Kapitel 35 -
Space Truck
Einige Wochen später hatte sich mein inneres Gleichgewicht zumindest soweit stabilisiert, dass ich wieder klar denken konnte. Nicht ruhig, nicht wirklich gelöst – aber fokussiert genug, um Entscheidungen zu treffen und sie auch durchzuziehen. Genau deshalb saß ich jetzt hier. Im Cockpit eines Prototyps. Im „Space Truck“. Der Name fühlte sich gleichzeitig lächerlich und passend an. Ein Relikt aus einer anderen Zeit, meiner Zeit, und doch hatte ich ihn bewusst gewählt. Vielleicht, weil ich mich selbst ein Stück weit daran erinnern wollte, wo ich herkam. Der Frachter war… anders. Nicht wie die standardisierten Schiffe, die ich aus der Gemeinschaft kannte, nicht wie die militärischen, kalten Konstrukte der Terraner. Dieses Schiff wirkte roh und gleichzeitig durchdacht. Modular. Die einzelnen Segmente waren sichtbar miteinander verbunden, wie Glieder einer Kette, die sich flexibel anpassen ließ. Außen vielleicht funktional, aber innen spürte man Misoras Handschrift sofort. Ich strich mit der Hand über eine der Konsolen neben mir. Das Material war glatt, leicht warm, mit feinen, kaum sichtbaren Rillen, die auf Berührung reagierten. Die Anzeigen waren holografisch, aber nicht überladen – klar strukturiert, fast schon minimalistisch. Und doch roch es nach Metall. Nach Öl. Nach Arbeit. Ein ehrlicher Geruch. Kon Mah saß einige Meter entfernt, halb in seinem Sitz versunken, die langen Gliedmaßen locker ausgestreckt. Seine Augen waren halb geschlossen, aber ich wusste, dass er alles wahrnahm. Er war nie wirklich unaufmerksam. Seine Präsenz war ruhig, fast träge – aber darunter lag eine Wachsamkeit, die mich jedes Mal daran erinnerte, dass er alles andere als harmlos war. Thovareus hingegen bewegte sich unruhig durch den Raum. Seine blauen Schuppen reflektierten das gedämpfte Licht in kalten Nuancen, während seine goldroten Augen unablässig über die Anzeigen huschten. Seine Klauen klickten leise auf dem Boden, ein rhythmisches, leicht nervöses Geräusch. Ich lehnte mich zurück, ließ den Blick durch das Cockpit schweifen und schließlich hinaus in den Raum. Schwarz. Unendlich. Durchzogen von fernen Sternen, die wie kalte Nadeln im Nichts steckten. Zwölf Wochen. Zwölf Wochen in diesem Schiff, auf dem Weg nach Ianamus Zura. Ein Teladi-System. Geschäft, Wachstum, Möglichkeiten. Genau das, was ich wollte. Genau das, was ich brauchte. Und trotzdem fühlte es sich seltsam an. Ich atmete langsam ein, ließ die Luft durch meine Lungen strömen, spürte, wie sich mein Brustkorb hob und wieder senkte.
„Schon verrückt,“ murmelte ich leise.
Kon Mah öffnete ein Auge, sah zu mir herüber.
"Was genau, Tori?"
Seine Stimme war ruhig, tief, ohne jede Eile. Ich ließ meinen Blick wieder nach draußen gleiten.
„Dass ich hier sitze. In einem Prototypen. Auf dem Weg in ein Teladi-System. Mit euch beiden.“
Ein kurzes Zucken ging durch Thovareus’ Kiefer.
"Ein profitabler Umstand," zischte er leise. "Sssehr profitabel."
Ich schmunzelte schwach.
„Natürlich.“
Meine Finger trommelten leicht gegen die Armlehne. Ein Rest dieser Unruhe war noch da. Er würde wohl nie ganz verschwinden. Aber er war kontrollierbar geworden. Nutzbar. Ich beugte mich leicht nach vorne, aktivierte eine der Anzeigen. Die modulare Struktur des Schiffes wurde als schematische Darstellung sichtbar. Mehrere Containersegmente, flexibel ankoppelbar, austauschbar. Antriebseinheiten, die unabhängig voneinander arbeiten konnten.
„Misora hat sich selbst übertroffen,“ sagte ich leise.
Thovareus trat näher, seine Augen verengten sich interessiert.
"Die Anpassssungsfähigkeit diesssesss Desssignsss… ist außergewöhnlich. Verssschiedene Frachtarten, unterssschiedliche Umweltbedingungen, variable Konfigurationen…" Er machte eine kurze Pause, seine Zunge zuckte über die Lippen. "Die Gewinnmargen könnten exponentiell sssteigen."
Ich nickte langsam. Genau das war der Punkt. Der „Space Truck“ war kein einfaches Schiff. Es war ein Konzept. Eine Idee, die sich vervielfältigen ließ. Ein Netzwerk. Ein Rückgrat. Ich lehnte mich wieder zurück, verschränkte die Arme vor der Brust und schloss für einen Moment die Augen. Bilder blitzten auf.
Vanu.
Valentina.
Asahi.
Hoshiko.
Ihr Lächeln. Ihre Nähe. Die Wärme. Ich öffnete die Augen wieder und starrte hinaus in die Dunkelheit. Ich hatte mich entschieden. Für dieses Leben. Für diese Realität. Aber das bedeutete nicht, dass alles einfach war.
"Zwölf Wochen sind eine lange Zeit," sagte ich schließlich.
Kon Mah setzte sich ein Stück aufrechter hin, seine Bewegungen langsam, kontrolliert.
"Zeit ist relativ. Für manche ist sie eine Last. Für andere ein Werkzeug."
Ich ließ mir diese Worte durch den Kopf gehen. Ein Werkzeug. Vielleicht war genau das der Punkt. Ich beugte mich nach vorne, meine Hände griffen die Steuerkonsole. Das Material reagierte sofort, leuchtete schwach unter meinen Fingern auf. Ich spürte das Schiff. Seine Masse. Seine Trägheit. Seine Möglichkeiten. Ein langsames Lächeln legte sich auf meine Lippen. Zwölf Wochen. Genug Zeit, um zu lernen. Zu planen. Zu wachsen. Und vielleicht… Genug Zeit, um herauszufinden, wohin dieses brennende Etwas in mir mich wirklich führen wollte.
Das Cockpit des „Space Truck“ war in ein ruhiges, gedämpftes Licht getaucht. Keine grellen Anzeigen, kein hektisches Blinken wie auf militärischen Schiffen. Stattdessen ein gleichmäßiges, fast beruhigendes Leuchten in sanften Blau- und Grüntönen, die sich den Konturen der Konsolen anpassten. Es wirkte lebendig, aber kontrolliert. Ich saß im Co-Pilotensitz, die Hände zunächst noch im Schoß, während mein Blick über die Anzeigen glitt. Vor uns spannte sich der Raum auf – tiefschwarz, durchzogen von vereinzelten Sternen, die wie kalte Nadeln in der Dunkelheit steckten. Kon Mah saß neben mir. Aufrecht. Ruhig. Vollständig präsent. Seine langen Finger ruhten auf der zentralen Steuerkonsole, ohne sich zu bewegen. Und doch hatte ich das Gefühl, dass er jede einzelne Funktion dieses Schiffes jederzeit abrufen konnte, ohne hinsehen zu müssen.
„Sie sehen viel,“ sagte er schließlich, ohne mich anzusehen. Ich verzog leicht das Gesicht. „Zu viel.“
Ein leises, kaum hörbares Geräusch – vielleicht ein Ansatz von Belustigung. Dann bewegte er sich. Langsam hob er eine Hand und ließ sie über die Hauptkonsole gleiten. Die Oberfläche reagierte sofort. Holografische Elemente entfalteten sich vor uns, schichteten sich übereinander, transparent, klar voneinander getrennt.
„Grundprinzip,“ begann er ruhig. „Nicht alles gleichzeitig erfassen wollen.“
Er tippte mit zwei Fingern auf eine der Ebenen. Sofort dimmten sich die anderen Anzeigen, traten in den Hintergrund.
„Priorisieren.“
Ich beugte mich leicht nach vorne, meine Augen folgten seinen Bewegungen.
„Navigation,“ sagte er und deutete auf ein dreidimensionales Gitter, das sich langsam drehte. Punkte, Linien, Vektoren – alles in ständiger, aber kontrollierter Bewegung.
„Antrieb,“ fuhr er fort und verschob eine weitere Ebene nach vorne. Eine Reihe von Kurven, Energieflüssen, stabilen und instabilen Bereichen.
„Systemstatus.“
Ein kurzer Fingerzeig, und eine dritte Ebene erschien – strukturierter, technischer.
Ich schluckte leicht. Es war nicht die Menge an Informationen, die mich überforderte. Es war die Tiefe. Kon Mah drehte leicht den Kopf zu mir. Seine Augen lagen ruhig auf meinem Gesicht, suchend, prüfend.
„Wiederholen Sie.“
Ich atmete einmal tief durch, richtete mich auf und hob die Hand. Zögernd zuerst, dann etwas sicherer ließ ich meine Finger über die Konsole gleiten. Die Anzeigen reagierten. Nicht sofort perfekt, aber sie reagierten. Ich blendete die Navigation ein, reduzierte die anderen Ebenen, ließ den Raum vor uns klarer erscheinen.
„Navigation… priorisieren,“ murmelte ich.
Kon Mah nickte minimal.
„Weiter.“
Ich wechselte zur Antriebsanzeige. Die Kurven wirkten zunächst chaotisch, aber je länger ich sie betrachtete, desto mehr erkannte ich Muster. Grenzen. Bereiche, die ich nicht überschreiten durfte.
„Das sind… Toleranzen?“
„Korridore,“ korrigierte er ruhig. „Sie bewegen sich nicht frei. Sie bewegen sich innerhalb von Möglichkeiten.“
Ich nickte langsam. Meine Finger bewegten sich sicherer. Ich rief den Systemstatus auf, ließ die Anzeigen sauber nebeneinander stehen, ohne dass sie sich überlagerten. Ein kurzer Moment der Stille. Dann spürte ich seinen Blick. Direkt. Bewertend.
„Nicht schlecht,“ sagte er schließlich.
Ich lehnte mich minimal zurück, ließ die Schultern sinken.
„Für den Anfang,“ murmelte ich.
Kon Mah hob leicht eine Augenbraue.
„Für jemanden ohne Ausbildung… akzeptabel.“
Ein trockenes Kompliment. Aber ich nahm es. Er bewegte seine Hand wieder über die Konsole, diesmal schneller. Die Anzeigen wechselten abrupt, neue Ebenen öffneten sich. Tiefer. Komplexer. Ich spürte sofort, wie mein Fokus wieder stärker gefordert wurde.
„Sie werden das Schiff nicht fliegen,“ sagte er ruhig.
Ich sah ihn an.
„Noch nicht.“
Sein Blick blieb unverändert.
„Aber Sie werden verstehen, was es tut. Jede Entscheidung. Jede Bewegung.“
Er griff nach meiner Hand. Nicht grob, aber bestimmt. Seine langen Finger legten sich um meine, führten sie zur Konsole. Ich spürte die Wärme seiner Haut, den festen, kontrollierten Druck.
„Hier.“
Er drückte meine Finger leicht nach unten. Die Anzeige reagierte sofort, eine neue Ebene öffnete sich.
„Das ist Ihr Fehlerbereich.“
Ich runzelte die Stirn.
„Mein… Fehlerbereich?“
„Der Bereich, in dem Sie Fehler machen dürfen, ohne zu sterben.“
Ich starrte auf die Anzeige. Ein schmaler Korridor. Begrenzt. Eng. Mein Magen zog sich leicht zusammen. Kon Mah ließ meine Hand los.
„Lernen Sie ihn auswendig.“
Ich nickte langsam, mein Blick fest auf die Anzeige gerichtet. Meine Finger bewegten sich erneut über die Konsole. Diesmal bewusster. Vorsichtiger. Ich blendete die Ebenen ein, aus, verschob sie, kombinierte sie. Langsam begann ich, nicht nur zu sehen… sondern zu verstehen. Neben mir blieb Kon Mah ruhig sitzen. Beobachtend. Wartend. Und irgendwo zwischen den Anzeigen, den Bewegungen und den stillen Korrekturen spürte ich es wieder. Dieses Brennen. Aber diesmal war es nicht chaotisch. Es hatte eine Richtung.
Das Cockpit war still. Nicht die sterile, tote Stille eines verlassenen Raumes, sondern eine kontrollierte, funktionale Ruhe, durchzogen von leisen, gleichmäßigen Geräuschen. Ein kaum hörbares Summen der Energieverteiler. Das sanfte Pulsieren der Anzeigen. Ein rhythmisches Klicken irgendwo tief im Inneren der Struktur, als würde das Schiff selbst atmen. Ich saß allein im Co-Pilotensitz. Kon Mah hatte mich vor einer Stunde hier zurückgelassen. Ohne weitere Anweisungen. Ohne Erklärung. Nur ein kurzer Blick, dann war er gegangen. Also blieb mir nichts anderes übrig, als das zu tun, was er von mir erwartete. Lernen. Ich beugte mich leicht nach vorne, meine Ellenbogen auf den Oberschenkeln abgestützt, die Hände ineinander verschränkt. Mein Blick glitt über die Konsole. Formen. Flächen. Strukturen. Alles war logisch angeordnet, aber nicht offensichtlich. Keine Beschriftungen, keine einfachen Hinweise für Anfänger. Stattdessen reagierte alles auf Berührung, auf Gesten, auf Absicht. Ich streckte die rechte Hand aus. Zögernd zuerst, dann entschlossener ließ ich meine Finger über die Oberfläche gleiten. Sofort erwachte das Cockpit zum Leben. Holografische Anzeigen klappten auf, schichteten sich übereinander, transparent, aber klar voneinander getrennt. Linien zogen sich durch den Raum, geometrische Formen bildeten sich, Daten flossen in sanften Strömen an mir vorbei. Ich hielt inne. Mein Atem ging ruhiger, kontrollierter.
„Nicht alles gleichzeitig erfassen…“ murmelte ich leise vor mich hin.
Meine Finger bewegten sich erneut. Ich blendete Ebenen aus, ließ nur die Navigation aktiv. Der Raum vor mir veränderte sich. Ein dreidimensionales Gitter spannte sich auf, langsam rotierend, durchzogen von Vektoren, Punkten, möglichen Routen. Ich lehnte mich näher heran, meine Augen folgten den Linien, versuchten Muster zu erkennen. Ich wiederholte die Bewegung. Ein. Aus. Ein. Aus. Immer wieder. Meine Finger fanden langsam einen Rhythmus. Die Bewegungen wurden flüssiger. Präziser. Ich begann, die Positionen der einzelnen Steuerfelder zu verinnerlichen, ohne hinzusehen.
Links – Navigation.
Rechts – Antrieb.
Oben – Systemstatus.
Mittig – Priorisierung.
Ich schloss kurz die Augen. Dann bewegte ich meine Hand. Ein leises Aufleuchten. Ich öffnete die Augen wieder. Die Navigation war aktiv. Ein flaches, fast unmerkliches Lächeln huschte über mein Gesicht.
„Gut…“ murmelte ich.
Ich wiederholte es. Augen schließen. Bewegung. Öffnen. Antrieb. Die Energieanzeigen flammten auf, Kurven zogen sich durch den Raum, schwankend, lebendig. Ich starrte sie an, ließ meinen Blick die Linien entlangwandern, versuchte, ihre Logik zu greifen. Meine Stirn legte sich in Falten. Ich wiederholte es. Wieder. Und wieder. Und wieder. Die Zeit verlor an Bedeutung. Ich veränderte meine Haltung, rutschte tiefer in den Sitz, dann wieder nach vorne. Meine Finger wurden schneller, sicherer. Ich begann, mehrere Ebenen gleichzeitig zu öffnen, sie gegeneinander zu verschieben, zu priorisieren. Fehler. Ein kurzer Moment, in dem sich zwei Anzeigen überlappten, Daten verschwammen. Ich fluchte leise, zog die Hand zurück, atmete durch.
„Konzentrier dich…“
Langsam führte ich die Bewegung erneut aus. Präziser. Bewusster. Die Anzeigen ordneten sich sauber. Ich ließ meine Hand auf der Konsole liegen, spürte die feine Wärme des Materials unter meiner Haut. Die Oberfläche reagierte minimal auf meinen Puls, als würde sie mich erkennen. Ein seltsames Gefühl. Fast… persönlich. Ich stand auf. Langsam ging ich einen Schritt zurück, betrachtete das Cockpit aus der Distanz. Die gebogenen Linien der Konsolen, die leicht geneigten Flächen, alles war darauf ausgelegt, den Körper zu unterstützen, nicht gegen ihn zu arbeiten. Ich ging wieder nach vorne, setzte mich erneut. Diesmal ohne zu zögern. Meine Hände fanden ihren Platz. Links. Rechts. Mittig. Ich begann erneut. Schneller jetzt.
Navigation – aktiv.
Antrieb – prüfen.
Systemstatus – stabil.
Meine Finger tanzten über die Oberfläche. Nicht hektisch, sondern kontrolliert. Jeder Kontakt hatte einen Zweck. Jede Bewegung ein Ziel. Ich spürte, wie sich etwas in mir veränderte. Das Chaos wurde leiser. Die Gedanken klarer. Das Brennen… fokussierter. Ich lehnte mich zurück, ließ die Anzeigen langsam ausblenden. Das Licht im Cockpit dimmte sich automatisch, als würde das Schiff meinen Zustand spiegeln. Meine Hände lagen noch immer auf der Konsole. Ich sah nach vorne. In die Dunkelheit. Und diesmal fühlte sie sich nicht leer an. Sondern… berechenbar.
Das Cockpit lag noch immer in dieser gedämpften, kontrollierten Ruhe, die ich inzwischen fast körperlich wahrnehmen konnte. Meine Hände ruhten auf der Konsole, meine Bewegungen waren ruhiger geworden, präziser. Ich hatte mich gerade durch eine weitere Sequenz gearbeitet, Navigation und Systemstatus sauber übereinandergelegt, als sich etwas veränderte. Es war kein Geräusch. Kein Alarm. Eher ein Gefühl. Ein kaum wahrnehmbares Ziehen in meiner Aufmerksamkeit, als hätte sich im Hintergrund etwas verschoben. Ich runzelte die Stirn, mein Blick glitt nach vorne, hinaus in die Schwärze. Zuerst sah ich nichts. Nur Sterne. Dann… ein Punkt. Winzig. Ich blinzelte, beugte mich leicht nach vorne.
„Kon…“
Keine Antwort. Ich schluckte, hob die Hand und zog eine Sensorebene nach vorne. Die Anzeige flackerte kurz auf, Daten begannen einzulaufen. Unbekanntes Objekt. Distanz: groß. Signatur: schwach. Ich kniff die Augen zusammen.
„Was bist du…“ murmelte ich leise.
Der Punkt wurde größer. Langsam. Zu langsam, um Zufall zu sein. Ich spürte, wie sich mein Nacken verspannte. Die Sensorwerte aktualisierten sich.
Form – länglich.
Antrieb – aktiv.
Kurs – direkt auf uns.
Mein Herzschlag zog an.
„Kon Mah!“
Die Tür hinter mir öffnete sich fast lautlos, aber ich hörte seine Schritte sofort. Ruhig. Gleichmäßig. Kein Anzeichen von Eile. Er trat neben mich, sein Blick ging direkt auf die Anzeige. Ein kurzer Moment der Stille. Dann bewegte er seine Hand. Die Sensordaten wurden erweitert. Schärfer. Detaillierter. Das Objekt nahm Form an. Eine Korvette. Schlank. Kompakt. Aggressiv. Ich spürte ein Ziehen irgendwo in meinem Hinterkopf.
„Die kommt mir bekannt vor…“
Ich lehnte mich näher heran, meine Augen suchten die Konturen ab. Die Linienführung. Die Struktur der Hülle. Irgendetwas klickte. Noch nicht ganz. Noch nicht vollständig. Aber es war da. Kon Mah sagte nichts. Seine Finger glitten über die Konsole, während seine Augen das Ziel fixierten. Die Distanz schrumpfte. Schneller jetzt. Zu schnell. Die Anzeigen aktualisierten sich erneut. Bewaffnung: aktiv. Mein Magen zog sich zusammen.
„Das ist kein Zufall…“
In genau diesem Moment blitzte es auf. Ein kurzer, harter Lichtimpuls im All. Dann ein zweiter. Die Sensoren schrien auf. Energieeinschläge. Das Schiff vibrierte leicht, kaum merklich, aber ich spürte es bis in die Wirbelsäule.
„Scheiße!“
Ich riss den Blick zur Schadensanzeige. Minimal. Gezielt. Keine Streuschäden. Keine Überladung. Nur punktgenaue Treffer. Kon Mah bewegte sich. Nicht hektisch. Aber plötzlich… schneller. Er ließ sich in den Pilotensitz gleiten, seine Hände fanden die Konsole, als wären sie dafür gemacht.
„Zur Seite,“ sagte er ruhig.
Ich zog mich sofort zurück, mein Körper reagierte schneller als mein Verstand. Die Anzeigen wechselten. Navigation. Antrieb. Priorisierung. Alles verschob sich gleichzeitig. Ich sah, wie er den Kurs minimal veränderte. Kein abruptes Ausweichen, sondern ein fließendes Gleiten. Ein weiterer Lichtblitz. Wieder ein Treffer. Wieder präzise. Ich starrte auf die Daten.
„Die schießen nicht auf kritische Systeme…“
Kon Mah nickte kaum sichtbar.
„Nein.“
Ein kurzer Moment. Dann: „Sie schneiden.“
Mir wurde kalt. Ich verstand sofort.
„Die wollen uns… bewegungsunfähig machen.“
Ein weiterer Treffer. Diesmal näher an den Antriebssystemen. Die Anzeigen flackerten kurz, stabilisierten sich wieder. Ich biss die Zähne zusammen.
„Warum zerstören sie uns nicht einfach?“
Kon Mahs Blick blieb nach vorne gerichtet. Ruhig. Berechnend.
„Weil wir wertvoll sind.“
Ich schluckte. Meine Augen gingen zurück zur Korvette. Jetzt war sie nah genug, dass ich Details erkennen konnte. Die Hülle war nicht sauber. Keine militärische Standardlackierung. Stattdessen unregelmäßige Platten, nachgerüstete Module, Spuren von Umbauten. Und dann sah ich es. Ein Markenzeichen. Ein Symbol, halb abgeschliffen, aber noch erkennbar. Mein Atem stockte.
„Piraten…“
Das Wort schmeckte bitter. Kon Mah bestätigte es nicht. Er musste es nicht. Ein weiterer Schuss. Diesmal traf er eine äußere Struktur. Ich hörte ein dumpfes Grollen durch das Schiff laufen. Meine Hände ballten sich unbewusst zu Fäusten.
„Die sind verdammt präzise…“
Kon Mah zog den Kurs erneut leicht an. Das Schiff reagierte sofort, glitt durch den Raum, als würde es die Angriffe vorhersehen.
„Sie wollen uns intakt,“ sagte er ruhig.
Ein kurzer Blick zu mir.
„Fracht. Schiff. Besatzung.“
Mir wurde klar, was das bedeutete. Kein schneller Tod. Sondern etwas anderes. Etwas deutlich Unangenehmeres. Ich spürte, wie mein Puls weiter anstieg, wie sich Adrenalin durch meinen Körper fraß. Meine Augen klebten an der Anzeige. Die Korvette kam näher. Zu nah. Und jeder ihrer Schüsse sagte mir dasselbe. Das hier war kein Angriff, um zu vernichten. Das war eine Jagd.
Der Raum außerhalb des Cockpits war inzwischen kein abstraktes Schwarz mehr, sondern ein gespannter, gefährlicher Korridor aus Bewegungen und Lichtimpulsen. Die Korvette hielt ihren Abstand nicht mehr. Sie hatte sich eingeordnet, seitlich versetzt, wie ein Raubtier, das die Fluchtwege seines Opfers bereits kennt. Das Summen der Systeme im „Space Truck“ klang anders als zuvor. Dicht. Gepresst. Als würde das Schiff selbst den Atem anhalten. Ich spürte es in den Händen, noch bevor die Anzeige reagierte. Ein kurzer, scharfer Impuls durch die Kommunikationslinie. Dann öffnete sich der Kanal. Ein verzerrtes Bild füllte den Hauptschirm. Mehrere Stimmen überlagerten sich zuerst, dann stabilisierte sich das Signal. Ein Gesicht wurde sichtbar. Verhärtete Züge. Abgenutzte Optikverstärker. Augen, die zu ruhig waren für jemanden, der keinen Widerstand erwartete.
„Frachtvehikel,“ knisterte die Stimme durch den Raum, „Antrieb auf Minimalleistung. Kurs halten. Kein Ausweichmanöver.“
Ich schluckte trocken. Meine Finger lagen reglos auf der Armlehne, aber innerlich war alles angespannt. Kon Mah blieb ruhig. Er saß im Pilotensitz, als hätte sich nichts verändert. Seine Hände ruhten leicht auf der Steuerung, aber ich sah, dass er jede Reaktion des Schiffes kontrollierte.
„Sie verlangen Kapitulation,“ sagte er ruhig, ohne sich umzudrehen.
Die Verbindung knackte erneut. Diesmal näher. Schärfer.
„Ihr werdet eure Energieversorgung herunterfahren,“ kam es zurück. „Alle Verteidigungssysteme deaktivieren. Andocken vorbereiten. Widerstand wird nicht toleriert.“
Ich spürte, wie sich mein Kiefer anspannte. Das war kein Handel. Kein Gespräch. Das war ein Ablauf. Kon Mah neigte leicht den Kopf, als würde er über etwas nachdenken, das nichts mit der aktuellen Situation zu tun hatte. Dann aktivierte er die Gegensprechanlage.
„Was geschieht mit der Crew?“
Seine Stimme war ruhig. Neutral. Fast höflich. Ich erkannte sofort, dass er nicht wirklich eine Antwort erwartete. Er zog Zeit. Die Korvette reagierte nicht sofort. Ein kurzes Rauschen. Dann ein leises, fast amüsiertes Knacken im Kanal.
„Crew?“ wiederholte die Stimme. „Ihr seid kein Passagiertransporter. Ihr seid Arbeitsdrohnen. Nützliches Material. Verwertbar.“
Ein weiteres Knacken. Dann klarer: „Wir werden für euch schon ein nettes Sümmchen auf einem Sklavenmarkt bekommen.“
Mir lief ein kalter Schauer über den Rücken. Ich sah unwillkürlich zu Kon Mah. Sein Gesicht blieb unverändert.
„Standorte?“ fragte er weiter.
Ich verstand erst einen Moment später, dass er nicht überrascht war. Nicht wirklich. Die Piraten lachten. Kurz. Trocken.
„Ihr stellt Fragen, als hättet ihr Optionen.“
Die Korvette rückte näher. Zu nah. Die Sensoren zeigten jetzt einen klaren Andockvektor.
„Jetzt,“ kam die Stimme wieder, „Energie runter. Stillstand. Oder wir holen euch in Teilen.“
Ein kurzer Moment Stille. Dann begann der „Space Truck“ langsamer zu werden. Nicht abrupt. Sondern kontrolliert. Relativ. Als würde er sich freiwillig in eine Position begeben, die bereits vorgegeben war. Ich spürte, wie der Druck im Schiff sich veränderte. Die Trägheitskompensation passte sich an, die Vibrationen wurden minimal anders. Ich ballte die Hände unwillkürlich.
„Kon…“
Er hob leicht eine Hand, ohne den Blick vom Frontschirm zu nehmen.
„Noch nicht.“
Seine Stimme war leise. Aber sie hatte Gewicht.
Der „Space Truck“ glitt weiterhin durch den Raum in dieser gefährlichen, kontrollierten Verlangsamung. Außen war alles ruhig, fast schon trügerisch stabil, doch im Inneren vibrierte jede Entscheidung wie ein gespanntes Kabel. Die Piratenkorvette hielt ihren Abstand exakt ein, wie ein Jäger, der sich seines Beutetiers sicher war und nur noch auf den richtigen Moment wartete. Ich spürte die Enge im Cockpit stärker als zuvor. Nicht physisch, sondern in der Art, wie jede Anzeige, jeder Schatten im Hologrammgewicht mehr Bedeutung bekam. Dann öffnete sich die Tür hinter uns. Kein hektisches Geräusch. Nur ein präzises, mechanisches Gleiten. Thovareus trat ein. Seine blauen Schuppen reflektierten das schwache Cockpitlicht in matten, öligen Nuancen, als hätte er das All selbst an sich getragen. Die goldroten Augen wanderten sofort über die Anzeigen, ohne lange zu suchen. Er verstand die Lage schneller, als es mir gefiel. Seine Stimme war ruhig, aber direkt. „Wir sssollten dasss Frachtmodul lösssen. Cockpitsssektion allein in dasss Asssteroidenfeld.“
Ich drehte mich halb zu ihm, noch bevor Kon Mah reagierte.
„Die Fracht…“ begann ich. Meine Gedanken stolperten. „Das ist für die Teladi-Handelsrouten essenziell. Ohne die Lieferung verlieren wir Verbindungen, Verträge, langfristige Stabilität.“
Ich hörte selbst, wie sehr ich mich an Argumente klammerte, die plötzlich klein klangen. Papier in einem brennenden Raum. Thovareus trat einen Schritt näher. Seine Klauen berührten nicht die Konsole, aber ich hatte das Gefühl, er könnte sie jederzeit zerreißen, wenn er wollte.
„Tote handeln nicht,“ sagte er.
Einfach. Unverschleiert. Die Worte trafen nicht wie ein Argument, sondern wie eine physikalische Tatsache. Ich öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Nichts kam heraus. Mein Blick ging automatisch zu Kon Mah. Er hatte sich nicht bewegt. Nur seine Augen folgten den Datenströmen, die bereits die Flugbahn der Korvette, die Masseverteilung und die Fluchtvektoren durchrechneten.
„Zustimmung,“ sagte er schließlich.
Kurz. Ohne Emotion. Nur ein Entscheidungswert. Man erkannte, dass Kon Mah beim argonischen Militär war. Ich spürte einen leichten Druck in der Brust, als würde etwas von mir abfallen, ohne dass ich es festhalten konnte. Thovareus nickte einmal. Dann aktivierte er das interne Trennsystem. Ein tiefer, vibrierender Ton ging durch das Schiff. Nicht laut. Aber endgültig. Die Struktur begann sich zu verändern. Ich spürte es nicht nur über die Anzeigen, sondern im Körper selbst, als hätte das Schiff seine eigene Haut bewegt. Verbindungslinien wurden getrennt. Energieströme umgeleitet. Dann kam der Moment der physischen Trennung. Ein dumpfer Schlag. Als würde ein gigantischer Muskel sich lösen. Die Frachtsektion glitt langsam zurück, zuerst zögerlich, dann beschleunigend, während Haltemagnete nacheinander freigaben. Ich sah sie auf dem Hauptschirm auseinanderdriften. Die Masse des Moduls zog in eine leicht abweichende Bahn, träge, schwer, voller gespeicherter Energie und Inhalt. Die Korvette reagierte sofort. Sie änderte Kurs. Ich erkannte die Bewegung instinktiv.
„Sie gehen auf die Fracht…“ murmelte ich.
Kon Mah war bereits dabei, die neue Konfiguration zu analysieren.
„Erwartbar,“ sagte er ruhig.
Die Entlastung war sofort spürbar. Das Cockpitmodul beschleunigte schneller. Deutlich schneller. Die Trägheitskompensation arbeitete auf einem anderen Niveau, als hätte das Schiff endlich die Last abgelegt, die es zuvor gebremst hatte. Ich wurde leicht in den Sitz gedrückt. Nicht unangenehm. Eher… neu. Der Raum vor uns verzerrte sich minimal durch die steigende Geschwindigkeit, die Sterne zogen feine Linien, als würden sie sich dehnen. Thovareus trat neben mich und betrachtete die Daten.
„Stabiler,“ stellte er fest.
Kon Mah nickte kaum sichtbar.
„Jetzt testen wir das Cockpitmodul,“ sagte er.
Seine Hände lagen wieder auf der Steuerung. Und zum ersten Mal seit Beginn der Begegnung hatte ich das Gefühl, dass wir nicht mehr nur reagierten.
Das Cockpitmodul vibrierte noch immer leicht nach dem Manöver, als Kon Mah das Schiff endgültig in das Asteroidenfeld zog. Der Raum um uns veränderte sich schlagartig. Vorher war es offene Leere gewesen, ein klarer, fast gläserner Korridor aus Sternenlicht und Bewegung. Jetzt jedoch verschluckte das Asteroidenfeld jede Distanz. Gesteinsbrocken in allen Größen drifteten träge durch das All, einige so groß wie kleine Monde, andere kaum mehr als zerklüftete Splitter, die das Licht der nahen Sonne in unregelmäßigen, kalten Reflexen brachen. Grau, schwarz, rostfarben. Manche Oberflächen waren glatt geschliffen von kosmischen Erosionen, andere zerfressen von Einschlägen, als hätte das Universum selbst hier geübt, Dinge zu zerstören. Kon Mah steuerte präzise zwischen ihnen hindurch, ohne Geschwindigkeit zu verlieren. Dann kam der Moment, in dem er die Energie herunterfuhr. Das Schiff wurde schwerer. Nicht physisch, sondern in seiner Präsenz im Raum. Die Systeme glitten in einen minimalen Betriebszustand, Anzeigen dimmten sich, Rechenprozesse reduzierten sich auf das Nötigste. Dann setzte er das Swing-by-Manöver an. Ich spürte die Veränderung sofort. Die künstliche Gravitation verschob sich minimal, als wir an einem der äußeren Asteroiden vorbeizogen, so dicht, dass die Sensoren die unregelmäßige Oberfläche in hoher Auflösung erfassten. Ein kurzer Impuls, dann das Abstoßen. Das Cockpitmodul glitt in eine stabile Position hinter dem Gesteinskörper und setzte schließlich auf dessen unregelmäßiger Oberfläche auf. Kein klassisches Landen, eher ein kontrolliertes Verharren in relativer Ruhe. Und draußen blieb das Frachtmodul zurück. Allein. Im freien Raum. Ich sah es sofort auf den Sensoren. Ein massiver Block aus Struktur, Energie und Inhalt, treibend, aber stabil genug, um nicht zu kollabieren.
Die Piraten hatte uns nicht verfolgt, sondern war beim Frachtmodul geblieben. Die Korvette änderte den Kurs nicht mehr vorsichtig, sondern direkt. Sie stürzte sich regelrecht auf das Frachtmodul, als hätte sie endlich den Kern des Problems erreicht. Ich sah, wie sie versuchte anzudocken. Einmal. Zweimal. Dreimal. Fehlschlag. Ihre Andockarme fanden keinen Halt. Die Schnittstellen reagierten nicht. Das Modul blieb stumm, verschlossen, unzugänglich. Ein kurzer, aggressiver Energiestoß ging von der Korvette aus. Wieder nichts. Ich spürte ein kurzes, hartes Gefühl von Bestätigung in mir. Misoras Design. Ich erinnerte mich an ihre Worte, ihre ruhige, fast beiläufige Art, als sie das System erklärt hatte. Nur Cockpitmodule waren kompatibel. Alles andere blieb isoliert. Ich sah, wie die Korvette sich erneut repositionierte, diesmal unruhiger.
„Sie kommen nicht hinein…“ sagte ich leise.
Kon Mah bestätigte es nicht. Er beobachtete nur. Das Frachtmodul hing im Raum wie ein unbeweglicher Preis, unzugänglich, aber nicht unantastbar. Und genau darin lag das Problem. Ich verstand es jetzt klarer als zuvor. Das System war nicht nur Schutz. Es war Kontrolle. Ein Netzwerk aus Abhängigkeiten, das bewusst so gebaut war, dass niemand ohne die richtigen Schlüssel etwas erreichen konnte. Ich lehnte mich leicht nach vorne, während die Datenströme weiterliefen.
„Das ist Misoras Vision…“ murmelte ich.
Thovareus stand hinter mir, seine Augen fixierten die Korvette ohne zu blinzeln.
„Effizienz durch Isssolation,“ sagte er trocken.
Ich atmete langsam aus. Es war effektiv. Und gleichzeitig riskant. Ich sah das System nicht mehr als simplen Frachter. Es war ein logistisches Monopol auf Bewegung selbst. Die Entscheidung, die ich damals getroffen hatte, fühlte sich plötzlich schwerer an als zuvor. Anstatt Kunden zu erreichen, zwang ich sie in Bewegung. Erhöhte Kosten. Höhere Kontrolle. Weniger Freiheit. Aber auch weniger Risiko. Weniger Missbrauch. Es war, wie immer, kein klarer Vorteil. Nur eine Verschiebung von Problemen. Dann änderte sich etwas auf dem Schirm. Die Korvette hatte aufgehört, direkt zu manövrieren. Sie hielt Abstand. Neu berechnend. Ich sah die Muster ihrer Bewegungen und verstand, dass sie umplante.
„Sie geben nicht auf…“ sagte ich.
Kon Mah antwortete ruhig: „Noch nicht.“
Ich spürte, wie sich die Spannung erneut aufbaute. Doch diesmal war ich vorbereitet. Ich richtete mich auf, meine Stimme klang klarer als zuvor.
„Thovareus.“ Er wandte den Kopf leicht. „EMP über das Gitternetz,“ sagte ich.
Ein kurzer Moment Stille. Dann bestätigte er ohne Zögern.
„Verstanden.“
Ich sah auf die Anzeigen. Die Korvette näherte sich erneut dem Frachtmodul, als würde sie den letzten Versuch vorbereiten, die Struktur zu knacken. Zu spät. Thovareus führte meinen Befehl aus.
Der Impuls kam nicht als sichtbare Explosion, sondern als eine plötzliche Verzerrung der Realität im Sensorbild. Für einen Moment wirkte der Raum falsch. Nicht dunkel, nicht hell, sondern entkoppelt von allem, was zuvor Stabilität bedeutete. Dann breitete sich der EMP aus. Zuerst als unsichtbare Welle, die durch das Vakuum lief, schneller als jede mechanische Reaktion. Kein Geräusch, keine Druckfront, nur eine abrupte Veränderung im elektromagnetischen Gefüge des Raumes. Ich sah es auf den Anzeigen, bevor ich es verstand. Die Datenlinien des Frachtmoduls begannen zu flackern. Nicht chaotisch sofort, sondern wie ein geordnetes System, das langsam seine Referenz verliert. Dann kam der Zusammenbruch. Ein Segment nach dem anderen fiel aus. Kommunikationsmodule. Navigationssensoren. Aktive Verteidigungslogik. Die Korvette reagierte zuerst mit einem kurzfristigen Anstieg ihrer Energieabgabe, als würde sie instinktiv gegen eine unsichtbare Last ankämpfen. Ihre Systeme versuchten zu kompensieren, zu stabilisieren, neu zu routen. Doch der EMP hatte bereits die Struktur erreicht. Ich sah, wie die Energieverteilung im Frachtmodul ungleichmäßig wurde. Nicht zerstört. Nicht explodiert. Sondern entkoppelt. Wie ein Körper, dessen Nervensystem gleichzeitig an mehreren Stellen unterbrochen wird. Die Korvette selbst begann zu reagieren. Ihre Triebwerke zündeten kurz, unkoordiniert. Dann brach die Steuerlogik zusammen. Ein leichtes Taumeln setzte ein. Der präzise, aggressive Kurs der Piraten löste sich in korrigierende Mikroimpulse auf, die nicht mehr vollständig synchronisiert waren. Ich erkannte die Muster sofort. Sie verloren Kontrolle über die Feinsteuerung. Nicht vollständig. Aber genug, um das Andocken unmöglich zu machen. Das Frachtmodul blieb äußerlich stabil, doch seine Schnittstellen waren tot. Kein Signal. Kein Handshake. Kein Zugriff. Nur ein träger, abgeschotteter Block aus Material und Energie, der nun vollständig isoliert im Raum hing. Die Korvette versuchte erneut zuzugreifen. Ich sah die mechanischen Andockarme ausfahren. Sie bewegten sich korrekt, aber zu langsam. Die interne Synchronisation war gestört, als würde jede Bewegung minimal hinter der Realität zurückbleiben. Sie erreichten das Modul nicht mehr präzise. Sie griffen ins Leere. Dann stoppte ein Teil der Systeme abrupt. Ein Flackern über die gesamte Hülle des Piratenschiffs. Nicht spektakulär. Eher wie ein kurzes, vollständiges Vergessen der eigenen Existenz. Die Sensoren zeigten mir, dass mehrere Subsysteme gleichzeitig neu starteten, andere jedoch nicht mehr hochkamen. Die Korvette driftete leicht zurück. Ihr vorheriger Druck, ihre aggressive Präsenz im Raum, löste sich auf in etwas Unsicheres. Ich spürte in mir eine seltsame Klarheit. Der EMP hatte nicht zerstört. Er hatte entmachtet. Ich beobachtete, wie das Frachtmodul weiterhin stabil im Raum hing, unberührt von der unmittelbaren Instabilität, die es selbst ausgelöst hatte. Die Isolation war vollständig. Und in diesem Moment wurde mir klar, dass der Raum nicht mehr von Kontrolle bestimmt wurde, sondern von Unterbrechung.
Ich beobachtete die Korvette weiterhin über die externen Sensoren, während sie nach dem EMP-Schlag nicht mehr stabil im Raum verharrte. Die erste Veränderung war subtil. Keine Explosion, kein Kontrollverlust im klassischen Sinn. Nur ein leichtes Abdriften aus ihrer bisherigen Achse. Dann griff die Umgebung ein. Das Asteroidenfeld reagierte nicht aktiv, aber physikalisch unerbittlich. Die Korvette lag nun in einer Zone aus ungerichteten Kräften. Gravitation, Restbewegung, Trägheit und minimale Kursabweichungen begannen sich gegenseitig zu verstärken. Ich sah, wie sie langsam in Richtung eines dichteren Bereichs gezogen wurde. Zuerst nur ein sanftes Gleiten. Dann ein messbarer Drift. Die Steuerdüsen zündeten sporadisch, aber ohne vollständige Synchronisation. Die Reaktionszeiten waren verzögert, einzelne Korrekturen kamen zu spät oder zu früh. Das Schiff wirkte, als würde es gegen eine Umgebung kämpfen, die sich nicht mehr logisch berechnen ließ. Der erste Kontakt mit einem Asteroiden war kein Einschlag im klassischen Sinn. Eher ein Streifen. Die Korvette schrammte an einem kleineren Gesteinskörper vorbei, die Hülle öffnete sich dabei in langen, schrägen Kratzspuren. Metall wurde nicht sofort durchtrennt, sondern aufgerissen, Schichten von Verbundmaterial franschten aus wie geplatzte Fasern. Ein Teil der Außenpanzerung löste sich und driftete hinterher, glitzernd im fernen Licht. Dann folgte der zweite Kontakt. Ein direkterer Treffer. Die Steuersektion der Steuerbordseite wurde von einem weiteren Brocken gestreift. Ich sah, wie Funken und kurze Energieentladungen durch die Hülle liefen, als interne Leitungen beschädigt wurden. Ein Teil der Schubdüsen fiel vollständig aus, ein anderer blockierte in einer festen Position. Die Korvette begann sich zu drehen. Nicht kontrolliert, sondern in einer langsamen, ungleichmäßigen Rotation, die durch asymmetrische Schäden verstärkt wurde. Dann kam der entscheidende Moment. Das Schiff wurde in den Einflussbereich eines größeren Asteroiden gedrückt. Kein einzelner Brocken mehr, sondern ein massiver, zerklüfteter Bruchkörper, dessen Oberfläche von tiefen Rissen und scharfkantigen Strukturen durchzogen war. Die Korvette prallte darauf auf, diesmal mit deutlich höherer Energie. Der Aufschlag war kein vollständiges Zerstörungsereignis, aber ein struktureller Bruch. Ich sah, wie die Hülle an mehreren Punkten nachgab. Ein Segment der äußeren Panzerung wurde regelrecht eingedrückt, als würde ein massives Gewicht es langsam zerquetschen. Sekundärsysteme fielen aus. Energieverteilung instabil. Kühlleitungen unterbrochen. In einigen Bereichen kam es zu lokalen Überhitzungen, die sich als helle, kurz aufflackernde Punkte entlang der Struktur zeigten. Die Korvette rutschte über die Oberfläche des Asteroiden, hinterließ eine Spur aus abgeriebenem Material und abgerissenen Bauteilen. Dann blieb sie hängen. Teilweise verkeilt in einer natürlichen Vertiefung des Gesteins. Nicht zerstört. Aber klar beschädigt. Die vordere Sektion war deformiert, mehrere Sensorarrays ausgefallen oder blind. Ein Triebwerksblock zeigte strukturelle Risse, aus denen gelegentlich Energie entwich. Die Kommunikation war vollständig instabil, die interne Rechenlogik vermutlich fragmentiert. Das Schiff lebte noch. Aber es funktionierte nicht mehr als Einheit. Ich hielt den Blick auf die Szene gerichtet, während sich das Asteroidenfeld wieder in seine gleichgültige Bewegung zurückzog und die Korvette dort zurückließ, halb im Fels, halb im Vakuum, zwischen Funktion und Ausfall gefangen.
Der Frachter lag noch immer schwer im Schatten des Asteroidenfeldes, die Bruchstücke aus Gestein und Metall trieben wie ein eingefrorenes Meer durch das Nichts. Das Cockpitschiff hatte sich mit kurzen, präzisen Korrekturen wieder vom Schutz der Felsformation gelöst und glitt nun langsam zurück in den freien Raum, dorthin, wo das Frachtmodul wie ein verwaister Körper im Vakuum hing. Kon Mah saß ruhig an den Kontrollen, seine Bewegungen sparsam, fast geometrisch. Jeder Input war reduziert auf das Nötigste, als würde er das Schiff nicht fliegen, sondern es durch reine Willenskraft ausrichten. Die Displays zeichneten ein klares Bild: strukturelle Integrität stabil, Energiehaushalt ausreichend, Triebwerksreaktion träge nach dem vorherigen Manöver, aber kontrollierbar.
„Position halten“, sagte Kon Mah schließlich knapp, ohne den Blick von den Sensoren zu lösen. Dann drehte er den Kopf leicht zu mir. „Ich übernehme das Frachtmodul direkt. Sie halten das Cockpit stabil.“
Bevor ich antworten konnte, hatte er bereits den Übergang eingeleitet. Die Kopplungsprozedur öffnete die Schleuse zum Außenbereich, und wenige Sekunden später verschwand seine Silhouette im grauen Licht des Weltraumanzugs, der sich wie ein scharf geschnittener Punkt vom Schiff löste. Ich übernahm die Kontrolle. Die Steuerung fühlte sich ungewohnt direkt an, als würde das Schiff plötzlich schwerer werden, sobald Verantwortung auf mir lag. Ich stabilisierte die Lage, hielt Kurs und Abstand, justierte die minimalen Korrekturen, während Kon Mah sich außen am Frachtmodul bewegte. Das Modul selbst wirkte aus dieser Distanz wie ein künstlicher Block aus Strukturfeldern und Containerrahmen, durchzogen von den Gittern der Energieverteilung. Die Schäden des EMP waren sichtbar: einzelne Segmente flackerten, manche Anzeigen waren vollständig erloschen, andere liefen im Notmodus in zyklischen Mustern. Kon Mah erreichte die Außenverbindung, öffnete das Wartungspanel und setzte den Neustart manuell in Gang. Ein kurzer Impuls lief durch die Struktur. Danach begann das System wieder zu reagieren, erst langsam, dann zunehmend stabiler. Die Energieverteilung normalisierte sich in Schüben, als würde das Modul aus einem künstlichen Schlaf zurückkehren.
„Wieder online“, kam seine Stimme über den Kanal.
Er kehrte zurück, zog sich in einer sauberen Bewegung vom Modul ab und ließ sich vom Magnetfeld des Cockpitschiffs zurückführen. Wenige Minuten später dockte er wieder an. Die Verbindung rastete mit einem dumpfen, metallischen Klang ein, der durch den Rumpf vibrierte.
Dann kam das Signal. Zuerst nur ein Flackern im Randbereich der Sensorik, kaum mehr als ein statistischer Fehler im Hintergrundrauschen. Dann wieder. Und stärker. Ein abgehackter Notruf, fragmentiert, verzerrt, aber eindeutig genug, um sich vom kosmischen Grundrauschen abzuheben. Reichweite zu kurz für interstellare Übertragung, aber stabil genug innerhalb des Systems. Ich ließ die Daten aufschalten. Die Korvette war noch da. Sie lag beschädigt auf einem großen Asteroidenbruch, die Hülle deformiert, aber nicht zerstört. Die Schilde waren vollständig kollabiert, Teile der Außenpanzerung aufgerissen, und aus mehreren Segmenten traten Energieentladungen aus, die wie unkontrollierte Lichtadern über den Rumpf liefen. Und dann sah ich das Gesicht. Für einen Moment war es, als würde das Bild nicht zur Gegenwart gehören. Ein bekannter Pirat, dessen Züge ich sofort erkannte, obwohl die Zeit und die Distanz versucht hatten, ihn aus meinem Gedächtnis zu drücken. Derselbe Blick. Dieselbe kalte, berechnende Präsenz hinter den Augen. Mein Körper reagierte vor meinem Denken. Die Hand ging automatisch an meine Brust. Dort, wo damals der Schuss eingeschlagen war. Die Erinnerung war nicht abstrakt. Sie war physisch. Der Moment, in dem der Laser mich beinahe durchbohrt hätte, der Druck, die Hitze, das Gefühl, dass der eigene Körper für einen Sekundenbruchteil einfach aufhörte, sinnvoll zu existieren. Ich hörte Kon Mah neben mir, aber seine Stimme war gedämpft, als käme sie durch eine dicke Schicht Material. Auch Thovareus hatte reagiert. Sein Blick war fixiert auf die Anzeige, die denselben Namen und dieselbe Signatur markierte. Er sagte nichts sofort, aber ich sah die minimale Veränderung in seiner Haltung. Der Treffer damals war auch bei ihm eingeschlagen. Nur anders. Teladi-Körperstruktur, redundante Organe, Panzerungsschichten aus biologischer Adaptation. Keine tödliche Verletzung, aber genug, um Erinnerungen zu hinterlassen.
„Ssshissshido Kuran“, zischte der Teladi schließlich leise.
Der Name reichte. Etwas zog sich in mir zusammen. Kein klarer Gedanke zuerst, sondern eine Verdichtung aus Erinnerung, Schmerz und einem instinktiven Warnsignal, das sich nicht logisch begründen ließ. Angst kam zuerst. Dann Wut. Und dazwischen etwas Kaltes, das sich nicht sofort einordnen ließ, aber schwerer war als beides zusammen. Ich starrte auf die flackernde Korvette im Asteroidenfeld, während das Notsignal weiter pulsierte wie ein sterbender Herzschlag im Vakuum.
Das Notsignal lief weiter in intermittierenden Fragmenten über den Hauptschirm, während das Asteroidenfeld dahinter wie ein gleichgültiges, mechanisches Meer aus Gestein driftete. Die beschädigte Korvette blieb auf dem großen Bruchkörper hängen, halb vergraben in zerklüftetem Fels, die Energieflüsse ihrer Hülle unruhig, aber noch nicht vollständig erloschen. Ich starrte darauf, ohne sofort zu handeln. Der Name, der gerade gefallen war, hatte etwas in mir verschoben, das nicht sofort greifbar war. Shishido Kuran. Nicht irgendein Pirat. Die Erinnerung kam nicht linear, sondern in Schichten. Gespräche, Situationen, Gesichter, die sich überlagerten. Mari. Ich sah sie vor mir, wie sie damals auf dem Gelände ihres Argnu-Zuchtbetriebs gestanden hatte, der Wind über die offenen Weiden der Tiere ziehend, während sie mit Gal sprach und uns später die Anlagen zeigte. Ihre Hände hatten damals ruhig gewirkt, aber ihre Stimme hatte an manchen Stellen gezögert, wenn sie über ihre Familie sprach. Kuran war ihr Bruder gewesen. Älter. Dominanter im Schatten ihrer Erzählung, auch wenn sie es nie direkt so formuliert hatte. Sie hatte mir nur Bruchstücke gegeben, damals, zwischen technischen Erklärungen und beiläufigen Bemerkungen über den Betrieb. Ich erinnerte mich an den Moment, als sie kurz still wurde, bevor sie weitersprach, als würde sie entscheiden, wie viel sie wirklich sagen wollte. Ihre Familie hatte ihn als Nachfolger vorgesehen. Erwartungen, die nicht ausgesprochen werden mussten, weil sie in jeder Handlung bereits vorhanden waren. Und dann Martin van Count. Ich rief die Verbindungslinie in meinem Kopf auf, während die Daten weiterliefen. Ein Sohn von Florian, Besitzer einer Farm, auf der delexianischer Weizen kultiviert wurde. Jemand aus dem agrarischen Netzwerk der Argonen, technisch stabil genug verankert, um in militärische Kreise hineinzuragen. Martin hatte gedient, und über diese Strukturen war schließlich auch der Kontakt zu Kon Mah entstanden. Alles hing miteinander zusammen, in einer Art stiller Kette aus Entscheidungen, die niemand einzeln vollständig überblickte. Ich realisierte, wie wenig ich in letzter Zeit über diese Verbindungen nach außen verfolgt hatte. Zu viele Systeme, zu viele Routen, zu viele Prioritäten im Aufbau der Handelsstruktur. Die Bewegung hatte alles überlagert, bis nur noch Funktion übrig blieb. Aber Mari hatte mir mehr erzählt, damals, als wir noch Zeit hatten, Dinge ohne unmittelbaren Zweck zu besprechen. Der Druck in ihrer Familie. Die Erwartungen an Kuran. Er war nicht einfach nur rebellisch gewesen. Er war zerbrochen unter der Konstruktion dessen, was sie aus ihm machen wollten. Und dann war er verschwunden. Als die Eltern starben, beide kurz hintereinander, war er gegangen. Nicht langsam. Nicht erklärend. Einfach weg. Mari hatte damals versucht, das zu verstehen, aber in ihren Worten lag immer ein Rest Unsicherheit, der sich nie auflöste. Ob er einfach nur frei sein wollte. Oder ob er mit dem Tod ihrer Eltern etwas zu tun hatte. Ob der Bruch nicht nur Flucht gewesen war, sondern etwas Endgültigeres. Ich spürte, wie sich dieser Gedanke jetzt mit dem Bild im All überlagerte. Der beschädigte Rumpf der Korvette. Das flackernde Notlicht. Das Gesicht, das ich wiedererkannt hatte. Und die Tatsache, dass dieser Mann nicht nur ein Pirat war, sondern Teil eines Netzes, das bis in meine eigene Gegenwart reichte. Thovareus bewegte sich leicht neben mir, sein Blick noch immer auf den Datenstrom gerichtet. Seine Präsenz war ruhig, aber aufmerksam, als würde er die Struktur der Situation schneller lesen als ihre Emotion. Kon Mah blieb stumm, die Kontrolle über das Cockpit stabil, aber nicht distanziert. Ich merkte, wie sich mein Fokus verschob. Nicht mehr nur taktisch. Sondern persönlich. Die Korvette war kein isoliertes Ziel mehr. Sie war ein Knotenpunkt in einer Geschichte, die nicht abgeschlossen war. Und irgendwo im Hintergrund dieser Gedanken blieb die Frage stehen, unbewegt und schwer. Wie viele dieser Verbindungen ich bereits übersehen hatte, während ich dachte, nur Systeme zu bauen.
Die Verbindung flackerte, bevor sie sich stabilisierte. Kein vollständiges Bild, sondern ein fragmentiertes Hologramm, das wie zerbrochenes Glas in der Luft hing. Einzelne Datenstreifen zogen sich durch den Raum des Cockpits, verzerrten Farben, intermittierende Kanten, als würde das Signal selbst gegen etwas ankämpfen. Der Hintergrund war nicht eindeutig lokalisierbar. Dunkel. Metallisch. Vielleicht eine beschädigte Schiffssektion. Vielleicht etwas anderes. Kon Mah hatte die Sensoren nur minimal verstärkt.
„Das Signal ist instabil. Aber lesbar.“
Ich stand nahe der Konsole, die Hände auf der kalten Kante des Bedienpults. Das Licht der Anzeigen war gedämpft, ein blasses Grün, das über meine Finger wanderte wie fremdes, kriechendes Leben. Neben mir Thovareus, regungslos, die goldroten Augen auf die Projektion gerichtet, ohne zu blinzeln. Dann formte sich das Gesicht. Nicht sofort vollständig. Erst ein Auge, dann der Mund, dann die rechte Gesichtshälfte. Als würde jemand versuchen, sich selbst aus einer beschädigten Erinnerung zu rekonstruieren. Shishido Kuran. Sein Blick traf mich, bevor das Bild stabil war. Zu direkt. Zu bewusst. Es war kein „Ansehen“. Es war ein Erfassen. Ich spürte es körperlich, wie eine Erinnerung, die nicht mir gehörte. Ein Druck in der Brust. Ein Reflex. Meine Hand glitt unwillkürlich an genau die Stelle, wo einst das Plasma durch meinen Körper gegangen war. Die Narbe darunter war real. Das Ereignis war real. Und doch fühlte es sich in diesem Moment an, als würde es erneut passieren. Kuran sprach zuerst nicht. Er atmete. Zu langsam. Dann begann er zu lachen, aber es war kein vollständiges Lachen. Es brach in der Mitte ab, als hätte jemand die Emotion abgeschnitten.
„Du lebst noch.“
Seine Stimme war rau, moduliert durch die Verzerrung. Hinter ihm bewegte sich etwas. Schatten oder Menschen. Schwer zu sagen. Ich hielt den Blick stabil.
„Warum?“
Nur dieses eine Wort. Kein Vorwurf. Keine Emotion. Nur Struktur. Das Hologramm flackerte stärker. Kurans Gesicht verzerrte sich kurz, als würde er gegen das System drücken.
„Warum ich geworden bin, was ich bin?“ Er lachte erneut. Diesmal länger. Es klang nicht mehr menschlich am Ende. „Weil ihr mich dazu gemacht habt.“
Das Wort „ihr“ blieb im Raum hängen, obwohl die Projektion bereits weiter riss. Ein Teil meines Bewusstseins versuchte automatisch zu analysieren: psychische Dissoziation, Feindbildverschiebung, Retrospektiv-Externalisierung. Aber es fühlte sich nicht wie ein Fall an. Es fühlte sich wie ein Raum an, der zu eng geworden war. Thovareus bewegte sich leicht hinter mir.
„Identifikation bessstätigt. Kuran Ssshissshido.“
Kuran hörte das offenbar. Seine Augen verengten sich.
„Teladi.“ Ein kurzes, scharfes Ausatmen. Dann wieder dieses kaputte Lächeln. „Du hast Glück gehabt, Händler.“ Sein Blick wanderte zurück zu mir. „Er nicht.“
Der Raum im Cockpit wurde enger. Nicht physisch. Wahrnehmung. Als würde die Luft dicker werden, die Geräusche kürzer. Ich zwang mich, nicht zurückzuweichen.
„Was willst du?“
Die Antwort kam sofort, zu schnell. „Leben.“ Pause. „Freiheit.“ Noch eine. „Rettung.“
Seine Stimme brach dabei nicht. Sie verlor nur Schichten. Wie ein Programm, das seine eigene Oberfläche verliert. Das Hologramm stabilisierte sich kurz genug, dass ich mehr sah. Nicht nur Gesicht. Auch Umgebung. Ein Metallrahmen hinter ihm. Fixierungen. Spuren von Energieeinschlägen. Und etwas, das wie organische Verkrustung wirkte, als hätte das Schiff begonnen, sich selbst zu reparieren und dabei etwas Lebendes eingeschlossen. Kuran beugte sich näher an die Projektion.
„Du kannst das beenden.“
Seine Pupillen zitterten. Ich antwortete nicht sofort. Stattdessen sah ich ihn an. Seine Gesichtszüge. Die Mikrobewegungen. Die Instabilität hinter der Wut. Kein klarer Plan. Kein strategischer Angriff. Nur ein zerfallender Zustand, der sich an einem einzigen Ziel festhielt. Überleben.
„Wo bist du?“
Das Bild glitchte. Kuran verzog das Gesicht, als hätte er Schmerzen.
„Wo wohl?“ Dann, leiser: „Im Schiff. Auf der Brücke.“
Die Projektion riss erneut auf. Für einen Moment sah ich mehr als ein Gesicht. Ich sah Bewegungen hinter ihm. Crew. Oder Reste davon. Einige lagen reglos. Andere bewegten sich unkoordiniert, als würden sie auf etwas reagieren, das ich nicht sehen konnte.
Thovareus trat näher. „Er ist in keinem stabilen Zustand. Seine Psyche ist fragmentiert.“
Kuran hörte das nicht mehr wirklich. Oder ignorierte es. Sein Blick blieb an mir hängen, fixiert, fast flehend.
„Ich erinnere mich an dich.“ Pause. „Du hast geschrien.“
Mein Atem wurde flacher. Das war nicht korrekt formuliert. Nicht präzise. Aber emotional korrekt. Ich erinnerte mich ebenfalls. Plasmaeinschlag. Hitze, die keine Temperatur war. Verlust von Orientierung. Dann Dunkelheit. Ich nahm die Hand von der Brust.
„Du hast versucht zu stehlen und zu vergewaltigen.“
Er nickte langsam. Zu langsam.
„Ich habe versucht zu leben.“
Das Bild begann wieder zu zerfallen. Diesmal stärker. Kuran hob die Hand, als würde er das Signal festhalten wollen.
„Bitte. Ich will leben!“
Dieses Wort war anders. Nicht aggressiv. Nicht strategisch. Kein Zugriff mehr. Nur ein Geräusch, das übrig geblieben war, nachdem alle anderen Strukturen gefallen waren.
„Bitte. Rettet mich!“
Die Projektion brach in Linien auseinander. Sein Gesicht löste sich zuerst auf. Dann die Augen. Dann die Stimme.
„Raus…“
Dann nichts mehr. Stille im Cockpit. Nur das leise Summen der Systeme, die so taten, als wäre nichts passiert. Thovareus blieb stehen.
„Signalverlust.“
Kon Mah sagte nichts. Ich blieb noch einen Moment vor der leeren Stelle in der Luft stehen, wo sein Gesicht gewesen war. Die Erinnerung blieb. Nicht als Bild. Als Zustand.
Das Cockpit war in ein gedämpftes, fast künstlich beruhigendes Halbdunkel getaucht. Nur die Navigationslinien und die langsam pulsierenden Systemanzeigen warfen kalte, blau-weiße Reflexe auf unsere Gesichter. Die Sterne draußen wirkten nicht statisch, sondern wie ein langsames Driften aus Lichtpunkten, verzerrt durch Restgravitation und die Nachbeben des vorherigen Gefechts. Zwischen Kon Mah, Thovareus und mir lag keine echte Diskussion mehr. Es war eher ein Abtasten von bereits bekannten Konsequenzen. Jeder Satz, den einer von uns hätte aussprechen können, war bereits irgendwo in den Erfahrungen der anderen enthalten. Unterschiedliche Herkunft, gleiche Schlussfolgerungen. Nur die Wege dahin waren verschieden gewesen. Ich saß etwas nach vorn geneigt, die Hände ineinander verschränkt, den Blick auf die schwebende Darstellung des Asteroidenfelds gerichtet. Das Notsignal der Korvette flackerte immer noch in einem separaten Fenster, schwach, instabil, wie ein letzter Reflex eines sterbenden Systems.
Dann sagte ich es. "Ich werde ihn nicht laufen lassen. Kuran wird sterben. Und ich werde das beenden."
Die Worte waren ruhig. Zu ruhig. Als hätte ich sie nicht ausgesprochen, sondern nur festgestellt. Erst danach bemerkte ich die Schwere dahinter, das Vibrieren in der Brust, das sich nicht sofort wieder legte. Kon Mah bewegte sich nicht abrupt. Er drehte nur leicht den Kopf zu mir, sein Blick schwer lesbar, aber nicht überrascht. Dann legte er eine Hand auf meine Schulter. Fest, warm, real in einer Umgebung, die sonst nur aus Metall und Projektionen bestand.
"Sie haben eine Familie, Grau-san. Sie brauchen keinen Mörder. Sie brauchen einen Vater. Und einen Ehemann."
Ich öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Kein Gegenargument formte sich schnell genug. Nicht, weil ich ihm widersprach, sondern weil ein Teil von mir wusste, dass er recht hatte. Und ein anderer Teil sich bereits dagegen wehrte, diese Wahrheit zu akzeptieren. Bevor sich das Gewicht dieses Moments vollständig setzen konnte, veränderte sich etwas an den Energieverteilungen hinter uns. Thovareus hatte sich still in das Frachtmodul-System eingeloggt. Seine Krallenhände glitten über die Steuersegmente des Gitters, präzise, ohne Zögern. Auf dem Display zeigte sich eine Modulation im Feld der Außenstruktur.
"Was tun Sie da?" fragte ich, ohne den Blick vollständig abzuwenden.
Er antwortete nicht sofort. Erst als die Parameter stabil waren, hob er leicht den Kopf. "Optimierung."
Dann aktivierte er den modifizierten Gitterimpuls. Kein voller Traktorstrahl. Kein Bergungsmodus. Nur eine schwache, gerichtete Verzerrung im lokalen Gravitationsfeld. Subtil genug, um nicht als Angriffssystem zu gelten. Präzise genug, um Masse zu beeinflussen. Draußen im Asteroidenfeld veränderte sich die Dynamik. Ein kleinerer Brocken begann seine Bahn zu kippen. Langsam zuerst, dann zunehmend instabil, gezogen von der künstlichen Gravitation, bis er seine ursprüngliche Flugbahn verlor und in Richtung der beschädigten Korvette driftete. Die Piraten konnten nicht reagieren. Die Korvette, bereits angeschlagen von vorherigen Treffern und dem EMP, lag mehr oder weniger tot auf dem Asteroiden. Dann traf der Asteroid. Nicht frontal allein, sondern in Kombination mit einem zweiten Fragment, das durch die neue Bahn ebenfalls in den Kollisionspunkt gezogen wurde. Der Einschlag war kein Feuerwerk. Es war ein strukturelles Zerreißen. Die Hülle der Korvette öffnete sich wie zu dünn gewordenes Metall unter innerem Druck. Sektionen klappten auf, Leitungen rissen sichtbar auseinander, Energiekanäle entluden sich in kurzen, weißen Blitzen entlang der Struktur. Ein Teil der Steuersektion wurde abgerissen und drehte sich langsam in den Raum hinaus, während der Rest der Konstruktion gegen den zweiten Einschlag zerbrach. Sensoranzeigen liefen noch einen Moment weiter. Dann wurde das Signal fragmentiert. Bis es schließlich abbrach. Keine Lebenserfassung mehr. Keine Notimpulse. Nur Trümmer und Leichen, die sich in die gleiche stille Drift einfügten wie alles andere im Asteroidenfeld. Ich starrte auf die Anzeige, ohne sofort zu blinzeln. Thovareus deaktivierte das System wieder mit derselben Ruhe, mit der er es aktiviert hatte. Kon Mah zog die Hand von meiner Schulter zurück, sagte jedoch nichts. Der Kurs wurde neu berechnet. Das Schiff richtete sich aus, die Triebwerke arbeiteten sauber und kontrolliert, und das Asteroidenfeld fiel langsam hinter uns zurück, als wäre es nie mehr gewesen als eine zufällige Störung im Raum. Das nächste Ziel war bereits markiert: das Sprungtor, das uns näher an Ianamus Zura bringen würde. Und wir setzten die Reise fort.