Kapitel 79 -
Paranid Roulette
Ich hatte in den vergangenen Wochen gelernt, dass sich Probleme selten einzeln ankündigten. Kaum schien eine Angelegenheit unter Kontrolle, tauchte bereits die nächste auf, und diesmal begann sie nicht mit einer politischen Schlagzeile, einem Finanzbericht oder einer verdächtigen Unternehmensbeteiligung, sondern mit einem einzelnen Transpondersignal am südlichen Rand von Presidents End. Ich befand mich gerade im zentralen Lagezentrum der Altrix Nova, als die Meldung eintraf. Der Raum lag mehrere Ebenen unterhalb der öffentlichen Bereiche der Station und war von gedämpftem, indirektem Licht erfüllt. Die Wände bestanden aus dunkelgrauen Verbundelementen, deren Fugen von schmalen türkisfarbenen Statuslinien durchzogen waren. Über den Arbeitsplätzen schwebten zahlreiche holografische Anzeigen, die sich ständig veränderten. Flugbahnen erschienen als feine Lichtkurven, Sprungtorparameter als geometrische Modelle, Transpondersignale als farbige Punkte in einer dreidimensionalen Darstellung des Systems. Die Luft war trocken und kühl, gefiltert und mit dem kaum wahrnehmbaren Geruch warmer Elektronik angereichert. Irgendwo hinter den Wänden arbeitete eine Klimaanlage mit einem gleichmäßigen, tiefen Brummen, das man nach einiger Zeit nicht mehr bewusst wahrnahm. Ich stand vor der zentralen Projektion, als sich plötzlich eine neue Flugbahn in das Modell von Presidents End einzeichnete. Ein heller Punkt erschien auf der südlichen Ekliptik, genau dort, wo das Sprungtor in Richtung Wolke B lag. Die Linie, die von dem Tor in den Raum hinausführte, war zunächst nur ein dünner Lichtbogen. Dann stabilisierte sich das Signal.
Gal Connar stand rechts neben mir. Sie trug ihre übliche funktionale Kleidung der SSA, deren dunkle Oberfläche bei jeder Bewegung einen matten, beinahe schwarzen Schimmer zeigte. Ihre Aufmerksamkeit war sofort auf den neuen Kontakt gerichtet. Tahl Brenna befand sich auf der anderen Seite des Projektionsfeldes und vergrößerte bereits die Transponderdaten. Mehrere weitere Mitarbeiter der Sicherheitsabteilung hatten ihre Gespräche eingestellt und blickten auf die Projektion.
"Kontakt identifiziert", sagte Tahl.
Ich sah zu ihm. "Was haben wir?"
Er bewegte zwei Finger durch die holografische Oberfläche und zog die relevanten Daten aus dem übrigen Informationsstrom heraus. Das dreidimensionale Modell des Systems verschwand teilweise, sodass nur noch das südliche Sprungtor, die Ekliptik und die Flugbahn des eingetroffenen Schiffes sichtbar blieben.
"Paranidisches Schiff."
Für einen Moment sagte niemand etwas. Ich sah wieder auf den Lichtpunkt. "Welcher Typ?"
Tahl vergrößerte das Schiffssignal. "Hyperion."
Gal atmete langsam durch die Nase ein. Ihre Gesichtszüge blieben kontrolliert, doch ich bemerkte, wie sich ihre Augenbrauen geringfügig zusammenzogen. Eine paranidische Hyperion-Korvette. Allein diese Kombination war ungewöhnlich genug, um unsere Aufmerksamkeit zu rechtfertigen. Das Sprungtor lag innerhalb des argonischen Hoheitsgebietes von Presidents End. Auf der anderen Seite befand sich Wolke B, ebenfalls ein System der argonischen Föderation. Ein militärisches paranidisches Schiff konnte dort nicht einfach auftauchen, als handele es sich um einen gewöhnlichen Handelskontakt. Die politischen Beziehungen zwischen den Völkern mochten in den vergangenen Jahrzehnten komplizierter geworden sein, aber die grundlegenden Hoheitsrechte waren weiterhin gültig.
"Militärisch?" fragte ich.
"Das versuchen wir gerade zu klären."
Tahl öffnete weitere Informationen. Das Schiff erschien nun als detailliertes holografisches Modell über der Tischfläche. Die Hyperion war eine markante Korvette, deren Form sich deutlich von den Schiffen unterschied, die innerhalb der UNO eingesetzt wurden. Ihr Rumpf wirkte kompakt und zugleich schwer, mit einer geometrischen, beinahe aggressiven Linienführung. Die Oberflächen waren von dunklen und metallisch wirkenden Segmenten geprägt, die dennoch eine biologische Musterung aufwiesen. Verschiedene Antriebskomponenten lagen tief in der Struktur des Schiffes und wurden von der Projektion farblich hervorgehoben.
Ich betrachtete das Modell und dachte unwillkürlich darüber nach, wie ein paranidisches Schiff auf die anderen Bewohner von Presidents End wirken musste. Die Paraniden waren keine Spezies, bei der man leicht den Eindruck von Harmlosigkeit gewann. Mit ungefähr zweieinhalb Metern Körpergröße überragten sie die Menschen deutlich. Ihre humanoide Grundform täuschte dabei nur auf den ersten Blick über die Unterschiede hinweg. Ihre Körper waren anders proportioniert, ihre Bewegungen besaßen eine für Menschen ungewöhnliche Präzision, und vor allem ihre drei Augen machten jeden direkten Blickkontakt zu etwas Ungewohntem. Wo ein Mensch zwei Augen besaß, verfügte ein Paranide über drei, wodurch sein Sichtfeld mehr als einhundertachtzig Grad umfassen konnte. Selbst wenn ein Paranide scheinbar direkt vor jemandem stand, bedeutete das nicht, dass er seine Umgebung aus den Augen verlor. Ihre längliche Schnauze verlieh ihren Gesichtern eine fremdartige Silhouette. Einen Geruchssinn im menschlichen Sinne besaßen sie nicht. Dafür waren ihre anderen Sinne hochentwickelt. Ihre beiden Arme und Beine verfügten jeweils über zwei Gelenke, was ihren Bewegungen eine eigentümliche, manchmal beinahe unnatürlich wirkende Geschmeidigkeit verlieh. Besonders gefürchtet waren sie im Nahkampf. Jeder ihrer Arme endete in einer Hand mit drei scharfen Klauen, und die Kombination aus Kraft, Gelenkigkeit und ihrer Fähigkeit, einen Gegner zu umklammern, hatte ihnen einen Ruf eingebracht, der selbst unter den gewalttätigsten Spezies des Commonwealths respektiert wurde. Ein Split würde sich freiwillig auf keinen Nahkampf mit einem Paraniden einlassen.
Das allein sagte viel. Doch körperliche Gefährlichkeit war nur ein Teil dessen, was die Anwesenheit eines Paraniden in Presidents End so ungewöhnlich machte. Ihre Gesellschaft war zutiefst religiös geprägt. Paraniden betrachteten sich selbst als heilige und überlegene Rasse. Ihre drei Augen waren für sie nicht einfach ein evolutionäres Merkmal, sondern ein Zeichen ihrer besonderen Stellung im Kosmos. Nach ihrer religiösen Vorstellung waren nur drei Augen in der Lage, die heilige Dreidimensionalität vollständig zu erfassen. Ein Paranide mit nur zwei Augen galt deshalb als unheilig und wurde innerhalb ihrer Gesellschaft geächtet. Viele dieser zweiaugigen Paraniden mussten in Randsektoren leben, darunter auch in Systemen wie Unheilige Herkunft. Ihre Religion bestand aus einer Vielzahl von Ritualen und Regeln, deren Bedeutung Außenstehenden häufig vollkommen unverständlich blieb. Gesten, Formulierungen, Blickrichtungen und bestimmte Bewegungsabläufe konnten innerhalb der paranidischen Kultur eine Bedeutung besitzen, die ein Fremder unmöglich erkennen konnte, wenn er die entsprechenden religiösen Zusammenhänge nicht kannte.
Ich hatte mich oft gefragt, wie es sich für einen Paraniden anfühlen musste, durch eine Station wie Altrix Nova zu gehen, in der Menschen, Aldrianer, Teladi, Boronen und Angehörige anderer Spezies selbstverständlich nebeneinander arbeiteten. Jetzt musste ich mich nicht mehr fragen. Denn eine Hyperion war gerade in unser System eingeflogen.
Tahl vergrößerte die Sensordaten. "Keine offensiven Energiesignaturen."
Ich trat näher an die Projektion. "Keine?"
"Keine, die auf einen unmittelbar bevorstehenden Angriff hindeuten."
Gal verschränkte die Arme. "Waffen?"
"Vorhandene Systeme können wir nicht ausschließen. Aber die Energiekurven zeigen keinen Hochlauf."
Ich sah auf die Geschwindigkeit. "Und der Antrieb?"
"Nicht auf Volllast. Das Schiff fliegt deutlich unter seiner maximal möglichen Geschwindigkeit."
Ich schwieg. Das war wichtig. Ein Schiff, das mit voller Geschwindigkeit aus einem Sprungtor kam, seine Waffen aktivierte und unmittelbar auf ein Ziel zuhielt, hätte eine vollkommen andere Bedeutung gehabt. Die Hyperion dagegen hatte das Sprungtor verlassen und flog anschließend mit einer kontrollierten Geschwindigkeit weiter. Kein aggressives Manöver. Keine auffällige Beschleunigung. Keine Waffenaktivierung. Keine ungewöhnliche Energiekonzentration. Kein Versuch, sich zu verstecken. Trotzdem blieb die Anwesenheit eines paranidischen Kriegsschiffes innerhalb von Presidents End ein Problem.
"Hat es einen Transponder?" fragte ich.
"Ja." Tahl rief die Kennung auf. Die Informationen erschienen als mehrere Ebenen über der zentralen Projektion. "Die Kennung ist gültig."
"Militärisch?"
"Paranidische Registrierung. Aber die Freigabe ist ungewöhnlich."
Gal trat näher. "Was bedeutet das?"
Tahl vergrößerte die entsprechenden Daten. "Es könnte sich um ein diplomatisches Schiff handeln. Oder um eine entmilitarisierte Version. Alternativ besitzt die Besatzung Sonderbefugnisse."
Ich verschränkte die Arme. "Und welche dieser Möglichkeiten ist es?"
"Das wissen wir noch nicht."
Ich sah wieder auf die Flugbahn. Das Schiff bewegte sich nicht in Richtung eines militärischen Zieles. Es nahm Kurs auf einen Bereich des Systems, in dem sich mehrere zivile Stationen und Handelsrouten befanden.
"Kontaktieren."
Tahl nickte und leitete die Verbindung weiter. Ich erwartete eine formelle paranidische Antwort, möglicherweise eine lange religiöse Begrüßungsformel oder eine diplomatische Erklärung, die wir zunächst würden entschlüsseln müssen. Stattdessen erschien nach wenigen Sekunden ein Kommunikationsfenster. Eine paranidische Stimme ertönte. Die Tonlage war tief und ungewöhnlich resonant. Die Worte wurden mit einer kontrollierten Präzision ausgesprochen, die selbst in der Übersetzung noch einen beinahe zeremoniellen Charakter besaß. Tahl hörte zu, während die Übersetzung über seiner Konsole erschien. Sein Gesicht veränderte sich. Nur minimal. Aber ich bemerkte es.
"Was?" fragte ich.
Er sah zu mir. "Sie wollen keinen Kontakt mit der UNO."
Ich blinzelte. "Wie bitte?"
"Sie sagen, dass sie weder politischen noch wirtschaftlichen Kontakt suchen."
Gal hob eine Augenbraue. "Warum sind sie dann hier?"
Tahl sah wieder auf seine Anzeige. Er schwieg einige Sekunden.
Dann sagte er: "Sie wollen jemanden treffen."
"Wer?"
Tahl hob den Blick. "Kaguya Kinmoku."
Ich brauchte einen Moment, bis ich die Information verarbeitet hatte. "Kaguya?"
"Starlight", ergänzte Gal.
Ich sah sie an. "Ja. Kaguya."
Die aldrianische Sängerin war seit mehreren Wochen im gesamten System unterwegs. Seit ihrem Auftritt im Vesperia Colosseum in Novum Nadiria hatte sich ihr Name praktisch überall verbreitet. Was als Konzert begonnen hatte, war längst zu einem kulturellen Ereignis geworden. Ihre kosmische Hymne hatte Menschen auf Trantor ebenso erreicht wie Bewohner von Stationen und Welten, die niemals zuvor einen Bezug zu Aldrianern gehabt hatten. Sie war auf Vulcanus aufgetreten. Sie hatte Trantor besucht. Sie hatte auf mehreren Raumstationen gesungen. Und natürlich war sie auch auf Altrix Nova gewesen. Kaguya war inzwischen nicht mehr einfach nur eine Künstlerin, die auf einer Tournee durch Presidents End unterwegs war. Ihr Name war zu einem Begriff geworden. Und nun kam eine paranidische Hyperion durch das südliche Sprungtor, nur um sie zu treffen.
Ich sah Gal an. Gal sah mich an. Tahl betrachtete weiterhin die Kommunikationsdaten.
"Sie wollen tatsächlich nichts von uns?" fragte ich.
"Nach ihren Angaben nicht."
"Keinen diplomatischen Austausch?"
"Nein."
"Keine Handelsverhandlungen?"
"Nein."
"Keine militärische Kooperation?"
"Nein."
Ich sah erneut auf die Hyperion. Das war wahrscheinlich das Seltsamste an der gesamten Situation. Nicht, dass ein paranidisches Schiff in unser System gekommen war. Sondern dass es angeblich überhaupt nichts von uns wollte. Ich trat langsam um die Projektion herum. Das holografische Modell der Hyperion drehte sich mit meiner Bewegung und zeigte nun ihre Unterseite. Die Antriebseinheiten schimmerten in einem gedämpften Gelb. Keine überhitzten Energieleitungen. Keine Waffenaufladung. Keine sichtbare Vorbereitung auf irgendeine aggressive Handlung.
"Und Kaguya weiß davon?" fragte ich.
"Wir versuchen, sie zu erreichen."
Ich nickte. "Lasst sie wissen, dass ein paranidisches Schiff hier ist. Aber macht keine unnötige Szene daraus."
Gal sah mich prüfend an. "Du willst nicht eingreifen?"
Ich sah sie an. "Warum sollte ich?"
Sie deutete mit dem Kinn auf die Projektion. "Weil es eine paranidische Hyperion ist."
"Das ist mir bewusst."
"Und weil Kaguya gerade ziemlich berühmt ist."
"Auch das ist mir bewusst."
Ich ließ den Blick wieder über das Hologramm wandern. "Wenn die Paraniden tatsächlich nur Kaguya treffen wollen und keine Gefahr darstellen, gibt es keinen Grund, daraus einen Zwischenfall zu machen."
Gal schwieg. Dann sagte sie: "Das klingt beinahe vernünftig."
Ich musste kurz lächeln. "Ich gebe mir Mühe."
Tahl erhielt eine neue Nachricht. Seine Augen wanderten über die Anzeige. "Kontakt."
Ich sah zu ihm. "Mit Kaguya?"
"Ja."
Er öffnete die Verbindung. Das Bild erschien zunächst unscharf, bevor sich die Übertragung stabilisierte. Kaguya war offenbar in einem privaten Bereich einer der Stationen, auf denen sie gerade untergebracht war. Ihr langes platin-asch-farbenes Haar fiel über ihre Schultern und schimmerte im künstlichen Licht beinahe silbrig. Ihre leuchtend pinken Augen wirkten selbst auf der Übertragung ungewöhnlich intensiv. Sie sah uns an. Dann sah sie auf die eingeblendeten Daten. Ihre Miene veränderte sich.
"Eine Hyperion?"
Ich nickte. "Sie ist gerade durch das südliche Sprungtor gekommen."
Kaguya blinzelte langsam. "Und sie wollen mich treffen?"
"Das behaupten sie."
Für einen Augenblick sagte sie nichts. Dann erschien ein vorsichtiges Lächeln auf ihrem Gesicht. "Das ist unerwartet."
"Das ist eine ziemlich milde Beschreibung."
Ihr Lächeln wurde etwas breiter. "Ich habe keine Ahnung, was sie von mir wollen."
Ich sah sie an. "Das beruhigt mich."
Sie neigte leicht den Kopf. "Warum?"
"Weil ich dann wenigstens nicht der Einzige bin."
Kaguya lachte leise. Das Geräusch wirkte beinahe absurd friedlich angesichts der Tatsache, dass im selben Moment ein paranidisches Kriegsschiff durch das System flog.
"Ich werde mit ihnen sprechen", sagte sie.
"Allein?"
Sie sah mich einen Moment lang schweigend an. "Du willst mitkommen."
"Nein."
Ich bemerkte, wie Gal neben mir beinahe unmerklich lächelte. Kaguya legte den Kopf leicht schief. "Du hast gerade sehr überzeugend nein gesagt."
"Ich habe aus Erfahrung gelernt."
Sie lachte erneut. Dann wurde ihr Gesicht ernster. "Ich melde mich, sobald ich weiß, was sie wollen."
Ich nickte. "Und wenn irgendetwas ungewöhnlich ist?"
"Dann sage ich es euch."
Die Verbindung endete. Für einige Sekunden blieb die Projektion mit dem Symbol der eingehenden Kommunikation bestehen, bevor sie ebenfalls verschwand. Ich sah zu Gal. Sie sagte nichts. Ich kannte diesen Blick inzwischen.
"Was?"
"Du wolltest gerade wirklich mitfliegen."
"Nein."
"Doch."
"Nein."
Tahl räusperte sich. "Wenn ich mich einmischen darf..."
Ich sah ihn an. "Bitte nicht."
Er senkte den Blick wieder auf seine Konsole. Ich wandte mich erneut dem Systemmodell zu. Die Hyperion bewegte sich weiter durch den südlichen Bereich von Presidents End. Ihr Kurs war ruhig. Keine hektischen Manöver. Keine aggressiven Kursänderungen. Keine ungewöhnlichen Energiespitzen. Ein paranidisches Kriegsschiff war in unser Hoheitsgebiet eingedrungen. Und doch war es kein Angriff. Es war kein diplomatischer Zwischenfall. Es war keine militärische Mission. Es war nicht einmal eine politische Angelegenheit. Die Paraniden wollten lediglich die aldrianische Sängerin Kaguya Kinmoku treffen. Ich musste unwillkürlich den Kopf schütteln. Inzwischen hatte ich gelernt, dass Kaguya eine bemerkenswerte Fähigkeit besaß, Ereignisse auszulösen, mit denen niemand rechnete. Erst hatte sie ein ganzes Colosseum zum Schweigen gebracht. Dann hatte ihr Lied das gesamte System verändert. Danach waren Besucher, Investoren und Unternehmen nach Trantor gekommen. Nun flog eine paranidische Hyperion durch Presidents End, offenbar nur wegen ihr. Ich betrachtete den kleinen Lichtpunkt auf der Projektion, der sich langsam von der Ekliptik entfernte.
"Ich glaube", sagte ich schließlich, "dass ich inzwischen aufhören sollte, mich darüber zu wundern, was Kaguya als Nächstes auslöst."
Gal sah mich an. "Das wäre vermutlich gesund."
Ich nickte langsam. Trotzdem blieb mein Blick auf der Flugbahn der Hyperion. Denn auch wenn die Paraniden nichts von uns wollten, bedeutete das nicht, dass ihre Anwesenheit bedeutungslos war. In einem System, das ohnehin unter politischem Druck stand, in dem wirtschaftliche Interessen miteinander kollidierten und in dem ich selbst mitten in einem zunehmend aggressiven Wahlkampf stand, konnte selbst eine scheinbar harmlose Begegnung unerwartete Folgen haben. Diesmal jedoch beschloss ich, nicht vorauszuplanen. Ich würde abwarten. Kaguya sollte selbst erfahren, weshalb ein paranidisches Schiff aus Wolke B durch das südliche Sprungtor gekommen war. Und zum ersten Mal seit langer Zeit war ich tatsächlich neugierig, ohne gleichzeitig damit rechnen zu müssen, dass die Antwort ein neues Problem für mich bedeutete.
Ich wollte mit. Natürlich wollte ich mit. Allein der Gedanke, dass Kaguya Kinmoku, Künstlername Starlight, eine paranidische Hyperion und ein Treffen, dessen Anlass niemand von uns wirklich verstand, ohne mich irgendwo im System zusammenkommen würden, reichte aus, um meine Neugier beinahe körperlich spürbar zu machen. Ich hätte am liebsten Nitsu gespielt, irgendwo unauffällig in einer Ecke gestanden, jedes Wort gehört, jede Bewegung beobachtet und mir selbst ein Bild davon gemacht, was die Paraniden tatsächlich von der aldrianischen Sängerin wollten. Gleichzeitig wusste ich genau, dass ich damit meine eigenen Sicherheitsleute wahrscheinlich an den Rand ihrer Geduld bringen würde. Das war allerdings nichts Neues.
Wie so oft kam es dann anders, als ich erwartet hatte. Kaguya fand die gesamte Situation offenbar selbst so merkwürdig, dass sie das geplante Treffen nicht auf einer Raumstation und auch nicht auf Altrix Nova stattfinden lassen wollte. Stattdessen entschied sie sich dafür, auf Trantor zu landen. Als die Nachricht bei uns eintraf, stand ich gerade wieder im Lagezentrum von Altrix Nova und betrachtete die aktualisierten Flugbahnen der Hyperion. Das holografische Modell des Systems schwebte vor mir, und die blaue Linie, welche den Kurs des paranidischen Schiffes markierte, zog sich langsam über die Projektion. Dann erschien Kaguyas Nachricht. Ich las sie zunächst selbst und musste anschließend noch einmal hinschauen. Trantor.
Ich hob den Kopf und sah zu Gal und Tahl. "Sie will das Treffen auf Trantor."
Gal verschränkte langsam die Arme vor der Brust. Ihr Gesicht blieb zunächst vollkommen ausdruckslos, doch ich kannte sie gut genug, um die winzige Veränderung um ihre Augen zu bemerken. "Natürlich will sie das."
"Was soll das heißen?"
"Es heißt, dass Kaguya offenbar einen besonderen Sinn dafür besitzt, die Sicherheitsplanung möglichst ... interessant zu gestalten."
Tahl schnaubte leise, während er seine Anzeige schloss. "Interessant ... ist eine höfliche Umschreibung."
Ich konnte ihnen nicht einmal widersprechen. Seit ihrem Konzert in Novum Nadiria war Kaguyas Bekanntheit sprichwörtlich durch den Orbit bis zu den Sternen geschossen. Vorher war Starlight außerhalb Aldrins und eines relativ kleinen Kreises interessierter Musikfans kaum mehr als eine C-Prominente gewesen. Sie stammte vom Planeten Aldrin im Solara-System und hatte dort ihre Karriere aufgebaut, doch ihr Bekanntheitsgrad hatte zunächst keineswegs den Umfang besessen, den sie inzwischen erreicht hatte. Nach ihrem Auftritt im Vesperia Colosseum hatte sich das innerhalb kürzester Zeit verändert. Und genau dabei war etwas aufgefallen, das ich anfangs beinahe übersehen hatte. Kaguya besaß kaum Entourage. Für jemanden, dessen Name inzwischen in Holo-Charts, Nachrichtenfeeds und privaten Übertragungen beinahe überall im System auftauchte, war das bemerkenswert. Sie hatte keine riesige Gruppe aus Managern, persönlichen Assistenten, Leibwächtern, Medienberatern und sonstigen Personen um sich, wie man es von einer plötzlich zu einem Hyperstar aufgestiegenen Künstlerin vielleicht erwartet hätte. Sie hatte Kaguya selbst, ihre unmittelbare Umgebung und nur wenige Menschen, die sie seit längerer Zeit begleiteten.
Xandra Darlian war deshalb eine der Ersten gewesen, die mich darauf aufmerksam gemacht hatte, dass wir diese Situation nicht unterschätzen durften. "Du kannst sie nicht einfach mit ein paar Leuten durch Presidents End reisen lassen", hatte Xandra mir damals gesagt.
Ich hatte ihr zunächst widersprechen wollen. Nicht, weil ich ihre Sorge nicht verstanden hätte, sondern weil ich nicht wollte, dass Kaguya das Gefühl bekam, plötzlich von einer ganzen Sicherheitsmaschinerie umgeben zu sein. Doch Xandra hatte mich mit diesem ruhigen, bestimmten Blick angesehen, der mir inzwischen sehr vertraut war.
"Du weißt selbst, wie schnell sich die Situation verändert hat."
Damit hatte sie recht gehabt. Also hatte ich ihr schließlich zugestimmt und Kaguya nicht wenige Leute zur Verfügung gestellt. Der größte Teil stammte von der Sustenance Security Agency. Offiziell handelte es sich um eine Schutzstruktur für eine prominente Besucherin. Tatsächlich war es eine beträchtliche Sicherheitsmaßnahme, die sich aus diskret arbeitenden Personenschützern, Beobachtern, technischen Spezialisten und weiteren SSA-Kräften zusammensetzte.
Je bekannter Kaguya wurde, desto größer wurde allerdings auch die Frage, was meine ominösen politischen Gegner mit dieser Tatsache anfangen könnten, sollte jemals bekannt werden, dass die UNO eine beträchtliche Zahl von SSA-Kräften zu ihrem persönlichen Schutz abgestellt hatte. Allein der Gedanke daran bereitete mir Unbehagen. Ich konnte mir die Schlagzeilen bereits vorstellen: *UNO missbraucht Sicherheitsapparat für persönliche Interessen.* Oder noch schlimmer: *CEO Tori Grau nutzt konzerneigene Sicherheitsstrukturen zum Schutz seiner politischen Verbündeten.*
Dass die Realität vollkommen anders aussah, würde in solchen Veröffentlichungen natürlich keine Rolle spielen. Es hätte genügt, ein paar Bilder von Kaguya neben SSA-Agenten zu zeigen, meinen Namen daneben zu setzen und daraus eine Geschichte zu konstruieren. Genau deshalb wollte ich nicht als Tori Grau an diesem Treffen teilnehmen. Ich wollte als irgendein SSA-Agent dabei sein. Inkognito. Als ich Gal und Tahl meinen Wunsch mitteilte, sahen sich die beiden zunächst an. Dann sahen sie mich an. Dann wieder einander. Gal schloss kurz die Augen. Tahl legte die Fingerspitzen an seine Stirn. Ich kannte diesen Gesichtsausdruck.
"Nein", sagte Gal.
"Ich habe noch gar nicht erklärt..."
"Du willst mit."
"Ja."
"Natürlich willst du mit."
Tahl seufzte. "Wir haben bereits damit gerechnet."
Ich sah zwischen ihnen hin und her. "Ihr habt damit gerechnet?"
Gal öffnete wieder die Augen und betrachtete mich mit einer Mischung aus Erschöpfung und beinahe resignierter Belustigung. "Tori, seit wir erfahren haben, dass ein paranidisches Schiff wegen Kaguya durch das Sprungtor gekommen ist, war uns klar, dass du irgendwann versuchen würdest, dich einzumischen."
"Ich mische mich nicht ein."
"Du willst dabei sein."
"Das ist etwas anderes."
"Für dich vielleicht."
Tahl hob eine Hand. "Wir haben bereits einen Plan."
Ich musste unwillkürlich lächeln. Natürlich hatten sie einen Plan. Ich hätte eigentlich nichts anderes erwarten dürfen. Gal erklärte mir schließlich, dass ich nicht als CEO auftreten würde. Für die Dauer des Einsatzes würde ich unter einer unauffälligen SSA-Identität geführt werden. Meine tatsächliche Rolle würde nur einem eng begrenzten Personenkreis bekannt sein. Meine Kleidung würde der eines normalen Agenten entsprechen, meine Präsenz innerhalb der Gruppe nicht hervorgehoben werden, und ich würde mich vollständig an die Anweisungen der Einsatzleitung halten. Bei diesem letzten Punkt sah Gal mich besonders lange an.
"Du wirst dich an die Einsatzleitung halten."
"Natürlich."
"Tori."
"Ja."
"Du wirst dich wirklich daran halten."
"Ja." Sie sah mich weiterhin an. Ich hob beide Hände. "Ich verspreche es."
Tahl wandte sich ab, um seine Konsole wieder zu aktivieren. Ich hörte ein leises Lachen von ihm. Ganz begeistert waren allerdings nicht alle. Als ich Valentina und Vanu später davon erzählte, reagierten beide beinahe gleichzeitig. Valentina stellte ihre Tasse ab. Vanu sah mich einfach nur an. Diese Stille war schlimmer als jede unmittelbare Ablehnung. Ich kannte sie beide gut genug, um zu wissen, was in diesem Moment in ihnen vorging. Valentina wirkte nicht wütend. Ihre purpurnen Augen waren ruhig, doch ihre zarten Lippen waren zu einer schmalen Linie zusammengezogen. Vanu hingegen hatte den Kopf leicht zur Seite geneigt und musterte mich mit diesem ruhigen, prüfenden Blick, den sie immer dann zeigte, wenn sie bereits wusste, dass sie mit einem Einwand wahrscheinlich nicht weit kommen würde.
"Du willst wirklich mitgehen", sagte Valentina schließlich.
"Ja."
"Als SSA-Agent."
"Ja."
Vanu atmete langsam aus. "Du hast eine Familie."
"Das weiß ich."
"Und einen Wahlkampf."
"Auch das weiß ich."
"Und eine UNO, die dich dringend braucht."
Ich schwieg kurz. "Ich weiß."
Valentina lehnte sich zurück. Ihre Finger glitten langsam über den Rand ihrer Tasse. "Du könntest auch einfach einmal zu Hause bleiben."
Ich musste bei dieser Formulierung beinahe lächeln. "Das klingt ungewöhnlich."
"Warum?"
"Weil ich normalerweise eher Probleme damit habe, dass ihr mir sagt, ich soll nicht arbeiten."
"Diesmal geht es nicht um Arbeit", erwiderte sie.
Vanu nickte. "Genau das ist das Problem."
Ich sah zwischen ihnen hin und her. Sie wollten nicht, dass ich mich schon wieder in irgendeine seltsame Situation begab. Nicht nachdem die politischen Angriffe auf uns zugenommen hatten. Nicht nachdem Fremde begonnen hatten, sich für unsere Familie zu interessieren. Nicht nachdem Hoshiko und Asahi in den Mittelpunkt einer Öffentlichkeit gerückt waren, in die sie niemals hätten gelangen dürfen. Sie wollten, dass ich irgendwann zur Ruhe kam. Zeit mit meiner Familie verbrachte. Nicht ständig auf irgendeine neue Krise reagierte. Ich konnte ihnen das nicht verdenken. Trotzdem sah ich ihnen an, dass sie wussten, dass ich wahrscheinlich trotzdem gehen würde.
Schließlich gab Vanu nach. "Du gehst."
Ich nickte. "Ja."
Valentina sah mich lange an. "Dann komm gesund zurück."
Ich spürte, wie sich etwas in meiner Brust zusammenzog. "Das werde ich."
Vanu griff nach meiner Hand und drückte sie kurz. "Und unbeschadet."
"Ich gebe mir Mühe."
"Nein", sagte sie ruhig. "Du passt auf."
Ich nickte erneut. "Ja."
Damit war die Sache entschieden. Ich durfte gehen. Und Gal und Tahl hatten bereits dafür gesorgt, dass meine Tarnung funktionierte. Weniger später erhielt ich die Information, wem ich für diesen Einsatz zugeteilt worden war. Als ich den Namen las, blieb mein Blick einen Moment länger auf der Anzeige. Caroline Watanabe. Captain. Polizei von Trantor. Ich kannte sie. Nicht gut. Aber ich kannte sie. Ich hob den Blick von der Anzeige und las den Eintrag noch einmal. Caroline Watanabe war eine Frau mit schwarzen Augen und kurzen blondbraunen Haaren asiatischer Ethnie. Ihre Erscheinung war mir gerade deshalb im Gedächtnis geblieben, weil sie sich nicht ohne Weiteres in die üblichen Vorstellungen einer Trantor-Polizistin einordnen ließ. Ihre dunklen Augen wirkten beinahe vollständig schwarz, ohne dass dabei ihre Aufmerksamkeit an Schärfe verlor. Das kurze blondbraune Haar trug sie funktional und ohne unnötige Verzierung. Ihre Bewegungen waren kontrolliert, ihre Haltung aufrecht, und sie hatte die Angewohnheit, ihre Umgebung mit einer Ruhe zu beobachten, die mich während unserer ersten Begegnung irritiert hatte. Was mich diesmal allerdings mehr verwunderte, war ihre eigentliche Zuständigkeit. Caroline war normalerweise für das unbewohnte Naturschutzgebiet der Insel Isla Rica verantwortlich und zusätzlich für die ungefähr zwanzig Kilometer entfernte kleine Küstenstadt Horny Reef auf dem Festland. Horny Reef. Isla Rica. Ich lehnte mich zurück.
"Das kann nicht sein."
Gal sah von ihrer Anzeige auf. "Was?"
"Caroline Watanabe."
"Ja."
"Warum sie?"
Gal zuckte mit den Schultern. "Weil sie geeignet ist."
"Sie ist normalerweise für Isla Rica und Horny Reef zuständig."
"Richtig."
Ich sah sie an. "Und du findest das nicht ungewöhnlich?"
"Nein."
Ich sagte nichts. Natürlich fand ich es ungewöhnlich. Ich hatte während des Hatileos-Vorfalls auf Isla Rica kurz mit Caroline zusammengearbeitet. Der Vorfall selbst war als Top Secret eingestuft worden, und allein der Gedanke daran ließ in mir eine unangenehme Erinnerung aufsteigen, die ich lieber weit hinten in meinem Gedächtnis belassen hätte. Es war keine Erfahrung gewesen, an die ich freiwillig zurückdenken wollte. Caroline und ich waren damals nicht als Feinde auseinandergegangen. Aber Freunde waren wir ebenfalls nicht geworden. Dafür hatten wir zu wenig miteinander zu tun gehabt. Flüchtige Bekannte. Mehr nicht. Ich fragte mich deshalb, warum ausgerechnet sie mir nun zugeteilt worden war. Die Antwort kam wenig später.
Kaguya meldete sich erneut. Die Verbindung öffnete sich, und ihr Gesicht erschien über der Kommunikationsfläche. Ihr platin-aschfarbenes Haar lag diesmal etwas ungeordneter als bei ihren öffentlichen Auftritten, einzelne Strähnen fielen über ihre Schultern und reflektierten das weiche Licht des Raumes. Ihre pinkfarbenen Augen leuchteten ruhig, während sie mich ansah.
"Ich habe einen Ort für das Treffen."
Ich wartete. "Wo?"
"Horny Reef."
Ich starrte sie an. "Horny Reef?"
Sie nickte. "Ja."
"Warum?"
Kaguya lächelte. "Weil ich noch nie dort war."
Ich blinzelte. Das war alles? "Und deshalb soll sich dort eine paranidische Hyperion mit dir treffen?"
"Ja."
"Du weißt, dass die Paraniden nicht unbedingt für ihre spontanen Strandurlaube bekannt sind?"
Kaguya lachte leise. "Ich möchte danach an einem Strand Urlaub machen."
Ich sah sie an. Für einen Moment wusste ich nicht, ob sie scherzte. Dann erkannte ich an ihrem Gesicht, dass sie es vollkommen ernst meinte.
"Horny Reef."
"Genau."
"Trantor."
"Ja."
"Ein paranidisches Schiff."
"Ja."
"Und danach willst du an den Strand."
"Wenn das Wetter schön ist."
Ich schloss kurz die Augen. Hinter mir hörte ich Tahl ein unterdrücktes Lachen. Gal sagte nichts. Ich öffnete die Augen wieder.
"Du hast wirklich keine Ahnung, was du damit bei unserer Sicherheitsplanung anrichtest, oder?"
Kaguya lächelte. "Nein."
Ich musste ebenfalls lächeln. "Natürlich nicht."
Sie neigte leicht den Kopf. "Ich sehe dich dort."
Ich wollte gerade antworten, als mir bewusst wurde, dass sie natürlich noch gar nicht wusste, dass ich inkognito dabei sein würde. Ich sah kurz zu Gal. Sie schüttelte kaum merklich den Kopf.
Also sagte ich nur: "Wir sehen uns in Horny Reef."
Die Verbindung endete. Ich blieb noch einige Sekunden stehen. Horny Reef. Ein kleiner Küstenort auf dem Festland von Trantor, ungefähr zwanzig Kilometer von Isla Rica entfernt. Ein Ort, den ich niemals als Schauplatz für ein Treffen mit einer paranidischen Korvette ausgewählt hätte. Und ausgerechnet dort würde ich Caroline Watanabe wiedersehen. Ich wusste nicht, ob ich darüber erleichtert oder beunruhigt sein sollte. Vielleicht beides. Ich sah noch einmal auf die Einsatzdaten. Mein Name stand dort nicht. Nur die Kennung des SSA-Agenten, als der ich für diesen Einsatz auftreten würde. Darunter befand sich die Einsatzleitung. Captain Caroline Watanabe. Ich strich mit dem Finger über die Anzeige und ließ die Informationen verschwinden. Dann atmete ich langsam aus. Wenn das Schicksal offenbar beschlossen hatte, mich erneut mit Caroline zusammenzubringen, blieb mir nur zu hoffen, dass unser nächstes Zusammentreffen deutlich weniger problematisch verlaufen würde als das letzte. Und dass Kaguya mit ihrem Wunsch nach einem Strandurlaub diesmal tatsächlich nur einen Strandurlaub meinte.
Ich hatte mir vor dem Treffen eingeredet, dass ich mich im Hintergrund halten würde. Das war schließlich der Sinn meiner Tarnung. Ich war nicht Tori Grau, CEO der Universal Nourishment Organization und Kandidat für die Präsidentschaft von Presidents End, sondern lediglich ein weiterer SSA-Agent innerhalb eines größeren Sicherungsrings. Niemand außerhalb des engsten Kreises sollte wissen, wer ich tatsächlich war. Und doch stellte ich schon nach wenigen Minuten fest, dass es wesentlich schwieriger war, unsichtbar zu bleiben, als ich angenommen hatte.
Der Strand von Horny Reef lag an diesem Nachmittag ungewöhnlich ruhig vor uns. Das cyanfarbene Meer erstreckte sich bis zum Horizont, eine nahezu makellose Fläche aus Türkis und tiefem Blau, auf der sich das Licht der Sonnen in langen, flimmernden Bahnen brachen. Kleine Wellen rollten mit einem sanften, gleichmäßigen Geräusch an den feinen roten Sand, zogen sich wieder zurück und hinterließen schmale, glänzende Streifen, in denen sich der Himmel spiegelte. Der Sand selbst war von einem warmen, fast kupferroten Farbton, stellenweise mit dunkleren mineralischen Körnern durchsetzt, die unter dem Sonnenlicht wie winzige schwarze Glassplitter schimmerten. Die Luft roch nach Salz, warmem Gestein und einer kaum wahrnehmbaren süßlichen Note, die von den niedrig wachsenden Küstenpflanzen hinter dem Strand herübergetragen wurde. In der Ferne kreischten einige kleine Meeresvögel, während das regelmäßige Rauschen des Wassers jede längere Gesprächspause beinahe angenehm erscheinen ließ.
Beinahe. Denn der Strand war alles andere als leer. Mindestens fünfzig Personen befanden sich inzwischen in unmittelbarer Umgebung. SSA-Agenten verteilten sich in scheinbar zufälligen Abständen entlang der Küstenlinie, einige mit Blick auf das Meer, andere auf die Zugänge zum Strand, wieder andere so unauffällig positioniert, dass selbst ich nicht immer auf den ersten Blick erkennen konnte, welchem Bereich sie zugeordnet waren. Angehörige des Militärs von Presidents End hielten sich weiter landeinwärts auf. Die Polizei von Trantor hatte ebenfalls mehrere Beamte abgestellt, wobei ihre Präsenz bewusst weniger militärisch wirkte. Niemand wollte den Eindruck erwecken, Kaguya würde unter Arrest stehen oder die Paraniden wären eine feindliche Delegation.
Und dann waren da die Paraniden. Schon ihre bloße Körpergröße veränderte die Atmosphäre. Mit ihren ungefähr zweieinhalb Metern überragten sie praktisch jeden Menschen in ihrer Umgebung. Ihre Körper wirkten humanoid, und doch genügte ein einziger genauer Blick, um die Unterschiede deutlich zu erkennen. Ihre beiden Arme besaßen jeweils zwei Gelenke, ebenso wie ihre Beine, wodurch ihre Bewegungen eine eigenartige, für menschliche Augen ungewohnte Dynamik erhielten. An ihren Händen saßen jeweils drei spitze Klauen, die nicht wie primitive Waffen wirkten, sondern wie ein natürlicher Bestandteil ihrer Anatomie. Ich hatte mir während der Vorbereitung noch einmal die entsprechenden Sicherheitsdaten angesehen und wusste deshalb sehr genau, was diese Klauen bedeuteten. Ein Paranide war im Nahkampf kein Gegner, mit dem sich irgendein vernünftiger Mensch freiwillig auseinandersetzen würde. Selbst ein Split würde einen solchen Kampf vermeiden, wenn er eine Alternative hatte. Ihre langgezogenen Schnauzen verliehen ihren Gesichtern eine fremdartige Strenge. Dort, wo ich bei einem Menschen automatisch nach einer Nase suchen würde, befand sich bei ihnen kein entsprechendes Geruchsorgan. Paraniden besaßen keinen Geruchssinn wie wir. Auch das veränderte ihre Wahrnehmung der Welt auf eine Weise, die ich nur schwer nachvollziehen konnte. Am auffälligsten waren jedoch ihre Augen. Drei Augen. Nicht zwei. Drei. Die Augen lagen in einer Anordnung, die ihnen ein Sichtfeld von mehr als einhundertachtzig Grad ermöglichte. Ich hatte das theoretisch gewusst, doch es war etwas völlig anderes, einem Paraniden gegenüberzustehen und zu erkennen, dass sein Blick nicht den gleichen natürlichen Grenzen folgte wie meiner.
Ich hatte Caroline deshalb mehrfach dabei beobachtet, wie sie ihre Position geringfügig veränderte, sobald einer der Paraniden den Kopf drehte. Nicht, weil sie Angst hatte. Caroline wirkte überhaupt nicht ängstlich. Sie wollte lediglich vermeiden, dass irgendein Winkel unberücksichtigt blieb.
Ich stand einige Meter hinter ihr und betrachtete die Szenerie aus der zweiten Reihe. Meine Kleidung war bewusst unspektakulär. Keine sichtbaren Rangabzeichen, keine auffällige Ausrüstung, keine Merkmale, die mich aus der Gruppe der anderen SSA-Kräfte hervorheben konnten. Mein Gesicht war durch ein Tuch verborgen, auch wenn hier niemand Tori Grau zu sehen erwartete. Die meisten Menschen kannten mein Gesicht aus Nachrichtenbildern, Interviews und offiziellen Auftritten. Gerade deshalb war meine Tarnung überraschend einfach. Die meisten Menschen sehen nur das, wonach sie suchen. Und niemand suchte hier nach mir.
Caroline stand etwas weiter vorne. Ich erkannte sie sofort wieder. Ihr kurzes blondbraunes Haar bewegte sich leicht im Küstenwind. Die dunklen, beinahe schwarzen Augen lagen ruhig auf der Delegation. Ihr Gesicht zeigte kaum Regung. Sie trug ihre Uniform nicht auffällig, doch ihre Haltung verriet selbst ohne Rangabzeichen ihre Erfahrung. Die Schultern waren entspannt, aber nicht nachlässig. Ihre Hände ruhten nicht völlig passiv, sondern befanden sich in einer Position, aus der sie jederzeit reagieren konnte. Sie wirkte nicht angespannt, sondern vorbereitet. Es war seltsam, sie nach all der Zeit wiederzusehen. Noch seltsamer war, dass wir uns erneut in einer Situation befanden, bei der mindestens ein Teil der anwesenden Personen Dinge wusste, die andere niemals erfahren durften. Ich erinnerte mich an Isla Rica. Ich verdrängte die Erinnerung sofort wieder. Nicht heute.
Mein Blick wanderte zurück zu Kaguya. Sie war der unbestrittene Mittelpunkt der gesamten Szenerie. Selbst die Paraniden konnten ihre Aufmerksamkeit kaum von ihr lösen. Kaguya trug keine extravagante Bühnenkleidung. Das hätte an diesem Ort auch lächerlich gewirkt. Ihr Outfit war elegant, aber vergleichsweise schlicht, in hellen Farbtönen gehalten, die sich deutlich vom roten Sand abhoben. Ihr langes Haar bewegte sich im Wind, und einzelne Strähnen glänzten silbrig, sobald das Sonnenlicht darüberstrich. Sie wirkte ruhig, doch ich kannte sie inzwischen gut genug, um zu erkennen, dass ihre Ruhe nicht bedeutete, dass sie vollkommen entspannt war. Sie war aufmerksam. Sehr aufmerksam. Und sie hatte sich auf dieses Treffen vorbereitet. Trotzdem konnte Vorbereitung nicht ersetzen, was ihr fehlte. Erfahrung mit Paraniden. Für einen Aldrianer war diese Begegnung etwas völlig anderes als für jemanden, der seit Jahren mit ihnen zu tun hatte. Kaguya hatte vor diesem Tag nie persönlich mit einem Paraniden gesprochen. Sie hatte sich zwar über ihre Religion, ihre gesellschaftlichen Strukturen und ihre besonderen Verhaltensweisen informieren lassen, doch Wissen aus Datenbanken war etwas anderes als ein lebender Paranide, der zweieinhalb Meter vor einem stand und mit drei Augen gleichzeitig auf einen herabsah.
Die Paraniden waren anderen Völkern gegenüber arrogant. Das war keine bloße politische Eigenart. Ihre Religion stand im Zentrum ihrer Gesellschaft. Sie betrachteten sich selbst als heilige Rasse und führten ihre vermeintliche Überlegenheit unter anderem auf ihre drei Augen zurück. Für sie war die Dreizahl nicht lediglich ein anatomisches Merkmal. Sie war ein Beweis für ihre besondere Fähigkeit, die heilige Dreidimensionalität vollständig zu erfassen. Zwei Augen bedeuteten aus ihrer Sicht eine unvollständige Wahrnehmung. Ein zweiäugiger Paranide galt deshalb als unheilig. Und wurde entsprechend geächtet.
Ich hatte mich während meiner Vorbereitung gefragt, wie jemand mit einer solchen Weltanschauung überhaupt dazu bereit war, einen fremden Planeten zu besuchen und sich dort freiwillig mit anderen Spezies an einen Strand zu setzen. Die Antwort war vermutlich einfacher, als mir lieb war. Kaguya. Nicht wir. Nicht Trantor. Nicht die UNO. Kaguya. Ihr Lied hatte sie interessiert. Ihre "Ode an den Kosmos" hatte etwas in ihnen ausgelöst, das offensichtlich stark genug gewesen war, um eine Delegation durch ein Sprungtor zu schicken.
Der paranidische Anführer stand nun direkt vor ihr. Karantras. Schon der Name war für mich ungewöhnlich. Ich hatte mich vor dem Treffen mit den Informationen beschäftigt, die uns die argonischen Behörden zur Verfügung gestellt hatten. Paranidische Namen waren für mich gewöhnlich schwer auszusprechen und noch schwerer voneinander zu unterscheiden. Viele der Namen, die ich bisher gehört hatte, waren viersilbig gewesen. Karantras hatte nur drei Silben. Ich hatte deshalb zuerst angenommen, dass der Name möglicherweise verkürzt übertragen worden war. Doch nein. Karantras hieß tatsächlich Karantras.
Noch ungewöhnlicher war sein Rang. Er war lediglich ein Prälatenbaron. Zumindest nach der Übersetzung, die uns vorlag. Für unsere politischen Strukturen entsprach dieser Rang ungefähr einem Sub-Gouverneur. Ein solcher Amtsträger herrschte normalerweise nicht über ein gesamtes Sonnensystem. Seine Verantwortung lag typischerweise bei einem bestimmten Infrastrukturknoten. Ein bedeutendes Asteroidenfeld. Ein zentraler Außenposten. Eine orbitale Handelsstation. Ein strategischer Verkehrsknotenpunkt. Nichts davon erklärte vollständig, warum ausgerechnet ein solcher Paranide nach Presidents End gekommen war.
Sein offizieller Titel machte die Sache nicht einfacher. *Das unfehlbare Auge der Geometrie, der Erheller des Pfades, Bewahrer vor der asymmetrischen Blasphemie.* Ich hatte den vollständigen Titel bereits mehrfach gelesen. Er wurde dadurch nicht verständlicher.
Karantras selbst war etwas größer als einige der anderen Paraniden seiner Delegation. Seine Körperhaltung war vollkommen aufrecht. Er bewegte sich mit einer kontrollierten Langsamkeit, die nicht wie Unsicherheit wirkte. Vielmehr hatte ich den Eindruck, dass jede Bewegung bewusst gewählt wurde. Seine drei Augen richteten sich auf Kaguya. Alle drei. Ich konnte nicht sagen, ob er sie tatsächlich gleichzeitig auf unterschiedliche Details konzentrierte oder ob die Bewegung seiner Augen lediglich der normalen paranidischen Wahrnehmung entsprach. Für mich sah es jedenfalls fremdartig aus.
Hinter ihm standen weitere Paraniden. Priesterritter. Sie hielten sich weitgehend an die örtlichen Gesetze. Keine Waffen wurden offen getragen. Niemand störte die anderen Strandbesucher, und selbst ihre enorme Körpergröße führte nicht dazu, dass sie sich rücksichtslos durch die Menschenmenge bewegten. Sie hielten Abstand. Sie verhielten sich kontrolliert. Doch ihre Aufmerksamkeit galt ausschließlich Kaguya. Mit den übrigen Anwesenden interagierten sie nur, wenn es unbedingt erforderlich war. Ein Polizist trat einmal näher, um eine organisatorische Frage zu klären. Ein Paranide antwortete knapp. Danach wandte er sich wieder Kaguya zu. Ein SSA-Agent stellte eine weitere Frage zur Bewegungsroute. Wieder kam nur eine kurze Antwort. Danach nichts.
Es war auffällig. Die Paraniden waren nicht unhöflich im klassischen Sinne. Sie waren einfach nicht interessiert. Und genau das machte die Situation merkwürdig.
Kaguya begann das Gespräch. Ich hörte zunächst nur den Wind und das Meer, bevor ihre Stimme deutlich zu mir herübergetragen wurde.
"Ich freue mich, dass Ihr gekommen seid."
Karantras neigte den Kopf. "Die Reise war erforderlich."
Kaguya lächelte höflich. "Für meine Musik?"
"Für das, was Ihr hervorgebracht habt."
Kaguya legte den Kopf leicht schräg. "Die Ode an den Kosmos."
"Der Klang Eurer Schöpfung hat die Grenzen gewöhnlicher Wahrnehmung überschritten."
Ich musste unwillkürlich die Lippen zusammenpressen. Ich wusste nicht, was Kaguya daraus machen sollte.
Sie nickte langsam. "Danke."
Karantras bewegte eine seiner Hände. Die drei Klauen zeichneten eine kurze, präzise Bewegung durch die Luft. "Es ist keine Angelegenheit des Dankes."
Kaguya blinzelte. "Nicht?"
"Nein."
"Warum dann?"
Karantras sah sie mit allen drei Augen an. "Weil Ihr etwas berührt habt, das andere Völker nicht zu berühren vermögen."
Ich sah kurz zu Caroline. Sie hatte ihren Blick weiterhin auf Karantras gerichtet. Keine Regung. Keine Reaktion. Doch ihre Augen bewegten sich minimal zu Kaguya und wieder zurück. Ich kannte diesen Blick inzwischen. Sie beobachtete. Kaguya versuchte derweil, das Gespräch auf einer normalen menschlichen Ebene zu halten.
"Ich wusste nicht, dass meine Musik für die Paraniden von Bedeutung sein könnte."
"Das wusstet Ihr nicht."
"Nein."
"Das ist verständlich."
Kaguya lächelte etwas unsicher. "Ich hoffe, ich habe niemanden beleidigt."
Karantras schwieg. Ich sah, wie Kaguya für einen Augenblick irritiert wirkte. Sie hatte eine höfliche Bemerkung gemacht. Bei einem Menschen hätte man darauf vermutlich mit einer Beschwichtigung reagiert.
Karantras antwortete schließlich: "Ihr habt nichts gesagt, was einer Beleidigung gleichkommt."
"Das beruhigt mich."
"Es sollte Euch nicht beruhigen."
Kaguya blinzelte erneut. Ich musste mich zusammenreißen. Die Paraniden hatten keinen Humor. Das war eine der Eigenschaften, die mir während der Vorbereitung besonders häufig genannt worden waren. Sie konnten keinen Humor empfinden. Nicht im menschlichen Sinne. Ironie, Sarkasmus, spielerische Übertreibungen oder scherzhafte Bemerkungen besaßen für sie nicht dieselbe emotionale Bedeutung wie für uns. Ich war deshalb sehr gespannt, wie lange Kaguya brauchen würde, um das vollständig zu verinnerlichen.
Sie versuchte es erneut. "Ich habe gehört, dass Ihr meine Aufführung mehrfach analysiert habt."
"Ja."
"Was hat Euch besonders gefallen?"
Karantras antwortete sofort. "Die Struktur."
Kaguya lächelte. "Die musikalische Struktur?"
"Die Beziehung zwischen Klang und Raum."
Sie wurde etwas ernster. "Das war tatsächlich beabsichtigt."
"Das wissen wir."
"Woher?"
"Wir haben es analysiert."
Kaguya schwieg einen Moment. Dann sagte sie: "Natürlich."
Ich konnte förmlich sehen, wie sie nach einer geeigneten Antwort suchte. Ihre Augen wanderten kurz zur Seite. Dann wieder zu Karantras.
"Ich hätte nicht erwartet, dass Ihr meine Musik so detailliert untersucht."
"Wir untersuchen alles, was relevant ist."
"Und meine Musik ist relevant?"
"Ja."
"Warum?"
Karantras richtete den mittleren Blick direkt auf sie. "Weil sie eine Wahrnehmung erzeugt, die über das Gewöhnliche hinausgeht."
Kaguya blieb still. Ich konnte ihr ansehen, dass sie nicht wusste, ob das gerade ein Kompliment gewesen war. Ich wusste es ebenfalls nicht. Das Gespräch erschien mir zunehmend oberflächlich. Nicht weil Kaguya sich keine Mühe gab. Sie gab sich sogar sehr viel Mühe. Aber sie konnte nicht auf eine gemeinsame kulturelle Grundlage zurückgreifen. Sie stellte Fragen, die für Menschen vollkommen normal waren. Karantras beantwortete sie aus einer paranidischen Perspektive, die wiederum für uns kaum zugänglich war. Und trotzdem funktionierte das Gespräch irgendwie. Karantras schien sogar bemerkenswert geduldig. Kaguya trat mehr als einmal in ein Fettnäpfchen. Sie bezeichnete seine Delegation einmal als "Gäste", woraufhin einer der Paraniden hinter ihm den Kopf ruckartig bewegte. Karantras ignorierte es. Später fragte Kaguya, ob es in den heiligen Systemen der Paraniden "schöne Orte" gäbe. Wieder veränderte sich die Haltung einiger Delegationsmitglieder. Karantras ignorierte auch das.
Dann fragte sie: "Was genau bedeutet eigentlich Euer Titel?"
Ich erwartete fast, dass das Gespräch an dieser Stelle endgültig entgleisen würde. Karantras blieb vollkommen ruhig.
"Welcher Teil?"
Kaguya zeigte auf ihn. "Der vollständige Titel."
"Das unfehlbare Auge der Geometrie, der Erheller des Pfades, Bewahrer vor der asymmetrischen Blasphemie."
"Genau."
Karantras richtete sich noch etwas stärker auf. "Der Titel beschreibt meine Funktion."
Kaguya nickte. "Und welche Funktion ist das?"
"Die Bewahrung der geometrischen Ordnung."
Sie wartete. Karantras sagte nichts weiter. Kaguya wartete ebenfalls. Ich sah, wie sie langsam die Lippen öffnete, dann wieder schloss.
"Das ist... sehr umfassend."
Karantras nickte. "Ja."
Ich musste mich abwenden, damit niemand mein Gesicht sah. Ich wusste nicht, ob ich lachen oder einfach nur den Kopf schütteln sollte. Das Gespräch war so seltsam, dass ich beinahe vergessen hatte, dass wir uns an einem Strand befanden, während mindestens fünfzig Personen darauf warteten, dass aus irgendeinem Grund ein klarer Zweck dieser Begegnung sichtbar wurde. Kaguya schien es ähnlich zu gehen. Doch sie blieb höflich. Sie stellte weitere Fragen. Karantras beantwortete sie. Immer wieder berührte er Themen wie Geometrie, Dreidimensionalität, kosmische Ordnung und die Bedeutung von Kaguyas Musik. Er erklärte nichts wirklich vollständig. Selbst seine Antworten wirkten wie sorgfältig ausgewählte Ausschnitte aus einem wesentlich größeren Gedankengebäude. Ich hatte dabei zunehmend den Eindruck, dass Karantras mehr verschwieg, als er sagte. Nicht unbedingt aus Misstrauen. Es lag eher in seiner Natur. Die Paraniden waren geheimniskrämerisch, besonders wenn es um Technologien und Wissen ging. Sie teilten Informationen nicht einfach mit anderen Völkern, nur weil diese darum baten. Fehler einzugestehen fiel ihnen ebenfalls schwer. Ihre gesellschaftliche Vorstellung von Überlegenheit machte es für sie offenbar problematisch, Schwächen offen zuzugeben. Ich beobachtete Karantras deshalb besonders genau. Er zeigte keine Nervosität. Keine Unsicherheit. Keine sichtbare Ungeduld. Sein Gesicht blieb beinahe unverändert. Und doch hatte ich das Gefühl, dass er jedes Wort Kaguyas registrierte. Vielleicht sogar speicherte. Vielleicht war genau das der Punkt. Kaguya trat in Fettnäpfchen. Karantras ignorierte sie. Aber das bedeutete nicht zwingend, dass er sie vergaß. Ich fragte mich, ob er die Fehler lediglich höflich überging oder ob er sie für später sammelte.
Ich sah zu Caroline. Sie stand noch immer einige Schritte vor mir. Für einen kurzen Moment trafen sich unsere Blicke. Ihre schwarzen Augen blieben auf meinen gerichtet. Ich konnte nicht erkennen, ob sie mich erkannt hatte. Vielleicht hatte sie es längst getan. Vielleicht wusste sie genau, wer ich war, und sagte nichts. Ihre Mimik veränderte sich kaum. Dann wandte sie den Blick wieder Karantras zu. Ich tat dasselbe. Kaguya sprach gerade über ihre Heimat Aldrin.
"Ich bin auf Aldrin aufgewachsen."
Karantras nickte. "Das ist bekannt."
"Natürlich."
"Wir haben Eure Herkunft untersucht."
Kaguya hielt inne. "Untersucht?"
"Ja."
Ich bemerkte, wie sich ihre Finger leicht bewegten. Nur eine kleine Veränderung. Doch ich kannte diesen Ausdruck inzwischen. Sie war vorsichtiger geworden.
"Wie viel wisst Ihr über mich?"
Karantras antwortete nicht sofort. Seine drei Augen lagen auf ihr. Dann sagte er: "Genug."
Mehr nicht. Ich spürte, wie sich meine Aufmerksamkeit schlagartig verstärkte. Bis zu diesem Moment hatte das Gespräch beinahe absurd oberflächlich gewirkt. Jetzt war plötzlich etwas anderes darunter. Kaguya schien es ebenfalls zu spüren. Sie stellte keine weitere Frage.
Karantras wandte sich nach einigen Sekunden wieder der Musik zu. "Wir möchten Euch einladen."
Kaguya sah ihn an. "Wohin?"
"In die heiligen Systeme."
Der Wind strich über den Strand. Das Meer rauschte. Für einen Moment schien sogar die Umgebung stillzustehen.
Kaguya blinzelte. "Das ist eine offizielle Einladung?"
"Ja."
"Von wem?"
"Von jenen, die meine Reise autorisiert haben."
"Und was erwartet Ihr von mir?"
Karantras neigte den Kopf. "Wir erwarten nichts."
Ich hob unwillkürlich eine Augenbraue. Das war bemerkenswert. Die Paraniden unterstützten andere Völker normalerweise nicht ohne einen Vorteil. Sie nahmen ungern Hilfe an und gaben sie ebenso ungern ohne Gegenleistung. Selbst diese Einladung musste deshalb irgendeinen Zweck haben.
Kaguya fragte genau das. "Warum?"
Karantras antwortete: "Weil Eure Musik gehört werden soll."
Ich sah Kaguya an. Sie wirkte ehrlich überrascht. Und zum ersten Mal seit Beginn des Gesprächs glaubte ich, dass auch Karantras tatsächlich genau das meinte. Keine politische Forderung. Kein Handelsabkommen. Keine Bitte um Technologie. Keine Forderung nach einer Gegenleistung. Nur Musik. Zumindest vorerst.
Ich sah auf das cyanfarbene Meer hinaus. Die Sonnen spiegelten sich auf der Oberfläche, und das Licht brach sich in tausenden kleinen, silbernen Punkten. Der rote Sand bewegte sich unter den Füßen der Anwesenden, während der Wind feine Körner über die Oberfläche trieb. Hinter uns standen die Sicherheitskräfte, angespannt, aber ruhig. Vor uns standen die Paraniden, fremdartig, hochgewachsen und beinahe vollkommen regungslos. Und zwischen ihnen stand Kaguya. Starlight. Eine aldrianische Sängerin, die wenige Monate zuvor außerhalb ihrer Heimat kaum jemand gekannt hatte und nun eine paranidische Delegation dazu gebracht hatte, nach Presidents End zu kommen. Ich hatte ursprünglich nur Nitsu spielen wollen. Nun stand ich mitten in einer Situation, die mir immer weniger wie ein gewöhnliches Treffen vorkam.
Karantras sah Kaguya weiterhin an. Seine drei Augen wirkten ruhig. Doch ich konnte den Gedanken nicht abschütteln, dass wir bislang nur die Oberfläche dieses Gesprächs gesehen hatten. Und wenn ich etwas über politische Verhandlungen, Sicherheitsoperationen und die Paraniden gelernt hatte, dann war es dies: Wenn jemand freiwillig nur die Oberfläche zeigte, bedeutete das meistens, dass darunter etwas lag, das wesentlich wichtiger war.
Ich hatte die rechte Hand noch locker neben meinem Körper hängen, als die Stimme in meinem Ohr plötzlich die gesamte Geräuschkulisse des Strandes überlagerte. Das kleine Headset saß tief im rechten Gehörgang und war unter der dunklen Kapuze und der Maske vollkommen verborgen. Selbst für jemanden, der direkt neben mir stand, wäre höchstens ein kaum wahrnehmbarer dunkler Rand zu erkennen gewesen. Das Signal kam von Altrix Nova, verschlüsselt und ausschließlich auf meinem privaten Kanal. Die Stimme des Mannes klang angespannt, beinahe atemlos. Schon nach den ersten Worten spürte ich, wie sich meine Schultern unwillkürlich versteiften.
"Drei paranidische Korvetten vom Typ Nemesis nähern sich unter Volllast mit aktivierten Schilden und Waffen Trantor." Für einen Moment hörte ich nur das leise Rauschen des Windes und das gleichmäßige Brechen des cyanfarbenen Wassers am roten Sand von Horny Reef. Dann setzte der Mann nach. "Sie werden dabei Altrix Nova in Waffenreichweite passieren."
Ich sah sofort zu Gal und Tahl hinüber. Beide standen einige Schritte von mir entfernt in der zweiten Reihe der Sicherheitskräfte, ebenfalls vermummt und äußerlich vollkommen unauffällig. Nur ihre Körperhaltung verriet, dass sie dieselbe Nachricht erhalten hatten. Gal hatte den Kopf geringfügig gesenkt, ihre Augen waren auf Karantras und die übrigen Paraniden gerichtet. Tahl stand etwas seitlich versetzt und hatte die rechte Hand bereits in Richtung seiner Kommunikationsausrüstung bewegt. Keiner von beiden musste mir erklären, was diese Meldung bedeutete. Drei militärische Korvetten mit aktivierten Waffen und Schilden, die unter Volllast in Richtung Trantor flogen und dabei die größte UNO-Raumstation des Systems in Waffenreichweite passieren würden, waren keine zufällige Flugbewegung.
Ich spürte, wie mir das Blut in den Ohren rauschte. Noch vor wenigen Minuten hatte ich mich darüber gewundert, wie ungewöhnlich dieses Treffen wirkte. Karantras, dieser seltsame Prälatenbaron mit seinem dreisilbigen Namen und dem übertrieben langen Titel, hatte sich mit einer beinahe stoischen Gelassenheit durch das Gespräch mit Kaguya bewegt. Die paranidische Delegation hatte sich vollkommen auf sie konzentriert und den Rest von uns praktisch ignoriert. Jetzt bekam dieses Verhalten eine völlig andere Bedeutung. Oder zumindest konnte ich es nicht mehr einfach als kulturelle Eigenheit abtun.
Ich richtete meinen Blick auf die Paraniden. Mindestens fünfzig Individuen befanden sich am Strand. Angehörige der SSA, Polizei und Militär standen verteilt zwischen den roten Sandflächen, den niedrigen Dünen und den vereinzelten Vegetationsflächen, die sich vom Ufer bis zu den ersten Gebäuden von Horny Reef zogen. Die Sonnen standen relativ tief, und das Licht tauchte den Himmel in ein intensives Crimson, das sich am Horizont in dunklere Rot- und Violetttöne verlor. Die ruhige Oberfläche des cyanfarbenen Meeres spiegelte das Licht in langen, gebrochenen Streifen. Warme, feuchte Luft lag über dem Strand. Ich roch Salz, feuchten Sand und die fremdartig süßliche Vegetation, die aus den flachen Grünflächen hinter uns herüberwehte. Doch für mich hatte sich die gesamte Atmosphäre verändert. Ich konnte nicht länger so tun, als wäre ich lediglich ein unauffälliger SSA-Agent.
"SSA, Waffen anlegen und Starlight sichern!" Meine Stimme durchschnitt die Unterhaltung am Strand.
Ein Teil der SSA-Mitarbeiter reagierte sofort. Mehrere Waffen wurden in einer nahezu synchronen Bewegung aus ihren Sicherungen genommen. Die Läufe richteten sich auf die Paraniden. Einige Agenten gingen leicht in die Knie, um eine stabilere Schussposition einzunehmen, während andere Kaguya abschirmten und zwischen sie und die Delegation traten. Doch nicht alle reagierten. Einige SSA-Mitarbeiter erstarrten regelrecht. Ich sah in ihren Gesichtern die kurze, erschrockene Verwirrung. Sie wussten nicht, warum ein vermeintlicher Agent plötzlich einen solchen Befehl gab. Einer von ihnen blickte zuerst zu Gal, dann zu Tahl, anschließend zu mir. Ein anderer hatte die Hand bereits an seiner Waffe, zog sie jedoch noch nicht. Ich wusste, dass ich keine Zeit hatte. Mit einer schnellen Bewegung griff ich an den Rand meiner Kapuze und zog sie zurück. Der Stoff glitt über meinen Kopf und gab mein Gesicht frei. Anschließend zog ich die Maske von Nase und Mund nach unten. Die Wirkung war unmittelbar. Diejenigen, die mich nicht erkannt hatten, erkannten mich jetzt. Ich sah, wie sich die Augen eines jungen SSA-Mitarbeiters weiteten. Ein anderer öffnete für einen kurzen Moment den Mund, als hätte er vergessen, was er eigentlich hatte sagen wollen. Dann setzte die Ausbildung wieder ein. Waffen wurden entsichert. Sicherungspositionen wurden eingenommen. Die bisherige Unsicherheit verwandelte sich in konzentrierte Aufmerksamkeit.
Ich war mir durchaus bewusst, wie absurd das Ganze aussehen musste. Der CEO der UNO stand vermummt mitten in einem Sicherheitsring, während eine paranidische Delegation vor ihm kniete und drei bewaffnete Korvetten auf Trantor zuflogen. Die Polizei und das Militär waren dagegen vollkommen verwirrt. Mehrere Polizisten hatten ihre Waffen gezogen, wussten aber offensichtlich nicht, auf wen sie sie richten sollten. Einige Soldaten blickten zwischen mir, den Paraniden und den Sicherheitskräften hin und her. Ich konnte praktisch sehen, wie sie versuchten, die Situation innerhalb weniger Sekunden zu rekonstruieren.
Dann hörte ich Carolines Stimme. "Umgebung sichern!"
Sie schrie nicht. Sie musste es auch nicht. Die Stimme des Captains hatte genau diese nüchterne Schärfe, die keinen Widerspruch zuließ. Caroline Watanabe bewegte sich bereits, während die Worte noch in der Luft lagen. Ihr kurzes blondbraunes Haar wurde vom Wind leicht gegen ihre Stirn gedrückt. Ihre schwarzen Augen wanderten mit einer erstaunlichen Ruhe über den Strand, erfassten die Positionen der Sicherheitskräfte, die Paraniden, Kaguya und die umliegenden Zugänge. Sie hob eine Hand und gab einem Polizisten ein kurzes Zeichen. Dieser verstand sofort und setzte sich mit zwei weiteren Beamten in Bewegung.
Dann trat Caroline näher zu mir. Ihr Gesicht blieb vollkommen ruhig, doch ihre Stimme wurde zu einem kaum hörbaren Flüstern. "Wenn das keinen triftigen Grund hat, dann wandern Sie noch heute ins Gefängnis, Grau-san."
Für einen kurzen Moment wurde mir tatsächlich mulmig. Nicht wegen der Paraniden. Wegen Caroline. Ich kannte sie zwar kaum, aber ich erinnerte mich noch sehr genau an den Hatileos-Vorfall auf Isla Rica. Ich erinnerte mich auch daran, wie wenig Freude ich damals daran gehabt hatte, mit ihr zusammenzuarbeiten. Wir waren nicht als Feinde auseinandergegangen, aber Freundschaft wäre eine maßlose Übertreibung gewesen. Wir waren flüchtige Bekannte, die durch einen äußerst unangenehmen Vorfall miteinander verbunden waren. Und jetzt stand sie hier, sah mich mit ihren tiefschwarzen Augen an und erinnerte mich daran, dass meine Position als CEO mich nicht automatisch über das Gesetz stellte.
"Ich hoffe, Sie haben recht, Captain", murmelte ich.
"Das hoffe ich auch", erwiderte sie.
Dann geschah etwas, womit ich überhaupt nicht gerechnet hatte. Die Paraniden gingen gleichzeitig auf die Knie. Nicht einige. Alle. Die Bewegung war derart synchron, dass sie beinahe wie ein einstudiertes Ritual wirkte. Die großen, humanoiden Körper senkten sich auf den roten Sand. Ihre mehrfach gegliederten Arme wurden nach innen geführt. Einige legten die Hände beziehungsweise die charakteristischen Klauen eng an den eigenen Oberkörper. Andere umarmten sich regelrecht selbst. Die Körperhaltung wirkte für einen Menschen beinahe wie eine Mischung aus Schutzposition und religiöser Unterwerfung.
Ich konnte die Spannung in meinem Nacken dennoch nicht lösen. Ich wusste, wozu diese Wesen körperlich fähig waren. Paraniden waren ungefähr zweieinhalb Meter groß und besaßen eine Anatomie, die bereits auf den ersten Blick fremdartig wirkte. Zwei Gelenke in jedem Arm und jedem Bein verliehen ihren Bewegungen eine ungewöhnliche Geschmeidigkeit. Ihre langgezogenen Köpfe, die drei Augen und die fehlende Geruchswahrnehmung unterschieden sie deutlich von Menschen. Besonders ihre Hände beziehungsweise Klauen waren gefürchtet. Drei spitze, bewegliche Klauen konnten sich um einen Gegner schließen und einen tödlichen Würgegriff erzeugen.
Dass diese Wesen jetzt freiwillig vor uns knieten, war deshalb keineswegs beruhigend. Es machte die Situation nur noch seltsamer. Karantras befand sich etwas weiter vorne. Sein großer Körper ruhte auf den Knien, der Kopf leicht nach unten geneigt. Seine drei Augen waren auf mich beziehungsweise auf die bewaffneten Sicherheitskräfte gerichtet. Seine Haltung war kontrolliert. Kein hektisches Zucken. Kein Versuch aufzustehen. Keine sichtbare Aggression.
Dann sprach er. "Wir sind unbewaffnet und leisten keinen Widerstand."
Seine Stimme klang für menschliche Ohren tatsächlich ungewöhnlich. Die paranidische Sprache erinnerte mich an trockenes Herbstlaub, das über einen steinigen Boden geschoben wurde. Ein raues, raschelndes Geräusch, das gleichzeitig artikuliert und fremdartig wirkte. Ich konnte die Sprache verstehen, weil die Übersetzungssysteme der SSA funktionierten, doch selbst mit jahrelangem Training wäre es für einen Menschen unmöglich gewesen, die entsprechenden Laute mit den eigenen Sprachorganen exakt nachzuahmen. Dass Karantras unbewaffnet war, wussten wir bereits. Die Delegation war vor dem Treffen mehrfach überprüft worden. Niemand hatte Waffen gefunden. Trotzdem verspürte ich keine Erleichterung. Nicht wirklich.
"Das ist mir bekannt", sagte ich. Ich ließ den Blick über die knienden Paraniden wandern. "Drei paranidische Nemesis-Korvetten sind auf Angriffskurs." Ich machte eine kurze Pause. "Auf die Erklärung bin ich jetzt gespannt."
Karantras hob langsam den Kopf. Seine drei Augen wirkten im crimsonfarbenen Abendlicht beinahe schwarz. Ich konnte nicht erkennen, ob sich darin Überraschung spiegelte. Paranidische Mimik war für Menschen schwer zu lesen. Ihre Gesichter bewegten sich anders als unsere, und ihre religiöse Kultur hatte zusätzlich dafür gesorgt, dass viele ihrer emotionalen Reaktionen für Außenstehende kaum verständlich waren.
"Die Ode an den Kosmos hat den fragilen Frieden, der seit ein paar Jazuras im heiligen Reich herrscht, zwischen den paranidischen Fraktionen destabilisiert."
Ich brauchte einen Moment, um den Satz vollständig zu verarbeiten. Dann sah ich zu Kaguya. Sie stand wenige Meter entfernt. Die Aldrianerin hatte während des gesamten Gesprächs eine auffallend offene Körpersprache gehabt. Ihre Aufmerksamkeit war zuvor vollständig auf Karantras gerichtet gewesen. Jetzt war jede Farbe aus ihrem Gesicht gewichen. Ihre Lippen standen leicht geöffnet. Ihre Augen waren groß geworden, während sie langsam den Kopf in Richtung des Himmels drehte.
Der Himmel über uns war inzwischen noch intensiver geworden. Das Crimson der Atmosphäre lag wie eine breite, glühende Fläche über dem Horizont. Das cyanfarbene Meer darunter bewegte sich beinahe friedlich, als hätte es mit dem Geschehen nichts zu tun. Kaguya konnte die Raumstation nicht sehen. Die Korvetten konnte sie ebenfalls nicht sehen. Sie wusste nur, dass dort oben etwas auf sie zukam.
Ihre Stimme war kaum mehr als ein erschrockenes Flüstern. "Ich habe einen Bürgerkrieg ausgelöst?"
Ich sah, wie ihre Schultern nach unten sanken. Ihre Hände zitterten. Für einen kurzen Moment wirkte sie nicht wie die berühmte Sängerin Starlight, deren Name inzwischen über das gesamte Presidents-End-System hinaus getragen wurde. Nicht wie die Aldrianerin, deren Auftritte auf Vulcanus, Trantor und zahlreichen Raumstationen Hunderttausende Menschen und Aliens angezogen hatten. Nicht wie die Künstlerin, deren Lied offenbar sogar innerhalb des heiligen Reiches der Paraniden eine Wirkung entfaltet hatte. Sie wirkte wie eine junge Frau, die gerade erfahren hatte, dass etwas, das sie mit einer positiven Absicht geschaffen hatte, möglicherweise politische und religiöse Konsequenzen ausgelöst hatte, die sie niemals hatte vorhersehen können.
Gal reagierte sofort. Sie ging zu Kaguya. Ich hatte Gal schon oft erlebt. Als Sicherheitsleiterin war sie normalerweise präzise, konzentriert und beinahe unnahbar. Ihre Bewegungen waren kontrolliert, ihre Entscheidungen schnell. Emotionale Ausbrüche waren bei ihr selten. Jetzt war sie anders. Sie stellte sich nicht einfach neben Kaguya. Sie ging so nah an sie heran, dass zwischen den beiden kaum noch Abstand blieb, senkte ihre Stimme und sprach mit einer Wärme, die ich von ihr nur sehr selten zu hören bekam.
"Hey. Sieh mich an." Kaguya reagierte zunächst nicht. Gal legte ihr vorsichtig eine Hand an den Oberarm. "Du hast niemanden dazu gezwungen, irgendetwas zu tun. Du hast ein Lied gesungen."
Kaguya schluckte. "Aber wenn dieses Lied..."
"Nein", unterbrach Gal sie ruhig. "Wir wissen noch gar nicht, was genau passiert ist. Wir wissen nur, dass diese drei Schiffe auf dem Weg hierher sind. Das ist ein Unterschied." Kaguya sah sie an. Gal hielt ihrem Blick stand. "Und wir finden heraus, warum."
Ich beobachtete die beiden für einen Moment und musste feststellen, dass ich diese Seite von Gal tatsächlich extrem selten zu sehen bekam. Sie hatte keine Spur ihrer üblichen Härte verloren, aber sie setzte sie diesmal nicht ein, um eine Gefahr einzuschätzen. Sie nutzte ihre Ruhe, um einen Menschen davon abzuhalten, unter der Last einer Situation zusammenzubrechen.
Währenddessen wandte sich Tahl bereits von uns ab. Er hob eine Hand an sein Kommunikationsgerät und stellte eine Verbindung zu Altrix Nova her. "Bringt die Station in den Kampfmodus!"
Seine Worte waren kurz und eindeutig. Ich blickte automatisch zum Himmel. Ich konnte Altrix Nova von unserem Standort aus nicht direkt erkennen. Die Station befand sich zu weit entfernt und in einer Position, die von Trantors Krümmung und der Atmosphäre teilweise verdeckt wurde. Trotzdem wusste ich genau, wo sie war. Meine Raumstation. Das Zentrum der UNO. Das Symbol für alles, was ich in den vergangenen Jahren aufgebaut hatte.
Und irgendwo dort oben befanden sich jetzt drei paranidische Nemesis-Korvetten, deren Waffen aktiviert waren. Ich spürte, wie meine Finger sich langsam zu Fäusten schlossen. Bis vor wenigen Minuten hatte ich geglaubt, das größte Problem dieses Tages sei eine ungewöhnliche diplomatische Delegation, die Kaguya in das heilige Reich der Paraniden einladen wollte. Jetzt standen mindestens fünfzehn Paraniden auf einem Strand von Trantor, meine Sicherheitskräfte hatten ihre Waffen auf sie gerichtet, Caroline drohte mir mit Gefängnis, Kaguya glaubte, möglicherweise einen Bürgerkrieg ausgelöst zu haben, und drei bewaffnete Korvetten rasten durch das System.
Ich atmete langsam ein. Dann sah ich wieder zu Karantras. Der Prälatenbaron hatte noch immer keinen Versuch gemacht aufzustehen. Seine drei Augen ruhten auf mir. Und plötzlich fragte ich mich, ob die drei Korvetten wirklich wegen Kaguya gekommen waren. Oder ob Kaguya lediglich der Grund war, den jemand gebraucht hatte, um eine Situation zu schaffen, in der die ohnehin angespannten Machtverhältnisse von Presidents End endgültig kippen konnten.
Der Treffpunkt war an einem abgegrenzten Strandbereich koordiniert worden, der zu einem weitläufigen Resort gehörte. Noch vor wenigen Stunden hatte der Ort vermutlich wie eine jener gepflegten Urlaubsanlagen gewirkt, die Menschen auf Trantor aufsuchten, wenn sie für einige Tage Abstand vom hektischen Alltag suchten. Jetzt lag über dem gesamten Gelände eine Spannung, die sich mit jeder Sekunde stärker in die Umgebung zu fressen schien. Die feinen roten Sandkörner erstreckten sich wie ein breites, rostfarbenes Band zwischen dem ruhigen, cyanfarben schimmernden Meer und den flachen Gebäuden des Resorts. Das Wasser bewegte sich nur in kleinen, gleichmäßigen Wellen, deren schmale Schaumkronen im Licht der beiden Sonnen blass aufleuchteten. Eine warme Brise strich vom Meer herüber und trug den salzigen Geruch des Wassers mit sich, vermischt mit dem süßlichen Duft der tropischen Vegetation, die sich hinter dem Strand bis zu den ersten Gebäuden zog. Palmenartige Pflanzen bewegten ihre langen Blätter im Wind, während die Schatten der Gebäude bereits länger wurden und sich über den roten Sand zogen.
Nur wenige Dutzend Meter vom Strand entfernt lag das Restaurant, das für diesen ungewöhnlichen Anlass zu einer provisorischen Einsatzbasis umfunktioniert worden war. Die gläsernen Außenwände des Gebäudes spiegelten den rötlichen Himmel, während hinter den Fenstern hastig aufgestellte Kommunikationsgeräte, taktische Anzeigen und mobile Konsolen ein völlig anderes Bild vermittelten als die ursprüngliche, auf Erholung ausgelegte Einrichtung. Tische und Stühle waren beiseitegeschoben worden. Kabel verliefen über den Boden und verschwanden unter provisorischen Abdeckungen. Mehrere tragbare Holoprojektoren warfen bläulich schimmernde Datenfelder in die Luft. Dazwischen standen Polizisten und Militärangehörige, die versuchten, gleichzeitig ihre Befehle zu koordinieren und die sich ständig verändernde Lage zu verstehen.
Ich eilte vom Strandbereich dorthin. Der rote Sand knirschte unter meinen Schuhen, während ich mich zwischen den Einsatzkräften hindurchbewegte. Meine Gedanken waren noch immer bei den drei paranidischen Nemesis-Korvetten, deren Kurs sie immer näher an Trantor heranführte. Ich wusste nicht, was ihre Absicht war. Ich wusste nur, dass sie mit aktivierten Schilden und Waffen unter Volllast auf unseren Planeten zuflogen und dass jede weitere Verzögerung die Zeit verkürzte, in der wir überhaupt noch reagieren konnten.
Als ich das Restaurant betrat, schlug mir sofort die kühlere Luft der Klimaanlage entgegen. Der Geruch nach Meer und warmer Vegetation wurde von dem metallischen Geruch erhitzter Elektronik verdrängt. Lüfter liefen auf hoher Leistung. Mehrere Anzeigen blinkten in unterschiedlichen Farben. Stimmen überschnitten sich, Tastaturen klickten, und aus einem der Kommunikationsmodule drang ein leises, regelmäßiges Knacken.
Ich ging direkt auf die dort stationierten Polizisten und Militärangehörigen zu. "Stellen Sie eine Verbindung zu den Paranidenschiffen her."
Für einen kurzen Augenblick reagierte niemand. Die Männer und Frauen sahen einander an, als hätte ich eine Frage gestellt, auf die keiner vorbereitet gewesen war. Ein jüngerer Kommunikationstechniker hob bereits die Hände, ließ sie aber wieder sinken, ohne eine Taste zu berühren. Sein Gesicht verriet Unsicherheit. Er wusste offenbar nicht, ob er meiner Anweisung folgen durfte oder ob ich überhaupt die notwendige Befehlsgewalt besaß.
Dann trat ein höherrangiger Offizier aus der Gruppe hervor. Seine Haltung war aufrecht, sein Gesicht angespannt, aber kontrolliert. Er warf mir einen kurzen, prüfenden Blick zu und wandte sich anschließend an seine Leute. "Sie haben ihn gehört. Stellen Sie die Verbindung her."
Sofort setzte Bewegung ein. Der Kommunikationsoffizier nahm an seiner Konsole Platz. Seine Finger glitten über die Eingabefläche, während sich mehrere holografische Fenster vor ihm öffneten. Die Anzeigen wechselten von Weiß zu Blau, dann zu einem intensiveren Violett, als verschiedene Kommunikationsprotokolle überprüft wurden. Ein leises Signal bestätigte schließlich den Aufbau der Verbindung.
Der Offizier hob den Kopf. "Die Verbindung ist offen." Ich trat näher. Er zögerte kurz. Seine Augen wanderten über die Datenanzeige. "Allerdings haben die näher kommenden Korvetten keine Bestätigung gesendet."
Das war mir egal. Ich wollte keine Bestätigung. Ich wollte, dass sie mich hörten. Ich beugte mich zur Konsole und drückte den Aufnahmeknopf. Ein kleines Symbol wechselte von Grau auf Rot. Für einen kurzen Moment hörte ich nur das leise Summen der Geräte und meinen eigenen Atem. Dann sprach ich.
"Trantor an die drei paranidischen Nemesis-Korvetten: Reduzieren Sie sofort die Geschwindigkeit und deaktivieren Sie Ihre Waffen und Schilde. Umgehend! Es wird keine zweite Warnung geben."
Ich drückte auf Senden. Erst danach setzte mein Verstand wieder vollständig ein. Ich starrte auf das Kommunikationsfeld, während die Worte in meinem Kopf nachhallten. Ich hatte gerade drei paranidische Militärkorvetten, die sich mit aktivierten Waffen und Schilden Trantor näherten, aufgefordert, ihre Geschwindigkeit zu reduzieren und ihre Verteidigungssysteme abzuschalten. Und ich hatte ihnen dabei ausdrücklich mitgeteilt, dass es keine zweite Warnung geben würde. Mir wurde mit einem Mal bewusst, was ich mir damit angemaßt hatte. Ich war kein General. Ich war kein Admiral. Ich war kein offizieller militärischer Befehlshaber von Trantor. Ich war Tori Grau, CEO der Universal Nourishment Organization und inzwischen Präsidentschaftskandidat von Presidents End. Ich hatte mich gerade in eine militärische Situation eingemischt, deren rechtliche und politische Konsequenzen ich nicht einmal vollständig überblicken konnte. Aber es war bereits zu spät.
Der kommandierende Offizier trat neben mich. Seine Stimme war so leise, dass nur ich sie hören konnte. "Die Verteidigungssatelliten im Orbit wurden schon seit Jahren nicht mehr eingesetzt." Ich wandte den Kopf zu ihm. Er fuhr fort. "Zudem braucht die Aktivierung mehrere Minuten." Eine kurze Pause entstand. "Nachdem ein hochrangiger Offizier sie freigibt."
Ich sah ihn an. Mehrere Minuten. Diese zwei Worte gefielen mir überhaupt nicht. Ich hatte in den vergangenen Jahren gelernt, dass Minuten im Alltag kaum Bedeutung besaßen. Eine Lieferroute konnte sich verzögern. Eine Produktionsanlage konnte für einige Minuten stillstehen. Ein Transport konnte warten. In einer militärischen Auseinandersetzung bedeuteten mehrere Minuten etwas völlig anderes. Mehrere Minuten konnten bedeuten, dass Menschen starben. Mehrere Minuten konnten bedeuten, dass ein Schiff eine Waffe abfeuerte. Mehrere Minuten konnten bedeuten, dass Trantor getroffen wurde, bevor überhaupt eine Verteidigungsmaßnahme bereitstand. Ich wusste nicht einmal, welcher General oder Admiral kontaktiert werden musste. Ich wusste nicht, wie lange dieser Offizier wiederum benötigen würde, um eine Freigabe zu erteilen. Danach mussten die Systeme aktiviert, überprüft und wahrscheinlich erst einmal auf ihre Einsatzbereitschaft getestet werden. Alles daran war langsam. Alles war bürokratisch. Und genau das machte mir Angst. Meine Gedanken kehrten unwillkürlich zu den Trümmern der zerstörten Piratenbasis zurück. Ich erinnerte mich an die Fragmente des ausgehöhlten Asteroiden, die nach seiner Zerstörung aus ihren Bahnen gerissen worden waren und auf Trantor niedergegangen waren. Ich erinnerte mich an die Berichte über die späte Aktivierung der Verteidigungssatelliten. Auch damals hatte es zu lange gedauert. Auch damals waren die Systeme nicht rechtzeitig zum Einsatz gekommen. Ich wollte nicht noch einmal erleben, dass wir erst handelten, wenn die Gefahr bereits vorbei war.
Hinter mir hörte ich Tahl sprechen. Seine Stimme war ruhig und kontrolliert, aber jeder einzelne Tonfall verriet, dass er die Lage als ernst einstufte. Er stand etwas abseits und kommunizierte über einen gesicherten Kanal mit Altrix Nova. Ich konnte nicht jedes Wort sofort verstehen, doch dann drang seine Stimme deutlicher zu mir durch.
"Je eine Salve an Warnschüssen für jede Korvette. Dann ohne Verzögerung Sperrfeuer eröffnen. Alle Prototyp-Kampfschiffe starten und auf Abfangkurs senden. Vorzugsweise gegnerische Schiffe deaktivieren. Bei Gegenwehr Bedrohung eliminieren."
Ich sah kurz zu ihm hinüber. Tahl hatte den Befehl ohne hörbares Zögern ausgesprochen. Das erschreckte mich. Nicht, weil ich Tahl nicht kannte. Ich wusste sehr genau, welche Erfahrungen er besaß. Er hatte lange Zeit im argonischen Militär gedient und anschließend jahrelang als Sicherheitschef auf der Handelsstation Alpha im Orbit von Argon Prime gearbeitet. Er hatte Situationen erlebt, in denen eine falsche Entscheidung Menschenleben kosten konnte. Er hatte gelernt, Entscheidungen zu treffen, während andere noch über ihre Möglichkeiten nachdachten. Trotzdem war es etwas anderes, einen solchen Befehl selbst zu hören.
Ich wusste, dass wir hier einen sehr schmalen Grat betraten. Im Weltraum galten andere Bedingungen als auf einem Planeten. Schiffe und Raumstationen besaßen das Recht, sich gegen einen Angriff zu verteidigen. Doch wo genau verlief die Grenze zwischen Verteidigung und Angriff? Wann wurde eine Abfangmaßnahme zu einem offensiven Einsatz? Wann wurde eine Warnung zu einer Kriegshandlung? Ich wusste es nicht. Ich war kein Jurist. Ich war auch kein Militär. Und genau diese Erkenntnis ließ die Anspannung in meinem Magen noch stärker werden.
Vor mir entstand eine dreidimensionale holographische Karte von Trantor. Der Planet schwebte als kugelförmiges, farbiges Modell in der Luft. Die Kontinente waren in verschiedenen Grün- und Brauntönen dargestellt, die Ozeane schimmerten in tiefem Blau. Über der Oberfläche lagen dünne Linien, die Verkehrswege, Orbitalkorridore und militärische Zonen markierten. Außerhalb der Atmosphäre bewegten sich kleine Lichtpunkte entlang berechneter Flugbahnen.
Ich trat näher an die Projektion heran. Die drei Korvetten waren als helle Markierungen dargestellt. Ich beobachtete sie minutenlang. Sie näherten sich Trantor. Zuvor mussten sie jedoch Altrix Nova passieren. Genau das war der Punkt, der mich besonders beunruhigte. Altrix Nova lag in ihrem berechneten Kurs. Die Raumstation war nicht nur ein zentraler Bestandteil der Infrastruktur der UNO, sondern auch ein Ort, an dem sich zahlreiche Lebewesen befanden. Eine bewaffnete paranidische Korvette in Waffenreichweite der Station war keine abstrakte Bedrohung.
Dann veränderte sich die Darstellung. Eine der Flugbahnen knickte. Kurz darauf folgten die anderen beiden. Ich blinzelte und sah genauer hin. Die drei Korvetten hatten ihren Kurs angepasst. Sie würden Altrix Nova nicht mehr passieren. Ich spürte, wie sich ein Teil der Anspannung löste, auch wenn ich wusste, dass die Gefahr damit keineswegs verschwunden war. Die Prototyp-Kampfschiffe der UNO hatten ihre Abfangbewegung bereits aufgenommen, doch nachdem Altrix Nova nicht mehr unmittelbar gefährdet war, durften die Schiffe der Universal Nourishment Organization nicht weiter gegen die Paraniden vorgehen. Das war nun Aufgabe des Militärs. Ich konnte darüber nicht entscheiden.
Tahl konnte darüber ebenfalls nicht einfach hinweggehen. Die Verantwortung lag jetzt bei den zuständigen militärischen Stellen. Auf der holographischen Karte bewegten sich die Prototypen zurück in Richtung Altrix Nova. Ihre Lichtmarkierungen zogen sich von den drei paranidischen Schiffen zurück, bis zwischen ihnen wieder deutlicher Abstand lag. Dann beobachtete ich erneut die drei Korvetten. Die Markierungen bewegten sich weiter. Schließlich drehten sich die Schiffe. Die Darstellung zeigte eine saubere Drehung um einhundertachtzig Grad. Danach änderte sich ihre Geschwindigkeit. Sie gaben Umkehrschub. Die drei Korvetten wurden langsamer. Ich atmete etwas tiefer ein. Doch ihre Schilde blieben aktiv. Die entsprechenden Anzeigen leuchteten weiterhin. Auch ihre Waffen waren noch aktiv. Allerdings veränderte sich die Anzeige ihrer Waffenenergie. Der zuvor deutlich erhöhte Output fiel ab. Die Balken gingen zurück, bis nur noch ein geringer Ausschlag übrig blieb. Sie hatten ihre Waffen nicht deaktiviert. Aber sie hatten ihre Leistungsabgabe auf ein Minimum reduziert. Ich betrachtete die drei Anzeigen lange. Das war zumindest ein Zeichen. Kein gutes. Aber ein Zeichen. Ich wusste noch immer nicht, was die Paraniden vorhatten. Ich wusste nicht, warum sie mit bewaffneten Korvetten in das argonische Hoheitsgebiet eingeflogen waren. Ich wusste nicht, warum sie zunächst unter Volllast auf Trantor zugeflogen waren und anschließend ihren Kurs geändert hatten. Und ich wusste vor allem nicht, wie viel Zeit uns blieb.
Mein Blick wanderte zu den anderen Anzeigen. Nichts. Keine deutlichen Signaturen. Keine klar erkennbaren planetaren Verteidigungsschiffe. Ich wartete. Sekunde um Sekunde. Meine Finger lagen angespannt an der Kante der Konsole, während ich versuchte, meine Ungeduld zu kontrollieren. Wie lange brauchte das Militär, um seine planetaren Verteidigungsschiffe zu starten? Ich hatte keine Antwort. Und auf der holographischen Anzeige konnte ich bis jetzt nicht wirklich etwas ausmachen.
Ich blieb vor der holographischen taktischen Anzeige stehen und starrte auf die drei Lichtpunkte, die sich nun deutlich langsamer über die dreidimensionale Projektion von Trantor bewegten. Die Darstellung schwebte auf Hüfthöhe über einem flachen Projektionsfeld, dessen bläulich-weiße Lichtkegel sich ständig neu ordneten, sobald sich die Flugbahnen der Schiffe veränderten. Dünne Linien zeichneten ihre bisherigen Kurse nach, während neue Vektoren in einem gedämpften Orange eingeblendet wurden. Der Planet selbst rotierte langsam in der Mitte der Projektion. Die Kontinente erschienen in verschiedenen Grüntönen und dunkleren Blauflächen, die Ozeane spiegelten das Licht der Simulation wie eine künstliche, vollkommen glatte Oberfläche. Darüber schwebten kleine Symbole für Raumstationen, Orbitalrouten und bekannte militärische Positionen. Altrix Nova war als besonders markierter Punkt außerhalb der eigentlichen Planetenprojektion dargestellt.
Ich konnte die drei Nemesis-Korvetten nicht mit eigenen Augen sehen. Vom Strand aus war der Himmel viel zu weit, die Entfernung zwischen Trantor und den Schiffen viel zu groß. Aber auf dieser Karte wirkten sie beinahe lächerlich klein. Drei winzige Symbole, die dennoch innerhalb weniger Minuten über Leben und Tod von Menschen entscheiden konnten. Ich musste an den Satz des Kommunikationsoffiziers denken, den er mir wenige Augenblicke zuvor mit einer Mischung aus Unsicherheit und professioneller Anspannung gesagt hatte. Mehrere Minuten. Nur mehrere Minuten. Für einen Verwaltungsprozess mochte das unbedeutend sein. Im Orbit eines Planeten, dessen Bevölkerung nichts von der unmittelbaren Gefahr wusste, konnte dieselbe Zeitspanne eine Ewigkeit oder ein Todesurteil bedeuten.
Hinter mir bewegten sich Menschen hastig durch das improvisierte Kommunikationszentrum. Das Restaurant, das normalerweise vermutlich nach gegrilltem Fisch, süßen Früchten und salziger Meeresluft gerochen hätte, war innerhalb kürzester Zeit in einen provisorischen militärischen Gefechtsstand verwandelt worden. Kabel lagen in ordentlichen Bündeln über dem Boden, portable Konsolen standen auf zusammengeschobenen Tischen, und mehrere Projektoren warfen taktische Daten auf die hellen Wände. Der Geruch von warmem Kunststoff, erhitzten Energiespeichern und ozonhaltiger Luft hatte den ursprünglichen Duft des Restaurants beinahe vollständig verdrängt. Durch die geöffneten Türen drang trotzdem das Rauschen des Meeres herein. In regelmäßigen Abständen hörte ich das leise Brechen der Wellen am roten Sandstrand. Dieser Gegensatz wirkte beinahe unwirklich. Draußen lag das cyanfarbene Meer ruhig unter dem crimsonfarbenen Himmel, während hier drinnen Offiziere versuchten herauszufinden, ob drei schwer bewaffnete Korvetten einen Angriff vorbereiteten.
Ich wandte den Kopf und sah zu dem Kommunikationsoffizier. Er saß vor seiner Konsole, die Schultern angespannt, die Finger dicht über den Bedienelementen. Das kalte Licht des Displays spiegelte sich auf seiner Stirn. Er versuchte, ruhig zu wirken, doch ich sah, wie seine Augen immer wieder zwischen den Anzeigen wechselten. Neben ihm stand der höherrangige Offizier, der zuvor dafür gesorgt hatte, dass meine Anweisung überhaupt umgesetzt wurde. Seine Haltung war gerade, sein Gesicht ausdruckslos, doch die leicht zusammengepressten Lippen verrieten mir, dass auch er die Situation keineswegs als gewöhnlich betrachtete.
Die drei Schiffe hatten ihren Kurs inzwischen so verändert, dass ihre ursprüngliche Flugbahn auf der holographischen Darstellung wie ein langer, geknickter Strich hinter ihnen zurückblieb. Sie waren nicht mehr auf direktem Weg an Altrix Nova vorbei. Stattdessen hatten sie sich aus dem unmittelbaren Gefahrenbereich der Station herausbewegt und verlangsamten sich weiter. Ihre Schilde waren noch immer aktiv. Die Anzeigen der Waffenleistung waren nicht vollständig verschwunden. Die kleinen Statussymbole leuchteten weiterhin in einem gedämpften Rot, doch die Energieausgabe war deutlich reduziert. Das war kein Angriff. Zumindest noch nicht. Aber es war auch keine eindeutige Kapitulation. Ich merkte, dass ich meinen Atem angehalten hatte, und zwang mich dazu, langsam auszuatmen.
"Warum stoppen sie nicht vollständig?", fragte ich.
Niemand antwortete sofort. Ich konnte die Unsicherheit förmlich spüren.
Dann sagte der Kommunikationsoffizier: "Möglicherweise warten sie auf eine Antwort."
Ich sah ihn an. "Auf unsere?"
"Vermutlich."
Ich verzog leicht das Gesicht. "Dann sollten sie eine bekommen."
Noch bevor ich etwas hinzufügen konnte, hörte ich hinter mir Tahl. Seine Stimme war ruhig, tief und vollkommen frei von Panik. Genau das machte sie für mich in diesem Moment so beunruhigend. "Altrix Nova bestätigt die Rückkehr der Prototypen."
Ich drehte mich zu ihm um. Tahl stand einige Schritte entfernt neben einer weiteren Kommunikationskonsole. Seine Kapuze verdeckte einen Teil seines Gesichts, doch die Haltung seines Körpers war unverkennbar. Er stand mit leicht gespreizten Beinen, die Arme locker vor dem Körper, und beobachtete die taktischen Anzeigen mit jener konzentrierten Ruhe, die ich von ihm kannte. Gal befand sich in seiner Nähe. Sie sagte nichts. Ihr Blick war auf die Datenprojektion gerichtet, und ihre Augen bewegten sich mit den Symbolen der verschiedenen Schiffe. Ihre Lippen waren zu einer schmalen Linie zusammengezogen.
"Tahl", sagte ich. Er sah zu mir. "Was ist mit den planetaren Verteidigungsschiffen?"
"Das Militär arbeitet daran."
"Daran?"
Sein Gesicht blieb unbewegt. "Die Startsequenz läuft."
Ich sah wieder auf die Anzeige. Nichts. Kein deutliches Symbol. Keine Formation. Keine erkennbare Bewegung. Nur die drei Paranidenkorvetten, die sich weiterhin langsam bewegten. Ich spürte, wie sich mein Magen zusammenzog.
"Das dauert zu lange."
Tahl antwortete nicht sofort. Dann sagte er: "Das Militär arbeitet nach seinen Verfahren."
Ich wandte mich ihm vollständig zu. "Genau das ist mein Problem."
Gal hob leicht den Kopf. Ihr Blick wanderte zwischen uns hin und her.
"Wir haben gerade gesehen, was passiert, wenn wir darauf warten, dass jemand seine Verfahren abarbeitet", sagte ich. "Die Trümmer dieser Piratenbasis sind damals auf Trantor gefallen, bevor überhaupt vernünftig reagiert werden konnte."
Tahl sah mich lange an. "Und diesmal sind wir vorbereitet."
"Das weiß ich noch nicht."
"Die Situation ist eine andere."
"Vielleicht."
Ich wandte mich wieder der Karte zu. Die drei Nemesis-Korvetten waren inzwischen beinahe vollständig aus dem Bereich verschwunden, in dem die Prototypen der UNO sie hätten abfangen können. Das bedeutete gleichzeitig, dass Altrix Nova nicht länger unmittelbar bedroht war. Und damit änderte sich auch die rechtliche Situation für unsere Schiffe. Unsere Korvetten durften nicht einfach weiterfliegen und die Paraniden verfolgen, nur weil sie zuvor eine potenzielle Gefahr dargestellt hatten. Der militärische Auftrag lag nun bei den zuständigen Streitkräften von Presidents End. Das war vernünftig. Es fühlte sich trotzdem falsch an. Ich sah die drei kleinen Symbole an.
Ich wusste trotzdem nicht, was Karantras davon hielt. Der Paranide hatte sich am Strand freiwillig auf den Boden gekniet und erklärt, dass seine Delegation unbewaffnet sei und keinen Widerstand leisten werde. Ich erinnerte mich an seine drei Augen, die sich unabhängig voneinander bewegt hatten, während er gesprochen hatte. An seine ungewöhnliche, langgezogene Schnauze. An die mehrfach gegliederten Arme und Beine, die ihn trotz seiner beinahe menschlichen Körperform fremdartig wirken ließen. Selbst in dieser friedlichen Haltung hatte ich nicht vergessen können, dass Paraniden zu den gefährlichsten Nahkämpfern des bekannten Universums gehörten. Und jetzt befanden sich drei ihrer Korvetten im Orbit. Bewaffnet. Mit aktiven Schilden.
Mir ging nicht aus dem Kopf, dass wir bis vor wenigen Augenblicken nicht einmal gewusst hatten, warum diese drei Korvetten auf Trantor zuhielten. Nun behauptete Karantras, Kaguyas Lied habe einen jahrzehntelang schwelenden Konflikt wieder angefacht.
"Moment."
Gal trat einen Schritt näher. "Was?"
"Die Geschwindigkeit."
Sie blickte auf die Anzeige. "Was ist damit?"
"Sie bremsen stärker."
Tahl kam ebenfalls näher. Die drei Symbole bewegten sich nun deutlich langsamer. Die Flugbahnen waren fast gerade. Keine hektischen Kurskorrekturen. Keine Beschleunigung. Keine Annäherung an Trantor.
"Sie wollen nicht angreifen", sagte Gal leise.
Ich sah sie an. "Das wissen wir nicht."
"Wenn sie angreifen wollten, würden sie nicht abbremsen."
"Vielleicht wollen sie uns in Sicherheit wiegen."
Gal schüttelte kaum merklich den Kopf. "Dafür wäre das ein ziemlich komplizierter Weg."
Ich antwortete nicht. Sie hatte recht. Doch gerade weil ich inzwischen wusste, wie wenig wir über die Paraniden verstanden, wollte ich mich nicht auf eine Vermutung verlassen. Plötzlich wechselte die Anzeige. Ein neuer Kontakt erschien. Ich fuhr herum.
"Was ist das?"
Der Kommunikationsoffizier blickte auf seine Konsole. Seine Augen weiteten sich. "Militärische Signatur."
Ich trat näher an die Projektion. Zunächst war nur ein kleiner Punkt am Rand der taktischen Darstellung zu sehen. Dann erschien ein zweiter. Ein dritter. Weitere Signale tauchten auf. Ich spürte, wie die Spannung in meinem Körper für einen kurzen Moment nachließ.
"Die Verteidigungsschiffe?"
Der Offizier nickte. "Ja."
Tahl verschränkte die Arme. "Endlich."
Ich sah auf die Projektion. Die planetaren Verteidigungsschiffe von Presidents End hatten begonnen, ihre Positionen einzunehmen. Noch waren sie nicht nahe genug, um eine direkte Konfrontation zu erzwingen, aber ihre Flugvektoren führten eindeutig in Richtung der Paraniden. Die drei Nemesis-Korvetten blieben langsam. Ihre Schilde blieben aktiv. Ihre Waffen blieben auf Minimalleistung. Niemand feuerte. Noch nicht. Ich bemerkte, dass meine Hände nicht mehr zu Fäusten geballt waren. Ich machte mit den Fingern Lockerungsbewegungen.
Dann hörte ich aus dem Kommunikationsbereich eine Stimme. "Trantor, eingehender Funkverkehr."
Alle Blicke wanderten zu dem Kommunikationsoffizier. Ich trat näher. "Von wem?"
"Die drei paranidischen Schiffe."
Mein Herzschlag beschleunigte sich. "Öffnen."
Der Offizier zögerte nur einen Augenblick, dann aktivierte er die Verbindung. Zunächst hörte ich nur ein leises, trockenes Geräusch, das mich unwillkürlich an raschelndes Herbstlaub erinnerte. Dann setzte die paranidische Sprache ein. Die Laute wirkten nicht wie eine menschliche Sprache. Sie waren scharf, aber gleichzeitig von einem rhythmischen Rauschen begleitet, das sich kaum in einzelne Wörter zerlegen ließ. Der Kommunikationsoffizier lauschte konzentriert. Ich verstand kein Wort. Dann veränderte sich der Tonfall. Der Offizier sah zu mir.
"Sie bitten um eine Verbindung zu Kaguya Kinmoku."
Ich blinzelte. "Was?"
"Kaguya. Sie wollen mit ihr sprechen."
Für einen Moment sagte niemand etwas. Ich sah zu Gal. Sie sah mich an. Dann zu Tahl. Auch er wirkte überrascht. Ich wandte mich langsam wieder dem Kommunikationsoffizier zu.
"Nur mit ihr?"
"Ja."
Ich starrte auf die drei Schiffsmarkierungen. Dann musste ich trotz der angespannten Situation beinahe lachen. Nicht, weil die Situation lustig gewesen wäre. Das wäre bei einem Paraniden vermutlich ohnehin eine sinnlose Reaktion gewesen. Vielmehr war es die Absurdität des Augenblicks. Vor wenigen Minuten hatte ich eine militärische Drohung ausgesprochen. Tahl hatte Altrix Nova in Kampfbereitschaft versetzt. Die planetare Verteidigung war aktiviert worden. Drei bewaffnete Korvetten waren mit aktivierten Schilden in den Orbit eingeflogen. Und jetzt wollten die Paraniden offenbar einfach mit einer Sängerin sprechen. Ich rieb mir mit Daumen und Zeigefinger kurz über den Nasenrücken.
"Natürlich."
Gal hob eine Augenbraue. "Natürlich?"
Ich sah sie an. "Warum sollte dieser Tag auch einmal einfach sein?"
Zum ersten Mal seit Beginn der Krise zuckte über ihr Gesicht ein kaum sichtbares Lächeln. Es verschwand beinahe sofort wieder. Ich blickte zurück zur taktischen Karte. Die drei Nemesis-Korvetten standen weiterhin unter Beobachtung. Die militärischen Schiffe von Presidents End näherten sich. Die Waffen der Paraniden blieben auf Minimalleistung. Und irgendwo draußen, zwischen Trantor und dem Raum, der sich über dem Planeten bis zu den beiden Sonnen von Presidents End erstreckte, hing nun die Zukunft eines Treffens zwischen einer aldrianischen Sängerin und einer religiösen Delegation, deren Ankunft beinahe wie ein Angriff ausgesehen hatte. Ich konnte nicht verhindern, dass sich in meinem Kopf ein einziger Gedanke festsetzte. Ich hätte Kaguya wirklich einfach fragen sollen, warum sie ausgerechnet Horny Reef ausgesucht hatte.
Als ich Kaguya beim ersten Treffen im Vesperia Kolosseum erlebt hatte, war sie mir wie eine Frau erschienen, die genau wusste, was sie wollte, und die sich von kaum etwas aus der Ruhe bringen ließ. Ihre Haltung hatte Selbstsicherheit ausgestrahlt, ihre Stimme war klar gewesen, und selbst inmitten der Aufmerksamkeit, die ihr als Starlight inzwischen überall entgegenschlug, hatte sie eine bemerkenswerte Ruhe bewahrt. Jetzt war davon kaum noch etwas zu erkennen. Sie stand mitten auf dem feinen roten Sand von Horny Reef, unter dem tiefen, beinahe unwirklich wirkenden Crimson des Himmels, während das cyanfarbene Meer wenige Dutzend Meter hinter ihr ruhig gegen den Strand rollte. Das Licht der beiden Sonnen von Presidents End lag wie ein warmer Schimmer auf ihrer Haut und ließ einzelne Strähnen ihres Haares aufleuchten, doch in ihrem Gesicht spiegelte sich davon nichts wider. Ihre Augen waren weit geöffnet, ihr Blick suchte immer wieder den Himmel ab, obwohl sie dort weder Altrix Nova noch die drei Nemesis-Korvetten erkennen konnte. Ihre Lippen waren leicht geöffnet, als müsste sie erst wieder lernen zu atmen. Ich sah die Anspannung in ihren Schultern und die kaum merklichen Bewegungen ihrer Hände, die sich immer wieder öffneten und schlossen, ohne dass sie selbst es zu bemerken schien. Die Erkenntnis, dass ihr Lied möglicherweise eine politische und religiöse Krise ausgelöst hatte, die weit über alles hinausging, was sie sich jemals hätte vorstellen können, hatte sie sichtbar getroffen.
Ich ging langsam auf sie zu. Der feine Sand gab unter meinen Schuhen nach und knirschte leise, während der Wind den salzigen Geruch des Meeres über den Strand trug. Je näher ich ihr kam, desto deutlicher sah ich, wie verloren sie wirkte. Ich lächelte sie lediglich an. Ich wollte ihr in diesem Moment keine weiteren Worte zumuten. Stattdessen legte ich ihr eine Hand auf die Schulter. Meine Finger schlossen sich nicht fest um sie, sondern lagen nur ruhig auf dem Stoff ihrer Kleidung. Sie zuckte zunächst kaum merklich zusammen und sah mich an. In ihrem Gesicht lag noch immer Verwirrung, aber für einen kurzen Moment schien sie zumindest einen festen Punkt gefunden zu haben, an dem sie sich orientieren konnte. Ich sagte nichts. Es gab Situationen, in denen Worte mehr Schaden anrichten konnten als Schweigen.
Dann wandte ich mich Karantras zu. Der Prälatenbaron und seine Begleiter hatten sich seit dem Eintreffen der Nachricht keinen Millimeter bewegt. Die paranidischen Körper wirkten in ihrer gekrümmten, zugleich erstaunlich aufrechten Haltung beinahe fremdartig gegen die argonischen und aldrianischen Gestalten ringsum. Die mehrfach gegliederten Arme lagen dicht am Körper, die drei Augen des Anführers bewegten sich unabhängig voneinander und schienen gleichzeitig unterschiedliche Bereiche seiner Umgebung zu erfassen. Die feinen Bewegungen seiner Mundpartie waren für mich schwer zu deuten. Bei einem Menschen hätte ich vielleicht nach einem Lächeln, einem Stirnrunzeln oder einer anderen bekannten Regung gesucht. Bei einem Paraniden musste ich mich von diesen Vorstellungen lösen. Selbst ihre scheinbar geringfügigen Bewegungen besaßen für mich eine Bedeutung, die ich nicht zuverlässig interpretieren konnte.
Ich ließ Kaguya hinter mir und sah Karantras direkt an. Meine Stimme war ruhig, aber so kalt, dass selbst ich die Schärfe darin hörte. "Ich frage nur einmal: Was ist hier los?"
Karantras wirkte nicht beeindruckt. Keines seiner drei Augen wich meinem Blick aus. Stattdessen blieb er vollkommen ruhig, während der Wind über den Strand strich und die langen Gewänder seiner Begleiter leicht bewegte. Einer der Paraniden neben ihm ließ ein trockenes, raschelndes Geräusch hören. Für menschliche Ohren klang es beinahe wie Herbstlaub, das über einen trockenen Boden geschoben wurde. Karantras antwortete unmittelbar in derselben Sprache. Sein Körper bewegte sich dabei kaum, doch die Abfolge der Geräusche war deutlich komplexer, als sie zunächst wirkte. Danach wandte er sich wieder mir zu.
"Das paranidische Reich war nie so geeint, wie es sich nach außen immer präsentiert hatte." Ich schwieg und ließ ihn weiterreden. "Bereits seit der Gründung des Reiches vor Jazuratausenden gab es Schismen. Doch die Herrscherlinie der Imperatoren hat diese immer in eine Linie gelenkt und unterdrückt. Doch mit dem Zeitalter der Weltraumbesiedlung wurde seine Kontrolle immer schwieriger."
Wieder ertönte dieses Rascheln. Derselbe Paranide wie zuvor hatte erneut etwas eingeworfen. Karantras wandte eines seiner drei Augen zu ihm. Für einen Augenblick blieb sein Blick dort haften. Dann antwortete er mit einer Härte, die selbst ohne Kenntnis der Sprache unmissverständlich war.
"Schweig, sprich in ihrer Sprache oder kehre dein Inneres nach außen."
Der angesprochene Paranide verstummte. Langsam drehte er Karantras den Rücken zu. Die Reaktion der anderen kam sofort. Einige bewegten ihre mehrfach gegliederten Arme, andere wandten ihre Köpfe ein Stück zur Seite. Ein leises, unruhiges Rascheln ging durch die Gruppe. Ich konnte nicht beurteilen, ob es sich um Empörung, Zustimmung oder etwas völlig anderes handelte. Für mich sah es lediglich danach aus, als hätte Karantras mit wenigen Worten eine Spannung innerhalb seiner eigenen Delegation erzeugt. Er ignorierte sie.
"Dass sich vor vielen Dekazuras der Orden des Pontifex vom Reich abgespalten hat und dies sich von einem lokalen Konflikt über einen Kreuzzug bis hin zu einem Dschihad entwickelt hat, war nur die Spitze des Eisbergs."
Eines seiner drei Augen richtete sich erneut auf den Paraniden, der sich inzwischen von ihm abgewandt hatte. Der stand mit verschränkter Haltung da und wirkte auf mich beinahe trotzig. Ich wusste nicht, ob diese Interpretation überhaupt zutraf. Vielleicht war es nur meine menschliche Sichtweise, die mir eine Emotion vorgaukelte, die bei einem Paraniden etwas vollkommen anderes bedeutete. Trotzdem erinnerte mich seine Haltung an jemanden, der schmollte. Zumindest wusste ich nicht, wie ich es sonst beschreiben sollte.
Karantras sprach weiter. "Schon vorher hatten sich viele verschiedene Enklaven auf den unterschiedlichsten kosmischen Objekten gebildet, die ihre eigene Interpretation der heiligen Dreidimensionalität hatten."
Ich ließ seine Worte einen Moment auf mich wirken. Während er gesprochen hatte, hatte ich immer wieder über die Konsequenzen nachgedacht. Die Universal Nourishment Organization war längst über die Grenzen eines einzelnen Geschäftsmodells hinausgewachsen. Wir suchten nach Flora und Fauna verschiedener Spezies, untersuchten ihre Eigenschaften, entwickelten Verfahren, mit denen sich Nahrungsmittel für unterschiedliche biologische Systeme nutzbar machen ließen, bauten Produktionsketten auf und schufen Versorgungsstrukturen dort, wo bisher kaum etwas existiert hatte. Selbst die rein wissenschaftliche und logistische Seite dieser Aufgabe war bereits kompliziert genug. Doch nun stand plötzlich eine weitere Variable im Raum, die sich nicht berechnen ließ. Religion.
Ich musste unwillkürlich an meinen damaligen Besuch auf Nif'Nakh denken. Ich hatte dort vorsichtige Grundsteine für einen möglichen Kontakt zu den Paraniden über die Split legen wollen. Damals hatte ich gehofft, dass wirtschaftliche Interessen und praktische Zusammenarbeit vielleicht eine Brücke bilden könnten. Nicht sofort. Nicht umfassend. Aber Stück für Stück. Dann waren die Ereignisse mit den Terraformern eskaliert und hatten alles verändert. Ich wollte jetzt nicht darüber nachdenken. Trotzdem kam mir plötzlich ein anderer Gedanke. Ob ich bei den Split überhaupt noch willkommen war? Und damit verbunden eine noch unangenehmere Frage. Ob Hatrak überhaupt wusste, dass ihre Tochter Hatileos praktisch nicht mehr existierte? Sie war nicht tot. Diese Tatsache war wichtig. Aber sie befand sich auf einem Planeten, den die Ancients für sie ausgewählt hatten, weit außerhalb des Sprungtornetzwerkes des Commonwealth. Ich wusste nicht einmal, wie ich Hatrak erklären sollte, was geschehen war. Wie sollte man jemandem sagen, dass das eigene Kind lebte und gleichzeitig unerreichbar war, weil es außerhalb jener Strukturen existierte, die für uns alle selbstverständlich geworden waren?
Ich bemerkte erst nach einigen Sekunden, dass ich gedanklich viel zu weit abgeschweift war. Der Strand, das Meer, Kaguya, Karantras und die drei unbekannten Korvetten im Orbit kehrten wieder in mein Bewusstsein zurück.
Ich sah Karantras an. "Und welche Fraktion wartet jetzt im Orbit?"
Karantras ließ einen kurzen Moment verstreichen, bevor er antwortete. "Ich fürchte, dass die Nemesis-Korvetten dem Orden des Pontifex angehören."
Caroline hatte sich inzwischen zu uns gesellt. Sie blieb dicht bei Kaguya, ohne sich zwischen sie und mich zu drängen. Ich sah kurz zu ihr hinüber. Ihr kurzes blondbraunes Haar wurde vom Wind leicht bewegt, während ihre schwarzen Augen aufmerksam zwischen Karantras und dem Himmel wechselten. Ihre Haltung war angespannt, aber kontrolliert. Sie hatte eine Hand nahe an ihrer Ausrüstung, ohne die Waffe tatsächlich zu ziehen. Die Erinnerung an unsere frühere Zusammenarbeit während des Hatileos-Vorfalls drängte sich mir für einen Augenblick auf, und ich verdrängte sie wieder.
Caroline sah Karantras an. "Und die sind ...?"
Karantras antwortete ohne erkennbare emotionale Regung. "Isolationistische Extremisten. Sie glauben, dass nur ihre Interpretation der göttlichen Dreidimensionalität rein ist."
Caroline verengte leicht die Augen. "Und Sie repräsentieren welche Fraktion?"
Karantras hielt kurz inne. "Keine der großen bekannten. Unsere Fraktion ist an ..."
Er brach ab. Der letzte Teil seiner Antwort blieb unvollständig. Ich konnte nicht sagen, ob er sich bewusst korrigiert hatte oder ob er seine Worte lediglich abwog. Bei einem Paraniden war selbst ein Zögern schwer einzuordnen.
Gal hatte sich währenddessen wieder Kaguya zugewandt. Sie hatte diese seltene Seite an sich gezeigt, die ich bei ihr nur sehr selten zu sehen bekam. Ihre Stimme war leiser geworden, ihr Gesicht weicher, und sie sprach mit Kaguya nicht wie eine Sicherheitsleiterin, sondern wie eine Frau, die einer anderen Frau helfen wollte, nicht völlig den Boden unter den Füßen zu verlieren. Kaguya hörte ihr aufmerksam zu und nickte schließlich schwach.
Gal hatte trotzdem jedes Wort des Gesprächs mitbekommen. "Man könnte also sagen, dass ihr gemäßigt seid. Vielleicht nicht ganz liberal oder tolerant. Aber auf alle Fälle revolutionär."
Karantras reagierte nicht unmittelbar. Er bestätigte Gals Einschätzung nicht, widersprach ihr aber ebenso wenig. Stattdessen blickte er kurz auf das Meer hinaus. Die drei Augen bewegten sich unabhängig voneinander, während sich das cyanfarbene Wasser im Licht der Sonnen spiegelte.
"Es ist schwierig."
Ich musste trotz der angespannten Situation beinahe trocken lächeln. "Das glaube ich."
Karantras wandte sich wieder mir zu. "Wir hatten nicht gedacht, dass die Situation eskaliert. Zumindest nicht so schnell. Und vor allem nicht hier. Wir hatten eher damit gerechnet, dass uns bei unserer Rückkehr in paranidisches Territorium Probleme bereitet werden würden."
Seine Stimme veränderte sich kaum, doch diesmal bemerkte ich eine andere Qualität in seinem Verhalten. Er schien seine nächsten Worte sorgfältiger abzuwägen. Seine Haltung blieb aufrecht, aber die Bewegungen seiner Arme waren langsamer geworden. Die anderen Paraniden verharrten weiterhin hinter ihm, einige mit gesenktem Blick, andere mit ihren drei Augen auf Karantras gerichtet.
Dann sagte er: "Wir würden daher darum bitten, dass man uns Zuflucht gewährt. Zumindest vorübergehend."
Ich sah ihn einige Sekunden lang schweigend an. Hinter ihm rauschte das Meer gleichmäßig gegen den roten Sand. Über uns lag der ungewöhnlich dunkle, crimsonfarbene Himmel von Trantor, und irgendwo weit außerhalb unserer Sichtweite bewegten sich drei bewaffnete Paranidenkorvetten auf einer Bahn, deren genaue Absicht noch immer nicht feststand. Neben mir stand Kaguya, die gerade erst begonnen hatte, die Dimension dessen zu begreifen, was ihr Lied ausgelöst haben konnte. Caroline hielt aufmerksam die Umgebung im Blick, während Gal weiterhin versuchte, Kaguya zu stabilisieren. Und vor mir stand ein paranidischer Prälatenbaron, der mich gerade darum gebeten hatte, seine Delegation vor einer Fraktion zu schützen, die offenbar bereit war, einen religiösen Konflikt mitten in argonisches Hoheitsgebiet zu tragen.
Ich blieb noch einen Augenblick bei Karantras stehen, nachdem er seine Bitte ausgesprochen hatte. Das ruhige Rauschen des Meeres drang bis zu uns herüber und vermischte sich mit dem gedämpften Stimmengewirr der Sicherheitskräfte. Über dem roten Sand von Horny Reef stand der Himmel in einem tiefen, beinahe unwirklichen Crimson, dessen Färbung zum Horizont hin in violette und dunkle purpurrote Töne überging. Die große gelbe Sonne hatte ihren höchsten Stand bereits überschritten und warf ein warmes, schräg einfallendes Licht über den Strand, während die kleinere rote Sonne etwas tiefer stand und ihrem Licht einen eigentümlichen rötlichen Schimmer beimischte. Die feinen Sandkörner glitzerten an manchen Stellen wie winzige Glassplitter, wenn das Licht in einem bestimmten Winkel auf sie traf. Der Wind war schwach. Er trug den salzigen Geruch des Meeres zu uns, vermischt mit der warmen, trockenen Note des aufgeheizten Sandes und dem kaum wahrnehmbaren Geruch der technischen Ausrüstung, die in unmittelbarer Nähe für die Kommunikation aufgebaut worden war.
Ich hätte Karantras gerne eine Antwort gegeben. Eine klare Antwort. Ja oder nein. Stattdessen hatte ich nur diese unangenehme Leere in mir, die immer dann entstand, wenn ich wusste, dass eine Entscheidung notwendig war, mir aber die Befugnis dazu fehlte. Ich war CEO der Universal Nourishment Organization. Schon diese Position brachte mehr Verantwortung mit sich, als ich manchmal überhaupt tragen wollte. Meine Tage bestanden ohnehin aus Entscheidungen über Produktionsanlagen, Handelswege, Versorgungssysteme, Forschungsprojekte, Sicherheitsfragen und die zahllosen Konsequenzen, die sich aus jeder dieser Entscheidungen ergaben. Und trotzdem stand ich nun hier und sah einen zweieinhalb Meter großen Paraniden an, der mich um Zuflucht bat, weil er befürchtete, dass eine religiöse Fraktion seines eigenen Volkes ihn und seine Begleiter töten oder zumindest gewaltsam festsetzen könnte.
Genau solche Augenblicke waren es, die mich an meiner bisherigen Haltung zweifeln ließen. Ich wollte kein Politiker sein. Ich wollte kein Präsident werden. Ich hatte mich nie nach Macht gesehnt. Und doch musste ich mir eingestehen, dass ich mir manchmal mehr Einfluss wünschte. Nicht aus dem Wunsch heraus, über andere zu herrschen, sondern weil ich immer wieder an Grenzen stieß, die ich mit meinen bisherigen Befugnissen nicht überschreiten konnte. Die Verzögerung bei der planetaren Verteidigung war ein gutes Beispiel dafür. Ich hatte gesehen, wie langsam Entscheidungen getroffen wurden, obwohl draußen drei bewaffnete Korvetten auf einen Planeten zuflogen. Ich hatte erlebt, wie aus wenigen Minuten eine potenziell tödliche Schwachstelle werden konnten. Und jetzt stand Karantras vor mir und bat um Schutz, während ich ihm nicht einmal versprechen konnte, dass er ihn bekommen würde. Vielleicht war genau das der Grund, weshalb mich seine Bitte so sehr beschäftigte.
Ich bemerkte aus dem Augenwinkel, dass Caroline Watanabe sich bereits zurückgezogen hatte. Sie hatte ihr Kommunikationsgerät in einer Hand gehalten und mit mehreren Stellen gleichzeitig Kontakt aufgenommen. Ihre kurzen blondbraunen Haare bewegten sich leicht im Wind, während einzelne Strähnen über ihre Stirn fielen. Ihre schwarzen Augen waren auf die Datenanzeigen gerichtet gewesen, doch ihre Haltung verriet, dass sie gleichzeitig jede Bewegung auf dem Strand registrierte. Caroline arbeitete mit dieser nüchternen Konzentration, die ich bereits von unserem früheren gemeinsamen Einsatz kannte. Keine unnötigen Gesten. Kein sichtbares Zögern. Sie bewegte sich mit einer Selbstverständlichkeit durch die Situation, als wäre es völlig normal, dass sich an einem Strand eines argonischen Planeten plötzlich eine religiöse Spaltung innerhalb eines fremden Volkes und drei bewaffnete Korvetten über unseren Köpfen begegneten. Schließlich steckte sie das Kommunikationsgerät zurück an ihren Gürtel und kam zu uns.
"Die zuständigen Behörden sind informiert", sagte sie. Ihre Stimme war ruhig, sachlich und frei von jeder unnötigen Dramatik. "Eine Entscheidung über einen Asylantrag dieser Größenordnung wird allerdings mindestens mehrere Tazuras benötigen. Es müssen die zuständigen politischen und sicherheitsrechtlichen Stellen eingebunden werden. Dazu kommen die Fragen nach dem Status der Paraniden, ihren Schiffen, ihren bisherigen Aufenthaltsrechten und der Reaktion des paranidischen Reiches."
Karantras hatte sich während ihrer Erklärung nicht bewegt. Seine drei Augen lagen auf Caroline, wobei jedes eine etwas andere Position einzunehmen schien. Die Kombination aus seiner langgezogenen Schnauze, den kantigen Gesichtszügen und den mehreren Gelenken seiner Arme verlieh ihm selbst in völliger Ruhe eine fremdartige Erscheinung. Seine beiden Arme lagen weiterhin kontrolliert an seinem Körper. Seine Klauen waren sichtbar, aber nicht erhoben. Die Haltung wirkte beinahe demonstrativ friedlich.
"Wir fügen uns der Entscheidung", antwortete er. Seine paranidische Aussprache ließ die Worte in einer eigentümlichen Weise schwingen.
Ich sah ihn einen Moment lang an. Ich wusste noch immer nicht, ob ich von seiner Reaktion überrascht sein sollte. Vielleicht hätte ich bei einem Paraniden, insbesondere bei einem religiösen Führer, mit Protest, Forderungen oder zumindest einer längeren Diskussion gerechnet. Stattdessen akzeptierte er die Auskunft ohne sichtbaren Widerstand. Vielleicht war genau diese Gelassenheit das Beunruhigende. Der Tag hatte bereits so viele Wendungen genommen, dass ich aufgehört hatte, mich darüber zu wundern. Ich wandte mich schließlich von Karantras ab.
Mein Blick fiel auf das Kommunikationshologramm, das einige Meter entfernt vor dem Restaurant aufgebaut worden war. Die technische Projektion schwebte knapp über einem flachen, kreisförmigen Projektorfeld. Dünne cyanfarbene Linien zeichneten die Umrisse der Kommunikationsschnittstelle in die Luft. Dahinter lag das Meer. Die Oberfläche war ungewöhnlich ruhig. Kleine Wellen liefen regelmäßig über den roten Sand und hinterließen schmale, glänzende Streifen, die das Licht der beiden Sonnen spiegelten. Weiter draußen war das Wasser tief cyanfarben, während es in der Nähe des Ufers durch den rötlichen Sand einen leicht violetten Schimmer angenommen hatte.
Kaguya stand vor dem Hologramm. Ich erkannte sofort, dass sie nicht mehr die Frau war, die ich bei ihrem ersten Auftritt im Kolosseum erlebt hatte. Dort hatte sie selbstbewusst gewirkt, beinahe unerschütterlich. Jetzt stand sie mit leicht gesenkten Schultern vor der Kommunikationsprojektion und versuchte sichtbar, sich auf das bevorstehende Gespräch vorzubereiten. Ihre Finger bewegten sich nervös aneinander. Immer wieder verschränkte sie sie und löste die Hände anschließend wieder. Ihr Blick wanderte kurz über die holographische Oberfläche, bevor sie sich zwang, geradeaus zu sehen.
Die anderen Anwesenden hatten sich so positioniert, dass sie außerhalb des eigentlichen Aufnahmebereichs blieben. SSA, Polizei und Militär bildeten einen lockeren Sicherheitsring. Die Paraniden hatten sich ebenfalls entsprechend aufgestellt. Niemand drängte sich vor Kaguya. Niemand wollte Teil des Gesprächs werden. Ich blieb ebenfalls außerhalb des Aufnahmebereichs. Dann aktivierte sich die Verbindung. Das Hologramm flackerte kurz.
Kaguya holte tief Luft. "Ich bin Kaguya Kinmoku. Künstlername Starlight."
Kaum hatte sie sich vorgestellt, erschien auf der anderen Seite des Kommunikationskanals ein Paranide. Seine Erscheinung unterschied sich kaum von Karantras, doch seine Kleidung war deutlich aufwendiger. Dunkle, geometrisch angeordnete Stoffflächen lagen übereinander und wurden von metallischen Elementen durchzogen, deren Oberflächen das Licht in schmalen silbernen Linien zurückwarfen. Sein Gesicht blieb beinahe unbewegt.
Dann begann er zu sprechen. Zunächst verstand ich nicht jedes Wort. Die Stimme des Paraniden klang wie trockenes Laub, das von einem kräftigen Windstoß über einen steinernen Platz getrieben wurde. Doch die Übersetzungseinheit arbeitete zuverlässig und legte seine Aussagen nahezu unmittelbar in die gemeinsame Verkehrssprache um.
"Die Ode an den Kosmos ist akustisch abscheulich." Kaguya blinzelte. Ich sah, wie ihre Augen sich leicht weiteten. Der Paranide fuhr unbeirrt fort. "Mathematisch ist sie faszinierend. Religiös ist sie unzumutbar. Sie ist eine unheilige, blasphemische Beleidigung der Heiligen Dreidimensionalität." Kaguyas Mund öffnete sich ein kleines Stück. Sie wollte offenbar etwas sagen, fand aber keinen Ansatz. "Die darin enthaltene blasphemische Säkularisierung ist reine Häresie", setzte der Paranide fort. "Insbesondere die Aussage, alle Wesen würden Geschwister werden, widerspricht unserer Art fundamental." Ich bemerkte, wie Kaguya die Hände fester ineinander verschränkte. Der Paranide sprach weiter, und seine Stimme blieb vollkommen gleichförmig. "Alle Spezies ausser die Paraniden sind minderwertige Kreaturen, die erst zur Erleuchtung oder zur Unterwerfung geführt werden müssen. Die Bezeichnung eines unreinen Argonen oder eines Split als Geschwister ist eine Beleidigung der heiligen Geometrie unseres Daseins. Die Ode ist in ihrer Gesamtheit mathematisch asymmetrisch und damit geistiger Abfall."
Ich konnte Kaguya ansehen, dass sie nicht wusste, wie sie darauf reagieren sollte. Sie stand einfach da. Kein Lächeln. Kein Versuch, die Situation mit Humor zu entschärfen. Kein diplomatischer Satz. Nur dieses völlig fassungslose Gesicht. Ich sah, wie sich ihre Unterlippe kurz bewegte. Ihre Finger zitterten. Nur geringfügig, aber deutlich genug, dass ich es erkennen konnte. Ich kannte sie inzwischen gut genug, um zu wissen, dass sie normalerweise nicht so leicht aus der Fassung zu bringen war. Ich machte einen Schritt nach vorne. Der Paranide sprach noch immer.
"Die Vorstellung, künstliche Wesen könnten gleichberechtigt vor dem All stehen, ist ebenso eine Verirrung. Die gesamte Komposition widerspricht den fundamentalen Prinzipien der paranidischen Existenz."
Ich sah Kaguya an. Dann sah ich auf das Kommunikationsfeld. Dann wieder zu ihr. Das reichte. Ich hob die Hand und wollte die Verbindung trennen. In diesem Moment veränderte sich das Hologramm. Ein scharfes akustisches Signal ertönte. Die cyanfarbenen Linien der Projektionsfläche brachen auseinander und ordneten sich neu. Neben dem Gesicht des Paraniden erschien ein Borone. Ich brauchte einen Moment, um überhaupt zu verstehen, was geschehen war. Jemand hatte den Kanal gehijackt! Der Borone wirkte völlig anders als der Paranide. Seine Gestalt war weich und beinahe schwebend, seine Bewegungen fließend. Die Oberfläche seines Körpers schimmerte unter der holographischen Projektion in bläulichen und grünlichen Farbtönen. Seine Gesichtszüge veränderten sich ständig geringfügig, während sich seine Stimme mit einer erstaunlichen Lebendigkeit über den Strand ausbreitete.
"Die Ode an den Kosmos ist wahrscheinlich die wunderschönste Hymne aller Zeiten!" Kaguya starrte ihn an. Ich ebenfalls. Der Borone schien unsere Reaktion nicht einmal wahrzunehmen. "Sie feiert die galaktische Koexistenz! Eine poetische Meisterleistung! Eine wundervolle Einladung an alle denkenden Wesen, ihre Unterschiede zu überwinden!" Seine Begeisterung war beinahe körperlich wahrnehmbar. "Ich möchte Kaguya Kinmoku hiermit offiziell für eine Vorlesungsreihe an der Königlichen Akademie einladen!" Kaguya blinzelte erneut. Der Borone redete weiter. "Alle Wesen werden Geschwister! Das entspricht exakt der boronischen Philosophie des universellen Mitgefühls und der Harmonie. Natürlich schließt das auch jene Spezies ein, mit denen wir in der Vergangenheit Konflikte hatten. Selbst die Split!" Hinter mir bewegte sich jemand. Ich wusste nicht, wer. Der Borone schien gerade erst richtig in Fahrt zu kommen. "Und die Gleichberechtigung künstlicher Lebensformen! Großartig! Verstand ist Verstand, unabhängig davon, ob er aus biologischen Nervenzellen oder aus Siliziumstrukturen besteht!" Er machte eine ausladende Bewegung. "Denken Sie nur an Boso Ta!" Ich schloss kurz die Augen. Natürlich. Natürlich musste dieser Name fallen. Der Borone fuhr begeistert fort. "Boso Ta hat vollkommen recht! In allen Weltraumstationen sollte die Ode in einer Endlosschleife über die Stationslautsprecher laufen!"
Ich öffnete wieder die Augen. Kaguya sah inzwischen aus, als würde sie nicht mehr wissen, ob sie lachen, weinen oder einfach davonlaufen sollte. Dann brach die paranidische Stimme erneut in den Kanal ein.
"Diese Behauptung ist eine weitere Verunreinigung der heiligen Geometrie!"
Der Borone drehte sich in seiner Projektion beinahe augenblicklich in Richtung der anderen Kommunikationsquelle. "Verunreinigung? Sie verstehen die Ode überhaupt nicht!"
"Wir verstehen sie sehr wohl. Gerade deshalb ist sie abscheulich."
"Sie haben offensichtlich nicht verstanden, dass die Ode eine universelle Hymne ist!"
"Eine universelle Häresie."
"Eine universelle Harmonie!"
"Häresie."
"Harmonie!"
"Häresie!"
"Harmonie!"
Die beiden Stimmen überschnitten sich. Der Borone begann schneller zu sprechen. Der Paranide antwortete mit jener raschelnden, schneidenden Lautfolge, die durch die Übersetzungseinheit immer wieder in unsere Sprache übertragen wurde. Keiner von beiden schien noch daran interessiert zu sein, Kaguya überhaupt anzusprechen.
"Die Ode verhöhnt die heilige Dreidimensionalität!"
"Sie feiert die Dreidimensionalität des Lebens!"
"Sie entweiht sie!"
"Sie verbindet!"
"Sie entwürdigt!"
"Sie erhebt!"
"Sie ist asymmetrisch!"
"Sie ist wunderschön!"
"Sie gehört in ein schwarzes Loch!"
"Sie gehört in jede Schule des Commonwealth!"
Ich sah Kaguya an. Sie sah mich an. Ihr Gesicht war vollkommen überfordert. Dann blickte ich zu Caroline. Caroline stand wenige Meter entfernt und hatte beide Arme vor der Brust verschränkt. Ihre schwarzen Augen waren auf das Hologramm gerichtet. Für einen kurzen Augenblick sah ich etwas in ihrem Gesicht, das ich bei ihr selten bemerkte: blanke Ungläubigkeit. Ich konnte es ihr nicht verdenken. Der Borone und der Paranide stritten sich inzwischen über mathematische Symmetrie, religiöse Reinheit, interspeziesielle Geschwisterschaft und Boso Tas angebliche Vorliebe dafür, Kaguyas Ode in Endlosschleife bei sich abzuspielen. Ich wartete noch einige Sekunden. Dann hatte ich genug.
Ich trat an das Kommunikationsfeld heran. "Das reicht." Keiner reagierte. "Ich sagte, das reicht."
Der Paranide redete weiter. Der Borone redete lauter. Ich sah auf die Steuerfläche. Dann drückte ich den Trennbefehl. Das Hologramm erlosch. Plötzlich war nur noch das Meer zu hören. Das gleichmäßige Rauschen der Wellen. Der Wind. Das entfernte Kreischen irgendeines Meeresvogels. Für mehrere Sekunden sagte niemand etwas. Kaguya stand noch immer vor dem erloschenen Projektorfeld. Ihre Schultern waren leicht nach vorne gefallen. Sie starrte auf die Stelle, an der eben noch zwei Vertreter völlig unterschiedlicher Kulturen darum gestritten hatten, ob ihr Lied eine Hymne oder Blasphemie war. Dann atmete sie langsam aus. Ich trat neben sie.
"Alles in Ordnung?"
Sie sah mich an. Ihre Augen glänzten. "Nein", sagte sie leise. "Überhaupt nicht."
Ich konnte ihr darauf nichts Sinnvolles erwidern. Also blieb ich einfach neben ihr stehen und blickte gemeinsam mit ihr auf das ruhige, cyanfarbene Meer hinaus. Über uns begann der crimsonfarbene Himmel langsam dunkler zu werden, während die beiden Sonnen weiter sanken und ihre langen Lichtbahnen über das Wasser zogen. Hinter uns standen mehr als fünfzig Argonen, Aldrianer und Paraniden in beinahe vollkommener Stille. Und irgendwo über uns befanden sich noch immer drei Nemesis-Korvetten, deren Besatzungen offenbar bereit waren, wegen eines Liedes einen religiösen Konflikt eskalieren zu lassen. Ich hatte ursprünglich geglaubt, ich hätte einen komplizierten Tag erlebt. Jetzt wusste ich, dass ich mich geirrt hatte.