Kapitel 60 - Veränderungen
Die Wozuras vergingen schneller, als ich es zunächst wahrnahm. Inzwischen ertappte ich mich sogar dabei, diesen Begriff ganz selbstverständlich zu verwenden. Wenn jemand fragte, wie lange etwas zurücklag, dachte ich nicht mehr automatisch in Wochen, sondern antwortete ohne nachzudenken mit "zwei Wozuras" oder "vor einer Wozura". Es war erstaunlich, wie schnell sich Gewohnheiten verändern konnten, wenn man lange genug von einer völlig anderen Kultur umgeben war. Viel schwieriger als die neuen Begriffe war allerdings die Zeitrechnung selbst. Obwohl ich inzwischen wusste, wie sie funktionierte, spielte mir mein terranisches Denken immer wieder einen Streich. Ich stand vor dem breiten Panoramafenster meines Büros auf Altrix Nova und beobachtete schweigend den langsamen Verkehr außerhalb der Station. Mehrere Transporter glitten in geordneten Bahnen an der Station vorbei. Ein schwer beladener Frachter der Teladi beschleunigte gemächlich in Richtung Sprungtor, während mehrere UNO-Patrouillenschiffe ihre festen Kontrollrouten flogen. Die Triebwerke hinterließen bläulich schimmernde Ionenfahnen, die sich langsam im Schwarz des Alls verloren. Im Inneren meines Büros war es angenehm ruhig. Nur das leise Summen der Klimaanlage und das kaum hörbare Brummen der Projektoren begleiteten meine Gedanken. Mein Blick fiel auf die Uhranzeige meiner Armschiene. Noch zwei Mizuras. Unwillkürlich musste ich schmunzeln. Noch immer ertappte ich mich dabei, eine Stazura automatisch mit einer terranischen Stunde gleichzusetzen. Dabei wusste ich längst, dass eine Stazura viereinhalb terranischen Stunden entsprach. Rational war mir das vollkommen klar. Mein Unterbewusstsein schien sich jedoch hartnäckig dagegen zu wehren. Immer wieder überschlug ich Termine falsch. Was ich für einen kurzen Zeitraum hielt, waren plötzlich mehrere Stunden. Manchmal bereitete ich mich auf eine Besprechung vor, nur um festzustellen, dass sie längst begonnen hatte. Ein anderes Mal erschien ich deutlich zu früh und wunderte mich, weshalb die Räume noch leer waren. Anfangs war mir das ausgesprochen unangenehm gewesen. Gerade als Leiter der UNO konnte ich mir solche Fehler eigentlich nicht leisten. Zum Glück hatte ich meine Armschiene. Seit dem ersten größeren Terminchaos speicherte ich konsequent jeden einzelnen Termin unmittelbar nach seiner Vereinbarung ein. Die künstliche Intelligenz der Schiene wandelte sämtliche Zeitangaben automatisch in die jeweils benötigte Zeitrechnung um, berechnete Differenzen zwischen terranischen Stunden, Stazuras, Mizuras und Tazuras und erinnerte mich rechtzeitig mit mehreren Warnstufen. Inzwischen vertraute ich dem System mehr als meinem eigenen Zeitgefühl. Mehr als einmal hatte mich die dezente Vibration an meinem Unterarm davor bewahrt, zu spät zu erscheinen. Ich hob den Arm und betrachtete die holografische Oberfläche. Der Tagesplan war dicht gefüllt. Gespräche mit der Versorgungsabteilung, Abstimmungen mit den Werften, Besprechungen über neue Handelsrouten und mehrere technische Präsentationen wechselten sich beinahe lückenlos ab. Zwischen all diesen Einträgen befanden sich jedoch auch bewusst eingeplante Freiräume. Zeit für meine Familie. Zeit, um mit Vanu, Valentina und den Kindern zusammen zu sein. Diese Termine standen inzwischen genauso unverrückbar in meinem Kalender wie jede offizielle Sitzung. Ein leises Signal kündigte den nächsten Besucher an. Die Tür öffnete sich nahezu lautlos. Martin van Count trat ein. Wie immer bewegte sich der ehemalige Soldat mit einer Ruhe, die beinahe schon selbstverständlich wirkte. Seine Bewegungen waren kontrolliert, weder hektisch noch langsam. Er trug einfache Arbeitskleidung, deren Ärmel leicht hochgekrempelt waren. An seinen Händen hafteten noch feine Spuren dunkler Erde. Offenbar kam er direkt aus einem der neuen Agrarbereiche der Station.
"Guten Morgen."
"Guten Morgen, Martin."
Er trat an das Fenster und verschränkte locker die Arme vor der Brust.
"Ich wollte dir etwas zeigen."
Er aktivierte sein Datenpad. Mehrere Baupläne erschienen als Hologramm zwischen uns. Zunächst erkannte ich nur Versorgungstanks, Wasserleitungen und Belüftungssysteme. Erst nach wenigen Sekunden verstand ich, worauf ich blickte. Argnu-Ställe. Oder besser gesagt... Argnu-Habitate. Deutlich größer. Moderner. Mit automatischer Fütterung, tiermedizinischen Bereichen und großflächigen Weideabschnitten unter künstlichem Himmel.
"Das sieht beeindruckend aus."
Martin nickte zufrieden. "War nicht leicht." Er vergrößerte einen der Bauabschnitte. "Vor allem die Schwerkraftanpassung."
Ich betrachtete die Daten. "Argnus sind an planetare Bedingungen gewöhnt."
"Genau." Martin deutete auf mehrere Messwerte. "Wir mussten Bodenbeschaffenheit, Luftfeuchtigkeit und sogar den Mineralgehalt anpassen."
Ich nickte langsam. "Und Mari?"
Zum ersten Mal lächelte Martin etwas breiter. "Sie hat zugestimmt."
Ich sah ihn überrascht an. "Wirklich?"
"Ja." Er lehnte sich gegen den Tisch. "Hat allerdings eine Weile gedauert."
Das konnte ich mir gut vorstellen. Nach allem, was geschehen war, hatte Mari ihre Ranch auf Argon Prime nie einfach als Arbeitsplatz betrachtet. Sie war das Vermächtnis ihrer Eltern gewesen. Der Ort, an dem sie aufgewachsen war. Der Ort, den sie trotz aller Rückschläge niemals hatte aufgeben wollen.
"Wie hast du sie überzeugt?"
Martin schwieg einige Sekunden. Nicht weil er überlegen musste. Sondern weil ihm offenbar wichtig war, die richtigen Worte zu finden.
"Eigentlich gar nicht." Ich hob fragend eine Augenbraue. "Ich habe ihr nur eine Frage gestellt."
"Welche?"
Er sah hinaus auf die vorbeiziehenden Schiffe. "Ich habe gefragt, was ihr Vater damals wirklich wollte."
Ich sagte nichts. Martin sprach ruhig weiter. "Nicht welchen Hof. Nicht welches Gebäude. Nicht welches Grundstück." Er schüttelte leicht den Kopf. "Sondern welchen Traum."
Ich begann zu verstehen. "Und?"
Martin lächelte. "Sie wusste die Antwort sofort." Er blickte mich an. "Ihr Vater wollte seine Produkte bis zu den Sternen liefern." Die Worte blieben einen Moment zwischen uns stehen. "Ich habe ihr gesagt, dass ein Erbe kein Ort ist." Martin sprach inzwischen beinahe nachdenklich. "Ein Erbe ist das, was man weiterführt." Er deutete auf die Baupläne. "Wenn sie hier Argnus züchtet, dann erfüllt sie seinen Traum, nicht seinen alten Standort."
Ich musste unwillkürlich lächeln. "Das passt zu ihr."
Martin nickte. "Sie hat lange geweint." Ich schwieg. "Nicht weil sie loslassen musste." Er sah erneut auf die Pläne. "Sondern weil ihr zum ersten Mal klar wurde, dass Loslassen nicht bedeutet, etwas zu verlieren."
Ich dachte an die zerstörte Ranch. An die Explosion. An die verbrannten Gebäude. An all die Erinnerungen. Vielleicht brauchte es genau diesen Gedanken, um endlich nach vorne blicken zu können.
Einige Tage später begleitete ich Martin in den neuen Agrarbereich. Schon bevor sich die Drucktüren öffneten, nahm ich den vertrauten Geruch wahr. Feuchte Erde. Frisches Heu. Warme Luft. Dazu kam der unverwechselbare Geruch der Argnus selbst. Nicht unangenehm. Erdverbunden. Natürlich. Ein Geruch, der in starkem Kontrast zu den sterilen Metallkorridoren der Station stand. Als sich die Tore vollständig öffneten, blieb ich für einen Moment stehen. Der Bereich war beeindruckend geworden. Über mehrere Decks hinweg erstreckten sich künstliche Weideflächen. Sanft geschwungene Hügel wechselten sich mit kleinen Wasserstellen ab. Zwischen ihnen wuchsen speziell gezüchtete Gräser, deren Nährstoffzusammensetzung exakt den Bedingungen auf Argon Prime entsprach. Hoch über uns erzeugten riesige Lichtfelder einen künstlichen Himmel. Langsame Wolkenprojektionen wanderten gemächlich darüber hinweg und ließen beinahe vergessen, dass wir uns tief im Inneren einer Raumstation befanden. Mehrere Argnus grasten bereits friedlich. Ihre tiefen Atemgeräusche vermischten sich mit dem Rascheln des Grases. Nicht weit entfernt kniete Mari zwischen einigen Jungtieren. Sie bemerkte uns zunächst gar nicht. Mit erstaunlicher Geduld untersuchte sie eines der Tiere, strich ihm ruhig über den Hals und sprach dabei mit leiser Stimme auf das Argnu ein. Erst als Martin seinen Namen sagte, blickte sie auf. Ein ehrliches Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. Nicht das höfliche Lächeln der vergangenen Wochen. Sondern eines, das ihre Augen erreichte. Sie stand auf, klopfte sich etwas Erde von der Hose und sah sich langsam in der riesigen Anlage um.
"Weißt du..." Sie sprach leise. "Am Anfang dachte ich wirklich..." Sie stockte kurz. "...ich würde meinen Eltern untreu werden." Ihr Blick wanderte über die Tiere. "Jetzt..." Sie lächelte erneut. "...jetzt glaube ich, sie wären stolz gewesen."
Martin legte ihr wortlos eine Hand auf den Rücken. Ich beobachtete die beiden schweigend. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass Mari nicht mehr ausschließlich zurückblickte. Sie begann endlich wieder nach vorne zu sehen.
Währenddessen arbeitete Kon Mah auf ganz andere Weise. Je länger die Ermittlungen über den Anschlag auf die Ranch dauerten, desto seltener bekam ich ihn überhaupt zu Gesicht. Er verschwand oft bereits früh am Morgen und kehrte manchmal erst tief in der Nacht zurück. Wenn ich ihn fragte, wie weit er war, antwortete er meistens nur mit einem knappen Schulterzucken oder einem ausweichenden Lächeln.
"Ich arbeite daran." Mehr sagte er selten.
Ich wusste jedoch, was tatsächlich hinter diesen wenigen Worten steckte. Er nutzte sämtliche Kontakte, die er sich während seiner langen Militärlaufbahn aufgebaut hatte. Alte Kameraden. Ehemalige Offiziere. Polizisten. Sicherheitsbeamte. Nachrichtendienstler. Manche arbeiteten inzwischen im Staatsdienst. Andere hatten längst die Uniform abgelegt. Doch sie alle schuldeten Kon noch den einen oder anderen Gefallen. Und Kon begann, diese Gefallen einzulösen. Nicht alle auf einmal. Sondern äußerst vorsichtig. Unauffällig. Berichte wechselten diskret den Besitzer. Verschlüsselte Datensätze wurden nicht über offizielle Leitungen verschickt, sondern persönlich übergeben. Hinweise kamen mündlich. Manche Informationen existierten nicht einmal auf Papier. Je mehr Puzzleteile zusammengetragen wurden, desto deutlicher entstand ein Bild. Ein Bild, das niemandem gefiel. Eines Abends klopfte Kon schließlich an meine Bürotür. Als ich ihn hereinbat, wirkte er ungewöhnlich erschöpft. Dunkle Schatten lagen unter seinen Augen. Sein Bart war etwas länger geworden als sonst. Er setzte sich schweigend mir gegenüber. Ohne ein Wort legte er mehrere Datenträger auf meinen Schreibtisch.
"Ich habe es."
Ich sah ihn aufmerksam an. "Was genau?"
Er atmete tief durch. "Die Wahrheit." Er schob mir den obersten Datenträger entgegen. "Die Untersuchungsberichte der Argonen."
Ich aktivierte die Dateien. Bilder erschienen. Der Asteroid. Die Trümmer. Die zerstörte Piratenkorvette. Forensische Scans. Bergungsprotokolle. DNA-Auswertungen. Kon wartete, bis ich alles überflogen hatte.
Dann sagte er ruhig: "Sie haben Leichen gefunden."
Ich nickte langsam. Er deutete auf einen markierten Datensatz. "Eine davon wurde zweifelsfrei identifiziert."
Mein Blick fiel auf den Namen. Shishido Kuran. Mehrere voneinander unabhängige Identifikationsverfahren. Genetische Übereinstimmung. Zahnstatus. Biometrie. Keine Zweifel. Ich lehnte mich langsam zurück.
"Er ist wirklich tot."
Kon nickte. "Ohne jeden Zweifel."
Im Raum wurde es still. Damit blieb nur noch eine einzige Schlussfolgerung. Ich blickte wieder auf die Daten.
"Der Anschlag..."
Kon vollendete meinen Gedanken. "...war lange vorbereitet."
Ich nickte langsam. "Jemand hat dafür gesorgt, dass selbst nach Kurans Tod sein Plan weiterlief."
Kon verschränkte die Arme. "Genau."
Draußen zog lautlos ein weiterer Frachter an Altrix Nova vorbei. Ich sah ihm nach, während sich in meinem Kopf bereits die nächste Frage formte. Wenn Kuran tatsächlich tot war... wer führte seinen Plan dann jetzt zu Ende?
Als ich den Konferenzraum betrat, fiel mein Blick zuerst auf die gewaltige Panoramascheibe, die fast eine komplette Wand einnahm. Dahinter erstreckte sich das endlose Schwarz des Weltraums, durchzogen vom kalten Glanz unzähliger Sterne. Trantor füllte einen großen Teil des Ausblicks aus. Seine Atmosphäre schimmerte in feinen bläulichen und weißen Schleiern, während die Lichter der unzähligen Städte auf der Nachtseite wie ein riesiges Netz aus Gold und Silber funkelten. Selbst nach all der Zeit verlor dieser Anblick nichts von seiner Wirkung. Er erinnerte mich jedes Mal daran, weshalb Altrix Nova überhaupt existierte. Der Raum selbst war bewusst schlicht gehalten. Helles Metall, dunkle Holzelemente und warme indirekte Beleuchtung verliehen ihm eine ruhige Atmosphäre, ohne von dem eigentlichen Zweck abzulenken. In der Mitte stand ein langer Tisch aus schwarzem Verbundglas, dessen Oberfläche sämtliche Dokumente als Hologramm darstellen konnte. Bereits jetzt warteten mehrere Datentafeln auf ihre Freigabe. Ich war nicht lange allein. Die Tür glitt mit einem leisen Zischen zur Seite. Hoshino Misora trat ein. Für einen kurzen Moment blieb sie stehen und ließ den Blick durch den Raum schweifen. Sie hatte sich in den vergangenen zwei Jahren verändert. Nicht äußerlich – zumindest nicht besonders –, sondern in ihrer gesamten Ausstrahlung. Die junge Frau wirkte älter, als sie eigentlich war. Nicht wegen ihres Gesichts, sondern wegen der Art, wie sie sich bewegte. Jeder Schritt war kontrolliert, jeder Blick aufmerksam. Ihre Schultern waren aufrecht, doch gleichzeitig lag darin eine kaum wahrnehmbare Anspannung, als würde sie seit Monaten eine Last tragen, die mit jedem weiteren Tag schwerer geworden war. Sie trug einen dunkelgrauen Arbeitsanzug, dessen Schnitt funktional statt elegant war. Die Ärmel waren bis knapp unter die Ellbogen hochgekrempelt. An ihren Händen erkannte ich feine Kratzer und kleine Brandnarben, wie sie jeder Werftingenieur irgendwann bekam. Selbst heute, an einem Tag, an dem es um einen milliardenschweren Vertrag ging, hatte sie darauf verzichtet, sich künstlich in Szene zu setzen. Das passte zu ihr. Ihre dunklen Haare waren zu einem praktischen Zopf zusammengebunden. Einige Strähnen hatten sich gelöst und umrahmten ihr Gesicht. Unter ihren Augen zeichneten sich leichte Schatten ab. Nicht dramatisch, aber deutlich genug, um zu erkennen, dass Schlaf in den letzten Wochen wohl eher Luxus gewesen war. Als sich unsere Blicke trafen, erschien für einen kurzen Augenblick dieses vertraute, kleine Lächeln auf ihren Lippen.
"Morgen, Tori."
"Morgen, Misora."
Sie trat näher und streckte mir die Hand entgegen. Ich ergriff sie. Ihr Händedruck war fest, beinahe trotzig. Nicht übertrieben kräftig, sondern genau so, wie ich ihn von ihr erwartete. Sie wollte niemals schwach wirken.
"Du siehst müde aus", stellte ich fest.
Sie schnaubte leise. "Du solltest dich mal im Spiegel ansehen."
Ich musste lachen. "Wahrscheinlich hast du recht."
Für einen Augenblick lockerte sich die Atmosphäre. Es war dieselbe ungezwungene Art, wie damals auf dem Schrottplatz ihres Vaters. Damals hatte zwischen uns eine heruntergekommene Werkbank gestanden, überall lagen halb zerlegte Triebwerke, der Geruch von Schmieröl hing schwer in der Luft, und trotzdem hatten wir stundenlang über Raumschiffe diskutiert. Seitdem war unglaublich viel passiert.
Misora trat an die Panoramascheibe. "Beeindruckend", sagte sie leise.
Ich stellte mich neben sie. "Man gewöhnt sich nie ganz daran."
"Nein." Ihr Blick blieb auf Trantor liegen. "Dort unten fing alles an."
Ich nickte langsam. "Ja."
Sie verschränkte die Arme vor der Brust. "Als wir uns kennengelernt haben, war ich überzeugt, dass ich die Werft meines Vaters allein retten könnte." Sie lächelte schwach. "Eigentlich war ich überzeugt, dass ich alles allein schaffen müsste."
Ich sagte nichts. Sie gehörte zu den Menschen, die Pausen brauchten, wenn sie etwas Persönliches aussprachen.
"Ich war mein ganzes Leben Einzelkind", fuhr sie schließlich fort. "Mein Vater war ständig beschäftigt. Die Werft war unser Zuhause und gleichzeitig unsere Arbeit. Hilfe gab es nie. Also habe ich gelernt, alles selbst zu machen." Ihre Finger trommelten unbewusst gegen ihren Oberarm. "Damals hielt ich das für Stärke." Sie drehte den Kopf zu mir. "War es aber nicht."
Ich erkannte, wie schwer ihr dieses Eingeständnis fiel. "Stärke bedeutet nicht, alles allein zu tragen", erwiderte ich ruhig.
Sie ließ den Blick wieder nach draußen schweifen. "Ich weiß." Ein müdes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. "Hat lange gedauert, bis ich das verstanden habe."
Wir schwiegen erneut. Unter uns glitten mehrere Transporter an der Außenhülle Altrix Novas vorbei. Kleine Wartungsdrohnen bewegten sich in präzisen Formationen zwischen den Andockringen. In der Ferne wurde gerade der Rumpf eines neuen Startruck-Frachters in Position gebracht. Selbst von hier aus erkannte ich die charakteristische Silhouette. Misoras Blick folgte dem Schiff automatisch.
"Vier Stück gleichzeitig." Ich sah sie fragend an. "Vier Startrucks befinden sich im Bau." Sie atmete langsam aus. "Dazu die Arbeiten für Altrix Nova. Neue Fertigungslinien. Ersatzteile. Modernisierungen. Spezialaufträge." Mit jedem weiteren Satz wurde ihre Stimme leiser. "Und ich habe einfach nicht genug Leute." Sie lachte kurz. Nicht fröhlich. Eher erschöpft. "Ich verbringe inzwischen mehr Zeit mit Personalplanung als mit Schiffen."
"Willkommen im Unternehmertum."
"Danke. Ich hasse es."
Diesmal mussten wir beide lachen. Das Lachen verklang schnell. Sie drehte sich vollständig zu mir.
"Du hast mir vor zwei Jahren angeboten, die Werft an die UNO anzugliedern."
"Ja."
"Damals habe ich abgelehnt."
"Weiß ich."
"Nicht weil ich dir nicht vertraut habe."
"Das wusste ich ebenfalls."
Sie nickte. "Ich hatte Angst." Sie sprach das Wort erstaunlich ruhig aus. "Wenn ich unterschreibe, ist die Werft nicht mehr ausschließlich die Werft meines Vaters."
Ich sah sie einige Sekunden an. "Nein."
"Aber sie bleibt erhalten."
"Ja."
"Und sie wächst weiter."
"Ja."
Sie schloss für einen Moment die Augen. Als sie sie wieder öffnete, wirkte ihr Blick klarer. "Allein schaffe ich das nicht mehr."
Ich legte ihr keine Antwort in den Mund. Sie musste diesen Satz selbst zu Ende bringen. "Deshalb bin ich hier."
Ich trat an den Tisch. Mit einer kurzen Handbewegung aktivierte ich das Hologramm. Sofort erschienen mehrere transparente Dokumente über der schwarzen Glasplatte. Unternehmensstruktur. Eigentumsverhältnisse. Investitionszusagen. Arbeitsplatzgarantien. Forschungskooperationen. Langfristige Ausbaupläne für die Orbitalwerft und den Schrottplatz auf Trantor. Misora studierte jede einzelne Seite aufmerksam. Ganz die Ingenieurin. Nicht ein einziges Detail übersprang sie. Mehrfach stellte sie Rückfragen zu Produktionskapazitäten, Materialkontingenten und den geplanten Erweiterungen der Werft. Es ging ihr nie um ihren persönlichen Vorteil. Jede Frage bezog sich darauf, ob ihre Mitarbeiter weiterhin sicher arbeiten konnten, ob bestehende Projekte fortgeführt wurden oder ob zusätzliche Ausbildungsplätze geschaffen werden konnten. Erst nachdem wirklich jeder einzelne Punkt geklärt war, legte sie den Signierstift auf das Feld der Vertragsbestätigung. Sie hielt kurz inne. Ihre Finger verharrten reglos. Ich konnte beinahe sehen, wie sie innerlich mit sich rang. Dann atmete sie tief durch.
"Ohne diesen Schritt würde ich irgendwann unter der Verantwortung zusammenbrechen." Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. "Mit diesem Schritt kann ich endlich wieder das tun, weshalb ich überhaupt Ingenieurin geworden bin."
Sie setzte ihre Unterschrift unter den Vertrag. Ein leises akustisches Signal bestätigte die rechtsgültige Übertragung. Die Hologramme wechselten ihre Farbe von Blau zu Grün.
"Willkommen in der Universal Nourishment Organization", sagte ich.
Sie lehnte sich langsam zurück. Für einige Sekunden schloss sie die Augen. Als sie sie wieder öffnete, war da zum ersten Mal seit langer Zeit keine Anspannung mehr in ihrem Gesicht. Die Müdigkeit war nicht verschwunden. Die Verantwortung ebenfalls nicht. Aber ein Teil der Last, die sie so lange allein getragen hatte, schien endlich von ihren Schultern gefallen zu sein. Sie lächelte. Diesmal wirkte es ehrlich.
"Ich glaube", sagte sie leise, "ich hätte dieses Angebot schon vor einem Jahr annehmen sollen."
"Vielleicht." Ich erwiderte ihr Lächeln.
"Oder genau heute. Manchmal gibt es für Entscheidungen einfach den richtigen Zeitpunkt."
Sie nickte langsam. "Dann hoffe ich, dass dies meiner war."
Damit war es offiziell. Die Hoshino Shipyards gehörten fortan zur Universal Nourishment Organization. Als der formelle Teil beendet war und sich die meisten Teilnehmer zurückzogen, blieben nur wir beide am Fenster des Konferenzsaals stehen. Unter uns erstreckte sich Altrix Nova, deren gewaltige Ringstrukturen langsam vom Licht der nahen Sonne angestrahlt wurden. Dutzende Baustellen waren gleichzeitig aktiv. Frachter, Versorgungsschiffe und Wohnmodule bewegten sich zwischen den Gerüsten wie Ameisen.
"Ich hätte nie gedacht, dass ich irgendwann freiwillig mein Unternehmen abgebe", sagte Misora schließlich.
"Du gibst es nicht ab."
Sie schüttelte langsam den Kopf. "Ein Teil davon schon."
Ich antwortete zunächst nicht. Stattdessen betrachtete ich die gewaltige Station. Misora folgte meinem Blick.
"Mein Vater hätte mich wahrscheinlich ausgelacht."
"Nein."
"Nein?"
"Er hätte sich Sorgen gemacht." Sie sah mich fragend an. "Weil du versucht hättest, alles allein zu schaffen."
Für einige Sekunden herrschte Schweigen. Dann stieß sie langsam die Luft aus. "Vermutlich."
Sie verschränkte die Arme. "Der Schrottplatz auf Trantor gehört mir weiterhin. Daran wollte ich nie etwas ändern."
"Das weiß ich."
"Und die Orbitalwerft ebenfalls."
Ich nickte. Die Werft war längst kein kleiner Familienbetrieb mehr. Seit unserem ersten Treffen vor zwei Jahren hatte sie eine Entwicklung durchlaufen, die ich damals selbst kaum für möglich gehalten hätte. Damals hatte ich Misora in einer heruntergekommenen Werft kennengelernt. Zwischen ausgeschlachteten Schiffsrümpfen, rostigen Hebekränen und halb ausgeschlachteten Reaktoren hatte sie verzweifelt versucht, das Erbe ihres Vaters vor dem endgültigen Zusammenbruch zu retten. Heute gehörte ihr nicht nur derselbe Schrottplatz auf Trantor. Im Orbit des Planeten betrieb sie inzwischen eine moderne Werft, die zu den leistungsfähigsten unabhängigen Anlagen der Region geworden war. Nach dem Tod ihres Vaters durch Shishido Kuran hatte sie sich nahezu vollständig vom übrigen Universum zurückgezogen. Anstatt sich Menschen zuzuwenden, hatte sie sich in Arbeit vergraben. Tag für Tag. Monat für Monat. Jahr für Jahr. Was ursprünglich nur ein kleiner Familienbetrieb gewesen war, der kurz vor der Insolvenz gestanden hatte, war unter ihrer Führung zu einem florierenden Unternehmen geworden. Die Auftragsbücher waren über Monate hinweg gefüllt. Neue Docks entstanden. Alte Fertigungslinien wurden ersetzt. Produktionsabläufe modernisiert. Nicht zuletzt, weil die Universal Nourishment Organization zu einem ihrer größten Auftraggeber geworden war. Mehrere Frachter der Startruck-Klasse befanden sich gleichzeitig im Bau. Zusätzlich arbeiteten ihre Konstrukteure eng mit unseren Ingenieuren zusammen. Ein erheblicher Teil der modularen Werftanlagen und Versorgungseinrichtungen von Altrix Nova trug ihre Handschrift.
"Ich hätte nie gedacht, dass dieses Projekt einmal so groß werden würde", sagte sie leise.
"Ich auch nicht."
Sie lächelte schwach. "Du lügst."
"Vielleicht ein bisschen."
Sie schüttelte grinsend den Kopf. Doch ihr Lächeln verschwand genauso schnell wieder. "Hier wurde mir erst klar, wie wenig ich eigentlich kann."
Ich hob eine Augenbraue. "Das überrascht dich?"
"Nein." Sie lehnte sich mit beiden Händen gegen das Fenster. "Ich war immer allein." Ihre Stimme war ungewöhnlich ruhig geworden. "Einzelkind." Sie zuckte leicht mit den Schultern. "Mein Vater hat gearbeitet. Ich habe gearbeitet. "
"Nach seinem Tod erst recht."
Sie nickte. "Ich war immer daran gewöhnt, alles selbst zu machen. Entscheidungen. Konstruktionen. Personal. Verhandlungen. Reparaturen. Buchhaltung." Sie lachte trocken. "Ich dachte wirklich, das wäre normal."
"Bis Altrix Nova."
"Ja."
Ihr Blick glitt über die gewaltigen Ringsegmente. "Hier arbeiten Zehntausende Lebewesen. Ingenieure. Wissenschaftler. Logistiker. Administratoren." Sie schüttelte langsam den Kopf. "Da wurde mir zum ersten Mal bewusst, wie klein meine Welt eigentlich gewesen war."
Ich sagte nichts. Sie brauchte keine Ratschläge. Nur jemanden, der zuhörte.
"Ich glaube...", begann sie nach einer längeren Pause, "...deshalb habe ich mich damals auch so schnell mit dir verstanden." Ich sah sie fragend an. "Nicht romantisch." Sie hob sofort beschwichtigend beide Hände. "Bevor du wieder irgendetwas hineininterpretierst."
Ich musste lachen. "Keine Sorge."
"Du warst eher..." Sie überlegte. "...ein großer Bruder." Sie verzog leicht das Gesicht. "Oder vielleicht jemand, der ähnlich gedacht hat wie ich."
"Ein Seelenverwandter?"
Sie nickte langsam. "Ja. Jemand, der verstanden hat, warum ich lieber sechzehn Stunden durcharbeite, anstatt mit Menschen zu reden."
"Weil Arbeit einfacher ist."
"Weil Maschinen berechenbarer sind."
Ich nickte. "Genau."
Sie schwieg erneut. Dann wurde ihre Stimme leiser. "Ich war überfordert." Zum ersten Mal hörte ich dieses Eingeständnis aus ihrem Mund. "Es gab immer mehr Aufträge." Sie blickte hinaus auf die Werft. "Immer mehr Kunden. Immer größere Projekte. Immer mehr Verantwortung." Sie schloss für einen Augenblick die Augen. "Aber ich hatte nicht genug Personal. Nicht genug Ingenieure. Nicht genug Baukapazitäten. Nicht genug Zeit." Sie atmete tief durch. "Egal wie viel ich gearbeitet habe, es wurde nie weniger."
Ich nickte nur. Genau deshalb hatte ich ihr vor langer Zeit ein Angebot gemacht. Damals hatte ich es bewusst offen gelassen. Kein Ultimatum. Keine Frist. Lediglich die Zusicherung, dass die Tür jederzeit offenstand.
Sie lächelte leicht. "Ich habe ziemlich lange gebraucht."
"Ja."
"Aber irgendwann musste ich mir eingestehen, dass ich allein nicht weiterkomme." Sie sah mich an. "Deshalb habe ich dein Angebot angenommen."
Ich erwiderte ihren Blick. "Nicht, weil der Vertrag perfekt gewesen wäre."
Sie schüttelte den Kopf. "War er nicht."
"Dafür wäre keiner realistisch gewesen."
"Richtig." Sie lächelte erneut.
"Aber er war fair."
"Und er bringt allen Vorteile. Dir. Mir. Der UNO. Und unseren Mitarbeitern."
Ich nickte. "Genau das war das Ziel."
Misora ließ den Blick erneut über Altrix Nova schweifen. "Zum ersten Mal seit Jahren habe ich das Gefühl, nicht mehr alles allein tragen zu müssen." Einige Sekunden vergingen. Dann sagte sie fast beiläufig: "Als ich erfahren habe, dass Shishido Kuran tot ist..." Sie machte eine kurze Pause. "...habe ich kaum etwas gespürt." Ihre Stimme blieb ruhig. "Ich habe die Nachricht gelesen. Mein Mundwinkel hat kurz gezuckt. Mehr nicht." Sie senkte den Blick. "Ich dachte zuerst, mit mir stimmt etwas nicht. Vielleicht hätte ich Wut empfinden müssen. Oder Erleichterung. Oder Genugtuung. Nichts davon kam." Sie atmete langsam aus. "Ich war einfach leer." Sie schwieg einen Moment. "Dann..." Sie legte eine Hand auf ihre Brust. "...irgendwo ganz tief hier drin... hatte ich plötzlich das Gefühl, als wäre eine Last verschwunden." Sie blickte mich an. "Nicht, weil ich mich über seinen Tod gefreut hätte."
"Nein."
"Weil ich zum ersten Mal wusste, dass er niemandem mehr das antun konnte, was er meiner Familie angetan hatte."
Ich nickte langsam. Darauf gab es nichts zu erwidern. Manche Wunden verschwanden nie vollständig. Sie hörten lediglich auf, jeden einzelnen Tag neu aufzubrechen.
Die Kantine der Besatzung lag etwas abseits der Hauptkorridore von Altrix Nova, in einem der ruhigeren Sekundärmodule, die ursprünglich für niedrigpriorisierte Crewmitglieder gedacht gewesen waren. Die Wände bestanden aus hellgrauem Verbundmaterial mit einer leicht matten Oberfläche, die das künstliche Licht der Deckenpaneele weich streute. Zwischen den Lichtfeldern liefen dünne Streifen in warmem Bernsteinton, die dem Raum trotz seiner Funktionalität eine beinahe wohnliche Atmosphäre gaben. Der Geruch war eine Mischung aus recycelter Luft, leichtem Metallgeschmack und dem subtilen Aroma von aufgebrühtem Keffa, der aus den Automaten in der hinteren Ecke permanent nachproduziert wurde. Es war kein Ort für Zeremonien, sondern einer für Gespräche, die nicht von offiziellen Protokollen belastet werden sollten. Ich saß mit Mari und Misora am Tresen, der sich halbkreisförmig um eine zentrale Ausgabestation zog. Die Oberfläche bestand aus dunkel poliertem Material, das bei jeder Bewegung der Hände schwach das Licht reflektierte, als würde es die Umgebung in gedämpften Fragmenten zurückwerfen. Hinter dem Tresen liefen die Versorgungsautomaten lautlos, nur unterbrochen von gelegentlichen hydraulischen Anpassungen, wenn neue Nährstoffkartuschen eingesetzt wurden. Vor uns lief das Federal Information Network auf einem schmalen, schwebenden Displayband entlang der Wand. Die Nachrichten waren wie erwartet belanglos. Handelsstatistiken über fallende Preise für Agrargase aus den äußeren Sektoren, politische Randmeldungen aus Systemen, die kaum direkten Einfluss auf unsere Versorgungsketten hatten, und ein Bericht über ein Sportereignis, dessen Regeln ich beim besten Willen nicht nachvollziehen konnte. Eine Art gravitationsbasierter Wettlauf auf ringförmigen Plattformen irgendwo im Zura-Raum. Niemand von uns schenkte dem wirkliche Aufmerksamkeit. Die Stimmen der Moderatoren klangen gedämpft und austauschbar, als würden sie selbst nicht mehr an die Bedeutung dessen glauben, was sie verkündeten. Mari saß mir gegenüber, die Ellenbogen locker auf dem Tresen abgestützt, während sie mit einem kleinen Metallstab unruhig gegen den Rand ihrer Tasse tippte. Ihr Blick war zwar auf das Display gerichtet, aber ich erkannte an der minimalen Anspannung in ihrem Kiefer, dass sie längst in Gedanken woanders war. Misora neben ihr wirkte äußerlich ruhiger, doch ihre Finger waren ineinander verschränkt und lagen fest auf der Tischkante, als würde sie sich unbewusst daran festhalten. Beide Frauen hatten Kuran auf sehr unterschiedliche Weise erlebt, und genau das lag jetzt unausgesprochen zwischen ihnen im Raum. Ich hielt mich bewusst zurück und beobachtete nur. Es war kein Moment, in den ich eingreifen musste. Eher einer, den ich nicht stören sollte. Mari begann schließlich zuerst zu sprechen. Ihre Stimme war ruhiger, als ich es von ihr erwartet hätte.
"Ich habe früher oft gedacht, dass er irgendwann einfach verschwindet", sagte sie, während ihr Blick kurz ins Leere glitt. "Nicht stirbt. Einfach verschwindet. Als wäre er irgendwann nur noch eine schlechte Erinnerung."
Misora verzog leicht den Mund, ohne ihr direkt zu widersprechen. "Bei mir war es anders", antwortete sie nach einem kurzen Moment. Ihre Stimme klang kontrolliert, aber darunter lag etwas Rohes, Unverarbeitetes. "Ich habe gehofft, dass er eines Tages zurückkommt. Nicht weil ich ihn vermisst hätte, sondern weil ich wissen wollte, ob ich ihn selbst stoppen kann, wenn es sein muss."
Mari hob leicht eine Augenbraue. "Du hättest ihn wahrscheinlich einfach zerlegt."
"Vielleicht", sagte Misora trocken. "Aber ich hätte dabei nicht gezögert."
Für einen Moment war nur das leise Summen der Kantine zu hören, das regelmäßige Klacken der Versorgungseinheiten und das entfernte Rauschen der Recyclinganlagen im Hintergrund der Station. Ich nahm einen Schluck aus meinem Becher und ließ die beiden weiterreden. Die Gespräche zwischen ihnen hatten eine Dynamik, die ich nicht unterbrechen wollte. Sie bewegten sich zwischen Erinnerungen, die offensichtlich lange unter der Oberfläche gelegen hatten, und der vorsichtigen Art, diese jetzt zum ersten Mal auszusprechen, ohne dass sie sofort wieder zurückgedrängt wurden.
Mari lehnte sich leicht zurück. "Ich hatte niemanden mehr, nachdem er verschwunden ist", sagte sie schließlich. "Er hat alles mitgenommen. Familie, Vertrauen, sogar das Gefühl, dass irgendetwas stabil sein könnte."
Misora nickte langsam. "Bei mir war es ähnlich. Nur dass ich es anders genannt habe. Arbeit."
Mari sah sie kurz an. "Funktioniert es?"
"Nicht wirklich", antwortete Misora ehrlich. "Aber es hält einen beschäftigt."
Ich beobachtete, wie sich zwischen den beiden etwas verschob. Kein großes, dramatisches Ereignis. Eher ein leiser Abgleich von Erfahrungen, die sich an unterschiedlichen Punkten berührten. Dann fiel mir auf, dass beide kurz gleichzeitig zu mir sahen. Dieser Blick hatte etwas abgestimmtes, fast schon absichtlich Gemeinsames.
Mari zog eine Mundwinkelhälfte nach oben. "Weißt du eigentlich, dass du ziemlich schlecht darin bist, dich aus allem rauszuhalten?"
Ich hob leicht eine Augenbraue. "Ich halte mich gerade raus."
Misora nickte zustimmend. "Er sitzt nur da und tut so, als würde er nicht zuhören."
"Das ist ein Unterschied."
Mari lachte leise, kurz und trocken. "Dann hör auf, so auffällig nicht zuzuhören."
Ich seufzte innerlich, ließ es aber stehen.
Stattdessen legte Misora den Kopf leicht schräg und sah mich direkt an. "Du hast damals mehr getan, als du eigentlich musstest."
"Ich habe nur eine Entscheidung getroffen."
"Falsche Bescheidenheit", murmelte Mari.
"Realistische Einschätzung", korrigierte ich.
Misora schüttelte leicht den Kopf. "Retter in der Not passt trotzdem besser."
Mari nickte sofort. "Definitiv."
Ich ließ den Satz einen Moment im Raum stehen, ohne ihn zu kommentieren. Das Wort hatte Gewicht, das beide offensichtlich bewusst gewählt hatten, aber nicht überhöhen wollten. Es war eher ein gemeinsamer Versuch, das Chaos der Vergangenheit in eine Form zu bringen, die sich ertragen ließ. Ich stellte die Tasse ab.
"Wenn ihr mich so nennt, muss ich euch daran erinnern, dass Rettung selten ein einzelner Faktor ist."
Mari sah mich skeptisch an. "Jetzt wird er wieder philosophisch."
Misora lächelte leicht. "Er hat recht."
Mari verdrehte die Augen, aber nicht unfreundlich. "Natürlich hat er recht."
Ich ignorierte das bewusst. Stattdessen sah ich kurz auf das Display der FIN-Nachrichten. Eine neue Meldung lief durch, diesmal über eine Handelsverschiebung im Zura-Sektor. Niemand reagierte darauf. Die Kantine blieb ruhig. Aber die Atmosphäre hatte sich verändert. Nicht schwerer. Nur ehrlicher. Als Mari schließlich ihren Blick wieder auf mich richtete, war da kein Zynismus mehr.
"Ich glaube", sagte sie leiser, "ohne dich wäre ich wahrscheinlich irgendwo steckengeblieben."
Misora nickte nur. Ich antwortete nicht sofort. Weil es keine einfache Antwort gab, die diesem Satz gerecht geworden wäre. Also blieb ich still und ließ die beiden weiter in einer Vergangenheit navigieren, die zum ersten Mal nicht mehr ausschließlich gegen sie arbeitete.

