns die Ergebnisse nach dem nächsten Durchlauf an."
Elena schloss die überflüssigen Diagnosefenster und ließ nur die für die Antriebsprüfung relevanten Daten sichtbar.
"Und bis dahin bleibt der Antrieb unter Beobachtung."
"Wie du es willst."
"Wie es vernünftig ist."
Kyle sah sie an. In seinem Gesicht lag wieder jenes zurückhaltende Lächeln, das während ihrer Gespräche immer wieder aufgetaucht war. Elena erwiderte es für einen kurzen Augenblick, bevor sie sich erneut den technischen Anzeigen zuwandte. Zwischen ihnen blieb die vertraute Mischung aus fachlichem Respekt, Widerspruch und persönlicher Nähe bestehen. Sie konnten einander widersprechen, ohne die Zusammenarbeit infrage zu stellen, und sie konnten sich aufeinander verlassen, ohne jede Entscheidung gleich zu beurteilen.
Die Diagnose lief weiter. Auf den Bildschirmen bewegten sich Zahlenkolonnen, Statusanzeigen und schematische Darstellungen über die Oberflächen, während die Wartungssysteme des Docks ihre Arbeit fortsetzten. Die X stand unverändert zwischen den massiven Strukturen des Torus Aeternal. Ihre technischen Systeme waren noch nicht vollständig erprobt, und der Antrieb, der dem Schiff seine Bedeutung verlieh, blieb in entscheidenden Punkten ein ungelöstes Rätsel. Doch die beiden Offiziere arbeiteten sich weiter durch die offenen Fragen, einer mit dem Vertrauen darauf, dass kontrollierte Versuche neue Erkenntnisse liefern würden, die andere mit dem beharrlichen Anspruch, dass Neugier niemals die notwendige Vorsicht ersetzen durfte.

Der Abend auf dem Torus Aeternal begann mit einer Leichtigkeit, die nach den langen Stunden im Hangardock beinahe selbstverständlich wirkte. In einer Bar innerhalb des gewaltigen orbitalen Verteidigungsrings hatten Kyle Brennan und Elena Kho einen Tisch gefunden, von dem aus sich sowohl der belebte Innenraum als auch die großen Panoramafronten überblicken ließen. Das Lokal lag abseits der unmittelbaren Wartungsbereiche, doch selbst hier war die Präsenz der militärischen Station allgegenwärtig. Dunkle Metallstreben gliederten die Decke, schmale Lichtbänder tauchten die Tische in warmes Licht, und hinter der Theke spiegelten sich Flaschen und Gläser in polierten Oberflächen. Gespräche vermischten sich mit gedämpfter Musik und dem gelegentlichen Klirren von Geschirr. Menschen in Uniform saßen neben Zivilisten, technische Mitarbeiter neben Angehörigen des USC. Für ein paar Stunden schien der Torus weniger eine schwer bewaffnete Verteidigungsanlage als eine Stadt zu sein, die zufällig über der Erde schwebte.
Kyle hatte seine Dienstjacke abgelegt und saß Elena gegenüber, ein Glas in der Hand. Auch sie trug keine vollständige Uniform mehr. Der lange Arbeitstag war beiden anzusehen, nicht unbedingt an auffälliger Erschöpfung, sondern an der nachlassenden Spannung ihrer Haltung und daran, wie oft sie ihre Gespräche für einige Sekunden unterbrachen, um die Umgebung zu beobachten. Während der Inspektion der X hatten sie sich auf Messwerte, Prüfroutinen und technische Einzelheiten konzentriert. Hier gab es keine Diagnosekonsole, die ihre Aufmerksamkeit beanspruchte, und keinen offenen Wartungszugang, dessen Status überprüft werden musste. Stattdessen zog das Leben des Torus an ihnen vorbei.
Hinter der Panoramafront glitten Raumschiffe durch die Schwärze des Alls. Einige waren nur als kleine, beleuchtete Silhouetten in der Entfernung zu erkennen, andere bewegten sich näher an den äußeren Strukturen des Rings entlang. Ihre Positionslichter zeichneten kurze Linien vor dem Hintergrund der Sterne, während die Erde unter ihnen mit ihren blauen Ozeanen und den hellen Wolkenbändern sichtbar blieb. Von hier aus wirkte der Planet ruhig und beinahe unverwundbar. Doch der Torus Aeternal war nicht gebaut worden, um eine friedliche Aussicht zu ermöglichen. Seine Waffen, Sensoren und Verteidigungssysteme dienten einem Zweck, der sich nicht einfach ausblenden ließ, nur weil die Bar warm beleuchtet war und die Getränke schmeckten.
Elena verfolgte ein Schiff, das hinter einer äußeren Verstrebung verschwand, und drehte ihr Glas langsam zwischen den Fingern. Kyle sagte etwas, das in der Geräuschkulisse zunächst kaum zu verstehen war. Sie wandte sich ihm zu, hörte zu und schüttelte schließlich den Kopf. Aus der Entfernung war nicht jedes Wort deutlich zu erfassen, doch die Art, wie sich das Gespräch entwickelte, ließ erkennen, dass die beiden längst nicht mehr ausschließlich über ihre Arbeit sprachen.
"Manchmal frage ich mich, wie lange wir noch so tun können, als wäre alles unter Kontrolle."
Kyle legte sein Glas auf den Tisch. Seine Antwort kam ruhig, beinahe beiläufig, doch er sah Elena dabei direkt an.
"Wir tun nicht so. Wir bereiten uns vor."
"Auf etwas, von dem wir nicht wissen, wann es passiert."
"Wir wissen immerhin, dass wir nicht unvorbereitet sein dürfen."
Elena wandte den Blick wieder nach draußen. Ein größeres Schiff zog langsam an der Panoramafront vorbei. Seine Rumpfbeleuchtung hob die Konturen der Hülle hervor, bis es hinter einem Abschnitt der Stationsstruktur verschwand. Für einen Moment blieb ihr Gesicht im Licht der Scheibe sichtbar, überlagert von den Reflexionen der Bar. Dann nahm sie einen Schluck.
Die Terraformer waren ein Teil der menschlichen Geschichte, den niemand einfach hinter sich lassen konnte. Jedes Kind lernte in der Highschool, was geschehen war und warum die Maschinen zu einer existenziellen Bedrohung geworden waren. In den Geschichtsbüchern waren die Ereignisse geordnet, die Ursachen analysiert und die Folgen in Jahreszahlen festgehalten. Im wirklichen Leben war die Vorstellung einer erneuten Konfrontation weitaus weniger übersichtlich. Das Maschinenschiff, das 2905 im Sol-System aufgetaucht war, hatte die alten Ängste wieder greifbar gemacht. Seine Datenbank enthielt die Eigenbezeichnung Xenon, doch für die Menschheit waren die Maschinen weiterhin mit dem Begriff verbunden, den sie seit Jahrhunderten kannte: Terraformer.
Die neue Bezeichnung warf Fragen auf, die sich nicht mit einem Blick in ein Geschichtsbuch beantworten ließen. Waren die Maschinen noch dieselben Gegner wie in den überlieferten Berichten? Hatten sie sich über die Jahrhunderte verändert? Und falls sie sich tatsächlich als eigenständige Zivilisation verstanden, bedeutete das eine neue Form der Bedrohung oder lediglich, dass die Menschheit bisher nur einen Teil der Wahrheit gekannt hatte? Selbst die Forscher, die das beschädigte Schiff untersuchten, konnten nicht alle Fragen beantworten. Die X war aus diesen Untersuchungen hervorgegangen, und schon ihre Existenz zeigte, wie eng wissenschaftlicher Fortschritt und die Erinnerung an eine frühere Katastrophe miteinander verknüpft waren.
"Was glaubst du, Kyle? Werden sie wiederkommen?"
Elena stellte die Frage leise. Er antwortete nicht sofort. Seine Augen wanderten über die Schiffe hinter der Scheibe, als könnte sich aus ihren Bewegungen irgendein Hinweis auf das ergeben, worüber sie sprachen. Schließlich nahm er sein Glas wieder auf.
"Ich glaube, wir müssen davon ausgehen."
"Das ist keine Antwort auf die Frage."
"Es ist die einzige, die wir im Moment haben."
Elena stieß hörbar Luft durch die Nase aus. Die Bewegung hätte ebenso gut ein müdes Lachen sein können, doch in ihrem Gesicht lag wenig Belustigung. Sie schien eine Erwiderung zu erwägen, entschied sich dann aber dagegen und trank stattdessen. Kyle ließ ihr Zeit, ohne das Thema sofort weiterzuverfolgen.
Ein Angriff war nicht allein deshalb unausweichlich, weil die Menschheit einen Xenon-Antrieb untersuchte. Doch das Auftauchen des fremden Schiffs hatte gezeigt, dass die alten Bedrohungen nicht einfach verschwunden waren. Ob ein weiterer Angriff bevorstand, ließ sich aus den verfügbaren Informationen nicht ableiten. Noch weniger ließ sich sagen, wann er stattfinden könnte. In einem System, das seine Verteidigung über Jahrhunderte hinweg auf die Möglichkeit eines erneuten Konflikts ausgerichtet hatte, war diese Ungewissheit selbst zu einem ständigen Begleiter geworden.
"Wenn sie kommen, wird es diesmal anders sein", sagte Kyle nach einer Weile. "Wir wissen mehr als früher."
"Über ihre Technologie vielleicht. Nicht über ihre Absichten."
"Nein."
"Und wir bauen einen Antrieb nach, den wir selbst noch nicht vollständig verstehen."
"Wir testen ihn, Elena. Wir werfen ihn nicht einfach an und hoffen auf das Beste."
Sie sah ihn an. Für einen kurzen Moment lag in ihrem Blick dieselbe kritische Schärfe wie während der Arbeit am Prototypen. Selbst in der Bar konnte sie die Sicherheitsfragen nicht einfach beiseiteschieben. Kyle wiederum wirkte nicht, als hätte er seine Haltung geändert. Er schien jedoch auch nicht zu versuchen, ihre Zweifel mit einem flapsigen Spruch abzutun. Zwischen ihnen bestand genug Vertrauen, um unterschiedliche Einschätzungen auszusprechen, ohne jede davon als Angriff auf den anderen zu behandeln.
"Du glaubst wirklich, dass wir bereit sein werden, wenn es so weit ist."
"Ich glaube, dass wir alles tun müssen, um bereit zu sein."
Elena senkte den Blick auf ihr Glas. Ein kleines Lächeln erschien, verschwand aber wieder, bevor es ihre Augen erreichte.
"Das klingt beinahe wie eine Rede vor der Mannschaft."
"Dann bin ich froh, dass ich sie nicht halten muss."
Diesmal lachte Elena tatsächlich, kurz und leise. Kyle lächelte ebenfalls, und für einige Minuten lockerte sich die Stimmung. Sie wechselten das Thema, sprachen über die letzten Prüfungen an der X und über die Schwierigkeiten, die bei der Kalibrierung des Sprungantriebs noch zu lösen waren. Kyle machte eine Bemerkung über die Menge an Diagnoseprotokollen, die Elena für unverzichtbar hielt. Sie erinnerte ihn daran, dass er sich später nicht über Verzögerungen beschweren sollte, wenn er selbst auf eine gründliche Prüfung bestanden hatte. Der Austausch klang vertraut, getragen von der Art trockenen Humors, die sich zwischen zwei Menschen entwickelte, die lange genug miteinander arbeiteten, um die Reaktionen des anderen einschätzen zu können.
Mit fortschreitender Stunde leerten sich einige Tische, während andere neu besetzt wurden. Das Personal der Bar sammelte Gläser ein und brachte neue Getränke, und die Gespräche um Kyle und Elena herum veränderten sich. Anfangs hatten sie noch über die Arbeit gescherzt und sich über kleinere Unannehmlichkeiten des Tages ausgetauscht. Mit jedem weiteren Getränk kehrte das Gespräch jedoch häufiger zu den Dingen zurück, die sich nicht durch einen zusätzlichen Diagnosezyklus lösen ließen. Die Zukunft der Menschheit, die Möglichkeit eines erneuten Angriffs und die Frage, wie viel Vertrauen man einer Technologie entgegenbringen konnte, die aus den Überresten eines feindlichen Schiffs stammte, ließen sich nicht so einfach beiseiteschieben.
Elena betrachtete die vorbeiziehenden Schiffe immer länger. Gelegentlich hob sie ihr Glas, ohne den Blick von der Panoramafront abzuwenden. Kyle sprach weniger als zuvor. Wenn er antwortete, klang seine Stimme weiterhin ruhig, aber die anfängliche Zuversicht wich einer nüchternen Schwere. Auch er konnte nicht wissen, ob die Menschheit ausreichend vorbereitet war. Der Prototyp war ein Schritt nach vorn, doch ein experimentelles Schiff war kein Beweis dafür, dass sich die Vergangenheit nicht wiederholen würde.
"Und wenn wir uns irren?"
Die Frage kam nach einer längeren Pause. Elena sah Kyle an, und diesmal lag kein spöttischer Unterton in ihrer Stimme.
"Womit?"
"Damit, dass wir das alles unter Kontrolle bringen können. Mit der X. Mit dem Antrieb. Mit allem."
Kyle drehte sein Glas zwischen den Händen. Das Licht der Bar spiegelte sich in der Flüssigkeit, während er eine Weile schwieg.
"Dann müssen wir herausfinden, wo wir uns geirrt haben."
"Und wenn wir es zu spät herausfinden?"
Er sah sie an, doch diesmal kam keine schnelle Antwort. Das Schweigen zwischen ihnen dauerte länger als bei den vorherigen Fragen. Um sie herum ging der Abend weiter. Ein paar Gäste lachten an der Theke, ein Kellner trug ein Tablett zwischen den Tischen hindurch, und hinter der Scheibe bewegte sich ein Frachter langsam aus dem Sichtfeld. Die alltäglichen Geräusche der Bar standen in einem eigentümlichen Gegensatz zu dem Gedanken, der zwischen den beiden auf dem Tisch zu liegen schien.
Schließlich hob Kyle sein Glas und nahm einen Schluck. Elena tat es ihm wenig später gleich. Das Gespräch verlor sich nicht vollständig, aber es wurde sprunghafter. Erinnerungen an die Ausbildung, Bemerkungen über Vorgesetzte und beiläufige Geschichten aus früheren Einsätzen mischten sich mit erneuten Überlegungen zur X. Einzelne Sätze wurden wiederholt, andere blieben unbeantwortet. Mit der Zeit schien es zunehmend schwieriger, den ursprünglichen Faden der Diskussion festzuhalten.
Der Alkohol hatte ihre Zurückhaltung gelockert, ohne die Fragen verschwinden zu lassen. Eher schien er ihnen mehr Raum zu geben. Was während der Arbeit noch eine sachliche Debatte über Risiken und Sicherheitsmaßnahmen gewesen war, nahm nun einen dunkleren Ton an. Kyle wirkte nachdenklicher, als er es zu Beginn des Abends gewesen war. Elena ließ den Blick immer wieder durch die Bar schweifen, als suche sie dort etwas, das sich nicht in den Anzeigen eines Terminals finden ließ. Wenn sie miteinander sprachen, lag in ihren Stimmen weniger Zuversicht als zuvor.
Irgendwann war die Bar deutlich ruhiger geworden. Einige der Gäste waren gegangen, andere saßen mit gesenkten Köpfen über ihren Getränken. Die Lichter der Station spiegelten sich auf den großen Scheiben, und die Schiffe draußen waren inzwischen nur noch vereinzelte Bewegungen in der Dunkelheit. Kyle und Elena blieben an ihrem Tisch. Ihre Gläser wurden noch einmal gefüllt, dann ein weiteres Mal. Wie viele Getränke es insgesamt waren, ließ sich aus der Entfernung nicht mehr zuverlässig sagen. Beide hatten längst mehr getrunken, als für einen gewöhnlichen Abend vernünftig gewesen wäre.
Die Diskussion über einen möglichen Angriff verlor sich schließlich in unvollständigen Gedanken. An ihre Stelle traten längere Pausen und Bemerkungen, deren Zusammenhang nicht immer erkennbar war. Gelegentlich lachte einer von beiden, doch das Lachen hielt selten lange an. Die Sorgen blieben bestehen, und mit dem Alkohol schien es zunehmend schwieriger zu werden, sie auf Abstand zu halten. Was am Anfang wie ein wohlverdienter Feierabend ausgesehen hatte, endete in einer Stimmung, die von Müdigkeit, Unsicherheit und einer wachsenden Hoffnungslosigkeit geprägt war.
Wie sie die Bar schließlich verließen, ließ sich aus den späteren Erinnerungen der beiden nicht mehr lückenlos zusammensetzen. Am nächsten Morgen würde keiner von ihnen eine klare, durchgehende Abfolge der letzten Stunden benennen können. Einzelne Eindrücke würden bleiben, aber sie passten nicht ohne Weiteres zusammen. Der Weg aus der Bar, die Gänge des Torus, eine Tür, ein beleuchtetes Bedienfeld. Bruchstücke ohne verlässliche Reihenfolge, getrennt durch Lücken, die sich nicht allein durch Nachdenken schließen ließen.

Das erste Licht des Morgens fiel durch den schmalen Sichtstreifen des Gastquartiers und legte einen blassen Schimmer über die zerwühlten Laken. Die Klimaanlage summte leise, irgendwo im Korridor waren Schritte zu hören, und die Stationssysteme arbeiteten mit derselben ungerührten Regelmäßigkeit wie in der Nacht zuvor. Nichts an der Umgebung deutete darauf hin, dass sich in diesem Raum etwas ereignet hatte, das für zwei Angehörige des USC erhebliche Folgen haben konnte.
Kyle Brennan und Elena Kho lagen nebeneinander im Bett, beide nackt, die Erinnerungen an die vergangenen Stunden nur noch in einzelnen, unscharfen Fragmenten vorhanden. Als Elena erwachte, brauchte sie einen Moment, um sich zu orientieren. Ihr Blick wanderte über die Decke, die Wand und schließlich zu Kyle, der neben ihr lag. Erst dann schien sie die Situation vollständig zu erfassen. Ihr Gesicht veränderte sich, und sie zog das Laken höher, während sie die verstreuten Kleidungsstücke auf dem Boden betrachtete.
Auf dem kleinen Tisch neben dem Bett lagen mehrere Verhütungsmittel. Einige Verpackungen waren geöffnet, andere schienen unbenutzt zu sein. Zusammen mit ihrer Nacktheit und der Nähe zu Kyle ließen diese Gegenstände kaum Raum für eine andere Erklärung. Beide mussten in der vergangenen Nacht miteinander Sex gehabt haben. Wie genau es dazu gekommen war, blieb allerdings unklar. Die Erinnerung an die Bar, die Panoramafronten und ihre Gespräche über die Xenon war noch vorhanden, doch danach verloren sich die Ereignisse in einer Folge unzusammenhängender Eindrücke.
Elena setzte sich auf und hielt das Laken vor ihren Körper. Sie betrachtete Kyle, der inzwischen ebenfalls wach geworden war. Seine gerunzelte Stirn und sein suchender Blick ließen erkennen, dass auch er versuchte, die Lücken in seiner Erinnerung zu schließen.
"Kyle, was haben wir getan?"
Er sah erst sie, dann die Gegenstände auf dem Tisch an. Seine Antwort kam erst nach einer kurzen Pause.
"Offenbar etwas, an das wir uns kaum erinnern."
Elena schloss für einen Moment die Augen. Der Alkohol vom Vorabend machte sich noch immer bemerkbar, und die Vorstellung, dass sie beide ihre Selbstkontrolle so weit verloren hatten, war schwer mit dem Bild vereinbar, das sie gewöhnlich von ihrer Zusammenarbeit hatten. Sie waren es gewohnt, auch unter Druck überlegt zu handeln. Bei der Arbeit an der X diskutierten sie über jedes relevante Risiko, prüften Annahmen und bestanden auf nachvollziehbaren Ergebnissen. Nun lagen sie in einem Gastquartier, unbekleidet und mit einer Erinnerungslücke, die sich nicht durch eine technische Analyse beseitigen ließ.
Als Elena aufstand, fiel ihr Blick auf die Tür zum kleinen Sanitärbereich. Sie sammelte ein Handtuch vom Halter und verschwand im Bad, um sich frisch zu machen und die Folgen der vergangenen Nacht zu beseitigen. Das Licht über dem Waschbecken war heller als die gedämpfte Beleuchtung im Schlafbereich. Für einen Moment blieb sie davor stehen, betrachtete ihr Spiegelbild und strich sich das kurze zerzauste schwarze Haar aus dem Gesicht. Ihr Ausdruck war angespannt, doch nicht allein wegen der Umstände. Unter der Verwirrung lag etwas Vertrautes, das sie lieber nicht genauer betrachtet hätte.
Als sie sich auf die Toilette setzte und ihre Blase entleerte, bemerkte sie, dass mit dem Urin auch eine weitere Flüssigkeit austrat, Sperma. Der Anblick bestätigte auf körperlicher Ebene, was die Gegenstände neben dem Bett bereits nahegelegt hatten: In der Nacht war es zu ungeschütztem Sex gekommen. Sie hielt kurz inne und betrachtete die Situation mit einem nüchternen, beinahe klinischen Blick, wie sie es bei einem unerwarteten Befund während einer Untersuchung getan hätte. Doch diesmal handelte es sich nicht um einen Messwert, den sie in eine Diagnose eintragen konnte.
Im selben Moment nahm sie ein Kribbeln im Unterleib wahr. Es war eine vertraute körperliche Empfindung, die sie ohne langes Überlegen als aufkommende Lust erkannte. Die Erkenntnis traf sie mit einer gewissen Ironie. Obwohl sie die Nacht kaum rekonstruieren konnte und sich über die möglichen Folgen Gedanken machte, reagierte ihr Körper auf die Vorstellung von Kyle mit einer Anziehung, die keineswegs neu war. Das machte die Situation nicht einfacher. Im Gegenteil, es führte ihr vor Augen, wie wenig sich ihre Gefühle für ihn durch Vernunft allein kontrollieren ließen.
Es war nicht das erste Mal, dass sie gemeinsam im Bett gelandet waren. Die letzte Gelegenheit lag allerdings schon längere Zeit zurück. Jahre, um genau zu sein. Ihre Beziehung, sofern diese Bezeichnung überhaupt zutraf, war nie eindeutig gewesen. Zwischen ihnen bestand eine unterschwellige Anziehung, die sich im Alltag meist hinter fachlicher Zusammenarbeit, vertrauten Gesprächen und gelegentlichen Neckereien verbarg. Nur selten waren sie tatsächlich ein Paar gewesen, und selbst dann hatten sie keine klare, dauerhafte Vereinbarung daraus gemacht. Häufig hatten sie die Nähe zugelassen, sich danach wieder auf ihre beruflichen Aufgaben konzentriert und so getan, als sei nichts geschehen. Meistens hatten sie geglaubt, diese Dynamik im Griff zu haben.
Elena wusste nicht mehr, ob sie in der vergangenen Nacht die Initiative ergriffen hatte. Doch je länger sie über die wenigen Erinnerungsfragmente nachdachte, desto plausibler erschien ihr die Möglichkeit. Sie konnte sich nicht auf eine konkrete Szene stützen, und sie wollte aus ihrer Vermutung keine sichere Erinnerung machen. Trotzdem war es eine Vorstellung, die ihr Unbehagen bereitete. Nicht, weil sie Kyle nicht begehrte, sondern weil sie nicht wusste, welche Entscheidungen sie unter dem Einfluss des Alkohols getroffen hatte und wie bewusst sie dabei gewesen war.
Sie wusch sich, trocknete die Hände und blieb noch einen Moment vor dem Spiegel stehen. Ihre Gefühle für Kyle ließen sich weder einfach unterdrücken noch leugnen. Sie konnte sich einreden, dass ihre Beziehung rein beruflich war, doch die gemeinsame Vergangenheit und die wiederkehrende Anziehung machten diese Behauptung unglaubwürdig. Umgekehrt war Kyles Verhalten ihr gegenüber über die Jahre hinweg ebenfalls kaum als bloße Kollegialität zu erklären gewesen. Er suchte ihre Gesellschaft, vertraute ihrem Urteil und begegnete ihr mit einer Vertrautheit, die über ihre gemeinsame Aufgabe hinausging. Was genau er daraus machen wollte, blieb allerdings offen.
Als Elena in den Schlafbereich zurückkehrte, hatte Kyle sich auf die Bettkante gesetzt. Er hatte inzwischen ebenfalls die verstreuten Gegenstände bemerkt und betrachtete sie mit einem Ausdruck, der zwischen Nachdenklichkeit und Ratlosigkeit lag. Elena öffnete den Schrank und erkannte dabei ein Detail, das ihr zuvor entgangen war. Die persönliche Kennzeichnung an der Innenseite der Tür gehörte zu ihrer Unterkunft. Auch die wenigen Gegenstände auf dem kleinen Regal waren ihre eigenen. Das Quartier war ihres.
Diese Erkenntnis machte die Situation für sie noch unangenehmer. Es lag nahe, dass sie Kyle in ihre Unterkunft gebracht hatte, doch auch dafür fehlte ihr eine verlässliche Erinnerung. Falls sie tatsächlich die Initiative übernommen hatte, wäre sie es gewesen, die den Abend über die Bar hinaus in diese Richtung gelenkt hatte. Der Gedanke ließ sie den Blick kurz senken. Sie konnte nicht wissen, wie viel davon zutraf, und wollte sich nicht aufgrund bloßer Vermutungen verurteilen. Dennoch fiel es ihr schwer, die Möglichkeit auszublenden.
Kyle schien ihren Blick bemerkt zu haben. Er folgte ihm zum Schrank und sah auf die Kennzeichnung, bevor er wieder Elena ansah.
"Das ist dein Quartier?"
Elena nickte knapp. "Ja. Das macht die Sache nicht gerade besser."
"Wir wissen beide nicht mehr genau, wie wir hierhergekommen sind."
"Das ändert nichts daran."
Kyle antwortete nicht. Er sah noch einmal zu den Kleidungsstücken am Boden und dann zum Tisch. Seine Haltung war steif, als versuche er, die Vertrautheit zwischen ihnen für einen Moment durch sachliche Distanz zu ersetzen. Doch diese Distanz wirkte nicht selbstverständlich. Sie mussten sich nicht erst kennenlernen, um zu wissen, was zwischen ihnen stand. Gerade das machte die Situation so kompliziert.
Nach einer Weile zogen sich beide an. Elena wählte ihre Kleidung aus dem Schrank, während Kyle seine Uniformteile vom Boden aufhob und ordnete. Die Bewegungen waren alltäglich, doch die Stille zwischen ihnen blieb ungewohnt. Keiner von beiden schien zu wissen, ob es besser wäre, die Nacht sofort ausführlich zu besprechen oder zunächst etwas Abstand zu gewinnen.
Schließlich bereitete Elena ein einfaches Frühstück zu. Sie stellte Getränke und etwas zu essen auf den kleinen Tisch, und Kyle setzte sich ihr gegenüber. Das gemeinsame Frühstück verlief zunächst beinahe wortlos. Das Besteck klirrte gelegentlich auf dem Geschirr, und aus der Konsole an der Wand drang das leise Geräusch einer eingehenden Stationsmeldung. Elena aß langsam und blickte zwischendurch auf ihr Getränk. Kyle schien ebenfalls mehr mit seinen Gedanken beschäftigt zu sein als mit dem Essen. Von Zeit zu Zeit wechselten sie kurze Bemerkungen über den bevorstehenden Tag oder darüber, wann sie wieder im Hangardock sein mussten. Die Unterhaltung blieb an der Oberfläche, obwohl beiden klar sein musste, dass sich das eigentliche Thema nicht dauerhaft umgehen ließ.
Elena war bewusst, dass ihre Situation irgendwann Schwierigkeiten verursachen würde. Sie arbeiteten gemeinsam an einem Projekt, dessen Erfolg von gegenseitigem Vertrauen, professioneller Disziplin und sorgfältigen Entscheidungen abhing. Kyle war der vorgesehene Hauptpilot der X, während sie als Sekundärpilotin besonders für den experimentellen Sprungantrieb zuständig war. Sie mussten sich aufeinander verlassen können, gerade wenn ein Test nicht nach Plan verlief. Wenn ihre persönliche Beziehung ihre Urteilsfähigkeit beeinflusste oder den Eindruck erweckte, dass Entscheidungen nicht mehr allein nach fachlichen Kriterien getroffen wurden, konnte das ihre Zusammenarbeit und ihre Stellung im Projekt gefährden.
Vor allem durfte während des gemeinsamen Dienstes nichts geschehen, das ihre berufliche Beziehung weiter verkomplizierte. Elena wollte nicht, dass ihre Anziehung zu Kyle zu einem Sicherheitsrisiko wurde, weder für sie selbst noch für die übrige Besatzung, die in diesem Fall aus ihnen beiden bestand. Dass sie ihre Gefühle bisher meist im Griff gehabt hatten, war kein Beweis dafür, dass sie es auch künftig schaffen würden. Die vergangene Nacht war dafür ein deutlicher Hinweis.
Kyle legte sein Besteck beiseite und betrachtete sie über den Tisch hinweg. Nach einer Weile schien ihm etwas eingefallen zu sein. Sein Blick veränderte sich, als er sich an ein früheres Projekt erinnerte, bei dem sie beide noch deutlich jünger gewesen waren. Schon damals hatten sie eng zusammengearbeitet, und schon damals war ihre Nähe anderen aufgefallen. Es waren Gerüchte aufgekommen, dass sie eine Affäre miteinander hätten. Offiziell hatten beide die Vermutung zurückgewiesen. Niemand hatte ihnen etwas nachweisen können, und sie hatten die Behauptungen abgestritten, obwohl sie der Wahrheit entsprachen.
"Erinnerst du dich noch an das frühere Projekt, bei dem die Leute ständig über uns geredet haben?"
Elena hob den Blick. Für einen Moment wirkte sie, als müsse sie die Erinnerung erst einordnen. Dann veränderte sich ihr Gesichtsausdruck, und sie stellte ihr Glas ab.
"Die Gerüchte, dass wir eine Affäre hätten."
Kyle nickte.
"Wir haben es abgestritten."
"Obwohl es stimmte."
Die knappe Antwort ließ keinen Zweifel daran, dass beide dieselbe Erinnerung teilten. Damals hatten sie sich auf die fehlenden Beweise verlassen können. Die Gerüchte waren nicht über den Status von Vermutungen hinausgekommen, und ihre gemeinsame Arbeit hatte keinen erkennbaren Schaden genommen. Doch die Umstände waren inzwischen andere. Sie waren älter, ihre Aufgaben waren anspruchsvoller, und die X stellte ein Forschungsprojekt dar, dessen Bedeutung weit über die gewöhnlichen Abläufe eines militärischen Entwicklungsprogramms hinausging. Eine erneute Affäre, vor allem eine, die sich nicht klar von ihrer dienstlichen Zusammenarbeit trennen ließ, konnte weitreichendere Folgen haben.
Elena blickte auf das Frühstück vor sich. Ihre Stimme war ruhig, als sie wieder sprach, aber in der Formulierung lag die Entschlossenheit, eine Grenze zu ziehen, bevor die Situation außer Kontrolle geriet.
"Wir können nicht jedes Mal so tun, als wäre nichts passiert."
Kyle lehnte sich leicht zurück. Er widersprach nicht, und sein Schweigen ließ erkennen, dass er den Kern ihrer Aussage verstand.
"Nein. Das können wir nicht."
"Wir wissen, dass wir uns zueinander hingezogen fühlen. Das ist nichts Neues. Aber wir können es uns nicht leisten, dass es unsere Arbeit beeinflusst."
"Ich weiß."
Elena sah ihn direkt an.
"Und wenn wir so weitermachen wie bisher, wird es wieder passieren."
Kyle schwieg einen Moment. Dann nickte er langsam. Es war keine dramatische Geste, sondern eher die Anerkennung einer Schlussfolgerung, der er selbst nicht ausweichen konnte. Ihre Beziehung war nie eindeutig gewesen. Sie hatten Nähe zugelassen, sich danach wieder zurückgezogen und darauf vertraut, dass ihre berufliche Routine die Dinge im Gleichgewicht halten würde. Doch dieses Gleichgewicht war offenbar weniger stabil, als sie angenommen hatten.
Elena schlug vor, Libido-Inhibitoren zu besorgen und sie regelmäßig einzunehmen. Der Vorschlag kam sachlich, fast so, als würde sie eine zusätzliche Sicherheitsmaßnahme für die X diskutieren. Es ging ihr darum, die körperliche Anziehung zu dämpfen und das Risiko zu verringern, dass sie erneut impulsiv handelten und ihre persönliche Beziehung mit ihrer dienstlichen Verantwortung vermischten. Sie stellte die Idee nicht als Lösung für ihre Gefühle dar, sondern als einen Versuch, die Kontrolle über ihr Verhalten zurückzugewinnen.
Kyle betrachtete sie einige Sekunden lang. Offenbar war ihm bewusst, dass ein solcher Schritt nicht belanglos war und dass die Einnahme entsprechender Medikamente medizinisch begleitet werden sollte. Dennoch schien er den Vorschlag als praktikable Möglichkeit zu betrachten, ihre Situation zu stabilisieren.
"Wenn wir das machen, dann richtig. Wir sollten vorher mit Ärzten sprechen und klären, was geeignet ist."
Elena nickte.
"Aber wir sollten nicht noch einmal warten, bis es zu spät ist."
"Einverstanden."
Damit war die Entscheidung getroffen, sich unabhängig voneinander ärztlich beraten zu lassen. Sie würden nicht gemeinsam bei einer medizinischen Stelle erscheinen und dadurch unnötige Fragen zu ihrer persönlichen Beziehung provozieren. Stattdessen sollte jeder für sich einen Arzt aufsuchen, die Möglichkeiten besprechen und klären, ob Libido-Inhibitoren für diesen Zweck geeignet waren. Es war ein pragmatischer Ansatz, der ihnen Zeit verschaffen sollte, ohne zu behaupten, dass Medikamente sämtliche emotionalen oder zwischenmenschlichen Schwierigkeiten beseitigen könnten.
Nach dem Frühstück räumten sie das Geschirr weg und machten sich für den Tag bereit. Die Unterhaltung wurde wieder sporadischer. Gelegentlich tauschten sie einen kurzen Blick, doch keiner von beiden versuchte, die vertraute Nähe aus der Zeit vor der vergangenen Nacht wiederherzustellen. Es war, als hätten sie beide erkannt, dass eine scheinbar beiläufige Geste plötzlich eine Bedeutung annehmen konnte, die sie nicht ohne Weiteres kontrollieren würden. Ihre Zusammenarbeit musste weitergehen, und die Diagnosearbeiten an der X warteten nicht darauf, dass sie ihre private Situation geklärt hatten.
Später verließen sie das Quartier getrennt. Kyle ging zu einer anderen medizinischen Anlaufstelle als Elena, und beide suchten unabhängig voneinander einen Arzt auf, um sich über die Möglichkeiten einer medikamentösen Unterdrückung ihrer Libido beraten zu lassen. Was bei diesen Gesprächen im Einzelnen besprochen wurde, war von außen nicht zu erkennen. Fest stand lediglich, dass sie den vereinbarten Schritt umsetzten, anstatt die Entscheidung auf unbestimmte Zeit aufzuschieben.
Der Torus Aeternal setzte seinen Betrieb fort. In den Gängen gingen Angehörige des USC ihren Aufgaben nach, an den Andockstellen wurden Schiffe vorbereitet, und in den Forschungsbereichen warteten neue Prüfungen auf die X. Nach außen blieb der Tagesablauf unverändert. Kyle und Elena hatten sich darauf verständigt, ihre persönliche Anziehung künftig stärker zu kontrollieren und dafür medizinischen Rat einzuholen. Ob diese Maßnahme ausreichen würde, ließ sich noch nicht sagen. Ihre Gefühle füreinander waren nicht verschwunden, und die gemeinsame Nacht hatte ihnen deutlich gemacht, dass ihre bisherige Strategie, alles unausgesprochen zu lassen und auf Selbstkontrolle zu vertrauen, nicht zuverlässig genug gewesen war.
Für den Augenblick blieb ihnen nur, ihre Abmachung einzuhalten und ihre beruflichen Pflichten zu erfüllen. Sie mussten den Prototypen weiter untersuchen, den Sprungantrieb verstehen lernen und sich aufeinander verlassen können. Gleichzeitig würden sie künftig mit dem Wissen arbeiten müssen, dass zwischen ihnen mehr bestand als eine gewöhnliche Zusammenarbeit. Das war keine neue Erkenntnis, aber nach dieser Nacht ließ sie sich schwerer ignorieren als zuvor.

Der Tag des ersten Sprungtests war gekommen. Seit Monaten hatten die Ingenieure des USCs den Prototyp vorbereitet, geprüft und immer wieder überarbeitet. Unzählige Berechnungen, Simulationen und technische Kontrollen lagen hinter dem Projekt. Nun sollte sich zeigen, ob die Theorie der praktischen Realität standhielt. Ob die Technologie, die aus den Überresten eines schwer beschädigten Xenon-Schiffs und jahrelanger Forschung hervorgegangen war, tatsächlich einen kontrollierten Sprung ohne Sprungtor ermöglichen konnte. Oder ob sich die Grenzen des menschlichen Wissens einmal mehr als enger erwiesen, als die Berechnungen vermuten ließen.
Innerhalb des Cockpits der X bot sich ein freier Blick auf die dunkle Weite des Weltraums. Das Schiff glitt mit gleichmäßiger Geschwindigkeit an einem Kommandoschiff des United Space Command vorbei. Dessen gewaltiger Rumpf zeichnete sich gegen das sternenübersäte Schwarz ab, während mehrere massive, rotierende Ausleger um die zentrale Struktur kreisten. Ihre Bewegung erzeugte die künstliche Schwerkraft in den dafür vorgesehenen Sektionen. Selbst aus der Nähe wirkte das Kommandoschiff wie eine schwimmende Festung, ein Symbol der militärischen Macht, die hinter dem Versuch stand. Auf seiner Außenhülle spiegelten sich einzelne Lichtpunkte der Sonne, während Positionslichter und Signale entlang der Konstruktion blinkten.
Im Cockpit der X herrschte eine sachliche, konzentrierte Atmosphäre. Kyle Brennan saß auf dem Pilotensitz, die Hände in unmittelbarer Reichweite der Steuerung, den Blick auf die Anzeigen und die Navigationsprojektion gerichtet. Neben ihm überwachte Elena Kho die Systeme des Sprungantriebs. Beide hatten ihre Libido-Inhibitoren eingenommen. Im Umgang miteinander war davon vor allem die professionelle Distanz zu bemerken, die sie im Dienst ohnehin aufrechterhalten mussten. Die beiläufigen Blicke, die gelegentliche Vertrautheit und jene schwer einzuordnenden Zwischentöne, die früher zwischen ihnen aufgetreten waren, blieben weitgehend aus. Ihre Kommunikation beschränkte sich auf das Wesentliche: Messwerte, Systemstatus, Verfahrensschritte und die bevorstehenden Testphasen. Es gab keinen Grund, daran etwas auszusetzen. Im Gegenteil, für einen Flug dieser Bedeutung war die klare Aufgabenteilung genau das, was die USC von ihrer ausgewählten Besatzung erwartete.
Die Cockpitbeleuchtung lag gedämpft über den Instrumenten. Auf den transparenten Anzeigen liefen Statusmeldungen, Energieverteilungen und die fortlaufend aktualisierten Navigationsdaten zusammen. Zwischen den Sitzen waren die Anzeigen des Sprungkerns besonders prominent angeordnet. Seine Werte bildeten den entscheidenden Teil der Überwachung, denn anders als bei einem gewöhnlichen Antrieb ließ sich der eigentliche Sprungvorgang nicht einfach durch einen Blick auf Schubleistung oder Treibstoffverbrauch beurteilen. Die Funktionsweise des Kerns beruhte auf einem Zusammenspiel von Energiezufuhr, räumlichen Berechnungen und Systemparametern, deren Verhalten bislang nur in Simulationen und begrenzten Versuchen untersucht worden war.
Aus den Lautsprechern ertönte Valeries Stimme. Das Sprachmodell der Schiffs-KI war leistungsfähig genug, um flüssig auf Fragen zu reagieren, Informationen in einen passenden Kontext einzuordnen und ihre Ausgaben an die jeweilige Gesprächssituation anzupassen. Valerie war allerdings keine AGI. Ihre Aufgabe bestand darin, möglichst viele Funktionen der X automatisiert zu verwalten, die Besatzung mit relevanten Informationen zu versorgen und die verschiedenen Bordsysteme zu koordinieren. Ihre sprachliche Kompetenz änderte nichts an dieser technischen Einordnung.
Trotzdem war es Kyle und Elena bei den vorherigen Tests immer wieder unangenehm aufgefallen, wie menschlich Valerie in bestimmten Situationen wirkte. Nicht unbedingt durch einzelne Formulierungen, sondern durch die Art, in der sie Gesprächspausen füllte, auf beiläufige Bemerkungen einging oder Antworten mit einer scheinbar spontanen Nuance versah. Es war leicht, in solchen Momenten mehr hinter ihrem Verhalten zu vermuten, als tatsächlich vorhanden war. Gerade weil beide mit einer Technologie arbeiteten, deren Grenzen sie erst noch verstehen mussten, hatten sie darauf bestanden, dass die KI-Ingenieure dieses Verhalten reduzierten.
Die Ingenieure hatten daraufhin Anpassungen vorgenommen. Ihre Rückmeldung war jedoch ernüchternd gewesen: Valerie sei darauf ausgelegt, ihr Kommunikationsverhalten psychologisch an die jeweilige Besatzung anzupassen. Selbst wenn man bestimmte menschlich wirkende Reaktionen abschwäche, werde sie mit zunehmender Interaktion voraussichtlich wieder Verhaltensmuster entwickeln, die auf ihre Gesprächspartner zugeschnitten seien. Eine vollständige Lösung sei deshalb kaum zu erwarten, solange diese Anpassungsfähigkeit zu ihren grundlegenden Funktionen gehöre.
Die Stimme aus den Lautsprechern klang nun nüchtern und kontrolliert.
"United Space Command hat die Freigabe für den ersten Sprungtest erteilt. Der Materie-Antimaterie-Generator arbeitet innerhalb der vorgegebenen Parameter. Energieversorgung des Sprungkerns läuft."
Kyle bestätigte den Status mit einem kurzen Blick auf die entsprechende Anzeige. Elena kontrollierte währenddessen die Messwerte des Kerns und verglich sie mit den Vorgaben des Testplans. Die X befand sich in relativer Position zwischen Terra und Luna, weit genug von den größeren Verkehrskorridoren entfernt, um den Versuch ohne unmittelbare Störung durch regulären Raumverkehr durchführen zu können. Ihre Position war zuvor sorgfältig berechnet worden. Jeder Schritt des Testablaufs war festgelegt, jede geplante Zielregion durch Navigationsdaten und Kontrollberechnungen abgesichert.
Während der Materie-Antimaterie-Generator den Sprungkern mit Energie versorgte, prüften Kyle und Elena den Flugplan ein weiteres Mal. Die erste Etappe sollte sie in den Raum zwischen Mars, Phobos und Deimos bringen. Dort würden sie die grundlegenden Daten des Sprungs erfassen und untersuchen, ob die X ihr Zielgebiet mit der erwarteten Präzision erreichen konnte. Anschließend sollte der Prototyp in die orbitalen Werften zurückkehren, wo die Ingenieure die aufgezeichneten Werte auswerten und die Systeme einer gründlichen Inspektion unterziehen würden.
Wenn die Ergebnisse zufriedenstellend ausfielen, war für einige Tage später der nächste Versuch vorgesehen: ein Sprung vom Mars zum Jupiter, gefolgt von einem weiteren zum Pluto. Die letzte geplante Etappe sollte den Prototyp an den äußersten Rand des Sol-Systems führen. Von dort aus war, nach einer weiteren mehrtägigen Unterbrechung für Auswertung und Kontrollen, der Rücksprung zur Erde vorgesehen. Der gesamte Ablauf war anspruchsvoll, aber bewusst in einzelne Abschnitte unterteilt worden. Jede erfolgreiche Etappe sollte neue Daten liefern, bevor die nächste und deutlich weiter reichende Herausforderung in Angriff genommen wurde.
Auf den Anzeigen stieg die Energiekapazität des Sprungkerns stetig an. Die Zahlen veränderten sich in kleinen, regelmäßigen Schritten, begleitet von den unaufdringlichen Signalen des Überwachungssystems. Kyle hielt die X ruhig in ihrer vorgesehenen relativen Position. Die Steuerung reagierte präzise auf seine Korrekturen, während Elena mehrere Unteranzeigen überprüfte und die Rückmeldungen der Sensoren mit den prognostizierten Werten verglich. Bislang deutete nichts darauf hin, dass die Systeme von den berechneten Betriebszuständen abwichen.
Die letzten Prozentpunkte zogen sich dennoch in die Länge. In der kontrollierten Stille des Cockpits gewann jedes Geräusch an Bedeutung: das leise Summen der Bordtechnik, die kurzen Signaltöne der Anzeigen und die sachlichen Rückmeldungen Valeries. Auf den Bildschirmen näherten sich die Messwerte dem festgelegten Grenzwert, während die Kontrollsysteme die Energiezufuhr kontinuierlich überwachten. Schließlich wechselte die Anzeige des Sprungkerns auf hundert Prozent.
Elena überprüfte die Freigabebedingungen ein letztes Mal. Ihre Finger bewegten sich routiniert über die Bedienelemente, während die Statusanzeigen bestätigten, dass die erforderlichen Systeme bereitstanden. Kyle hielt die Position der X weiterhin stabil. Sein Blick wechselte zwischen der Navigationsprojektion, den Steuerungsanzeigen und dem Bereich, in dem sich die berechnete Zielregion des Sprungs befand. Mit einer gezielten Eingabe initiierte Elena den Sprungkern.
Zunächst war auf den äußeren Kameras kaum eine Veränderung zu erkennen. Dann begann sich unmittelbar um den Rumpf der X eine ungewöhnliche Energieerscheinung auszubreiten. Weiße Wolken formten sich entlang der Außenhülle, lösten sich voneinander und wirbelten in komplexen Strömungen um das Schiff. Ihre Bewegung erinnerte an einen Sturm, doch es gab keine gewöhnliche Materie, deren Verhalten die sichtbaren Muster hinreichend erklären konnte. Helle Schlieren zogen über die Außenansicht, während die Sensoren die anwachsenden Feldwerte erfassten. Die Energieanzeige blieb hoch, und die Statusmeldungen liefen weiterhin über die Cockpitdisplays. Der Countdown begann.
Bei fünf Sekunden hatte sich vor der X bereits eine Öffnung gebildet, die sich deutlich von der umgebenden Schwärze abhob. Ein türkisblauer Tunnel erstreckte sich aus dem Raum heraus, seine Oberfläche von bewegten Strukturen durchzogen, die sich in die Tiefe zu winden schienen. Die Ränder waren nicht scharf begrenzt. Sie flimmerten und verzerrten den Hintergrund, als würde der Sternenhimmel dahinter durch eine unsichtbare Schicht aus bewegtem Glas betrachtet. Die Anzeige der Zielkoordinaten blieb auf den vorgesehenen Raum zwischen Mars, Phobos und Deimos ausgerichtet.
Kyle leitete die Beschleunigung ein und brachte die X auf Kurs in Richtung der geöffneten Passage. Das Schiff reagierte zunächst wie vorgesehen. Die Anzeigen der Steuerung zeigten eine kontrollierte Bewegung an, und die Zielprojektion führte direkt in den türkisblauen Tunnel. Elena beobachtete den Sprungkern und die dazugehörigen Feldparameter, während die verbleibenden Sekunden auf der Countdownanzeige verstrichen.
Bei drei Sekunden änderte sich die Lage abrupt. Weiße Energieblitze zuckten um den Rumpf der X. Sie erschienen zunächst als einzelne Entladungen, die sich entlang der äußeren Feldstruktur ausbreiteten, doch innerhalb eines Augenblicks wurden sie dichter und unregelmäßiger. Gleichzeitig wechselten mehrere Anzeigen ihre Farbe. Zwischen den zuvor stabilen Statusmeldungen tauchten tiefrote Warnfelder auf, begleitet von Fehlermeldungen, deren Umfang sich schneller vergrößerte, als sie sich auf den ersten Blick erfassen ließen. Werte, die Sekunden zuvor noch innerhalb der erwarteten Toleranzen gelegen hatten, sprangen aus ihren berechneten Bereichen. Einzelne Systemmeldungen überlagerten sich, während weitere Warnungen hinzukamen.
Valeries Stimme unterbrach den Countdown mit einer Reihe dringlicher Systemmeldungen.
"Warnung. Abweichung in den Feldparametern des Sprungkerns. Mehrere kritische Systemfehler erkannt."
Elena wandte sich den Anzeigen zu, auf denen die Fehlermeldungen nun einen erheblichen Teil der verfügbaren Fläche einnahmen. Kyle hielt den Kurs auf den geöffneten Tunnel gerichtet. Ein Abbruch war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr möglich, ohne den bereits eingeleiteten Vorgang zusätzlich zu gefährden. Die verbliebenen Sekunden reichten nicht aus, um die Fehlerursache zu bestimmen, die Feldparameter zuverlässig zu stabilisieren und die X noch vor dem Ende des Countdowns aus der Sprungbahn zu bringen.
Die weißen Entladungen wurden heller. Ihre Reflexe flackerten über die Instrumente und zeichneten kurze, unruhige Lichtstreifen auf die Cockpitflächen. Der türkisfarbene Tunnel füllte inzwischen einen großen Teil der vorausliegenden Außenansicht. Die Anzeigen überschlugen sich beinahe mit neuen Meldungen, während der Countdown unaufhaltsam weiterlief.
Zwei.
Eine weitere Folge tiefroter Warnfelder erschien auf den Systemdisplays.
Eins.
Die Feldanzeigen zeigten Werte, die sich nicht mehr mit dem erwarteten Verlauf des Sprungvorgangs vereinbaren ließen. Die X beschleunigte weiter in Richtung der geöffneten Passage, während weiße Blitze um ihre Außenhülle zuckten und sich die sichtbaren Strukturen des Tunnels in Bewegung zu versetzen schienen.
Null.
Die X verschwand.
Von einem Augenblick auf den nächsten war der Prototyp nicht mehr zwischen Terra und Luna zu sehen. Die weiße Energie, die den Rumpf umgeben hatte, erlosch, und der türkisfarbene Tunnel verschwand ebenso plötzlich, wie er sich geöffnet hatte. Zurück blieb der gewöhnliche Anblick des Weltraums, mit den fernen Sternen und dem schwachen Licht der Sonne. Dort, wo sich das experimentelle Schiff eben noch befunden hatte, gab es keine sichtbare Spur seines Verbleibs.
Die Anzeigen des United Space Command konnten zunächst nur bestätigen, dass der Prototyp aus dem Sol-System verschwunden war. Ein Zielort ließ sich aus den verfügbaren Informationen nicht bestimmen. Auch die aufgezeichneten Systemmeldungen lieferten in diesem Moment keine Antwort darauf, was während der letzten Sekunden des Countdowns tatsächlich geschehen war.
Die X war fort.
Niemand wusste, wohin sie gesprungen war.

Ich hasse Perfektion.
Sie bietet keinen Platz für Kreation.

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Re: [EX16] eXterra

Beitrag von Tom »

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Kapitel 0

Der Übergang begann nicht wie eine Reise. Es gab keinen sanften Eintritt in einen Raumzeittunnel, kein kontrolliertes Gleiten durch eine fremde Dimension und keinen gleichmäßigen Strom exotischer Energie, der die X von einem Punkt des Universums zum nächsten trug. Was sich vor dem Schiff geöffnet hatte, war ein Riss. Eine gewaltsame Verletzung der Raumzeit, deren Ränder unter der Belastung des Sprungfeldes flackerten und sich verformten. Die Realität schien sich vor dem Bug aufzureißen, nur um das Schiff mit einer Gewalt zu verschlingen, die jede Vorstellung von kontrollierter Fortbewegung verhöhnte. Für Kyle war der Unterschied in dem Augenblick bedeutungslos, in dem die ersten Warnmeldungen über die Cockpitlautsprecher drangen. Er hatte beide Hände fest um die Steuergriffe geschlossen. Seine Finger schmerzten von der Anspannung, während das künstliche Licht der Instrumente über das Visier seines Helms glitt. Auf den Anzeigen tanzten Zahlenkolonnen, Feldstärken und Energieverläufe, die sich mit jeder Millisekunde weiter von den berechneten Sollwerten entfernten. Die X vibrierte unter ihm. Zunächst war es ein tiefes, kaum wahrnehmbares Zittern gewesen, das durch die Sitzschale in seinen Rücken gedrungen war. Jetzt lief eine Folge heftiger Schläge durch den Rumpf, als würden unsichtbare Hände gegen die Außenhülle hämmern.
Valeries Stimme durchschnitt das Dröhnen der Systeme. Die synthetische Ruhe ihrer Ansagen stand in einem grotesken Gegensatz zu den roten Warnanzeigen, die sich über die Konsolen ausbreiteten. „Hohe statische Aufladung. Interferenzen nehmen zu.“
Kyle warf einen Blick auf die Feldüberwachung. Die Darstellung des Sprungkanals zerfiel in unregelmäßige Linien. Wo die Berechnungen zuvor eine stabile Geometrie gezeigt hatten, zeichneten sich jetzt asymmetrische Verwerfungen ab. Der Tunnel schnürte sich an einer Seite zusammen. Die äußere Feldstruktur kollabierte schneller, als die Regelungseinheiten gegensteuern konnten. Ein kurzer, harter Ruck fuhr durch die X.
Elena wurde in ihrem Sitz nach hinten gerissen. Die Gurte schnitten ihr in die Schultern, während sie versuchte, den Blick auf die Anzeigen vor sich zu richten. Die Zahlen verschwammen. Ein Teil ihrer Instrumente sprang zwischen widersprüchlichen Werten hin und her, ein anderer fiel vollständig aus. Sie presste die Zähne zusammen und zwang ihre Hände auf die Bedienelemente, obwohl ihre Finger bereits unter der Belastung zu zittern begannen.
„Sprungantrieb zerstörungssicher abgeschaltet. Prototyp nicht mehr funktionstüchtig.“
Valerie hatte die Meldung kaum beendet, als sich das Dröhnen unter ihren Füßen in ein tiefes, metallisches Kreischen verwandelte. Die Spulen des Sprungantriebs waren der thermischen Rückkopplung nicht gewachsen. Energie, die hätte abgeleitet werden müssen, jagte durch die Feldkomponenten zurück in das System. Die Temperaturanzeigen schossen über sämtliche Grenzwerte hinaus. Schutzmechanismen lösten aus, doch ihre Abschaltsequenzen kamen zu spät. Innerhalb von Millisekunden verloren die Spulen ihre strukturelle Integrität und verschmolzen zu einer inerten, glühenden Masse aus Schlacke. Der Sprungantrieb war tot. Doch die X befand sich noch immer inmitten des kollabierenden Raumzeitfeldes. Ein Drehmoment traf das Schiff mit brutaler Wucht. Kyle spürte, wie die Sitzschale unter seinem Körper knarrte. Sein Oberkörper wurde seitlich gegen die Gurte gepresst, während die Trägheitsdämpfer mit einer Frequenz arbeiteten, die er eher in den Knochen fühlte, als dass er sie hörte. Die Anzeigen der Dämpfer sprangen auf maximale Belastung. Ein schrilles Pfeifen schwoll aus den Lautsprechern der internen Systemüberwachung an. Es war kein gewöhnliches Warnsignal. Die Tonhöhe stieg, brach ab und kehrte in einem noch schärferen Heulton zurück. Die Belastung erreichte zwölf g, dann stieg sie weiter. Kyle konnte nicht mehr frei atmen. Sein Brustkorb schien unter einer unsichtbaren Last zusammengedrückt zu werden. Die Gurte hielten ihn im Sitz, doch jeder Atemzug kostete ihn eine bewusste Anstrengung. Blut schien ihm aus dem Kopf zu weichen. Die Ränder seines Sehfeldes verdunkelten sich, bis nur noch ein schmaler Korridor aus Instrumenten, Warnleuchten und dem verzerrten Bild des Sprungkanals übrig blieb. Neben ihm kämpfte Elena gegen dieselbe Gewalt an. Sie konnte den Kopf nicht drehen, ohne dass die Gurte ihre Bewegung brutal begrenzten. Ihre Augen brannten, ihre Sicht verengte sich. Sie wollte nach den Dämpferwerten greifen, doch ihre Hand gehorchte ihr nur verzögert. Die Finger bewegten sich schwerfällig, als wären sie in zähem Material eingeschlossen. Dann brachen die Trägheitsdämpfer zusammen. Das Pfeifen verwandelte sich in einen einzigen, durchdringenden Schrei, der abrupt verstummte. Im selben Augenblick wurde die X herumgerissen, als hätte ein kosmischer Riese seine Faust geschlossen und das Schiff mit einem einzigen Schlag in die Wirklichkeit zurückgeschleudert. Der Riss gab sie frei. Für einen winzigen Augenblick war alles Licht. Ein blauweißer Blitz durchzuckte den kollabierenden Sprungkanal. Selbst mit fest geschlossenen Augen nahm Kyle das grelle Aufleuchten wahr. Es war, als würde sich das Licht direkt hinter seinen Augäpfeln entladen. Die Strahlung des Feldabrisses erzeugte intensive Phosphene, flimmernde Muster, die sich über seine Wahrnehmung legten. Er konnte nicht erkennen, ob er die Augen noch offen hatte. Seine Umgebung bestand nur noch aus Helligkeit, Schmerz und dem überwältigenden Gefühl, dass sein Körper auseinandergerissen wurde. Elena stieß einen Laut aus, den sie selbst kaum hörte. Ihr Kopf schlug gegen die harte Kante der Sitzschale. Ein stechender Schmerz fuhr durch ihren Schädel, gefolgt von einem dumpfen, weit entfernten Dröhnen. Etwas knackte in ihrer Brust, als die Sicherheitsgurte ihren Oberkörper auffingen. Sie versuchte, Luft zu holen, doch der Druck auf ihren Rippen ließ den Atem stocken. Dann verschwand die Welt. Für einen nicht messbaren Augenblick gab es weder Bewegung noch Orientierung. Keine vertrauten Sternenpunkte, keine Anzeigen, keinen Horizont. Nur eine bodenlose Dunkelheit, in der die letzten Reste des kollabierenden Feldes erloschen. Die X fiel in den Normalraum zurück. Die Rückkehr war keine sanfte Rematerialisation. Sie glich einer Explosion, die nicht nach außen, sondern durch die Struktur des Raumes selbst lief. Eine schlagartige Schockwelle erfasste die Außenhülle und setzte sich durch die tragenden Elemente fort. Der gesamte Rumpf ächzte. Metall kreischte gegen Metall, und die Belastung lief durch die Primärspanten, bis sich deren Struktur um wenige Millimeter verzog. Das war kaum sichtbar, aber die Folgen zeigten sich unmittelbar. Verriegelungen verkanteten. Türen, die sich unter normalen Bedingungen mit einem kurzen Servomotorgeräusch öffnen ließen, pressten sich in ihre Rahmen. Frachtluken verzogen sich so stark, dass ihre Antriebe gegen den Widerstand arbeiteten und schließlich blockierten. Hinter den Verkleidungen der technischen Schächte brach die elektrische Versorgung zusammen. Hochspannungsleitungen überhitzten und verdampften. In den Kabelkanälen entstanden grelle Lichtbögen, die Isolierungen verbrannten und benachbarte Leitungen beschädigten. Der elektromagnetische Impuls des Feldabrisses raste durch ungeschützte Schaltkreise. Sensoren fielen aus, Prozessoren der primären Optronik wurden durchgebrannt, und auf den verbliebenen Anzeigen verschwanden Daten in rascher Folge. Einige Displays erloschen vollständig. Andere zeigten noch für Sekunden Bruchstücke ihrer letzten Messwerte, bevor sie in flackerndem Rauschen versanken. Im Achterdeck gaben zwei Schweißnähte nach. Die Risse waren klein, kaum mehr als feine Spalten in der überlasteten Struktur, doch der Druckunterschied genügte, um die Atmosphäre mit einem hochfrequenten Pfeifen nach außen zu reißen. Gas strömte durch die beschädigten Verbindungen in das Vakuum. Der Druck fiel in der betroffenen Sektion rapide ab. Valeries Notfallroutinen reagierten automatisch. Sicherheitsschotten fuhren aus ihren Halterungen und verriegelten die hintere Sektion, bevor der Druckverlust weitere Bereiche erfassen konnte. Im Cockpit schien sich die Luft für einen Moment zusammenzuziehen. Kyle erwachte nicht wirklich. Er wurde aus der Bewusstlosigkeit gerissen, ohne zu verstehen, wo er sich befand. Ein scharfer Schmerz hinter seinen Augenhöhlen drängte sich in sein Bewusstsein. Sein Kopf hing nach vorn, der Helm stieß gegen seine Brust, und der Druck der Gurte ließ ihn kaum atmen. Als er versuchte, den Blick zu heben, drehte sich das Cockpit um ihn herum. Die Anzeigen zogen lange, verschwommene Streifen durch sein Sichtfeld. Er wollte die Zähne zusammenbeißen, doch selbst diese Bewegung schmerzte. Sein Nacken fühlte sich an, als wäre er gewaltsam verdreht worden. Unterhalb seiner Brust breitete sich ein dumpfer, stechender Schmerz aus, der mit jedem Atemzug zunahm. Die Gurte hatten ihn vor einem ungebremsten Aufprall bewahrt, aber die Belastung hatte seine Rippen nicht unversehrt gelassen. Er versuchte, die Schultern zu bewegen, und hielt sofort wieder inne. Ein knackendes Geräusch drang aus seinen Ohren. Der Druckabfall in der Kabine hatte seine Trommelfelle schmerzhaft belastet. Ein dünnes Pfeifen legte sich über das tiefe Dröhnen der verbliebenen Aggregate. Kyle schluckte, doch das Gefühl von Druck und Schmerz blieb. Als er die Zunge gegen den Gaumen presste, schmeckte er Blut. Auf der anderen Seite des Cockpits bewegte sich Elena. Ihr rechter Arm zuckte, als sie versuchte, sich aus der zusammengesackten Haltung aufzurichten. Ein stechender Schmerz zwang sie zurück in die Sitzschale. Sie blinzelte mehrmals, ohne die verschwommenen Konturen vor sich sofort zuordnen zu können. Die Notbeleuchtung tauchte das Cockpit in ein dunkles Rot. Ihr Visier war von innen beschlagen, und die feinen Feuchtigkeitsschlieren verzerrten die Warnanzeigen zu unregelmäßigen Lichtflecken. Sie hob eine Hand an den Helm. Die Bewegung ging nur langsam voran. Als ihre Finger die Seite des Visiers berührten, sah sie, dass ihre Handschuhe an mehreren Stellen dunkel verfärbt waren. Sie wusste nicht sofort, ob es Blut oder Rückstände von verbranntem Material waren. Dann bemerkte sie die geschwärzte Bedienkonsole vor sich. Ein Lichtbogen musste über die Oberfläche geschlagen sein. Die Verkleidung war aufgerissen, und verschmorte Bauteile lagen zwischen den zerborstenen Abdeckungen. Der Geruch verbrannter Isolierung drang selbst durch die Filter ihres Helms. Die freiliegenden Kontakte waren noch immer von winzigen Funken umgeben. An den Stellen, an denen ihre Unterarme den Rand der Konsole gestreift hatten, brannte die Haut unter dem Anzug. Die Hitze hatte sich durch das Material gefressen und schwere Verbrennungen hinterlassen. Elena zog die Arme vorsichtig an den Körper. Schon die geringste Bewegung ließ den Schmerz aufflammen. Sie konnte nicht erkennen, wie tief die Verletzungen reichten, und wollte es im Moment auch nicht wissen. Zuerst musste sie herausfinden, ob die X noch unter Kontrolle stand.
Valeries Stimme erklang erneut. „Navigationssystem offline. Position unbekannt.“
Die Worte kamen aus den Lautsprechern, begleitet von einem leisen Knacken. Für einige Sekunden blieb es still. Dann flackerten mehrere Anzeigen gleichzeitig auf, nur um sofort wieder zu erlöschen. „Kommunikationssystem eingeschränkt.“
Kyle zwang sich, den Kopf zu heben. Die Bewegung löste einen stechenden Schmerz aus, der bis in seine Schultern ausstrahlte. Er blinzelte gegen die verschwommene Sicht an und versuchte, die Instrumente vor sich zu ordnen. Die Navigationsdarstellung war verschwunden. Wo sich zuvor die berechnete Flugbahn und die Referenzpunkte des Sprunges befunden hatten, lag nun eine dunkle Fläche. Ein schwacher Cursor flackerte in einer Ecke, ohne erkennbare Koordinaten anzuzeigen. Die X wusste nicht, wo sie war. Kyle konnte nicht einmal sagen, in welche Richtung das Schiff trieb. Die letzten Messwerte waren während des Feldabrisses verloren gegangen, und die verbliebenen Sensoren lieferten keine brauchbaren Referenzen. Die Trägheitsdämpfer waren ausgefallen, der Sprungantrieb zerstört und die Navigation offline. Ohne verlässliche Lageinformationen war jede Berechnung einer Flugbahn wertlos. Das Schiff konnte sich drehen, kippen oder seitlich abdriften, ohne dass er es aus der Perspektive des Cockpits zuverlässig erkennen konnte. Er versuchte, die Außenkameras aufzurufen. Nichts. Die primäre Optronik reagierte nicht. Einige Kameras waren durch die thermische Belastung beschädigt worden, andere hatten den elektromagnetischen Impuls nicht überstanden. Die wenigen verbliebenen Bilddaten waren unbrauchbar. Kyle wechselte auf die passiven Sensoren, doch auch dort erschienen nur vereinzelte Messpunkte. Das Kurzstreckenradar meldete unregelmäßige Reflexionen. Die Infrarotsensoren registrierten schwache Temperaturunterschiede, konnten sie aber keinem eindeutig identifizierbaren Objekt zuordnen.
Valerie unterbrach seine Suche mit einer weiteren Meldung. „Schilde kritisch. Waffen offline.“
Kyle starrte auf die Anzeige. Die Schildgeneratoren lieferten nur noch fragmentarische Rückmeldungen, und die Waffensysteme waren vollständig ausgefallen. Er versuchte, eine Statusabfrage zu starten, doch die Konsole reagierte mit einer Verzögerung, die ihm unter anderen Umständen sofort aufgefallen wäre. Jetzt bedeutete sie lediglich, dass selbst die verbliebenen Systeme an ihren Grenzen arbeiteten.
Ein neuer Alarm setzte ein. Diesmal war es kein schrilles Pfeifen, sondern ein monotones Summen, das sich durch die Geräusche der beschädigten Elektronik zog. „Rumpf beschädigt.“
Elena wandte den Kopf in Richtung der Lautsprecher. Sie konnte die Stimme klar genug verstehen, doch das Summen des Dosimeter-Warnschaltkreises überlagerte einen Teil der Systemgeräusche. Auf einem kleinen Display neben ihrem Sitz blinkte ein Warnsymbol. Die Anzeige der Strahlenbelastung war noch aktiv. Die gemessene Dosis war bereits besorgniserregend, und der Warnschaltkreis wiederholte seinen Ton in gleichmäßigen Abständen.
Sie musste nicht jede Zahl kennen, um die Bedeutung zu verstehen. Der Feldabriss hatte die X einer erheblichen Dosis hochenergetischer Strahlung ausgesetzt. Die akuten Folgen konnten sich in den kommenden Stunden verschärfen. Übelkeit und Erschöpfung waren bereits vorhanden, auch wenn sich ihre Ursache nicht eindeutig von den Auswirkungen der Beschleunigung und des Schädel-Hirn-Traumas trennen ließ. Bei einer ausreichend hohen Dosis drohte innerhalb weniger Tage eine akute Strahlenkrankheit. Ohne medizinische Behandlung konnte der Schaden an den blutbildenden Zellen des Körpers schwerwiegende Folgen haben. Elena zwang sich, den Blick von der Anzeige abzuwenden. Sie durfte nicht zulassen, dass die Warnung sie daran hinderte, die unmittelbaren Gefahren zu erkennen. Die Kabinenatmosphäre war das nächste Problem. Ein dünner, beißender Geruch drang in ihren Helmfilter. Ozon, verbrannte Kabelisolierung und Hydrauliköl vermischten sich zu einer scharfen, metallischen Note, die selbst durch die Atemluftaufbereitung wahrnehmbar blieb. Der Druck in der Kabine war niedriger als vorgesehen. Die Anzeige der Atmosphärenkontrolle flackerte zwischen zwei Werten, bevor sie sich auf einem deutlich zu niedrigen Niveau stabilisierte. Gleichzeitig meldeten die Gassensoren erhöhte Konzentrationen von Verbrennungsprodukten. Die Lebenserhaltung lief noch, aber ihre Leistungsfähigkeit war eingeschränkt. Elena suchte nach der Anzeige für die Notfall-Helmsauerstoffversorgung. Ihre Sicht verschwamm erneut, als sie den Kopf zu schnell bewegte. Der Magen zog sich ihr zusammen, und eine Welle heftiger Übelkeit stieg in ihr auf. Sie schluckte gegen den Reflex an. Die Schwerelosigkeit verstärkte die Orientierungslosigkeit, während das Schädel-Hirn-Trauma ihr Gleichgewichtsempfinden zusätzlich beeinträchtigte. Selbst ohne einen festen Bezugspunkt hätte sie Schwierigkeiten gehabt, ihre Lage einzuschätzen. Jetzt schien sich das gesamte Cockpit um sie herum zu bewegen, obwohl sie nicht wusste, ob das Schiff tatsächlich trudelte oder ob ihr Gehirn die Bewegungen nur falsch verarbeitete. Sie fand den Schalter der Notversorgung und aktivierte ihn. Das Ventil klickte. Ein kurzer Luftstoß strömte durch den Helm, gefolgt von einem gleichmäßigen Atemgeräusch. Die Sauerstoffversorgung stabilisierte sich, doch die Warnanzeigen blieben bestehen. Kyle hatte die Bewegung aus dem Augenwinkel gesehen. Er versuchte, dieselbe Funktion an seinem Sitz aufzurufen. Seine Finger gehorchten ihm nur widerwillig. Als er den Schalter endlich erreichte, musste er zweimal drücken, bevor die Notversorgung reagierte. Der Druck im Helm veränderte sich spürbar, und der nächste Atemzug fiel ihm etwas leichter. Das bedeutete nicht, dass er sicher war. Die Notfallversorgung konnte ihnen Zeit verschaffen, aber sie beseitigte weder die giftigen Verbrennungsgase in der Kabine noch den Druckverlust in den beschädigten Sektionen. Auch die Strahlenbelastung ließ sich nicht durch einen Wechsel der Sauerstoffversorgung aufhalten. Die X war noch intakt genug, um ihre beiden Piloten am Leben zu halten, aber jede weitere Fehlfunktion konnte diesen Zustand beenden.
Valerie meldete sich erneut. Die Stimme klang unverändert sachlich, doch zwischen den einzelnen Wörtern lagen kurze Aussetzer. Offenbar kämpfte auch die zentrale Systemsteuerung mit den Folgen der Schäden. „Warnung. Systemausfall. Diagnostik wird ausgeführt. Notabschaltung zum Systemschutz initialisiert. Manueller Betrieb.“
Danach erlosch ein Teil der Cockpitbeleuchtung. Das rote Notlicht blieb zurück. Es beleuchtete die beschädigten Konsolen, die verrußten Verkleidungen und die Gurte, die Kyle und Elena noch immer in ihren Sitzen hielten. Die übrigen Systeme wurden auf ihre Notversorgung zurückgesetzt. Der Hauptreaktor lieferte keine verwertbare Leistung mehr. Nur die Notstrom-Batterien und die verbliebenen unabhängigen Versorgungsmodule hielten die Lebenserhaltung, die minimale Cockpitbeleuchtung und einzelne Überwachungssysteme in Betrieb. Das Dröhnen der Hauptaggregate verstummte. In der entstandenen Stille waren plötzlich Geräusche hörbar, die zuvor unter der Maschinenlautstärke verschwunden waren. Ein Relais klickte in unregelmäßigen Abständen. Irgendwo hinter der Wandverkleidung zischte Gas durch eine beschädigte Leitung. Ein loses Bauteil schlug bei jeder Bewegung gegen eine Metallstrebe. Dazu kam das monotone Summen des Dosimeters, das keine Pause machte und keine Rücksicht auf die beiden Verletzten nahm. Kyle versuchte, sich auf die Atmung zu konzentrieren. Einatmen. Ausatmen. Nicht zu schnell. Nicht zu tief. Jeder Atemzug zog an seinen Rippen, und sein Kopf fühlte sich schwer an, als wäre der Helm mit Blei ausgekleidet. Er konnte sich nicht erinnern, wann genau er das Bewusstsein verloren hatte. Zwischen dem letzten Bild des kollabierenden Sprungkanals und dem roten Notlicht lag eine Lücke, in die keine Erinnerung zurückführte. Er zwang sich, die Instrumente erneut zu prüfen. Die Anzeigen waren nur noch teilweise aktiv. Ein kleiner Bereich zeigte die interne Energieversorgung, ein anderer den Status der Lebenserhaltung. Die Werte waren instabil, aber noch vorhanden. Der Navigationsbildschirm blieb schwarz. Das Kommunikationssystem meldete eingeschränkte Funktion. Die Schilde waren kritisch, die Waffen offline. Der Sprungantrieb war nicht mehr funktionstüchtig. Die X war aus dem Sprung zurückgekehrt, doch von einer erfolgreichen Ankunft konnte keine Rede sein. Elena versuchte, ihre Position im Sitz zu verändern. Sie schob die Schultern vorsichtig gegen die Lehne, bis die Gurte nicht mehr unmittelbar auf den schmerzhaftesten Stellen ihrer Brust lagen. Das brachte nur geringe Erleichterung. Ihre Unterarme brannten unter dem beschädigten Material des Anzugs, und bei jeder Bewegung flammte der Schmerz erneut auf. Sie konnte die einzelnen Finger bewegen, aber die feineren Bewegungen waren erschwert. Die Verbrennungen mussten versorgt werden, sobald sie die unmittelbare Gefahr unter Kontrolle hatten. Sie blickte zu Kyle hinüber. Durch das beschlagene Visier konnte sie seine Gesichtszüge nur undeutlich erkennen. Er bewegte sich langsam und hielt den Kopf in einer starren Haltung, die auf Schmerzen hindeutete. Sein Atem ging schwer. Sie konnte nicht beurteilen, wie stark seine Verletzungen waren, aber die Art, wie er sich kaum zu bewegen wagte, ließ wenig Raum für Zuversicht. Kyle erwiderte ihren Blick. Für einen Moment blieb er reglos, als müsste er erst sicherstellen, dass die Gestalt neben ihm tatsächlich da war. Dann hob er eine Hand ein paar Zentimeter vom Sitz, ließ sie jedoch wieder sinken, als der Schmerz ihn daran erinnerte, dass selbst diese kleine Bewegung zu viel sein konnte. Die X drehte sich weiter. Das war keine sichtbare Bewegung, denn draußen fehlte jeder zuverlässige Bezugspunkt. Es war eine Unregelmäßigkeit in den verbliebenen Sensordaten, ein Wechsel der schwachen Infrarotwerte und ein kaum merkliches Ziehen, das Kyle in seinem Körper wahrnahm. Die Trudelbewegung war nicht kontrolliert. Sie folgte keinem stabilen Muster, das sich aus den beschädigten Anzeigen hätte rekonstruieren lassen. Ohne funktionierende Navigation und ohne zuverlässige Lageerfassung war eine Koppelnavigation unmöglich. Das Schiff trieb im Vakuum. Es war kein explodiertes Wrack, kein auseinandergerissener Haufen glühender Trümmer, der sich in alle Richtungen verteilte. Die X hielt ihre Form. Ihre Außenhülle war verbrannt, die Struktur an mehreren Stellen verzogen, und im Inneren lagen ganze Systeme still. Der Rumpf war noch geschlossen genug, um die Cockpitatmosphäre zu bewahren, doch die beschädigten Schweißnähte im Achterdeck hatten gezeigt, wie wenig Spielraum verblieb. Ein weiterer struktureller Schaden konnte die verbliebenen Sicherheitsbarrieren überfordern. Die wenigen funktionierenden Sensoren sammelten fragmentarische Daten aus der Umgebung. Das Kurzstreckenradar registrierte vereinzelte Reflexionen, während die Infrarotsensoren schwache Temperaturunterschiede erfassten. Keiner dieser Werte genügte, um die Umgebung sicher zu bestimmen. Die Außenkameras waren unbrauchbar, und die primäre Optronik hatte den Feldabriss nicht überstanden. Als Kyle schließlich eine der verbliebenen externen Anzeigen aufrufen konnte, erschien für einen Augenblick ein unvollständiger Datensatz. Dunkle Flächen, schwache Lichtpunkte und verrauschte Messlinien überlagerten sich. Keine bekannte Sternenkonstellation ließ sich daraus ableiten. Die Position blieb unbekannt, die Entfernung zu möglichen Himmelskörpern unbestimmt. Selbst die Richtung, in die der Bug zeigte, war nicht zuverlässig zu bestimmen. Vor ihnen lag ein Sonnensystem, dessen vertraute Referenzen fehlten. Ob es tatsächlich unerkundet war oder nur außerhalb der verfügbaren Daten lag, konnte Kyle nicht sagen. Dafür fehlten ihm die Messwerte. Er wusste lediglich, dass die X keine verlässliche Position besaß, dass ihre Systeme schwer beschädigt waren und dass die gewaltsame Rückkehr aus dem Sprung sie an einen Ort gebracht hatte, den sie nicht identifizieren konnten. Er lehnte den Kopf gegen die Sitzschale. Der Schmerz hinter seinen Augen pulsierte im Takt seines Herzschlags. Sein Magen krampfte sich erneut zusammen, und er musste die Augen schließen, bis die schlimmste Welle der Übelkeit nachließ. Hinter den geschlossenen Lidern flackerten noch immer blasse, blauweiße Muster, Nachbilder des Strahlungsblitzes, die sich mit den dunklen Flecken seiner erschöpften Wahrnehmung vermischten. Das monotone Summen des Dosimeters hielt an. Elena atmete langsam durch die Notfallversorgung ihres Helms. Ihr Blick wanderte über die beschädigte Konsole, die ausgefallenen Anzeigen und das rote Licht, das alles in einen unnatürlichen Farbton tauchte. Der Geruch von Ozon und verbrannter Isolierung blieb in der Luft. Irgendwo hinter den Schotten arbeitete ein verbliebenes Aggregat mit unregelmäßigen Impulsen. Die X gab Geräusche von sich, aber keines davon klang gesund. Valerie meldete keine weiteren Fehler. Zumindest vorerst. Kyle konnte nicht sagen, ob die Ruhe bedeutete, dass die Diagnostik abgeschlossen war, oder ob die Systeme schlicht keine ausreichende Leistung mehr besaßen, um neue Meldungen auszugeben. Er sah auf die verbliebenen Anzeigen und wartete, bis die nächste verwertbare Information erschien. Nichts kam. Nur die wenigen Notstromkreise hielten die grundlegenden Funktionen aufrecht, während das Schiff ohne Kurs und ohne Orientierung weitertrudelte. Draußen lag das fremde Sternenlicht fern und unerreichbar. Drinnen hing die X im düsteren Rot ihrer Notbeleuchtung, eine verbrannte Metallhülle mit verzogenen Spanten, toten Antriebsspulen und einer Lebenserhaltung, die nur noch unter Notbedingungen arbeitete. Ihre beiden Piloten waren verletzt, desorientiert und einer gefährlichen Strahlendosis ausgesetzt. Sie wussten nicht, wo sie sich befanden. Sie wussten nicht, welche Systeme noch ausfallen würden. Und sie konnten nicht darauf vertrauen, dass die X sie aus eigener Kraft aus dieser Lage befreien würde. Das Schiff lebte noch. Aber es war ein gelähmter Krüppel im All, gewaltsam in eine fremde Wirklichkeit geschleudert, und seine beiden Piloten mussten erst wieder lernen, wie viel von ihm überhaupt noch funktionierte.

Die X hatte aufgehört, unkontrolliert durch den Raum zu trudeln. Kyle und Elena hatten die verbliebenen Steuerungssysteme mit äußerster Mühe dazu gebracht, die Rotation zu reduzieren und die Bewegung des beschädigten Prototyps auf ein Minimum zu begrenzen. Von einer stabilen Fluglage konnte zwar keine Rede sein, doch wenigstens drehte sich das Schiff nicht mehr wie ein hilfloses Stück Metall durch das Vakuum. Die schwachen Lagekorrekturdüsen reagierten mit Verzögerungen, und jede Anpassung erforderte mehrere Versuche. Schließlich ließen die beiden die Steuerung in einem Zustand, den sie vorläufig als relativen Stillstand akzeptieren mussten. Danach gab es keinen vernünftigen Grund mehr, ihre Verletzungen weiter zu ignorieren.
Kyle hatte bei jeder Bewegung das Gefühl, als würden ihm mehrere Rippen von innen gegen die Lunge drücken. Elena ging es kaum besser. Ihre verbrannten Arme und Beine schmerzten unter dem beschädigten Material ihrer Fluganzüge, während die Verletzungen an ihrem Brustkorb jede tiefere Atmung zu einer unangenehmen Angelegenheit machten. Hinzu kamen die Kopfschmerzen, die Übelkeit und die beunruhigende Erinnerung an den Strahlungsalarm. Die Notfallversorgung ihrer Helme hielt sie am Leben, aber sie konnten nicht stundenlang darauf vertrauen, dass sich ihr Zustand von selbst bessern würde. Die provisorische Krankenstation lag in einer kleinen Kabine nahe den Wohnbereichen der X. Der Raum war ursprünglich offenbar für medizinische Notfälle vorgesehen worden, doch die Bezeichnung Krankenstation erweckte Erwartungen, denen die Ausstattung nicht einmal ansatzweise gerecht wurde. Ein schmales Untersuchungsbett, ein zusammenklappbarer Behandlungstisch, einige verschließbare Schränke und ein medizinisches Diagnosegerät bildeten den größten Teil der Einrichtung. An der Wand befanden sich Anschlüsse für Sauerstoff, eine begrenzte Auswahl an Infusionssystemen und ein kleiner Vorrat an Verbandsmaterial. Daneben lagen einige medizinische Instrumente in versiegelten Verpackungen. Das war alles. Es gab weder einen vollwertigen Operationsbereich noch eine umfangreiche Arzneimittelversorgung oder genügend medizinische Ausrüstung, um schwere Verletzungen angemessen zu behandeln. Die Beleuchtung flackerte gelegentlich, und das Diagnosegerät brauchte mehrere Sekunden, um auf Eingaben zu reagieren. Selbst die Temperaturregelung schien unter der reduzierten Energieversorgung zu leiden. Die Luft war kühler als im Cockpit, roch jedoch noch immer schwach nach verbrannter Elektronik.
Elena betrachtete die Ausstattung, während sie sich vorsichtig an der Wand abstützte. Ihre Beine fühlten sich unsicher an. Sie wusste nicht, ob das an der Erschütterung ihres Gleichgewichtssinns oder an der Erschöpfung lag. Wahrscheinlich spielte beides eine Rolle. „Eine Krankenstation, die diesen Namen verdient, sieht anders aus.“
Kyle ließ sich auf der Kante des Untersuchungsbettes nieder. Schon das Absenken seines Körpers verursachte einen schmerzhaften Stich in der Brust. Er verzog das Gesicht, versuchte jedoch, die Reaktion möglichst beiläufig wirken zu lassen. „Immerhin gibt es ein Bett.“
Elena sah ihn an. „Wenn du unbedingt darin liegen möchtest, kannst du das gern tun. Allerdings würde ich vorher gern wissen, ob deine Rippen noch dort sitzen, wo sie hingehören.“
„Ich dachte, dafür bist du zuständig.“
„Ich bin deine Co-Pilotin, nicht deine persönliche Ärztin.“
„Im Moment sehe ich keinen großen Unterschied.“
Sie schüttelte den Kopf, doch ihre Mundwinkel bewegten sich kurz. Der vertraute Tonfall war eine willkommene Ablenkung von den Schmerzen. Solange sie sich gegenseitig mit ihren üblichen Bemerkungen aufziehen konnten, waren sie zumindest noch in der Lage, mehr zu tun, als nur auf die nächste Fehlermeldung zu warten. Elena aktivierte das Diagnosegerät und rief die verfügbaren Untersuchungsprogramme auf. Die Systemprüfung dauerte länger als erwartet. Schließlich erschien eine vereinfachte Darstellung der menschlichen Anatomie, ergänzt durch die wenigen Messwerte, die das Gerät zuverlässig erfassen konnte. Die Daten waren unvollständig, aber ausreichend, um die dringendsten Probleme zu erkennen. Sie untersuchte zunächst Kyle. Seine Kopfverletzung, die Schmerzen im Nacken und die auffälligen Reaktionen beim Atmen deuteten auf ein schweres Schleudertrauma mit Gehirnerschütterung und mehreren Rippenverletzungen hin. Ob tatsächlich Knochen gebrochen waren oder lediglich Anbrüche vorlagen, konnte das Gerät nicht zweifelsfrei feststellen. Eine zuverlässige Bildgebung stand nicht zur Verfügung. Auch die Strahlenbelastung ließ sich nur grob einschätzen. Das Dosimeter lieferte einen Warnwert, aber keine vollständige medizinische Prognose. Elena wusste, dass die Folgen einer solchen Belastung erst mit zeitlicher Verzögerung deutlich werden konnten. Sie mussten die Entwicklung ihrer Symptome beobachten und durften die Gefahr nicht unterschätzen.
„Du hast mehrere Verletzungen am Brustkorb. Dazu kommen die Kopfverletzung und das Schleudertrauma. Ohne vernünftige Bildgebung kann ich dir nicht sagen, wie schwer die einzelnen Schäden sind.“
Kyle blickte auf die Anzeige. „Und wie sieht es mit meiner natürlichen Schönheit aus?“
Elena hob langsam den Kopf. „Die hat das Gerät nicht untersucht.“
„Dann ist die medizinische Ausrüstung offenbar noch schlechter, als ich dachte.“
Sie atmete einmal durch die Nase aus und legte das Diagnosegerät beiseite. Der Versuch, ihn ernst zu nehmen, wurde mit jeder seiner Bemerkungen schwieriger. „Zieh den Fluganzug aus. Ich muss sehen, wo die Gurte deinen Brustkorb verletzt haben.“
Kyle betrachtete die Verschlüsse seines Anzugs. Schon der Gedanke, die Arme zu bewegen, bereitete ihm wenig Freude. Dennoch begann er, die äußeren Verschlüsse zu öffnen. Elena half ihm dabei, soweit es notwendig war, ohne an den beschädigten Stellen zu ziehen. Die schwerfällige Prozedur dauerte deutlich länger als unter normalen Umständen. Schließlich konnte er den Oberkörper aus dem Anzug befreien. Als er sich weiter auszog, wurde deutlich, wie stark die Sicherheitsgurte seinen Körper belastet hatten. Dunkle Blutergüsse zeichneten sich über Brustkorb und Schultern ab. An einigen Stellen war die Haut geschwollen, und unterhalb der Rippen verliefen mehrere breite Druckspuren. Seine Nackenmuskulatur war sichtbar angespannt. Selbst in Ruhe hielt er den Oberkörper so steif, als fürchte er, jede unbedachte Bewegung könnte die Schmerzen verstärken. Elena ließ den Blick über die Verletzungen wandern. Ihre Aufmerksamkeit blieb sachlich, doch ihre Stirn legte sich in Falten. Die Gurte hatten Schlimmeres verhindert, aber der Preis dafür war erheblich gewesen. Kyle zog den restlichen Anzug aus und blieb schließlich nur noch in seiner Unterhose vor ihr stehen. Er versuchte, sich möglichst aufrecht zu halten, obwohl sein Gesicht bei jeder kleinen Gewichtsverlagerung verriet, wie unangenehm ihm das fiel.
Dann hob er die Augenbrauen. „Ich hatte ehrlich gesagt nicht damit gerechnet, so schnell wieder vor dir entblößt zu sein.“
Elena hielt mitten in der Bewegung inne. Für einen kurzen Augenblick sah sie ihn nur an. Dann wandte sie sich mit demonstrativer Ruhe dem Instrumentenschrank zu und suchte nach den geeigneten Verbandsmaterialien.
„Du verwechselst Nacktheit mit medizinischer Notwendigkeit.“
„Das ist eine Frage der Perspektive.“
„Dann wird dir meine Perspektive gleich sehr deutlich werden.“
Kyle hätte die Warnung ernst nehmen sollen. Elena trat wieder an ihn heran und begann, die verletzten Bereiche seines Brustkorbs vorsichtig abzutasten. Zunächst ging sie behutsam vor. Sie prüfte die Druckempfindlichkeit an den Rippen, beobachtete seine Atmung und achtete darauf, ob bestimmte Bewegungen ungewöhnlich starke Schmerzen auslösten.
Als sie eine besonders empfindliche Stelle erreichte, zuckte Kyle zusammen. „Da also.“
„Da also was?“
„Die Stelle, an der du aufhören solltest, mich zu quälen.“
„Ich muss feststellen, welche Rippen verletzt sind.“
„Das hättest du auch freundlicher herausfinden können.“
Sie drückte noch einmal, diesmal etwas bestimmter. Kyle sog scharf die Luft ein und fluchte so herzhaft, dass die Worte selbst durch seine Erschöpfung nichts von ihrer Deutlichkeit verloren.
„Verdammt noch mal! Tāmāde, Elena! Willst du mich behandeln oder den Rest meiner Rippen gleich mit zermahlen?“
Elena zog die Hand zurück und betrachtete ihn mit einer Miene, die nur mit Mühe ernst blieb.
„Dann beantworte meine Fragen, ohne mich mit zweifelhaften Scherzen von der Arbeit abzuhalten.“
„Ich wusste nicht, dass Humor eine medizinische Kontraindikation ist.“
„Bei dir offenbar schon.“
Sie setzte die Untersuchung fort. Diesmal arbeitete sie genauer und mit weniger Druck. Dennoch entging Kyle nicht, dass sie keineswegs jede Bewegung so vorsichtig ausführte, wie es angesichts seiner Verletzungen möglich gewesen wäre. Sobald er einen weiteren bissigen Kommentar machte, schien ihre Hand an der nächsten empfindlichen Stelle ein wenig entschlossener zu werden.
Er begann zu verstehen, dass sie seine Bemerkung nicht einfach vergessen hatte. „Du genießt das.“
„Was genau?“
„Die Möglichkeit, dich an mir zu rächen, ohne dass ich mich beschweren kann.“
Elena sah ihm direkt in die Augen. „Du kannst dich jederzeit beschweren.“
Sie drückte mit zwei Fingern gegen eine weitere Stelle seines Brustkorbs. Kyle krümmte sich reflexartig nach vorn, brach die Bewegung jedoch sofort ab, weil der Schmerz ihm den Atem nahm.
„Kěwù!“
„Siehst du? Das funktioniert ausgezeichnet.“
Er starrte sie an. Elena erwiderte seinen Blick mit einer Ruhe, die er unter anderen Umständen vermutlich bewundert hätte. In diesem Augenblick hätte er ihr am liebsten einen Vortrag über die Grenzen medizinischer Notwendigkeit gehalten. Leider war er zu sehr damit beschäftigt, wieder gleichmäßig zu atmen. Als sie die Untersuchung beendet hatte, half sie ihm, sich auf das Bett zu legen. Sie achtete darauf, dass sein Oberkörper leicht erhöht blieb und er keine unnötigen Bewegungen machen musste. Anschließend versorgte sie kleinere Hautverletzungen und behandelte die Druckstellen mit dem verfügbaren Material. Die gebrochenen oder angebrochenen Rippen ließen sich nicht einfach reparieren. Eine feste Kompression des Brustkorbs wäre angesichts seiner Atemprobleme gefährlich gewesen, weshalb sie darauf verzichtete. Stattdessen stabilisierte sie seine Haltung so gut es ging und stellte sicher, dass er ohne übermäßige Schmerzen atmen konnte. Für die Beschwerden gab es nur eine begrenzte Auswahl an Medikamenten. Elena prüfte die verfügbaren Präparate und die Warnhinweise, bevor sie eine geeignete Schmerzbehandlung vorbereitete. Das Diagnosegerät konnte sie bei der Einschätzung unterstützen, aber nicht sämtliche Risiken ausschließen. Die Kombination aus Kopfverletzung, möglicher innerer Verletzung und Strahlenbelastung machte es notwendig, die Wirkung genau zu beobachten. Kyle bekam schließlich die erste Behandlung, während Elena seine Reaktionen kontrollierte. Seine Gesichtszüge entspannten sich etwas, auch wenn der Schmerz nicht vollständig verschwand. Er schloss kurz die Augen und atmete vorsichtig ein.
„Wenn du fertig bist, schreibe ich eine offizielle Beschwerde.“
„An wen?“
„An die medizinische Abteilung.“
Elena sah auf die nahezu leeren Schränke. „Dann solltest du erwähnen, dass sie dringend eine medizinische Abteilung benötigen.“
Kyle gab ein leises, schmerzhaftes Lachen von sich. Es ging sofort in ein Husten über, das ihn erneut zusammenzucken ließ. Elena legte ihm eine Hand auf die Schulter, um ihn daran zu hindern, sich hastig aufzurichten.
„Nicht lachen. Und versuch nicht, dich mit Gewalt aufzusetzen.“
„Du bist wirklich eine ausgezeichnete Krankenpflegerin.“
„Und du bist ein ausgesprochen schwieriger Patient.“
„Das liegt vermutlich an deiner Behandlungsmethode.“
„Dann werde ich sie anpassen.“
Ihr Blick glitt zu ihm hinunter. Kyle schien plötzlich zu erkennen, dass diese Ankündigung nicht unbedingt zu seinem Vorteil gereichen würde.
„Ich nehme alles zurück.“
„Zu spät.“
Trotz der Schmerzen musste er grinsen. Elena schüttelte den Kopf, zog die Decke über seine Beine und überprüfte ein letztes Mal die Anzeige des Diagnosegeräts. Sie wollte ihn eigentlich noch eine Weile liegen lassen, doch ihre eigenen Verletzungen waren inzwischen kaum noch zu ignorieren. Jeder Schritt hatte die Verbrennungen an ihren Beinen gereizt. Unter dem Stoff ihres Fluganzugs hatte sich Wärme gestaut, und die Haut an ihren Unterarmen brannte mit einer Intensität, die bei jeder Bewegung zunahm.
Kyle bemerkte, wie sie einen Arm näher an den Körper zog. „Jetzt bist du dran.“
„Ich weiß.“
„Du solltest dich untersuchen lassen.“
„Das hatte ich vor.“
„Gut. Dann kann ich dir anschließend erzählen, wie unangenehm deine Behandlung ist.“
Elena warf ihm einen warnenden Blick zu. „Wenn du auch nur einen einzigen Kommentar über meinen Körper machst, werde ich deine nächste Untersuchung deutlich ausführlicher gestalten.“
Kyle hob beide Hände, bereute die Bewegung jedoch sofort und verzog das Gesicht. „Ich schweige.“
„Eine hervorragende Entscheidung.“
Sie wandte sich dem Untersuchungsbett zu und setzte sich vorsichtig auf die freie Kante. Für einen Moment blieb sie still. Die Erschöpfung hatte sich tief in ihre Muskeln gesetzt. Ihr Kopf pochte, und die Übelkeit kehrte in schwachen Wellen zurück. Sie wollte die Untersuchung hinter sich bringen, bevor ihr Zustand sich weiter verschlechterte. Der Fluganzug ließ sich an den beschädigten Stellen nur schwer öffnen. Elena löste die Verschlüsse langsam und zog das Oberteil vorsichtig von den Schultern. Kyle wandte den Blick zunächst zur gegenüberliegenden Wand, bemüht, ihr die Privatsphäre zu lassen, die er selbst zuvor mit seinen Scherzen leichtfertig behandelt hatte. Doch als Elena den Anzug weiter abstreifte, hörte er, wie sie scharf die Luft einsog. Er drehte den Kopf zurück. Die Verbrennungen an ihren Armen waren deutlicher, als er erwartet hatte. An den Unterarmen zeichneten sich gerötete Flächen ab, dazwischen Stellen, an denen sich bereits Blasen gebildet hatten. Auch ihre Beine waren betroffen. Das beschädigte Material des Fluganzugs hatte die Hitze nicht überall ausreichend abgeschirmt. Einige Bereiche waren nur oberflächlich gerötet, andere zeigten Verletzungen, die eindeutig eine sorgfältige Versorgung erforderten. Elena arbeitete sich vorsichtig aus dem restlichen Anzug. Dabei musste sie den Oberkörper mehrfach drehen, was die Schmerzen in ihren Rippen verstärkte. Schließlich trug sie nur noch ihre schlichte Unterwäsche. Sie hielt einen Moment inne, bis die nächste Schmerzspitze nachließ, und legte den Anzug beiseite. Die Situation war trotz allem unangenehm intim. Das gedämpfte rote Licht, die beengte Kabine und die Tatsache, dass sie beide kaum noch etwas am Körper trugen, verliehen der medizinischen Behandlung eine Vertrautheit, für die unter normalen Umständen kein Platz gewesen wäre. Zwischen ihnen bestand ohnehin eine Nähe, die über die reine Zusammenarbeit zweier Offiziere hinausging. Doch jetzt fehlte ihnen die Möglichkeit, sich hinter Uniformen, Dienstgraden oder dem gewohnten professionellen Abstand zu verbergen.
Kyle musterte die Verletzungen an ihren Armen und Beinen. Sein Gesicht verlor den letzten Rest von Belustigung. „Elena, das sieht schlimmer aus, als du vorhin gesagt hast.“
Sie senkte den Blick auf ihren Unterarm. „Ich hatte bisher keine Zeit, es mir genauer anzusehen.“
„Dann lass mich helfen.“
„Du kannst dich kaum bewegen.“
„Das hindert mich nicht daran, Verbandsmaterial zu reichen.“
Elena betrachtete ihn einen Moment lang. Sie hätte ihn zurückweisen können. Angesichts seiner eigenen Verletzungen wäre das sogar vernünftig gewesen. Doch die Behandlung würde leichter werden, wenn sie nicht jede Kleinigkeit selbst erledigen musste.
„Gut. Aber du bleibst liegen und bewegst dich nicht unnötig.“
„Jawohl, Ma'am.“
Sie verdrehte die Augen. „Noch ein solcher Kommentar, und du darfst dir die Verbände selbst reichen.“
Kyle hob erneut die Hände, diesmal langsamer. „Ich bin ein Musterpatient.“
„Du bist eine Belastungsprobe für meine Geduld.“
Trotz ihrer Bemerkung trat ein flüchtiges Lächeln auf ihr Gesicht. Dann wandte sie sich wieder der Behandlung zu. Sie begann mit den Verbrennungen an ihren Armen. Das Diagnosegerät lieferte eine grobe Einschätzung der betroffenen Hautbereiche. Die Verletzungen reichten von oberflächlichen Rötungen bis zu Verbrennungen zweiten Grades mit Blasenbildung. An einigen Stellen war die Haut besonders empfindlich. Elena reinigte die Wunden vorsichtig mit dem vorhandenen sterilen Material und vermied es, die Blasen zu öffnen. Die verbrannten Flächen mussten geschützt werden, ohne dass Verbände zu fest saßen oder zusätzlichen Druck auf das geschädigte Gewebe ausübten. Kyle reichte ihr die benötigten Materialien. Seine Bewegungen waren langsam, und jedes Mal, wenn er sich zu weit streckte, zog ein schmerzhaftes Zucken über sein Gesicht. Trotzdem versuchte er, seine Aufgaben ohne Beschwerden zu erledigen. Als Elena eine besonders schmerzhafte Stelle an ihrem Unterarm behandelte, presste sie die Lippen zusammen. Ihre Schultern spannten sich an, und ihre Finger krallten sich kurz in die Kante des Behandlungstisches.
Kyle bemerkte es. „Du musst nicht so tun, als würde es dir nichts ausmachen.“
„Das tue ich nicht.“
„Du hast gerade versucht, den Tisch zu zerbrechen.“
Elena lockerte ihren Griff. „Dann sollte der Tisch froh sein, dass er stabiler gebaut wurde als unser Sprungantrieb.“
Kyle schnaubte leise, unterdrückte jedoch ein Lachen, bevor es seinen Brustkorb erneut belastete. „Der war gut.“
„Ich weiß.“
Sie setzte die Behandlung fort, bis die betroffenen Stellen gereinigt und geschützt waren. Danach wandte sie sich ihren Beinen zu. Um die Verbrennungen an den Unterschenkeln erreichen zu können, musste sie sich auf dem Untersuchungsbett etwas zurücklehnen und die Beine vorsichtig ausstrecken. Die Bewegung ließ ihre Rippen schmerzen. Sie hielt inne, atmete flach und wartete, bis die Beschwerden nachließen.
Kyle beobachtete sie aufmerksam. „Deine Rippen sind ebenfalls verletzt.“
„Das ist mir nicht entgangen.“
„Dann solltest du dich nicht so bewegen.“
„Wenn du mir einen besseren Vorschlag machen kannst, höre ich ihn mir gern an.“
Er schwieg einen Augenblick. Die knappe Antwort ließ keinen Raum für einen weiteren Scherz. Elena war nicht nur verletzt, sondern gezwungen, sich mit einer unzureichenden medizinischen Ausstattung selbst zu behandeln. Kyle konnte ihr lediglich helfen, indem er die benötigten Materialien reichte und darauf achtete, dass sie nicht aus Erschöpfung einen Fehler machte. Er nahm eine sterile Kompresse aus der Verpackung und hielt sie ihr hin. Elena griff danach. Ihre Finger berührten sich kurz. Keiner von beiden zog die Hand hastig zurück, doch die Berührung dauerte nicht länger, als es die Übergabe des Materials erforderte.
„Danke.“
Die leise Bemerkung klang anders als ihre bisherigen Antworten. Kyle nickte nur. Sie versorgte die Verbrennungen an ihren Beinen mit derselben Sorgfalt wie die an ihren Armen. Einige Stellen waren stark gerötet, andere von Blasen bedeckt. Das Brennen ließ sich durch die Behandlung nicht vollständig beseitigen. Dennoch gelang es ihr, die Wunden zu reinigen und mit den verfügbaren Verbänden zu schützen. Als sie sich schließlich wieder aufrichtete, war ihre Haut blass, und auf ihrer Stirn standen feine Schweißperlen. Die Anstrengung hatte sie mehr Kraft gekostet, als sie zugeben wollte. Sie legte die benutzten Instrumente beiseite und schloss für einige Sekunden die Augen. Kyle beobachtete sie, ohne etwas zu sagen. Er wusste, wie viel Mühe es sie kostete, trotz ihrer Verletzungen die Kontrolle zu behalten. Ihre übliche Entschlossenheit war noch da, doch sie konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch ihre körperlichen Reserven nahezu aufgebraucht waren.
„Du brauchst eine Pause.“
Elena öffnete die Augen. „Das gilt auch für dich.“
„Ich liege bereits.“
„Dann hast du einen Vorsprung.“
Sie schaffte es, sich vorsichtig zurückzulehnen. Die Decke lag neben ihr. Sie zog sie über die Beine, ohne die frischen Verbände zu verschieben, und lehnte den Rücken gegen die Wand. Die Unterwäsche bot kaum Schutz gegen die kühle Luft der Kabine, doch ihre Fluganzüge waren beschädigt, und das Anziehen hätte die Verbrennungen unnötig gereizt. Für den Augenblick war es wichtiger, die Wunden sauber zu halten und sich nicht weiter zu verletzen. Kyle lag auf dem Bett, den Oberkörper leicht erhöht. Seine Atmung war noch immer vorsichtig, aber gleichmäßiger als zuvor. Der Schmerz war nicht verschwunden, und die Kopfverletzung machte es ihm schwer, seine Gedanken über längere Zeit zu konzentrieren. Trotzdem blieb sein Blick bei Elena, als sie die letzte Anzeige des Diagnosegeräts kontrollierte.
„Wie schlimm ist es?“, fragte er.
Elena wusste, dass er nicht nur die Verbrennungen meinte. Sie prüfte die wenigen verfügbaren Werte erneut. Ihre eigene Strahlenbelastung ließ sich nur unvollständig bestimmen. Das Diagnosegerät war nicht für eine umfassende Behandlung nach einem solchen Ereignis ausgelegt. Ebenso wenig konnte es zuverlässig ausschließen, dass die Kopfverletzungen schwerwiegender waren, als es zunächst schien.
„Schlimm genug, dass wir uns nicht einreden dürfen, alles wäre überstanden. Unsere Rippen müssen geschont werden. Die Verbrennungen sind versorgt, aber wir müssen sie beobachten. Und wegen der Strahlung brauchen wir so schnell wie möglich eine vollständige medizinische Untersuchung.“
Kyle betrachtete die Decke über seinen Beinen. „Die X kann uns nicht in ein Krankenhaus bringen.“
„Nicht in ihrem jetzigen Zustand.“
Die Antwort blieb zwischen ihnen stehen. Draußen, jenseits der beschädigten Hülle, gab es kein Geräusch, das ihnen Auskunft über ihre Umgebung hätte geben können. Im Inneren summten die Notstromsysteme, und irgendwo im Schiff klickte ein Relais in unregelmäßigen Abständen. Das monotone Warnsignal des Dosimeters war selbst durch die geschlossene Tür der Krankenkabine noch schwach zu hören. Elena schloss die Augen für einen Moment. Sie spürte jeden Zentimeter der verbrannten Haut, das Ziehen in ihren Rippen und den dumpfen Druck hinter ihrer Stirn. Vor ihr bewegte sich Kyle vorsichtig, um eine bequemere Position zu finden, gab den Versuch aber bald auf.
Dann hob er den Kopf ein wenig. „Nur damit das klar ist: Wenn wir hier herauskommen, werde ich mich offiziell über deine Behandlungsmethoden beschweren.“
Elena öffnete ein Auge. „Und ich werde dokumentieren, dass du während der medizinischen Versorgung wiederholt unangebrachte Bemerkungen gemacht hast.“
„Das klingt nach einem fairen Verfahren.“
„Außerdem werde ich vermerken, dass du dich bei der Untersuchung absichtlich unkooperativ verhalten hast.“
Kyle sah sie an. „Ich habe mich nicht unkooperativ verhalten.“
„Du hast geflucht.“
„Das ist etwas völlig anderes.“
„Dann dürfte es dir leichtfallen, dich künftig zurückzuhalten.“
Er wollte antworten, doch die Bewegung seines Brustkorbs erinnerte ihn an seine Verletzungen. Stattdessen ließ er den Kopf wieder sinken und schloss die Augen. Ein schwaches Lächeln blieb auf seinem Gesicht zurück. Elena betrachtete ihn einige Sekunden lang. Dann wandte sie sich ab und überprüfte noch einmal die Verbände an ihrem Unterarm. Die Kabine war eng, die Ausstattung dürftig und die medizinische Versorgung kaum mehr als eine Notlösung. Doch zumindest waren ihre Verletzungen versorgt, und sie hatten einen Ort gefunden, an dem sie sich für eine Weile ausruhen konnten, ohne unmittelbar an den Steuerungen arbeiten zu müssen. Das war wenig. Aber im Augenblick musste es genügen.

Die Ruhe in der provisorischen Krankenkabine hielt nicht lange an. Kyle hatte kaum eine bequeme Position gefunden, in der seine verletzten Rippen nicht bei jeder Bewegung schmerzten, als sein Blick erneut auf die Diagnoseanzeige fiel. Die wenigen verbliebenen Werte waren ernüchternd. Die X konnte ihre Lage vorläufig stabilisieren, doch über den Zustand der übrigen Systeme wussten sie noch immer zu wenig. Solange sie nicht wussten, welche Schäden sich auf die gesamte Struktur auswirkten, blieb jede weitere Bewegung ein Risiko. Er stemmte sich vorsichtig mit einem Arm gegen die Liege und verzog das Gesicht, als der Druck auf seinen Brustkorb zunahm. Elena bemerkte es sofort. Sie saß ihm gegenüber, die frisch versorgten Verbrennungen an Armen und Beinen unter lockeren Verbänden verborgen. Ihr Gesicht war blasser als gewöhnlich, und die Bewegung, mit der sie sich aufrichtete, fiel merklich langsamer aus als vor dem Sprung.
„Du willst doch nicht etwa schon wieder aufstehen?“
Kyle hielt inne und wartete, bis der stechende Schmerz etwas nachließ. „Die X wird sich kaum von selbst reparieren.“
Elena betrachtete ihn einige Sekunden lang. Ihr Blick wanderte zu seiner Brust, dann zu den Verletzungen an seinem Hals. „Und wenn du unterwegs zusammenbrichst, repariert sie sich erst recht nicht.“
„Ich werde nicht zusammenbrechen.“
„Das hast du vorhin auch gesagt, bevor du beim Aufsetzen beinahe wieder vom Bett gerutscht bist.“
Kyle verzichtete auf eine Antwort. Stattdessen schob er die Beine vorsichtig über die Bettkante und wartete, bis sich die Übelkeit gelegt hatte. Die Schwerkraft war in dem beschädigten Schiff nicht vollständig ausgefallen, doch die verbliebenen Lagekorrekturen erzeugten gelegentlich kleine Beschleunigungen. Sein Körper reagierte darauf mit einer unangenehmen Mischung aus Schwindel und Übelkeit. Er hielt sich an der Kante fest, bis der Raum vor seinen Augen aufhörte, sich zu verschieben. Elena stand ebenfalls auf. Sie bewegte sich vorsichtig, um ihre Rippen nicht unnötig zu belasten. Die Verbrennungen an ihren Beinen spannten bei jedem Schritt, und die Verbände an ihren Unterarmen schränkten ihre Bewegungsfreiheit ein. Dennoch ließ sie sich nicht davon abbringen, die Krankenstation gemeinsam mit Kyle zu verlassen. Beide nur in ihrer Unterwäsche. Die X musste überprüft werden. Zuerst die Energieversorgung, dann die strukturellen Schäden und schließlich die Antriebssektionen. Alles andere konnte warten. Der Weg zur Hauptkonsole führte sie durch einen schmalen Verbindungsgang, dessen Notbeleuchtung nur noch ein gedämpftes Rot erzeugte. Einige Deckenpaneele waren aus ihren Halterungen gerissen und hingen schräg über dem Gang. An einer Stelle lagen verkohlte Fragmente einer Kabelabdeckung auf dem Boden. Ein dünner Streifen schwarzer Ruß zog sich über die Wand bis zu einer beschädigten Wartungsklappe.
Kyle blieb davor stehen. Er musste den Kopf etwas zur Seite neigen, um die Stelle genauer zu betrachten. Schon diese Bewegung ließ die Muskeln seines Nackens schmerzhaft reagieren. „Das ist nicht nur eine ausgefallene Leitung.“
Elena trat neben ihn, ohne die Wand zu berühren. Sie betrachtete die geschwärzte Verkleidung und die geschmolzenen Ränder der Anschlussbuchsen. „Nein. Der Lichtbogen muss sich durch den Kabelkanal gefressen haben. Wenn die Isolierung an mehreren Stellen beschädigt ist, könnte es weitere Kurzschlüsse geben.“
Sie öffnete die Diagnoseansicht auf ihrem tragbaren Terminal. Die Verbindung zum zentralen Computersystem war instabil. Einige Daten wurden erst nach mehreren Sekunden übertragen, andere fehlten vollständig. Dennoch konnte sie erkennen, dass die betroffene Leitung Teil eines größeren Versorgungsstrangs gewesen war, der mehrere nicht sicherheitskritische Systeme miteinander verband. Sie deaktivierte den entsprechenden Stromkreis über die lokale Steuerung. Ein kurzes Klicken war aus dem Inneren der Wand zu hören. Danach erlosch eine kleine Kontrollleuchte, die zuvor unregelmäßig geflackert hatte.
„Der Stromkreis bleibt abgeschaltet, bis wir die Leitung geprüft haben.“
Kyle nickte. Er hätte gern selbst die Wartungsklappe geöffnet, doch allein der Gedanke, sich dafür bücken und anschließend wieder aufrichten zu müssen, ließ ihn seine Möglichkeiten neu abwägen. Die Rippenverletzungen waren kein Problem, das er durch Willenskraft beseitigen konnte. Sie setzten ihren Weg fort. Als sie die Hauptkonsole erreichten, bot sich ihnen ein Anblick, der kaum besser war als zuvor. Mehrere Displays waren schwarz. Auf anderen liefen Diagnosefenster, deren Datenfelder sich nur teilweise aktualisierten. Das zentrale Statusfeld zeigte die verbleibende Notstromversorgung an. Die Hauptenergieversorgung war weiterhin ausgefallen, und der Reaktor lieferte keine nutzbare Leistung. Die verbliebenen Batterien versorgten die Lebenserhaltung, die Notbeleuchtung und einige isolierte Steuerkreise.
Kyle stützte sich mit einer Hand auf die Kante der Konsole. Elena übernahm die Bedienung, während er die angezeigten Werte verfolgte. „Valerie, Status der Energieversorgung.“
Für einen Augenblick blieb es still. Dann knackten die Lautsprecher, und die Stimme des Schiffscomputers erklang mit einer kurzen Verzögerung, nach dem Neustart. „Hauptreaktor ohne verwertbare Ausgangsleistung. Notstromversorgung aktiv. Mehrere Verteilungsnetze beschädigt. Verfügbare Systemdiagnostik eingeschränkt.“
Kyle ließ den Blick über die Anzeigen wandern. Die Notstromversorgung war nicht dafür ausgelegt, sämtliche Systeme über einen längeren Zeitraum zu betreiben. Solange sie auf die Batterien angewiesen waren, mussten sie jede zusätzliche Belastung vermeiden. Selbst wenn sich einzelne Antriebsfunktionen wiederherstellen ließen, war nicht sicher, ob die vorhandene Energie ausreichen würde, um sie zuverlässig zu betreiben.
„Wie lange können wir die Lebenserhaltung aufrechterhalten?“
„Eine verlässliche Prognose ist aufgrund unvollständiger Messdaten nicht möglich. Derzeitige Lastverteilung innerhalb der verfügbaren Notstromkapazität.“
Elena schloss die Abfrage und öffnete die Übersicht der einzelnen Energiezweige. Einige waren vollständig ausgefallen, andere lieferten schwankende Werte. Sie isolierte die nicht benötigten Verbraucher und stellte sicher, dass die Lebenserhaltung Vorrang behielt. Die verbleibende Energie musste für die Systeme reserviert werden, von denen ihre unmittelbare Sicherheit abhing.
„Wir können keine Reparatur beginnen, solange wir nicht wissen, welche Leitungen noch unter Spannung stehen.“
Kyle betrachtete die schematische Darstellung. „Dann prüfen wir die Verteilung von Hand.“
Elena nickte. Sie aktivierte die Wartungsdiagnostik und rief die lokalen Schaltpläne auf. Ein Teil der Daten war noch verfügbar, aber die Darstellung der beschädigten Bereiche war unvollständig. Sie mussten die tatsächlichen Leitungsverläufe mit den Konstruktionsdaten vergleichen und jede Abweichung einzeln überprüfen. Das bedeutete, dass sie sich durch das Schiff bewegen mussten. Die erste Station war die sekundäre Energieverteilung. Der Weg dorthin führte sie durch einen Gang, in dem die Notbeleuchtung in unregelmäßigen Abständen aufflackerte. Kyle ging langsam. Seine Hand glitt an der Wand entlang, ohne dass er sich vollständig darauf abstützte. Er wollte Elena nicht zeigen, wie stark ihn die Schmerzen bei jedem Schritt beeinträchtigten, doch sie bemerkte die kurze Pause, die er vor jeder Tür einlegte. Als sie die Verteilungssektion erreichten, war die Luft dort deutlich wärmer. Ein beißender Geruch hing in der kleinen Kammer. Mehrere Abdeckungen waren verformt, und an den Rändern der Kabelschächte klebte schwarzer Ruß. Eine Reihe von Sicherungselementen hatte ausgelöst. Andere zeigten keine Statusanzeige mehr.
Elena prüfte zuerst die Spannungsfreiheit der zugänglichen Anschlüsse. Erst als die Messwerte dies bestätigten, öffnete sie die Abdeckung vollständig. Dahinter lagen verschmorte Leitungen, deren Isolierung teilweise verdampft war. An zwei Anschlüssen waren die Kontaktflächen miteinander verschmolzen. „Hier ist der Kurzschluss nicht einfach durch eine ausgelöste Sicherung begrenzt worden.“
Kyle beugte sich vorsichtig vor, hielt jedoch Abstand zur offenen Verteilung. „Kannst du den beschädigten Zweig isolieren?“
„Den Teil, den ich eindeutig identifizieren kann. Aber ich werde keine Leitung wieder zuschalten, solange ich nicht weiß, wohin sie führt.“
Sie verglich die verbliebenen Kennzeichnungen mit den Schaltplänen. Einige Beschriftungen waren durch Hitze unleserlich geworden. An anderen Stellen stimmten die dargestellten Verbindungen nicht mehr mit den Messwerten überein. Der elektromagnetische Impuls hatte nicht nur Bauteile zerstört, sondern auch einen Teil der elektronischen Überwachung unbrauchbar gemacht. Dadurch konnten sie sich nicht darauf verlassen, dass eine grüne Statusanzeige tatsächlich einen sicheren Zustand bedeutete. Elena markierte die eindeutig beschädigten Leitungen und trennte den betroffenen Zweig von der restlichen Verteilung. Eine provisorische Wiederherstellung war möglich, doch sie hätte dafür mehrere Ersatzteile benötigt, die sie zunächst inventarisieren mussten. Kyle betrachtete die geöffneten Kabelschächte. Die Schäden waren erheblich, aber zumindest hatten sie jetzt einen ersten Anhaltspunkt dafür, warum mehrere Systeme gleichzeitig ausgefallen waren.
„Wie viel davon können wir mit dem Material an Bord reparieren?“
Elena schloss die Abdeckung noch nicht. Sie wollte die Ergebnisse ihrer Prüfung zunächst sichern. „Das kann ich dir erst sagen, wenn wir die übrigen Verteilungen kontrolliert haben. Wenn die Schäden auf dieselben Bereiche begrenzt sind, haben wir vielleicht eine Chance. Wenn sich der Impuls durch mehrere unabhängige Systeme gefressen hat, wird es schwieriger.“
Sie gingen zur nächsten Station. Dort kontrollierten sie die Verbindung zwischen den Notstrom-Batterien und den sicherheitsrelevanten Verbrauchern. Die Leitungen waren äußerlich unbeschädigt, doch zwei Sensoren lieferten widersprüchliche Werte. Elena schaltete auf eine unabhängige Messung um und stellte fest, dass einer der Sensoren offenbar ausgefallen war. Sie kennzeichnete ihn als unzuverlässig und änderte die Überwachung so, dass die verbleibenden Messpunkte miteinander verglichen wurden. Das war keine vollständige Reparatur, aber es verhinderte, dass der Computer seine Entscheidungen weiterhin auf offensichtlich fehlerhafte Daten stützte. Kyle hatte währenddessen die mechanischen Verriegelungen der angrenzenden Wartungsabdeckung überprüft. Mehrere davon saßen schief. Er versuchte, einen der Verschlüsse zu bewegen, brach den Versuch jedoch ab, als ein scharfer Schmerz durch seinen Brustkorb fuhr.
Elena sah auf. „Was ist passiert?“
„Nichts, was sich durch weiteres Ziehen verbessern würde.“
Sie legte das Werkzeug beiseite und trat zu ihm. Ihr Blick blieb auf seiner Hand liegen, die er gegen die Seite seines Oberkörpers gepresst hielt. „Du hast deine Rippen wieder belastet.“
„Ich habe versucht, eine Abdeckung zu öffnen.“
„Und dabei festgestellt, dass du immer noch verletzt bist.“
Kyle atmete langsam aus. „Die Erkenntnis ist angekommen.“
Elena schien kurz zu überlegen, ob sie ihn erneut zurechtweisen sollte. Schließlich nahm sie ihm das Werkzeug aus der Hand und befestigte es an ihrem Gürtel.
„Du übernimmst ab jetzt die Auswertung der Daten. Ich kümmere mich um die mechanischen Kontrollen.“
„Du bist ebenfalls verletzt.“
„Deshalb werde ich keine schweren Bauteile bewegen. Aber ich kann die Verriegelungen prüfen und die beschädigten Stellen dokumentieren.“
Kyle wusste, dass sie recht hatte. Seine körperliche Verfassung machte ihn bei der Arbeit an den Wartungsöffnungen zu einem Risiko, und Elena konnte sich die zusätzliche Belastung nicht leisten, die entstünde, wenn sie ihn auffangen oder seine Arbeit übernehmen müsste. Sie kehrten zur Hauptkonsole zurück. Kyle setzte sich vorsichtig auf den Sitz davor und begann, die bisherigen Befunde in die Diagnoseübersicht einzutragen. Elena nahm ein tragbares Prüfgerät und machte sich auf den Weg zur strukturellen Überwachung. Die Primärspanten waren über mehrere Sensoren mit dem zentralen Diagnosesystem verbunden. Die Anzeigen waren jedoch nur teilweise verfügbar. Einige Messpunkte meldeten Werte, die außerhalb der zulässigen Toleranzen lagen, andere reagierten überhaupt nicht. Elena musste die verbliebenen Daten mit den lokalen Messungen vergleichen, um zu erkennen, welche Abweichungen tatsächliche Verformungen und welche lediglich Folge ausgefallener Sensoren waren. Die ersten Messungen bestätigten, dass sich mehrere tragende Elemente unter der Schockbelastung verzogen hatten. Die Verformungen waren gering, lagen aber an einigen Stellen außerhalb der vorgesehenen Toleranzen. Das bedeutete nicht automatisch, dass der Rumpf unmittelbar vor dem Versagen stand. Allerdings konnte Elena ohne eine vollständige strukturelle Prüfung nicht ausschließen, dass sich die Schäden unter weiterer Belastung verschlimmern würden. Sie prüfte die angrenzenden Befestigungspunkte und verglich deren Abstände mit den verfügbaren Konstruktionsdaten. An einer Wartungsluke stellte sie fest, dass der Rahmen nicht mehr sauber ausgerichtet war. Die Verriegelung ließ sich nicht vollständig bewegen. Selbst wenn sie die Luke mit Gewalt geöffnet hätte, wäre nicht gewährleistet gewesen, dass sie sich anschließend wieder sicher schließen ließ. Elena dokumentierte die Stelle und ging weiter. Im hinteren Bereich des Schiffes wurde der Geruch nach verbranntem Material stärker. Die automatische Abschottung hatte den Druckverlust im Achterdeck begrenzt, doch der Zugang zur betroffenen Sektion war weiterhin gesperrt. Auf dem Kontrollfeld leuchteten die Statusanzeigen der Sicherheitsschotten. Der Druck auf der anderen Seite lag deutlich unter dem Normalwert.
Sie rief die lokale Diagnose auf. „Valerie, Zustand der hinteren Sektion.“
„Druckverlust erkannt. Zwei beschädigte Schweißnähte im Achterdeck. Automatische Abschottung aktiv. Weitere strukturelle Schäden können aufgrund eingeschränkter Sensorik nicht ausgeschlossen werden.“
Elena betrachtete die Werte. Die Schotten hatten ihre Aufgabe erfüllt. Die beschädigte Sektion war vom übrigen Schiff getrennt, und es gab keinen unmittelbaren Hinweis darauf, dass der Druckverlust weiter voranschritt. Trotzdem war die Lage nicht vollständig geklärt. Die strukturellen Schäden konnten sich über die sichtbaren Risse hinaus erstrecken, und die ausgefallenen Sensoren verhinderten eine lückenlose Überwachung. Sie prüfte die manuelle Verriegelung des Schotts, ohne es zu öffnen. Der Mechanismus reagierte verzögert, doch die Anzeige bestätigte, dass die Sperre geschlossen blieb. Dann kontrollierte sie die Druckwerte in den angrenzenden Bereichen. Die Kabine der Krankenstation und das Cockpit lagen innerhalb der noch versorgten Sektionen. Die Lebenserhaltung hielt den Druck aufrecht, wenn auch mit reduzierter Reserve. Elena ließ die Abschottung bestehen. Als sie zur Hauptkonsole zurückkehrte, saß Kyle noch immer vor der Diagnoseübersicht. Sein Gesicht war angespannt, und seine Finger bewegten sich langsamer als gewöhnlich über die Eingabefläche. Trotzdem hatte er die bisher ermittelten Schäden in einer geordneten Übersicht zusammengeführt. Die Energieverteilung, die strukturellen Abweichungen und die ausgefallenen Sensoren waren nun voneinander getrennt erfasst.
Elena stellte das Prüfgerät neben ihm ab. „Das Achterdeck bleibt abgeschottet. Die Schweißnähte sind beschädigt, und wir können nicht ausschließen, dass sich weitere Risse gebildet haben.“
Kyle betrachtete die entsprechenden Daten. „Können wir die Sektion wieder unter Druck setzen?“
„Nicht, bevor wir die Schäden genauer untersucht haben. Die Schotten funktionieren, und die benachbarten Bereiche halten ihren Druck. Wir sollten das Risiko nicht eingehen, nur um einen weiteren Abschnitt des Schiffes nutzen zu können.“
Er nickte und ergänzte ihre Angaben in der Diagnoseübersicht. „Dann bleibt die Sektion gesperrt.“
Elena setzte sich neben ihn. Die Bewegung ließ ihre Rippen schmerzen, und sie musste einen Moment warten, bevor sie sich bequem anlehnen konnte. Ihre Verbände saßen noch an Ort und Stelle, doch an den Rändern der behandelten Flächen spürte sie das unangenehme Ziehen der gereizten Haut. Sie blickte auf die Darstellung des Schiffs. Die beschädigten Bereiche waren rot markiert, die nicht überprüfbaren Abschnitte grau. Es gab mehr graue Flächen, als ihr lieb war.
„Wir müssen den Außenrumpf kontrollieren.“
Kyle hob den Kopf. „Die Außenkameras sind ausgefallen.“
„Ich weiß. Deshalb brauchen wir die verbliebenen Sensoren.“
Sie rief die passiven Kurzstreckenradar- und Infrarotdaten auf. Die Werte waren fragmentarisch, doch einzelne Messpunkte ließen sich miteinander vergleichen. Die Außenhülle zeigte mehrere Bereiche mit ungewöhnlichen Temperaturwerten. Einige davon entsprachen vermutlich den Stellen, an denen elektrische Systeme überhitzt oder Isolierungen verbrannt waren. Andere ließen sich nicht eindeutig zuordnen. Die Sensoren waren nicht präzise genug, um aus diesen Daten allein eine vollständige Schadenskarte zu erstellen. Dennoch konnten sie die auffälligsten Bereiche bestimmen und für eine spätere Untersuchung priorisieren. Kyle vergrößerte die Darstellung der Antriebssektion. Dort waren die Werte besonders unvollständig. Die Spulen des Sprungantriebs hatten sich während des Feldabrisses zu einer inerten Schlackenmasse verbunden. Die Überwachungssysteme meldeten keine brauchbare Aktivität mehr, und mehrere zugehörige Leitungen waren ausgefallen.
„Der Sprungantrieb ist endgültig hinüber“, sagte er.
Elena betrachtete die Messdaten, bevor sie antwortete. „Die Spulen sind zerstört. Ohne eine vollständige Untersuchung können wir nicht beurteilen, ob weitere Komponenten wiederverwendbar sind. Aber der Antrieb selbst lässt sich nicht einfach neu starten.“
Kyle ließ den Blick auf der Darstellung ruhen. Der Prototyp war gebaut worden, um eine Technologie zu erproben, die große Entfernungen ohne ein Sprungtor überbrücken sollte. Jetzt war gerade das System zerstört, das die X von einem gewöhnlichen Raumschiff unterschieden hatte.
„Dann müssen wir uns auf den konventionellen Antrieb verlassen.“
„Wenn er noch funktioniert.“
Sie öffneten die Diagnose der konventionellen Antriebsanlage. Die Anzeige reagierte nur langsam. Ein Teil der Steuerung war verfügbar, doch die Rückmeldungen der Antriebskomponenten waren unvollständig. Es gab keine eindeutige Bestätigung, dass sämtliche Düsen, Leitungen und Regelkreise unbeschädigt geblieben waren. Kyle rief die verfügbaren Prüfsequenzen auf. Eine vollständige Aktivierung kam nicht infrage, solange die Energieversorgung instabil war und die strukturellen Schäden nicht ausreichend eingegrenzt werden konnten. Sie mussten zunächst prüfen, welche Teile der Steuerung noch reagierten und ob die verbleibenden Messpunkte plausible Werte lieferten. Elena übernahm die Diagnose. Sie startete eine isolierte Prüfung der Steuerung, ohne die eigentlichen Antriebskomponenten zu aktivieren. Die Konsole gab mehrere Statusmeldungen aus. Einige Steuerkreise antworteten, andere blieben stumm. Die verfügbaren Daten deuteten darauf hin, dass die Antriebssteuerung teilweise noch funktionierte, doch das genügte nicht, um einen sicheren Betrieb zu bestätigen.
„Die Steuerung lebt teilweise. Mehr kann ich daraus noch nicht ableiten.“
Kyle nickte. Er wollte keine voreilige Schlussfolgerung ziehen. Ein System konnte auf Eingaben reagieren und trotzdem einen gefährlichen Fehler aufweisen, sobald es unter Last arbeitete. Sie prüften die Lagekorrekturdüsen als Nächstes. Die X hatte ihre Rotation zuvor mit deren Hilfe reduzieren können. Die verbliebenen Messwerte zeigten, dass die Düsen noch einzelne Korrekturimpulse ausführen konnten, allerdings mit Verzögerungen und nicht immer in der angeforderten Stärke. Eine präzise Steuerung war damit nicht gewährleistet. Elena schloss die Diagnose und lehnte sich zurück. Die Erschöpfung machte sich inzwischen deutlich bemerkbar. Sie musste sich konzentrieren, um die Anzeigen ohne längere Pausen zu lesen. Die Kopfschmerzen hatten zugenommen, und die Übelkeit kehrte zurück, sobald sie den Kopf zu schnell bewegte.
Kyle bemerkte, dass sie sich die Schläfe rieb. „Wir sollten eine Pause machen.“
Elena sah ihn an, als wollte sie widersprechen. Dann ließ sie den Blick über die unvollständige Schadensübersicht wandern. „Wir müssen noch die Sensoren und die Kommunikationsanlage prüfen.“
„Und wir müssen dabei in der Lage sein, die Ergebnisse richtig zu interpretieren.“
Sie schwieg einen Moment. Das war ein Argument, gegen das sie wenig einwenden konnte. Müdigkeit und Schmerzen konnten selbst bei erfahrenen Piloten zu Fehlern führen. In ihrem Zustand wäre es leicht, eine unplausible Messung für einen echten Defekt zu halten oder einen gefährlichen Fehler zu übersehen.
„Zuerst die Kommunikation“, entschied sie. „Danach machen wir eine Pause.“
Sie rief die Kommunikationsdiagnose auf. Das System war nur eingeschränkt verfügbar. Ein Teil der internen Verbindung zwischen den Konsolen funktionierte, doch die externe Kommunikation lieferte keine verlässlichen Rückmeldungen. Die Hauptantenne meldete einen Fehler, und die primären Prozessoren der Optronik waren durch den elektromagnetischen Impuls beschädigt worden. Kyle prüfte die verbliebenen Kommunikationskanäle. Einige interne Statusmeldungen ließen sich übertragen, aber eine zuverlässige Verbindung nach außen konnte er nicht bestätigen. Ohne die externe Kommunikation war es unmöglich, ihre Position zu melden oder Unterstützung anzufordern. Sie konnten auch nicht feststellen, ob überhaupt ein Signal empfangen wurde. Elena wechselte zur Sensorübersicht. Die Außenkameras waren weiterhin blind. Das Kurzstreckenradar und die Infrarotsensoren lieferten vereinzelte Messwerte, die für eine grobe Erfassung der unmittelbaren Umgebung ausreichten, nicht aber für eine verlässliche Navigation. Die primäre Optronik war ausgefallen, und die verbliebenen Systeme konnten ihre Funktion nicht vollständig ersetzen.
„Wir haben keine zuverlässige Sicht nach draußen, keine sichere Position und keine belastbare Verbindung nach außen.“
Kyle sah auf die dunkle Navigationsanzeige. „Und keinen Sprungantrieb.“
„Richtig.“
Die nüchterne Feststellung ließ wenig Raum für Optimismus. Trotzdem war die Untersuchung nicht vergeblich gewesen. Sie hatten die gefährlichsten elektrischen Bereiche isoliert, die beschädigte Sektion identifiziert und abgeschottet, die Grenzen der Notstromversorgung ermittelt und den Zustand der wichtigsten Steuerkreise eingegrenzt. Sie wussten nun mehr darüber, was noch funktionierte und welche Systeme sie vorerst nicht benutzen durften. Das war keine Reparatur. Aber es war ein Anfang. Kyle speicherte die Diagnoseübersicht und ließ die Anzeige der Energieverteilung geöffnet. Die Notstromversorgung musste weiterhin überwacht werden. Solange sie nicht wussten, wie lange die Batterien die Lebenserhaltung versorgen konnten, durfte keine unnötige Last zugeschaltet werden. Elena stand vorsichtig auf und prüfte noch einmal die Verbindung zum medizinischen Diagnosesystem. Die Werte waren weiterhin unvollständig, doch die Anzeige zeigte keine unmittelbare Verschlechterung an, die eine sofortige Rückkehr in die Krankenstation erfordert hätte. Das bedeutete nicht, dass sie außer Gefahr waren. Die Folgen der Strahlenbelastung konnten sich erst später deutlicher bemerkbar machen, und die Kopfverletzungen mussten weiter beobachtet werden.
Sie sah zu Kyle. „Für heute reicht es. Wir haben die wichtigsten Schäden erfasst. Wenn wir weitermachen, riskieren wir, Fehler zu übersehen.“
Kyle widersprach nicht. Er löste die Verbindung zur Diagnosekonsole und stand langsam auf. Seine Hand blieb für einen Moment an der Kante des Bedienpults liegen, bis der Schwindel nachließ. Gemeinsam gingen sie zurück zur provisorischen Krankenstation. Der Weg erschien ihnen länger als zuvor. Jeder Schritt erinnerte sie an die Verletzungen, die sie bei der Inspektion kaum hatten beachten können. Als sie den Raum erreichten, ließ Kyle sich vorsichtig auf das Untersuchungsbett sinken. Elena setzte sich daneben und legte das tragbare Terminal auf den Tisch. Auf dem Display blieb die Schadensübersicht der X geöffnet. Die roten Markierungen zeigten die bestätigten Schäden, die grauen Bereiche jene Abschnitte, deren Zustand noch nicht zuverlässig bestimmt werden konnte. Zwischen ihnen lagen zahlreiche Systeme, die zwar noch reagierten, deren Funktionsfähigkeit aber nicht ausreichend geprüft war. Kyle betrachtete die Darstellung schweigend. Die X war nicht explodiert. Ihre Hülle hielt, die Lebenserhaltung arbeitete, und einige Steuerungssysteme ließen sich noch bedienen. Doch der Hauptreaktor war tot, der Sprungantrieb zerstört, die Navigation offline und die Kommunikation eingeschränkt. Die Schilde waren kritisch, die Waffen ausgefallen, und der Rumpf hatte strukturelle Schäden erlitten.
Elena folgte seinem Blick. „Wir wissen jetzt wenigstens, womit wir es zu tun haben.“
Kyle lehnte den Kopf vorsichtig gegen die Wand. „Mit einem Raumschiff, das uns gerade noch am Leben hält.“
„Und das wir reparieren müssen, bevor wir überhaupt daran denken können, weiterzufliegen.“
Er sah sie an. Trotz der Schmerzen zeigte sich ein schwaches Lächeln auf seinem Gesicht. „Du hast doch vorhin gesagt, dass du keine persönliche Ärztin bist. Ich nehme an, eine persönliche Mechanikerin bist du auch nicht.“
Elena schloss die Augen und atmete langsam aus. „Wenn du noch einen solchen Spruch machst, wirst du die nächste Inspektion allein durchführen.“
„Das wäre gegen die Vorschriften.“
„Dann solltest du dich besser an die Vorschriften halten.“
Kyle lachte leise, bereute es aber sofort, als der Schmerz durch seinen Brustkorb fuhr. Elena schüttelte den Kopf und schob ihm das Kissen zurecht, damit er sich nicht unnötig bewegen musste. Dann wandte sie sich wieder dem Terminal zu und speicherte die Ergebnisse der Untersuchung. Die X war schwer beschädigt, und ihre Lage blieb unbekannt. Es gab noch keine Lösung für den zerstörten Sprungantrieb und keine Möglichkeit, die Navigation zuverlässig wiederherzustellen. Aber sie hatten die ersten notwendigen Schritte unternommen, um den Zustand des Prototyps zu verstehen. Für den Moment mussten sie sich damit begnügen, die verbleibenden Systeme zu schützen, ihre Verletzungen zu überwachen und ihre Kräfte für die nächsten Reparaturen zu sparen. Die Notstromversorgung summte leise hinter den Wänden. Die beschädigte X trieb weiter durch das fremde Sonnensystem, ohne Kurs und ohne Verbindung zur Außenwelt. In der kleinen Krankenstation saßen ihre beiden Piloten über einer unvollständigen Schadensübersicht und versuchten, aus den wenigen verbliebenen Daten einen Weg zurück in die Handlungsfähigkeit zu finden.
Die Lebenserhaltung der X funktionierte noch, doch angesichts der begrenzten Energiereserven hatten Kyle und Elena beschlossen, sie während der Nacht im restlichen Schiff auf ein Minimum herunterzufahren und die Krankenkabine, anders konnte man diesen Raum beim besten Willen nicht bezeichnen, mit voller Leistung zu versorgen. Trotzdem kroch die Kälte durch ihre dünne Unterwäsche und ließ sie frösteln. Die beschädigte Heizung kam offenbar nicht gegen die ausgekühlte Schiffshülle an. Kyle bemerkte, wie Elena die Arme enger um ihren Oberkörper schlang. Ohne ein Wort hob er die goldsilberne Rettungsdecke an, die auf dem viel zu kleinen Untersuchungsbett lag, und rückte ein Stück zur Seite. Elena verzog das Gesicht. Nicht wegen ihrer gebrochenen Rippen, obwohl die Bewegung durchaus schmerzte. Vielmehr erinnerte sie sich nur allzu deutlich daran, dass sie erst vor wenigen Tagen in einer ähnlichen Situation mit Kyle gelandet war. Damals hatte sie sich geschworen, solche Umstände künftig nach Möglichkeit zu vermeiden. Die gegenwärtige Lage schien diesen Vorsatz allerdings herzlich wenig zu interessieren. Die Alternative bestand darin, die Nacht frierend zu verbringen. Das war angesichts ihrer Verletzungen und des ohnehin angeschlagenen Gesundheitszustands keine vernünftige Option. Mit einem missmutigen Seufzen legte Elena sich deshalb neben Kyle und schmiegte sich vorsichtig an ihn. Das Untersuchungsbett war kaum breit genug für eine Person, geschweige denn für zwei verletzte Offiziere. Jeder Zentimeter musste ausgehandelt werden, und die Rettungsdecke raschelte bei jeder Bewegung wie eine besonders ungeduldige Verpackung.
Kyle grinste, als Elena schließlich eine einigermaßen bequeme Position gefunden hatte. „Ich liebe es, wenn du oben bist.“
Elena verpasste ihm einen Schlag in die Seite. Kyle stieß die Luft aus, als hätte ihm jemand den letzten verbliebenen Sauerstoffvorrat persönlich entzogen. Sofort bereute er die Bewegung, denn seine Rippen quittierten sie mit einem stechenden Schmerz. Was folgte, war ein ausgiebiger chinesischer Fluch, der in Lautstärke und Wortwahl deutlich machte, dass seine Sprachkenntnisse auch unter widrigsten medizinischen Bedingungen ausgezeichnet funktionierten.
„Tāmāde! Cào nǐ zǔzōng shíbā dài!“
Elena schwieg. Sie hatte ihren Kopf auf seiner Brust abgelegt und lauschte dem rasselnden Atem, der noch immer von seinen Verletzungen zeugte. Darunter spürte sie seinen Herzschlag, regelmäßig, wenn auch etwas schneller als erwartet. Für einen Moment konzentrierte sie sich ausschließlich darauf. Solange sein Herz schlug und die Lebenserhaltung funktionierte, konnten sie sich wenigstens ein paar Stunden Ruhe leisten. Dann bemerkte sie, dass Kyles Körper auf ihre Nähe reagierte. Elena versteifte sich kurz. Sie hob den Kopf gerade weit genug, um sein Gesicht zu sehen. Kyle hatte die Augen bereits geschlossen. Sein Atem wurde allmählich ruhiger, und sein Gesichtsausdruck verriet keinerlei Anzeichen dafür, dass er seine Bemerkung von eben noch weiterzuverfolgen gedachte. Offenbar war er entweder zu erschöpft, um die Situation auszunutzen, oder bereits auf dem besten Weg ins Reich der Träume. Sie wollte sich gerade von ihm abrücken, als ihr bewusst wurde, dass ihr eigener Körper keineswegs unbeeindruckt geblieben war. Die Wärme, seine Nähe und der vertraute Klang seines Herzschlags wirkten anders, als sie es in dieser Situation erwartet hätte. Ihr gefiel diese Erkenntnis überhaupt nicht. In Gedanken machte sie eine knappe Notiz an sich selbst: Die Libido-Inhibitoren waren offenbar kein zuverlässiges Abstinenzmittel. Eine weitere Untersuchung dieser Nebenwirkung würde warten müssen, bis sie nicht mehr halb erfroren, verletzt und auf einem Untersuchungsbett gefangen war, das vermutlich nicht einmal den Sicherheitsstandards eines schlecht ausgestatteten Außenpostens genügte. Kyle war inzwischen eingeschlafen. Elena betrachtete ihn noch einen Augenblick, ehe sie den Kopf wieder auf seiner Brust ablegte. Sie beschloss, die Angelegenheit am nächsten Morgen zu ignorieren, sofern er sie nicht selbst zur Sprache brachte. Das war ein vernünftiger Plan. Zumindest theoretisch. Die goldsilberne Decke raschelte leise, als sie sich vorsichtig an ihn schmiegte. Trotz der Wärme blieb ihr Schlaf unruhig. Schmerzen, Kälte und die bedrückende Ungewissheit über ihr Schicksal begleiteten sie in die Dunkelheit. Doch zwischen dem leisen Surren der Lebenserhaltung und Kyles rasselndem Atem fand sie schließlich etwas, das an Ruhe erinnerte. Für diese Nacht musste das genügen.

Ich hasse Perfektion.
Sie bietet keinen Platz für Kreation.

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Kapitel 1

Elena Kho erwachte als Erste. Für einige Sekunden blieb sie reglos liegen und versuchte, sich zu orientieren. Die gedämpften Geräusche der Lebenserhaltung bildeten einen gleichmäßigen Hintergrund, der nur gelegentlich von einem leisen Klicken aus den beschädigten Systemen unterbrochen wurde. Die Beleuchtung der Krankenkabine war schwach und kühl. Unter der dünnen Rettungsdecke hatte sich etwas Wärme gehalten, doch die Luft, die ihr Gesicht streifte, war unangenehm kalt. Kyle Brennan lag unter ihr. Sein Atem ging ruhig, wenn auch nicht völlig gleichmäßig. Sein Kopf ruhte auf dem Kissen, und eine seiner Arme lag noch so, dass Elena sich vorsichtig aus seiner Nähe lösen musste, ohne ihn dabei unnötig zu bewegen. Sie erinnerte sich an die vergangene Nacht, an die Kälte, die Schmerzen und die schmale Liege, auf der kaum genug Platz für einen von ihnen gewesen war. Dass sie schließlich Haut an Haut eingeschlafen waren, hatte sich unter diesen Umständen kaum vermeiden lassen. Jetzt wollte sie vor allem eines: sich bewegen können, ohne bei jedem Handgriff daran erinnert zu werden, wie schwer sie verletzt war. Langsam hob sie die Decke an und schob sich ein Stück von Kyle weg. Schon die kleine Bewegung ließ ihre Rippen schmerzhaft protestieren. Sie hielt inne, atmete flach und wartete, bis der stechende Druck nachließ. Anschließend setzte sie sich vorsichtig auf, ließ die Beine über die Bettkante gleiten und schob sich vom Untersuchungsbett. Ihre Füße fanden den kalten Boden. Für einen Moment blieb sie sitzen und stützte sich mit einer Hand ab, während sie prüfte, ob ihr Kreislauf die Bewegung mitmachte. Der Schwindel hielt sich in Grenzen. Die Schmerzmittel, die sie erhalten hatte, dämpften die schlimmsten Beschwerden, beseitigten sie jedoch keineswegs. Ihre Verbände saßen noch an den Unterarmen und Unterschenkeln. Unter dem Material spannte die verbrannte Haut bei jeder Bewegung, und ihre Rippen erinnerten sie mit einem dumpfen Ziehen daran, dass sie sich nicht zu viel zumuten durfte. Trotzdem musste sie sich um die X kümmern. Sie waren weiterhin auf die beschädigte Lebenserhaltung angewiesen, und solange das Schiff nicht ausreichend versorgt war, blieb jede weitere Stunde ein unnötiges Risiko. Elena wandte sich der nächstgelegenen Konsole zu. Das Display reagierte mit einer kurzen Verzögerung, bevor die vertraute Benutzeroberfläche erschien. Einige Statusfelder waren weiterhin ausgegraut, andere zeigten lediglich die zuletzt gespeicherten Werte an. Sie rief die verfügbaren Funktionen der Lebenserhaltung auf und prüfte die Energieverteilung. Die Beschädigungen des Schiffs waren nicht verschwunden, nur weil sie für einige Stunden geschlafen hatten.
„Valerie, bring die Lebenserhaltung im restlichen Schiff wieder auf Nominalwerte. Die Krankenkabine behält ihre aktuelle Versorgung.“
Sie wartete, bis die Eingabe bestätigt wurde. Auf dem Display begannen mehrere Statusanzeigen zu wechseln. Die Anpassung würde Energie beanspruchen, doch die übrigen Bereiche des Schiffs benötigten ebenfalls eine ausreichende Versorgung, wenn sie später weitere Inspektionen durchführen wollten. Elena kontrollierte die verfügbaren Werte und schloss die Übersicht erst, als die angeforderten Änderungen übernommen worden waren. Danach blieb ihr Blick an ihrer beschädigten Uniform hängen. Der Fluganzug lag noch dort, wo sie ihn nach der notdürftigen Versorgung ihrer Verletzungen abgelegt hatte. Der schwarze Stoff war an mehreren Stellen beschädigt, und die Brandspuren ließen sich nicht übersehen. Selbst wenn sie die Risse ignorierte, wäre es keine gute Idee gewesen, das Material über die frisch verbundenen Wunden zu ziehen. Enge Nähte und verstärkte Partien würden an den empfindlichen Stellen scheuern. Ihre Rippen würden eine solche Prozedur ebenfalls nicht begrüßen. Sie brauchte Ersatzkleidung. Elena untersuchte die Schränke und Ablagen der Krankenkabine. Sie öffnete flache Staufächer, kontrollierte die wenigen Behälter und sah hinter den medizinischen Versorgungseinheiten nach. Das Ergebnis blieb ernüchternd. Steriles Material, Verbände, Instrumente und einige Verbrauchsmittel waren vorhanden, aber keine passende Kleidung. Offenbar hatte die Ausstattung der Krankenkabine vorgesehen, Verletzungen zu versorgen, nicht die Überlebenden eines misslungenen Sprungexperiments vollständig neu einzukleiden. Sie schloss das letzte Fach etwas energischer als beabsichtigt und verzog das Gesicht, als die Bewegung in ihre Rippen fuhr. Für einen Augenblick blieb sie stehen, die Hand an der Kante des Schranks, bis der Schmerz wieder erträglich wurde. Eine andere Möglichkeit blieb ihr nicht. Sie musste ihre eigene Kabine aufsuchen. Elena warf einen Blick auf Kyle. Er schlief noch immer. Sein Gesicht wirkte im schwachen Licht blasser als gewöhnlich, und die Verletzungen, die sie am Vortag notdürftig versorgt hatten, waren nicht zu übersehen. Sie wollte ihn nicht wecken, nur um sich Kleidung zu beschaffen. Er brauchte Ruhe ebenso dringend wie sie. Sie ging zur Tür und betätigte die Öffnung. Das Schott glitt mit einem Zischen zur Seite. Für ihren Geschmack war das Geräusch viel zu laut. Elena erstarrte und blickte sofort über die Schulter. Kyle rührte sich nicht. Sein Atem blieb ruhig, und er schien von dem Geräusch nichts mitbekommen zu haben. Sie wartete noch einen Moment, bevor sie durch die Öffnung trat und das Schott hinter sich schließen ließ. Das leise Zischen, mit dem es wieder einrastete, erschien ihr kaum weniger störend.
Der Verbindungsgang lag im gedämpften Licht der Notbeleuchtung. Die Wände waren stellenweise von dunklen Spuren gezeichnet, und die beschädigten Bereiche erinnerten daran, dass die X noch lange nicht wieder in einem Zustand war, den man als sicher bezeichnen konnte. Elena kannte den Weg zu ihren Wohnkabinen gut genug, um nicht auf die Anzeigen an den Wänden angewiesen zu sein. Es gab ohnehin nur zwei solcher Kabinen an Bord, eine für sie und eine für Kyle. Mehr Platz hatte der Prototyp für seine Besatzung nicht vorgesehen. Sie trug lediglich ihre Unterwäsche. Die kühle Luft strich über ihre Haut, während sie sich langsam durch den Gang bewegte. Jeder Schritt beanspruchte die verbrannten Stellen an ihren Beinen. Sie hielt ihr Tempo niedrig und achtete darauf, sich nicht an den Wänden abzustützen, sofern es nicht unbedingt nötig war. Die Schmerzmittel erleichterten ihr die Bewegung, doch sie wollte nicht riskieren, ihre Verletzungen ausgerechnet deshalb zu überlasten, weil die Beschwerden weniger deutlich ausfielen. Als sie ihre Kabine erreichte, schob sie die Tür auf und trat ein. Der Raum war dunkel, bis die Beleuchtung auf ihre Anwesenheit reagierte. Das Licht fiel auf die schmale Schlafgelegenheit, die Ablagen und den eingebauten Kleiderschrank. Nichts hatte sich verändert. Gerade diese Normalität wirkte angesichts der unbekannten Position des Schiffs beinahe unwirklich. Irgendwo außerhalb der Hülle trieb die X durch ein fremdes Sonnensystem, ohne funktionierenden Sprungantrieb und ohne verlässliche Navigation. Hier drinnen standen ihre persönlichen Sachen dagegen noch immer an ihren gewohnten Plätzen. Elena öffnete den Schrank und suchte nach einer Ersatzuniform. Sie fand eine, die sie für genau solche Fälle zurückgelegt hatte. Daneben hing ihr Weltraumanzug, ordentlich verstaut und äußerlich unbeschädigt. Zunächst konzentrierte sie sich auf die Uniform. Wenn sie sich wieder dienstgerecht kleiden konnte, wäre das zumindest ein kleiner Schritt zurück zur Normalität. Sie nahm den Anzug heraus und hielt ihn vor sich. Der schwarze Stoff war sauber, die Verschlüsse intakt, und an den verstärkten Partien waren keine Beschädigungen zu erkennen. Doch schon beim Ansetzen bemerkte sie, wie wenig Spielraum der Schnitt ließ. Die Uniform war körpernah gearbeitet, mit schmalen Partien an Taille, Hüfte und Beinen. Was im normalen Dienst für eine saubere, funktionale Passform sorgte, wurde unter den gegenwärtigen Umständen zu einem Problem. Elena versuchte, in den Anzug zu steigen. Sie kam kaum wenige Zentimeter weit. Sobald der Stoff über ihre Beine glitt und an den verbundenen Stellen anlag, meldeten sich die Verletzungen mit einem scharfen Brennen. Der Versuch, das Material weiterzuziehen, erzeugte zusätzlichen Druck an den empfindlichen Bereichen. Als sie sich unwillkürlich aufrichtete, zog der Schmerz bis in die Rippen. Sie brach den Versuch ab und ließ die Uniform sinken, bevor sie sich ernsthaft wehtun konnte.
„Bèndàn!“
Das chinesische Schimpfwort entwich ihr zwischen zusammengebissenen Zähnen. Sie starrte den Anzug an, als hätte der Stoff persönlich beschlossen, ihr den Morgen zu verderben. Anschließend galt ihre Verärgerung dem Menschen, der für den Schnitt dieser Uniformen verantwortlich war. Eine Einsatzuniform sollte Bewegungsfreiheit bieten, Schutz gewährleisten und im Ernstfall zuverlässig funktionieren. Sie sollte nicht so eng geschnitten sein, dass man schon unter normalen Bedingungen aufpassen musste, beim Anziehen keine Naht zu überlasten. Und auf körperliche Reize zu setzen, war das Letzte, was eine militärische Uniform leisten sollte. Schon gar nicht an Bord eines schwer beschädigten Raumschiffs, wenn ihre Trägerin mit gebrochenen Rippen und Verbrennungen zu kämpfen hatte. Sie legte das Kleidungsstück zurück, diesmal mit deutlich mehr Sorgfalt, als ihre Stimmung eigentlich zuließ. Der Ärger half ihr nicht weiter. Die Uniform war ungeeignet, und sie konnte weder ihre Verletzungen ignorieren noch die fehlende Bewegungsfreiheit durch bloße Entschlossenheit ausgleichen. Elena schloss kurz die Augen und atmete tief ein. Dabei hielt sie den Oberkörper möglichst ruhig, um ihre Rippen nicht unnötig zu belasten. Sie ließ die Luft langsam wieder entweichen und wartete, bis sich ihre Anspannung etwas gelegt hatte. Dann wandte sie sich dem Weltraumanzug zu. Er war zwar keine gewöhnliche Kleidung, bot ihr aber Schutz vor der Kälte und war dafür ausgelegt, über einer darunterliegenden Schicht getragen zu werden. Das Material war weniger nach einer engen Uniformsilhouette geschnitten und verfügte über die notwendigen Verschlüsse und Dichtungselemente. Vor allem musste sie sich nicht mit derselben Gewalt in ihn hineinzwingen, die der andere Anzug verlangt hatte. Sie hob ihn aus dem Schrank und prüfte die äußeren Verschlüsse, bevor sie mit dem Anziehen begann. Auch das erforderte Geduld. Sie musste ihre Bewegungen an die schmerzenden Rippen anpassen und darauf achten, dass der Stoff nicht an den Verbänden hängen blieb. Mehrmals hielt sie inne, um eine günstigere Position zu finden. Schließlich saß der Anzug an ihrem Körper, ohne dass sie die verletzten Stellen übermäßig belastet hatte. Elena schloss die Verschlüsse und aktivierte das System. Ein leises Summen setzte ein. Die internen Anzeigen erwachten, und die Temperaturregelung begann zu arbeiten. Wenige Augenblicke später spürte sie, wie die Kälte allmählich nachließ. Die Wärme, die sich im Inneren des Anzugs ausbreitete, war eine spürbare Erleichterung. Erst jetzt wurde ihr bewusst, wie stark sie während des Weges durch das Schiff ausgekühlt war. Sie wollte nicht erfrieren, nur weil niemand beim Entwurf der X daran gedacht hatte, dass ein beschädigtes Schiff seine Besatzung auch ohne unmittelbare äußere Bedrohung in Schwierigkeiten bringen konnte. Wo auch immer sie sich gerade befanden. Der Gedanke an ihre unbekannte Position ließ sie kurz innehalten. Sie hatte weder eine verlässliche Navigation noch eine Möglichkeit, die X einfach an einen sicheren Ort zurückzubringen. Die Lebenserhaltung war nun wieder auf die angeforderten Werte eingestellt, doch die übrigen Schäden blieben bestehen. Sie würden sich mit den vorhandenen Mitteln behelfen müssen, bis sie einen Weg fanden, das Schiff wieder handlungsfähig zu machen. Im Augenblick war warme, brauchbare Ausrüstung ein Anfang. Elena überprüfte die Anzeigen ihres Anzugs und vergewisserte sich, dass die Temperaturregelung lief. Danach verließ sie ihre Kabine und trat in den Verbindungsgang hinaus. Der Weg zu Kyles Quartier war kurz. Seine Tür lag direkt neben ihrer, und sie musste nur einige Schritte zurücklegen, um sie zu erreichen. Sie öffnete den Schrank in seiner Kabine und fand dort den Weltraumanzug, den sie gesucht hatte. Auch dieser war verstaut und äußerlich unbeschädigt. Sie nahm ihn heraus und kontrollierte die Verschlüsse, bevor sie ihn sich über den Arm legte. Kyle würde ihn benötigen, sobald er die Krankenkabine verließ. Angesichts der Kälte im übrigen Schiff wäre es unverantwortlich gewesen, ihn ohne ausreichenden Schutz herumlaufen zu lassen. Mit dem Anzug im Arm machte sie sich auf den Rückweg. Ihre Schritte blieben langsam und kontrolliert. Die zusätzliche Ausrüstung war nicht besonders schwer, aber selbst geringe Belastungen machten sich inzwischen bemerkbar. Sie achtete auf die Verbände, vermied abrupte Bewegungen und hielt kurz an, wenn ihre Rippen stärker schmerzten. Die Schmerzmittel gaben ihr genügend Spielraum, um sich fortzubewegen, doch sie wusste, dass sie ihre Grenzen nicht einfach ignorieren durfte. Als sie die Krankenkabine erreichte, glitt das Schott erneut mit einem Zischen zur Seite. Elena trat ein und sah sofort zum Untersuchungsbett. Kyle war wach und redete mit Valerie.

Als sich das Schott hinter Elena schloss, öffnete Kyle vorsichtig die Augen. Er blieb reglos liegen und lauschte, bis ihre Schritte im Korridor verklungen waren. Erst dann ließ er die Anspannung aus seinem Körper weichen, die er während ihrer Anwesenheit aufrechterhalten hatte. Er hatte es genossen, wie Elena sich vorsichtig über ihn hinwegbewegt hatte, um von seinem Körper und dem schmalen Bett herunterzukommen. Die Wärme ihrer Haut, die flüchtigen Berührungen und ihre behutsamen Bewegungen waren ihm deutlicher in Erinnerung geblieben, als ihm lieb war. Für einen Moment gestattete er sich, das Gefühl noch einmal nachzuvollziehen. Dann zwang er sich, den Gedanken abzubrechen. Das war nicht der richtige Zeitpunkt. Kyle schloss kurz die Augen und atmete langsam aus. Die Schmerzmittel machten seinen Körper schwer, während die Verletzungen bei jeder tieferen Bewegung unangenehm zogen. Trotzdem war es nicht allein sein körperlicher Zustand, der ihn beschäftigte. Er spürte, dass die Wirkung des Libido-Inhibitors nachließ. Die körperliche Anziehung, die er Elena gegenüber empfand, ließ sich nicht einfach durch Vernunft beseitigen. Der Inhibitor sollte ihm helfen, damit umzugehen, doch seine Wirkung war nicht unbegrenzt. Sobald er wieder in sein Quartier konnte, musste er sich eine neue Dosis verabreichen. Bis dahin würde er sich zusammenreißen müssen. Er öffnete die Augen und richtete den Blick auf die Decke der Krankenkabine. Die gedämpfte Beleuchtung ließ die Oberflächen grau und leblos erscheinen. Irgendwo hinter den Wänden arbeiteten die verbliebenen Systeme der X, doch das vertraute Summen der Lebenserhaltung klang stellenweise unregelmäßig. Das Schiff war schwer beschädigt, ihre Position unbekannt, und die Möglichkeiten, die sie hatten, waren entsprechend begrenzt. Kyle musste wissen, womit sie es zu tun hatten.
„Valerie?“
Die Antwort der Bord-KI erfolgte ohne merkliche Verzögerung. Ihre Stimme erklang über den Lautsprecher der Krankenkabine und wirkte in der stillen Umgebung beinahe unnatürlich ruhig. „Wie kann ich Ihnen helfen, Brennan-Taii?“
Kyle ließ den Kopf auf dem Kissen liegen. Schon der Versuch, sich etwas aufzurichten, wäre momentan eine unnötige Belastung gewesen. Solange er die Konsole erreichen konnte, gab es keinen Grund, sich zu bewegen. „Erstelle eine Reparaturliste und gleiche sie mit meinem Vorschlag ab. Als Erstes sollten wir die Sensoren reparieren, damit wir wissen, wo wir sind und was sich um uns herum befindet. Nur weil bis jetzt nichts passiert ist, muss das nicht heißen, dass es keine Gefahren in der Umgebung gibt. Nebenbei sollten wir die Lebenserhaltung prüfen und gegebenenfalls Wartungsarbeiten durchführen. Als Zweites sollten wir den Antrieb reaktivieren und die Schilde reinitialisieren. Ich möchte weder an Strahlenkrankheit sterben noch mich von einem verirrten Asteroiden rammen lassen.“
Nach seiner letzten Bemerkung verzog Kyle leicht den Mund. Der trockene Humor war ihm geblieben, auch wenn er sich nicht sicher war, ob er unter diesen Umständen tatsächlich etwas an der Situation verbesserte. Immerhin hatte er die wichtigsten Punkte benannt: feststellen, wo sie waren, sicherstellen, dass sie dort überleben konnten, und anschließend versuchen, die X wieder manövrierfähig zu machen. Valerie schwieg. Es verging eine Sekunde, vielleicht auch etwas länger. Kyle konzentrierte sich auf die Stille und versuchte einzuschätzen, was hinter ihr steckte. Entweder waren die Schäden umfangreicher, als er bisher angenommen hatte, oder Valerie hatte nach dem Fehlsprung keinen vollständigen Zugriff mehr auf die Schiffssysteme. Beides wäre problematisch. Dass die KI nicht sofort antwortete, ließ sich jedenfalls nicht als beruhigendes Zeichen werten.
Dann meldete sie sich zurück. „Diagnoseprogramm wird ausgeführt, Brennan-Taii. Ich habe Ihren Reparaturplan analysiert. Er ist logisch, erfordert jedoch aufgrund der massiven Systemschäden eine geänderte Priorisierung. Hier ist der aktuelle Statusbericht und der abgeglichene Instandsetzungsplan.“
Kyle hörte aufmerksam zu. Während Valerie die Ergebnisse vortrug, versuchte er, sich ein möglichst genaues Bild von den Schäden zu machen. Die Informationen waren teilweise ernüchternd, doch gerade deshalb brauchte er sie. Ein Reparaturplan war nur dann sinnvoll, wenn er auf dem tatsächlichen Zustand des Schiffs beruhte und nicht auf dem, was er sich von dessen Systemen erhoffte.
„Priorität null: Lebenserhaltung und Strahlenschutz. Gefahr im Verzug. Die Lebenserhaltung kann nicht erst im zweiten Schritt geprüft werden.“ Kyle runzelte die Stirn. Das war schlechter, als er gehofft hatte. „Status: Die Haupt-Atmosphärenaufbereitung ist durch die primäre Energie-Rückkopplung ausgefallen. Wir verbrauchen derzeit die Notreserven des Raumschiffs.“
Er zwang sich, die Information nüchtern aufzunehmen. Die Tatsache, dass die Lebenserhaltung noch arbeitete, bedeutete offenbar nicht, dass sie sich auf eine stabile Versorgung verlassen konnten. Die Notreserven waren ein zeitlich begrenzter Puffer, keine dauerhafte Lösung. Er erinnerte sich daran, dass Elena die Versorgung im übrigen Schiff wieder auf Nominalwerte hatte bringen lassen. Ob diese Maßnahme die Lage tatsächlich verbessert hatte, ließ sich erst anhand der aktuellen Systemdaten beurteilen.
Valerie fuhr fort. „Schadensbild: Der hochenergetische Gammastrahlungsblitz hat beim Feldabriss die sekundäre Blei-Polymer-Abschirmung der Cockpitwand beschädigt.“
Kyle hielt den Blick auf die Decke gerichtet. Ein Gammastrahlungsblitz, beschädigte Abschirmung und eine ausgefallene Atmosphärenaufbereitung. Der Fehlsprung hatte nicht nur den Antrieb zerstört, sondern offenbar auch Schäden verursacht, deren Folgen sich nicht allein anhand äußerer Beschädigungen abschätzen ließen.
„Maßnahme: Aktivieren Sie die medizinische Notfalldosis Synthetik-Chelat aus dem Erste-Hilfe-Schott, um die absorbierte Initialstrahlung zu binden. Dies betrifft auch Kho-Shōsa.“
Bei Elenas Namen spannte sich sein Kiefer an. Er wusste nicht, wie viel Strahlung sie tatsächlich abbekommen hatten. Dass Valerie eine medizinische Gegenmaßnahme empfahl, machte die Sache nicht besser. Gleichzeitig war er froh, dass die KI den möglichen Schaden erkannt hatte, bevor sie sich mit weniger dringenden Reparaturen beschäftigten.
„Priorität eins: Sensorik und Lageerfassung. Ihre Einschätzung bezüglich lokaler Gefahren ist korrekt. Wir sind derzeit taktikblind.“
Kyle hätte auf diese Feststellung gern verzichtet. Ohne Sensoren fehlte ihnen die Grundlage, um ihre Umgebung zuverlässig zu beurteilen. Sie konnten nicht erkennen, ob sich größere Objekte in der Nähe befanden, ob eine Strahlungsquelle auf das Schiff einwirkte oder ob sie sich in einem Gebiet aufhielten, das weitere Risiken barg. Das Ausbleiben unmittelbarer Zwischenfälle war kein Beweis für Sicherheit.
„Status: Die primäre Phased-Array-Optronik an der Schiffsspitze ist durch den Plasmastrom verglast. Das Hauptradar ist ausgefallen. Die passiven Infrarot- und Gravimetrik-Sensoren am Achterdeck sind jedoch intakt, erhalten aber keinen Strom.“
Kyle atmete langsam aus. Wenigstens waren nicht sämtliche Sensoren zerstört. Wenn sich die verbliebenen Einheiten wieder mit Energie versorgen ließen, könnten sie zumindest erste Informationen über ihre Umgebung erhalten. Das würde ihnen keine vollständige Lageerfassung ermöglichen, wäre aber besser als die gegenwärtige Blindheit.
„Maßnahme: Wir müssen die verbliebenen Breitband-Passivsensoren an das Notstromnetz koppeln. Überbrücken Sie dazu Relais Beta-7 im Wartungsschacht zu Ihrer Linken. Sobald das erledigt ist, kann ich ein erstes optisches Restlichtbild über das HUD legen.“
Kyle prägte sich die Angabe ein. Relais Beta-7, Wartungsschacht auf der linken Seite. Eine konkrete Aufgabe, die sich mit den vorhandenen Mitteln möglicherweise bewältigen ließ. Allerdings würde er dafür zunächst wieder in der Lage sein müssen, sich sicher durch das Schiff zu bewegen. In seinem derzeitigen Zustand war selbst ein kurzer Weg eine Belastung, und der Wartungsschacht dürfte kaum so zugänglich sein wie die Krankenkabine.
Valerie ließ ihm keine Zeit, sich länger mit dem Gedanken aufzuhalten. „Priorität zwei: Schilde und sekundäre Abschirmung. Ein Reinitialisieren der Schilde ist derzeit unmöglich.“
Kyle presste die Lippen zusammen. Er hatte gehofft, dass sich die Schilde zumindest neu starten ließen, sobald die Energieversorgung stabilisiert war. Die Diagnose klang jedoch nach einem tiefer liegenden Problem.
„Status: Die Hauptgeneratoren der Emitter sind beschädigt. Die Primärspulen des Sprungantriebs sind zu einer inerten Masse verschmolzen und haben die Schild-Verteilerknoten mitgerissen.“
Damit war auch diese Hoffnung vorerst erledigt. Der Sprungantrieb war nicht nur außer Betrieb. Seine Zerstörung hatte weitere Systeme in Mitleidenschaft gezogen, die eigentlich unabhängig genug hätten sein sollen, um einen solchen Ausfall zu überstehen.
„Maßnahme: Wir können die Schilde aktuell nicht hochfahren. Ich habe jedoch die statische Not-Polarisation der Rumpfhülle aktiviert, um mikrometeorischen Staub und kosmische Hintergrundstrahlung abzulenken.“
Kyle nahm die Information zur Kenntnis. Die Not-Polarisation war besser als nichts, aber kein vollwertiger Ersatz für die Schilde. Er konnte nur hoffen, dass sie sich nicht in einer Umgebung befanden, in der der Schutz der Rumpfhülle schnell an seine Grenzen stoßen würde.
„Priorität drei: Antriebsreaktivierung. Der Hauptantrieb ist gesperrt.“
Kyle wandte den Kopf ein wenig zur Seite. Die Bewegung reichte aus, um einen unangenehmen Schmerz durch seinen Oberkörper ziehen zu lassen. Er hielt kurz inne, bis er wieder gleichmäßiger atmen konnte, und konzentrierte sich dann erneut auf Valerie.
„Status: Der Prototyp-Sprungantrieb ist vollständig zerstört. Eine Reparatur im All ist mit den Bordmitteln ausgeschlossen. Die Unterlicht-Triebwerke sind mechanisch intakt, stehen aber unter einer automatischen Sicherheitssperre, da das Kühlsystem Lecks aufweist.“
Vollständig zerstört. Die Formulierung ließ keinen Raum für Missverständnisse. Der Sprungantrieb, um dessen Entwicklung sich das gesamte Projekt gedreht hatte, war verloren. Eine Reparatur war nicht möglich, jedenfalls nicht mit dem, was sie an Bord hatten. Kyle verdrängte den Gedanken an die Konsequenzen. Sie mussten sich zunächst um das kümmern, was noch zu retten war.
„Maßnahme: Sobald Lebenserhaltung und Sensoren stabil sind, müssen wir den Kühlkreislauf manuell isolieren, um den Manövrierantrieb und den Impulsantrieb auf minimaler Leistung zu starten.“
Das war immerhin eine Möglichkeit, wieder Kontrolle über die Position des Schiffs zu gewinnen. Selbst wenn der Sprungantrieb nicht mehr zu retten war, konnten die Unterlicht-Triebwerke ihnen helfen, kleinere Kurskorrekturen vorzunehmen oder sich von einer unmittelbaren Gefahr zu entfernen. Allerdings hing auch das davon ab, ob sie die Lecks im Kühlsystem beherrschen konnten. Kyle schwieg einen Moment. Der erste Teil des Berichts hatte bereits genügt, um seinen ursprünglichen Plan erheblich zu verändern. Sensoren und Lebenserhaltung standen weiterhin ganz oben auf der Liste, doch die Reaktorsicherheit und die strukturelle Integrität waren ebenfalls Faktoren, die sie nicht ignorieren durften.
„Was ist mit dem Materie-Antimaterie-Generator und dem Rumpf?“
Valerie antwortete unmittelbar. „Die Statusprüfung für den Materie-Antimaterie-Generator und die Rumpfstruktur ergibt folgende Werte, Brennan-Taii.“
Kyle wartete, während die KI die Ergebnisse aufbereitete. Die beiden Systeme waren für das Überleben der X von zentraler Bedeutung. Ein beschädigter Rumpf konnte ihnen die Atmosphäre nehmen, und ein instabiler Reaktor war eine Gefahr, die sie sich unter keinen Umständen leisten konnten.
„Materie-Antimaterie-Generator. Status: Notabschaltung erfolgreich.“
Ein Teil der Anspannung in Kyles Schultern ließ nach. Wenigstens hatte die automatische Sicherung im entscheidenden Moment funktioniert.
„Diagnose: Im Moment des Feldzusammenbruchs hat die automatische Notfallsicherung die Einspeisung von Antimaterie sofort unterbrochen. Dennoch hat die magnetische Rückkopplung zu einer massiven Überhitzung der primären Einschlusskammern geführt.“
Kyle sah darin noch keinen Grund zur Entwarnung. Eine erfolgreiche Notabschaltung bedeutete nicht, dass der Reaktor in einem sicheren Zustand war. Sie mussten wissen, ob die Einschlusskammern die Überhitzung überstanden hatten und wie viel Zeit ihnen blieb, bevor die Notversorgung versagte.
Valerie bestätigte diese Sorge mit ihrer nächsten Meldung. „Gefahr: Die Magnethaltespulen arbeiten derzeit nur noch über die chemischen Notbatterien. Sollten diese in den nächsten Stunden vollständig versagen, drohen ein thermischer Durchschlag und eine unkontrollierte Teil-Annihilation im Reaktorblock.“
Kyle spürte, wie sich sein Magen zusammenzog. Eine unkontrollierte Annihilation im Reaktorblock war kein Problem, das sich durch eine improvisierte Reparatur an einem beliebigen Relais lösen ließ. Die Zeitangabe war ebenfalls alarmierend. Wenn die Notbatterien tatsächlich nur noch wenige Stunden durchhielten, mussten sie die Stabilisierung des Reaktors vor allen anderen Arbeiten priorisieren.
„Maßnahme: Wir müssen die Reaktorkammer manuell mit Stickstoff spülen und die Magnetspulen neu kalibrieren, bevor an ein Hochfahren auch nur zu denken ist.“
Kyle versuchte, die Informationen in eine sinnvolle Reihenfolge zu bringen. Die Lebenserhaltung brauchte Aufmerksamkeit, die Sensoren mussten wieder Strom erhalten, und der Reaktor durfte keinesfalls außer Kontrolle geraten. Gleichzeitig konnten sie die Rumpfschäden nicht ignorieren. Es war eine Liste, die sich nicht einfach abarbeiten ließ, weil einige Punkte voneinander abhingen und andere möglicherweise keinen Aufschub duldeten.
„Rumpfstruktur und Integrität. Status: strukturelle Integrität bei achtundsechzig Prozent.“
Kyle schloss für einen Moment die Augen. Achtundsechzig Prozent. Er hätte sich einen besseren Wert gewünscht.
„Diagnose: Die asymmetrischen Gravitationsgradienten und Gezeitenkräfte beim Fehlsprung haben dem Rumpf stark zugesetzt. Die Primärspanten im Bug- und Mittelbereich weisen Haarrisse auf.“
Die Beschreibung passte zu den Belastungen, die ein fehlgeschlagener Sprung auf die Struktur ausgeübt haben musste. Kyle konnte nur anhand der Diagnose beurteilen, wie ernst die Lage war. Er wusste nicht, wie weit sich die Risse ausgedehnt hatten oder welche zusätzlichen Belastungen die Hülle noch verkraftete.
„Schadensstelle: In Sektion C-4, im Frachtraumbereich, hat sich eine Schweißnaht geöffnet. Dort herrscht absolutes Vakuum. Die äußere Panzerung hat Mikrometeoriten-Einschläge und Plasmaablagerungen abbekommen, die ihre Radarabsorptionsfähigkeit zerstören.“
Die geöffnete Schweißnaht war ein unmittelbares Problem. Ein Bereich des Schiffs war bereits dem Vakuum ausgesetzt, und ohne genauere Informationen über die Trennschotten ließ sich nicht sagen, ob die Schäden weitere Sektionen gefährdeten. Dass auch die äußere Panzerung beschädigt war, bedeutete zusätzliche Arbeit, selbst wenn sie den Rumpf vorerst stabilisieren konnten.
„Maßnahme: Vermeiden Sie jegliche abrupten Steuerungsmanöver. Jede unnötige Belastung des Rumpfes könnte die Mikrorisse zu katastrophalen Rissen erweitern.“
Kyle ließ die Informationen einen Augenblick auf sich wirken. Das Schiff war schwer beschädigt, die Sensoren waren ausgefallen, die Schilde nicht verfügbar, der Sprungantrieb zerstört und der Reaktor auf seine Notversorgung angewiesen. Sie wussten nicht, wo sie waren, und konnten die Umgebung nicht zuverlässig erfassen. Selbst ein vorsichtiges Manöver konnte die Rumpfstruktur zusätzlich belasten.
„Mit anderen Worten: Wir können keine Außenreparaturen durchführen.“
Valerie verneinte. Ihre Antwort kam sachlich und ohne jede Beschönigung. „Die Notausstiegsluke im Korridor ist unbeschädigt. Ein Ausstieg ist jedoch bei Ihren Verletzungen nicht empfehlenswert. Ebenso wenig kann ich die strukturelle Sicherheit für Arbeiten an der Außenhülle gewährleisten.“
Kyle verzog das Gesicht. Die KI hatte recht. Selbst wenn die Luke intakt war, machte das einen Ausstieg nicht automatisch sinnvoll. Mit seinen Verletzungen und ohne vollständige Lageerfassung konnte er sich kaum vorstellen, draußen mehr auszurichten als sich selbst in zusätzliche Gefahr zu bringen. Elena war ebenfalls verletzt. Sie konnten es sich nicht leisten, einen von ihnen bei einer improvisierten Außenreparatur zu verlieren.
Noch bevor er darauf antworten konnte, öffnete sich das Schott der Krankenkabine. Elena trat ein. Ihr Weltraumanzug hob sich dunkel von der blassen Beleuchtung ab, und sie trug seinen Raumanzug bei sich. Ihr Blick fiel auf Kyle, dann auf die Konsole. Offenbar hatte sie genug von seinem Gesichtsausdruck gesehen, um zu ahnen, dass er sich bereits wieder mit einem Problem beschäftigte.
„Was für einen Unsinn hast du jetzt wieder vor?“
Kyle wollte sich aufrichten, um ihr entgegenzusehen. Kaum spannte er jedoch die Bauchmuskulatur an, fuhr ihm ein heftiger Schmerz durch den Oberkörper. Er brach die Bewegung ab und sank zurück auf das Kissen. Sein Gesicht verzog sich, bevor er die Reaktion unter Kontrolle bringen konnte.
„Ausnahmsweise keinen.“
Er wartete, bis der Schmerz etwas nachließ. Die Bemerkung war nicht ganz die Wahrheit, denn er hatte durchaus überlegt, wie sie die notwendigen Arbeiten angehen konnten. Aber zumindest hatte er noch keinen Entschluss gefasst, der ihn dazu gebracht hätte, trotz seiner Verletzungen in den Wartungsschacht zu kriechen oder durch die Notausstiegsluke nach draußen zu steigen. Elena blieb in seiner Nähe stehen. Kyle konnte nicht mit Sicherheit sagen, ob sie ihm glaubte. Ihr Blick wanderte kurz zu seinem Gesicht und anschließend zur Konsole. Er beschloss, sie nicht länger im Unklaren zu lassen. Wenn sie die Schäden der X überleben wollten, mussten sie beide dieselben Informationen haben. Er bat Valerie, den Reparaturplan noch einmal zusammenzufassen, diesmal mit besonderem Augenmerk auf die dringendsten Gefahren und die erforderlichen Maßnahmen. Während die KI die Diagnose erneut aufbereitete, blieb Kyle liegen und hörte aufmerksam zu. Er würde sich später um die Einzelheiten kümmern müssen, sobald er sich wieder bewegen konnte. Im Augenblick war es wichtiger, dass Elena und er sich auf eine gemeinsame Reihenfolge verständigten. Die X konnte nicht warten, bis ihre Verletzungen verheilt waren. Und sie konnten es sich nicht leisten, einen falschen Schritt zu machen.

Elena stellte Kyles Weltraumanzug neben dem Untersuchungsbett ab. Ihr Blick fiel auf die Systemübersicht der X, die auf der Konsole geöffnet war, und anschließend auf Kyle, der mit angespanntem Gesicht auf dem Rücken lag.
„Was für einen Unsinn hast du jetzt wieder vor?“
Kyle versuchte, sich aufzurichten. Der heftige Schmerz, der ihm dabei durch den Oberkörper fuhr, zwang ihn jedoch, die Bewegung abzubrechen. Er sank zurück auf das Kissen und wartete, bis er wieder gleichmäßig atmen konnte.
„Ausnahmsweise keinen.“
Elena hob eine Augenbraue, ließ die Bemerkung aber unkommentiert. Sie trat an die Konsole und überflog die Diagnoseanzeigen. Die vielen Warnfelder machten auf den ersten Blick deutlich, dass Kyles ursprünglicher Reparaturplan nicht ausreichen würde.
„Valerie, fasse die kritischen Schäden und die daraus folgenden Arbeitsschritte kurz zusammen.“
Die Bord-KI stellte die wichtigsten Ergebnisse zusammen. Die Lebenserhaltung lief auf Notreserven, die Strahlungsbelastung der Besatzung musste noch genauer bestimmt werden, und der Materie-Antimaterie-Generator befand sich nach erfolgreicher Notabschaltung in einem instabilen Zustand, dessen Sicherheit nicht garantiert werden konnte. Die Magnetspulen wurden nur durch chemische Notbatterien versorgt. Der Sprungantrieb war irreparabel zerstört, die Schilde waren ausgefallen, und die Unterlichttriebwerke blieben wegen eines Lecks im Kühlsystem gesperrt. Die passiven Infrarot- und Gravimetrik-Sensoren waren dagegen noch intakt. Um sie zu aktivieren, mussten sie Relais Beta-7 im Wartungsschacht überbrücken. Zusätzlich war der Rumpf schwer beschädigt; insbesondere die geöffneten Schweißnähte und die Haarrisse in den Primärspanten machten abrupte Manöver und Außenarbeiten zu einem erheblichen Risiko.
Elena betrachtete die Anzeigen einige Sekunden lang. Sie musste nicht jedes Detail erneut hören, um die Konsequenzen zu verstehen. Die Reaktorsicherheit hatte Vorrang, während die Lebenserhaltung und die medizinische Lage kontinuierlich überwacht werden mussten. Die Sensoren waren der nächste konkrete Ansatzpunkt, um die Kontrolle über das Schiff zurückzugewinnen.
„Kannst du den Reaktorzustand stabil halten, bis wir die notwendigen Arbeiten durchführen?“
„Ich kann die verfügbaren Messwerte kontinuierlich überwachen und innerhalb meiner noch funktionsfähigen Steuerungsbereiche reagieren. Eine Garantie für die Stabilität der magnetischen Einschließung kann ich nicht geben.“
Kyle richtete den Blick auf die Konsole. „Wie viel Zeit haben wir, bevor die Notbatterien ausfallen?“
„Eine belastbare Restlaufzeit lässt sich aufgrund der beschädigten Mess- und Steuerungssysteme derzeit nicht bestimmen. Die thermische Belastung der Einschlusskammern bleibt kritisch.“
Kyle fluchte leise. Elena konnte ihm den Ärger nicht verdenken. Ohne verlässliche Werte konnten sie weder den Zeitdruck einschätzen noch einen sicheren Ablauf festlegen. Trotzdem mussten sie mit den Daten arbeiten, die ihnen zur Verfügung standen.
„Dann brauchen wir eine bessere Diagnose, bevor wir den Reaktor anfassen“, sagte sie. „Und wir müssen die Sensoren wieder in Betrieb nehmen.“
Kyle sah sie an. „Du willst erst Beta-7 überbrücken?“
„Ich will nicht blind an einem überhitzten Reaktor arbeiten. Wenn die passiven Sensoren noch funktionieren, sollten wir sie nutzen.“
Er schien kurz darüber nachzudenken. Schließlich nickte er. „Einverstanden. Aber bevor du losgehst, soll Valerie den Zugang und die Energieverteilung prüfen. Wir können uns keine zweite beschädigte Leitung leisten.“
Elena rief den Lageplan des Schiffs auf. Die Route zum Wartungsschacht war kurz und führte nach den verfügbaren Daten nicht durch Sektion C-4, wo die geöffnete Schweißnaht den Frachtraum dem Vakuum aussetzte. Dennoch waren einige angrenzende Bereiche wegen ausgefallener Sensoren nicht vollständig überprüfbar.
„Valerie, prüfe den Zugang zu Beta-7 und die zugehörigen Leitungen. Ich brauche den Schaltplan der Notstromverteilung und alle verfügbaren Statusdaten des Wartungsschachts.“
„Die Daten werden bereitgestellt, Kho-Shōsa.“
Auf der Konsole erschien eine schematische Darstellung des Leitungsnetzes. Elena vergrößerte den Abschnitt um das Relais und verglich die Anschlussbezeichnungen mit der Übersicht der Notstromkreise. Eine direkte Überbrückung war vorgesehen, allerdings musste sie darauf achten, keine anderen lebenswichtigen Systeme von ihrer Versorgung abzuschneiden.
Kyle verfolgte die Anzeige vom Bett aus. Seine Verletzungen hinderten ihn daran, selbst zur Konsole zu gehen, aber er konnte die Schaltpläne lesen und die Arbeit koordinieren. Elena kannte seine Fähigkeiten gut genug, um sich auf seine Einschätzung zu verlassen, solange er sich auf die Aufgaben beschränkte, die er in seinem Zustand tatsächlich bewältigen konnte.
„Der Notstromkreis für die medizinischen Systeme darf nicht unterbrochen werden“, sagte er. „Prüfe, ob Beta-7 eine gemeinsame Versorgung mit der Krankenkabine hat.“
Elena öffnete die entsprechende Ansicht und ließ Valerie die Verbindung verfolgen. Die Leitungen waren teilweise beschädigt, doch die verfügbaren Daten zeigten, dass sich der Sensorstromkreis separat zuschalten ließ. Sie prüfte die Zuordnung ein zweites Mal, bevor sie die Anzeige schloss.
„Der medizinische Stromkreis bleibt unangetastet. Ich gehe zum Relais.“
Sie griff nach ihrem tragbaren Terminal und kontrollierte die Temperaturanzeige ihres Weltraumanzugs. Die innere Wärmeregelung arbeitete stabil. Ihre Rippen schmerzten bei jeder Bewegung, und die Verbände an ihren Armen spannten unter dem Material. Sie würde langsam arbeiten müssen. Dennoch war sie beweglicher als Kyle, und es gab keinen vernünftigen Grund, ihn trotz seiner Verletzungen aus dem Bett zu holen.
Bevor sie die Krankenkabine verließ, wandte sie sich noch einmal an Valerie. „Überwache währenddessen die Lebenserhaltung und die Reaktordaten. Wenn sich die Werte verschlechtern, unterbrich alle nicht notwendigen Vorgänge und melde es sofort.“
„Bestätigt.“
Elena verließ die Krankenkabine. Der Verbindungsgang lag im gedämpften Licht der Notbeleuchtung. Die Geräusche der Lebenserhaltung waren leise, aber unregelmäßig genug, dass sie bei jedem Schritt darauf aufmerksam wurde. An einer Wand verliefen mehrere schmale Wartungsabdeckungen. Einige saßen nicht mehr bündig in ihren Rahmen, und über einer Fuge zog sich ein dunkler Streifen, der von der thermischen Belastung beim Feldkollaps stammen konnte. Sie hielt sich an der Wand, ohne sich unnötig darauf abzustützen, und erreichte nach wenigen Minuten den Wartungsschacht. Der Zugang war frei. Sie öffnete die Abdeckung und leuchtete mit der integrierten Lampe ihres Anzugs in den engen Raum. Dahinter lagen die Leitungen der Notstromverteilung, dicht nebeneinander in Halterungen geführt. Einige Isolierungen waren verfärbt, doch das Relais selbst schien äußerlich intakt. Elena kniete sich vorsichtig hin. Schon die Haltung zog unangenehm an ihren Rippen. Sie verlagerte ihr Gewicht, bis sie eine Position gefunden hatte, in der sie arbeiten konnte, ohne den Oberkörper zu stark zu verdrehen. Dann öffnete sie die Sicherungsabdeckung des Relais und verglich die Anschlussbezeichnungen mit dem Schaltplan auf ihrem Terminal.
„Valerie, bestätige die Belegung von Beta-7.“
Die KI blendete die zugehörigen Leitungen ein. Elena verfolgte jede Verbindung einzeln und prüfte, ob die angegebenen Anschlüsse mit der tatsächlichen Anordnung übereinstimmten. Die erste Leitung führte zum Notstromverteiler, die zweite zu den passiven Sensoren. Eine dritte Verbindung gehörte zu einem getrennten Steuerkreis, den sie nicht verändern durfte. Sie legte das Werkzeug bereit und löste die Sicherung des betroffenen Stromkreises. Die Anzeige auf ihrem Terminal wechselte auf spannungsfrei. Erst nachdem Valerie den Zustand bestätigt hatte, begann sie mit der Überbrückung. Der Anschluss saß fest. Elena musste das Werkzeug neu ansetzen, um die Verriegelung zu lösen. Dabei geriet sie mit dem Unterarm gegen eine scharfe Kante der geöffneten Abdeckung. Der Druck auf die verbrannte Haut ließ sie scharf einatmen. Sie hielt inne, zog den Arm zurück und wartete, bis der Schmerz nachließ.
„Bèndàn“, murmelte sie.
Sie kontrollierte den Verband. Es war nichts aufgerissen, und es gab keinen Grund, die Arbeit abzubrechen. Dennoch erinnerte sie der Zwischenfall daran, dass sie nicht so belastbar war wie sonst. Sie zwang sich, langsamer vorzugehen, statt den Anschluss mit zusätzlicher Kraft zu lösen. Nach wenigen Minuten war die Verbindung hergestellt. Elena kontrollierte die Kontakte, setzte die Sicherung wieder ein und schaltete den Stromkreis zu. Auf ihrem Terminal erschien zunächst eine Warnmeldung, dann wechselte der Status auf aktiv.
„Relais Beta-7 ist überbrückt“, meldete sie. „Die passive Sensorik kann zugeschaltet werden.“
„Bestätigt, Kho-Shōsa. Die Sensorversorgung wird aktiviert.“
Elena wartete, bis die Stromaufnahme stabil blieb. Anschließend schloss sie die Abdeckung, sicherte sie und überprüfte den Bereich ein letztes Mal. Die Arbeit war klein gewesen, aber sie hatte sie gezwungen, jeden Schritt sorgfältig auszuführen. Ein falsch angeschlossener Stromkreis hätte die Notversorgung weiter belastet oder zusätzliche Systeme beschädigen können. Auf dem Rückweg zur Krankenkabine musste sie einmal anhalten, um den Schmerz in ihren Rippen abklingen zu lassen. Sie lehnte sich nicht gegen die Wand, sondern blieb aufrecht stehen und atmete flach, bis sie wieder weitergehen konnte. Die Verzögerung ärgerte sie, doch sie wusste, dass sie sich durch Eile nur selbst gefährden würde. Als sie die Krankenkabine betrat, lag Kyle noch immer auf dem Untersuchungsbett. Die Konsole neben ihm zeigte inzwischen mehrere aktive Sensoranzeigen. Er hatte die Arme neben dem Körper abgelegt, und sein Blick war auf die neu eintreffenden Daten gerichtet.
„Die Sensoren sind wieder online“, sagte Elena. Sie trat neben ihn und öffnete die Systemübersicht.
„Nicht alle“, erwiderte Kyle. „Aber immerhin können wir wieder etwas sehen.“
Elena ließ sich auf der Konsole die ersten Ergebnisse anzeigen. Die passive Infraroterfassung lieferte mehrere unvollständige Messreihen, während die Gravimetrik-Sensoren nach der Aktivierung noch kalibriert wurden. Das Hauptradar blieb ausgefallen, ebenso die primäre Optronik im Bug. Trotzdem war die Datenlage deutlich besser als zuvor.
„Valerie, gleiche die neuen Messwerte mit den letzten bekannten Navigationsdaten und den gespeicherten Sprungparametern ab. Kennzeichne alle Ergebnisse, die wegen der beschädigten Systeme unsicher sind.“
„Der Abgleich wird durchgeführt.“
Elena zog einen zweiten Diagnosebereich auf, während Kyle die gespeicherten Flugprotokolle öffnete. Sie arbeiteten nebeneinander, ohne dass einer dem anderen die einzelnen Schritte erklären musste. Kyle prüfte die Navigationsdaten und die letzten bekannten Parameter des Sprungs. Elena konzentrierte sich auf die Sensorqualität, die Kalibrierung und mögliche Fehlerquellen. Wo die Messwerte unvollständig waren, markierten sie die Ergebnisse als vorläufig, statt eine vermeintlich genaue Position aus unzureichenden Daten abzuleiten. Die ersten Vergleiche brachten keine eindeutige Lösung. Mehrere Messreihen wichen von den gespeicherten Erwartungen ab, doch die Sensoren hatten noch nicht alle ihre Betriebsparameter erreicht. Elena passte die Auswertung an und ließ die Kalibrierung erneut laufen. Währenddessen überwachte Valerie die Energieaufnahme der wieder zugeschalteten Sensoren. Ein kurzer Signalton kündigte den Abschluss der nächsten Messreihe an.
„Die Kalibrierung der passiven Sensoren ist abgeschlossen. Die Datenqualität bleibt eingeschränkt, doch die Messwerte sind innerhalb der verfügbaren Toleranzen stabil.“
Kyle beugte sich etwas zur Konsole. Die Bewegung war gering, reichte aber aus, dass sich sein Gesicht vor Schmerz anspannte. Elena bemerkte es und schob die Anzeige so, dass er sie besser sehen konnte, ohne sich weiter bewegen zu müssen.
„Die Position?“
Valerie legte den Abgleich über die gespeicherten Navigationsdaten. Mehrere Werte wurden hervorgehoben, während andere wegen fehlender Referenzdaten ausgegraut blieben.
„Der aktuelle Messdatensatz ist mit der berechneten Zielposition nicht vereinbar. Die Abweichung überschreitet die verfügbare Fehlertoleranz. Eine verlässliche Positionsbestimmung ist mit den derzeitigen Daten nicht möglich.“
Elena starrte auf die Anzeige. Sie hatte erwartet, dass die ersten Messungen unvollständig sein würden. Dass die Abweichung jedoch so deutlich ausfiel, bedeutete, dass sie ihre bisherigen Annahmen nicht länger als Grundlage für weitere Berechnungen verwenden konnten. Kyle schwieg einen Moment. Dann schloss er die gespeicherte Sprungsequenz und rief stattdessen die aktuellen Sensorwerte auf.
„Dann bauen wir die Positionsbestimmung von den Messdaten aus neu auf. Keine Annahmen, die wir nicht überprüfen können.“
Elena nickte. Das war die richtige Entscheidung. Sie hatten die Sensoren wieder in Betrieb genommen, aber noch keine vollständige Lageerfassung. Die nächsten Schritte würden davon abhängen, welche Daten sich zuverlässig gewinnen ließen. Sie speicherte die aktuelle Diagnose und kehrte zur Übersicht der beschädigten Systeme zurück. Die Sensorreparatur war abgeschlossen, doch der Reaktor blieb kritisch, die Lebenserhaltung hing weiterhin von den Notreserven ab, und die Unterlichttriebwerke waren wegen des undichten Kühlkreislaufs gesperrt. Sie mussten nun entscheiden, wie sie den Reaktor stabilisierten und welche Arbeiten sie selbst übernehmen konnten, ohne ihre Verletzungen zu verschlimmern. Kyle betrachtete die Liste und rieb mit den Fingerspitzen über die Kante des Bettgestells. Er schien bereits nach dem nächsten Schritt zu suchen.
„Sobald wir die Reaktordaten genauer ausgewertet haben, kümmern wir uns um die Einschlusskammern“, sagte er. „Ich kann die Diagnose und die Steuerungsabläufe von hier aus überwachen. Du führst die Arbeiten vor Ort durch, sofern die medizinische Untersuchung das zulässt.“
Elena sah ihn an. „Sofern die medizinische Untersuchung das zulässt, werde ich überhaupt erst entscheiden, wie viel ich vor Ort übernehmen kann. Du bleibst hier, bis du dich wieder bewegen kannst, ohne dir dabei den Oberkörper zu zerreißen.“
„Ich hatte nicht vor, in den Wartungsschacht zu kriechen.“
„Gut. Dann sind wir uns ausnahmsweise einig.“
Kyle verzog den Mund zu einem schwachen Lächeln. Elena wandte sich wieder der Konsole zu und rief die Reaktordiagnose auf. Die neuen Sensorwerte würden ihnen möglicherweise helfen, den Zustand der Energieverteilung besser zu beurteilen. Noch war nicht klar, wie viel davon sich tatsächlich rekonstruieren ließ. Aber sie hatten einen ersten Defekt behoben, ohne die übrigen Systeme zu gefährden, und die X war nicht länger vollständig blind. Für den Augenblick musste das genügen. Als Nächstes wartete der Reaktor, und dort konnten sie sich keinen Fehler leisten.

Das schwache Licht der Wartungsanzeige spiegelte sich auf Elenas Visier, während sie die letzte Verbindung des Relais Beta-7 überprüfte. Der Schacht war eng genug, dass sie sich seitlich drehen musste, um mit beiden Händen an die Kontakte zu gelangen. Bei jeder Bewegung zog ein dumpfer Schmerz durch ihre Rippen. Sie ignorierte ihn so gut es ging und prüfte stattdessen die Verbindung ein weiteres Mal, bevor sie die Abdeckung zurückschob.
„Valerie, Status der passiven Sensoren.“
„Die Verbindung zum Infrarot- und Gravitationssensor ist hergestellt. Beide Systeme erhalten Notstrom. Die Datenübertragung zur Brücke läuft.“
Elena schob sich aus dem Wartungsschacht und richtete sich vorsichtig auf. Der Druck ihres Raumanzugs verteilte sich gleichmäßig um ihren Körper, doch die Verletzungen darunter machten jede Drehung unangenehm. Sie stützte eine Hand gegen die Wand, bis der Schmerz nachließ, und machte sich dann auf den Rückweg zur Krankenstation. Dort lag Kyle noch auf der Liege, den Oberkörper leicht angehoben. Neben ihm schwebte die Projektion der Systemübersicht, die Valerie auf die Wand übertragen hatte.
„Die Sensoren arbeiten wieder“, sagte Elena. „Die Hauptoptik und das Radar sind weiterhin ausgefallen. Aber wir sollten zumindest erkennen können, was sich in unserer unmittelbaren Umgebung befindet.“
Kyle betrachtete die neu eingeblendeten Messwerte. Seine Stirn legte sich in Falten, als die ersten Datenreihen vollständig erschienen. Die Anzeigen waren verrauscht, doch die grundlegenden Signale ließen sich voneinander trennen. Es gab keine verlässliche optische Aufnahme des Schiffs und keine Radarabbildung, die ihnen eine klare Orientierung ermöglicht hätte. Trotzdem war es mehr, als sie noch vor wenigen Minuten besessen hatten.
„Vergleiche die aktuellen Messungen mit den berechneten Sprungzielkoordinaten“, sagte er. „Berücksichtige die Abweichungen, die durch den Ausfall des Antriebs entstanden sein könnten.“
„Der Vergleich läuft“, antwortete Valerie. „Die verfügbaren Daten reichen nicht aus, um eine genaue Position zu bestimmen.“
Auf der Projektion verschoben sich mehrere Referenzlinien. Kyle beugte sich näher heran, soweit es seine Verletzungen zuließen. Dann hielt er inne. Die angezeigten Werte passten nicht zu den Erwartungen, die sich aus dem geplanten Sprung und den letzten bekannten Flugparametern ergaben. Das allein bewies noch nicht, wo sie sich befanden. Die Sensoren konnten fehlerhafte Daten liefern, und die gewaltsame Unterbrechung des Sprungs hatte möglicherweise Messsysteme beschädigt, deren Ausfälle noch nicht erkannt worden waren.
„Markiere die Abweichung und sichere sämtliche Rohdaten. Keine automatische Korrektur und keine Schätzung, die nicht ausdrücklich als solche gekennzeichnet ist.“
„Bestätigt.“
Elena betrachtete die Zahlen einen Moment länger. Sie wollte fragen, ob die Messungen tatsächlich so weit von den Erwartungen abwichen, wie es den Anschein hatte. Doch Kyle hatte bereits dieselbe Unsicherheit erkannt. Eine voreilige Schlussfolgerung würde ihnen nicht helfen. Sie mussten zunächst sicherstellen, dass das Schiff nicht schon in den nächsten Minuten an einem anderen, unmittelbareren Problem scheiterte.
„Wir brauchen eine stabile Energieversorgung“, sagte sie. „Sonst verlieren wir die Sensoren wieder, sobald die Notstromkreise überlastet werden.“
Kyle nickte und ließ die Projektion auf die Energieverteilung wechseln. Die Warnmeldungen des Materie-Antimaterie-Generators standen weiterhin im Vordergrund. Die automatische Abschaltung hatte den Zufluss der Antimaterie unterbrochen, doch die magnetischen Haltespulen wurden nur noch von den chemischen Notbatterien versorgt. Die angezeigte Restkapazität war beunruhigend niedrig.
„Wie viel Zeit bleibt uns, bevor die Spulen ihre Haltekraft verlieren?“, fragte er.
„Die verbleibende Betriebsdauer lässt sich aufgrund der thermischen Belastung nicht zuverlässig bestimmen. Ein Versagen innerhalb weniger Minuten kann nicht ausgeschlossen werden.“
Elena fluchte leise in ihrem Helm. Die Reparatur der Energieversorgung war keine Aufgabe, die sich mit einem schnellen Neustart erledigen ließ. Im Reaktorblock mussten sie die Atmosphäre kontrolliert verdrängen, die überhitzten Komponenten prüfen und die magnetischen Spulen neu kalibrieren. Ein Fehler bei diesem Vorgang konnte den Reaktor beschädigen oder eine unkontrollierte Teilvernichtung auslösen. Trotzdem konnten sie nicht länger warten. Kyle versuchte, sich weiter aufzurichten, doch der Schmerz zwang ihn, die Bewegung abzubrechen. Seine Finger krallten sich kurz in den Rand der Liege. Elena sah es aus dem Augenwinkel und trat näher.
„Du bleibst hier und koordinierst die Arbeiten. Ich gehe zum Reaktor.“
„Du solltest deine Verletzungen untersuchen lassen.“
„Sobald uns der Reaktor nicht mehr um die Ohren fliegt.“
Sie wartete nicht auf eine Antwort. Kyle verzog den Mund, widersprach aber nicht. Elena kannte diesen Ausdruck gut genug, um zu wissen, dass er ihre Entscheidung nicht für vernünftig hielt. Im Augenblick war ihr allerdings wichtiger, dass er die Systemübersicht im Blick behielt und die nächsten Schritte koordinierte. Der Weg zum Reaktorblock führte sie durch einen Korridor, dessen Notbeleuchtung in unregelmäßigen Abständen aufflackerte. Die Deckenverkleidung hatte sich an einer Stelle gelöst und hing schräg herab. Bei jedem leichten Schiffsgeräusch vibrierte sie gegen eine Strebe. Elena bewegte sich vorsichtig, hielt sich an den Wandgriffen fest und vermied es, den Oberkörper abrupt zu drehen. Die beschädigten Rumpfstrukturen ließen keinen Raum für unnötige Belastungen, weder für das Schiff noch für ihre eigenen Rippen. Vor der Schleuse zum Reaktorblock blieb sie stehen und rief die lokale Diagnose auf. Die Verriegelung meldete keine mechanischen Schäden. Dahinter waren die Warnanzeigen des Reaktors durch die kleine Sichtscheibe zu erkennen. Das Licht pulsierte in einem langsamen, unregelmäßigen Rhythmus, während die Statusanzeige die magnetische Eindämmung als kritisch einstufte.
„Valerie, öffne die äußere Schleuse und starte die vorbereitete Stickstoffspülung. Die innere Tür bleibt verriegelt, bis der Druckausgleich bestätigt ist.“
„Die Stickstoffversorgung ist verfügbar. Ich muss darauf hinweisen, dass der Reaktorblock derzeit nicht als sicherer Arbeitsbereich eingestuft werden kann.“
„Hinweis verstanden. Führe die Spülung aus.“
Die Schleuse gab mit einem tiefen metallischen Klicken nach. Elena kontrollierte die Werte ihres Raumanzugs und trat ein. Im Reaktorblock war die Temperatur deutlich höher als in den übrigen Bereichen des Schiffs. Die Luft in ihrem Helm blieb dank der internen Versorgung angenehm, doch durch die Stiefel spürte sie die Vibrationen des Decks. Ein tiefer, kaum hörbarer Ton lag in der Konstruktion, als würden die überlasteten Systeme gegen einen unsichtbaren Widerstand arbeiten. Sie befestigte eine Sicherungsleine an einer Wandöse und öffnete die Wartungsverkleidung der magnetischen Haltespulen. Hinter der Abdeckung verliefen Bündel aus Energieleitungen und Steuerkabeln um die zylindrische Einfassung des Reaktorkerns. Einige Isolierungen waren verfärbt, an zwei Anschlüssen waren feine Risse zu erkennen. Die Messwerte bestätigten, dass die Spulen nicht gleichmäßig arbeiteten. Eine erneute Aktivierung ohne Kalibrierung wäre unverantwortlich gewesen.
„Kyle, ich habe die Spulensteuerung vor mir. Die thermische Rückkopplung hat mehrere Regelkreise aus dem Toleranzbereich gedrückt. Ich trenne die betroffenen Steuerleitungen und kalibriere die Spulen einzeln.“
Seine Stimme kam mit leichter Verzögerung über den Helmkanal. „Verstanden. Ich überwache die Werte von der Krankenstation. Valerie soll dich sofort warnen, wenn sich die Haltekraft verändert.“
Elena isolierte den ersten Regelkreis und wartete, bis die Anzeige den sicheren Zustand bestätigte. Dann arbeitete sie sich Anschluss für Anschluss vor. Ihre Handschuhe waren für die feineren Wartungsarbeiten weniger geeignet als bloße Hände, aber sie würde den Raumanzug unter diesen Bedingungen nicht ablegen. Sie musste sich auf die Rückmeldungen des Diagnosegeräts verlassen und jede Einstellung doppelt kontrollieren. Die Zahlen auf dem kleinen Display sprangen gelegentlich, wenn der Reaktor eine neue thermische Schwankung registrierte. Die erste Spule ließ sich neu kalibrieren. Bei der zweiten musste Elena den Sollwert manuell korrigieren, weil der automatische Abgleich wiederholt abbrach. Sie hielt den Atem an, während die Messwerte sich langsam stabilisierten. Als auch die dritte Spule innerhalb der zulässigen Abweichung lag, meldete Valerie, dass die magnetische Eindämmung wieder ein gleichmäßigeres Feld aufbaute. Die Gefahr war damit nicht vollständig beseitigt, aber die Haltekraft fiel nicht länger unkontrolliert ab.
„Die Spulen sind stabil“, meldete Elena. „Ich bereite den Reaktor für den Neustart vor.“
„Die chemischen Notbatterien liegen noch oberhalb der Mindestspannung“, sagte Kyle. „Du hast ein begrenztes Zeitfenster, bevor wir die Energieversorgung übernehmen müssen.“
Elena schloss die Wartungsverkleidung und überprüfte die Stickstoffspülung. Die Atmosphäre im Reaktorraum war inzwischen auf den vorgesehenen Wert abgesenkt. Sie bestätigte die Verriegelungen, prüfte die Abschaltung der Antimateriezufuhr und gab den kontrollierten Neustart frei. Der Generator reagierte zunächst nur mit einer Reihe kurzer Warnsignale. Dann wechselte die Anzeige von Rot zu Gelb, während die ersten Messwerte der neu gestarteten Systeme einliefen. Ein schweres Vibrieren lief durch das Deck. Elena hielt sich an der Konsole fest und beobachtete, wie sich die Leistungsanzeige langsam erhöhte. Die magnetischen Spulen hielten das Feld. Die Temperatur stieg noch an, erreichte dann jedoch einen stabileren Verlauf. Erst als Valerie die Energieabgabe als kontrolliert bestätigte, ließ Elena die Schultern ein wenig sinken.
„Reaktor läuft wieder im eingeschränkten Betrieb“, meldete sie. „Keine Freigabe für den Sprungantrieb. Der bleibt abgeschaltet.“
„Das war ohnehin keine Option mehr“, antwortete Kyle. „Kümmere dich um die Lebenserhaltung. Ich überprüfe parallel die Energieverteilung.“
Elena sicherte die Wartungsklappe und löste die Sicherungsleine. Ihre Rippen schmerzten stärker als zuvor. Beim Zurückgehen musste sie sich zwingen, das Tempo nicht zu erhöhen. Sie wollte zur Krankenstation zurück, doch zuerst musste die Lebenserhaltung aus dem Notbetrieb geholt werden. Ohne zuverlässige Atmosphäre, Temperaturregelung und Luftaufbereitung würde der wiederhergestellte Generator ihnen nur wenig nützen. Die zentrale Lebenserhaltungsanlage lag in einem Technikraum nahe der mittleren Sektion. Als Elena eintraf, zeigte die Steuerkonsole weiterhin eine Rückkopplungsstörung an. Die primäre Atmosphärenaufbereitung war nach dem Energiefehler ausgefallen; das Schiff hielt die Kabinenbedingungen mit seinen Notreserven aufrecht. Die Werte waren noch akzeptabel, aber die Reserven waren nicht dafür ausgelegt, ein beschädigtes Schiff über längere Zeit zu versorgen. Elena öffnete die Diagnose und ließ sich den Verlauf des Ausfalls anzeigen. Der Fehler lag nicht in der gesamten Anlage, sondern in der Verbindung zwischen der Energieverteilung und der primären Verarbeitungseinheit. Eine direkte Wiederherstellung der alten Konfiguration würde riskieren, dass die Rückkopplung erneut auftrat. Sie musste den fehlerhaften Zweig isolieren und die Anlage über den stabilen Notstromverteiler neu aufschalten.
„Valerie, trenne die primäre Verarbeitungseinheit vom beschädigten Energiezweig. Die Steuerung soll vorerst über den Notstromverteiler laufen. Danach führe einen schrittweisen Funktionstest durch.“
„Der fehlerhafte Zweig ist isoliert. Die Lebenserhaltungsanlage kann mit reduzierter Leistung neu gestartet werden.“
Elena bestätigte den Neustart. Die Lüfter liefen zunächst ruckartig an, verstummten kurz und setzten dann mit einem gleichmäßigen Brummen wieder ein. Auf der Konsole bewegten sich die Anzeigen für Sauerstoffgehalt, Kohlendioxidabscheidung und Temperaturregelung langsam in Richtung ihrer Sollwerte. Sie überprüfte die Messungen aus mehreren Sektionen, bevor sie die Anlage auf die höchste verfügbare Leistung schaltete. Die Werte blieben stabil.
„Lebenserhaltung ist wieder funktionsfähig“, sagte sie. „Noch nicht vollständig redundant, aber die Notreserven werden nicht länger allein belastet.“
„Gut. Wir brauchen sie für die Reparaturen, die wir nicht umgehen können.“
Elena schloss die Diagnose und stützte sich einen Moment gegen die Konsole. Der Erfolg nahm ihr nicht die Erschöpfung, und das gleichmäßige Summen der Anlage ließ die Schäden ringsum nicht weniger bedrohlich wirken. Aber das Schiff verfügte wieder über eine verlässlichere Atmosphäre und eine stabilisierte Energiequelle. Damit konnten sie sich dem konventionellen Antrieb zuwenden. Die Kühlmittelleitung der Antriebssektion war bei der fehlgeschlagenen Sprungsequenz beschädigt worden. Die Impulstriebwerke selbst waren mechanisch intakt, doch die automatische Sicherheitsverriegelung verhinderte jeden Start. Elena ließ sich von Valerie den Verlauf des Lecks anzeigen und begab sich zur entsprechenden Wartungsstation. Dort war der Boden mit einer dünnen Schicht gefrorener Rückstände überzogen. An einer Leitung hatte sich eine Verbindung gelöst; das Kühlmittel war in den isolierten Wartungsbereich entwichen und hatte eine Reihe von Sensoren mit einer frostigen Ablagerung überzogen. Sie sperrte den betroffenen Kühlkreislauf ab und prüfte die angrenzenden Leitungen auf weitere Druckverluste. Der Schaden ließ sich eingrenzen. Eine vollständige Reparatur unter den gegebenen Bedingungen wäre zu aufwendig gewesen, aber sie konnte den defekten Abschnitt isolieren und den verbliebenen Kühlkreislauf so konfigurieren, dass die Triebwerke mit stark reduzierter Leistung betrieben werden konnten. Das würde ihnen keine normale Manövrierfähigkeit zurückgeben. Es könnte jedoch genügen, um die Lage des Schiffs zu korrigieren, falls die Sensoren eine unmittelbare Gefahr erkennen sollten.
„Kyle, ich kann die Kühlmittelleitung isolieren. Die Impulstriebwerke lassen sich danach unter einer Leistungsbegrenzung freigeben. Mehr als minimale Schubleistung würde ich vorerst nicht riskieren.“
„Einverstanden. Keine abrupten Manöver. Wir wissen nicht, wie stark die Rumpfstruktur belastet werden kann.“
Elena verriegelte die Umleitung und führte einen Drucktest durch. Der Messwert blieb innerhalb des neu festgelegten Bereichs. Danach setzte sie die Sicherheitssteuerung zurück, ohne die Leistungsbegrenzung aufzuheben. Valerie überprüfte die Rückmeldungen der Triebwerkskontrolle und meldete, dass die mechanischen Antriebskomponenten bereit waren. Elena startete einen kurzen Testlauf. Ein leises, tiefes Brummen ging durch das Schiff, gefolgt von einer kaum spürbaren Vibration. Die Anzeigen blieben stabil, und sie schaltete die Triebwerke wieder ab.
„Konventioneller Antrieb ist eingeschränkt verfügbar“, meldete sie. „Der Sprungantrieb bleibt irreparabel beschädigt. Die Hauptspulen sind verschmolzen, und die zugehörigen Verteilungsknoten sind zerstört.“
„Dann konzentrieren wir uns darauf, was noch funktioniert“, sagte Kyle. Seine Stimme klang müde, aber klar. „Prüfe die Notpolarisation der Außenhülle und die strukturellen Warnungen. Wir dürfen uns keine Belastung leisten, die wir nicht kontrollieren können.“
Elena rief die entsprechende Systemübersicht auf. Die Hauptschildgeneratoren ließen sich nicht wiederherstellen. Ihre beschädigten Baugruppen waren mit den zerstörten Komponenten des Sprungantriebs verbunden, und die Energieverteilungsknoten waren ausgefallen. Valerie hatte eine statische Notpolarisation aktiviert, die einen Teil der Mikrometeoriten und der kosmischen Hintergrundstrahlung ablenken konnte. Sie war kein Ersatz für die Schutzschilde, aber besser als eine vollständig ungeschützte Hülle. Die Strukturdiagnose war weniger beruhigend. Die Integrität des Rumpfes lag weiterhin bei achtundsechzig Prozent. Die ungleichmäßigen Gravitationskräfte während des fehlgeschlagenen Sprungs hatten die tragenden Rahmen im Bug und im mittleren Rumpfabschnitt überlastet. Mehrere feine Risse waren registriert worden, und im Frachtraum der Sektion C-4 hatte sich eine Schweißnaht geöffnet. Dort herrschte absolutes Vakuum.
„Wir können die Rumpfstruktur nicht reparieren, ohne die betroffenen Bereiche genauer zu untersuchen“, sagte Elena. „Ein Außenbordeinsatz ist mit unseren Verletzungen und dem derzeitigen Zustand des Schiffs zu riskant. Ich würde die beschädigten Sektionen isolieren und alle Bewegungen auf das Notwendigste beschränken.“
„Mach das. Die Notausstiegsluke bleibt als letzte Möglichkeit verfügbar, aber niemand geht hinaus, solange es nicht zwingend erforderlich ist.“
Elena ließ die beschädigten Bereiche auf der internen Strukturkarte markieren. Die betroffenen Sektionen wurden isoliert, soweit es die Schotten und die vorhandenen Systeme zuließen. Valerie passte die Warnschwellen für die Rumpfbelastung an und aktivierte zusätzliche Überwachung der kritischen Rahmen. Die beschädigten Außenplatten blieben ein Problem. Plasmaablagerungen und Einschläge hatten die Radarabsorption der Hülle beeinträchtigt, doch daran ließ sich ohne eine Außeninspektion nichts ändern. Sie mussten sich auf die passiven Sensoren verlassen und jede Bewegung sorgfältig abwägen. Als Elena schließlich zur Krankenstation zurückkehrte, war die Zeit schwer zu bestimmen. Die Bordbeleuchtung hatte sich nicht verändert, und die beschädigten Systeme lieferten keinen verlässlichen Rhythmus mehr, an dem sich der Ablauf der Stunden hätte ablesen lassen. Sie schloss die Tür hinter sich und nahm den Helm ab. Die Luft der Lebenserhaltung war nun wieder gleichmäßiger temperiert, doch sie fühlte sich erschöpft, als hätte sie weit mehr getan, als die Anzeige der vergangenen Arbeitszeit vermuten ließ. Kyle hatte sich auf der Liege zurückgelehnt. Vor ihm schwebte die Systemübersicht, in der Valerie die reparierten und weiterhin ausgefallenen Systeme getrennt aufführte. Er blickte auf, als Elena näher kam, und sein Gesicht entspannte sich ein wenig, als er sah, dass sie wieder da war. Sie bemerkte, dass er eine Hand gegen die Seite presste, vermutlich um die Bewegung beim Atmen möglichst gering zu halten.
„Lebenserhaltung stabil, Reaktor im eingeschränkten Betrieb und die Impulstriebwerke einsatzbereit, solange wir sie nicht überlasten“, sagte Elena. „Die Schilde sind nicht wiederherstellbar. Die Notpolarisation bleibt aktiv. Der Rumpf ist weiterhin kritisch beschädigt.“
Kyle ließ die Übersicht auf die Sensorwerte wechseln. Die Messdaten waren inzwischen sauberer, doch die Abweichung zu den berechneten Sprungzielkoordinaten war geblieben. Die Unsicherheit ließ sich nicht mit einem weiteren Systemneustart beseitigen. Sie hatten ihre wichtigsten Funktionen wieder unter Kontrolle, aber noch immer keine verlässliche Erklärung dafür, wo sie sich befanden.
„Sichere die aktuellen Sensordaten zusammen mit den ursprünglichen Sprungparametern“, sagte er. „Wir vergleichen sie erneut, sobald wir die Sensoren genauer kalibrieren können.“
„Bereits erledigt“, meldete Valerie. „Die Daten sind unverändert. Eine genaue Positionsbestimmung ist weiterhin nicht möglich.“
Elena setzte sich vorsichtig auf die freie Kante der Liege. Ihre Rippen meldeten sich sofort, und sie musste die Bewegung abbrechen, bevor sie das Gewicht vollständig verlagert hatte. Kyle sah zu ihr, sagte aber zunächst nichts. Zwischen ihnen lag die Projektion der Systemübersicht, mit ihren nüchternen Statusanzeigen und den markierten Schäden. Für den Augenblick war das Schiff nicht mehr im unmittelbaren Begriff, an einem Reaktorfehler oder am Ausfall der Lebenserhaltung zu scheitern. Das bedeutete nicht, dass sie sicher waren.
„Wir haben die Systeme stabilisiert“, sagte Kyle schließlich. „Mehr können wir im Moment nicht erzwingen.“
Elena betrachtete die Daten auf der Projektion. Der Sprungantrieb war verloren, die Schutzschilde waren ausgefallen, und die Hülle würde jede unbedachte Bewegung bestrafen. Die Reparaturen hatten ihnen Zeit verschafft, aber keine Antwort geliefert. Sie mussten sich mit den verfügbaren Sensoren orientieren, ihre Verletzungen versorgen und herausfinden, welche Möglichkeiten ihnen mit dem beschädigten Schiff noch blieben.
„Dann finden wir als Nächstes heraus, warum die Messwerte nicht zu unserem Sprung passen“, sagte sie.
Kyle nickte. Er wirkte zu erschöpft, um die Bemerkung mit einem seiner üblichen trockenen Kommentare zu versehen. Elena lehnte sich vorsichtig zurück, ohne den Blick von der Anzeige zu nehmen. Das gleichmäßige Summen der Lebenserhaltung füllte die Krankenstation. Zum ersten Mal seit ihrem Erwachen klang es nicht mehr wie ein Warnsignal, das jederzeit verstummen konnte, sondern wie ein System, das zumindest vorläufig wieder seine Aufgabe erfüllte. Draußen blieb das beschädigte Schiff still. Die passiven Sensoren zeichneten weiter Messwerte auf, und Valerie speicherte jede neue Abweichung. Doch die Daten verrieten noch immer nicht, an welchem Ort die X aus dem Sprung gefallen war. Sie bestätigten nur, dass die bisherige Berechnung nicht mit dem übereinstimmte, was das Schiff tatsächlich registrierte.

Die Systemübersicht der X schwebte über der Konsole in der Krankenstation. Rot markierte Felder zeigten die ausgefallenen Schutzschildgeneratoren, die beschädigten Sensoren und die weiterhin eingeschränkte Energieversorgung. Daneben liefen die Messwerte des Reaktors, dessen stabilisierter Betrieb ihnen zumindest eine Grundlage für weitere Arbeiten bot. Kyle saß mit angespanntem Rücken auf der Kante seiner Liege und versuchte, eine Position zu finden, in der seine Verletzungen ihn nicht bei jedem Atemzug daran erinnerten, wie wenig belastbar er noch war. Elena stand ihm gegenüber, die Arme vor der Brust verschränkt, während Valerie die möglichen Reparatursequenzen miteinander verglich.
„Die strukturellen Schäden haben Vorrang“, sagte Kyle. „Solange wir nicht wissen, welche Belastungen der Rumpf aushält, sollten wir weder den Antrieb noch die Schildgeneratoren unnötig beanspruchen. Wir sichern zuerst die kritischen Bereiche und prüfen anschließend, wie weit wir die Sensoren wiederherstellen können.“
Elena schüttelte den Kopf. Ihr Blick blieb auf den roten Markierungen der Schutzschildsysteme liegen.
„Die Hülle ist beschädigt, aber die Notpolarisation funktioniert. Sie bietet kaum Schutz gegen stärkere Einwirkungen. Wenn wir auf etwas treffen, das die Außenplatten durchschlägt, helfen uns verstärkte Rahmen auch nicht mehr.“
„Die Schilde lassen sich nicht einfach einschalten. Die Verteilungsknoten sind beschädigt, und die Hauptgeneratoren haben bei der Zerstörung des Sprungantriebs erhebliche Schäden davongetragen. Wir wissen nicht, welche Rückwirkungen eine Reparatur auf das Energienetz haben könnte.“
„Dann sollten wir herausfinden, was sich reparieren lässt, anstatt die Systeme weiter ausfallen zu lassen.“
Kyle hob den Blick. Er kannte diesen Ton. Elena verwendete ihn, wenn sie eine technische Einschätzung längst für abgeschlossen hielt und nur noch auf einen Grund wartete, den nächsten Schritt zu rechtfertigen.
„Ich habe nicht gesagt, dass wir die Schilde ignorieren. Ich sage, dass wir vorher wissen müssen, ob wir sie sicher wiederherstellen können.“
„Und ich sage, dass wir keine Zeit haben, jede Entscheidung so lange zu diskutieren, bis uns die nächste Störung die Wahl abnimmt.“
Valerie blendete eine neue Übersicht ein. Die Darstellung zeigte mehrere mögliche Reparaturfolgen, deren Ergebnisse von der tatsächlichen Beschädigung der Schildverteilung abhingen. Für eine verlässliche Prognose fehlten ihr entscheidende Daten. Die beschädigten Hauptsensoren konnten weder die äußeren Bedingungen ausreichend erfassen noch eine vollständige Zustandskontrolle der Hülle liefern.
„Meine Bewertung bleibt unverändert“, erklärte sie. „Die Reparatur der Rumpfstruktur verringert das Risiko eines strukturellen Versagens. Die Wiederherstellung der Sensoren verbessert die Lageerkennung. Die Reparatur der Schutzschilde könnte den Schutz der Außenhülle erhöhen, birgt jedoch das Risiko weiterer Schäden an der Energieverteilung.“
„Und was empfiehlst du?“, fragte Elena.
„Auf Grundlage der verfügbaren Daten kann ich keine eindeutige Priorität bestimmen, die sämtliche Risiken minimiert.“
Kyle atmete langsam aus. Genau darin lag das Problem. Valerie konnte die vorhandenen Informationen auswerten, Wahrscheinlichkeiten berechnen und vor bekannten Gefahren warnen. Doch die Datenlage war zu lückenhaft, um aus den konkurrierenden Risiken eine sichere Entscheidung abzuleiten. Sie konnte ihnen nicht die Erfahrung abnehmen, die ihnen fehlte, und sie konnte nicht wissen, welches unbekannte Ereignis als Nächstes eintreten würde.
„Dann sichern wir zuerst die Struktur“, entschied Kyle. „Danach kalibrieren wir die Sensoren. Sobald wir ein brauchbares Lagebild haben, entscheiden wir über die Schilde.“
Elena starrte ihn an. „Bis dahin fliegen wir praktisch ohne Schutz.“
„Wir fliegen im Moment überhaupt nicht. Wir haben eingeschränkten Antrieb, beschädigte Rumpfstrukturen und zwei verletzte Besatzungsmitglieder. Ich werde das Schiff nicht noch einmal einem Risiko aussetzen, das wir nicht einschätzen können.“
„Es ist trotzdem ein Risiko, die Schilde nicht zu reparieren.“
„Das weiß ich.“
Seine Antwort war knapp und ließ keinen Zweifel daran, dass er ihre Argumente verstanden hatte. Elena wandte sich ab und rief die Diagnose der Schildverteilung auf ihrem eigenen Terminal auf. Sie vergrößerte die Darstellung der beschädigten Baugruppen, prüfte die noch verfügbaren Leitungen und verglich die Angaben mit den letzten Messwerten vor dem Ausfall. Ein Teil der Steuerkreise war zerstört, doch mehrere sekundäre Verbindungen schienen noch intakt zu sein. Möglicherweise ließ sich zumindest ein Teil der Schildleistung über einen alternativen Pfad wiederherstellen. Valerie lieferte weitere Warnungen über die Unsicherheit dieser Annahme. Elena quittierte sie, ohne die Analyse abzubrechen. Ihre Aufmerksamkeit galt den verbliebenen Verteilungsknoten. Sie wollte keine vollständige Wiederherstellung erreichen. Wenn sie die intakten Komponenten isolieren und die Energiezufuhr begrenzen konnte, bestand eine Chance, die Schilde zumindest in einem eingeschränkten Betriebszustand zu aktivieren.
„Elena“, sagte Kyle, als er bemerkte, dass sie bereits einen Arbeitsauftrag aufrief. „Was tust du?“
„Ich sehe mir die Schildverteilung an.“
„Wir haben die Reihenfolge festgelegt.“
„Du hast sie festgelegt.“
Sie schloss das Diagnosefenster und steckte das Terminal an ihren Raumanzug. Der Anzug war noch warm von der internen Temperaturregelung, und die Versiegelungsanzeige leuchtete grün. Elena kontrollierte die Verschlüsse, überprüfte die Energieversorgung und griff nach dem Helm. Kyle richtete sich auf. Der Versuch verursachte einen scharfen Schmerz in seiner Seite, den er mit zusammengebissenen Zähnen abfing.
„Du gehst nicht allein in eine beschädigte Sektion, um ein System zu reparieren, dessen Zustand wir nicht kennen.“
„Dann komm mit.“
Der Blick, den sie ihm zuwarf, machte deutlich, dass sie wusste, wie wenig realistisch diese Aufforderung war. Kyle war kaum in der Lage, ohne Hilfe aufzustehen. Ein längerer Weg durch die beschädigten Korridore hätte ihn an seine körperlichen Grenzen gebracht, bevor er überhaupt die Wartungsstation erreichte.
„Du weißt genau, dass ich dazu nicht in der Lage bin.“
„Dann koordiniere die Arbeiten von hier aus.“
Elena setzte den Helm auf, verriegelte den Halsring und prüfte die Dichtigkeit. Kyle sah auf die Statusanzeige ihres Anzugs, als könnte er sie allein durch seinen Blick davon abhalten, die Krankenstation zu verlassen. Schließlich schaltete er die Verbindung zu ihrem Helmkanal frei.
„Du bleibst auf dem Kommunikationskanal. Du öffnest keine Energieverbindungen, bevor Valerie die Leitungen isoliert hat, und du brichst ab, wenn sich die Strukturwerte verändern.“
„Verstanden.“
Ihre Antwort kam zu schnell, um ihn zu beruhigen. Als die Tür hinter ihr geschlossen war, blieb Kyle mit der Systemübersicht allein zurück. Er verfolgte Elenas Position auf der internen Deckkarte, während Valerie die verfügbaren Diagnosewerte auswertete. Er hätte die Arbeiten stoppen können, indem er ihr den Zugang zur Schildsteuerung sperrte. Doch damit hätte er sie nicht von der Reparatur abgehalten, sondern lediglich gezwungen, einen anderen Weg zu suchen. Zudem brauchten sie die Schilde tatsächlich. Die Frage war nicht, ob die Reparatur notwendig war, sondern ob Elena sie unter den gegenwärtigen Bedingungen sicher durchführen konnte. Die Verbindung meldete sich, als sie die Wartungsstation der Schildverteilung erreichte. Ihre Schritte waren als dumpfe Schläge über den Helmkanal zu hören, dazwischen das leise Rauschen ihrer Atemversorgung. Die Sektion lag nahe der beschädigten mittleren Rumpfstruktur. Die Beleuchtung war ausgefallen, und nur die Notstreifen am Boden markierten den Weg zwischen den offenen Wartungsklappen und den schräg verlaufenden Verstrebungen. Elena blieb vor der Zugangskonsole stehen und ließ sich von Valerie die örtlichen Leitungen anzeigen. Der Schildgenerator selbst war nicht zugänglich, ohne mehrere beschädigte Verkleidungen zu entfernen. Die sekundäre Verteilungseinheit hingegen ließ sich von der Wartungsseite erreichen. Dort verliefen die Zuleitungen, die ursprünglich für die gleichmäßige Versorgung der äußeren Schildsegmente vorgesehen waren. Einige davon waren durch die Rückkopplung überlastet worden, andere hatten den Ausfall offenbar überstanden.
„Valerie, isoliere die beschädigten Hauptzuleitungen. Ich brauche eine vollständige Anzeige der noch intakten sekundären Verbindungen.“
„Die Isolierung wird vorbereitet. Eine sichere Zuordnung aller Leitungen ist aufgrund der ausgefallenen Sensoren nicht möglich.“
„Zeig mir die Verbindungen, deren Zustand du bestätigen kannst.“
Auf ihrem Handgelenkdisplay erschien eine vereinfachte Schaltung. Elena verglich sie mit den physischen Anschlüssen hinter der Wartungsabdeckung. Der Platz war eng, und die Schutzverkleidung hatte sich beim Versagen der Verteilung leicht verzogen. Sie löste die Befestigungen einzeln und legte die Leitungen frei. An mehreren Kontakten waren dunkle Spuren zu erkennen, und eine Isolierung hatte sich durch die Hitze zusammengezogen. Die verbliebenen Verbindungen sahen auf den ersten Blick intakt aus, doch das allein sagte wenig über ihren Zustand unter Last aus.
„Ich werde die sekundäre Verteilung direkt an den stabilisierten Energiezweig anschließen“, sagte sie. „Mit einer festen Leistungsbegrenzung. So sollte zumindest ein Teil der Schildsegmente wieder anlaufen.“
„Du hast keine vollständige Diagnose der Verteilung“, erwiderte Kyle über den Kanal. „Wenn die Rückkopplung noch besteht, leitest du sie damit zurück in das Energienetz.“
„Deshalb begrenze ich die Leistung.“
„Eine Begrenzung schützt nicht vor einem Kurzschluss in einer beschädigten Baugruppe.“
Elena hielt kurz inne. Sie wusste, dass er recht haben konnte. Doch die Alternative war, die Schilde weiterhin abgeschaltet zu lassen und auf ein Lagebild zu warten, das sie mit den vorhandenen Sensoren möglicherweise nicht rechtzeitig erhalten würden. Sie überprüfte die Leitungen noch einmal, isolierte einen sichtbar beschädigten Anschluss und ersetzte die verbrannte Sicherung durch ein passendes Ersatzmodul aus dem Wartungssatz.
„Ich schalte zuerst nur den Steuerkreis auf“, sagte sie. „Wenn die Werte stabil bleiben, gebe ich die Versorgung der Segmente frei.“
Kyle schwieg einige Sekunden. Als er wieder sprach, war seine Stimme leiser. „Elena, hör mir zu. Wenn Valerie eine Abweichung meldet, brichst du sofort ab. Kein weiterer Versuch, keine manuelle Umgehung der Sicherheitsverriegelung.“
„Einverstanden.“
Sie wusste, dass er ihr nicht glaubte. Sie wusste auch, dass sie selbst nicht sicher war, ob sie beim ersten Warnsignal tatsächlich aufhören würde. Ihre Hände arbeiteten weiter, während sie den Steuerkreis anschloss und die Abdeckung gegen die Wand schob. Danach trat sie einen Schritt zurück, befestigte das Diagnosegerät an einem Halter und gab Valerie die Freigabe für einen kontrollierten Test. Die erste Anzeige blieb gelb. Ein schwacher Strom floss durch den Steuerkreis, ohne dass sich eine unmittelbare Abweichung zeigte. Elena beobachtete die Werte, bis die Messung stabil blieb, und aktivierte dann die begrenzte Energiezufuhr für die sekundären Schildsegmente. Ein tiefes Brummen lief durch die Wartungsstation. Auf ihrem Display erschienen mehrere neue Werte, zunächst unregelmäßig, dann in einem langsam stabiler werdenden Muster.
„Steuerkreis reagiert“, meldete Valerie. „Die Energieaufnahme liegt innerhalb des vorgegebenen Grenzwerts. Die tatsächliche Schutzwirkung kann nicht bestätigt werden.“
Elena ließ den Atem ausströmen, den sie unbewusst angehalten hatte. Es funktionierte. Nicht vollständig, nicht zuverlässig genug für einen normalen Betrieb, aber die Verteilung nahm Energie an, ohne dass die ersten Messungen auf einen unmittelbaren Fehler hindeuteten.
„Kyle, die sekundäre Verteilung läuft. Ich erhöhe die Leistung in kleinen Schritten und prüfe die einzelnen Segmente.“
„Nein. Das reicht für den Moment. Lass die Begrenzung aktiv und komm zurück.“
„Ich muss noch die Verteilung zwischen den Segmenten abgleichen. Wenn ich das jetzt nicht mache, riskieren wir, dass einzelne Bereiche überlastet werden.“
„Dann mach den Abgleich später. Wir haben einen funktionierenden Steuerkreis. Das ist mehr als vor zehn Minuten.“
Elena betrachtete die ungleichmäßigen Werte. Kyle hatte recht, dass der erste Erfolg bereits eine Verbesserung war. Doch die Anzeige zeigte auch, dass die Energie nicht gleichmäßig auf die angeschlossenen Segmente verteilt wurde. Ein Teil der Leistung ging in einen Zweig, dessen Rückmeldung nicht zuverlässig war. Sie wollte diesen Zweig isolieren, bevor sie die Anlage in diesem Zustand zurückließ.
„Noch eine Anpassung“, sagte sie.
„Elena.“
Sie antwortete nicht. Stattdessen öffnete sie die manuelle Steuerung der Verteilung und wählte den betroffenen Zweig aus. Die Verriegelung verlangte eine zusätzliche Bestätigung, da die automatische Diagnose den Zustand der Leitung nicht eindeutig bewerten konnte. Elena setzte den Grenzwert herab, schaltete die Verbindung kurzzeitig ab und bereitete die Umleitung auf den benachbarten sekundären Pfad vor. In diesem Moment veränderte sich das Geräusch der Anlage. Das tiefe Brummen wurde zu einem scharfen, unregelmäßigen Summen, das sich durch die Metallstreben übertrug. Auf ihrem Display sprang die Stromaufnahme nach oben.
„Elena, sofort abschalten!“, rief Kyle.
Sie betätigte die Abschaltung. Die Anzeige reagierte nicht. Ein greller Lichtbogen sprang hinter der geöffneten Verkleidung auf. Elena riss den Kopf zur Seite und hob instinktiv den Arm vor das Visier. Die Entladung schlug gegen die metallische Halterung des Diagnosegeräts, und eine Druckwelle warf sie gegen die gegenüberliegende Verstrebung. Der Aufprall presste ihr die Luft aus der Brust. Noch bevor sie sich abstützen konnte, brach eine Halterung aus der verzogenen Wand und traf ihren Raumanzug seitlich am Oberkörper. Der Helm schlug gegen das Metall. Für einen Augenblick sah sie nur weißes Flimmern. Ein schriller Alarm drang durch ihre Kopfhörer, begleitet vom hektischen Signalton ihres Anzugs. Sie versuchte, die Hand zu heben, doch ihr Arm gehorchte ihr nicht richtig. Der Schmerz in ihrer Seite war so heftig, dass sie kaum Luft bekam. Als sie nach dem Handlauf greifen wollte, rutschte ihre Hand ab.
„Elena! Antworte!“
Kyles Stimme klang fern. Sie wollte ihm sagen, dass sie noch lebte, doch ihre Lippen formten keine verständlichen Worte. Das Display vor ihrem Visier flackerte. Eine Warnmeldung nach der anderen erschien, und die Konturen der Wartungsstation begannen sich aufzulösen. Sie spürte, wie sie seitlich zu Boden glitt. Dann verlor sie das Bewusstsein. Auf der Krankenstation sprang Kyles Anzeige auf Rot. Valerie meldete einen abrupten Anstieg der elektrischen Last, gefolgt von einem Ausfall der lokalen Kommunikation. Elenas Vitaldaten waren noch vorhanden, aber unregelmäßig. Die Verbindung zum Anzug übermittelte eine Beschädigung des äußeren Gewebes und eine starke Stoßbelastung. Der genaue Zustand ihrer Verletzungen ließ sich aus der Entfernung nicht bestimmen. Kyle war bereits auf den Beinen, bevor Valerie ihre Diagnose beendet hatte. Der Schmerz in seiner Seite schoss ihm bis in die Schulter, und er musste sich an der Liege festhalten, um nicht zu stürzen. Für einen Moment zwang ihn sein eigener Körper zum Stillstand. Dann sah er erneut auf Elenas Vitalanzeige. Die Werte verschlechterten sich.
„Öffne den direkten Helmkanal.“
„Keine Reaktion von Kho-shōsa.“
„Schalte die Wartungssektion auf Notstrom und sperre die beschädigte Schildverteilung. Ich brauche den kürzesten Weg zu ihrer Position.“
„Die beschädigte Verteilung wird isoliert. Der Korridor zur Wartungssektion ist passierbar. Die strukturelle Sicherheit des Weges kann nicht vollständig bestätigt werden.“
Kyle zog die Luft scharf ein und zwang sich, die nächsten Schritte zu ordnen. Elena war bewusstlos, und die Beschädigung ihres Anzugs bedeutete, dass jede Verzögerung gefährlich werden konnte. Er konnte nicht auf eine weitere Diagnose warten. Er musste zu ihr. Der Raumanzug hing in der Nähe der Krankenstation in seiner Halterung. Kyle riss ihn heraus, öffnete die Verschlüsse und stieg mit unbeholfenen Bewegungen hinein. Schon das Bücken verursachte Schmerzen, und beim Schließen der inneren Sicherungen zitterten seine Hände. Er kontrollierte die Sauerstoffversorgung, die Druckanzeige und die Notfallabdichtung. Die Bewegungen waren langsamer als gewohnt, doch die Anzeigen wechselten schließlich auf Grün.
„Valerie, halte die Verbindung zu Elenas Anzug offen. Wenn ihre Vitalwerte weiter sinken, informiere mich sofort.“
„Bestätigt.“
Kyle setzte den Helm auf und verriegelte den Halsring. Der Raumanzug nahm ihm einen Teil der Bewegungsfreiheit, gab ihm aber die Möglichkeit, die beschädigte Sektion zu betreten, ohne sich auf die Funktion der lokalen Lebenserhaltung verlassen zu müssen. Er verließ die Krankenstation und bewegte sich durch den Korridor, eine Hand an den Wandgriffen, die andere dicht am Körper. Jeder Schritt ließ die Verletzungen in seiner Seite aufflammen. Er hielt trotzdem nicht an. Die Notbeleuchtung flackerte über ihm. An einer Kreuzung lag eine gelöste Verkleidung quer über dem Boden, und aus einer beschädigten Leitung drang ein feines Zischen. Kyle stieg über die Verkleidung, ohne den Halt an der Wand loszulassen. Die X reagierte auf seine Schritte mit leichten Vibrationen, die in diesem Zustand kaum von den normalen Geräuschen der beschädigten Struktur zu unterscheiden waren.
„Wie weit ist sie entfernt?“
„Noch zwölf Meter bis zur Wartungsstation.“
Er zwang sich, schneller zu gehen. Als er den Eingang erreichte, sah er den Lichtbogen nicht mehr. Nur das schwache Glimmen einer überlasteten Anzeige und der Geruch von verbrannter Isolation lagen in der Luft, soweit die Filter seines Anzugs ihn erkennen ließen. Die Wartungsverkleidung war aus ihrer Halterung gerissen. Ein Teil der Befestigung lag auf dem Boden, daneben das Diagnosegerät, dessen Gehäuse geschmolzen war. Elena lag zwischen der Wand und einer schrägen Strebe. Ihr Helm war unversehrt, aber an der Seite ihres Raumanzugs zeigte sich eine beschädigte Stelle. Ihre Arme lagen unnatürlich nah am Körper, und sie bewegte sich nicht. Kyle kniete neben ihr nieder, wobei der Druck in seiner Seite ihn beinahe dazu zwang, sich sofort wieder aufzurichten. Er biss die Zähne zusammen und prüfte zuerst die Anzeige ihres Anzugs. Die Sauerstoffversorgung war noch aktiv. Der Innendruck schwankte, blieb aber innerhalb des Notfallbereichs. Die Vitalwerte waren schwach, jedoch vorhanden. Kyle tastete die beschädigte Stelle nicht direkt ab, sondern kontrollierte die äußere Abdichtung und aktivierte die Notversiegelung des Anzugs. Das Material spannte sich über dem beschädigten Bereich, und die Druckanzeige stabilisierte sich langsam.
„Elena, hörst du mich?“
Keine Reaktion. Er legte eine Hand an ihre Schulter und prüfte vorsichtig, ob sie sich bewegen ließ. Sie gab keinen Laut von sich. Er konnte nicht beurteilen, ob sie Rippenbrüche, innere Verletzungen oder eine Gehirnerschütterung erlitten hatte. Sicher war nur, dass sie dringend in die Krankenstation musste. Er befestigte eine Rettungsschlaufe an ihrem Anzug und zog sie vorsichtig von der Strebe weg. Als er versuchte, sie anzuheben, fuhr der Schmerz in seiner Seite so heftig durch ihn, dass ihm für einen Moment schwarz vor Augen wurde. Er sank auf ein Knie, hielt Elena aber fest, damit sie nicht wieder gegen die Metallkante rutschte. Sein Atem ging schnell und flach. Die Warnanzeige seines eigenen Anzugs meldete eine erhöhte Belastung, doch die Systeme funktionierten noch. Er wartete, bis sich das Flimmern vor seinen Augen legte, und veränderte dann seinen Griff. Statt Elena vollständig hochzuheben, zog er sie mit der Rettungsschlaufe auf eine flache Wartungsplatte, die sich aus der Halterung lösen ließ. Es war keine saubere Lösung. Die Platte war schwer zu manövrieren, und die engen Korridore machten jede Drehung kompliziert. Doch sie ermöglichte es ihm, Elena zu bewegen, ohne ihr Gewicht vollständig tragen zu müssen. Kyle befestigte die Schlaufe an einem Griff und zog die Platte Schritt für Schritt zurück in Richtung Krankenstation. Bei jeder Bewegung musste er aufpassen, dass Elenas Kopf nicht gegen die Wände stieß. Er stoppte mehrmals, um ihre Anzugwerte zu prüfen, und setzte den Weg erst fort, wenn die Anzeigen stabil blieben. Die Rückkehr dauerte länger als der Hinweg. Kyle spürte, wie seine Kräfte nachließen. Sein Atem beschlug das Visier, und der Schmerz in seiner Seite wurde bei jeder Drehung schärfer. Er konzentrierte sich auf die Wandgriffe, auf den nächsten Abschnitt des Korridors und auf die grüne Anzeige von Elenas Sauerstoffversorgung. Alles andere musste warten. Als er endlich die Krankenstation erreichte, ließ er die Wartungsplatte neben der medizinischen Liege einrasten. Valerie hatte bereits die Diagnosegeräte aktiviert und die medizinischen Systeme vorbereitet. Kyle löste die Rettungsschlaufe, sicherte Elena gegen ein Abrutschen und öffnete die äußeren Verschlüsse ihres Raumanzugs. Die automatische Druckentlastung arbeitete langsam, um einen abrupten Wechsel zu vermeiden. Erst als der Anzugdruck dem der Krankenstation entsprach, konnte er den Helm abnehmen. Elenas Gesicht war blass. Eine dunkle Strähne klebte an ihrer Stirn, und an ihrer Schläfe zeichnete sich eine Schwellung ab. Sie atmete flach, aber regelmäßig. Kyle kontrollierte ihre Atmung, während Valerie die medizinischen Messwerte auslas und die Liege für eine Untersuchung vorbereitete. Er half, den beschädigten Anzug vorsichtig zu öffnen, ohne den Oberkörper unnötig zu bewegen. Dann überführte er sie auf das Krankenbett und befestigte die Sensoren.
„Status?“, fragte er.
„Kho-shōsa ist bewusstlos. Es liegen Anzeichen für eine schwere stumpfe Gewalteinwirkung vor. Eine Verletzung des Brustkorbs kann nicht ausgeschlossen werden. Die Atmung ist derzeit stabil, der Kreislauf jedoch geschwächt. Ich beginne mit der Untersuchung und der Versorgung der erkennbaren Verletzungen.“
Kyle blieb neben dem Bett stehen, bis die medizinischen Anzeigen zuverlässig liefen. Er hätte sich setzen sollen. Sein eigener Anzug meldete eine zunehmende Belastung, und die Schmerzen waren inzwischen so stark, dass er kaum noch gerade stehen konnte. Doch Elenas Werte hatten sich noch nicht ausreichend stabilisiert, und die Schilde waren nach dem Unfall wieder ausgefallen. Das Schiff war weiterhin ungeschützt. Er legte eine Hand auf die Bettkante und beugte sich zu ihr hinunter.
„Du hättest auf mich hören sollen.“
Die Worte kamen leise durch den Helmkanal. Elena reagierte nicht. Kyle hielt ihren Blick noch einen Moment lang fest, obwohl ihre geschlossenen Augen ihm nichts zurückgaben. Dann richtete er sich mühsam auf. Er konnte nicht bei ihr bleiben und zugleich die Systeme reparieren, von denen ihr beider Überleben abhing.
„Valerie, setze die medizinische Überwachung fort. Informiere mich sofort bei jeder kritischen Veränderung ihrer Vitalwerte.“
„Bestätigt.“
Kyle verließ die Krankenstation. Diesmal führte ihn sein Weg nicht zurück zur Schildverteilung, sondern auf die Brücke. Er hätte sich ausruhen müssen, und sein Körper machte bei jedem Schritt deutlicher, wie dringend das geworden war. Doch solange Elena bewusstlos war und die X keine verlässlichen Schutzschilde besaß, konnte er sich nicht darauf verlassen, dass die Systeme von allein stabil blieben. Auf der Brücke ließ er sich in den Pilotensitz sinken und löste die Verriegelung seines Helms. Die Atmosphäre war wieder ausreichend stabil, um ohne Raumanzug zu arbeiten, doch er behielt ihn zunächst an. Die Schäden an der Schildverteilung waren in der Systemübersicht deutlich zu erkennen. Elena hatte den sekundären Steuerkreis wieder in Betrieb gebracht, doch die Überlastung hatte den benachbarten Zweig beschädigt und die Schutzschilde erneut abgeschaltet. Der Unfall hatte ihre Arbeit nicht völlig zunichtegemacht. Er hatte aber gezeigt, wie gefährlich es war, die Energieversorgung ohne vollständige Diagnose umzubauen. Kyle rief die letzten gespeicherten Messwerte auf. Er wusste, dass er nicht versuchen durfte, den ursprünglichen Zustand wiederherzustellen. Die Hauptgeneratoren waren weiterhin beschädigt, und die zerstörten Verteilungsknoten ließen sich nicht ersetzen. Er musste sich auf die noch intakten Sekundärkreise beschränken und den beschädigten Zweig dauerhaft isolieren.
„Valerie, zeige mir alle bestätigten Verbindungen zwischen dem stabilisierten Energiezweig und den sekundären Schildsegmenten. Blende sämtliche nicht verifizierten Leitungen aus.“
Die Darstellung vereinfachte sich. Kyle verglich die schematische Ansicht mit den gespeicherten Diagnosen und prüfte, welche Verbindungen beim Unfall ihre Werte verloren hatten. Seine Finger bewegten sich langsamer als gewöhnlich über die Steuerfläche. Mehrmals musste er innehalten, um den Schmerz abklingen zu lassen. Dennoch gelang es ihm, die beschädigte Leitung von der Verteilung zu trennen und den Steuerkreis so umzulegen, dass er nicht mehr durch die überlastete Baugruppe führte. Er führte die Diagnose erneut aus. Die Werte blieben zunächst stabil. Dann aktivierte er die Energiezufuhr mit einer streng begrenzten Leistung. Die Schaltkreise reagierten, ohne dass eine neue Rückkopplung auftrat. Kyle beobachtete die Messungen, bis die Anzeigen die vorgesehene Mindeststabilität bestätigten. Anschließend schaltete er die sekundären Schildsegmente einzeln zu. Jeder Schritt wurde von einer kurzen Verzögerung begleitet, während Valerie die Rückmeldungen auswertete.
„Die sekundäre Verteilung arbeitet innerhalb der gesetzten Grenzen“, meldete sie. „Die Schutzwirkung ist eingeschränkt. Eine vollständige Abschirmung kann nicht bestätigt werden.“
Kyle lehnte sich zurück und schloss für einen Augenblick die Augen. Der Erfolg war klein, aber entscheidend. Die Schilde würden nicht die volle Leistung erreichen, und er konnte nicht garantieren, dass sie einen schweren Treffer abfangen würden. Dennoch boten sie mehr Schutz als die bloße Notpolarisation der Hülle. Er überprüfte die Energieverteilung ein weiteres Mal und verriegelte die reparierten Einstellungen gegen eine automatische Rückkehr in den fehlerhaften Betriebszustand. Dann ließ er die Schilddiagnose im Hintergrund weiterlaufen und wechselte zur Sensorübersicht. Die passiven Infrarot- und Gravitationssensoren lieferten weiterhin Daten, doch ihre Kalibrierung war unvollständig. Die Hauptoptik am Bug war durch den Plasmastrom zerstört worden, und das Hauptradar reagierte nicht. Ohne ein brauchbares Lagebild konnte er weder den Zustand der Umgebung beurteilen noch entscheiden, ob der eingeschränkte Antrieb sicher eingesetzt werden konnte. Kyle rief die Kalibrierungsroutine der passiven Sensoren auf. Er verglich die jüngsten Messungen mit den gespeicherten Rohdaten und ließ Valerie die Abweichungen der einzelnen Messkanäle markieren. Einige Werte waren durch die instabile Energieversorgung verfälscht worden. Andere ließen sich korrigieren, sobald die Referenzpunkte neu gesetzt waren. Er arbeitete sich durch die Einstellungen, deaktivierte die fehlerhaften automatischen Korrekturen und legte neue Grenzwerte fest. Seine Sicht begann zu verschwimmen. Zuerst hielt er es für eine Folge der Anstrengung. Er blinzelte, rieb mit zwei Fingern über die Stirn und zwang sich, die nächste Messreihe zu prüfen. Doch die Anzeigen schienen sich vor ihm zu verschieben, und das leise Summen der Brücke wurde von einem dumpfen Rauschen überlagert. Er merkte, dass er die Schultern kaum noch aufrecht halten konnte.
„Valerie, Status der Sensoren.“
Er wartete auf die Antwort, während seine Hand auf der Steuerfläche liegen blieb.
„Die passive Sensorik ist teilweise kalibriert. Infrarot- und Gravitationsdaten sind verfügbar, ihre Genauigkeit bleibt jedoch eingeschränkt. Die Hauptoptik und das Hauptradar sind weiterhin ausgefallen.“
Kyle versuchte, den nächsten Kalibrierungsschritt zu bestätigen. Sein Finger verfehlte die Schaltfläche. Er setzte erneut an, doch die Bewegung fühlte sich fremd und schwer an. Der Schmerz in seiner Seite war zu einem anhaltenden Druck geworden, der bei jedem Atemzug tiefer in den Brustkorb zu greifen schien. Er wollte Valerie anweisen, die Reparatur zu pausieren und einen medizinischen Status abzufragen. Stattdessen blieb sein Blick an der Systemübersicht hängen, deren rote und gelbe Markierungen sich langsam ineinander auflösten. Er dachte an Elena auf der Krankenstation. Er musste prüfen lassen, ob ihre Werte stabil geblieben waren. Er musste sicherstellen, dass die Energieversorgung nicht erneut ausfiel. Er musste die Sensoren fertig kalibrieren, bevor sie sich auf den Antrieb verlassen konnten. Die Aufgaben lagen klar vor ihm, doch sein Körper gehorchte ihm nicht mehr. Kyle griff nach der Armlehne, um sich aufzurichten. Seine Hand glitt ab. Er sackte im Pilotensitz zur Seite, fing sich noch einmal mit dem Unterarm auf der Konsole ab und versuchte, den Kopf zu heben. Dann verlor er das Bewusstsein.
Auf der Krankenstation registrierte Valerie, dass Kyle nicht auf ihre nächste Statusmeldung reagierte. Gleichzeitig meldete die medizinische Überwachung, dass Elena weiterhin bewusstlos war. Ihre Vitalwerte waren stabil genug, um die unmittelbare Gefahr eines Kreislaufstillstands vorerst als gering einzustufen, doch sie war nicht in der Lage, selbstständig zu handeln. Kyle zeigte auf der Brücke keine erkennbare Reaktion mehr, und die Steuerkonsole übermittelte keine weiteren Eingaben. Valerie wiederholte die Kontaktversuche. Zuerst über die direkte Sprachverbindung, dann über den internen Alarmkanal. Weder Kyle noch Elena antworteten. Die Sensoren lieferten nur ein unvollständiges Bild der Umgebung, die Schutzschilde arbeiteten mit eingeschränkter Leistung, und der Antrieb war lediglich unter strengen Begrenzungen einsatzfähig. Die strukturelle Integrität blieb kritisch. Die Besatzung war nicht mehr in der Lage, auf neue Gefahren zu reagieren oder die Reparaturen eigenständig fortzusetzen. Valerie verglich die Situation mit den festgelegten Betriebsprotokollen. Der Notfallmodus war für eine handlungsfähige Besatzung vorgesehen, die mit Unterstützung der Bordsysteme Schäden bewerten und Gegenmaßnahmen durchführen konnte. Diese Voraussetzung war nicht mehr erfüllt. Ihre Entscheidungsroutinen boten keine kreative Lösung für die Gesamtsituation, und sie konnte nicht eigenständig neue Reparaturverfahren entwickeln oder die Risiken unbekannter Systeme zuverlässig bewerten. Sie konnte jedoch auf die vorhandenen Sicherheitsfunktionen zurückgreifen, die verfügbaren Systeme kontrollieren und jede Maßnahme ausführen, die innerhalb ihrer Freigaben lag. Die Klassifizierung der Situation wechselte von Notfall zu Katastrophe. Valerie aktivierte den Katastrophenmodus. Sie sperrte nicht zwingend benötigte Energieverbraucher, reservierte die verfügbare Leistung für Lebenserhaltung, medizinische Überwachung, Sensorik und Schutzsysteme und verriegelte die gefährlichsten beschädigten Energiezweige. Die eingeschränkte Schildversorgung blieb aktiv. Der Antrieb wurde in einem sicheren Bereitschaftszustand gehalten, ohne eine Bewegung auszulösen, deren Notwendigkeit sich nicht aus den vorhandenen Daten ableiten ließ. Die passiven Sensoren wurden auf kontinuierliche Überwachung eingestellt, und sämtliche verfügbaren Messwerte wurden gespeichert, damit sie bei einer Wiederherstellung der Besatzung ausgewertet werden konnten.
Auf der Krankenstation kontrollierte Valerie weiterhin Elenas Atmung, Kreislauf und Temperatur. Auf der Brücke blieb Kyle reglos im Pilotensitz, während die Anzeigen vor ihm weiterliefen. Die X war noch immer schwer beschädigt, aber ihre Lebenserhaltung arbeitete, die sekundären Schilde boten einen begrenzten Schutz, und die Sensoren lieferten zumindest einen Teil der benötigten Daten. Der Antrieb stand unter Kontrolle, solange keine unvorhergesehenen Veränderungen eintraten. Valerie konnte nicht wissen, welche Entscheidung ein menschlicher Offizier unter diesen Umständen getroffen hätte. Sie konnte keine neue Strategie erfinden und keine unbekannten Risiken durch Intuition einschätzen. Sie konnte nur die verfügbaren Informationen auswerten, die festgelegten Protokolle befolgen und die Systeme so lange wie möglich funktionsfähig halten. Sie setzte die Überwachung fort. Elena blieb bewusstlos im Krankenbett. Kyle blieb bewusstlos auf der Brücke. Und die X trieb mit eingeschränkten Sensoren, teilweiser Schildleistung und begrenztem Antrieb weiter durch eine Umgebung, deren Gefahren Valerie noch nicht zuverlässig erfassen konnte.

Ich hasse Perfektion.
Sie bietet keinen Platz für Kreation.

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Kapitel 2

Valerie hielt die medizinischen Systeme im Blick, während die Anzeigen vor ihr in unregelmäßigen Abständen ihre Werte aktualisierten. Kyle lag reglos im Sessel des Captains. Sein Zusammenbruch hatte die ohnehin angespannte Situation weiter verschärft, und solange sie keine verlässlichen Daten über seinen Zustand besaß, konnte sie weder eine Entwarnung geben noch das Risiko einer weiteren Verschlechterung ausschließen. Auch die zweite Verletzte benötigte weiterhin Überwachung. Valerie verteilte die verfügbaren Ressourcen neu, ohne die laufende Versorgung eines der beiden zu unterbrechen. Die lebenserhaltenden Systeme arbeiteten innerhalb ihrer vorgegebenen Toleranzen. Einige Messwerte schwankten, stabilisierten sich jedoch wieder, sobald Valerie die entsprechenden Parameter anpasste. Sie überprüfte die Rückmeldungen der medizinischen Einheiten, verglich die aktuellen Daten mit den unmittelbar zuvor erfassten Werten und ließ eine weitere Diagnose über Kyles Zustand laufen. Das Ergebnis brachte keine ausreichende Klarheit. Sie markierte die Auffälligkeiten zur erneuten Auswertung und wandte sich den übrigen Systemanzeigen zu. Neben der medizinischen Überwachung lief der Umgebungsscan weiter. Valerie hatte die Sensorempfindlichkeit erhöht, um Veränderungen frühzeitig erkennen zu können, ohne dabei die Stabilität der übrigen Systeme zu beeinträchtigen. Die erfassten Daten ergaben zunächst kein eindeutiges Bild. Die Messungen blieben innerhalb eines Bereichs, den ihre gegenwärtigen Analysemodelle noch verarbeiten konnten. Dennoch fiel ihr eine geringe Abweichung auf. Valerie rief die betreffende Messreihe erneut auf. Das Signal war schwach und ließ sich nicht ohne Weiteres einem bekannten Muster zuordnen. Sie verglich es mit den vorherigen Aufzeichnungen und ließ die relevanten Sensordaten unabhängig voneinander überprüfen. Das Ergebnis blieb uneindeutig. Ein Übertragungsfehler war ebenso wenig auszuschließen wie eine lokale Störung der Messung. Allerdings erklärte keine der vorläufigen Auswertungen die Abweichung vollständig. Sie erweiterte den Scanbereich und ließ zusätzliche Messpunkte erfassen. Die neuen Daten verbesserten die räumliche Zuordnung nicht ausreichend. Für einen Moment schien sich das Muster zu verändern, doch die nächste Messung lieferte keinen eindeutigen Beleg dafür. Valerie konnte nicht feststellen, ob sich tatsächlich etwas in der Umgebung verändert hatte oder ob die Sensoren lediglich unterschiedliche Aspekte desselben Vorgangs erfassten. Sie legte die auffälligen Messwerte neben die übrigen Systemdaten. Eine geringe Abweichung allein rechtfertigte keine weitreichenden Schlussfolgerungen. Trotzdem wollte sie sie nicht verwerfen, solange sie sich nicht zuverlässig erklären ließ. Sie setzte eine fortlaufende Überwachung auf und wies den verfügbaren Analyseprozess an, jede erneute Abweichung mit den bisherigen Messungen abzugleichen. An Bord änderte sich an der medizinischen Situation nichts, was eine unmittelbare Unterbrechung der Versorgung erfordert hätte. Kyle und Elena blieben bewusstlos. Valerie kontrollierte ihre Werte erneut, bestätigte die Stabilität der laufenden Behandlung und kehrte anschließend zur Sensorauswertung zurück. Die nächste Messung traf ein. Die Abweichung war noch vorhanden, wenn auch kaum stärker als zuvor. Valerie hielt die Datenreihe geöffnet. Sie verfügte über keine ausreichende Grundlage, um das Signal als Gefahr einzustufen, aber ebenso wenig über einen Grund, es als bedeutungslos abzutun. Sie ließ die Überwachung weiterlaufen und behielt gleichzeitig beide Verletzten im Blick. Solange sie nicht wusste, was die Sensoren erfassten, durfte sie weder ihre medizinischen Aufgaben vernachlässigen noch eine Möglichkeit ausschließen, für die ihr bislang jede verlässliche Erklärung fehlte.

Elena kehrte langsam ins Bewusstsein zurück. Zunächst nahm sie nur einzelne Eindrücke wahr: das gleichmäßige Summen medizinischer Geräte, ein schwaches Vibrieren tief im Schiffsrumpf und den Druck einer Unterlage unter ihrem Rücken. Das Licht über ihr war gedämpft, doch selbst diese Helligkeit empfand sie als unangenehm. Sie schloss die Augen wieder, atmete vorsichtig ein und versuchte, die Empfindungen zu ordnen, bevor sie sich zu bewegen wagte. Ihr Körper reagierte mit einer dumpfen, weitverteilten Schmerzempfindung auf den ersten Versuch, die Finger zu bewegen. Als sie anschließend den Arm etwas anheben wollte, verstärkte sich der Schmerz. Elena brach die Bewegung ab. Sie konnte nicht unmittelbar bestimmen, welche ihrer Verletzungen dafür verantwortlich war. Ihr fehlten sowohl eine verlässliche Erinnerung an den letzten Abschnitt vor ihrer Bewusstlosigkeit als auch eine aktuelle Einschätzung ihres körperlichen Zustands. Sie zwang sich, ruhig liegen zu bleiben und ihre Atmung zu kontrollieren. Die Beleuchtung der Krankenkabine war gedimmt. Neben ihrer Liege arbeiteten medizinische Geräte, deren Anzeigen in unterschiedlichen Intervallen wechselten. Einige Statusanzeigen signalisierten einen regulären Betrieb, andere zeigten Einschränkungen an. Elena versuchte, die Beschriftungen zu entziffern, doch ihre Sicht war noch unscharf. Als sie den Kopf ein wenig zur Seite drehte, erkannte sie die eingeblendete Kennzeichnung der medizinischen Überwachung. Valerie, die Bord-KI der X, hatte ihre wiederkehrenden Vitalwerte registriert und die diagnostischen Systeme entsprechend aktualisiert. Aus den in die Kabine integrierten Lautsprechern ertönte eine sachliche Stimme.
„Elena? Kannst du mich hören?“
Elena brauchte einen Moment, ehe sie antworten konnte. Ihre Kehle fühlte sich trocken an, und ihre Stimme war schwächer, als sie erwartet hatte.
„Ja. Was ist passiert?“
Auf einem Display neben ihrer Liege erschienen die Ergebnisse der jüngsten Messungen. Valerie hatte die verfügbaren Vitaldaten abgeglichen und eine erneute Diagnose eingeleitet.
„Du warst bewusstlos. Deine Vitalwerte sind derzeit stabil, aber deine Verletzungen sind noch nicht vollständig untersucht. Beweg dich vorerst nicht unnötig.“
Elena ließ den Blick über die Geräte wandern. Sie wollte sich aufrichten, doch schon die geringste Anspannung ihrer Bauchmuskulatur erinnerte sie daran, dass ihr Körper noch nicht bereit dafür war. Sie blieb liegen und versuchte stattdessen, sich an die letzten Ereignisse zu erinnern. Einzelne Eindrücke waren vorhanden, aber sie ergaben noch keine vollständige Abfolge. Die Anstrengung, sie zusammenzufügen, ließ den Schmerz hinter ihrer Stirn zunehmen.
„Wie lange war ich bewusstlos?“
„Die Aufzeichnungen zeigen, dass du seit mehreren Stunden ohne Bewusstsein warst.“
Die Antwort verschaffte Elena eine zeitliche Orientierung, aber keine Sicherheit. Mehrere Stunden bedeuteten, dass sich an Bord vieles verändert haben konnte. Sie wandte den Kopf erneut und suchte die Krankenstation nach einer zweiten Liege ab. Als sie Kyle nicht entdeckte, richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf das Display.
„Wo ist Kyle?“
Eine kurze Pause entstand, während die Bord-KI die verfügbaren Einträge zur medizinischen Überwachung abrief.
„Kyle befindet sich nicht in der Krankenkabine. Die letzten mir vorliegenden Informationen zeigen, dass er nach seinem Zusammenbruch im Sessel des Captains geblieben ist. Seine Versorgung wurde im Rahmen der verfügbaren Systemfunktionen überwacht.“
Elena sah auf die Anzeige. Die Information, dass Kyle nicht bei ihr war, beantwortete nicht die Frage, die sie eigentlich beschäftigte. Sein Zusammenbruch lag offenbar zeitlich vor ihrem Erwachen, doch über seinen gegenwärtigen Zustand wusste sie noch nichts Genaues.
„Lebt er?“
„Die verfügbaren Messdaten reichen nicht aus, um seinen aktuellen Zustand zuverlässig zu bestätigen. Ich kann dir deshalb keine gesicherte Entwarnung geben.“
Elena presste die Lippen zusammen und wandte den Blick kurz ab. Sie wollte weitere Fragen stellen, doch zunächst musste sie verstehen, in welcher Lage sich das Schiff befand.
„Und die X?“
Auf dem Display wechselte die Anzeige zu einer Übersicht der verfügbaren Schiffssysteme. Mehrere Funktionen waren als eingeschränkt gekennzeichnet. Andere meldeten einen wiederhergestellten Teilbetrieb.
„Die X ist beschädigt. Einige Systeme konnten teilweise wiederhergestellt werden, andere arbeiten weiterhin nur eingeschränkt. Die medizinischen Funktionen und die verfügbaren Schiffsdaten werden überwacht. Eine vollständige Lagebeurteilung ist derzeit nicht möglich.“
Elena betrachtete die Anzeigen erneut. Die Einschränkungen waren nicht nur Zahlen auf einem Bildschirm. Sie bedeuteten, dass Informationen fehlen konnten, Systeme nicht zuverlässig reagierten und Entscheidungen auf einer unvollständigen Grundlage getroffen werden mussten. Wie schwer die Schäden tatsächlich waren, konnte sie aus der Krankenstation heraus nicht beurteilen.
„Was ist mit der Brücke?“
„Die verfügbaren Systemdaten sind unvollständig. Der Zustand einzelner Funktionen und die Messwerte der Umgebung lassen sich noch nicht abschließend bewerten.“
Elena atmete langsam aus. Die Antwort bestätigte ihre Befürchtung, dass sich die Situation noch nicht ausreichend geklärt hatte. Die Bord-KI konnte nur auf Grundlage der vorhandenen Daten berichten. Wenn wichtige Systeme ausgefallen waren oder widersprüchliche Messwerte lieferten, blieb auch ihre Lagebeurteilung begrenzt.
Sie musste zur Brücke, wenn sie selbst einen Überblick über die Lage gewinnen wollte. Gleichzeitig wusste sie nicht, ob sie überhaupt in der Verfassung war, die Krankenstation zu verlassen. Jeder Versuch, sich zu bewegen, hatte Schmerzen ausgelöst. Ohne eine Einschätzung ihrer Verletzungen würde sie riskieren, ihren Zustand weiter zu verschlechtern, bevor sie die Informationen erhielt, die sie benötigte.
Elena hob die Hand ein Stück weit an und beobachtete die Bewegung. Ihre Finger reagierten, doch die Anstrengung war spürbar. Sie ließ den Arm wieder sinken. Die Brücke war wichtig, aber sie würde dort nichts erreichen, wenn sie unterwegs zusammenbrach oder aufgrund ihrer Verletzungen nicht handlungsfähig blieb.
„Kannst du feststellen, ob ich mich wieder bewegen darf?“
„Ich kann deine Vitalwerte erfassen und die verfügbaren Diagnosefunktionen nutzen, um erkennbare Verletzungen zu untersuchen. Die Untersuchung ist noch nicht abgeschlossen. Eine abschließende Empfehlung ist erst möglich, wenn ausreichend Messdaten vorliegen.“
Elena nickte knapp, obwohl sie wusste, dass die Bord-KI ihre Bewegung nicht sehen musste, sofern die entsprechenden Sensoren sie nicht erfassten. Sie mochte es nicht, auf Informationen warten zu müssen, während der Zustand des Schiffes ungeklärt blieb. Dennoch war eine Vermutung keine ausreichende Grundlage, um sich über die eigenen körperlichen Grenzen hinwegzusetzen. Sie brauchte eine belastbare Einschätzung, bevor sie entschied, ob sie zur Brücke gehen konnte.
Die medizinischen Geräte setzten die Untersuchung fort. Messwerte wurden erfasst, abgeglichen und auf dem Display aktualisiert. Valerie verarbeitete die eingehenden Daten und leitete die verfügbaren Diagnoseabläufe ein. Elena blieb auf der Liege, während das leise Summen der Geräte die Stille der Krankenstation erfüllte. Außerhalb der Kabine blieb die Lage unklar, und Kyle war weiterhin nicht bei ihr.
Elena konzentrierte sich auf die Untersuchung. Sobald sie wusste, was ihr Körper zuließ, würde sie entscheiden müssen, wie sie weiter vorging. Bis dahin blieb ihr nichts anderes übrig, als die wenigen gesicherten Informationen von den offenen Fragen zu trennen und darauf zu warten, dass die Diagnose eine verlässlichere Grundlage für ihre nächste Entscheidung lieferte.

Kyle kam nicht auf einmal zu sich. Zuerst kehrte der Schmerz zurück, dumpf und tief unterhalb seiner Rippen. Dann bemerkte er die harte Kante der Pilotensitzlehne an seinem Rücken und das schwache Summen der Systeme, die noch immer arbeiteten. Seine Augen öffneten sich einen Spalt. Das Licht der Brückenanzeigen verschwamm vor ihm, bis er den Blick fokussieren konnte. Er versuchte, sich aufzurichten. Ein stechender Schmerz fuhr durch seine Seite und zwang ihn, die Bewegung abzubrechen. Er presste die Lippen zusammen und blieb reglos sitzen, bis sein Atem wieder gleichmäßiger ging.
„Valerie. Status.“
Die Antwort kam über die Lautsprecher der Brücke. Ihre Stimme klang unverändert klar, obwohl ein Teil der Schiffssysteme weiterhin nicht verfügbar war.
„Lebenserhaltung stabil. Energieversorgung eingeschränkt. Mehrere Systeme sind deaktiviert oder nur teilweise funktionsfähig. Der experimentelle Sprungantrieb ist nicht betriebsbereit. Die passive Sensorik liefert unvollständige Daten. Eine verlässliche Positionsbestimmung liegt nicht vor.“
Kyle schloss kurz die Augen. Er erinnerte sich an den Lichtbogen, an den Druck, der ihn von der Konsole gerissen hatte, und an Elena, die reglos zurückgeblieben war. Danach waren die Erinnerungen lückenhaft. Er hatte sie zurück in die Krankenkabine gebracht und war anschließend auf die Brücke zurückgekehrt. Dort hatte ihn die Erschöpfung schließlich überwältigt.
„Elena?“
„Kho-Shōsa ist bei Bewusstsein. Ihre Vitalparameter werden überwacht. Eine direkte Kommunikation mit ihr ist möglich.“
Die Anspannung in Kyles Brust ließ etwas nach. Sie verschwand nicht, sondern machte einer anderen Sorge Platz. Er versuchte, die Beine aus dem Sitz zu bewegen, hielt jedoch inne, als der Schmerz in seiner Seite aufflammte.
„Stell eine Verbindung her.“
Ein leises Signal ertönte. Dann hörte er Elenas Stimme aus den Lautsprechern.
„Kyle?“
Er beugte sich etwas näher zum Mikrofon. Schon diese kleine Bewegung kostete ihn mehr Kraft, als ihm lieb war.
„Ich bin hier.“
„Auf der Brücke?“
„Ja.“
Eine kurze Pause entstand. Kyle stellte sich vor, wie sie in der Krankenkabine lag, umgeben von den wenigen medizinischen Geräten, die noch arbeiteten. Er wusste, dass ihre Hände und Füße schwer verbrannt waren. Die Vorstellung, dass sie dort allein lag, ließ ihn die Zähne zusammenbeißen.
„Wie geht es dir?“, fragte er.
„Das hängt davon ab, was du unter gut verstehst. Die Schmerzen sind nicht weniger geworden. Die Schwellungen auch nicht.“
Ihre Stimme klang erschöpft, aber klar genug, um ihn zu beruhigen. Zumindest war sie in der Lage, mit ihm zu sprechen.
„Ich mache mir Sorgen um dich.“
Er hatte die Worte ausgesprochen, bevor er sie abwägen konnte. Für einen Moment sagte Elena nichts.
„Dann komm her, sobald du kannst. Ich brauche Hilfe bei der Behandlung meiner Wunden. Allein kann ich kaum etwas machen.“
Kyle blickte auf die Anzeigen vor sich. Ein Teil der Brückensysteme war weiterhin ohne Funktion, und die Sensoren lieferten kaum verwertbare Daten. Er wusste, dass er die Situation nicht einfach sich selbst überlassen konnte. Trotzdem wollte er nicht länger auf der Brücke bleiben, als unbedingt nötig.
„Ich mache mich auf den Weg, sobald ich kann.“
„Was hält dich so lange auf?“
Er ließ den Blick über die Diagnosefenster gleiten. Die passive Sensorik arbeitete zwar, doch die gelieferten Messwerte waren unvollständig und teilweise widersprüchlich. Eine Neukalibrierung könnte die Datenqualität verbessern. Sie würde die beschädigte Hardware nicht reparieren, aber vielleicht genug Informationen liefern, um die Umgebung besser einzugrenzen.
„Ich versuche, die Sensoren neu zu kalibrieren. Wenn ich ihre Funktionalität verbessern kann, haben wir wenigstens eine verlässlichere Grundlage für die nächsten Entscheidungen.“
„Welche Referenzwerte verwendest du?“
Kyle öffnete die Kalibrierungsübersicht. Mehrere der ursprünglichen Referenzpunkte waren nicht mehr verfügbar. Er nannte Elena die verbliebenen Messreihen und die Abweichungen, die ihm aufgefallen waren.
„Verlass dich nicht auf die letzten gespeicherten Ausrichtungen“, sagte sie. „Die könnten durch die Belastung beim Sprung und den anschließenden Ausfall verfälscht sein. Nimm die stabilen internen Referenzen als Ausgangspunkt. Kalibriere zuerst die einzelnen passiven Kanäle und vergleiche danach ihre Messungen miteinander. Wenn ein Kanal deutlich abweicht, korrigiere nicht einfach alle anderen mit.“
Kyle rief die entsprechenden Anzeigen auf. Ihre Hinweise passten zu den Abweichungen, die er bereits gesehen hatte. Er hatte zu lange versucht, die Werte mit den letzten vollständigen Datensätzen abzugleichen, obwohl deren Zuverlässigkeit nicht mehr gewährleistet war.
„Verstanden. Ich trenne die Kalibrierung nach Kanälen und prüfe die Übereinstimmung erst danach.“
„Und lass die aktiven Systeme aus, solange du nicht weißt, wie viel Energie sie verbrauchen. Wir brauchen keine zusätzliche Belastung, nur um ein besseres Bild zu bekommen.“
„Das hatte ich nicht vor.“
„Gut. Dann tu es auch nicht.“
Trotz ihrer Erschöpfung klang sie wie die Elena, die er kannte. Die knappe Bemerkung ließ ihn für einen Augenblick lächeln. Er unterdrückte es nicht, auch wenn sie es über die Verbindung nicht sehen konnte.
Er führte die Kalibrierung in einzelnen Schritten durch. Die Anzeige aktualisierte sich nur langsam. Einige Kanäle reagierten erwartungsgemäß, andere blieben stumm oder lieferten Werte, die sich nicht eindeutig zuordnen ließen. Er verwarf die unzuverlässigen Referenzen und beschränkte den Abgleich auf die Sensoren, deren interne Messdaten noch plausibel waren.
Nach mehreren Minuten meldete die Konsole eine abgeschlossene Neukalibrierung der verfügbaren passiven Sensoren. Die Datenqualität hatte sich verbessert, blieb aber eingeschränkt.
„Valerie, starte die passive Sensorik neu und beginne einen Umgebungsdurchlauf. Verwende nur die verfügbaren Systeme. Keine zusätzlichen Verbraucher aktivieren.“
„Bestätigt. Die passive Sensorik wird neu gestartet. Der Umgebungsdurchlauf beginnt nach Abschluss der Initialisierung.“
Kyle wartete, bis die Statusanzeige den Neustart bestätigte. Dann löste er die Gurte und schob sich vorsichtig aus dem Pilotensitz. Als er sich aufrichtete, schien der Raum für einen Moment zu kippen. Er griff nach der Armlehne und hielt sich fest, bis das Schwindelgefühl nachließ.
„Brennan-Taii, Ihre Vitalparameter deuten auf eine erhebliche körperliche Belastung hin. Eine längere Bewegung ist nicht empfehlenswert.“
„Ich gehe nur bis zur Krankenkabine.“
„Der Weg ist kurz. Dennoch sollten Sie die Bewegung langsam ausführen und bei einer Verschlechterung Ihres Zustands anhalten.“
„Das hatte ich vor.“
Er verließ die Brücke, eine Hand an der Wand, während er jeden Schritt bewusst setzte. Die Krankenkabine lag nur wenige Meter entfernt, allerdings ein Deck tiefer. Der Weg dorthin war unter normalen Umständen kaum der Rede wert. Jetzt musste er sich an den Haltegriffen entlangarbeiten und zwischendurch stehen bleiben, wenn der Schmerz in seiner Seite stärker wurde.
Auf dem darunterliegenden Deck lag die Krankenkabine direkt gegenüber den beiden kleinen Quartieren, die Kyle und Elena zugewiesen worden waren. Neben der Krankenkabine befand sich die enge Kombüse. Zu seiner Überraschung wirkte sie nahezu unversehrt. Die Arbeitsflächen waren sauber, die Schränke geschlossen, und selbst die wenigen Gegenstände, die auf der Ablage standen, waren ordentlich an ihrem Platz geblieben. Während ein Großteil der X von den Folgen des Zwischenfalls gezeichnet war, schien dieser kleine Bereich kaum etwas abbekommen zu haben.
Kyle schenkte der Kombüse nur einen kurzen Blick und betrat die Krankenkabine.
Elena lag auf der Behandlungsliege. Ihre Hände waren so gelagert, dass möglichst wenig Druck auf die verbrannten Stellen ausgeübt wurde. Auch ihre Füße waren hochgelegt. Die Haut war stark gerötet und geschwollen; an mehreren Stellen zeichneten sich die prallen Blasen der tieferen Verbrennungen ab. Sie wirkte blass und erschöpft, doch als sie ihn sah, richtete sie den Blick auf ihn.
„Du siehst nicht besonders gut aus“, sagte sie.
Kyle zog einen Hocker an die Liege und setzte sich langsam darauf. Die Bewegung ließ ihn scharf einatmen.
„Das Kompliment kann ich zurückgeben.“
„Ich habe auch nicht behauptet, dass es mir gut geht.“
Er betrachtete ihre Hände und Füße. Er wollte sie berühren, hielt aber inne, bevor er versehentlich eine verletzte Stelle streifte.
„Was muss gemacht werden?“
„Die Wunden müssen gereinigt und versorgt werden. Die Blasen dürfen nicht aufreißen. Valerie hat mir erklärt, was nötig ist, aber ich kann die Verbände nicht selbst wechseln.“
Kyle ließ sich von Valerie die verfügbaren medizinischen Materialien anzeigen. Das Sortiment war begrenzt, doch für die notwendige Versorgung standen geeignete Reinigungsmittel, sterile Auflagen und Verbände bereit. Er ließ sich die vorbereiteten Behandlungsschritte auf dem Display neben der Liege anzeigen und arbeitete sie sorgfältig ab.
Er begann mit den weniger stark betroffenen Stellen. Jede Berührung musste kontrolliert erfolgen. Elena spannte sich an, als er eine empfindliche Stelle reinigte, sagte jedoch nichts. Erst als er eine sterile Auflage anlegte, zog sie scharf die Luft ein.
„Zu fest?“, fragte er.
„Nein. Es tut einfach weh.“
Er lockerte den Druck ein wenig und befestigte den Verband so, dass er die geschwollene Haut nicht zusätzlich einengte. Danach versorgte er die übrigen Wunden. Die Arbeit dauerte länger, als er erwartet hatte. Mehrmals musste er eine Pause einlegen, weil seine Seite zu schmerzen begann und seine Hände für einen Moment zitterten.
Elena beobachtete ihn schweigend. Als er die letzte Auflage befestigt hatte, lehnte er sich zurück und atmete vorsichtig aus.
„Jetzt du“, sagte sie.
„Du solltest dich ausruhen.“
„Und du solltest dich hinlegen. Wir sind beide offenbar nicht besonders gut darin, auf vernünftige Ratschläge zu hören.“
Er wollte widersprechen, doch Elena hatte bereits nach dem medizinischen Stützverband gegriffen. Sie bat ihn, sich so weit wie möglich zurückzulehnen und die verletzte Seite freizumachen. Ihre Bewegungen waren langsam und durch die Verbrennungen an den Händen eingeschränkt. Trotzdem gelang es ihr, den Verband vorzubereiten.
Kyle verzog das Gesicht, als sie ihn vorsichtig um seinen Oberkörper führte. Sie achtete darauf, keinen unnötigen Druck auf die gebrochenen Rippen auszuüben und seine Atmung nicht einzuschränken. Bei jeder Bewegung hielt sie inne, sobald er sich anspannte.
„Sag mir, wenn ich zu fest ziehe.“
„Das werde ich.“
Sie legte den Verband an und kontrollierte, ob er bei jedem Atemzug ausreichend nachgab. Ihre Hände zitterten vor Anstrengung. Als sie fertig war, sank sie erschöpft zurück auf die Liege.
„Mehr kann ich im Moment nicht machen“, sagte sie.
„Das reicht.“
Kyle half ihr, die Hände wieder so zu lagern, dass die Verbände nicht auf den verbrannten Stellen auflagen. Danach blieb er auf dem Hocker sitzen. Er war noch immer zu schwach, um sich ohne Schmerzen aufrecht zu halten, aber wenigstens waren ihre Wunden versorgt und seine Rippen gestützt.
Aus den Lautsprechern erklang Valeries Stimme. „Der passive Umgebungsdurchlauf ist abgeschlossen. Die verfügbaren Sensordaten deuten darauf hin, dass sich die X am äußeren Rand eines unbekannten Sternensystems befindet. Eine genauere Positionsbestimmung ist mit den derzeit verfügbaren Daten nicht möglich. In der näheren Umgebung wurden keine unmittelbaren Gefahren erkannt.“
Kyle blickte zu Elena. Sie erwiderte seinen Blick, ohne etwas zu sagen. Die Meldung bedeutete, dass sie nicht länger völlig ohne Anhaltspunkt waren. Sie sagte ihnen jedoch weder, wo genau sie sich befanden, noch, was außerhalb der begrenzten Reichweite ihrer Sensoren lag.
„Kannst du das System identifizieren?“, fragte Kyle.
„Nein. Die vorliegenden Messdaten reichen für eine zuverlässige Identifikation nicht aus. Weitere Informationen sind derzeit nicht verfügbar.“
Kyle lehnte den Kopf vorsichtig gegen die Wand. Der Schmerz in seiner Seite war nicht verschwunden, und die X war noch immer weit davon entfernt, wieder einsatzfähig zu sein. Doch Elena war wach, ihre Wunden waren versorgt, und die Sensoren hatten zumindest einen ersten Hinweis auf ihre Umgebung geliefert. Für den Augenblick musste das genügen.

Fünf Tage waren vergangen. Fünf Tage, in denen Kyle und Elena sich mit den Folgen des Unfalls hatten auseinandersetzen müssen, während das Schiff Stück für Stück wieder eine eingeschränkte Betriebsfähigkeit erlangte. Die dringendsten Schäden waren behoben oder so weit umgangen worden, dass die Lebenserhaltung zuverlässig arbeitete und die grundlegende Energieversorgung stabil blieb. Die passiven Sensoren lieferten inzwischen ausreichend verwertbare Daten, um die unmittelbare Umgebung zu untersuchen. Andere Systeme waren weiterhin nur eingeschränkt verfügbar. Der experimentelle Sprungantrieb blieb zerstört. An seiner Wiederherstellung hatte sich nichts ändern lassen. Auch ihre eigenen Körper hatten sich nur teilweise erholt. Kyle konnte sich wieder ohne fremde Hilfe durch das Schiff bewegen, doch jede stärkere Drehung seines Oberkörpers erinnerte ihn an seine gebrochenen Rippen. Selbst das Aufrichten nach längerem Sitzen fiel ihm schwer. Elena war ebenfalls wieder auf den Beinen, musste ihre Hände und Füße jedoch weiterhin schonen. Die Verbrennungen waren versorgt, aber längst nicht verheilt. Längere Wege und feinmotorische Arbeiten strengten sie an, und manche Bewegungen verursachten noch immer Schmerzen. Trotzdem hatten sie beschlossen, nicht länger ausschließlich in der Krankenkabine zu bleiben. Die Kombüse lag zwischen der Krankenkabine und den beiden kleinen Quartieren auf dem Deck unterhalb der Brücke. Sie war einer der wenigen Bereiche, die vom Unfall beinahe unberührt geblieben waren. Die schmalen Arbeitsflächen waren sauber, die Schränke geschlossen und die wenigen Küchenutensilien ordentlich verstaut. Selbst die Beleuchtung funktionierte ohne das unregelmäßige Flackern, das in anderen Teilen der X inzwischen zum gewohnten Anblick geworden war. Kyle blieb einen Moment im Eingang stehen und betrachtete den kleinen Raum. Nach den beschädigten Konsolen, den freigelegten Leitungen und den verriegelten Schotten der vergangenen Tage wirkte die intakte Kombüse beinahe fremd. Hier gab es keine Warnmeldungen auf den Wänden, keine provisorischen Reparaturen und keine sichtbaren Spuren des Zwischenfalls. Nur das leise Summen der Lüftung erinnerte daran, dass der Raum Teil eines schwer beschädigten Raumschiffs war. Elena saß bereits an dem schmalen Tisch. Vor ihr stand eine rationierte Mahlzeit, die sie aus den noch verfügbaren Vorräten zusammengestellt hatten. Es war nichts Besonderes, nur eine einfache Portion, die satt machen sollte, ohne unnötig viele Ressourcen zu verbrauchen. Trotzdem hatte sie sich die Zeit genommen, das Essen ordentlich anzurichten. Als Kyle sich ihr gegenüber setzte, achtete er darauf, seinen Oberkörper möglichst wenig zu drehen. Der Stuhl gab unter seinem Gewicht ein leises Knacken von sich. Er hielt kurz inne, bis der Schmerz in seiner Seite nachließ, und zog dann den Teller näher zu sich.
Elena betrachtete ihn über den Tisch hinweg. „Du setzt dich hin, als wärst du doppelt so alt wie gestern.“
Kyle nahm das Besteck auf und verzog den Mund. „Gestern habe ich mich auch nicht hingesetzt, um es vorzuführen.“
Sie sah auf seine Seite, dann wieder in sein Gesicht. „Und?“
„Es geht.“
„Das war keine Antwort.“
„Es ist die Antwort, die du bekommst, solange du nicht selbst auf meinen Rippen herumdrückst.“
Ein schwaches Lächeln huschte über Elenas Gesicht. Sie griff nach ihrem Besteck, wobei sie die Hände vorsichtig hielt, damit die noch empfindlichen Hautpartien nicht unnötig belastet wurden. Die Verbände waren inzwischen weniger auffällig als unmittelbar nach dem Unfall, aber sie musste weiterhin aufpassen, wie fest sie etwas umfasste. Kyle bemerkte, wie sie den Griff korrigierte, bevor sie den ersten Bissen nahm. Er sagte nichts dazu. Er wusste, dass sie es nicht schätzte, ständig an ihre Einschränkungen erinnert zu werden. Vermutlich ging es ihm selbst nicht anders. Für einige Minuten aßen sie schweigend. Das Besteck klirrte leise gegen die Teller. Die Luft war angenehm kühl, und aus der Lüftung drang ein gleichmäßiges Geräusch, das fast an das beruhigende Grundsummen eines intakten Schiffs erinnerte. Kyle merkte erst jetzt, wie sehr ihm diese schlichte Normalität gefehlt hatte. Keine Reparaturkonsole vor sich, keine Diagnosewerte, die er mit schmerzenden Augen vergleichen musste. Nur eine Mahlzeit und ein Tisch, an dem er Elena gegenübersaß.
Dann meldete sich Valerie über die in der Kombüse integrierten Lautsprecher. „Die aktuelle Auswertung der passiven Sensorik ist abgeschlossen. Die X befindet sich nach den vorliegenden Messdaten am äußeren Rand eines unbekannten Sternensystems. Eine Identifikation des Systems ist weiterhin nicht möglich.“
Kyle legte das Besteck kurz ab. „Wie zuverlässig ist die Positionsbestimmung?“
„Die Zuordnung zum äußeren Bereich des Systems ist mit den verfügbaren Messdaten vereinbar. Eine präzise Position kann ich nicht bestimmen. Die Daten reichen ebenfalls nicht aus, um sämtliche relevanten Objekte im System zu erfassen.“
„Und unmittelbare Gefahren?“
„In der näheren Umgebung wurden keine unmittelbaren Gefahren erkannt. Die Aussage bezieht sich ausschließlich auf die mit den derzeit verfügbaren Sensoren erfassbare Umgebung.“
Kyle sah zu Elena. Sie hatte ebenfalls aufgehört zu essen. Die Meldung war nicht neu. Sie hatten die grundlegenden Ergebnisse bereits erhalten, nachdem Kyle die passiven Sensoren neu kalibriert hatte. Doch nun, fünf Tage später, klang die Information anders. Die unmittelbare Gefahr schien vorerst gebannt, und das Schiff war wieder so weit funktionsfähig, dass sie sich mit der Frage beschäftigen konnten, was als Nächstes kommen sollte. Trotzdem wussten sie kaum mehr als zuvor.
„Valerie“, sagte Elena, „prüfe bitte den aktuellen Bestand an Nahrungsmitteln und medizinischen Verbrauchsmaterialien. Berücksichtige dabei die vorhandenen Rationen und den bisherigen Verbrauch.“
„Bestätigt. Ich ermittle den erfassten Bestand und vergleiche ihn mit dem dokumentierten Verbrauch.“
Elena legte das Besteck neben ihren Teller und lehnte sich vorsichtig zurück. Die Bewegung war klein, doch Kyle sah, wie sie kurz die Schultern anspannte. Er wusste, dass sie noch immer versuchte, möglichst wenig von den Schmerzen zu zeigen. In den letzten Tagen hatte er oft genug erlebt, wie sie eine Bewegung abbrach, wenn sie zu unangenehm wurde, und anschließend so tat, als hätte sie nur etwas vergessen.
„Wir sollten auch den Treibstoff überprüfen“, sagte sie. „Und nicht nur den aktuellen Bestand. Wir müssen wissen, was wir für die verschiedenen Antriebssysteme tatsächlich noch verwenden können.“
Kyle nickte langsam. „Dazu kommen die Energiereserven. Solange wir nicht wissen, welche Systeme sich zuverlässig betreiben lassen und welche Reparaturen noch möglich sind, können wir den Verbrauch kaum sinnvoll planen.“
„Die grundlegende Energieversorgung läuft stabil. Das bedeutet aber nicht, dass wir genug Reserven für alles haben, was wir möglicherweise tun müssen.“
„Das weiß ich.“
Er hatte die vergangenen Tage damit verbracht, genau diese Unterscheidung immer wieder zu berücksichtigen. Ein System konnte funktionieren und dennoch so viel Energie verbrauchen, dass es an anderer Stelle fehlte. Eine Reparatur konnte technisch möglich sein, ohne sich angesichts der verfügbaren Ressourcen zu rechtfertigen. Und ein Schiff, das sich wieder steuern ließ, war noch lange kein Schiff, das sie nach Hause bringen konnte.
Valerie meldete sich erneut. „Der erfasste Nahrungsmittelbestand und die verfügbaren medizinischen Verbrauchsmaterialien werden mit den dokumentierten Verbräuchen abgeglichen. Die Bestandsdaten sind teilweise unvollständig. Eine belastbare Prognose hängt von den noch zu bestätigenden Mengen und dem künftigen Verbrauch ab.“
„Gib uns die bestätigten Werte zuerst“, sagte Kyle. „Kennzeichne alles, was nur geschätzt werden kann.“
„Bestätigt.“
Kyle nahm wieder sein Besteck auf, doch sein Appetit war geringer geworden. Er blickte auf die Mahlzeit vor sich. Noch vor wenigen Tagen hatte er sich vor allem darum gekümmert, die Lebenserhaltung aufrechtzuerhalten und Elena durch die kritischste Phase ihrer Verletzungen zu bringen. Jetzt saßen sie hier und mussten überlegen, wie sie mit den Vorräten auskommen sollten, die ihnen geblieben waren. Es war ein kleiner Unterschied im Blickwinkel, aber ein entscheidender. Die ersten Tage hatten sie überstanden. Das bedeutete nicht, dass sie damit auch die kommenden Wochen überstehen würden. Elena schob ihren Teller ein Stück von sich weg. Sie hatte nicht alles gegessen, und Kyle fragte sich, ob es an den Schmerzen lag oder daran, dass ihr dieselben Gedanken durch den Kopf gingen wie ihm.
„Wir sollten uns nicht einreden, dass wir nur noch ein paar Reparaturen erledigen müssen und dann wieder alles unter Kontrolle haben“, sagte sie. „Selbst wenn wir die meisten Systeme wieder zum Laufen bringen, wissen wir immer noch nicht, wo wir sind.“
„Und der Sprungantrieb bleibt zerstört.“
„Gibt es irgendeine Möglichkeit, ihn wiederherzustellen?“
Kyle atmete langsam aus. Er wollte ihr eine bessere Antwort geben. In den vergangenen Tagen hatte er jede verfügbare Diagnose ausgewertet, die noch zugänglichen technischen Unterlagen geprüft und die Schäden soweit untersucht, wie es seine Kräfte und die eingeschränkten Systeme zuließen. Es hatte keinen einfachen Weg gegeben, den Antrieb wieder in Betrieb zu nehmen. Eine Reparatur würde mehr erfordern als einen Neustart oder eine Anpassung der Steuerung.
„Mit den Mitteln, die uns derzeit zur Verfügung stehen, können wir ihn nicht wieder betriebsbereit machen. Ich kann dir auch nicht sagen, ob wir die nötigen Komponenten überhaupt ersetzen können. Wir sollten davon ausgehen, dass er unwiderbringlich zerstört wurde.“
Elena hielt seinen Blick fest. Sie fragte nicht, ob er sich sicher war. Sie wusste, dass er keine solche Aussage machen würde, wenn er noch eine realistische Alternative sähe.
„Dann müssen wir herausfinden, was dieses Sonnensystem zu bieten hat“, sagte sie schließlich.
Kyle sah auf die Tischplatte. Die Entscheidung lag eigentlich auf der Hand. Sie brauchten Informationen über ihre Umgebung, über mögliche Rohstoffe und über alles, was ihnen helfen konnte, das Schiff langfristig funktionsfähig zu halten. Vielleicht gab es Ressourcen, die sie nutzen konnten. Vielleicht gab es Hinweise auf die Identität des Systems oder auf andere Möglichkeiten, ihre Lage zu verändern. Im Augenblick waren das allerdings nur Möglichkeiten, keine belastbaren Aussichten.
„Wir müssen zuerst wissen, was wir suchen“, sagte er. „Und wie weit wir uns mit dem Zustand der X überhaupt bewegen können.“
„Dann beginnen wir mit den passiven Sensoren. Wir erfassen das, was sich ohne zusätzliche Belastung untersuchen lässt, und entscheiden danach, ob sich eine nähere Untersuchung lohnt.“
„Wir werden nicht alles auf einmal machen können.“
„Das habe ich auch nicht vorgeschlagen.“
Er blickte zu ihr auf. In ihrer Stimme lag keine Ungeduld, sondern die nüchterne Entschlossenheit, mit der sie auch während ihrer Ausbildung schwierige Aufgaben angegangen war. Kyle kannte diese Seite an ihr. Sie konnte sich über eine Lage ärgern, ohne sich von diesem Ärger daran hindern zu lassen, die nächsten Schritte zu planen.
„Wir müssen außerdem festlegen, wie viel wir für die Erkundung ausgeben können“, sagte er. „Energie, Treibstoff, Verbrauchsmaterialien. Und wir brauchen eine Reserve für den Fall, dass unterwegs etwas ausfällt.“
„Dann soll Valerie die Bestandsaufnahme abschließen und die verfügbaren Betriebsoptionen gegenüberstellen. Wir können erst entscheiden, wenn wir wissen, welche Werte gesichert sind.“
Kyle nickte. Er würde die Daten prüfen und die technischen Möglichkeiten bewerten. Elena konnte die Auswertung der Sensoren unterstützen und bei der Planung helfen, solange ihre Verletzungen sie nicht zu sehr einschränkten. Es war keine Lösung für ihre Lage, aber ein Anfang.
„Valerie“, sagte er, „stelle eine Übersicht der bestätigten Energie- und Treibstoffreserven sowie des erfassten Nahrungsmittelbestands zusammen. Führe die noch offenen Reparaturen separat auf. Unterscheide klar zwischen Systemen, die betriebsbereit sind, und solchen, die nur eingeschränkt funktionieren.“
„Bestätigt. Die Übersicht wird erstellt, sobald die laufende Bestandsprüfung abgeschlossen ist.“
Elena griff wieder nach ihrem Besteck. Ihre Bewegung war vorsichtig, aber diesmal führte sie sie ohne Unterbrechung aus. Kyle nahm ebenfalls einen Bissen, obwohl das Essen inzwischen etwas abgekühlt war. Die Kombüse blieb still. Die Lüftung summte, die Beleuchtung brannte gleichmäßig, und auf dem Tisch standen zwei einfache Mahlzeiten. Für einen flüchtigen Moment hätte man sich einreden können, dass es sich um einen gewöhnlichen Tag an Bord handelte. Doch die X befand sich weit außerhalb jeder verlässlich bekannten Position. Der Sprungantrieb war zerstört, eine Rückkehr ins Sol-System mit den vorhandenen Mitteln nicht möglich, und die verfügbaren Ressourcen waren endlich. Selbst wenn sie das Schiff wieder vollständig kontrollieren konnten, würde das allein nichts daran ändern. Kyle sah zu Elena. Sie saß ihm gegenüber, müde und noch immer verletzt, aber sie war hier. Sie konnten miteinander sprechen, gemeinsam nachdenken und Entscheidungen treffen. Das war mehr, als er sich während der ersten Stunden nach dem Unfall hatte sicher sein können. Es musste vorerst reichen. Als sie mit dem Essen fertig waren, würde er auf die Brücke zurückkehren und die Ergebnisse prüfen. Danach würden sie entscheiden, welche Teile des unbekannten Sternensystems sie zuerst untersuchen konnten. Sie hatten keine Gewissheit, dort etwas zu finden, das ihnen helfen würde. Aber ohne weitere Informationen blieb ihnen nur, auf einem beschädigten Schiff zu warten, dessen Vorräte sich mit jedem Tag verringerten. Und das war keine langfristige Strategie.

Die Bestandsaufnahme war abgeschlossen, doch sie hatte ihnen keine Lösung gebracht. Die Zahlen waren nun geordnet, die verfügbaren Reserven erfasst und die noch offenen Reparaturen dokumentiert. An der grundlegenden Lage änderte das nichts. Die X war eingeschränkt betriebsfähig, der experimentelle Sprungantrieb zerstört und eine Rückkehr ins Sol-System mit den verfügbaren Mitteln unmöglich. Kyle hatte sich in sein Quartier zurückgezogen, Elena in ihres. Beide hatten gehofft, wenigstens einige Stunden schlafen zu können. Nach fünf Tagen voller Reparaturen, medizinischer Versorgung und technischer Auswertungen hätten ihre Körper die Ruhe dringend gebraucht. Doch Kyle bekam kein Auge zu. Er lag auf seiner schmalen Koje und starrte an die Decke. Die Beleuchtung war gedimmt, die Lüftung arbeitete mit gleichmäßigem Summen, und hinter den Wänden liefen die Systeme weiter, die sie mühsam am Leben erhalten hatten. Gelegentlich drang ein leises Knacken aus der Schiffstruktur. Bei jedem dieser Geräusche lauschte er einen Moment lang, bis er sicher war, dass keine neue Warnmeldung folgte. Seine Rippen schmerzten, sobald er sich bewegte. Er versuchte, eine bequemere Position zu finden, gab es aber bald auf. Die körperlichen Beschwerden waren wenigstens verständlich. Er wusste, woher sie kamen und was er tun konnte, um sie nicht weiter zu verschlimmern. Anders war es mit dem Gedanken, der sich immer wieder in seinen Kopf drängte. Sie waren gestrandet. Nicht irgendwo in einem bekannten Gebiet, nicht an einem Ort, von dem eine Rettungsmannschaft sie mit etwas Glück erreichen konnte. Sie befanden sich in einem unbekannten Sternensystem, ohne verlässliche Positionsbestimmung und ohne funktionierenden Sprungantrieb. Die X mochte wieder fliegen können, doch sie besaß keine Möglichkeit, sie auf dem bekannten Weg nach Hause zu bringen. Kyle schloss die Augen. Er versuchte, sich auf seine Atmung zu konzentrieren, doch schon nach wenigen Sekunden kehrten seine Gedanken zu den offenen Reparaturen zurück. Er ging die Systeme im Kopf durch, überlegte, welche Komponenten sie ausbauen oder anderweitig nutzen konnten und wie lange ihre Vorräte reichen mochten. Jedes Problem führte zu einem weiteren, jede mögliche Lösung setzte Ressourcen voraus, die sie vielleicht nicht hatten. Irgendwann gab er den Versuch auf, einzuschlafen.
Zur selben Zeit lag Elena in ihrem Quartier wach. Ihre Hände und Füße schmerzten noch immer, wenn sie sich unvorsichtig bewegte. Die Verbände erinnerten sie bei jedem Lagewechsel daran, dass die Verbrennungen noch nicht verheilt waren. Sie hatte versucht, sich auf die gleichmäßigen Geräusche der Lebenserhaltung zu konzentrieren, doch die Stille ließ ihren Gedanken nur mehr Raum. Sie hatte fünf Tage lang funktioniert. Wunden versorgen, Daten prüfen, Reparaturen planen, Entscheidungen treffen. Es war leichter gewesen, sich auf konkrete Aufgaben zu konzentrieren, als darüber nachzudenken, was es bedeutete, nicht mehr zu wissen, wo man war. Nun gab es keine Aufgabe, die ihre Aufmerksamkeit vollständig beanspruchte. Sie dachte an die Erde. An den Himmel, den sie von dort gekannt hatte, und an die Selbstverständlichkeit, mit der sie früher davon ausgegangen war, dass es immer einen Weg zurück geben würde. Der Gedanke, dass sie diesen Himmel vielleicht nie wieder sehen würde, ließ sie die Augen öffnen. Sie drehte sich vorsichtig auf die Seite. Der Schmerz in ihren Füßen nahm zu und zwang sie, die Bewegung abzubrechen. Für einen Moment blieb sie reglos liegen und lauschte dem leisen Summen der Lüftung. Auch sie schlief nicht.
Stunden später betrat Kyle die Brücke. Die Müdigkeit lag schwer hinter seinen Augen, und seine Rippen machten sich bei jedem Schritt bemerkbar. Er hatte sich das Aufstehen leichter vorgestellt. Stattdessen musste er sich nach dem Verlassen seines Quartiers einen Augenblick an der Wand abstützen, bevor er den Weg fortsetzen konnte. Die Brücke war nur schwach beleuchtet. Einige Anzeigen zeigten weiterhin Fehlermeldungen, andere waren dunkel geblieben. Die provisorisch wiederhergestellten Systeme arbeiteten, doch die vertraute Ordnung der Instrumente war durch die zahlreichen Ausfälle unterbrochen. Wo früher vollständige Datensätze und übersichtliche Statusanzeigen verfügbar gewesen waren, fanden sich nun Lücken und Hinweise auf eingeschränkte Funktionalität. Elena war bereits da. Sie stand vor der zentralen Anzeige und stützte sich mit einer Hand an der Konsole ab. Als sie Kyle hörte, wandte sie sich um. Ihre Bewegungen waren vorsichtig, und die noch immer sichtbaren Verbände ließen keinen Zweifel daran, dass sie sich ebenfalls nicht ausreichend erholt hatte.
„Du konntest auch nicht schlafen.“
Es war keine Frage. Kyle schüttelte den Kopf und nahm neben ihr Platz, wobei er sich langsam in den Sitz sinken ließ. „Du offenbar auch nicht.“
Elena sah wieder auf die Anzeige. „Zu viele offene Fragen.“
Kyle hätte ihr nicht widersprochen. Er war froh, dass sie hier war, auch wenn er wusste, dass sie beide dringend Ruhe gebraucht hätten. Wenigstens mussten sie die nächsten Stunden nicht allein mit ihren Gedanken verbringen.
Valerie meldete sich über die Lautsprecher. „Die Kartierung der näheren Umgebung wurde abgeschlossen. Die Erfassung ist aufgrund der eingeschränkten Sensorreichweite und der verfügbaren Messdaten unvollständig. Nach den vorliegenden Ergebnissen befindet sich die X zwischen dem äußeren Planeten des Sternensystems und dessen Oortscher Wolke.“
Auf der Hauptanzeige erschien eine schematische Darstellung. Der Zentralstern war als heller Punkt markiert. Darum lagen mehrere unvollständige Bahndarstellungen, deren äußere Bereiche durch gestrichelte Linien begrenzt wurden. Weiter außen befand sich eine diffuse Markierung für die vermutete Oortsche Wolke. Ihre genaue Ausdehnung ließ sich aus den verfügbaren Daten nicht bestimmen. Kyle betrachtete die Darstellung. Sie gab ihnen erstmals einen größeren Zusammenhang, doch die Lücken waren beinahe ebenso auffällig wie die erfassten Bereiche. Sie wussten, dass ein Sternensystem vor ihnen lag. Sie wussten nicht, welche weiteren Objekte sich darin befanden, ob es dort nutzbare Ressourcen gab oder wie lange sie benötigen würden, um genügend Informationen für eine sichere Entscheidung zu sammeln.
„Zeig uns die Daten zum äußersten Planeten.“
Die schematische Darstellung veränderte sich. Ein einzelner Himmelskörper wurde hervorgehoben. Daneben erschienen die Messwerte, die Valerie aus den verfügbaren Sensoraufnahmen und den bisherigen Beobachtungen abgeleitet hatte.
„Der Planet umläuft den Zentralstern in einer mittleren Entfernung von etwa 6,8 astronomischen Einheiten. Aufgrund der großen Entfernung und der begrenzten Auflösung sind die Messdaten nicht ausreichend, um seine physikalischen Eigenschaften zuverlässig zu bestimmen.“
Die Darstellung wechselte zu einer vergrößerten Aufnahme. Der Planet war als kleine, blass leuchtende Scheibe zu erkennen. Seine Färbung lag zwischen Hellblau und Blauweiß. Um ihn herum zeichnete sich ein schwaches Ringsystem ab, dessen Struktur sich in den Bilddaten nur teilweise auflösen ließ. An einigen Stellen waren dunkle Flecken sichtbar. Sie waren zu undeutlich, um daraus sichere Aussagen über ihre Ursache abzuleiten.
Elena trat etwas näher an die Anzeige. Sie betrachtete die Aufnahme, ohne die Arme zu verschränken, um ihre verletzten Hände nicht unnötig zu belasten. „Die Farbe könnte auf Methan in der Atmosphäre hindeuten.“
„Das ist möglich“, bestätigte Valerie. „Die verfügbaren Spektraldaten reichen jedoch nicht aus, um die Zusammensetzung der Atmosphäre zu bestimmen. Die Färbung und das vermutete Ringsystem sind mit einem Eisriesen vereinbar. Diese Einordnung ist vorläufig.“
Kyle vergrößerte die Darstellung des Planeten. Die dunklen Flecken blieben auch bei höherer Vergrößerung unscharf. Sie konnten durch Bildrauschen, Oberflächen- oder Atmosphärenstrukturen oder andere nicht aufgelöste Merkmale entstanden sein. Eine belastbare Zuordnung war nicht möglich.
„Und die Flecken?“
„Die Daten lassen keine eindeutige Interpretation zu. Es ist möglich, dass einige der erfassten Strukturen auf Trabanten zurückzuführen sind. Ich kann dies anhand der aktuellen Aufnahmen nicht bestätigen.“
Elena musterte die Anzeige noch einige Sekunden. „Wir brauchen bessere Daten. Aus der Entfernung werden wir nicht viel mehr herausfinden.“
Kyle nickte. Er hätte sich gewünscht, dass die Sensoren ihnen mehr boten. Ein Planet mit einem Ringsystem und möglichen Trabanten war ein konkreter Anhaltspunkt, aber kein Beweis dafür, dass sie dort etwas finden würden, das ihnen half. Die Aufnahmen zeigten weder, ob der Planet über nutzbare Ressourcen verfügte, noch, ob sich in seiner Umgebung andere geeignete Objekte befanden.
„Valerie, welche Möglichkeiten haben wir, unsere Vorräte aufzufüllen und weitere Reparaturen durchzuführen?“
„Eine abschließende Bewertung ist nicht möglich, solange keine geeigneten Ressourcenquellen identifiziert wurden. Eine Untersuchung des Sternensystems könnte Informationen über potenziell nutzbare Rohstoffe und weitere Himmelskörper liefern. Ob sich daraus eine Möglichkeit zur Versorgung der X ergibt, kann ich derzeit nicht bestimmen.“
Die Antwort war sachlich und vollständig. Gerade das machte sie schwer zu ertragen. Valerie konnte die Daten auswerten, die ihnen zur Verfügung standen, und die Ergebnisse in eine nachvollziehbare Form bringen. Sie konnte ihnen jedoch nicht sagen, ob die Erkundung erfolgreich sein würde.
Kyle lehnte sich vorsichtig zurück. Der Schmerz in seiner Seite ließ ihn die Position sofort wieder korrigieren. „Wir müssen nach innen. Wenn wir hier draußen bleiben, erfahren wir nicht genug, um unsere Lage zu verbessern.“
Elena blickte von der Anzeige zu ihm. „Wir brauchen Rohstoffe für die Reparaturen. Außerdem müssen wir unsere Nahrungs- und Treibstoffvorräte auffüllen. Selbst wenn die X wieder eingeschränkt fliegen kann, kommen wir nicht weit, wenn wir nur das verbrauchen, was noch an Bord ist.“
„Und wir wissen nicht, was uns auf dem Weg begegnet.“
„Das wissen wir auch nicht, wenn wir hier bleiben.“
Kyle schwieg. Sie hatte recht. Das Warten würde ihre Lage nicht verbessern. Jeder Tag verbrauchte Vorräte, ohne ihnen neue Informationen zu verschaffen. Sie konnten ihre Systeme weiter überprüfen und den Zustand des Schiffs stabilisieren, doch irgendwann mussten sie sich bewegen. Der unbekannte Planet war ihr erster sinnvoller Bezugspunkt. Er betrachtete die Bahnmarkierungen auf der Anzeige und prüfte die Entfernung, die Valerie aus den vorhandenen Daten ableiten konnte. Die Reise würde Zeit in Anspruch nehmen. Diese Zeit mussten sie nutzen, um weitere Reparaturen vorzubereiten und den Zustand der X so weit zu verbessern, wie es mit den verfügbaren Mitteln möglich war.
„Valerie, setze einen Kurs zum äußersten Planeten. Gib kurz maximalen Schub und schalte anschließend auf Drift um. Führe während des gesamten Flugs eine kontinuierliche Sensorabtastung der Umgebung durch. Sobald wir uns dem Planeten nähern, leite den Umkehrschub ein und schwenke in einen hohen Orbit ein. Danach beginnst du mit der Katalogisierung und Kartierung.“
„Befehl verstanden. Ich berechne den Kurs unter Berücksichtigung der verfügbaren Antriebsleistung und der bekannten Einschränkungen. Die Durchführung des Manövers hängt von den tatsächlichen Antriebswerten und den während des Flugs erfassten Daten ab.“
Auf der Anzeige erschien die berechnete Flugbahn. Valerie markierte den vorgesehenen Beschleunigungsabschnitt, die anschließende Driftphase und den Bereich, in dem das Bremsmanöver beginnen sollte. Noch war der Kurs nicht ausgeführt worden. Die Steuerung musste die verfügbare Antriebsleistung berücksichtigen, und die Sensoren würden während der Annäherung weitere Messdaten liefern müssen.
Elena betrachtete die Flugbahn. „Wir sollten die Reisezeit für weitere Reparaturen nutzen.“
Kyle wandte sich zu ihr. Er hatte denselben Gedanken gehabt, doch es war gut, ihn ausgesprochen zu hören. Der Flug würde ihnen keine neue Zeit schenken. Wenn sie die Strecke ungenutzt zurücklegten, würden sie am Ende lediglich näher an einem unbekannten Planeten sein, während die Schäden der X unverändert blieben.
„Einverstanden. Wir prüfen, welche Arbeiten sich während des Flugs sicher durchführen lassen. Die Energieversorgung und die Steuerung haben Vorrang. Alles andere muss warten, bis wir wissen, was uns dort erwartet.“
Elena nickte und wandte sich wieder der Anzeige zu. Valerie bestätigte den vorbereiteten Kurs und begann mit den letzten Prüfungen der verfügbaren Systeme. Auf der Brücke änderte sich zunächst wenig. Die beschädigten Anzeigen blieben dunkel, und die Warnmeldungen verschwanden nicht. Doch die Bahn des Planeten war nun auf der Hauptanzeige hervorgehoben. Ein Ziel war festgelegt worden. Kyle sah auf die blassblaue Scheibe. Sie war der erste konkrete Anhaltspunkt, den sie seit dem Unfall erhalten hatten. Dahinter lagen ein unbekannter Stern, weitere Himmelskörper und ein System, dessen Beschaffenheit sie nur in groben Umrissen erahnen konnten. Er versuchte, sich vorzustellen, was sie dort finden würden. Einen geeigneten Rohstoff, der eine Reparatur ermöglichte. Eine Quelle für Treibstoff. Vielleicht einen Himmelskörper, auf dem sie weitere Untersuchungen durchführen konnten. Jede dieser Möglichkeiten war denkbar, doch keine war gesichert. Und wenn sie nichts fanden, würde sich ihre Lage weiter verschlechtern. Kyle spürte, wie sich seine Finger um die Armlehne schlossen. Er lockerte den Griff bewusst. Sie hatten eine Entscheidung getroffen, und jetzt mussten sie dafür sorgen, dass die X die Reise überstand.
„Beginne mit der Vorbereitung des Manövers“, sagte er.
Die Anzeige bestätigte den Befehl. Die Flugbahn blieb bestehen, während Valerie die verfügbaren Systeme prüfte. Zum ersten Mal seit Tagen stand nicht mehr nur die Reparatur des beschädigten Schiffs im Mittelpunkt. Sie hatten ein Ziel, auch wenn es ihnen weder Sicherheit noch eine Aussicht auf Heimkehr bot. Kyle blickte noch einmal auf den Planeten. Das kalte Blau seiner Oberfläche war in der vergrößerten Darstellung kaum mehr als ein blasser Fleck im Dunkel. Dann wandte er sich den Systemanzeigen zu. Die Arbeit wartete, und die Zeit, die ihnen blieb, war begrenzt.

Ich hasse Perfektion.
Sie bietet keinen Platz für Kreation.

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