[EX16] Isekai no Xistence

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Tom
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[EX16] Isekai no Xistence

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Prolog Morgenlicht & Sternenglanz

Die ersten Strahlen des Januarmorgens drangen durch das schmale Fenster des Studentenheims und fielen auf den Schreibtisch, auf dem sich verstreute Bücher, Skizzenblätter und leere Kaffeetassen stapelten. Tori lag noch auf dem Bett, die Decke bis zur Brust gezogen, und starrte an die Decke. Das monotone Summen der Heizung war das einzige Geräusch in dem kleinen Zimmer, das zugleich Wohn- und Arbeitsraum war. Es war früh, viel zu früh für ihn eigentlich, doch sein Körper schien bereits auf diesen Rhythmus programmiert zu sein.
Er drehte den Kopf zur Seite, sein Blick fiel auf den Wecker, der sechs Uhr dreißig anzeigte. Die digitale Anzeige wirkte wie ein stummer Richter, der ihm vor Augen führte, dass ein weiterer Tag anstand, an dem er sich beweisen müsste – wenn auch nur für sich selbst. Langsam setzte er sich auf, streckte die Glieder und ließ die Decke fallen. Kurz musterte er sich im Spiegel über dem Schreibtisch. Schwarz glänzendes Haar, leicht zerzaust, dunkle Augen, die irgendwo zwischen Blau und Grün changierten. Er hatte nie auf sein Aussehen geachtet, und doch fiel ihm immer wieder auf, wie diese Augen Menschen anzogen, vor allem Frauen. Ein Detail, das ihn gleichermaßen irritierte und verwirrte.

Das Studentenheim war noch ruhig. Nur in den Gängen hörte man das gelegentliche Quietschen von Türen, Schritte und gedämpftes Lachen aus der Ferne. Tori zog seinen dunkelgrauen Hoodie über, bequeme Jeans, alte Sneakers, und ging in die kleine Küchenzeile. Wasser aufgesetzt, Kaffee gemahlen, kurz auf die Uhr geschaut. Er mochte diese Morgenrituale – sie gaben dem Tag Struktur, auch wenn alles andere chaotisch erschien. Während er den Kaffee einschenkte, ließ er die Gedanken schweifen.
Gestern hatte er wieder eine Vorlesung abgebrochen, diesmal Kulturwissenschaft. Die Professorin hatte ihn mit einer Frage ins Kreuzfeuer genommen, und Tori hatte nur schweigen können. Es war nicht die erste solche Situation. Immer wieder fühlte er sich anderen überlegen in seinen Gedanken, aber unterlegen, wenn es darum ging, sich zu behaupten. Die Mischung aus Stolz und Minderwertigkeit war etwas, das ihn täglich begleitete.
Mit dem Becher in der Hand setzte er sich ans Fenster. Draußen waren die Straßen noch leer, nur vereinzelte Studierende hetzten zu ihren Seminaren. Tori beobachtete sie, wie sie sich unterhielten, lachten, kleine Gesten austauschten. Er fragte sich, ob sie je verstanden, dass man in der Einsamkeit seine eigene Welt schaffen musste, um nicht unterzugehen. In seinen Gedanken wirkte das alles fast wie ein Spiel, eine Simulation, in der er selbst eine Figur war – beobachtend, reflektierend, nie richtig involviert.
Nachdem der Kaffee getrunken war, griff er zu seinen Skizzen. Ein paar Figuren, Landschaften, kleine Szenen aus Geschichten, die er noch nicht geschrieben hatte. Er zeichnete nicht besonders schnell, aber mit Bedacht, jede Linie bedacht, jede Schattierung ein Ausdruck seiner Gedankenwelt. Die Kreativität war sein einziger Freiraum, der Ort, an dem er wirklich er selbst sein konnte.

Gegen acht Uhr machte er sich auf den Weg zur Uni. Die Straßen waren inzwischen voller, die Luft kalt, scharf. Ein paar Kommilitonen liefen ihm über den Weg, nickten flüchtig. „Morgen, Tori!“ rief einer, ein sympathisches Gesicht aus der Bibliothek. Tori nickte nur, ein kleines Lächeln auf den Lippen, und setzte seinen Weg fort. Interaktion war selten, doch er wusste sie zu nutzen, wenn sie ihm strategisch nützlich erschien – sei es für Informationen, für Bücher oder für die gelegentliche Anerkennung.
An der Universität angekommen, führte ihn der Weg zur Literaturvorlesung. Professoren sprachen mit einem solchen Enthusiasmus über Geschichten, dass es Tori fast peinlich war, wie distanziert er sich fühlte. Er nahm seinen Platz in der hintersten Reihe ein, zog das Notebook heraus und begann, seine eigenen Notizen zu kritzeln. Während die Professorin sprach, beobachtete er die Gesichter der Kommilitonen, notierte sich Details – Ausdruck, Haltung, Reaktionen. Auch wenn er selbst kaum sprach, analysierte er jede Bewegung, jede Geste, fast so, als würde er ein Drehbuch für das Leben schreiben.
Mittagessen fiel spärlich aus. Ein Sandwich, das er unterwegs gekauft hatte, während er auf einer Parkbank saß. Die Sonne spiegelte sich auf dem gefrorenen Asphalt. Einige Studierende plauderten um ihn herum, doch Tori hörte nur entfernt zu, die Gedanken längst wieder bei seinen Figuren, bei den Geschichten, die er schreiben wollte. Sein Hunger war nebensächlich, wichtiger war der geistige Raum, den er sich nahm, fern von den Erwartungen der anderen.

Zurück im Studentenheim war es bereits früher Nachmittag. Das Tageslicht fiel schräg durch das schmale Fenster, zeichnete helle Streifen auf den abgenutzten Boden. Tori ließ den Rucksack achtlos fallen, die Schlüssel klimperten beim Aufprall. Sein Blick fiel auf den PC. Er seufzte, schob die Stühle beiseite, setzte sich. Die kleinen Rituale, die er sich über die Jahre angewöhnt hatte, halfen ihm, die Frustration von der Uni abzuschütteln. Zuerst die Kaffeetasse wieder auffüllen, kurz durchatmen, dann das Spiel starten.
„X“ – seine kleine, kontrollierbare Welt. Nicht perfekt, nicht real, aber logisch, konsistent. Das Universum hatte Regeln, und die verstand er. Anders als die Menschen um ihn herum. Anders als die Uni, die ständig kleine Demütigungen bereit hielt. Heute jedoch, dachte er beim Starten des Spielclients, war alles fehlerhaft. Der Charakter starb sofort, jedes Mal, wenn er den letzten Spielstand lud. Ein Clipping-Bug. Er knirschte die Zähne zusammen, das Herz hämmerte.
Warum jetzt? Warum immer in diesem Moment?
Er griff nach der Maus, klickte hastig, versuchte alternative Ladepunkte, Neustarts, alles ohne Erfolg. Ein Gefühl der Wut stieg in ihm auf – nicht die normale, kontrollierte Wut, sondern die ungestüme, roher Zorn, der in ihm kochte, wenn die Welt ihm ihre Grenzen aufzeigte. Sein Puls beschleunigte sich, die Hände zitterten. „Verdammt nochmal!“ rief er in die Leere des Zimmers, schlug gegen den Monitor. Das Glas splitterte. Ein scharfes Fragment schnitt ihm in die Hand, und bevor er reagieren konnte, zog etwas die Luft aus ihm heraus – oder vielleicht war es etwas anderes, etwas viel Größeres, das ihn in sich hineinriß.
Er spürte, wie der Boden unter ihm verschwand, wie Licht und Schatten sich ineinander verschlangen. Eine flimmernde Hitze durchfuhr seine Glieder, und plötzlich waren all seine Sinne gleichzeitig überlastet. Der Duft von Kaffee, die Kälte des Zimmers, das Summen des PCs – alles wurde zu einem einzigen, schmerzhaften Strudel. Und dann war Stille.



Kapitel 0 Fremde Realität

Tori schlug die Augen auf. Dunkelheit. Nur die schwache Kälte des Bodens unter seinem Rücken und der metallische Geruch in der Luft bestätigten, dass er nicht mehr in seinem Zimmer im Studentenheim war. Sein Herz hämmerte, Pulsschlag wie Trommeln in den Ohren. Die Hände zitterten, noch warm vom Kontakt mit den scharfen Splittern des Monitors. Instinktiv zog er die Beine an, stemmte sich hoch.
Der Raum war klein, fast karg, Wände glatt, kalt, kaum beleuchtet. Nichts, woran er sich orientieren konnte. Toris Blick wanderte über die Umgebung, suchte nach Lichtschaltern, Griffen, irgendetwas, das nach Normalität roch. Vergeblich. Kein Schalter, keine Türgriffe, nur glatte Flächen und ein einziges, kleines Fenster an der gegenüberliegenden Wand.
Er ging vorsichtig darauf zu. Mit jeder Bewegung spürte er die Wunde an der Hand, das Brennen auf der Haut, den Schmerz in den Armen. Okay, ruhig bleiben. Nur logisch vorgehen. Er tastete die Wand ab, versuchte Licht zu machen – nichts geschah. Nichts. Nur die Dunkelheit und der eiskalte Boden unter den Füßen.
Dann trat er ans Fenster. Sein Atem beschlug das Glas leicht, und für einen Moment dachte er, dass alles nur ein Traum sei. Doch der Blick ließ das Herz schneller schlagen. Vor ihm breitete sich die unendliche Schwärze des Weltraums aus. Unter ihm schwebte ein Planet, grün-blau, riesig, so fremd und doch lebendig. Das… kann nicht sein. Ich bin nicht träumend. Das ist real.

Hinter ihm knackte es leise, kaum hörbar, doch scharf in der Stille des Raums. Tori drehte sich, und zwischen den Schatten schimmerte etwas, das wie ein Riss in der Realität aussah – flackernd, glitzernd, instabil. Knistern und Bruchlinien zogen sich über den Boden, den Raum, wie ein dünner, pulsierender Schleier. Sein Blick folgte den Linien. Wenn das… der Bruch ist… dann muss ich…
Er ging vorsichtig darauf zu. Jeder Schritt war ein Abwägen zwischen Neugier und Angst. Die Ränder des Realitätsbruchs flimmerten, begannen sich langsam zu schließen. Instinkt und Panik setzten ein. Nicht verlieren. Nicht verpassen. Jetzt! Tori sprintete, versuchte hindurchzuhechten. Doch seine Beine waren zu träge, die Reflexe zu langsam. Die Realitätssplitter rissen über seine Arme, seinen Rücken, die Schultern – brennende Schnitte, tiefe Schürfwunden. Schmerz, wie er ihn nie gekannt hatte. Und plötzlich wurde ihm bewusst: Dies war kein Traum. Kein Spiel, kein Albtraum. Es war Realität. Blut, brennende Haut, die Kälte, der unerklärliche Raum – alles echt.

Ein metallisches Summen kündigte Bewegung an. Eine Tür an der Wand öffnete sich, und Licht schoss hinein, blendend, grell, als wollte es ihm die Pupillen verbrennen. Tori schloss die Augen, stieß einen krächzenden Laut aus, versuchte sich abzuschirmen. Als er wieder vorsichtig aufblickte, erkannte er zwei humanoide Umrisse. Rüstungen, starr, unpersönlich. Keine Gesichter. Kein Hinweis darauf, ob Freund oder Feind. Nur Präsenz, drohend, fremd.
Sie sprachen. Worte, schnell, rhythmisch, unverständlich. Für Tori eine Wand aus Lauten, die sein Gehirn nicht verarbeiten konnte. Jedes Wort wie ein Schlag, der gegen seine Konzentration prallte. Hunger pochte in seinem Magen, Durst brannte im Rachen. Die Wunden schmerzten, jede Bewegung ein Stachel. Angst, Schmerz, Müdigkeit und Verwirrung vermischten sich zu einem grellen Strom, der ihn überrollte.
Er taumelte zurück, Beine weich wie Pudding, Hände nach Halt suchend. Alles verschwamm, Licht, Schatten, die fremden Gestalten, der brennende Schmerz der Schnittwunden. Sein Geist kämpfte verzweifelt gegen die Überlastung an. Ein letzter Atemzug, ein verzweifelter Versuch, sich aufrecht zu halten – und dann verlor er den Halt.
Sein Körper sackte zusammen. Die Welt drehte sich, alles pulsierte, glühte und verschwamm. Die Realität um ihn herum, so fremd, so unergründlich, war stärker als er. Und schließlich: Ohnmacht.

---

Ich öffne die Augen und alles ist weich gedämpft, als würde das Licht selbst durch einen Schleier fallen. Mein Kopf pocht, jede Bewegung ein stechender Schmerz, und meine Arme fühlen sich schwer an, als trüge ich unsichtbare Lasten. Ich liege auf etwas Hartem, aber nicht unangenehm – fast wie ein Bett, aber anders. Über mir hängen Drähte und Sensoren, kleine Lichter blinken sanft, einige Anzeigen flimmern in Farben, die ich nicht einordnen kann. Mein Atem zieht sich schwer durch die Brust, während ich versuche, die Szenerie zu begreifen.
Die Geräte um mich herum wirken futuristisch, zu kompliziert, als dass sie zu dem passen könnten, was ich kenne. Ein Herzschlagmonitor? Vielleicht. Ein Scanner? Ich kann es nicht sagen. Mein erster Gedanke ist: Krankenhaus. Ich liege auf einer Art Krankenbett, angeschlossen an all diese Apparaturen. Mein Körper fühlt sich benebelt an, und für einen Moment frage ich mich, ob ich einfach ohnmächtig geworden bin, während ich gespielt habe. Hatte ich mich überanstrengt? War es ein Kollaps? Hatte ein Mitstudent oder vielleicht ein Lehrer mich gefunden und den Notarzt verständigt?
Dann öffnen sich die Türen und Licht flutet herein, heller als ich es vertragen kann. Ich blinzele und sehe zwei Menschen, die langsam hereintreten. Beide tragen weiße Uniformen, akkurat und steril, so wie man es aus Filmen von Krankenhäusern kennt. Ich will mich bewegen, etwas sagen, aber der Hals fühlt sich trocken und fremd an. Mein Herz rast. Okay, ruhig bleiben. Sie sind Menschen. Sie… sehen menschlich aus.
Doch als sie sprechen, wird mir klar: Ich verstehe kein Wort. Es ist nicht nur ein undeutliches Murmeln oder eine seltsame Aussprache. Die Laute, die sie formen, haben keinerlei Sinn für mich. Ich versuche zu antworten, sage: „Hallo? Ich…“, doch die Worte bleiben stecken, verhallen wie in Watte. Ihre Gesichter reagieren – sie sehen überrascht, verwirrt, aber nicht alarmiert aus. Sie verstehen mich genauso wenig, wie ich sie verstehe.
Sie gehen durch die Anzeigen auf den Geräten, überprüfen etwas, zeigen auf Monitore, tippen, drücken, murmeln weiterhin in einer Sprache, die ich nicht kenne. Mein Kopf schmerzt noch stärker, als mein Gehirn verzweifelt versucht, Sinn aus den Lauten zu ziehen. Nein, das kann nicht sein. Das ist unmöglich… ich bin doch zu Hause… oder? Ich drücke die Handflächen gegen die Matratze, suche Halt, doch alles fühlt sich fremd an.
Nach einigen Minuten, die wie Stunden erscheinen, drehen sich die beiden um und verlassen das Zimmer. Die Tür schließt sich geräuschlos, und das Dämmerlicht hüllt mich wieder ein. Die Geräte summen leise, ein monotones Brummen, und ich liege allein, den Körper schwer, den Kopf benebelt, die Gedanken wirr. Mein Herz pocht immer noch, Adrenalin und Angst mischen sich, während ich versuche, die Szenerie zu begreifen.
Krankenhaus… ich bin… ich bin im Krankenhaus. Aber… was ist mit dem Spiel? Mit dem Monitor? Mit der Realität?
Alles wirkt seltsam, fehl am Platz. Die Geräusche, das Licht, die Anzeigen – alles zu perfekt, zu sauber. Ich fühle mich wie ein Beobachter, fremd in einer Welt, die gleichzeitig vertraut und unerreichbar scheint. Meine Hände zittern, und ich weiß, dass ich nichts tun kann, außer zu warten, bis jemand zurückkommt oder etwas passiert. Alleine mit diesem Gefühl von Isolation, Unsicherheit und dem unstillbaren Drang, zu verstehen, wo ich gelandet bin.

Ich öffne die Augen erneut und merke sofort den Unterschied. Kein Druck in meinem Kopf, keine lähmende Schwere mehr, als hätte ich Stunden in einem Nebel geschlafen. Mein Körper fühlt sich erstaunlich fit an, die Muskeln locker, die Schnittwunden schmerzen nur noch leicht. Für einen Moment lasse ich mich auf die Ellbogen stützen, atme tief ein und aus. Klarheit kehrt zurück, und mit ihr ein unbestimmtes Gefühl von Vorsicht und Neugier.
Ich setze mich auf, stehe langsam auf und beginne, den Raum genauer zu inspizieren. Die Wände sind glatt, metallisch, reflektieren das schwache Dämmerlicht der Geräte. Sensoren blinken in rhythmischen Intervallen, Monitore zeigen Muster und Zahlen, die ich nicht verstehe, aber die irgendwie vertraut wirken. Ein Bett, ein kleiner Tisch, ein Stuhl – alles minimalistisch, funktional, fast klinisch. Ich gehe herum, tippe auf die Oberflächen, untersuche die Anzeigen, taste an den Wänden entlang. Alles ist sauber, steril und gleichzeitig fremd. Keine Schalter, keine offensichtlichen Türen, nur ein Fenster, durch das ich erneut den grünen, blauen Planeten sehe.
Ich lehne mich kurz am Fensterrahmen ab, atme tief ein und denke daran, wie seltsam alles ist. Wie komme ich hierher? Was ist passiert? Mein Herz schlägt ruhig, aber aufmerksam. Alles ist still, nur das leise Summen der Geräte durchbricht die Stille. Ich spüre die Spannung in meinem Körper, die immer noch latent vorhanden ist, seit der abrupten Ankunft.
Plötzlich öffnet sich die Tür wieder. Mein Herz schlägt schneller, Reflexe setzen ein. Sie ist es – die Frau von vorhin. Aber dieses Mal kann ich mehr sehen. Lange, petrolfarbene Haare, leicht gewellt, zu einem festen Pferdeschweif gebunden. Pupurne Augen, die im schwachen Licht fast glühen. Ihre Haut ist leicht gebräunt, wie von einer Latina, und die Muskeln unter der Uniform wirken kräftig, aber nicht übertrieben. Ich muss unwillkürlich innehalten und mich fragen, ob das alles natürlich ist oder durch irgendeine Modifikation unterstützt wird. Sie ist etwa 1,70 m groß, präsent, aber nicht bedrohlich.
Kaum hat sie den Raum betreten, tritt ein Mann nach. Die gleiche Rüstung, die ich bei meiner Ankunft gesehen hatte, nur jetzt von Kopf bis Fuß sichtbar. Er ist um einen ganzen Kopf größer als ich, massiv gebaut und mit einem Blick, der Respekt und Einschüchterung zugleich ausstrahlt. Glatze, graue Augen – kalt, aber fokussiert. Sofort registriere ich jede Bewegung, jede Geste. War er einer von den Männern, die mich hergebracht haben? Militär? Polizei?
Die Frau beginnt, etwas zu sagen, in einer Sprache, die mir nach wie vor fremd ist, und der Mann antwortet ruhig. Eine kleine, kontrollierte Diskussion entwickelt sich, kein Laut zu laut, keine Emotion übertrieben. Ich habe mich wieder auf das Bett gesetzt, beobachte aufmerksam, meine Gedanken rasen. Irgendwie kommt mir die Sprache bekannt vor, als hätte ich sie irgendwo schon einmal gehört… aber was zum Teufel ist das?
Der Mann tritt auf mich zu, während die Frau im Hintergrund bleibt. Er stellt ein kleines Gerät auf den Tisch neben mir und beginnt zu gestikulieren, als wolle er mich auffordern zu sprechen. Zögernd tue ich es. Ich sage meinen Namen: „Tori Grau…“ Meine Stimme klingt heiser, fremd in der Stille des Raums. Doch als ich zu erzählen beginne, was passiert ist, spüre ich, wie eine Last von mir abfällt. Worte, Gedanken, Erklärungen – alles, was ich seit dem Vorfall mit dem Monitor gespürt habe, wird endlich greifbar, formuliert.
Nach ein paar Minuten nickt der Mann, tippt auf sein Gerät, und plötzlich höre ich die Worte klar. Übersetzt. Es klingt wie ein monotoner, neutraler Ton, aber verständlich.
„Ich bin Tahl Brenna“, sagt die Stimme aus dem Gerät. „Sicherheitschef der argonischen Handelsstation Alpha, Planet Argon Prime.“
Ich zucke zusammen. Mein Gehirn versucht, die Information zu verarbeiten. Handelsstation, Argon Prime, Sicherheitschef – Begriffe, die wie Science-Fiction wirken, und doch klingt alles real. Die Monitore schlagen aus, Alarmmeldungen flimmern auf, und sofort tritt die Frau näher, überprüft die Anzeigen, ihre Hände schnell, präzise. Sie ermahnt Tahl, dass er mich – den Patienten – nicht in einen Schockzustand versetzen soll.
„Valentina Esposito“, sagt jemand – offenbar ihre eigene Vorstellung. Ich versuche vorsichtig, eine Frage zu formulieren: Ob sie mir glauben, ob so etwas schon einmal passiert sei. Tahl zuckt mit den Schultern. „Noch nie mit jemandem, der plötzlich aufgetaucht ist. Aber… es gibt einige Berichte über Menschen, die ähnlich verschwanden und wieder auftauchten.“
Die Frau – etwa Mitte 20, stark, klar im Blick, professionell – wirft einen letzten prüfenden Blick auf mich. „Ruhe für den Patienten“, sagt sie, und ohne weiteres Schauen drängt sie den Sicherheitschef sanft, aber bestimmt aus dem Raum.
Ich liege wieder allein im Dämmerlicht. Aber diesmal ist es nicht nur das Licht, das mich umgibt. Ein kleines Datenpad liegt neben mir. Es ist auf meine Sprache eingestellt – die Sprache der Argonen – um sie zu lernen. Ich streiche mit der Hand darüber, fühle die glatte Oberfläche, die Leichtigkeit, mit der ich jetzt zumindest anfangen könnte, diese fremde Welt zu verstehen.
Für einen Moment lehne ich mich zurück, atme tief durch. Die Einsamkeit ist noch da, die Angst auch, aber zum ersten Mal seit der Ankunft spüre ich ein winziges Stück Kontrolle. Ein Werkzeug, um zu verstehen, zu lernen, vielleicht sogar zu überleben.

Ich folgte Thal Brenna durch die Korridore der Station, meine Schritte leise auf dem glatten Metallboden. Alles um uns herum war geschäftig, unzählige Individuen eilten vorbei, jeder in seiner eigenen Mission gefangen. Ich blieb dicht hinter ihm, meine Augen hektisch umherwandernd, jeden Details einprägend: die Art, wie sie sich bewegten, die Farben ihrer Haut, die Formen der Rüstungen, die Geräte, die sie trugen.
Instinktiv verglich ich sie mit dem, was ich aus der „X“-Reihe kannte. Da war ein Teladi-Weibchen, die Schuppen in einem satten Grün, die schlanken Arme mit den scharfen Klauen, und daneben ein Männchen, die bläulich schimmernden Schuppen, die in einer merkwürdigen Grazie Kunstwerke zu studieren schienen. Ich erkannte die Rasse sofort.
Ein Borone glitt an uns vorbei, sein Unterkörper wie ein Oktopus, der obere Teil wie ein Seepferd, die Haut türkisviolett, jeder Tentakelarm eingehüllt in einen eng anliegenden Umweltschutzanzug. Sie können ohne ihre Anzüge wohl kaum überleben. Unglaublich.
Ein paar Paraniden, groß und einschüchternd, mit rauer, sandfarbener Haut, drei Augen starr auf mich gerichtet. Ihre Haltung arrogant, überlegen – genau wie im Spiel. Ich schluckte. Wenn sie wüssten, wie klein ich mich hier fühlte…
Und dann, fast am Rand meines Blickfelds, einige Split. Reptilienartige, grauschwarze Haut, sechs Finger und Zehen, kleine, leere Löcher anstelle von Nasen und Ohren. Söldner, dachte ich sofort. Aggressiv, territorial. Besser, ihnen nicht zu nahe zu kommen.
Ich schüttelte innerlich den Kopf. Alles hier verglich ich sofort mit dem Spiel. Aber wie akkurat war das wirklich? In „X“ war alles logisch, berechenbar, nach Algorithmen strukturiert. Hier? Alles wirkte real, gefährlich, unvorhersehbar.
Die wenigen Bruchstücke Argonisch, die ich während meiner Tage in der Krankenstation gelernt hatte, halfen mir kaum. Die meiste Zeit war ich untersucht oder verhört worden. Jetzt aber waren wir auf dem Weg zur Sicherheitsebene, und ich spürte, wie sich eine Kälte der Angst in mir ausbreitete. Würden sie mich wegsperren? Sollte ich weglaufen? Nein. Ich hatte kein Geld, keine Ahnung, wohin ich fliehen sollte. Wenn sie mich inhaftierten, würde ich zumindest Essen, Trinken und einen Schlafplatz bekommen.
Ich spielte das Szenario im Kopf durch: Wenn ich fliehen würde, müsste ich stehlen, vielleicht Gewalt anwenden, Plätze aufsuchen, an die ich nie gedacht hätte. Und selbst dann – die meisten hier waren stärker, schneller, erfahrener. Selbst die „Schwächsten“ auf dieser Station würden mich überrennen.
Als wir die Sicherheitsabteilung erreichten, wurde mir klar, dass dies eine Art offizieller Registrierung war. Biometrische Daten wurden genommen: Fingerabdrücke, Iris-Scan, DNA. Alles wurde in eine Datenbank eingespeist, um potenzielle Verwandte zu finden. Keine Treffer. Zumindest nicht in der argonischen Föderation.
Tahl übergab mir eine ID-Card. „Funktioniert als Personalausweis, Reisepass und Bankkarte“, erklärte er. Erzählte, dass sie mir bereits aus einem Staatsfonds zehntausend Credits für Obdachlose, Verlorene oder Benachteiligte überwiesen hätten. Plötzlich spürte ich die Schwere meiner Situation. In „X“ hatte ich wenigstens ein Raumschiff als Wohnraum, ein paar Credits zum Start. Hier? Nichts.
Ich betrachtete die Karte in meiner Hand, fühlte das Gewicht der Verantwortung, die nun auf mir lag. Wie lange würden die zehntausend Credits reichen? Eine Woche? Ein Monat? Oder nur ein paar Tage? Ich musste mir eine Unterkunft auf der Raumstation besorgen oder auf dem Planeten eine Wohnung. Und das alles, während ich kaum die Sprache verstand. Jede Interaktion würde eine Hürde sein, jede Transaktion ein Risiko.
Ich schluckte. Meine Gedanken wirbelten, wie immer in solchen Momenten. Angst, Unsicherheit, Überforderung. Und doch – ein kleiner Funken blieb: Ein Anfang. Wenn ich jetzt nichts tat, würde ich untergehen. Ich musste lernen, mich anzupassen, mich zu schützen und die Umgebung zu verstehen. Schritt für Schritt.

Ich verließ die Sicherheitsebene mit der ID-Card in der Hand und einem dumpfen Gefühl im Magen. Thal Brenna hatte sich sachlich verabschiedet, fast schon korrekt-distanziert. Kein Misstrauen mehr, aber auch keine Nähe. Wahrscheinlich war ich für ihn ein offener Vorgang, nichts weiter. Einer von vielen Sonderfällen, die man dokumentierte und dann der Bürokratie überließ.
Allein.
Das Wort bekam hier ein anderes Gewicht.
Die Korridore verzweigten sich, wurden breiter, höher, lauter. Anzeigen flimmerten an den Wänden, Hologramme warben für Waren, Dienstleistungen, Transporte. Alles in Argonisch, zu schnell, zu komplex. Ich blieb stehen, eher aus Überforderung als aus Absicht, und ließ den Strom an Individuen an mir vorbeiziehen. Niemand achtete auf mich. Ich war unscheinbar, fremd, bedeutungslos. Ein Zustand, den ich aus meinem alten Leben kannte – nur dass er hier tödliche Konsequenzen haben konnte.
Quartier. Essen. Orientierung.
Drei einfache Ziele. Und ich hatte keine Ahnung, wie ich auch nur eines davon angehen sollte.
Ich hob die ID-Card an und betrachtete sie erneut. Glatt, unscheinbar, ein kleines Symbol der argonischen Föderation. Zehntausend Credits. In meinem Kopf versuchte ich, das in etwas Greifbares zu übersetzen, scheiterte aber. Im Spiel hätte ich jetzt Preise verglichen, Tabellen geöffnet, optimiert. Hier gab es keine Benutzeroberfläche, keinen Pause-Knopf.
Ich setzte mich in Bewegung, folgte keinem bestimmten Weg, sondern ließ mich treiben. Dabei achtete ich unbewusst auf Notausgänge, Kameras, Sicherheitskräfte. Alte Gewohnheiten. Überleben begann immer mit Beobachtung.
„Tori?“
Ich blieb abrupt stehen. Mein Name. Klar ausgesprochen. Mein Herz machte einen Satz, und ich drehte mich um.
Valentina Esposito stand ein paar Meter hinter mir.
Ohne medizinische Geräte, ohne Dämmerlicht, ohne die sterile Distanz des Krankenzimmers wirkte sie anders. Realer. Sie trug eine schlichte, helle Uniform, praktischer geschnitten als zuvor, aber eindeutig medizinisch. Ihre petrolfarbenen Haare waren noch immer zum Pferdeschwanz gebunden, ein paar Strähnen hatten sich gelöst. Die purpurnen Augen musterten mich aufmerksam, aber nicht kühl. Eher… besorgt.
„Du bist schon entlassen worden“, sagte sie langsam, deutlich. Ihr Argonisch war sauber, fast akzentfrei, aber sie sprach so, dass ich folgen konnte. Sie hatte sich angepasst. An mich.
„Ja“, antwortete ich nach einem kurzen Zögern. „Gerade eben.“
Ein paar Sekunden Stille. Menschen gingen an uns vorbei, Aliens ebenso, aber um uns herum entstand eine kleine Blase der Ruhe. Valentina musterte mein Gesicht, meine Haltung, wahrscheinlich auf der Suche nach Anzeichen von Überforderung. Sie wurde fündig.
„Du siehst verloren aus“, sagte sie offen.
Ich verzog den Mund. „Das bin ich auch.“
Ein leichtes, fast entschuldigendes Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Ich hatte gehofft, dich noch zu erwischen. Bevor man dich… sich selbst überlässt.“
Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte. Mein erster Impuls war Ablehnung. Stolz. Reflex. Ich komme schon klar. Das hatte ich mir mein ganzes Leben eingeredet, auch wenn es selten stimmte.
„Danke“, sagte ich schließlich, „aber ich will dir keine Umstände machen.“
Kaum ausgesprochen, wusste ich, wie lächerlich das klang.
Valentina verschränkte die Arme nicht, trat mir nicht näher, übte keinen Druck aus. Sie sah mich einfach nur an. Ruhig. Einschätzend. Wie jemand, der gelernt hatte, Menschen in Ausnahmesituationen zu lesen.
„Tori“, sagte sie, und allein die Art, wie sie meinen Namen benutzte, ließ meine Abwehr bröckeln. „Du sprichst die Sprache kaum. Du kennst die Abläufe nicht. Du hast kein soziales Netz, keine Adresse, keinen Ansprechpartner. Das ist keine Umstandslosigkeit. Das ist ein Risiko.“
Ich atmete langsam aus. Sie hatte recht. Und ich hasste es.
„Ich… will niemandem zur Last fallen“, murmelte ich.
„Dann tu es auch nicht“, erwiderte sie ruhig. „Lass dir helfen. Das ist etwas anderes.“
Ich schwieg. In mir kämpften zwei Seiten gegeneinander. Die eine wollte Abstand, Kontrolle, Selbstständigkeit. Die andere war müde. Erschöpft. Allein. Und sehr, sehr bewusst darüber, wie schnell man hier verschwinden konnte, ohne dass es jemand bemerkte.
„Was… schlägst du vor?“ fragte ich schließlich.
Valentina nickte kaum merklich, als hätte sie genau darauf gewartet. „Erstmal etwas Einfaches. Essen. Dann ein temporäres Quartier. Es gibt auf der Station Übergangseinheiten für Neuankömmlinge ohne Status. Nicht komfortabel, aber sicher. Und günstig.“
„Günstig“ klang gut. Überlebensfähig.
„Und danach?“ fragte ich.
„Danach sehen wir weiter“, sagte sie. „Vielleicht Sprachprogramme. Vielleicht ein Vermittler. Vielleicht… Zeit.“
Zeit. Ein Luxus, den ich nie wirklich gehabt hatte.
Ich nickte langsam. „Okay.“
Das Wort fühlte sich schwer an, aber auch richtig.
Wir gingen nebeneinander los. Diesmal achtete ich weniger auf die fremden Wesen um uns herum, weniger auf potenzielle Gefahren. Stattdessen hörte ich auf ihre Schritte, gleichmäßig, ruhig. Sie passte ihr Tempo unbewusst meinem an.
„Warum hilfst du mir?“ fragte ich nach einer Weile.
Valentina sah nicht sofort zu mir. „Weil du kein Betrüger bist“, sagte sie. „Und kein Krimineller. Und weil ich gesehen habe, wie du reagiert hast, als man dir gesagt hat, wo du bist.“
Ich schluckte. „Wie habe ich reagiert?“
„Ehrlich“, antwortete sie. „Und verängstigt. Menschen, die lügen, reagieren anders.“
Ich dachte an den Moment, als der Name Argon Prime gefallen war. An das Ausschlagen der Monitore. An meinen Kontrollverlust.
„Außerdem“, fügte sie hinzu, „haben wir nicht viele Menschen wie dich. Nicht hier. Nicht so.“
Ich sah sie an. „Wie mich?“
Sie lächelte schwach. „Verloren zwischen Welten.“
Wir schwiegen wieder. Doch diesmal war es kein unangenehmes Schweigen. Eher ein vorsichtiges Einverständnis.
Zum ersten Mal seit meinem Erwachen auf dieser Station hatte ich das Gefühl, nicht völlig allein zu sein.
Und das machte mir fast genauso viel Angst wie alles andere.

Valentina begleitete mich zu den Wohnmodulen der Station. Je weiter wir uns vom geschäftigen Kern entfernten, desto ruhiger wurden die Korridore. Weniger Verkehr, weniger Lärm, mehr nüchterne Funktionalität. Die Übergangsquartiere lagen nicht versteckt, aber eindeutig am Rand der Prioritätenliste.
„Die billigsten Einheiten kosten zehn Credits pro Tazura“, erklärte sie, während sie an einem Terminal stehenblieb und mir die Anzeige zeigte.
Ich runzelte die Stirn. „Tazura…“
Sie lächelte leicht. „Dachte ich mir. Komm, kurze Einführung.“
Während sie die Buchung bestätigte, begann sie mir die interstellare Zeiteinteilung zu erklären. Sezura, Mizura, Stazura, Tazura – jede Einheit sauber genormt, losgelöst von planetaren Zyklen. Es machte Sinn. Zu viel Sinn. In einer Gemeinschaft, die sich über Dutzende Sonnensysteme erstreckte, war alles andere unpraktisch.
Als sie bei der Tazura ankam und erklärte, dass eine davon etwas mehr als einen Erdentag entsprach, fiel bei mir langsam der Groschen. Noch mehr, als sie beiläufig erwähnte, dass man mit dreizehn Jazuras als erwachsen galt.
Ich rechnete im Kopf, langsamer als sonst. Dreizehn Jazuras… interstellar. Achtzehn Menschenjahre. Und sie selbst?
„Du meintest vorhin… achtzehn Komma fünf Jazuras?“ fragte ich vorsichtig.
Sie nickte. „Ungefähr.“
Also etwa fünfundzwanzig. Mein erster Eindruck hatte mich nicht getäuscht. Trotzdem war es seltsam, diese Zahlen zu hören. Alles war vertraut und fremd zugleich. Menschen, ja. Aber nicht meine Menschen. Nicht meine Zeitrechnung. Nicht meine Geschichte.
Als sie mir nebenbei erklärte, dass die Argonen zwar in Menschenjahren rechneten, aber aufgrund des argonischen Sonnensystems andere Abweichungen hatten – Argon Prime als vierter Planet von Son-Ra, nicht dritter wie die Erde von Sol – fühlte es sich an, als würde jemand mein inneres Koordinatensystem langsam, aber unaufhaltsam verschieben.
Das Übergangsquartier selbst war… spartanisch. Ein kleiner Raum, zwei Sessel, ein schmaler Tisch dazwischen, eine Stasisbox für Lebensmittel, Sanitärmodul, Schlafnische. Keine Fenster. Keine Aussicht. Funktional. Sicher. Leer.
Ich trat ein und ließ den Blick schweifen.
„Nicht luxuriös“, sagte Valentina und machte eine ausladende Geste, „aber solide.“
Ich nickte. Luxus war ein Konzept aus einem anderen Leben.
Es gab weder Essen noch Trinken. Gut, dass sie mir auf dem Weg hierher gezeigt hatte, wo ich einkaufen konnte. Der kurze Abstecher hatte mir eine weitere Lektion beschert – diesmal über Credits. Preise, Relationen, Kaufkraft. Während ich durch die Regale gegangen war, hatte mein Kopf unwillkürlich umgerechnet. Am Ende war ich bei einem groben Kurs von etwa einem Credit zu fünf Euro gelandet.
Teuer. Aber nicht unvorstellbar.
Ich verstaute die Einkäufe in der Stasisbox und setzte mich ihr gegenüber. Der Tisch zwischen uns wirkte fast symbolisch. Nähe auf Distanz.
Valentina lehnte sich zurück und sah mich einen Moment lang schweigend an, als würde sie überlegen, wie viel sie mir noch zumuten konnte.
„Es gibt neben den Argonen noch andere menschliche Fraktionen“, begann sie dann.
Ich hob den Kopf. Menschen.
Sie erzählte von den Argonen selbst – und was dann folgte, traf mich unerwartet hart. Dass sie sich nicht auf Argon Prime entwickelt hatten. Dass sie ursprünglich eine terranische Kolonie namens Taurus waren. Gegründet im Jahr 2046. Vor über neunhundert Jahren.
Ich sagte nichts, zwang mich ruhig zu bleiben.
Sie sprach weiter, von der Identitätskrise, die diese Erkenntnis ausgelöst hatte, vom Beinahe-Zerfall der Föderation, von den Terranern, die ihren Anspruch zurückzogen, um keinen Krieg zu provozieren. Von den Goner, die Wissen bewahrten, die sich Wolkenbasis Südwest gesichert hatten und sich später den Terranern anschlossen.
In meinem Kopf kollidierte das Gesagte mit dem, was ich aus der X-Reihe kannte. Ähnlichkeiten, ja. Aber auch Abweichungen. Bedeutende. Ich schwieg. Jetzt war nicht der Moment, Lore zu korrigieren. Vor allem nicht, wenn ich selbst Teil einer Abweichung war.
Als sie von Aldrin sprach, vom wiederentdeckten Sprungtor im Jahr 2938, von einer isolierten terranischen Kolonie, die die Erde nie vergessen hatte, spürte ich ein unerwartetes Ziehen in der Brust. Sie haben erinnert. Und wir?
Sie erklärte die politischen Spannungen, die mögliche Machtverschiebung zugunsten der Terraner in den nächsten hundert Jahren, die Spekulationen über weitere verlorene Kolonien aus der Zeit des ersten Terraformerkriegs. Alles logisch. Alles beunruhigend.
Dann sprach sie über die Sprungtore. Über das Alte Volk. Über jahrhundertelange Forschung ohne Durchbruch. Und schließlich über die Beschleuniger. Raumautobahnen. Terranische Technologie. Unabhängig entwickelt.
Ich ließ mich in den Sessel sinken. Mein Kopf war voll. Zu voll.
„Danke“, sagte ich schließlich. Das Wort kam leiser heraus, als ich es beabsichtigt hatte.
Valentina nahm es an, ohne falsche Bescheidenheit. „Wenn du willst, helfe ich dir beim Lernen der Handelssprache“, bot sie an. „Übersetzer sind praktisch, aber sie helfen dir nicht bei Mimik, Gestik oder… Zwischentönen.“
Ich wusste, dass sie recht hatte. Und ich wusste auch, dass ich dieses Angebot nicht aus Stolz ablehnen durfte.
„Das wäre… gut“, sagte ich.
Sie lächelte, stand auf und verabschiedete sich kurze Zeit später. Als sich die Tür hinter ihr schloss, war es wieder still.
Ich aß etwas, trank, saß lange einfach nur da. Meine Gedanken kreisten, ordneten sich neu, fanden keinen festen Halt. Irgendwann legte ich mich hin. Der Schlaf kam unruhig, bruchstückhaft.
Und irgendwo zwischen Wachen und Träumen wurde mir klar, dass dies kein Prolog mehr war.
Das war mein neues Leben.

Ich hasse Perfektion.
Sie bietet keinen Platz für Kreation.

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Re: [EX16] Isekai no Xistence

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Kapitel 1 Erkenntnisse

Ich hatte unerwartet gut geschlafen. Vielleicht lag es daran, dass mein Körper nach all dem Chaos auf der Station so dringend Ruhe brauchte. Oder daran, dass ich tagelang unter Stress stand, ohne wirklich zu schlafen. Kein Geld, keine Wohnung, keine Vorstellung, wie es weitergehen sollte. Und jetzt? Jetzt hatte ich zumindest zwei Schritte gemacht. Na gut, eher zwei halbe. Ich hatte Geld bekommen – geschenkt, aus einem Staatsfond –, aber kein Einkommen. Ich hatte eine Unterkunft – temporär –, aber keine langfristige Sicherheit. Und die Zukunft? Die war so unbestimmt, dass allein der Gedanke daran ein Ziehen in der Brust verursachte.
Und trotzdem hatte ich etwas getan. Unterbewusst. Etwas, das ich früher niemals durchgezogen hätte. Ich lernte die interstellare Handelssprache. Ich, Tori Grau, der schon mehrere Studiengänge angefangen und wieder abgebrochen hatte, weil Lernen mir nie leicht gefallen war. Doch jetzt war es… seltsam einfach. Ich verstand die Strukturen, die Grammatik, die Logik hinter den Wörtern. Sie erinnerte mich an Deutsch, teilweise. Gleichzeitig erkannte ich englische Entlehnungen, und immer wieder tauchten japanische Suffixe und Wörter auf, die den Satzfluss veränderten. Die Schwierigkeit lag nicht in der Sprache selbst, sondern in der historischen Vermischung und dem Dialekt. Nach neun Jahrhunderten hatte sich alles verschoben. Selbst einfache Begriffe erschlossen sich mir oft nur im Kontext.
Meine Angst, dass das Geld schnell aufgebraucht sein würde, trieb mich aus dem Quartier. Ich musste mich selbstständig versorgen, notfalls improvisieren. In der Nähe meiner Übergangsunterkunft stieß ich auf einen alten, etwas zwielichtig wirkenden Argonen. Der Händler wirkte so, als würde er schon seit Jahrzehnten hier stehen, ohne dass sich jemand je um seine Lizenz kümmmert. Sein Stand war klein, unscheinbar, aber voller Waren, die aus Terran-Gebieten stammten.
Ich suchte ohne Ziel und fand etwas: Terran Tonic und Protein Slabs. Das Tonic war ein elektrolythaltiges Getränk, das Piloten zur Rehydrierung dient und angeblich jeden Flüssigkeitsverlust ausglich. Die Protein Slabs konnten angeblich ganze Mahlzeiten ersetzen, waren nahrhaft und standardisiert. Beide Produkte schmeckten nach… nichts. Mein erster Bissen des Slabs ließ mich die Augen zusammenkneifen, so neutral war der Geschmack. Doch der Effekt ließ nicht lange auf sich warten. Stundenlang kein Hunger, obwohl ich nur das Minimum gegessen hatte. Das Tonic tat, was es versprach: rehydrierte schnell und effizient. Mein Körper dankte mir, aber meine Blase machte mir klar, dass sie dafür hart arbeiten musste.
Nebenbei stolperte ich über Orbital Coffee. Der Name war Programm: Koffeinhaltig, auf Raumfahrer und Stationsbewohner zugeschnitten. Ich wollte die Wirkung spüren, ein kleines Stück Normalität aus meinem früheren Leben. Ich nahm einen Schluck, dann noch einen. Zehn Minuten später saß ich auf der Nasszelle und hielt mir den Bauch, während krampfartige Wellen durch mich gingen. Zweimal hatte ich es probiert – zweimal dasselbe Ergebnis. Mein Körper mochte es nicht. Mein Magen rebellierte sofort und jagte alles wieder hinaus.
Ich ließ die Tasse stehen und sah auf die Protein Slabs. Neutral, unscheinbar, funktional. Genau wie ich mich in dieser fremden Welt gerade fühlte. Überleben war pragmatisch. Geschmack, Komfort, Ästhetik – alles sekundär.
Ich setzte mich auf das Bett, das kleine Datenpad auf den Knien. Während ich die Handelssprache übte, fiel mein Blick immer wieder auf die Fenster, auf die blinkenden Hologramme draußen im Korridor, auf die Aliens, die geschäftig vorbeigingen. Die Teladi, Boronen, Paraniden, Split… jede Rasse erinnerte mich an meine alten Spielkenntnisse aus X. Aber das hier war real. Meine Theorie, dass die Rassen sich genauso verhielten wie im Spiel, war ein Anfang, aber nur ein Anfang. Ich durfte nicht vergessen, dass jede Handlung Konsequenzen hatte.
Zwischen Lernen, Essen, Trinken und den kleinen Alltagspflichten spürte ich eine merkwürdige Mischung aus Leere und Kontrolle. Ich konnte nichts ändern an dem, was passiert war – ich war hier, fremd, verloren. Aber ich konnte lernen. Ich konnte essen. Ich konnte überleben. Kleine Schritte. Zwei halbe Schritte.
Und während ich die Slabs kaute, die Hände vom Tonic klebrig, den Magen langsam beruhigt, dachte ich an die kommenden Tage. An die Sprachbarriere, an die fehlende Orientierung, an die Frage, ob ich mir hier jemals selbst helfen konnte.


Ich fand eine Bar, die ausschließlich argonische Getränke und Mahlzeiten anbot. Die Promenade war noch ruhig am Morgen, aber die Schilder blinkten bereits, Hologramme warben um Aufmerksamkeit. „Hyper Brew“, stand auf einem kleinen, blinkenden Display. Ich hatte schon von diesem Pulver gehört. Es ging weg wie geschnitten Brot, erzählte man mir, und tatsächlich – es war eine beliebte Wachmacher-Substanz für Bewohner von Raumstationen. Man schaufelte es sich in den Mund und spülte es mit einem Star Cola oder einem anderen Getränk herunter.
Zuhause probierte ich es zuerst. Das Gefühl war überraschend angenehm. Hellwach, konzentriert – und gleichzeitig merkte ich eine leichte Euphorie. Doch nach wenigen Stunden kam das, was ich befürchtet hatte: ein tiefer Einbruch. Müdigkeit, Unwohlsein, Kopfschmerzen. Der Drang, sofort noch mehr zu konsumieren, übermannte mich. Das war keine Hilfe für mich. Das war ein Suchtmittel. Und ich wollte nicht abhängig werden.
Also griff ich wieder zur Star Cola. Der Geschmack war süß, spritzig, fast vertraut. Ich trank es wie Wasser und spürte, wie es mich wach hielt. Doch die Konzentration ließ zu wünschen übrig. Meine Gedanken drifteten ab, sobald ich mich auf die Sprachübungen konzentrierte. Ich musste hinaus. Raus an die frische Luft – oder zumindest an die künstliche Promenadenluft der Station.
Die Stände reihten sich aneinander, jeder bot andere Waren, andere Nahrungsmittel, Getränke oder sogar seltsame Substanzen an. Ich fragte mich durch, suchte nach etwas, das mir beim Lernen half. Die meisten boten mir an, was ich bereits kannte und nicht mochte, oder was mein Körper ablehnte. Einige waren offen illegal, andere subtil. Nach einer Weile landete ich wieder bei dem zwielichtigen Argonen, bei dem ich die Terran-Produkte gefunden hatte. Er hatte nicht nur Terranerwaren, sondern auch Produkte anderer Rassen.
„Teladianisches Cola-Gel“, zeigte er mir. Zähflüssig wie Honig, mit reiner Zuckerladung. Die schwarze Masse mit den goldenen Kügelchen sah aus wie der Weltraum, doch schmeckte widerlich. Ich bekam kaum etwas hinunter. Fehlkauf.
Dann ein blau-glitzerndes Getränk von den Boronen – „N-Charge“. Und von den Split einen unscheinbaren violetten „Bloodwake Wine“. Ich ließ die Finger von allen Alien-Getränken. Mein Magen war noch nicht bereit für unbekannte Biochemie. Und ehrlich gesagt, war ich zu misstrauisch. Wie konnten so unterschiedliche Spezies diese Nahrungsmittel überhaupt verdauen?
Der Händler, immer noch zwielichtig, wies mich schließlich auf Void Juice hin. Herkunft unbekannt, Inhalt geheim. Nur soviel: aus Pilzen hergestellt, die im Inneren von Asteroiden gezüchtet wurden. Ich war skeptisch, aber probierte es.
Es war… erstaunlich.
Void Juice eröffnete mir eine neue Welt. Lernen fiel plötzlich zehnmal leichter. Star Cola hielt mich wach, die Nutri Slabs gaben meinem Körper, was er brauchte. Ich fühlte mich produktiv, klar, unaufhaltsam. Für fünf Tage.
Dann merkte ich, dass etwas nicht stimmte.
Der Händler verlangte plötzlich immer höhere Summen für die gleiche Menge Void Juice. Begründung: instabile Zucht, unregelmäßiger Nachschub. Mein Körper reagierte anders. Die Energie ließ nach. Ich griff nach einer neuen Phiole, doch meine Hände zitterten, ich konnte sie nicht richtig halten. Die Phiole fiel zu Boden und zerbrach.
Ich hörte etwas. Das Geräusch war seltsam vertraut. Plötzlich löste sich der starr gewordene Blick auf die Flüssigkeit und ich merkte: etwas stimmte nicht. Mein Herz raste. Ich wollte zur Tür. Meine Beine fühlten sich wie Gummi an. Jeder Schritt war ein Kampf. Minuten vergingen, Sekunden zogen sich ins Endlose.
Endlich stand ich an der Tür, öffnete sie – und verlor das Gleichgewicht. Nach hinten kippend spürte ich einen dumpfen Aufprall, keinen richtigen Schmerz, nur ein unangenehmes, taubes Gefühl. Mein Gesichtsfeld verschwamm. Geräusche schwankten zwischen klar und dumpf.
Umrisse formten sich, zuerst schemenhaft, dann langsam zu einem Gesicht. Nah. Zu nah. Mein Körper zuckte, als wolle er aufstehen, doch nur unkontrollierte Bewegungen waren möglich.
Etwas Warmes und Feuchtes zwischen meinen Beinen ließ mich zusammenzucken. Peinlich. Ich konnte mich kaum bewegen. Stimmen – mal klar, mal verzerrt – drangen zu mir. Ich glaubte meinen Namen zu hören.
Das Gesicht… ja, es kam mir bekannt vor. Eine Frau. Krankenschwester. Im Krankenhaus. Wer? Mein Gedächtnis kämpfte, konnte die Bruchstücke kaum zusammensetzen.
Und bevor ich das Bewusstsein verlor, begriff ich einen Moment lang mit kristallklarer Klarheit: Valentina Esposito kniete neben mir und aktivierte über ihr Armband einen medizinischen Notfall. Für wen? Mich!

Ich spürte, wie meine Sinne schwanden. Die Kälte des Bodens unter mir vermischte sich mit dem dumpfen Pochen in meinem Kopf. Mein Herz raste, und jeder Atemzug fühlte sich schwerer an als der vorherige. Die Wärme zwischen meinen Beinen ließ mich innerlich zusammenzucken, während ich mich kaum bewegen konnte. Alles um mich herum verschwamm, Stimmen, Lichter, Geräusche – nichts blieb konsistent.
Dann kam die Stimme. Klar, bestimmt, vertraut – Valentina. „Tori!“ Ihr Ton trug Dringlichkeit, aber auch Ruhe. Ich konnte nichts sagen, nicht einmal denken, dass ich sprechen wollte. Nur noch ein Reflex, ein Instinkt.
Ich fühlte, wie sie sich neben mich kniete. Ihre Hände berührten mich, tasteten nach meinem Puls, überprüften Atmung und Reaktionen. Ein leises Piepen und Klicken erfüllte meine Ohren. Ich begriff: sie bediente ihr medizinisches Armband, ein Gerät, das offenbar sofort den Notfall meldete. Dann spürte ich ein sanftes, aber kontrolliertes Ziehen an meinem Arm – Valentina führte mich, oder besser: sie stabilisierte meinen Körper.
Kleine elektrische Impulse, Temperatursonden, Messgeräte – alles wurde an mich angeschlossen. Es war unangenehm, aber nicht schmerzhaft. Langsam, sehr langsam, konnte ich wieder Atemzüge tiefer ziehen. Die Krämpfe in meinem Magen ließen nach, die Übelkeit ebbte ab. Mein Herzschlag beruhigte sich, wenn auch nur minimal.
„Bleib ruhig, Tori. Atme durch.“ Ihre Worte kamen jetzt durch das Übersetzungsgerät direkt in mein Ohr. Ihre purpurnen Augen funkelten konzentriert, während sie die Anzeigen auf dem Armband und den tragbaren Monitoren studierte. Ich konnte kaum erkennen, ob sie sprach oder mich nur beobachtete. Irgendetwas in ihrem Blick beruhigte mich dennoch.
Dann hörte ich Schritte, Geräusche von Schritten auf Metall, Stimmen, die zu schnell sprachen, um sie zu verstehen. Zwei weitere Personen – humanoid, aber nicht menschlich – traten ein. Ein kurzangespanntes Gespräch, dann wieder die Aufmerksamkeit auf mich. Valentina schirmte mich instinktiv ab, legte ihre Hand auf meine Schulter, als wollte sie sagen: Es ist alles unter Kontrolle.
Ich spürte, wie die Umgebung langsam stabiler wurde. Die Hitze, die sich zwischen meinen Beinen gebildet hatte, verschwand ebenso wie das Zittern meiner Hände. Meine Gedanken, die zuvor wirr und sprunghaft waren, fingen an, wieder geordnet zu fließen. Ich konnte wieder spüren, dass mein Körper mir gehörte – wenigstens ein bisschen.
Irgendwann merkte ich, wie alles schwerer wurde, als würde die Schwerkraft um mich herum stärker werden. Die Stimmen, die Lichter, die Geräusche – alles verschwand in einem weißen Schleier. Ich wollte schreien, wollte mich festhalten, aber es gelang mir nicht. Nur noch ein letzter Gedanke: Void …
Und dann war Stille.


Als ich die Augen öffnete, war alles anders. Ich lag in einem Bett, das weich und stabil war. Über mir ein abgedunkeltes Licht, irgendwo … indirekt, sodass es nicht blendete. Die Geräte um mich herum piepsten regelmäßig, zeigten Werte, die ich nicht alle verstand, aber die beruhigend wirkten. Mein Körper fühlte sich wieder an wie mein eigener. Kein Zittern, kein Brennen, kein dumpfes Pochen mehr.
Ich blinzelte, erkannte die vertraute, aber sterile Umgebung: ein Krankenbett, Monitore, die Wände in dezenten Farben gestrichen, alles sauber und ordentlich. Ich war zurück in der Krankenstation. Doch diesmal auf der Intensivstation. Neben mir, am Bett, stand sie – Valentina Esposito, wie immer in ihrer weißen Uniform, die petrolfarbenen Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden, die purpurnen Augen aufmerksam auf mich gerichtet.
„Du bist wieder stabil, Tori“, sagte sie, diesmal auf verständliche Weise. Ich blinzelte, noch benommen, aber endlich fähig zu verstehen. Mein Körper und Geist waren klarer, bereit, die nächsten Schritte zu tun.
Valentina stand neben meinem Bett, die Arme verschränkt, und ich fühlte sofort, dass sie ernst war. „Du hattest verdammtes Glück“, begann sie, ohne auch nur einen Moment zu zögern. Ich wollte etwas sagen, aber sie ließ mich nicht zu Wort kommen. Ihre Augen funkelten, die purpurnen Irisfarben schimmerten im gedämpften Licht der Krankenstation.
„Ich bin schon öfters bei dir vorbei gekommen“, fuhr sie fort, „aber du hast nie aufgemacht. Irgendwann habe ich mir Sorgen gemacht und beschlossen, notfalls den medizinischen Überbrückungscode zu nutzen. Meine Intuition hat sich nicht getäuscht. Du wärst beinahe gestorben.“
Ich starrte sie nur an, unfähig, einen Laut herauszubringen. Mein Körper fühlte sich immer noch wie ein Wrack an. Kreislauf, Muskeln, Geist – alles ein Häufchen Elend.
Valentina ließ jedoch nicht locker und begann sofort, mich zu schimpfen. Dabei erklärte sie mir mit klarer, unmissverständlicher Stimme die Gefahren von Void Juice:
„Void Juice wird aus seltenen Pilzen und Mikroorganismen gewonnen, die in Asteroidenhöhlen oder verlassenen Raumstationen gezüchtet werden. Die Zuchtbedingungen sind kompliziert, die chemische Zusammensetzung instabil. Daher gibt es das nur auf dem Schwarzmarkt. Manchmal wird es mit Zucker oder künstlichen Aromastoffen gemischt, damit es überhaupt genießbar ist.“
Ich hörte ihr halb zu, während mein Kopf noch dröhnte, doch sie fuhr unaufhaltsam fort:
„Die Wirkung? Kurzzeitige Wachheit und Konzentrationssteigerung – hohe Abhängigkeit bereits nach kurzer Zeit. Leichte Euphorie, minimal gesteigerte Reaktionszeit. Aber die Risiken sind enorm: Überdosierung führt zu Nervosität, Herzrasen, Schlaflosigkeit, gelegentlich Halluzinationen. Dauerhafter Konsum kann neurologische Schäden verursachen.“
Mein Herz sank. Ich hatte gehofft, dass es nur ein harmloses Wachmachermittel war. Stattdessen hörte ich nur Warnungen, die jeden Teil meines bisherigen Handelns in Frage stellten.
Valentina erklärte weiter, dass sich bereits ein Pilzbefall in meinem Magen und Darm ausgebreitet hatte. Zum Glück nur leicht, im Anfangsstadium. Kein Wunder, dachte ich, dass mein Stuhlgang in den letzten Tagen so flüssig war. Mein Magen rebellierte, und ich hatte es immer noch nicht richtig verarbeitet, dass ich selbst schuld war.
„Zum Glück ist dein Gehirn noch verschont“, fügte sie hinzu, „die Ärzte vermuten, dass deine Physiologie von der der Argonen abweicht. Das hat dich geschützt.“
Wieder vergingen Tage. Ich fühlte mich miserabel, obwohl es von Tag zu Tag minimal besser wurde. War das der Entzug? Ich wusste es nicht. Eigentlich wollte ich freundlich wirken, wenigstens ein neutrales Gesicht machen, aber meine Laune war am Boden. Wenn Ärzte oder Krankenschwestern den Raum betraten, starrte ich einfach nur vor mich hin.
Valentina kam gelegentlich vorbei. Anfangs strafte sie mich mit eiskalten Blicken. Sie war schließlich nicht meine persönliche Krankenschwester und hatte anderes zu tun. Doch mit der Zeit, und je länger sie mich beobachtete, wurde ihr Blick mitleidiger.
Als ich schließlich entlassen wurde, war sie nicht da. Ich fühlte eine leise Leere, die schwerer wog als meine körperlichen Beschwerden. Ihr Gesicht, ihre Stimme, ihre Präsenz – alles hatte mir Sicherheit gegeben. Nun war ich wieder allein, aber vielleicht, dachte ich, würde ich es ohne sie schaffen.


Ich trat aus den Türen der Krankenstation in den künstlichen Garten hinaus. Die Sonne schien blendend durch transparente Wände, das Licht spiegelte sich auf den metallischen Oberflächen der Gehwege und den Kuppeln über den Pflanzen. Alles war perfekt arrangiert, steril schön, doch ich konnte mich nicht über die Farben, die Düfte oder die futuristischen Gerätschaften freuen. Stattdessen spürte ich einen kalten Schauer über meinen Rücken laufen.
Hier draußen, zwischen den akkurat gezüchteten Bäumen und den leuchtenden Sträuchern, wurde mir etwas Unumstößliches bewusst: Das hier ist keine Geschichte, in der ich ein Held bin. Keine Animewelt, kein Manga-Abenteuer. Ich besitze keine übernatürlichen Kräfte, keine unendliche Energie, kein magisches Inventar, in dem sich unzählige Heiltränke stapeln, kein Statusfenster, das mir die Welt erklärt oder Warnungen gibt. Nichts von alledem. Nur ich – ein durchschnittlicher junger Mann, der vor zwei Wochen noch in einer vertrauten Realität gelebt hatte.
Mein Herz begann schneller zu schlagen, während ich mich umsah. Jeder Schritt auf den metallisch glänzenden Platten des Gartens fühlte sich plötzlich wie ein Risiko an. Ein falscher Tritt, und ich könnte stolpern. Eine unachtsame Bewegung, und wer weiß, welche Konsequenzen das in dieser Welt hätte. Es gab keine Gnade für Fehler, keine Rückspultaste, keine zweite Chance.
Ich dachte an Void Juice, an Star Cola, an die Nutri Slabs. Alles hatte mir bisher geholfen oder geschadet, aber hier draußen war ich ein Nichts. Meine Augen scannten die Umgebung, registrierten die Sicherheitskräfte, die vorbeigingen, die Rassen, die sich zwischen den Gehwegen bewegten. Jede Bewegung wirkte plausibel tödlich, jede Begegnung unvorhersehbar.
Und in diesem Moment wurde mir klar: Ich muss alles neu lernen, Schritt für Schritt, allein. Selbst einfache Dinge, die früher selbstverständlich waren – laufen, atmen, Nahrung finden, mich vor Gefahren schützen – konnten hier schon den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten. Es war kein Spiel mehr. Kein Training, kein Tutorial. Die Regeln dieser Welt waren gnadenlos, und niemand wird mir sagen, wann ich scheitern würde.
Ich sank auf eine der Bänke zwischen den künstlichen Bäumen und ließ den Blick über den Garten schweifen. Mein Puls beruhigte sich nur langsam, aber die Erkenntnis blieb: Jeder Fehler ist final. Jeder Fehltritt könnte das Ende bedeuten. Keine Statistik, kein Levelaufstieg, keine Schutzmechanismen. Nur mein Körper, mein Geist – und die gnadenlose Realität dieser Welt.
Und ich war nicht vorbereitet. Nicht annähernd.


Ich zuckte zusammen, als ich die Hand auf meiner linken Schulter spürte. Ein Blitz fuhr durch meinen Körper, mein Herz setzte einen Schlag aus, und ich fuhr hoch, als hätte mich der Blitz selbst getroffen. Meine erste Reaktion war pure Angst. Ein Überfall? Eine Entführung? Jemand, der mir etwas antun wollte?
Doch als ich aufsah, erkannte ich Valentina. Ihre Augen waren weit geöffnet, die Stirn leicht gerunzelt. Besorgnis in jeder Bewegung. „Tori, wie geht es dir?“, fragte sie. Nur diese eine, einfache Frage löste etwas in mir aus. Etwas, das ich lange unterdrückt hatte.
Plötzlich brach alles über mir herein. Die Fassade, die ich tagelang aufrechterhalten hatte, zerbarst. Ich fühlte, wie Tränen meine Wangen hinunterliefen, während die Angst, die sich in den letzten Tagen in mir aufgestaut hatte, sich Bahn brach. „Ich… ich weiß nicht…“, stammelte ich, doch die Worte wurden von Schluchzern verschluckt. Ich erzählte ihr alles. Von meiner Erkenntnis über diese Welt, dass hier niemand Held war. Dass jeder kleine Fehler tödlich sein konnte. Dass ich keine speziellen Kräfte, keine magischen Werkzeuge, kein Inventar und kein Statusfenster hatte. Ich sprach über meine Angst vor der Zukunft, vor dem Universum, vor den Menschen, Aliens, vor allem.
Valentina versuchte, mich mit Worten zu beruhigen, doch ich hörte nur noch ein Rauschen, ein Echo meiner eigenen Angst. Schließlich seufzte sie und zog ein kleines Injektionsgerät aus ihrer Tasche. „Das wird dir helfen, dich zu stabilisieren“, sagte sie und gab mir eine Dosis Beruhigungsmittel. Ich spürte, wie sich die Panik langsam zurückzog, wie ein schwerer Mantel, der mir von den Schultern genommen wurde.


Kurz darauf öffnete sich die Welt um mich herum wieder. Ich wachte in einem Krankenhauszimmer auf, diesmal auf der neurologischen Abteilung. Ich war nicht auf der Intensivstation – das war ein tröstlicher Gedanke, so absurd es auch war. Mein Körper fühlte sich schwer, aber stabiler an. Ich atmete tief durch, spürte die Realität meiner Lage und gleichzeitig die Sicherheit, die der sterile Raum mir bot.
Nach einem erholsamen Schlaf – ich wusste nicht einmal, wie lange ich geschlafen hatte – betrat Tahl Brenna das Zimmer. Diesmal trug er keine Rüstung. Seine Uniform war stilvoll: dominierend schwarz, durchsetzt mit blauen und grünen Elementen. Ich konnte nicht umhin, ein leises Kompliment zu flüstern, das Tahl mit einem Nicken und einem kurzen Lächeln quittierte, bevor er zum Grund seines Besuchs kam.
Er wollte wissen, von wem ich das Void Juice erhalten hatte und wo man das Individuum finden konnte. Mit einer professionellen Ruhe überreichte er mir ein Datenpad. „Schreib alles auf“, sagte er. „Jede Information, jede Beobachtung.“
Ich begann sofort alles zu dokumentieren, nachdem Tahl gegangen war: nicht nur die Orte und Zeiten, sondern auch das Aussehen des zwielichtigen Argonenhändlers, der in der Nähe meines Quartiers operierte, und die anderen Händler, die ich in der letzten Woche besucht hatte.
Ich konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. Absurderweise hatte ich seit meiner Ankunft mehr Zeit im Krankenhaus verbracht als draußen. Die Realität war gnadenlos, die Tage hier fühlten sich an wie ein Spiel auf Ultimate-Hell-Schwierigkeitsgrad mit Dead-is-Dead-Modus: ein einziger Fehler konnte das Ende bedeuten, es gab keine manuelle Speicherung. Ein Gedanke, der mir eiskalt den Rücken hinunterlief.
Ich blieb noch zwei weitere Tage unter Aufsicht im Krankenhaus. Offenbar hatten sie Angst, dass ich mir selbst etwas antun könnte. Ich wusste, dass ich mein eigenes Leben schätzte, dass die Angst vor dem Tod mich wach hielt. In der Zwischenzeit wurden Scans gemacht: ich war kein Argone, meine Biologie war nur knapp kompatibel. Terranerblut war selten, und kaum jemand konnte damit wirklich Vergleiche anstellen.
In diesen Tagen kam mir der Gedanke, dass ich vielleicht eines Tages die Terraner selbst besuchen sollte. Wie würde die Erde hier aussehen? Wie die Menschen? Gleichzeitig wusste ich, dass es teuer und gefährlich sein würde.
Als ich schließlich entlassen wurde, stand Tahl Brenna erneut neben mir. Diesmal führte er mich zum Sicherheitsbüro, und ich konnte kaum glauben, was geschah: 50.000 Credits wurden meinem Konto gutgeschrieben. Mein Mund klappte auf. „Mit den Informationen, die du gegeben hast“, erklärte Tahl, „konnten wir nicht nur einen Dealer, sondern gleich einen ganzen Ring schnappen.“
Plötzlich trat Valentina hinzu, diesmal in ziviler Kleidung, dezent, unauffällig, aber unverkennbar. Sie würde mich abholen. Mein Herz setzte einen Schlag aus, als Tahl erklärte: „Ich werde euch fliegen.“
„Fliegen?“ fragte ich, die Stimme unwillkürlich zittrig.
„Von der Handelsstation Alpha 1 zum Planeten Argon Prime“, erklärte Tahl sachlich. „Du wirst in einem Safehouse untergebracht, weil du als Zeuge die Beschuldigten identifizieren sollst. Valentina wird ebenfalls dabei sein, um belastende Beweise deiner Untersuchungen vorzulegen.“
Mein Herz raste. Panik kroch sofort wieder hoch. Würde mich jetzt eine kriminelle Organisation verfolgen? Würde ich sterben, bevor ich überhaupt eine Chance bekam, mich anzupassen? Ich wollte zurück in meine Realität. Zurück in die Sicherheit meines Zimmers, zu den simplen Sorgen des Alltags, wo ich nicht um mein Leben fürchten musste. Höchstens um das digitale, in meinen Spielen.
Aber ich wusste: Es war zu spät. Diese Realität hier war gnadenlos, und sie machte keine Pause für Tränen oder Angst.

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Kapitel 2: Strange New World

Ich wurde von Tahl und einer Handvoll seiner Männer quer durch die Raumstation eskortiert. Sie trugen ihre vollständigen Rüstungen, schwer, kantig, funktional, und waren sichtbar bewaffnet. Die Waffen wirkten nicht wie Abschreckung, sondern wie eine nüchterne Notwendigkeit. Valentina war ebenfalls bei uns. Wenn sie Angst hatte oder sich unwohl fühlte, ließ sie es sich nicht anmerken. Ihr Gang war ruhig, kontrolliert, beinahe routiniert.
Ich dagegen zuckte bei jedem Lichtspiel, bei jedem Schatten, der sich an den metallischen Wänden der Korridore brach. Mein Körper reagierte schneller als mein Verstand.
Wir mieden die offenen Wege der Raumstation. Keine Promenaden, keine Händler, keine dicht gedrängten Massen unterschiedlichster Spezies. Stattdessen führten uns schmale Wartungskorridore durch das Innere der Station. Kabelstränge verliefen offen an den Wänden, dicke Rohre pulsierten leise, und irgendwo tropfte regelmäßig Kondenswasser auf den Boden. Tahl ging an der Spitze. Ab und zu hob er eine Hand, formte ein Zeichen, und seine Leute reagierten sofort. Niemand sprach ein Wort.
Ich ließ meine Gedanken treiben. War ich wirklich so sehr in Gefahr? Niemand kannte mich. Ich war kein Politiker, kein Militär, kein Händler mit Einfluss. Ich war ein Niemand. Warum also dieser Aufwand? Warum diese Umwege? Warum nicht einfach zu den regulären Andockbuchten?
Oder unterschätzte ich die Organisation, in deren Angelegenheiten ich hineingeraten war? War der gesprengte Drogenring nur ein kleiner Teil von etwas Größerem? Etwas, das bereit war, einen Zeugen verschwinden zu lassen?
Ich wollte fragen. Mehrmals. Doch jedes Mal blieb mir die Stimme im Hals stecken. Die Spannung in der Gruppe war greifbar, und ich hatte das Gefühl, dass jedes unnötige Wort hier fehl am Platz war.
Die Zeit verging quälend langsam, doch nichts geschah. Keine Alarme, keine Schüsse, keine plötzlichen Bewegungen. Schließlich erreichten wir unser Ziel. Eine unscheinbare Schleuse öffnete sich, und ich betrat zusammen mit Tahl und Valentina einen kompakten Personentransporter. Die übrigen Sicherheitskräfte verteilten sich auf Begleitjäger.
Alle Schiffe hatten eines gemeinsam. Abgesehen vom klar erkennbaren argonischen Design waren sie in einem dunklen, fast nachtblauen Farbton lackiert, mit sekundären Akzenten in tiefem Grün. Erkennung, nicht Zierde. Es waren Polizeischiffe.

Als der Personentransporter startete, zog sich mein Magen leicht zusammen. Kein ruckartiger Schub, kein dramatisches Dröhnen – eher ein gleichmäßiges Anheben, das sich falsch anfühlte, weil mein Körper etwas anderes erwartete. Als wir die Handelsstation verließen, spürte ich, wie mein eigenes Gewicht nahezu verschwand.
Ich war froh, dass man mich vorher angewiesen hatte, mich hinzusetzen und anzuschnallen. Ohne Raumanzug trug ich keine Magnetstiefel, hatte also keine Möglichkeit, mich im Schiff frei zu bewegen. Ein kurzer, irrationaler Gedanke schoss mir durch den Kopf: Was, wenn ich mich losriss und einfach davontrieb?
Durch ein Bullauge blickte ich hinaus. Die runde Form der Handelsstation kam mir plötzlich vertraut vor. Sie erinnerte eher an ein gigantisches Rad als an die abstrakten Konstruktionen aus Filmen und Serien. Erst jetzt begriff ich, warum ich mich dort hatte ganz normal bewegen können. Die Station rotierte um ihre eigene Achse. Die entstehende Fliehkraft erzeugte eine künstliche Schwerkraft.
Ein simples Prinzip. Und doch hatte ich mir darüber nie Gedanken gemacht.
Hier, in diesem Schiff, gab es diese Rotation nicht. Keine Fliehkraft, keine simulierte Erdähnlichkeit. Schwerelosigkeit. Und deshalb Magnetstiefel, Haltegurte, andere Lösungen. Die Realität war nicht spektakulär. Sie war funktional.
Ich schluckte.
Das hier war keine Geschichte über Helden. Keine Bühne für große Gesten oder übermenschliche Fähigkeiten. Das war eine Welt, die funktionierte – oder einen zermalmte, wenn man nicht aufpasste.
Und ich war vor nicht allzulanger Zeit erst angekommen.

Ich starrte weiter auf einen fernen blauen Nebel. Die vorbeiziehenden Schiffe wirkten wie winzige Punkte, die Raumstationen nur als ferne Striche im Nichts. Es war eine nüchterne, beinahe brutale Perspektive: alles, was in Filmen oder Spielen als nah und greifbar dargestellt wird, war in Wirklichkeit so weit entfernt, dass das Auge kaum noch etwas erfassen konnte. Ich musste mich zwingen, das richtig einzuordnen, sonst würde mir die Dimensionen des Raums nicht klar werden.
Langsam lehnte ich mich zurück, versuchte, die Panik ein wenig abzuschütteln, und spähte vorsichtig in das Cockpit. Meine Fragen drängten sich auf, Fragen, die ich schon seit der Station auf der Zunge hatte: „Warum haben wir die Geheimgänge benutzt? Vor wem fliehen wir?“
Tahl antwortete ohne sichtbar zu sein, seine Stimme fest wie immer. „Wir fliehen nicht. Sicherheit steht an erster Stelle. Vor allem, weil eine Gelegenheit wie diese selten ist – und vermutlich nicht wiederkommt.“ Ich spürte, wie meine Schultern sich etwas entspannten, doch die Worte waren nur ein dünner Schutz gegen meine innere Unruhe.
Er erklärte, dass die Sicherheitsbehörden der argonischen Föderation seit Jahren gegen illegale Geschäfte vorgehen und kleine bis größere Ringe aushoben. Doch trotz ihrer Bemühungen füllten sich die Lücken schnell wieder. Das System war komplex, durchlöchert wie ein Netz, in dem immer irgendwo Piraten oder Schmuggler durchrutschten.
Valentina meldete sich erstmals zu Wort. Sie wirkte ruhig, sachlich, aber ich konnte in ihren Augen die Skepsis erkennen. Sie glaubte nicht blind, was die offiziellen Meldungen über Sicherheit und Frieden behaupteten. Im Kerngebiet der Föderation, hier auf Argon Prime und im Orbit, seien Verbrechersyndikate kaum aktiv – das zumindest war ihr Eindruck.
Tahl brummte nur zustimmend. Dann sprach er: „Die Regierung und Behörden wollen ein Bild des friedlichen Kernsektors vermitteln. Doch der Schein trügt, sie sind hier. Subtil, nicht offen.“
Valentina hakte nach: „Wer steckt dahinter?“
Tahl schwieg einen Moment. Ob er die Antwort nicht kannte oder abwog, wie viel er preisgeben durfte, war mir unklar. „Man weiß es nicht genau. Alles läuft über Strohmänner, Hintermänner. Meistens über mehrere Akteure. Deshalb ist es schwer, jemanden dingfest zu machen.“
Ich wagte die direkte Frage: „Aber Namen gibt es doch?“
Keine Antwort.
Valentina warf zwei Worte in den Raum: „Yaki… Freie Liga von Hatikvah.“
Tahl schnaubte nur, ohne Kommentar.
In mir setzte ein merkwürdiges Déjà-vu ein. Ich kannte diese Begriffe aus dem Lore, aber hier? Alles fühlte sich realer an, schmerzlicher. Ich fragte Valentina leise, ob die Yaki reine Piraten seien, so wie die Hatikvah. Sie antwortete ihm gegenüber sitzend, während der Planet Argon Prime das Bullauge ausfüllte.
„Die Yaki sind die üble Sorte von Piraten. Frachterüberfälle, Geiselnahmen und anschließend Sklavenhandel, wenn kein Lösegeld gezahlt wird. Hatikvah hingegen… Piraterie konnte dort nicht nachgewiesen werden. Es ist ein Stadtstaat innerhalb der argonischen Föderation.“
Ich horchte auf. Ich hatte so von Hatikvah noch nie gehört. Also Unterschied sich die Lore vom Spiel von dieser Realität! Ich schwieg, um mein Wissen nicht preiszugeben. Oder Unwissen - je nach dem.
Valentina fuhr fort: „778 NAZ wurden alle Sprungtore vom alten Volk deaktiviert, die diese vor Millionen von Jahren gebaut hatten. Niemand hat sie je gesehen. 809 NAZ wurden sie wieder aktiviert – teilweise anders verbunden. Die politische Lage ist sehr angespannt. Sternensysteme, die vorher benachbart waren, liegen plötzlich mehrere Sprünge entfernt. Einige mitten im Territorium anderer Spezies.“
Ich rechnete im Kopf um, da ich das Zeitsystem erst gelernt hatte: 778 NAZ entsprach 2947 terranischer Kalender, 809 NAZ war 2973. Und wir? Das Jahr? Ich wusste es nicht und schwieg. Vielleicht würde ich Tahl oder Valentina irgendwann danach fragen. Vielleicht würde ich es vermeiden können mich zu blamieren, indem ich die Nachrichten verfolgte.
Ich starrte wieder hinaus ins All. Die Realität war gnadenlos. Keine Spielmechanik, kein Inventar, keine Statusfenster. Jeder kleine Fehler konnte tödlich sein. Mein Herz pochte, während ich versuchte, die Zahlen, Namen und Ereignisse zu sortieren. Die Schwerkraft des Raumes war künstlich, die Bewegung an Bord noch ungewohnt, und trotzdem… fühlte ich mich lebendig. Aber klein. Unglaublich klein in diesem unendlichen, unberechenbaren Kosmos.

Nichts desto trotz hatte das, was Tahl und Valentina gesagt hatten, mir nur einen Rahmen gegeben. Ich wusste nun ungefähr, in welches Netz ich hineingestolpert war – unabsichtlich, ohne Vorbereitung, ohne Chance auf Rückzug. Waren es wirklich die großen Syndikate, die hinter mir her waren? Sogar ein zwielichtiger Stadtstaat? Die Gedanken wirbelten in meinem Kopf, während ich versuchte, das Gefühl der Kontrolle zu behalten, das mir schon lange abhandengekommen war.
Plötzlich begann das Schiff zu zittern. Mein Magen krampfte sich zusammen, Panik kroch mir über den Rücken. Ich griff nach der Lehne meines Sitzes, während Valentina mir gegenüber ruhig blieb und leise beruhigend sprach. Tahl, der vorne im Cockpit stand, ließ seine Stimme erklingen: „Entspannt euch. Keine Gefahr. Wir sind nach ungefähr einer Stunde Flugzeit in die Atmosphäre eingetreten und setzen nun zur Landung an.“
Ich wandte meinen Blick zum Cockpit. Vereinzelt züngelten Flammen an der Hülle entlang, das Licht reflektierte in den Bullaugen. Das Schauspiel war gleichermaßen beängstigend und faszinierend. Aus dem Fenster neben mir konnte ich die Turbulenzen am Rand der Atmosphäre erkennen, während Valentina erstaunlich gelassen wirkte. Für mich hingegen war alles neu. Ich hatte nie ein Flugzeug bestiegen, geschweige denn ein Raumschiff durch die Atmosphäre manövriert.
Doch ebenso schnell, wie das Zittern begonnen hatte, war es vorbei. Während des atmosphärischen Durchgangs konnte ich beobachten, dass die Schilde nur wenige Zentimeter von der Hülle entfernt glitten. Das Wabern und Glitzern der Energie hatte etwas Hypnotisches; es beruhigte mich mehr, als ich erwartet hatte. Die Schwerkraft setzte ein, spürbar anders als auf der Erde – etwas weniger stark, aber ausreichend.
Tahl überließ den Rest dem Autopiloten und kam zu uns ins Heck. „Schnallt euch ab“, befahl er. Valentina und ich sahen uns verwirrt an. Normalerweise blieb man während des atmosphärischen Flugs angeschnallt – Turbulenzen waren gefährlich. Doch während er an der Rückwand hantierte, glitt die Verkleidung zur Seite und ein kleines Podest kam zum Vorschein. Valentina erkannte es sofort. „Ein Teleporter!“, rief sie.
Tahl erklärte, dass wir nun alle drei auf die Planetenoberfläche teleportieren müssten, um potenzielle Verfolger zu täuschen. Der Personentransporter würde um den halben Planeten fliegen und in einer völlig anderen Stadt landen, sodass niemand den wahren Zielort erahnen konnte.
Mein Bauch zog sich zusammen. „Ich werde mich bestimmt nicht in Trilliarden von Atomen zerlegen lassen!“, protestierte ich instinktiv.
Tahl runzelte die Stirn, dann korrigierte er: „So funktionieren Teleporter nicht. Sie krümmen den Raum um einen herum und versetzen dich direkt von einem Ort zum anderen.“
Wieder einmal wurde mir bewusst, dass diese Realität sich fundamental von allem unterschied, was ich aus Spielen kannte.
Valentina, Tahl und ich traten auf die Plattform.

Nur wenige Sekunden später standen wir knöcheltief im Wasser an einem Strand, umringt von dichtem Wald. Ich blickte nach unten und spürte das kalte, feuchte Wasser – wir standen nicht auf Sand, sondern am Rand im See.
Valentinas Stimme schnitt durch die Stille: „Sind Sie wahnsinnig? Das hätte uns umbringen können!“ Sie wirkte kurz davor, die Kontrolle zu verlieren, ihr Puls war sichtlich erhöht.
Tahl machte eine entschuldigende Geste. „Es tut mir aufrichtig leid. Man sollte Teleporter zur Sicherheit nur im Stillstand benutzen, um Delokalisierungen zu vermeiden.“
Valentina schnaubte verächtlich. „Delokalisierung? So nennen Sie es, wenn man potentiell in einem Baum, Felsen oder sonstigem Objekt materialisiert?“
Tahl blieb ruhig. „Solche Manöver wurden schon öfter durchgeführt.“
„Wie oft ging es schief?“ – Valentinas Frage blieb unbeantwortet. Das war genug, um ihre Skepsis zu bestätigen.
Ich stand still, knöcheltief im kalten Wasser, und spürte erneut, wie schwer meine Lage war. Jede Bewegung, jeder Gedanke konnte Konsequenzen haben, die ich nicht abschätzen konnte. Kein Spielmechanismus, keine Kontrolle, kein Zurücksetzen. Nur die gnadenlose Realität, kalt und klar, wie der Wald und das Wasser um uns herum.

Tahl tippte an dem Gerät an seinem Handgelenk herum und meinte dann ruhig, dass wir uns noch ein paar Minuten gedulden müssten, bis wir abgeholt würden.
Wir zogen uns an den Rand des Waldes zurück. Die Sonne stand hoch und es war warm, beinahe angenehm. Das Wasser, in dem wir zuvor knöcheltief gestanden hatten, verdunstete schnell von Schuhen und Hosenbeinen. Trotzdem forderte Tahl uns auf, im Schatten zu bleiben. Er sei sich zwar sicher, dass es keine Verfolger gebe, aber Vorsicht sei in unserem Fall keine Option, sondern Pflicht.
Ich fragte laut in die Runde, an niemanden direkt gerichtet, ob es hier gefährliche Tiere gäbe. Valentina schüttelte den Kopf. Sie erklärte, dass sie zwar nicht auf diesem Teil von Argon Prime aufgewachsen sei, in der Schule aber im Fach Ökologie aufgepasst habe. Wir befänden uns auf einem der südlichen Kontinente, wo es keine größeren Tiere gebe. Weder Pflanzen- noch Fleischfresser, zumindest keine, die einem Argonen gefährlich werden könnten. Ich registrierte den Zusatz „einem Argonen“ und ließ ihn unkommentiert.
Kurz darauf tauchte ein Gleiter auf, ebenfalls in der mir inzwischen vertrauten blau-grünen Farbgebung der Polizei. Mir kam es viel zu offensichtlich vor, mit so einem Fahrzeug hier herumzufliegen. Tahl winkte ab. Wir befänden uns nur wenige Kilometer von einer Stadt entfernt, und dieses Gebiet gelte als Schutzgebiet. Polizeipatrouillen seien hier nichts Ungewöhnliches.
Ich fragte nach dem Grund. Nicht, weil es mich wirklich interessierte, sondern weil ich das Gespräch am Laufen halten wollte. Ablenkung war besser, als mich darauf zu konzentrieren, dass wir flogen, auch wenn ich im Inneren des Gleiters später keine einzige Turbulenz spüren sollte. Tahl erklärte, dass sich hier oft Argonen aufhielten – und in seltenen Fällen auch Angehörige anderer Spezies –, die sich in die Schutzzone zurückzogen, um hier zu überleben. Er stockte bei dem Wort, als hätte er mehr sagen wollen, entschied sich dann aber dagegen. Ich konnte mir nur vage vorstellen, was er meinte.

Wenige Minuten vergingen schweigend. Der Gleiter setzte sich in Bewegung, und unter uns breitete sich die Stadt aus. Sie war gewaltig. Keine einzelne Ansammlung von Hochhäusern, sondern ein vielschichtiges Geflecht aus Ebenen, Plattformen und schwebenden Verkehrsachsen. Türme aus Glas, Metall und mir unbekannten Materialien ragten in den Himmel, verbunden durch Brücken, Röhren und schwebende Korridore. Lichtbänder zogen sich wie Adern durch die Architektur, mal kalt und funktional, mal warm und dekorativ. Auf mehreren Höhenebenen bewegten sich Gleiter, dicht, aber geordnet. Die meisten wirkten zivil, unauffällig. Dazwischen tauchten immer wieder Fahrzeuge auf, deren Form und Farbgebung mich unweigerlich an Polizei, Feuerwehr oder Rettungsdienste erinnerte. Auch hier schien es Strukturen zu geben, die meiner eigenen Realität nicht unähnlich waren.
Der Polizeigleiter landete schließlich auf dem Dach eines Gebäudes, das dieselbe Farbgebung trug wie alle argonischen Sicherheitseinheiten, die ich bisher gesehen hatte. Niemand hielt sich damit auf, irgendetwas zu betrachten. Wir gingen direkt zu den Aufzügen und fuhren hinab in eine unterirdische Garage. Dort wartete bereits ein Fahrer und bedeutete uns wortlos, ihm zu folgen. Er führte uns zu einem unscheinbaren zivilen Fahrzeug, kaum zu unterscheiden von denen, die wir zuvor aus der Luft gesehen hatten. Erst als wir alle drei im hinteren Bereich Platz genommen hatten, stieg er in die Fahrerkabine. Dann setzte sich das Fahrzeug lautlos in Bewegung.

Am Stadtrand hielten wir schließlich vor einem Anwesen. Die Villa war klein, zumindest im Vergleich zu dem, was ich bisher gesehen hatte, aber eindeutig futuristisch. Klare Linien, helle Materialien, große Glasflächen, die von dunklen Rahmen eingefasst wurden. Das Gebäude schmiegte sich eher in die Umgebung, als sie zu dominieren. Teile der Fassade wirkten lebendig, als würden sie auf Licht und Temperatur reagieren. Dezente Beleuchtung zeichnete Konturen nach, ohne aufdringlich zu wirken.
Wir stiegen aus und verabschiedeten uns vom Chauffeur, der jedoch keine Anstalten machte, wieder abzuheben. Stattdessen nahm er Mütze und Sonnenbrille ab. Erst jetzt erkannte ich, dass es sich um eine Frau handelte. Sie stellte sich als Gal Connar vor, Agentin des argonischen Geheimdienstes.
Sie hatte kurzes, platinblondes Haar, das ihr Gesicht klar freilegte, in dem zwei eisblaue Augen uns anblickten. Ihre Gesichtszüge waren markant, fast kantig, mit einem entschlossenen Ausdruck, der keine Zweifel zuließ. Die Haltung war entspannt, aber kontrolliert, wie bei jemandem, der es gewohnt war, beobachtet zu werden und selbst zu beobachten. Sie wirkte wie eine Person, die auch ohne Worte Autorität ausstrahlte.
Gal führte uns ins Innere der Villa und händigte uns Keycards aus, mit denen wir jederzeit hinein- und hinausgelangen konnten. Gleichzeitig legte sie Valentina und mir nahe, genau das nicht zu tun. Zum einen sei es nicht nötig, da hier für alles gesorgt werde. Zum anderen wolle man kein Risiko eingehen. Auch wenn es möglicherweise übertrieben sei, wolle man diesen Erfolg nicht gefährden.
Im Inneren setzte sich der Eindruck von außen fort. Offene Räume, klare Strukturen, eine Mischung aus Funktionalität und zurückhaltendem Komfort. Möbel schienen eher integriert als aufgestellt, Oberflächen reagierten auf Berührung, Licht passte sich automatisch an. Große Fensterfronten boten einen Blick auf die Stadt und die umliegende Landschaft, ohne dass man sich ausgestellt fühlte. Alles wirkte ruhig, abgeschirmt, beinahe steril – ein Ort zum Verstecken, nicht zum Leben.
Die Sonne begann unterzugehen, und tauchte den Himmel in warme Farben. Gal verabschiedete sich, ebenso Tahl. Bevor ich wirklich begriff, was geschah, waren beide verschwunden. Zurück blieb ich allein mit Valentina.
Das behagte mir nicht. Ich hatte kaum Erfahrung im Umgang mit Frauen, und mein Einzelgängertum saß tief. Ohne nachzudenken, platzte es aus mir heraus: "Ich schlafe auf der Couch!" Erst danach wurde mir bewusst, dass diese Villa mehr als zwei Schlafzimmer hatte. Peinlich berührt zog ich mich in eines davon zurück, schloss die Tür hinter mir ab und trat an die Glasfront.
Draußen versank die Sonne hinter der Stadt. Das Licht ließ die Gebäude so wirken, als stünden sie in Flammen. Ich blieb lange stehen, bis die Farben verblassten. Erst viel später fand ich Schlaf.

Ich hasse Perfektion.
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Re: [EX16] Isekai no Xistence

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Kapitel 3 - Dämmerung

In der Zwischenzeit hatte es mehrfach an der Tür geklopft, aber ich ignorierte es. Irgendwann war Ruhe eingekehrt. Die Sterne hatten sich über das Firmament ausgebreitet, und Lunas, der eisige Mond von Argon Prime, war mein einziger Begleiter.
Im Schlafzimmer hatte ich Zugriff auf etwas, das in meiner Realität dem Internet glich, nur viel größer und nicht nur auf Argon Prime beschränkt, sondern auf die ganze Föderation. Es hieß FIN, Federal Information Network. Mit meinen argonischen Kenntnissen konnte ich tatsächlich ohne Hilfe das meiste entziffern. Die Handelssprache bereitete mir hingegen noch immer Schwierigkeiten. Trotzdem war ich froh, dass ich zumindest eine Sprache beherrschte – momentan die wichtigste für mich.
Ich holte mir die wichtigsten Informationen aus dem Netz: Die Sonne hieß Sonra und war ein gelber Stern. Argon Prime war ihr vierter Planet, es gab kaum Salzwasser. Lunas war der einzige Mond von Prime und vereist, was zum Abbau freigegeben war. Die Hauptstadt hieß Argonia City, aber ich befand mich in Nathania, einer kleineren Stadt, die vorwiegend touristisch und gesundheitlich geprägt war.
Immer wieder fielen mir die Augen zu, doch als ich nach draußen sah, stand Lunas riesig hoch am Sternenhimmel. Es war kurz vor 25 Uhr – Mitternacht auf Argon Prime –, als ich einschlief.

Als ich wieder aufwachte, war es bereits zehn Uhr vormittags. Die Sonne, Sonra, weckte mich unsanft, ihre Strahlen fielen direkt in mein Gesicht. Mir wurde bewusst, dass ich vergessen hatte, die Fensterfront undurchsichtig zu stellen. Ich hatte diese Funktion gestern noch herausgefunden, aber gleich wieder vergessen, weil andere Gedanken meine Aufmerksamkeit verlangten.
An der Tür hämmerte es, und Valentinas Stimme drang unkenntlich herein. Ich hatte noch meine Straßenkleidung beim Schlafen an und sah dementsprechend aus. Ich wollte mich umdrehen und weiterschlafen, doch Valentina war derart vehement, dass sie beinahe die Tür einzuschlagen schien. Ich bezweifelte zwar, dass sie es schaffen würde, aber allein das Geräusch machte mich wach. Unausgeschlafen und ungewaschen stand ich auf und entriegelte die Tür. Sie glitt zur Seite, und aus zusammengekniffenen Augen sah ich Valentina an. Sie zuckte vor Schreck zurück und musterte mich.
„Hast du nicht geschlafen?“ fragte sie.
„Doch, aber zu wenig“, antwortete ich.
Valentina wich angeekelt zurück. „Du solltest dich dringend waschen.“
Ich nickte und schloss die Tür wieder. Noch immer müde trottete ich zum Badezimmer, das ich vom Schlafzimmer aus erreichen konnte. Es war geräumig und bot jeden Luxus, den man sich wünschen konnte – zumindest vermutete ich das. Die meisten Funktionen kannte ich nicht und sie waren nicht beschriftet, und ich hatte keine Lust, Handbücher zu wälzen.
Eine Sache half mir: eine dumme, integrierte KI. KIs waren bei allen Spezies der Gemeinschaft der Planeten verboten, weil unkontrolliertes Wachstum in der Vergangenheit katastrophale Folgen hatte. In der GdP gab es nur regulierte, dumme KIs. Eine davon war hier im Haus installiert und erfüllte alle Wünsche, soweit ihre Programmierung reichte.
„Ich möchte ein heißes Bad nehmen und mir die Zähne putzen“, sagte ich.
Eine genderneutrale Stimme bestätigte und fragte nach der gewünschten Temperatur des Badewassers. Ich nannte sie und setzte zugleich etwas in den Mund, das wie eine Zahnprotese wirkte. Es vibrierte beim Putzen. Anfangs kitzelte es und ich wollte es wieder herausnehmen, doch dann ließ das Vibrieren nach und es fühlte sich überraschend angenehm an. Währenddessen lief das Wasser ein, und ich entledigte mich meiner Kleidung. Ich legte sie in den dafür vorgesehenen Behälter. Kaum war ich nackt, verschwand der Behälter und begann die Reinigung, während ein anderer Behälter frische Kleidung brachte. Ich fragte mich, wie die KI wusste, welche Größe mir passen würde – wahrscheinlich hatte das Haus überall Sensoren.
Hah, dachte ich, in Deutschland wäre das ein Fall für die DSGVO.
Über eine Stunde später stand ich frisch gepflegt und angezogen vor dem Spiegel. Meine Zähne waren so weiß wie nie zuvor. Ich lächelte und wurde fast geblendet vom eigenen Spiegelbild. Ich setzte mich auf einen kleinen Hocker, als ein Bot durch eine kleine Klappe in der Wand hereinkam. Ich hatte ihn bestellt, um meine Haare schneiden zu lassen. Der Bot scannte mich kurz und begann dann, meine Haare nach meinen Anweisungen zu schneiden. Nur wenige Minuten später waren sie auf neun Millimeter gestutzt.
Was mir jedoch auffiel, waren die tiefen Augenringe. Ich verlangte von der Haus-KI etwas dagegen. Wieder kam der kleine Bot herein und brachte eine Creme. Ich schmierte sie ins Gesicht und fühlte mich nicht nur erfrischt, sondern regelrecht wach. Kurz dachte ich an Void Juice und beobachtete den Bot mit einem unangenehmen Nachgeschmack, den mir diese Erinnerung hinterließ.
Ich sah an mir herunter und bemerkte, wie sehr sich meine Kleidung von dem unterschied, was ich sonst trug. Alles wirkte modern, minimalistisch und funktional, fast schon futuristisch, aber ohne diesen übertriebenen Sci-Fi-Look mit Rüstungen oder blinkenden LEDs. Der Stoff war weich, atmungsaktiv und passte sich meinem Körper erstaunlich gut an, ohne einzuengen. Die Farben waren einheitlich grau, eher neutral, aber mit dezenten Akzenten in schwarz und weiß, die den kantigen Schnitt der Jacke und der Hose unterstrichen. Die Schuhe waren schwarz und schienen mich beim Gehen zu unterstützen. Wohl eine Funktion für die Gesundheit. Ich fühlte mich irgendwie… stabiler, als hätte die Kleidung einen Teil der Sicherheit übertragen, die mir in den letzten Tagen so gefehlt hatte.

Ich trat aus dem Badezimmer und merkte erst jetzt, wie sehr sich mein Körper verändert anfühlte. Nicht gesund im klassischen Sinne, eher… neu kalibriert. Als hätte jemand an mir herumgeschraubt, ohne mir zu sagen, was genau er getan hatte. Meine Haut fühlte sich straffer an, meine Muskeln reagierten schneller, und dennoch lag unter allem eine feine Erschöpfung, wie ein Echo der letzten Tage. Nicht akut, nicht lähmend – eher eine Mahnung.
Der Flur war still.
Die Villa wirkte tagsüber völlig anders als in der Dämmerung des Vorabends. Nachts hatte sie etwas Zurückgezogenes gehabt, beinahe Geducktes, als wolle sie sich selbst unsichtbar machen. Jetzt hingegen war sie offen, lichtdurchflutet, beinahe demonstrativ modern. Große Glasflächen ließen die Sonne ungehindert herein, wobei sie durch intelligente Filter so gebrochen wurde, dass kein grelles Licht entstand. Alles war hell, aber nicht blendend. Warm, aber nicht drückend.
Ich ging langsam, beinahe vorsichtig, als hätte ich Angst, die Stille zu stören.
Meine Schritte hallten kaum. Der Boden bestand aus einem Material, das irgendwo zwischen Stein, Kunststoff und etwas völlig Fremdem lag. Er fühlte sich unter meinen Füßen fest an, leicht federnd, und hatte eine Temperatur, die exakt zwischen kühl und warm lag. Offenbar ebenfalls reguliert.
Aus dem Wohnbereich drangen leise Geräusche. Stimmen. Gedämpft, aber eindeutig Valentina.
Ich blieb kurz stehen.
Ein Teil von mir wollte umdrehen, zurück ins Schlafzimmer gehen, die Tür verriegeln und so tun, als wäre ich nicht da. Der andere Teil wusste, dass genau dieses Verhalten mich langfristig isolieren würde. Und Isolation war in dieser Welt kein Schutz, sondern ein Risiko.
Also ging ich weiter.
Der Wohnbereich war großzügig geschnitten, offen, mit fließenden Übergängen zwischen Küche, Essbereich und einer Art Lounge. Möbel standen nicht einfach irgendwo, sie waren arrangiert, als hätte jemand jeden Winkel bewusst geplant. Nichts wirkte überladen, nichts leer. Eine Balance, die ich aus meiner Realität so nicht kannte.
Valentina stand an der Küchenzeile.
Sie hatte sich umgezogen. Keine zivile Kleidung im klassischen Sinne, aber auch keine medizinische Uniform. Etwas dazwischen. Funktional, schlicht, aber hochwertig. Dunkle Stoffe, die eng genug anlagen, um Bewegungsfreiheit zu erlauben, aber nicht betonten. Ihr Haar hatte sie locker zusammengebunden, einige Strähnen fielen ihr ins Gesicht, während sie sich über ein holografisches Display beugte. Die Stimmen die ich gehört hatte, kamen von diesem Display. Valentina sah sich die Nachrichten an.
Sie bemerkte mich erst, als ich mir räusperte.
Ihr Kopf fuhr herum, ihre Schultern spannten sich sichtbar an, bevor sie mich erkannte. Dann ließ sie die Luft aus den Lungen entweichen, langsam.
„Du lebst noch“, stellte sie fest.
„Gerade so“, antwortete ich und merkte selbst, wie trocken meine Stimme klang.
Sie musterte mich einen Moment lang, nicht medizinisch, sondern menschlich. Ihre Augen wanderten von meinem Gesicht zu meinen Haaren, zu meiner Haltung. Dann nickte sie knapp.
„Du siehst besser aus.“
„Ich fühle mich… sauber“, sagte ich nach kurzem Überlegen. „Das ist schon mehr, als ich erwartet habe.“
Ein kaum merkliches Zucken ging über ihre Lippen. Kein Lächeln. Eher ein Reflex.
Sie deutete mit dem Kinn auf einen der Sitzplätze. „Setz dich. Frühstück.“
Erst jetzt bemerkte ich den Tisch. Darauf standen mehrere Behälter, Schalen und Gefäße, deren Inhalt ich nicht sofort zuordnen konnte. Farben, Texturen, Formen – alles wirkte fremd, aber nicht abschreckend.
Ich setzte mich langsam, mein Blick wanderte über das Angebot.
„Was davon ist… sicher?“, fragte ich.
Valentina schnaubte leise. „Alles. Für dich angepasst. Bevor du fragst: ja, inklusive Allergene, Verträglichkeit und deiner… speziellen Biologie.“
Das Wort hing kurz zwischen uns.
„Speziell“, wiederholte ich.
„Nicht argonisch“, korrigierte sie ruhig. „Aber kompatibel genug. Sonst wärst du längst tot.“
Ich nahm mir eine der Schalen. Der Inhalt erinnerte entfernt an eine Mischung aus Joghurt und Früchten, schimmerte aber leicht metallisch im Licht. Ich roch daran. Neutral. Vielleicht sogar angenehm.
„Und du?“, fragte ich, bevor ich aß. „Wie geht es dir?“
Sie hielt inne. Nur einen Moment, aber ich sah es. Diese winzige Verzögerung, bevor sie antwortete.
„Ich habe schon schlimmere Wochen gehabt.“
Ich glaubte ihr kein Wort.
Während wir aßen, herrschte Stille. Keine unangenehme, eher eine vorsichtige. Als würden wir beide versuchen, den anderen nicht zu überfordern. Ich schmeckte kaum, was ich zu mir nahm, registrierte nur, dass mein Körper es dankbar annahm. Wärme breitete sich aus, Energie, aber ohne den künstlichen Druck, den Void Juice verursacht hatte.
Nach dem gemeinsamen Essen saßen Valentina und ich noch eine Weile am Tisch. Ich spürte, wie sich mein Magen langsam wieder beruhigte, und irgendwie musste ich das jetzt loswerden. „Weißt du“, begann ich zögerlich, „ich habe auf Alpha 1 auch Sachen von anderen Spezies probiert. Zum Beispiel das… teladianische Cola-Gel.“
Valentina sprang auf und sah mich entsetzt an. „Du hast was?“ entfuhr es ihr. Ich musste schlucken, weil sie mir plötzlich sehr ernst erschien.
„Ja… also, es ging mir danach nicht wirklich gut“, fügte ich schnell hinzu, „aber irgendwie… ich habe mich gefragt… wie zur Hölle vertragen die Argonen bloß das Zeug?“
Valentina schüttelte energisch den Kopf. „Keine Spezies kann die Nahrung der jeweils anderen einfach so essen. Was für die einen nahrhaft ist, kann für die anderen giftig oder unverdaulich sein. Das passiert immer wieder, wenn jemand etwas ausprobiert, ohne zu wissen, wofür es wirklich gedacht ist.“
Ich sah sie ratlos an. „Aber… das Zeug war doch überall zu kaufen…“
„Genau deshalb passiert es so oft“, erklärte sie ernst. „Die gehandelten Güter sind für bestimmte Spezies bestimmt. Für die einen sind es Nahrungsmittel, für andere etwas vollkommen anderes. Und manche Substanzen können langfristig Schäden verursachen, ohne dass man es sofort merkt.“
Ich nickte, immer noch ein wenig blass. Mir wurde bewusst, dass ich Glück gehabt hatte, dass mein Körper die Mischung einigermaßen ertragen hatte. Und irgendwie verstand ich auch, warum Valentina so entsetzt reagiert hatte. Diese Welt war eben nicht nur fremd – sie war gnadenlos komplex.

Mein Blick wanderte zur Glasfront.
Von hier aus hatte man einen weiten Blick über die Umgebung. Die Stadt Nathania lag etwas tiefer, teilweise verborgen durch bewaldete Hügel und künstlich angelegte Grünzonen. Gebäude ragten heraus, organisch geformt, keine harten Kanten, keine monumentalen Türme. Alles schien darauf ausgelegt, sich in die Landschaft einzufügen, nicht sie zu dominieren.
Flugverkehr war sichtbar, aber geordnet. Gleiter zogen ruhige Bahnen, keine hektischen Manöver, kein Chaos. Es wirkte… friedlich.
Zu friedlich.
„Wie lange müssen wir hier bleiben?“, fragte ich schließlich.
Valentina legte ihr Besteck ab. „Das hängt nicht von mir ab.“
„Von Tahl.“
„Von dem Verfahren. Von den Leuten, die du identifizieren sollst. Von der Frage, ob jemand versucht, dich zum Schweigen zu bringen.“
„Das klingt nicht beruhigend.“
„Ist es auch nicht.“
Ich lehnte mich zurück und verschränkte die Arme. Mein Blick blieb auf der Stadt.
„Ich bin kein Held“, sagte ich leise.
Valentina sah mich an, sagte aber nichts.
„Ich habe nichts Besonderes“, fuhr ich fort. „Keine Ausbildung, keine Kampferfahrung. Keine… Vorteile. Alles, was ich bisher getan habe, war reagieren. Falsch reagieren.“
„Du hast überlebt.“
„Zufällig.“
Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Du hast Hilfe angenommen. Das ist kein Zufall.“
Ich lachte kurz, humorlos. „Das klingt wie etwas aus einem Ratgeber.“
„Vielleicht.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Oder wie etwas, das man lernt, wenn man oft genug sieht, wie Menschen sterben, weil sie zu stolz sind.“
Das saß.
Ich schwieg.
Draußen zog ein Gleiter langsam vorbei. Die Sonne stand höher jetzt, tauchte alles in klares Licht. Keine Dämmerung mehr. Keine Schatten, hinter denen man sich verstecken konnte.
Ich spürte es wieder. Dieses Gefühl. Nicht von Bedrohung im klassischen Sinne, sondern von Endgültigkeit. Diese Welt würde mir nichts schenken. Keine zweite Chance, keine versteckten Mechaniken, keine unsichtbaren Sicherungsnetze.
Jeder Fehler zählte.
Und ich war mir erschreckend bewusst, wie viele Fehler ich bereits gemacht hatte.
Ich atmete tief durch und sah Valentina an.
„Was passiert, wenn das hier vorbei ist?“
Sie sah mich lange an. Zu lange.
„Dann“, sagte sie schließlich, „musst du lernen, in dieser Welt zu leben. Nicht zu funktionieren. Zu leben.“
Ich wusste nicht, ob mir das Angst machte oder Hoffnung gab.
Vielleicht beides.
Draußen hatte schon längst ein neuer Tag auf Argon Prime begonnen.
Und ich hatte keine Ahnung, wie viele davon mir noch bleiben würden.

Obwohl Tahl und Gal davor gewarnt hatten, das Safehouse zu verlassen, taten Valentina und ich es trotzdem. Valentina eher aus Widerwillen, weil sie mir folgen musste. Ich hingegen war überrascht, dass sie mich nicht aufzuhalten versuchte, als ich Interesse an meiner Umgebung zeigte. Es war ein seltsames Gefühl, nicht ständig unter Kontrolle zu stehen. Valentina beobachtete mich ständig aus den Augenwinkeln, wohl um herauszufinden, wie ich mich verhielt. Ich spürte diese Blicke, aber gleichzeitig störten sie mich nicht. Im Gegenteil, sie gaben mir das Gefühl, dass ich nicht völlig alleine war.
Wir gingen die Straße hinunter, und vor uns erstreckte sich eine kleine Marktmeile. Die Gebäude waren modern, schlicht und aufgeräumt, mit glatten, hellen Steinplatten unter unseren Füßen. Über den Ständen hingen schmale Leuchtbänder, die verschiedene Lichtmuster simulierten und alles in ein buntes Licht tauchten. Kleine Cafés und Läden öffneten ihre Schaufenster auf die Straße, Glas und Metall dominierten die Fassade, aber es war alles angenehm proportioniert, nicht überladen oder grell. Auf den Marktständen lagen Früchte und Gemüse in geometrischen Mustern, andere boten handgemachte Kleidung oder kleine mechanische Geräte an – modern, leicht futuristisch, aber nicht übertrieben technologisch. Zwischen den Gängen summten Drohnen, transportierten Waren, verteilten kleine Pakete oder überwachten die Ordnung. Ich sog alles in mich auf, Schritt für Schritt, jeden Geruch, jede Bewegung der Argonen, jedes Detail der Architektur.
Plötzlich fiel mir etwas Glitzerndes am Rand einer dunklen Nebengasse auf. Fast automatisch ging ich darauf zu, meine Hand streckte sich aus, um es zu berühren, da packte mich eine andere Hand. Valentina zog mich zurück.
„Spinnst du?“ zischte sie.
Ihre Augen funkelten vor Entsetzen, während sie mich ansah. Ich starrte auf das kleine Fläschchen in der Gasse – Void Juice. Der argonische Mann hinter dem Stand reagierte sofort auf unsere Bewegung.
„Schon mal gekostet?“ fragte er mich.
Ich nickte, aber Valentina schob mich zurück.
„Auf gar keinen Fall!“ Sie zog mich mit sich fort, und ich bewegte mich fast mechanisch, noch immer in einem Zustand halb Starren, halb Reflex.
„Das ist der Effekt vom Void Juice“, erklärte sie mir, während wir uns entfernten. „Dein Körper erinnert sich an den Effekt und reagiert automatisch. Du musst dagegen ankämpfen.“
Ich nickte stumm. Ich fühlte noch die Nachwirkungen in meinem Inneren – eine Mischung aus Neugier, Faszination und Angst. Ich wusste, dass ich den Fehler wiederholen könnte, wenn ich mich nicht beherrschte.
Von Valentina wurde ich zu einer Patrouille der Polizei mitgerissen, die uns zu dem Standort des illegalen Händlers folgten, nachdem wir ihnen den Sachverhalt dargelegt hatten. Doch als wir die Gasse erreichten, war sie leer. Der Händler war verschwunden. Die Polizisten erklärten uns, dass er wohl durch Valentinas Reaktion alarmiert worden sein musste.

Auf dem Rückweg raste plötzlich ein dunkles Hovercraft an uns vorbei. Instinktiv riss ich Valentina in den Straßengraben. Ich spürte den Schlag der Panik in mir, während Laser über unsere Köpfe zischten. Alles in mir schrie, ich war starr vor Angst, unfähig, klar zu denken. Dann hörte ich Schritte. Mindestens eine Person näherte sich. Ich sah einen Schatten und reagierte wie im Reflex – packte nach der Person, die vor mir stand, warf sie in den Graben. Valentina wurde aus ihrer Starre gerissen, griff nach dem Blaster des Täters und erkannte ihn schließlich: einer der beiden Polizisten, die uns zuvor begleitet hatten.
Bevor er reagieren konnte, stürzte ein riesiger blau-weißer Energieball auf das Hovercraft, das daraufhin lahmgelegt wurde. Über uns legte sich ein Schatten, und ich blickte nach oben. Ein Polizeigleiter, seine Lichter blinkten in Blau und Grün. Dann begann das Feuer. Laserstrahlen peitschten durch die Luft, die Männer im Hovercraft eröffneten Gegenfeuer. Ich blieb im Graben, das Herz raste, unfähig zu denken. Der Polizeigleiter hielt alles unter Kontrolle, sein Feuer stoppte die Angreifer und machte das Hovercraft vollständig unschädlich. Danach landete es und der andere Polizist von vorhin stieg aus. Ich sah ihn auf uns zukommen und dann verhaftete er seinen Kollegen. Unter derben Flüchen, die ich nicht vollkommen übersetzen konnte, da mein argonisch doch noch nicht so gut war, bekam ich mit, dass er schon einen Verdacht gegen seinen Kollegen gehegt hatte.

Wenig später fanden sich Gal Connar und Tahl Brenna am Ort des Geschehens ein, sammelten Valentina und mich auf und brachten uns zurück ins Safehouse. Dort gaben sie uns eine Standpauke, während wir unsere Version der Ereignisse anschließend erzählten. Diese Nacht würden sie selbst im Haus bleiben, und mindestens ein Dutzend Wachen patrouillierten ums Anwesen. Valentina und ich fühlten uns unwohl, angespannt und erschöpft zugleich. Ich spürte, wie mein Puls noch immer zu schnell schlug und wie schwer mir die Ereignisse auf den Magen schlugen.
Ich konnte kaum glauben, wie schnell sich die Situation verändert hatte. Noch vor wenigen Stunden war ich unsicher über die Welt hier gewesen, hatte die Marktmeile bewundert, über Void Juice nachgedacht und die futuristischen, aber zugänglichen Gebäude betrachtet. Jetzt lag alles in Rauch und Trümmern vor mir, der schmale Grat zwischen Neugier und tödlicher Gefahr hatte sich blitzschnell verschoben. Ich wusste, dass dies nur der Anfang war und dass jede Bewegung, jeder Schritt künftig noch vorsichtiger überlegt sein musste.

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Kapitel 4 - Finsternis

Ich saß im offenen Wohnzimmer und ließ die Nachrichtenhologramme laufen, ohne wirklich auf ihren Inhalt zu achten. Bilder, Stimmen, Logos – alles zog an mir vorbei wie ein Strom aus Bedeutungslosigkeit. Ich brauchte das Hintergrundrauschen, etwas, das meine Gedanken übertönte. Das meiste von dem, was die verschiedenen Sender ausstrahlten, verstand ich ohnehin nur bruchstückhaft. Die Sprachbarriere war noch immer da, auch wenn sie langsam Risse bekam.
Den automatischen Übersetzer hatte ich ausgeschaltet. Stattdessen hielt ich das Pad in meinen Händen, das mich nun schon seit Wochen begleitete. Es war zu einem festen Anker geworden. Wiederholungen, Grammatikübungen, Vokabeln. Argonisch. Handelssprache. Ich zwang mich zur Konzentration, auch wenn mir der Kopf eigentlich zu voll war. Lernen war einfacher als Nachdenken.
Valentina saß neben mir auf der Couch. Auch sie hatte ein Pad in der Hand. Ihr Blick war ruhig, beinahe zu ruhig, und ich wusste nicht, ob sie tatsächlich lernte oder sich nur ebenso wie ich ablenken wollte. Wir sprachen nicht. Es war eine dieser stillen Abmachungen, die keiner aussprach und die trotzdem funktionierten.
Aus der Küche kamen Geräusche. Gal Connar stand dort und kochte. Zumindest sah es danach aus. Ich wusste nicht, was genau sie zubereitete, und ehrlich gesagt bezweifelte ich, dass sie es aus Freundlichkeit oder Mitleid tat. Gal war Agentin des argonischen Geheimdienstes. Ihre Aufgabe war es, mich zu bewachen, mich am Leben zu halten und dafür zu sorgen, dass ich unversehrt vor einem Gericht erschien. Alles andere war zweitrangig. Wenn Kochen Teil dieser Aufgabe war, dann tat sie es eben.
Tahl Brenna hingegen tigerte seit Stunden durchs Haus. Rastlos, unruhig, wie ein eingesperrtes Tier. Irgendwann schien es selbst Gal zu viel geworden zu sein, denn sie hatte ihn kurzerhand hinausgeworfen. Jetzt tigerte er draußen herum. Ich hatte nur kurz mit ihm gesprochen, seit dem Vorfall. Und dabei war mir klar geworden, dass es hier nicht nur darum ging, mich in Sicherheit zu wissen. An dem ganzen Prozess hing mehr, als man mir zu Beginn gesagt hatte. Der Anschlag vor ein paar Stunden war der beste Beweis dafür.
Ich fragte mich, ob der Angriff wirklich nur Zufall gewesen war. Oder ob er tatsächlich mit den Ereignissen auf der Handelsstation Alpha 1 zusammenhing. Es erschien mir zunehmend unwahrscheinlich, dass Valentina und ich angegriffen worden waren, nur weil wir einen illegalen Straßenhändler gemeldet hatten. Zu vieles passte nicht zusammen.
Ich hatte viele Filme und Serien gesehen. Zu viele, wenn ich ehrlich war. Und obwohl ich wusste, dass diese kein Maßstab für die Realität waren, meldete sich dieses nagende Gefühl. Dieses instinktive Das ist kein Zufall.
In diesem Moment erinnerte ich mich an einen meiner früheren Professoren an der Universität.
Glauben bedeutet, nichts zu wissen.
Mir wurde schmerzhaft bewusst, wie wenig ich wusste. In meiner alten Realität schon. In dieser hier noch viel weniger.

Dann hörte ich Schreie.
Sie kamen von draußen. Erst entfernt, dann näher. Mein Körper reagierte schneller als mein Verstand. Noch bevor ich richtig begriff, was geschah, folgte ein lauter Knall. Die Fenster und Türen vibrierten, als hätte jemand gegen das Haus geschlagen. Kaum war das Echo verklungen, ertönten Schüsse.
Ich sprang auf. Durch die Glasfront konnte ich es jetzt deutlich sehen, besonders weil es draußen bereits dunkel war. Die Energiewaffen der Sicherheitsleute leuchteten auf, zuckende Lichtspuren rissen durch die Nacht. Sie feuerten in Richtung der Berge rechts der Villa, entlang der Hauptstraße. Aber ihr Feuer wirkte unkoordiniert. Wild. Fast panisch.
Wenige Sekunden später eine weitere Explosion. Näher. Viel näher.
Mir schoss der Gedanke durch den Kopf, ob dieses Safehouse überhaupt für schwere Angriffe ausgelegt war. Die dritte Explosion beantwortete die Frage teilweise. Die Wände bekamen Risse. Feine Linien zogen sich durch Glas und Material, als würde das Haus unter der Belastung ächzen.
In diesem Moment wusste ich es. Der Angriff am Abend und die Ereignisse auf Alpha 1 hingen zusammen. Daran gab es keinen Zweifel mehr.
Ein ohrenbetäubender Knall, grelles Licht.
Ich wurde zu Boden gerissen. Orientierungslos wälzte ich mich über den Boden, taub, blind, unfähig aufzustehen. Mein Gehör war wie ausgelöscht, nur ein schrilles Pfeifen blieb zurück. Rauch lag in der Luft, dicht und beißend. Ich sah nur Schemen.
Durch den Dunst erkannte ich etwas bei der Eingangstür. Etwas, das dort vorher nicht gewesen war. Eine Drohne. Zumindest glaubte ich das. Als sich meine Sicht langsam klärte und die Geräusche – verzerrt, begleitet von einem massiven Tinnitus – zurückkehrten, erkannte ich das Modell. Lieferdrohne. Genau die Art, die ich in den letzten Tagen ständig in der Stadt gesehen hatte. Auch auf der Marktmeile.
Ein rotes Licht blinkte. Erst langsam. Dann schneller.
Ich wusste sofort, was das bedeutete.
Ich packte Valentina. Sie lag bewusstlos neben mir auf dem Teppich. Ihr Körper war schlaff, zu schwer, aber ich zog sie mit aller Kraft hinter mir her, weg von der Tür, ans andere Ende des Wohnzimmers.
Die Explosion kam.
Die Druckwelle schleuderte uns gegen die Glaswand. Sie gab nach. Zerbarst in tausende Splitter. Für einen Sekundenbruchteil schwebten wir, dann wurden wir hinausgeschleudert.

Wir landeten im Pool.
Das Wasser schlug über uns zusammen, kalt, schwer. Ich kam hustend wieder an die Oberfläche. Das Wasser um uns herum färbte sich schnell rot. Ich spürte den Schmerz, überall, aber diffus. Valentina bewegte sich nicht.
Der größte Teil des Blutes stammte nicht von uns.
Ein Sicherheitsbeamter trieb reglos an der Oberfläche. In seiner Brust klaffte ein Loch. Er hatte weniger Glück gehabt als wir.
Von irgendwoher kamen Schreie. Eine Sprache, die ich nicht verstand. Dann erneut Schüsse. Ich realisierte langsam, dass ich mich mitten im Kreuzfeuer befand. Unbekannte Angreifer. Sicherheitspersonal. Lichtblitze, Explosionen, Chaos.
Und ich war mittendrin.
Ich versuchte, mich und Valentina aus dem Pool zu befreien, doch unsere durchnässte Kleidung machte jede Bewegung zur Qual. Mein Körper fühlte sich bleischwer an, und Valentina, obwohl jünger und etwas kleiner als ich, war alles andere als leicht. Hustend, zitternd und völlig durchnässt schaffte ich es schließlich, sie zuerst aus dem Wasser zu hieven und dann mich selbst – mit der Hilfe von Tahl Brenna.
Er stand wie ein Fels mitten im Feuergefecht, scheinbar unerschütterlich, und begann lautstark Befehle zu rufen. Die blauen Energiegeschosse des Sicherheitspersonals wurden plötzlich zielgerichteter, strukturierter. Doch gleichzeitig kamen auch die roten und grünen Geschosse der Angreifer immer näher. Sie schlugen um uns herum ein, zerrissen den Boden, die Mauern, die Luft selbst.
Plötzlich kniete Gal neben Valentina und überprüfte ihren Puls. Ein kurzer Blick, eine knappe Geste zu Tahl – Valentina lebte. Ohne zu zögern packte Gal sie, griff dann auch nach mir und zerrte uns beide zurück ins Haus. Das Sicherheitspersonal zog sich näher an die Hauswände zurück, suchte dort Deckung, wo noch welche war.

Mir fiel auf, dass die Sicherheitsleute weniger wild feuerten. Stattdessen schienen sie sich jetzt stärker darauf zu konzentrieren, die Herkunft des gegnerischen Feuers zu lokalisieren, bevor sie koordiniert zurückschlugen. Trotzdem war klar: Wir saßen fest. Nördlich lag die Stadt, zu Fuß unerreichbar – mindestens eine Stunde, wenn man überhaupt durchkäme. Im Osten erhoben sich die Berge, von wo aus die Villa beschossen worden war, ebenso wie aus dem südlich gelegenen Wald. Und im Westen lag der große See. Einer der wenigen Salzwasserseen auf diesem Planeten.
Langsam ließ der Schusswechsel nach. Ich fragte mich, was das zu bedeuten hatte. Tahl wies uns an, nicht nachlässig zu werden. Seiner Einschätzung nach positionierten sich die Angreifer lediglich neu. Gal hingegen war überzeugt, dass sie sich zurückzogen.
Ich fragte nach dem Warum.
Wir kauerten zu viert hinter der Küchentheke, während sich das Sicherheitspersonal weiter in die Villa zurückzog und Positionen an Fenstern und Türen bezog. Tahl erklärte, dass die Angreifer vermutlich ursprünglich versucht hatten, das Gebäude mithilfe von mit Sprengstoff beladenen Lieferdrohnen zu zerstören. Als das gescheitert war, seien sie zu einem direkten Angriff übergegangen – offenbar ohne damit zu rechnen, auf derart massiven Widerstand zu stoßen. Aus seiner Sicht ergab es daher Sinn, nun die Position zu wechseln, das Ziel zu umzingeln und den entscheidenden Schlag vorzubereiten.
Gal sah das anders. Ihrer Meinung nach würden sich die Angreifer zurückziehen, weil sie ihr Ziel nicht schnell genug erreicht hatten. Je länger sie hier ohne Ergebnis ausharrten, desto größer würde das Risiko eines Fehlschlags – entweder durch Festnahme oder durch den Tod im Gefecht.
Ich konnte beide Sichtweisen nachvollziehen. Doch meine Aufmerksamkeit galt jetzt Valentina. Sie war inzwischen wieder bei Bewusstsein, und ich begann, vorsichtig Glassplitter aus ihrer Haut zu entfernen. Dass sie dabei stoisch blieb, kaum eine Regung zeigte, irritierte mich. Ich warf einen Blick auf die Uhr. Vom ersten Angriff bis jetzt war gerade einmal eine halbe Stunde vergangen.
Valentina atmete flach, aber regelmäßig. Ihr Blick war glasig, doch fokussierte sich langsam wieder. Sie verzog keine Miene, während ich Splitter für Splitter aus ihrer Haut zog. Erst als ich einen etwas größeren Glasspan aus ihrem Unterarm löste, zuckte sie leicht zusammen. Kein Schrei, kein Laut. Nur ein kurzes Zusammenpressen der Lippen. Ich fragte mich, ob das Disziplin war oder Schock.
„Du solltest liegen bleiben“, sagte ich leise, mehr zu mir selbst als zu ihr.
Valentina nickte kaum merklich. Ihre Augen wanderten jedoch ständig zur Tür, zu den Fenstern, zu den Schatten, die sich an den Wänden bewegten, wenn draußen Energiegeschosse einschlugen.

Das Haus roch nach verbranntem Kunststoff, Ozon und Chlorwasser. Die Villa, die noch vor Stunden wie ein sicherer, fast luxuriöser Rückzugsort gewirkt hatte, fühlte sich nun an wie eine Falle aus Glas, Beton und Stahl. Jeder neue Einschlag ließ Staub von der Decke rieseln. Irgendwo tropfte Wasser – wahrscheinlich eine beschädigte Leitung. Irgendwo knackte es in den Wänden, als würde das Gebäude erst jetzt entscheiden, ob es stehen bleiben wollte oder nicht. Das Licht der Hologramme im Wohnzimmer war erloschen, nur die Notbeleuchtung war aktiv und tauchte alles in ein kaltes, bläuliches Schimmern. Glassplitter knirschten unter jeder Bewegung, selbst hier hinter der Küchentheke.
Ich schluckte. Mein Blick wanderte wieder zu Valentina. Ihre Haut war bleich, übersät von kleinen Schnitten und Prellungen, aber sie lebte. Und offenbar war genau das das Problem. Je mehr ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir, dass dieser Angriff nichts Zufälliges mehr an sich hatte. Nicht nach der Handelsstation. Nicht nach dem ersten Anschlag. Und ganz sicher nicht nach dem Aufwand, den jemand hier betrieb.
Mir wurde bewusst, dass ich in dieser Welt noch weniger verstand, als ich ohnehin schon geglaubt hatte. Und dass Wissen hier nicht nur Macht bedeutete, sondern Überleben.
Ich entfernte den letzten Splitter, den ich finden konnte, und lehnte mich kurz zurück. Meine Hände waren rot, nicht nur von Blut. Valentina atmete ruhig. Für den Moment.

Ich war bis zum Zerreißen gespannt, als ich neue Geräusche von draußen hörte. Suchscheinwerfer wurden eingeschaltet, blau-grüne Lichter blinkten über das Gelände. Ein flaues Gefühl in meinem Magen ließ mich den Atem anhalten. Tahl und Gal schienen erleichtert. In dieser Situation hatte Gal Recht behalten – die Angreifer hatten sich offenbar zurückgezogen.
Ich lauschte dem Gespräch der beiden mit der eingetroffenen Verstärkung. Nebenbei begann Valentina, mich zu behandeln. Auch ich hatte einiges abbekommen. Immer wieder zuckten meine Muskeln unter Schmerzen, aber ich machte keinen Laut. Ich wollte alles hören, jede Information aufnehmen.
Die Verstärkung wurde informiert, was passiert war. Ich bekam mit, dass das Haus ein automatisches Sicherheitssystem hatte, das bei ungewöhnlichen Vorfällen sofort einen Notruf absetzte. Ebenso wurde automatisch die Polizei alarmiert, wenn der Kontakt zum Haus abriss. Meine Gedanken wirbelten. Jemand hatte diesen Notruf wohl schon vorgewarnt zu umgehen gewusst – anders konnte ich mir die Präzision des Angriffs nicht erklären.
Valentina löste vorsichtig den nassen Stoff meiner Kleidung, während ich mich hinter der Küchentheke duckte. Jeder Blick nach draußen zeigte neue Spuren des Kampfes – zerbrochene Mauern, tief eingeschlagene Einschläge im Boden, verbrannte Vegetation. Ich spürte, wie mein Herzschlag sich langsam normalisierte, aber jede Faser meines Körpers war angespannt.
„Tori, sag mir, wenn es zu viel wird“, flüsterte Valentina. Ich schüttelte den Kopf. Ich konnte nicht nachlassen. Nicht jetzt. Jeder Moment konnte über Leben und Tod entscheiden.
Das Geräusch von Funkgeräten, das Klirren von Glassplittern, das entfernte Dröhnen von Fahrzeugen und Drohnen vermischte sich zu einem unaufhörlichen Crescendo. Ich wusste: Wir waren noch lange nicht sicher.

Neben der Polizei waren auch Feuerwehr und Rettungsdienst vor Ort. Ich erkannte sie sofort an ihrer Ausrüstung, den reflektierenden Streifen und den schnellen Bewegungen, die gezielt Verletzte bargen und Feuer löschten. Doch es gab noch zwei weitere Fraktionen, die ich sofort identifizieren konnte: Militär und Geheimdienst. Das Militär fiel durch robuste, taktische Rüstungen auf, die Uniformen waren funktional und furchteinflößend. Die Vertreter des Geheimdienstes bewegten sich unscheinbar, beobachteten leise, fast unbemerkt, und schienen überall gleichzeitig zu sein.
Valentina und ich ließen uns behandeln und befragen, während ich unwillkürlich die Abläufe um uns herum studierte. Die Zahl der Helfer hatte längst die hundert überschritten. Überall sah ich Menschen, die Leichen bargen, Feuer löschten, Spuren sicherten oder Verletzte behandelten. Einige von ihnen verschwanden in den angrenzenden Wäldern, andere in den Bergen, vermutlich auf der Suche nach Spuren oder möglichen Fluchtwegen der Angreifer.
Über uns patrouillierten Gleiter: Militär, Geheimdienst und Polizei waren im Einsatz. Ihre Lichter schnitten durch die Nacht, jede Bewegung präzise, jede Flugbahn überwacht. Ich sah, wie sie nach Anzeichen suchten, Spuren verfolgten, vielleicht auch nach Beweisen, die wir noch nicht kannten. Alles wirkte effizient, aber auch beängstigend. In dieser Welt zählte jede Bewegung, jeder Blick konnte beobachtet werden, und ich fühlte mich wieder einmal klein und ausgeliefert, trotz der Sicherheit, die uns umgab.

Der Transport begann, nachdem wir vorsichtig auf die gepanzerte Ladefläche eines Militärfahrzeugs geführt wurden. Innen war es eng, kaum mehr als eine Kabine mit verstärkten Wänden aus Verbundmetall. Die Polsterung wirkte hart, aber funktional, darauf ausgelegt, Stöße abzufedern. Über uns liefen kleine LED-Leisten, die ein gedämpftes, blaues Licht warfen, gerade hell genug, um die Umgebung zu erkennen, ohne die Nachtsicht zu stören.
Das Fahrzeug setzte sich in Bewegung. Wir spürten die Vibrationen der schweren Räder, wie sie sich durch den unebenen Boden der Außenbereiche der Villa fraßen. Die Panzerung dämpfte zwar Geräusche von außen, aber das ständige Knirschen und Poltern der Straßen war noch zu hören. Ich konnte durch schmale, vergitterte Sichtfenster nur schemenhaft die Umgebung erkennen: Suchlichter, die über die Landschaft zogen, Gleiter, die unsere Position kontrollierten, und die glitzernde Oberfläche des Sees, die im Mondlicht funkelte.
Die Fahrt war ruhig, aber angespannt. Jeder Blick durch die Gitter zeigte die patrouillierenden Kräfte, die unsere Route sicherten. Ich spürte das Gewicht der Situation, die Unausweichlichkeit dessen, was uns erwartete, während das Fahrzeug sich in Richtung der Stadt Nathania bewegte. Das monotone Brummen des Motors, die leichten Stöße der Fahrt und das entfernte Summen der Überwachungsgeräte erzeugten eine fast hypnotische Stimmung – Ruhe vor dem Sturm, während die Stadt näher rückte.

Das futuristische Gerichtsgebäude wirkte von außen wie eine Mischung aus Monolith und transparentem Kubus. Glatte, helle Metallplatten bildeten die Fassade, unterbrochen von Glasflächen, die bei Nacht das Licht der Stadt reflektierten. Über der Eingangshalle spannte sich ein filigranes Netzwerk aus Stahlträgern und schwebenden LED-Bändern, die den Weg für Besucher signalisierten, aber auch eine subtil einschüchternde Wirkung hatten. Sicherheitskameras waren diskret eingebaut, Drohnen landeten auf speziellen Plattformen neben den Eingängen.
Im Inneren setzte sich der moderne Eindruck fort, jedoch mit streng funktionalem, fast klinischem Charakter. Große Hallen, helle Wände, glatte Böden aus einem Material, das hart wirkte, aber den Aufprall von Schritten dämpfte. Stufenlose Übergänge, Aufzüge mit transparenten Wänden, digitale Infopunkte an jeder Ecke. Alles wirkte durchdacht, effizient und doch so gestaltet, dass man sich der Überwachung immer bewusst war. Der Saal selbst – in dem die Verfahren stattfanden – war eine Kombination aus schwebenden Podesten, gläsernen Trenngittern und modularen Sitzreihen. Von der Decke hingen Lichtfelder, die sich automatisch auf die wichtigsten Punkte richteten: Richter, Angeklagte, Verteidiger. Alles war auf Funktionalität optimiert, aber mit einem kühlen, fast abweisenden ästhetischen Anspruch.
Ich fühlte mich fehl am Platz. Trotz der modernen, beinahe eleganten Architektur wirkte alles bedrohlich. Die ständige Präsenz von Überwachung, Sicherheitsbeamten und Technologie ließ keinen Raum für Unachtsamkeit. Ich wusste, dass jeder falsche Schritt Konsequenzen haben konnte – und nicht nur für mich.
Während wir erneut behandelt und befragt wurden, beobachtete ich weiterhin die Abläufe um uns herum. Spuren wurden gesichert, Verletzte versorgt, das Gebäude überwacht. Ich erkannte, wie komplex das Zusammenspiel von Polizei, Militär und Geheimdienst war. Jeder hatte seinen eigenen Bereich, jede Bewegung war koordiniert, doch gleichzeitig spürte ich die Spannung zwischen den Fraktionen. Niemand vertraute vollkommen dem anderen, und jeder Schritt konnte überwacht oder interpretiert werden.
Meine Gedanken schweiften zurück zu dem Angriff am Abend. Dass ein Polizist involviert gewesen war, ließ mir keine Ruhe. Ich sprach es laut aus, selbst vor Gal, Tahl und Valentina: „Ob die Polizei nun im schlimmsten Fall unterwandert ist oder im besten Fall nur korrupt, könnte das nicht auch auf andere Organisationen zutreffen? Wie hoch wäre überhaupt der prozentuale Anteil?“
Gal sah Tahl an, Valentina sah mich geschockt an. Ich hatte etwas ausgesprochen, das niemand hören wollte. Die Spannung unter den Wachen änderte sich sofort. Die Haltung, die Blicke, alles sprach jetzt von Misstrauen, nicht von Kameradschaft.
Mir wurde klar, dass Gal und Tahl bewusst nichts unternahmen. Sie selbst wussten nicht, wem sie vertrauen konnten. In dieser Situation war Misstrauen das einzig Vernünftige. Blindes Vertrauen würde in einer Katastrophe enden können. Wenn tatsächlich einer der Anwesenden korrupt war oder einer kriminellen Organisation angehörte, hätte ein falsches Wort, eine falsche Bewegung alles zerstört.
Ich lehnte mich zurück und beobachtete die anderen still. Jeder Atemzug, jedes Geräusch in der Halle schien von Bedeutung zu sein. Ich wusste, dass ich meine Gedanken kontrollieren musste, meine Reaktionen. Und trotzdem konnte ich nicht verhindern, dass in mir ein Gefühl der Isolation wuchs. In dieser Welt zählte nur, was man selbst sah, hörte und tat. Alles andere war Risiko.

Ich hasse Perfektion.
Sie bietet keinen Platz für Kreation.

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Kapitel 5 - Grauen

Ich trank etwas, das man Keffa nannte, und bereute es im selben Moment. Es war eines dieser Getränke, die offensichtlich mehr kulturelle Bedeutung hatten als kulinarische Rücksicht. Keffa wurde heiß oder kalt serviert, in unzähligen Varianten, mit Namen, die mir nichts sagten, und Gerüchen, die ich nur schwer einordnen konnte. Die Sorte, die man mir hingestellt hatte, war bitter und beißend, fast aggressiv. Sie brannte leicht auf der Zunge und hinterließ einen herben Nachgeschmack, der sich hartnäckig im Mund festsetzte. Ich schob die Tasse von mir weg und verzog unwillkürlich das Gesicht.
Valentina sah mich von der Seite an, ein kaum wahrnehmbares Zucken in ihren Mundwinkeln. Sie beugte sich minimal zu mir herüber und flüsterte etwas wie „schwierig …“. Ich hörte es natürlich, tat aber so, als wäre es im allgemeinen Geräuschpegel untergegangen. In meiner alten Realität war ich schon wählerisch gewesen, was Essen und Trinken anging, und hier schien sich das nicht geändert zu haben. Trotzdem musste ich mir eingestehen, dass Keffa nach einigen Minuten eine Wirkung entfaltete. Die Müdigkeit wich nicht schlagartig, aber sie wurde zurückgedrängt, als hätte jemand den Schleier in meinem Kopf ein Stück angehoben. Mein Puls fühlte sich gleichmäßiger an, meine Gedanken etwas klarer. Wenn ich raten müsste, war es eine Art Energydrink – nur mit deutlich weniger Rücksicht auf Genuss.

Es war inzwischen eindeutig Morgen geworden. Das Gerichtsgebäude, das in der Nacht noch kühl, streng und fast abweisend gewirkt hatte, begann zu leben. Überall bewegten sich Menschen – Argonen, uniformierte Kräfte, zivile Angestellte. Richter und Ankläger erschienen in formeller Kleidung, Verteidiger mit ernsten Gesichtern und hastigen Schritten. Geschworene sammelten sich in kleinen Gruppen, leise sprechend, während sie von Sicherheitspersonal weitergeleitet wurden.
Auch Häftlinge wurden hereingeführt. Sie alle trugen dieselbe graue Kleidung: matt, ohne Muster, ohne Individualität. Der Schnitt war so neutral, dass er beinahe entmenschlichend wirkte. Es sah aus, als hätte ein Modedesigner gezielt versucht, jede Form von Persönlichkeit zu tilgen – und dabei erschreckend gute Arbeit geleistet.

Mit jeder Minute wurde ich nervöser. Mein Körper reagierte schneller als mein Verstand. Ich musste mehrfach zur Toilette, meine Knie fühlten sich weich an, als hätten sie vergessen, wofür sie da waren. Mein Magen zog sich immer wieder zusammen, ohne dass ich sagen konnte, ob es Angst, Anspannung oder einfach Übermüdung war. Valentina ging es offensichtlich nicht viel besser, auch wenn sie sich mehr unter Kontrolle hatte. Ihre Haltung war aufrecht, ihre Bewegungen ruhig, aber ich kannte sie inzwischen gut genug, um die kleinen Zeichen zu sehen: das häufigere Blinzeln, die leicht verkrampften Finger.
Die beruhigenden Worte von Gal und Tahl halfen nur begrenzt. Sie klangen routiniert, fast professionell, als hätten sie diese Sätze schon dutzende Male gesagt – und vielleicht hatten sie das auch.

Das Verfahren begann überraschend straff. Kein unnötiges Zögern, kein zeremonielles Ausschmücken. Ein älterer Argone mit lichtem grauem Haar nahm im Richterstuhl Platz. Sein Gesicht war hart, die Züge streng, die Augen aufmerksam und kalt. In dem Moment hatte ich das absurde Gefühl, selbst auf der Anklagebank zu sitzen, obwohl ich offiziell nur Zeuge war.
Tahl pfiff leise durch die Zähne.
„Roland Caprio.“
Gal gab ebenfalls einen kurzen, hörbaren Laut von sich, irgendwo zwischen Überraschung und Unbehagen.
Mir wurde erklärt, dass Roland Caprio als der gefürchtetste Richter der gesamten Föderation galt. Ein Mann, der weder vor Politikern noch vor Großkonzernen oder organisiertem Verbrechen zurückschreckte. Seine Urteile waren bekannt dafür, kompromisslos zu sein, und er hatte sich in seiner Karriere mehr Feinde gemacht, als sich zählen ließen. Dass er hier saß, obwohl er offiziell als zurückgezogen galt, war kein Zufall. Es war ein Signal.
Und ich saß mitten darin.

Die Beweisaufnahme wurde bis ins kleinste Detail aufgerollt. Zeitlinien, Aufzeichnungen, Zeugenaussagen, Datenprotokolle. Valentina und ich mussten unzählige Fragen beantworten, viele davon unangenehm, einige direkt an der Grenze dessen, was ich selbst beantworten konnte, ohne mich zu verhaspeln.
Man hatte mir eindringlich nahegelegt, bei einer Geschichte zu bleiben. Einer Version, die glaubwürdig klang und überprüfbar genug war, um nicht sofort auseinanderzufallen. Ich war der letzte Überlebende eines gescheiterten Kolonieprojekts. Privatleute, die ohne moderne Technologie hatten leben wollen. Idealisten. Die Kolonie war von einem unbekannten Krankheitserreger ausgelöscht worden. Ich hatte mich in eine antike Fluchtkapsel retten können, hatte einen Notruf abgesetzt. Tage später fand man mich – halb tot, dehydriert, ohne Nahrung.
Diese Geschichte sollte alles erklären: meine Herkunft, meine Wissenslücken, meine sprachlichen Schwierigkeiten. Die Kolonisten hätten einen alten Dialekt von der Erde gesprochen. Sie hätten sich selbst Goner genannt. Vor über einem Jahrhundert eine kleine, belächelte Gruppierung. Heute fast vergessen.
Ich erzählte diese Geschichte immer wieder, in Variationen, angepasst an die Fragen. Und während ich sprach, wurde mir schmerzhaft bewusst, wie dünn das Eis war, auf dem ich stand.

Ich saß still da und beobachtete das Geschehen im Gerichtssaal, während die Anwälte der Angeklagten kaum mehr versuchten, ihre Mandanten tatsächlich zu verteidigen. Es war, als hätte allein die Person auf dem Richterstuhl ihnen jede Illusion genommen. Roland Caprio dominierte den Raum vollständig. Trotz seines Alters strahlte er eine Energie aus, die fast greifbar war. Seine Stimme war klar, hart und laut, wenn ihm etwas missfiel. Mehr als einmal wies er Anwälte scharf zurecht, unterbrach sie, ließ sie ausreden, nur um ihre Argumente anschließend mit wenigen Sätzen zu zerlegen. Wer nicht sofort gehorchte oder versuchte, das Verfahren in die Länge zu ziehen, wurde kurzerhand aus dem Saal verwiesen.
Ich musste nicht lange hinschauen, um zu begreifen, dass dieser Mann ein Leben voller Konflikte, Machtkämpfe und Entscheidungen hinter sich hatte. Er wirkte nicht wie jemand, der noch etwas beweisen musste. Eher wie jemand, dem nichts mehr imponierte.
Nach nur wenigen Stunden stand das Urteil fest. Alle Angeklagten wurden für schuldig befunden. Das Einzige, was ihre Anwälte erreicht hatten, war eine Begrenzung der Strafen. Keine lebenslangen Haftstrafen – vorausgesetzt, die Verurteilten kooperierten. Verbindungen offenlegen. Namen nennen. Strukturen preisgeben. Und den Blicken nach zu urteilen, die ich auffing, schienen viele von ihnen genau das bereits innerlich beschlossen zu haben. Sie hatten gesungen. Aus Angst, aus Kalkül oder aus blankem Überlebenswillen.
Als der Tumult schließlich abebbte und der Saal sich leerte, war ich überrascht, wie erschöpft ich mich fühlte. Gleichzeitig aber auch erleichtert. Nur wusste ich nicht, wovon eigentlich. Mein Leben wieder aufnehmen? Welches Leben? Niemand wusste wirklich, woher ich kam. Und wenn das stimmte, wusste auch niemand, ob es einen Weg zurück gab.

Mit steifen Schritten verließ ich das Gerichtsgebäude. Meine Muskeln waren angespannt, mein Kopf schwer. Gegenüber lag ein kleines Restaurant. Unscheinbar. Große Fenster, warmes Licht. Auf der Tafel standen Dinge, die mir seltsam vertraut vorkamen: Spaghetti, Pizza, Eis. Ohne auf Gal, Tahl oder Valentina zu warten, überquerte ich die Straße und setzte mich an einen Tisch in der Ecke, direkt am Fenster.
Eine blonde Kellnerin mit blauen Augen kam zu mir. Sie war etwas fülliger, und der absurde Gedanke schoss mir durch den Kopf, dass sie hier vermutlich selbst ganz gut aß. Ich bestellte eine Tomatensuppe mit Reis. Etwas Bodenständiges. Etwas Sicheres. Als sie mir die Suppe brachte, musste ich kurz blinzeln. Sie war blau.
„Das hätte ich mir auch denken können“, murmelte ich und probierte. Der Geschmack überraschte mich. Sie war ausgezeichnet. Kräftig, würzig, mit einem angenehmen Nachhall, den ich nicht ganz zuordnen konnte.
Als sich jemand mir gegenüber setzte, nahm ich automatisch an, dass es Valentina oder Tahl war. Erst als ich den Kopf hob, sah ich in das alte Gesicht von Roland Caprio. Mein Körper spannte sich sofort an. Ich fuhr leicht zusammen, suchte nach Worten. Der Richter jedoch winkte ruhig ab, ein fast freundliches Lächeln auf den Lippen. Er bestellte eine kleine Portion Nudeln und bemerkte beiläufig, dass man in seinem Alter nicht mehr so essen könne wie früher.
Ich wusste nicht, warum ich blieb. Warum ich nicht aufstand. Aber ich ließ mich auf ein Gespräch ein. Belanglose Themen. Essen. Die Stadt. Allgemeine Beobachtungen. Es fühlte sich surreal an, mit diesem Mann hier zu sitzen, fernab des Gerichtssaals.
Als wir fertig waren und die Kellnerin abgeräumt hatte, erhob er sich. Schon im Gehen sagte er, fast beiläufig:
„Die vergessen nicht. Halt den Ball flach und flieg unter ihrem Radar.“
Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken.
„Warum?“ fragte ich.
Er blieb stehen. Sah mich an.
„Ihre Leute hat es erwischt. Jetzt bist du für sie uninteressant geworden.“
Dann ging er.

Am anderen Ende des Gangs sah ich Tahl und Gal, die ihm salutierten. Valentina kam auf mich zu.
„Was hast du gegessen?“ fragte sie.
Ich blinzelte. Die Frage brauchte einen Moment, um anzukommen. Sie setzte sich mir gegenüber. Genau auf den Platz, auf dem eben noch der Richter gesessen hatte.
„Eine blaue Tomatensuppe“, sagte ich schließlich und fügte fast trotzig hinzu, dass sie sehr gut geschmeckt hatte.
„Schwierig“, murmelte sie. Diesmal laut genug.
Ich legte den Kopf schief und sah sie an.
„Was man dir gibt, isst du nicht oder es schmeckt nicht“, sagte sie ruhig. „Und was du isst, verträgst du nicht oder bringt dich fast um.“
Ich holte Luft, um zu widersprechen. Statt Worte kam die Suppe aus meinem Mund. Ich erbrach mich über den Tisch, über Valentina. Dann kippte mein Körper zur Seite. Der Boden kam mir entgegen. Ich spürte noch ein unkontrolliertes Zucken, dann nichts mehr.

Als ich wieder zu mir kam, wusste ich sofort, wo ich war. Noch bevor ich die Augen ganz öffnete, noch bevor sich das Dröhnen in meinem Kopf gelegt hatte. Der Geruch. Steril, leicht metallisch, mit dieser unterschwelligen Note von Desinfektionsmitteln, die sich überall festsetzte. Gedämpfte Geräusche. Ein leises Summen technischer Geräte.
„Schon wieder im Krankenhaus?“ murmelte ich heiser.
„Sei froh, dass du noch am Leben bist“, fuhr mich Valentina an.
Ich öffnete die Augen vollständig. Sie saß auf einem Stuhl neben meinem Bett, nach vorne gelehnt, die Arme verschränkt. Ihre Haltung war angespannt, ihr Blick hart. Nicht besorgt. Nicht tröstend. Eher… wütend. Oder vielleicht beides gleichzeitig.
Gegenüber, neben der Eingangstür, saß Gal. Sie wirkte ruhig, fast zu ruhig. Ihre Augen lagen auf mir, analytisch.
„Ich frage mich“, sagte sie nüchtern, „ob es für das Syndikat nicht einfacher gewesen wäre, dich dir selbst zu überlassen.“
Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte. Also sagte ich nichts.
Erst dann sah ich Tahl. Er lehnte am Fußende meines Bettes an der Wand, die Arme locker verschränkt, der Blick auf mich gerichtet.
„Was sie meint“, sagte er trocken, „ist: Du hast ein Talent dafür, dich fast umzubringen.“
Ich versuchte, mich aufzurichten. Der Versuch endete in einem dumpfen Schwindel und einem Gefühl, als würde mein Körper aus nassem Sand bestehen. Meine Muskeln gehorchten nicht. Valentina stand sofort auf und half mir, mich zumindest halbwegs aufzusetzen. Ihre Berührung war sachlich. Professionell. Kein Zögern.
„Ich denke“, sagte ich, noch bevor ich den Gedanken richtig sortieren konnte, „dass jemand wie ich hier nichts zu suchen hat.“
Der Satz kam zu schnell. Zu ehrlich. Kaum ausgesprochen, wusste ich selbst nicht genau, was ich damit meinte. Vielleicht die Verzweiflung darüber, dass es keinen Weg zurück gab. Vielleicht die Erkenntnis, dass ich hier allein nicht überlebensfähig war. Vielleicht einfach nur Müdigkeit. Mentale Erschöpfung. Aber die Worte waren draußen, und ich konnte sie nicht mehr zurückholen.
„Es ist nett von euch“, fuhr ich fort, „dass ihr euch um mich gekümmert habt.“
Alle drei sahen sich kurz an. Verwirrt. Ich sah es in ihren Gesichtern. Also sagte ich, was ich meinte.
„Sperrt mich irgendwo weg. In ein Hospiz oder eine soziale Einrichtung, die sich um mich kümmert.“
Die Ohrfeige kam ohne Vorwarnung.
Ein scharfer Knall, dann ein brennender Schmerz auf meiner linken Wange. Ich war mir sicher, dass sich Valentinas Handabdruck glühend in mein Gesicht eingebrannt hatte.
„Bist du irre?“ fauchte sie.
Sie schien noch etwas sagen zu wollen, rang sichtbar mit sich – dann drehte sie sich abrupt um und stapfte wütend aus dem Zimmer.
Schwer ausatmend ließ ich mich zurück ins Bett fallen.
„Frauen“, murmelte Tahl.
Gal warf ihm einen Blick zu, der ihn augenblicklich zum Schweigen brachte. Ohne ein weiteres Wort stand sie auf und folgte Valentina nach draußen.
Die Tür glitt zu. Es wurde stiller.
Tahl trat näher, blieb am Fußende meines Bettes stehen und umfasste die Schutzleiste.
„Zu einem gewissen Maß hast du recht“, sagte er ruhig. „Wir können nicht die ganze Zeit bei dir bleiben.“
Ich sagte nichts.
„Aber“, fuhr er fort, „wir können dir helfen, einen guten Start in ein neues Leben zu haben.“
Er zog seine ID-Card hervor, gab etwas ein und nahm dann meine aus einem Schubfach, das zu einem schwebenden Nachttisch gehörte. Er hielt beide kurz aneinander.
Ich sah ihn fragend an.
„Credits“, erklärte er. „Eine Menge.“
Mein Gesichtsausdruck änderte sich offenbar nicht genug, denn er präzisierte:
„Kopfgelder. Informationsbelohnungen. In Summe etwa fünfzigtausend.“
Mir entglitten die Gesichtszüge.
„Wow“, brachte ich hervor.
Doch das Gefühl hielt nicht lange an. Schon beim nächsten Gedanken zog sich alles wieder zusammen.
„Ich vertrage kaum das Essen hier“, sagte ich. „Also brauche ich eine Wohnung in der Nähe von einem Geschäft, das Nahrung anbietet, die ich vertrage. Ich müsste Möbel kaufen. Mich durch Bürokratie kämpfen. Versicherungen. Registrierungen.“ Ich sah ihn an. „Ich bin nach zwei Jahren pleite.“
„Du findest Arbeit“, sagte Tahl ruhig.
Ich schüttelte den Kopf.
„Welche? Sieh mich an. Ich bin per Definition Terraner, kein Argone. Mein Körper war nie G-Kräften ausgesetzt. Ich komme aus einer Zeit, in der Raumfahrt noch in den Kinderschuhen steckt.“
Er nickte langsam.
„Ich verstehe“, sagte er nach einer kurzen Pause. „Wir finden eine Lösung.“
Ich antwortete nicht. Drehte mich auf die Seite. Hörte, wie er den Raum verließ.
Dann war ich allein.

Dachte ich zumindest.
Es klopfte an der Tür, und sie öffnete sich, ohne dass ich etwas sagte.
Ich wandte mich reflexartig der Tür zu und zuckte zusammen. Schon wieder.
„Guten Tag, Mister Grau.“
Es war Richter Caprio. Auf einem antiken Gehstock gestützt, kam er auf mich zu und setzte sich ohne zu fragen auf die Bettkante.
„Wa…?“
Weiter kam ich nicht. Er hob die Hand, und das reichte aus, um mich zum Schweigen zu bringen.
„Ich weiß, dass Ihre Geschichte nicht wahr ist.“
Ich wurde blass, und mein Magen drehte sich um.
„Keine Sorge. Meine Kinder haben mir alles erzählt.“
„Ihre… Kinder?“
„Gal und Tahl.“ Ich sah aus dem Türfenster und erhaschte nur kurz ihre Köpfe.
„Glauben Sie wirklich, Mister Grau, dass ein Richter, der bereits in Rente ist, einfach so wieder auftaucht?“
Ich schweifte ab. „Die beiden… ähneln sich überhaupt nicht.“
Caprio wandte sich um und sah ebenfalls durch das Fenster. „Ja, verschiedene Mütter. Und ihre Charaktere sind wie Feuer und Wasser. Ein Wunder, dass sie überhaupt in ähnliche Berufe eingestiegen sind.“
Dann drehte er sich wieder zu mir. „Ich habe selbst einige Unverträglichkeiten.“
Ich wusste nicht, worauf das hinauslaufen sollte. Und warum siezte er mich jetzt plötzlich, während er im Restaurant geduzt hatte?
„Mister Grau, ich biete Ihnen eine Wohnung und einen Job an.“
„Huh?“ Die Überraschung stand mir ins Gesicht geschrieben.
Er lächelte nur. „Ich bin alt. Das ist kein Geheimnis, und man sieht es mir an. Ich werde vielleicht noch ein oder zwei Jahrzehnte zu leben haben.“ Er schwieg kurz. „Allerdings nur, wenn jemand auf mich aufpasst.“
Ich zog eine Augenbraue hoch. „Hier komme wohl ich ins Spiel.“
„Mehr oder weniger. Wir beide haben ein ähnliches Problem: Sie vertragen von Haus aus argonische Nahrung schlecht. Ich immer weniger.“
Ich nickte. „Ich verstehe.“ Ah, deswegen siezt er mich – weil es ums Geschäftliche geht. „Aber ich weiß nicht, worauf Sie hinauswollen.“
„Wir können uns gegenseitig helfen. Ich biete Ihnen Stabilität, und gemeinsam können wir uns unseren Problemen stellen.“
Ein mulmiges Gefühl breitete sich in mir aus. Es ging nicht nur um die Nahrung.
Doch das Angebot war zu gut, um abzulehnen. Ich reichte Caprio die Hand.
„Deal.“
Er schüttelte sie fest, seine Augen funkelten kurz. Ich spürte, dass dies kein einfacher Pakt war. Und doch… zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte ich, dass ich vielleicht wieder eine Richtung hatte.

Ich hasse Perfektion.
Sie bietet keinen Platz für Kreation.

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Kapitel 6 - All New Days

Ich hatte mich inzwischen daran gewöhnt, jeden Morgen früh aufzustehen. Das Licht, das durch die schmalen Fenster des Bungalows fiel, war sanft, fast golden, bevor die Sonne richtig über die Hügel von Aru stieg. Roland saß dann oft schon im kleinen Frühstücksraum, eine Tasse dampfenden Keffas in der Hand, den Blick nach draußen gerichtet. Ich nannte ihn insgeheim „den alten Fuchs“, weil er mich ständig beobachtete, ohne dass ich es merkte.
Nach dem Frühstück machte ich mich meist auf den Weg nach draußen. Die Luft war kühl, mit einem Hauch von feuchtem Gras und Wald. Ich lief den schmalen Pfad entlang, der hinter dem Haus begann, vorbei an kleinen Feldern und hin zu einem alten Bach. Das Wasser war klar und beruhigend, und ich stellte mir vor, dass all der Stress, die Angst, die Schmerzen der letzten Wochen langsam davongetragen wurden. Ich wusste, dass das nur ein Gefühl war – doch es half.
Die Spaziergänge waren zugleich meine einzige Gelegenheit, über das nachzudenken, was passiert war. Über die Explosionen, den Angriff auf das Safehouse, den Richter, der plötzlich wieder in mein Leben getreten war. Über Valentina, Gal und Tahl. Über mich selbst. Ich spürte, wie sich langsam ein Rhythmus einstellte, als hätte ich mir in diesem fremden Leben eine kleine Insel geschaffen.
Zurück im Haus begann ich, die Vorräte zu sortieren. Die Listen, die mir Gal und Tahl gegeben hatten, waren detailliert, und ich lernte, die Produkte nach Verträglichkeit, Haltbarkeit und Nährwert einzuteilen. Das Geräusch der Drohnen, die über das Dach hinwegflogen, wurde fast normal. Ich wusste, dass ich jeden Tag ein bisschen sicherer werden konnte – sicherer darin, meinen Körper zu verstehen, meinen Magen, meine Grenzen.
Roland war geduldig, wenn auch bestimmend. Er beobachtete mich, wenn ich die Mahlzeiten vorbereitete, die Geräte nutzte oder einfach nur in der Sonne saß. Seine Präsenz war beruhigend und gleichzeitig fordernd. Ich merkte, dass er mich testete, ob ich eigenständig handeln konnte, und gleichzeitig versuchte, mir das Gefühl von Verantwortung zu geben.
Manchmal, wenn ich allein war, fragte ich mich, ob ich jemals wirklich ankommen würde. Ob dieses Leben hier jemals „meins“ werden könnte. Aber dann hörte ich das sanfte Summen der Geräte, das Rascheln der Blätter draußen oder das ferne Läuten einer Drohne, und ich atmete durch. Ein ganzer Monat war vergangen – und ich lebte noch. Ich war müde, aber am Leben. Und vielleicht war das genug, um langsam einen neuen Anfang zu wagen.

Die Umgebung um Aru, einem ruralen Dorf außerhalb von Nathania, erinnerte mich an die frühen Tage der Erde, bevor Städte und Straßen alles überlagert hatten. Sanfte Hügel, gesäumt von dichten Wäldern, die in tiefes Grün getaucht waren, wechselten sich ab mit offenen Wiesen, auf denen wilde Blumen in Gelb, Blau und Violett blühten. Alles wirkte lebendig, als hätte die Natur hier eine Pause eingelegt, um sich in aller Ruhe zu entfalten.
Was diesen Planeten, Argon Prime, besonders machte, war die Art, wie das Wasser das Leben formte. Statt Meere mit salzigem Wasser dominierten unzählige Süßwasserseen, Flüsse und Teiche das Land. Diese Gewässer schimmerten je nach Sonnenstand türkis, smaragdgrün oder silbrig. Sie waren die Quelle für alles Wachstum: Pflanzen, Tiere und selbst die kleinsten Insekten schienen in einem ständigen Kreislauf aus Frische und Feuchtigkeit zu leben.
Die Flora hatte sich vollständig an Süßwasser angepasst. Bäume, die an Eichen oder Ahorn erinnerten, wuchsen dicht zusammen, ihre Wurzeln gruben sich tief in die feuchten Böden. Moose und Farne bildeten weiche Teppiche zwischen den Stämmen. In den Niederungen standen Schilf und Gräser, die das Wasser aufnahmen und kleine Feuchtgebiete bildeten, in denen Vögel, Amphibien und andere Tiere Nahrung und Schutz fanden. Sogar das Licht wirkte anders: Es wurde vom klaren Wasser der Seen reflektiert, tauchte die Umgebung in ein sanftes, fast überirdisches Leuchten.
Die Luft war frisch, kaum von menschlichen Einflüssen getrübt, und hatte einen leichten, mineralischen Geruch, der an feuchten Stein und frisches Gras erinnerte. Regenfälle hinterließen keine salzigen Ablagerungen, sondern reines, klares Wasser, das die Erde nährte und die Vegetation kräftig und saftig erscheinen ließ. Für jemanden wie mich, der aus einer Welt stammte, in der das Leben stark industrialisiert und salzlastig geprägt war, fühlte sich diese Umgebung wie ein Rückzug in eine ursprüngliche, fast heile Natur an.
Die Kombination aus Süßwasser, üppiger Vegetation und sanften Hügeln machte Argon Prime zu einem Planeten, auf dem Leben langsam, aber sicher gedeiht. Es war ein Ort, der Schutz bot und zugleich eine leise, aber konstante Erinnerung daran, dass das Leben, egal wie fremd es sein mag, auf Stabilität und Pflege angewiesen ist.

Ich hörte Roland zu, während wir durch die grasbewachsenen Hügel außerhalb von Aru gingen. Seine Stimme war ruhig, fast gleichmäßig, und doch lag jedem Satz eine Schwere bei, die ich nicht genau einordnen konnte. Ich konnte mir vorstellen, dass das Leben von Gal und Tahl alles andere als normal verlaufen war, und plötzlich wurde mir klar, dass ihre Energie, ihr Ehrgeiz und ihr Pflichtbewusstsein nicht aus dem Nichts entstanden waren.
Roland sprach über die argonische Gesellschaft, ihre Regeln, Verträge und Normen. Ehe war hier ein funktionales Instrument, kein emotionaler Bund. Die Verträge waren wie Verträge über Eigentum: klar geregelt, zeitlich begrenzt, jederzeit überprüfbar und verlängerbar. Ich versuchte mir vorzustellen, wie fremd diese Struktur für mich war – ein Leben, in dem selbst Gefühle und Beziehungen formalisiert wurden.
Er erzählte von Gal, wie sie als Waise aufwuchs, sich allein durchschlagen musste, und wie er sie bei einem kleinen Diebstahl erwischte. Statt sie zu bestrafen, hatte er ihr geholfen, einen Weg aus der Armut zu finden. Ich konnte das in mir nachvollziehen, ein Funken von Wärme mischte sich in das Bild des alten Richters, das bisher so streng und unnahbar gewirkt hatte. Doch der Anschlag, bei dem Gals Mutter ums Leben kam, der jedoch Roland galt, zeigte die Härte dieser Welt. Schon als Kind war sie gezwungen, Stärke zu zeigen.
Tahl, zehn Jahre älter, war in der Pubertät, als all dies passierte. Seine Mutter hatte sich aus Karrieresicht von Roland getrennt, und das hatte eine Kluft hinterlassen. Ich konnte verstehen, warum er seine Mutter nicht leiden konnte und warum die Rivalität zwischen den Halbgeschwistern so tief verwurzelt war. Beide, Gal und Tahl, trugen diese Geschichte in sich, ihre Energie und ihr Pflichtbewusstsein entstanden aus Verlust, Pflicht und Loyalität.
Ich ging schweigend neben Roland, während er sprach. Ein Teil von mir bewunderte diese Menschen, die unter solchen Umständen nicht zerbrachen. Ein anderer Teil fühlte sich fremd, fehl am Platz. Ich war noch nicht einmal sicher, wie lange ich hier bleiben konnte – und wie viel von mir selbst ich hier noch behalten würde, wenn ich mich wirklich auf diese neue Welt einließ.
Die Hügel rund um Aru verschwammen vor meinen Augen, das Gras leuchtete im sanften Licht der Nachmittagssonne. Ich fragte mich, ob ich jemals wieder in einer Welt leben würde, in der Loyalität, Pflicht und Überleben so untrennbar verbunden waren. Doch für den Moment musste ich mich auf das Hier und Jetzt konzentrieren – auf meinen Platz in diesem fremden Leben, auf die Menschen, die mir halfen, und auf die Verantwortung, die mir nun angeboten wurde.

Ich hatte mir bei diesen Spaziergängen angewöhnt, immer bei einem bestimmten Geschäft in Aru vorbeizuschauen. Es war fast schon ein festes Ritual geworden. Wenn Roland mit dabei war, dauerte natürlich alles länger. Er kannte jeden zweiten Dorfbewohner, blieb stehen, wechselte ein paar Worte, hörte sich Geschichten an, die er vermutlich schon dutzende Male gehört hatte. Manchmal nervte mich das. Aber ich sagte nichts. Vielleicht, weil ich wusste, dass diese Gespräche für ihn mehr waren als bloßer Zeitvertreib.
Das Geschäft hieß „Anshin Shokudō“. Mein Argonisch war in dem Monat deutlich besser geworden, aber noch immer nicht sauber. Ich übersetzte den Namen für mich mit „sorgenfreies Essen“. Das klang mehr nach einem werbewirksamen Markennamen als nach einer nüchternen Beschreibung, aber inhaltlich traf es erstaunlich gut zu. Hier konnte ich tatsächlich sorgenfrei einkaufen.
Offiziell lief der Laden unter der Kategorie „Support-Shop für Nahrungsmittelunverträglichkeiten“. Inoffiziell war es einer der wenigen Orte, an denen ich nicht ständig überlegen musste, ob mich das, was ich aß, später ins Krankenhaus bringen würde. Und nicht nur ich. Auch Roland fand hier alles, was er noch vertrug.
Ich hatte anfangs gedacht, der Laden existiere nur wegen einer kleinen Randgruppe. Doch jedes Mal waren andere Kunden da. Manche offensichtlich aus medizinischen Gründen, andere wirkten eher wie das, was man in meiner alten Welt als „bewusst lebend“ bezeichnet hätte. Ob Nahrungsmittelunverträglichkeiten bei Argonen weit verbreitet waren oder ob sich hier einfach ein bestimmtes Klientel sammelte, wusste ich nicht. Aber der Laden lief gut.
Die Inhaberin hieß Vanu Atu. Eine Argonin, etwa in meinem Alter. Nicht auffällig, nicht herausstechend. Weder besonders sportlich noch unscheinbar. Einfach… normal. Grüne Augen, leicht gewelltes, dunkelrotes Haar, meist locker zusammengebunden. Sie wirkte ruhig, aufmerksam, manchmal fast ein wenig zu aufmerksam.
Roland neckte mich regelmäßig damit, dass sie ein Auge auf mich geworfen hatte. Ich stritt es nicht ab, dass sie ästhetisch ansprechend war. Aber sie war mir anfangs zu aufdringlich, zu nah. Zumindest war das mein erster Eindruck.
Das erste sogenannte „Date“ war keines gewesen. Sie war vor dem Laden umgeknickt, ich hatte sie nach Hause begleitet. Auf dem Weg hatten wir in einem kleinen Café Halt gemacht, weil sie dort ohnehin immer zu Abend aß. Ich hatte ihr Gesellschaft geleistet, mehr nicht. Irgendwann schien bei ihr der Groschen gefallen zu sein. Ihre Nähe wurde zurückhaltender, ihre Fragen weniger direkt.
Ab da kam ich überraschend gut mit ihr aus. Sie war klug, stellte die richtigen Fragen und hörte tatsächlich zu. Gespräche mit ihr fühlten sich nicht anstrengend an. Und vielleicht war genau das der Punkt, an dem ich merkte, dass ich langsam begann, in diesem Leben anzukommen. Nicht sicher. Nicht stabil. Aber zumindest nicht mehr völlig fehl am Platz.

Doch je näher Vanu und ich uns kamen, desto häufiger musste ich an Valentina denken. Nicht, weil ich in beide Frauen verliebt gewesen wäre. So einfach war es nicht. Valentina hatte mich in den ersten zwei Monaten dieser Realität begleitet. Sie hatte mich gesehen, als ich kaum stehen konnte, als ich keine Ahnung hatte, was ich essen durfte, was mein Körper aushielt und was nicht. Sie wusste mehr über mich, als ich bereit gewesen wäre, Vanu zu erzählen.
Natürlich waren Gal, Tahl und Valentina längst in ihre alten Leben zurückgekehrt. Aber der Kontakt zu Valentina war geblieben. Weniger aus romantischen Gründen, sondern aus sehr praktischen. Aus gesundheitlichen. Ich schickte ihr regelmäßig Daten zu neuen Gerichten, die ich ausprobierte, Reaktionen meines Körpers, Vergleichswerte zwischen mir und Roland. Für uns beide war sie so etwas wie eine inoffizielle Leibärztin geworden.
Bei einem unserer letzten Gespräche hatte sie nebenbei erwähnt, dass sie eine Doktorprüfung ablegen wollte. Fast beiläufig, als wäre es nichts Besonderes. Es passte zu ihr.
Trotzdem wusste ich nicht, wie ich mit all dem umgehen sollte. Mit Frauen im Allgemeinen. Mit Signalen im Besonderen. Ich hatte das Gefühl, dass Valentina mir hin und wieder subtile Avancen machte. Kleine Bemerkungen, kurze Pausen, ein bestimmter Blick. Aber ich war mir nie sicher, ob ich mir das einbildete. Meine eigene Unerfahrenheit machte es nicht besser.
Also blieb ich vorsichtig. Zu vorsichtig. Ich ließ beiläufige Komplimente fallen, etwa zu ihrer Frisur oder ihrem Auftreten. Sie nahm sie dankend an, ohne sie weiter auszuschlachten. Ich lud sie ein, mich zu besuchen, falls es sie einmal in meine Richtung verschlagen sollte. Ihre Reaktion war distanziert, aber nicht ablehnend. Offen, aber ohne Versprechen.
Ich war mir schmerzlich bewusst, dass ich schlecht darin war, zwischen den Zeilen zu lesen. In meiner alten Realität hatten Frauen öfter mit mir geflirtet. Nur hatte ich es fast immer erst Stunden oder Tage später begriffen. Dann, wenn der Moment längst vorbei war.
Und hier, auf Argon Prime, schien sich daran nichts geändert zu haben.

Als Vanu eines Tages unangekündigt vorbeikam, war ich ehrlich überrascht. Sie hatte mehrere Behälter dabei, sauber versiegelt, mit Etiketten in unterschiedlichen Föderationsdialekten. Nahrungsmittel von anderen Planeten, wie sie erklärte. Roland bat sie herein, wobei „herein“ relativ war, denn wir saßen ohnehin draußen auf der Terrasse. Die Markise spendete Schatten, darunter staute sich die warme Mittagsluft des argonischen Sommers. Die Hitze war träge, fast angenehm, und ließ selbst Gespräche langsamer werden.
Vanu erzählte von einem Händler, dem sie zufällig begegnet war. Er hatte ihr die Waren überlassen, offenbar in der Hoffnung, einen neuen Abnehmer zu finden. Beim Öffnen der Behälter kamen verschiedene Früchte, Knollen und Samen zum Vorschein. Formen und Farben, die mir fremd waren, aber nicht abstoßend wirkten. Einige erinnerten entfernt an irdisches Obst, andere sahen aus, als hätten Pflanzen und Pilze einen gemeinsamen evolutionären Nenner gefunden.
Ich erinnerte mich daran, dass ich ihr irgendwann beiläufig erzählt hatte, dass Genetik früher mein Hobby gewesen war. Kurzzeitig sogar Studieninhalt, bevor ich abgebrochen hatte. Für mich war das eine Randnotiz gewesen. Für sie offenbar nicht. Sie fragte mich, ob ich mir zutrauen würde, die Nahrungsmittel zu analysieren. Professionell, zumindest so weit es ging. Sie könne sich ein offizielles Labor nicht leisten.
Ich war vollkommen überrumpelt. Mir war sofort klar, dass ich weder über das Wissen verfügte, moderne Analysegeräte zu bedienen, noch wusste, wo man solche Geräte überhaupt finden konnte. Mein Studium lag in einer anderen Zeit, mit anderer Technologie. Bevor ich überhaupt antworten konnte, schaltete sich Roland ein. Er meinte ruhig, dass er jemanden kenne, der über entsprechendes Equipment verfüge. Natürlich nicht kostenlos. Aber deutlich günstiger als alles Offizielle.

Einige Tage später standen Vanu und ich vor einem Gebäude am Rand des Meeres von Nathania. Von außen wirkte es vernachlässigt. Salzwind hatte die Fassade angegriffen, Metallteile waren stumpf, an einigen Stellen hatte sich Algenbewuchs festgesetzt. Ich hatte gelernt, dass man das angrenzende Gewässer das Blaue Meer nannte, eines der wenigen Salzgewässer von Argon Prime. Der Name war naheliegend und nicht gerade kreativ.
Innen jedoch war das Gegenteil der Fall. Sauber. Steril. Mehrere Schleusen trennten die Bereiche voneinander, jede mit eigenen Filtern und Warnanzeigen. Kontamination sollte in beide Richtungen verhindert werden. Das Gebäude gehörte einem Paar: Greg Watson und Rosa Morgan.
Rosa war eine ältere Frau, gebrechlich wirkend, mit kurzen braunen Haaren, die bereits von weißen Strähnen durchzogen waren. Ihre Bewegungen waren langsam, aber präzise. Greg hingegen war jung, jung genug, um ihr Sohn zu sein. Schlank, nicht muskulös, nicht schwach. Der Inbegriff eines Wissenschaftlers, zumindest meinem alten Weltbild nach. Zerzaustes, etwas längeres grünes Haar, ständig leicht fahrig, aber aufmerksam.
Weder Vanu noch ich wussten genau, womit sie sich normalerweise beschäftigten. Aber da sie offensichtlich nicht von Sicherheitsbehörden behelligt wurden, schien alles legal genug zu sein. Gegen eine kleine „Spende“, wie sie die Bezahlung unter der Hand nannten, analysierten sie die Nahrungsmittel bis ins kleinste Detail. Sie zerlegten Proben, untersuchten Säfte, Fruchtfleisch, Zellstrukturen und schließlich sogar die DNA.
Das Ganze dauerte Tage. In dieser Zeit lief das Leben weiter. Spaziergänge mit Roland, Einkäufe, Gespräche mit Vanu. Und immer wieder kurze Updates aus dem Labor. Als wir schließlich die Ergebnisse erhielten, waren wir begeistert. Mehrere der Proben waren für mich und Roland unbedenklich. Einige sogar ausgesprochen gut verträglich. Für Vanu bedeutete das neue Produkte, die sie verkaufen konnte.
Während wir die Daten durchgingen, spürte ich, wie sich in meinem Hinterkopf etwas formte. Eine Idee, die ich erst ignoriert hatte, die dann immer hartnäckiger wurde. Schließlich brach sie ins Bewusstsein durch:
Warum nur argonische Nahrungsmittel analysieren? Warum nicht gezielt außerhalb suchen? Auf anderen Planeten, in anderen Biosphären, nach Alternativen, die für Menschen wie mich überhaupt erst ein Überleben möglich machten.

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Kapitel 7 - Essen und essen lassen

Wochen zogen ins Land und meine anfängliche Idee, fremde Nahrung für mich und letztlich auch für andere nutzbar zu machen, hörte auf, ein loses Gedankenspiel zu sein, und wurde zu etwas Greifbarem. Anfangs war es nur Neugier gewesen, gepaart mit der schlichten Notwendigkeit, nicht jedes Mal mit Bauchkrämpfen oder Schlimmerem zu enden, wenn ich etwas Neues probierte. Doch mit jeder Analyse, mit jedem kleinen Erfolg, wuchs der Gedanke, dass hier mehr möglich war als nur persönliches Überleben. Gemeinsam mit Vanu begann ich, gezielt Kontakte zu Händlern aufzubauen. Nicht die großen, anonymen Lieferketten, sondern kleine Anbieter, die bereit waren, mir geringe Mengen zu überlassen, manchmal aus reiner Neugier, manchmal aus Hoffnung auf ein neues Geschäftsfeld.

Der Raumhafen außerhalb von Nathania war kein Ort für Romantik, sondern für Lärm, Gerüche und Geschäfte, die lieber im Halbdunkel abgeschlossen wurden. Die Bar, in der Vanu und ich uns mit den Händlern trafen, lag etwas abseits der Hauptanlegestellen, gerade nah genug, um Laufkundschaft aus allen Spezies anzuziehen, aber weit genug entfernt, dass niemand zufällig hier landete. Die Luft war schwer von einer Mischung aus ozonhaltigen Abgasen, fremden Gewürzen und Alkohol, der für mindestens drei unterschiedliche Biologien gedacht war. Ich saß mit dem Rücken zur Wand, aus alter Gewohnheit, während Vanu mir gegenüber Platz nahm. Sie wirkte ruhig, fast entspannt, doch ich kannte sie inzwischen gut genug, um zu wissen, dass sie jedes Detail im Raum erfasste. Der erste Händler war ein Teladi, schuppig, mit glänzenden Augen, die jede Bewegung in Credits umzurechnen schienen. Er sprach schnell, übertrieben freundlich, und begann sofort, die Qualität seiner Sonnenblumen hervorzuheben, noch bevor wir überhaupt nach Preisen fragten. Vanu ließ ihn reden, unterbrach ihn nicht, sondern wartete, bis er sich selbst in Widersprüche verstrickte. Erst dann legte sie ruhig dar, dass wir keine Raffinerieware suchten, sondern Rohmaterial, möglichst unverändert, und dass wir bereit waren, für konstante Lieferungen zu zahlen, nicht für einmalige Deals. Das Wort konstant wirkte. Der Teladi lehnte sich zurück, musterte mich und fragte, warum ein Terraner sich für so etwas interessiere. Ich erklärte knapp, dass ich an neuen Verarbeitungsmethoden arbeitete und dass kleine Mengen für Tests reichten. Keine Visionen, keine großen Versprechen. Nur Bedarf.
Kurz darauf gesellte sich ein Argone dazu, ein Mann mittleren Alters mit abgetragenem Mantel und der Haltung eines Farmers, der den Raumhafen nur widerwillig betrat. Er sprach über Delexianischen Weizen von Son’ra 4, betonte die natürliche Aufzucht und die Schwierigkeiten des Transports. Ich stellte gezielte Fragen zu Bodenbeschaffenheit, Erntezeitpunkten und Lagerung, und ich sah, wie sich seine Skepsis langsam in Respekt verwandelte. Er war es gewohnt, dass Händler nur den Preis drücken wollten. Stattdessen interessierte ich mich für Details, die normalerweise niemand hören wollte. Als Vanu schließlich eine Abnahmemenge nannte, die klein, aber regelmäßig war, nickte er langsam.
Der schwierigste Teil kam mit einem Split-Händler. Er stand, während wir saßen, die Arme verschränkt, die Stimme scharf wie ein Messer. Scruffins, sagte er, seien kein Gemüse für schwache Mägen, und er mache keine Versprechen über Verträglichkeit. Ich erwiderte, dass ich keine Garantien wolle, sondern Transparenz. Herkunft, Lagerzeit, Behandlung. Er lachte kurz, ein raues, bellendes Geräusch, und meinte, das sei ungewöhnlich. Vanu übernahm hier das Gespräch, sprach direkt, ohne Umschweife, respektierte seine Haltung, ohne sich unterzuordnen. Sie bot einen höheren Preis pro Einheit an, gekoppelt an die Bedingung, dass die Ware unbearbeitet blieb. Nach einem Moment des Schweigens setzte er sich doch, bestellte ein Getränk und stimmte zu, allerdings mit dem Zusatz, dass Lieferungen unregelmäßig sein würden. Wir akzeptierten.
Am Rand der Runde hielt sich ein weiterer Händler, ein Paranide, zurück. Er sprach wenig, hörte viel und reagierte erst, als das Thema Soja fiel. Seine Augen verengten sich, und ich spürte sofort, dass dies kein normales Geschäft war. Ich erklärte offen, dass wir kleine Mengen für Forschung benötigten und dass keine Weitergabe ohne Zustimmung erfolgen würde. Vanu ergänzte, dass wir bereit seien, schriftliche Vereinbarungen nach paranidischem Recht zu akzeptieren. Das überzeugte ihn nicht sofort, aber es brachte ihn zum Nachdenken. Am Ende nannte er einen Preis, der hoch war, aber nicht abschreckend. Ich stimmte zu, ohne zu verhandeln. Manchmal war Vertrauen mehr wert als ein paar Credits.
Als wir die Bar verließen, war mein Kopf voll von Zahlen, Lieferterminen und offenen Risiken. Vanu ging neben mir, schweigend, bis wir außer Hörweite waren. Dann sagte sie nur, dass es gut gelaufen sei. Ich wusste, was sie meinte. Nicht wegen der Mengen oder Preise, sondern weil wir es geschafft hatten, inmitten von Misstrauen und fremden Kulturen etwas zu erreichen, das über einen simplen Handel hinausging. Wir hatten einen Anfang gemacht.

Rosa und Greg wurden dabei zu einem festen Bestandteil meines Alltags. Ihre Labore am Meer von Nathania waren kein Ort für große Worte, sondern für Geduld, Präzision und unzählige Datenpunkte. Jedes Nahrungsmittel wurde zerlegt, chemisch, biologisch und strukturell analysiert, nicht nur auf offensichtliche Toxine, sondern auf langfristige Wechselwirkungen mit argonischer und meiner terranischen Physiologie. Erst danach begann mein Teil der Arbeit. Mir war schnell klar geworden, dass mein altes Halbwissen aus dem Genetikstudium nicht ausreichen würde. Also meldete ich mich zu Kursen an. Kochkurse, ja, aber auch Ernährungslehre, Mikronährstoffkunde und sogar Grundlagen der Lebensmitteltechnologie. Ich hatte erwartet, Rezepte auswendig zu lernen. Stattdessen lernte ich, warum bestimmte Vitamine hitzeempfindlich waren, wie Mineralstoffe bioverfügbar gemacht wurden und warum zwei scheinbar harmlose Zutaten in Kombination gefährlich sein konnten.
Roland unterstützte mich dabei mehr, als er zugab. Er stellte Mittel bereit, kommentierte trocken, dass es eine lohnende Investition sei, und war ehrlich genug zu sagen, dass auch er es leid war, seit Monaten dieselben sicheren, aber langweiligen Speisen zu essen. Seine Motivation war pragmatisch, aber sie gab mir Rückhalt. Ich wusste, dass ich mir ohne ihn diese langsame, gründliche Vorgehensweise nicht hätte leisten können.
Das erste ernsthafte Testobjekt war BoFu gewesen, Boron Fungus. Bei den Boronen galt es als Delikatesse, ein Grundnahrungsmittel mit kulturellem Gewicht. Die Boronen selbst wirkten auf mich immer noch fremdartig, mit ihren tentakelartigen Unterleibern und den filigranen Oberkörpern, die mehr an Meereswesen erinnerten als an irgendetwas, das ich aus meiner alten Welt kannte. BoFu war proteinreich, aber seine Zellstruktur war für meinen Körper kaum verwertbar. Erst nach Fermentationsversuchen, angelehnt an alte terranische Methoden, begannen sich erste brauchbare Ergebnisse zu zeigen. Parallel untersuchten wir auch Plankton- und Algenarten der Boronen. Nicht als Hauptnahrung, sondern als mögliche Zusatzstoffe, reich an Spurenelementen, die mir bisher komplett gefehlt hatten.
Delexianischer Weizen war allgegenwärtig, fast schon langweilig, weil er überall verarbeitet wurde. Doch Vanu und ich wollten bewusst weg von der industriellen Massenware. Die natürliche Ursprungsform von Son’ra 4 zeigte deutliche Unterschiede. Die Körner waren nährstoffreicher, aber auch schwerer verdaulich. Durch Keimprozesse und langsame Trocknung ließ sich jedoch ein Mehl herstellen, das ich nicht nur vertrug, sondern das auch geschmacklich komplexer war als alles, was ich bisher kannte.
Von den Teladi kamen Sonnenblumen, unscheinbar auf den ersten Blick. Nostrop-Öl war berüchtigt dafür, je nach Reinheit entweder essbar oder hochgiftig zu sein. Die Herausforderung bestand darin, die Grenzwerte exakt zu bestimmen. In stark verdünnter, gereinigter Form ließ sich ein Öl gewinnen, das nicht nur bekömmlich war, sondern als Träger für fettlösliche Vitamine diente.
Scruffins von den Split waren eine ganz andere Angelegenheit. Allein die Beschaffung war mühsam, weil die Split Handel nur als notwendiges Übel betrachteten. Die Knollen erinnerten in Struktur und Stärkegehalt an Süßkartoffeln, enthielten jedoch aggressive sekundäre Pflanzenstoffe. Erst durch wiederholtes Kochen und anschließendes Auswaschen konnten wir diese reduzieren. Das Ergebnis war unscheinbar, aber sättigend.
Soja von den Paraniden war fast tabu, zumindest kulturell. Es war ihre Leibspeise, und entsprechend hoch waren Preis und Misstrauen der Händler. In fermentierter Form zeigte es sich jedoch überraschend kompatibel mit meiner Physiologie. Es war eines der ersten Lebensmittel, bei denen ich nach dem Essen keine Symptome verspürte.
Ungeplant kamen tierische Produkte hinzu. Maja-Schnecken der Paraniden und Chelt, ein Fisch der Split, landeten auf unserem Tisch, weil ein Händler sie loswerden wollte. Eigentlich hatte ich mich auf Flora konzentrieren wollen, doch die Gelegenheit war zu wertvoll. Wir untersuchten nicht nur Fleisch, sondern gezielt Körperflüssigkeiten. Bei Argnus, dem argonischen Rind, zeigte sich, dass Milch nach entsprechender Aufbereitung trinkbar war, zumindest für Roland. Für mich blieb sie problematisch, aber ihre Bestandteile ließen sich weiterverarbeiten.
Abgerundet wurde alles durch Gewürze. Boronisches Stott, scharf und mineralisch, teladianische Samen, die eher als Konservierungsmittel dienten, und argonische Kräuter, die bisher nur medizinisch genutzt worden waren. Je mehr ich lernte, desto klarer wurde mir, dass es nicht darum ging, eine Küche zu kopieren, sondern etwas Neues zu schaffen. Nicht argonisch, nicht terranisch, sondern funktional. Essen, das nicht nur sättigte, sondern Leben ermöglichte.

Mein erstes echtes Anlernen begann in einem der kleineren Labore, das Rosa bewusst für Grundlagenarbeit reservierte, ein Raum ohne Fenster, aber mit warmem Licht, das weniger klinisch wirkte als in den übrigen Bereichen des Gebäudes. Die Arbeitsflächen bestanden aus mattgrauem Verbundmaterial, das weder spiegelte noch Gerüche annahm, und jedes Gerät hatte seinen festen Platz, nichts stand zufällig oder griffbereit aus Bequemlichkeit dort. Rosa erklärte mir ruhig und ohne Hast, dass Ordnung hier kein ästhetischer Selbstzweck war, sondern der erste Schritt jeder sauberen Analyse. Wir begannen mit Delexianischem Weizen, bewusst etwas Vertrautem, wie sie sagte, weil Fehler sich dort leichter erkennen ließen. Sie ließ mich die Probe selbst aus dem versiegelten Behälter entnehmen, wies mich darauf hin, wie lange das Material an die Raumtemperatur angepasst werden musste und warum schon wenige Minuten Abweichung Messwerte verfälschen konnten. Greg stand meist etwas im Hintergrund, lehnte an einer Konsole und beobachtete mich aufmerksam, griff aber sofort ein, wenn meine Handhabung zu grob wurde oder ich einen Schritt überspringen wollte. Als ich die ersten Spektralanalysen startete, erklärte Rosa mir jeden einzelnen Wert, nicht nur was er bedeutete, sondern warum er für die Ernährung relevant war und welche Schlussfolgerungen man eben nicht daraus ziehen durfte. Ein Messwert allein war für sie wertlos ohne Kontext. Mehrmals ließ sie mich dieselbe Analyse wiederholen, weil ein Ergebnis nicht zu den übrigen passte, und obwohl ich versucht war, es als Messfehler abzutun, zwang sie mich, die Ursache zu finden. Am Ende stellte sich heraus, dass ich beim Reinigen eines Behälters zu wenig Zeit eingeplant hatte und Rückstände die Probe verfälscht hatten. Rosa kommentierte das nicht mit Tadel, sondern mit einem knappen Nicken, als wäre genau das die Lektion gewesen. Als wir schließlich das vollständige Nährstoffprofil vor uns hatten, ließ sie mich zusammenfassen, was diese Zahlen für einen argonischen Körper bedeuteten und wo die Grenzen für einen terranischen lagen. Erst da begriff ich, dass es ihr nicht darum ging, mir Gerätebedienung beizubringen, sondern Verantwortung. Nahrung war hier kein Konsumgut, sondern ein potenzielles Risiko. Als wir das Labor verließen, war ich erschöpft, mein Kopf voll von Zahlen und Zusammenhängen, aber ich wusste, dass ich an diesem Tag mehr gelernt hatte als in vielen Wochen theoretischen Studiums.

Einige Tage später versuchte ich es erneut und es unterschied sich deutlich vom ersten, weil Greg diesmal die Führung übernahm. Wir arbeiteten nicht im Grundlagenlabor, sondern in einem größeren Raum näher am Meer, dessen Wände mit zusätzlichen Abschirmungen versehen waren. Greg erklärte mir, dass hier alles verarbeitet wurde, was biologisch „unkomfortabel“ war, also Stoffe, die nicht eindeutig pflanzlich oder harmlos einzustufen waren. Auf dem Arbeitstisch lag Boron Fungus, BoFu, in einem durchsichtigen, wassergefüllten Behälter, pulsierend langsam, als wäre er noch lebendig. Greg warnte mich sofort davor, ihn wie ein gewöhnliches Lebensmittel zu betrachten. Für Boronen sei BoFu Nahrung, für Argonen potenziell toxisch, für Terraner schlicht unbekannt. Der erste Schritt bestand nicht im Schneiden oder Analysieren, sondern im Stabilisieren. Greg zeigte mir, wie man den Wassergehalt exakt anpasste, um enzymatische Prozesse zu verlangsamen, ohne die Zellstruktur zu zerstören. Ich durfte die Parameter selbst einstellen, während er mir erklärte, welche Grenzwerte tödlich für den Organismus wären und welche lediglich die Stoffwechselaktivität reduzierten. Einmal überschritt ich einen Wert minimal und Greg stoppte den Prozess sofort, nicht hektisch, sondern routiniert. Er erklärte mir, dass man Fehler hier nicht korrigierte, sondern verhinderte. Danach folgte die Zerlegung. Anders als bei pflanzlichem Material war hier kein homogenes Fruchtfleisch vorhanden, sondern Schichten mit unterschiedlichen Funktionen. Greg ließ mich jede Schicht einzeln isolieren und beschriften, bevor überhaupt Messgeräte zum Einsatz kamen. Erst danach kam Rosa hinzu und stellte gezielte Fragen, nicht um mich zu prüfen, sondern um meine Gedankengänge offenzulegen. Als ich erklärte, welche Schicht ich für problematisch hielt, widersprach sie mir und forderte mich auf, meine Annahme zu begründen. Gemeinsam stellten wir fest, dass meine Einschätzung aus terranischer Biochemie stammte und hier nicht griff. Im zweiten Durchlauf durfte ich selbstständig entscheiden, welche Teile weiter untersucht wurden und welche verworfen werden mussten. Greg zeigte mir anschließend, wie man aus den gewonnenen Daten ein Risiko- und Verträglichkeitsmodell erstellte, kein endgültiges Ergebnis, sondern eine Entscheidungsgrundlage. Am Ende des Tages war klar, dass BoFu nicht als Ganzes nutzbar war, wohl aber einzelne Bestandteile, sofern sie korrekt verarbeitet wurden. Greg wirkte zufrieden, sagte aber ausdrücklich, dass Zufriedenheit kein Abschluss sei. Es sei lediglich der Punkt, an dem man wusste, wo man weitergraben musste. Als ich das Labor verließ, hatte ich das Gefühl, nicht mehr nur Lernender zu sein, sondern Teil eines Arbeitsprozesses, dessen Konsequenzen weit über Theorie hinausgingen.

Rosa und Greg hatten am nächsten Vormittag entschieden, dass ich nun selbstständiger arbeiten sollte, nachdem die ersten Tage sehr theoretisch und streng überwacht gewesen waren. Wir trafen uns wieder im Hauptlabor, das an die Schleusen angrenzte. Heute standen Delexianischer Weizen und Paranidische Sojabohnen auf dem Programm. Greg hatte bereits Proben vorbereitet, jede sorgfältig beschriftet und in sterile Behälter verpackt. Rosa begann mit einer kurzen Einweisung: „Heute geht es darum, die Rohstoffe so vorzubereiten, dass wir ihre Nährstoffprofile isoliert testen können. Keine groben Schnitte, alles nach Schicht und Funktion.“
Zuerst musste ich lernen, den Weizen zu trennen: Schale, Keimling, Endosperm. Greg zeigte mir das Mikroskop und erklärte die unterschiedlichen Zelltypen. Ich durfte unter seiner Anleitung die Proben schälen und in winzige Teilbereiche aufteilen. Rosa ergänzte, dass manche Enzyme erst durch Wasserzugabe aktiv würden, und dass wir genau beobachten müssten, wie sich Farbe, Konsistenz und Geruch änderten. Ich staunte, wie kleinste Änderungen sofort sichtbar wurden: ein Hauch mehr Wasser, und die Textur des Keimlings veränderte sich; ein anderes Licht, und die Pigmente im Endosperm verschoben sich. Rosa forderte mich auf, jede Beobachtung schriftlich festzuhalten und Hypothesen zu notieren, warum sich die Unterschiede zeigten.
Danach kamen die Paranidischen Sojabohnen dran. Diese mussten zuerst dekontaminiert werden, da die Insektenartigen ihre Samen mit körpereigenen Abwehrstoffen überzogen. Ich lernte, mit UV-C Licht, sanften Ozon-Behandlungen und speziellen Enzymlösungen die Oberflächen zu reinigen, ohne die Proteine im Inneren zu zerstören. Rosa stand neben mir, korrigierte Bewegungen, erklärte die chemischen Hintergründe. Als die Samen vorbereitet waren, zeigte Greg mir, wie man Proteine, Kohlenhydrate und Mineralien extrahierte. Ich durfte selbst die Zentrifuge bedienen, die Flüssigkeiten in unterschiedlichen Schichten trennte, und lernte, jede Schicht auf pH-Wert, Enzymaktivität und mögliche Toxine zu testen.
Zum Abschluss des Tages erstellten Rosa und ich zusammen ein kleines Protokoll über die Verarbeitungsschritte, inklusive der Risiken und der möglichen Verwertungsoptionen für Tori und Roland. Greg überprüfte meine Aufzeichnungen, gab Tipps zur Verbesserung der Dokumentation und erklärte mir, dass Genauigkeit oft den Unterschied zwischen nutzbarer Nahrungsmittelkomponente und ungenießbarer Gefahr ausmachte.
Am Ende fühlte ich mich erschöpft, aber sicherer: Ich verstand nun nicht nur, wie man Rohstoffe analysiert, sondern auch, wie man sie für Menschen wie mich oder für Argonen aufbereitet. Rosa und Greg hatten mir das Gefühl gegeben, dass meine Arbeit einen echten Beitrag leistete, und nicht nur Lernübung war. Ich war stolz, als ich die Proben sicher verstaute, bereit für den nächsten Tag, an dem wir beginnen würden, erste kleine Mischungen zu erstellen.

Wir sitzen alle drei im Hauptlabor. Rosa hat gerade ein Tablett mit Sensoren und Analysegeräten auf den Tisch gestellt, Greg überprüft die Protokolle am Terminal. Heute stand etwas anderes auf dem Plan: meine eigene Physiologie. Rosa erklärt, dass wir herausfinden müssen, wie mein Körper auf verschiedene Nährstoffkombinationen reagiert, um die späteren Experimente anzupassen. Ich spüre ein mulmiges Gefühl, aber zugleich auch Neugier.
Zuerst will Greg grundlegende Vitaldaten erfassen. Ich lege mich auf die Untersuchungsliege, und er befestigt Sensoren an Armen, Beinen, Brust und Kopf. Sie messen Puls, Blutdruck, Sauerstoffsättigung, Temperatur und Muskelspannung. Rosa aktiviert ein holografisches Display, das alle Daten in Echtzeit visualisiert: Wellen, Balken, Diagramme. Sie erklärt, dass selbst minimale Schwankungen während der Probenanalyse Aufschluss über Stoffwechselreaktionen geben können. Ich versuche, ruhig zu bleiben, doch das ständige Piepen und Summen der Sensoren macht mich nervös. Rosa bemerkt es und sagt beruhigend: „Atmen Sie gleichmäßig, Tori. Konzentrieren Sie sich nur auf die Daten, nicht auf das Gerät.“
Als Nächstes kommt die Blutprobe. Greg bereitet eine kleine Spritze vor, sterilisiert die Stelle am Unterarm und nimmt wenige Milliliter Blut. Ich spüre einen kurzen Pieks, mehr Schmerz ist es nicht. Rosa erklärt mir parallel, dass sie später das Blut auf Vitamine, Mineralien, Enzyme und potenzielle Toxine untersuchen werden.
„So wissen wir genau, welche Nährstoffe dein Körper wirklich aufnehmen kann“, sagt sie.
Ich nicke, während Greg die Probe in den Analysator einführt. Nach wenigen Minuten erscheinen Werte auf dem Display: Eisen, Magnesium, Glukoselevel, Aminosäurenprofile. Ich staune, wie detailliert alles dargestellt wird. Rosa zeigt mir Unterschiede zwischen meinem Blut und dem eines typischen Argonen und erläutert, warum manche Stoffe bei mir Probleme verursachen könnten.
Dann folgt die Erfassung meiner Verdauungskapazität. Rosa platziert kleine, nichtinvasive Sensoren im Magen-Darm-Bereich, die über die Haut mikroskopische biochemische Signale messen.
„Keine Sorge, alles absolut schmerzfrei“, sagt sie.
Ich spüre nur ein leichtes Kribbeln. Greg erklärt, dass so überprüft wird, wie mein Körper komplexe Proteine oder unbekannte Kohlenhydrate aufnimmt. Ich sehe live auf dem Display, wie mein Magen die Flüssigkeit bewegt, Enzyme ausschüttet, wie kleine Farbwechsel und Flussbewegungen auf chemische Reaktionen hinweisen.
Zum Abschluss wollen sie die Muskel- und Nervenreaktionen testen. Rosa lässt mich leichte Bewegungen machen, während kleine Elektrosensoren an meinen Armen und Beinen die Muskelaktivität messen. Greg überprüft gleichzeitig Nervenimpulse, Reaktionszeiten und Koordination. Ich merke, wie genau jede Kleinigkeit protokolliert wird: jede kleine Zuckung, jeder Widerstand, jede Beschleunigung.
Am Ende nehmen sie noch eine Körperfett- und Wasseranalyse vor. Ich stehe auf der Waage, die Gewicht, Fettanteil, Wasseranteil und Muskelmasse misst. Rosa erklärt die Werte und vergleicht sie mit Standardwerten für Argonen und Terraner. Ich erkenne sofort, wie unterschiedlich mein Körper arbeitet.
Nachdem alle Daten erfasst sind, setzen wir uns zusammen, und Greg und Rosa besprechen die Ergebnisse ausführlich. Sie erklären mir, welche Nährstoffe problematisch sind, welche ich gut verarbeiten kann und wie wir die zukünftigen Experimente darauf abstimmen. Ich fühle mich erschöpft, aber auch erstaunt: Ich habe jetzt ein fast wissenschaftliches Verständnis von meinem eigenen Körper und davon, wie er mit der Aliennahrung umgehen könnte. Rosa lächelt und sagt: „Mit diesen Daten können wir deine Ernährung wirklich optimieren.“ Ich nicke, während Greg die Proben sorgfältig verstaut. Ein merkwürdiges Gefühl der Kontrolle und Verantwortung mischt sich mit Erleichterung. Zum ersten Mal seit der Ankunft in dieser Realität habe ich das Gefühl, dass ich selbst etwas in der Hand habe.

Ich saß auf der Terrasse des Bungalows, die Hände um eine Tasse Keffa geschlungen, und verzog das Gesicht. Ich vertrug den bitteren, beißenden Geschmack kaum, doch die Hitze der Sonne zwang mich, sie etwas langsamer zu trinken. Mir fiel auf, dass es nicht nur das Essen war, das zwischen mir und den Argonen anders war. Es waren Details, die subtil wirkten, aber bei längerem Hinsehen eine andere Welt offenbarten.
Beim Blick durch das Dorf entdeckte ich Argonen, die mir auf Anhieb vertraut erschienen. Ihre Gesichter, Hände, Bewegungen – alles schien menschlich. Und doch fiel mir etwas an ihren Haaren auf. Sie folgten nicht ausschließlich den terranischen Gesetzen von Schwarz, Braun und Blond. Zwar existierten diese Farben weiterhin, doch wurden sie ergänzt durch Töne, die Terraner instinktiv für künstlich halten würden. Matte, gedämpfte Blau-, Grün- oder Türkisnuancen blitzten hier und da auf. Vanu hatte einmal beiläufig erklärt, dass das einfach so sei.
Mir wurde bewusst, dass diese Farben nicht nur durch Pigmente im klassischen Sinne entstanden, sondern durch feine mikrostrukturelle Eigenschaften der Haarfasern. Das Licht brach sich innerhalb der Strähnen, bestimmte Wellenlängen wurden verstärkt reflektiert, und das Ergebnis waren erdige, subtile Farbtöne: moosgrün, graublau, tiefes Petrol, fast schwarzes Blau, das erst im Sonnenlicht sichtbar wurde. Junge Argonen zeigten kräftigere Töne, während ältere dunkler wirkten, das Licht weniger brach und die Farbnuancen verhaltener wurden. Für Argonen war das alltäglich, für mich erzählte es ihre Evolution und Kultur.
Während ich darüber nachdachte, fiel mir auf, wie unterschiedlich die Augen waren. Wer einem Argonen in die Augen sah, erkannte zunächst vertraute Farben – Braun, Grau, Blau, gelegentlich Grün. Aber je länger ich hinsah, desto deutlicher wurde, dass etwas anders war. Nicht falsch, nur anders. Terranische Augen folgen einem Red-Green-Blue-System, während argonische einem Red-Yellow-Blue-Schema folgen. Gelb ersetzt quasi das Grün, und das verschob die gesamte visuelle Gewichtung. Sattes Grün, wie ich es kannte, erschien Argonen oft oliv oder gelblich. Gleichzeitig nahmen sie Gelb-, Ocker- und Bernsteintöne viel feiner wahr.
Seltene Exemplare hatten sogar Lila- oder violettfarbene Augen. In Son’ras diffusem Licht wirkte Lila nie grell, sondern subtil, elegant und ungewöhnlich. Braun zeigte goldene Untertöne, Grau schimmerte bernsteinfarben, Grün war olivfarben bis gelblich, Violett war selten, aber vollkommen natürlich. Das Licht spielte mit den Farben, ließ metallische Reflexe entstehen. Ich begriff: Argonen nahmen die Welt nicht verfremdet wahr, sie sahen ein ausgewogenes Spektrum, das Terraner erst interpretieren und benennen mussten.
Ich legte die Tasse Keffa zur Seite und schob sie von mir weg. Die Welt hier war ähnlich genug, um vertraut zu wirken, und doch anders. Ich musste mich nicht nur an Nahrung, sondern an eine ganze andere Art der Realität gewöhnen. Subtil, leise und fundamental: Ich war ein Terraner unter Argonen – und mittendrin.

Ich saß in dem sterilen Labor, das Glasfenster zum Meer hin geöffnet, während Rosa und Greg neben mir standen. Auf dem Tisch lagen Proben von Pflanzen, Früchten – und einer meiner spontanen Eingebungen folgend, hatten wir auch einige Haarsträhnen von Argonen gesammelt, die wir analysieren wollten. Ich legte die Strähnen vorsichtig unter das Mikroskop und drehte die Beleuchtung so, dass die Struktur besser sichtbar wurde.
„Ich habe bemerkt, dass das Haar hier nicht nur schwarz, braun oder blond ist“, begann ich vorsichtig, „sondern… naja, es gibt grüne, blaue und türkise Töne. Ohne jede künstliche Färbung.“ Rosa nickte, ihre Augen funkelten hinter der Brille.
„Das ist korrekt“, sagte sie. „Die Farbvariationen entstehen durch die Mikrostruktur der Haarfasern. Licht wird gebrochen, reflektiert, gestreut. Wir können es hier sehen.“ Sie deutete auf das Mikroskop, wo das Licht die Strukturen wie winzige Prismen durchlief. „Die Farben wirken matt, erdig, fast unauffällig, wenn man sie nicht gezielt betrachtet.“
Greg lehnte sich zurück, verschränkte die Arme und grinste leicht. „Manchmal glauben Terraner, sie sehen künstliche Farben, wenn sie Argonen begegnen. Dabei ist alles völlig natürlich. Junge Argonen haben kräftigere Töne, ältere dunklere. Kein Argone färbt sich die Haare, um Aufmerksamkeit zu erregen.“
„Und das ändert sich kaum im Leben?“ fragte ich, während ich vorsichtig eine weitere Strähne unter das Mikroskop legte.
„Nur minimal“, erklärte Rosa. „Ein wenig heller, etwas weniger Lichtbrechung. Die Grundtöne bleiben erhalten.“
Greg deutete auf eine grüne Haarsträhne. „Siehst du diese Strukturen? Das Licht wird hier so gebrochen, dass es grünlich wirkt. Ein Terraner würde vermutlich sofort fragen, ob das gefärbt ist. Aber nein, reine Natur.“
„Und Türkis?“ Ich hob eine Strähne hoch, die unter der Lampe fast blau schimmerte.
„Türkis entsteht ähnlich“, sagte Rosa. „Es ist das Zusammenspiel von Lichtbrechung und der Faserdichte. Wir haben es hier kaum mit Pigmenten zu tun. In der Praxis bedeutet das: Argonen sehen sich selbst und ihre Umgebung anders – subtiler, feiner abgestuft.“
Greg lehnte sich über den Tisch. „Das erklärt, warum Terraner immer wieder irritiert sind. Es wirkt modisch, provokativ, künstlich. Für Argonen ist es schlicht normal. Evolution, Anpassung an Licht und Umwelt. Kein Symbol, keine Aussage.“
„Also ist es eine Art kultureller Missverständnisse?“ fragte ich.
„Genau“, bestätigte Rosa. „Und es ist wichtig, das zu wissen, wenn du dich in der Gesellschaft zurechtfinden willst. Selbst kleine Unterschiede wie Haarfarbe oder Augenfarbe können falsch interpretiert werden.“
Ich lehnte mich zurück, betrachtete die Strähnen unter dem Mikroskop und dachte an die Spaziergänge durch Aru. An die Menschen, die mir vertraut erschienen, und doch mit Haarfarben, die ich auf der Erde nie gesehen hätte. „Ich hätte nie gedacht, dass Haare so komplex sein können“, murmelte ich.
„Bei Argonen ist fast alles subtil anders“, sagte Greg und klopfte mir auf die Schulter. „Das ist nur der Anfang, Tori. Warte, bis wir uns die Augen vornehmen.“
Ich schluckte, fühlte eine Mischung aus Ehrfurcht und Neugier. Hier gab es noch so viel zu lernen.

Ich saß auf einem der Metallstühle im Labor, während Rosa und Greg die nächste Probenreihe vorbereiteten. Diesmal ging es nicht um Pflanzen, nicht um Nahrung, sondern um Augen – genauer gesagt, um die Farben und Funktionsweisen argonischer Iris. Ich konnte kaum glauben, dass wir das wirklich taten, aber neugierig war ich allemal.
„Ich habe etwas bemerkt“, begann ich vorsichtig, „die Augen der Argonen… sie wirken zunächst normal. Braun, Grau, Blau, manchmal grün. Aber wenn man länger hinsieht, bemerkt man Unterschiede.“ Rosa nickte, Greg hob eine Augenbraue.
„Nicht nur Unterschiede“, sagte Rosa, während sie eine Kamera auf ein Auge richtete, „sondern eine komplett andere Funktionsweise. Argonische Augen folgen nicht dem RGB-System, wie Terraner. Sie orientieren sich an RYB.“
„RYB?“ Ich runzelte die Stirn.
„Rot, Gelb, Blau“, erklärte Greg. „Gelb nimmt dabei die Rolle ein, die bei Terranern Grün hat. Das verändert, wie Farben wahrgenommen werden. Ein sattes Grün für Terraner wirkt bei Argonen oft oliv oder gelblich. Umgekehrt können Argonen Nuancen zwischen Gelb, Ocker und Bernstein feiner unterscheiden.“
Rosa deutete auf ein hochauflösendes Bild der Iris. „Braune Augen haben oft goldene Untertöne, graue Augen einen warmen, bernsteinfarbenen Schimmer. Grüne Augen erscheinen oliv oder gelblich, und seltene Varianten zeigen Violett.“
Ich lehnte mich vor, betrachtete die Details. „Violett? Wirklich?“ Ich musste an Valentina denken.
„Ja“, bestätigte Greg. „Lila entsteht durch das Zusammenspiel von Rot- und Blauanteilen in der Iris, verstärkt durch Lichtstreuung und Strukturpigmente. In der diffusen Beleuchtung von Argon Prime wirkt es subtil, elegant, nie grell. Es ist völlig natürlich.“
„Und für Argonen völlig normal“, ergänzte Rosa. „Für uns gibt es keinen besonderen sozialen Wert, keine Symbolik. Für Terraner wirkt es hingegen oft exotisch, auffällig, manchmal sogar gefährlich. Missverständnisse sind vorprogrammiert.“
Ich lehnte mich zurück, ließ die Bilder auf mich wirken. „Also… die Augen sind nicht nur Farben. Sie filtern die Realität anders. Sie sehen die Welt anders, weil ihre Wahrnehmung verschoben ist.“
„Genau“, sagte Greg, „und das ist ein fundamentaler Unterschied. Du wirst merken, dass selbst kleine Dinge – wie ein Blatt im Licht – anders wirken, wenn du die Augen eines Argonen beobachtest.“
Rosa lächelte leicht. „Wenn du willst, können wir auch deine Augen analysieren, um zu sehen, wie sie auf argonische Farben reagieren.“
Ich schluckte, zugleich neugierig und unsicher. „Das wäre… interessant.“
Wir verbrachten die nächsten Stunden damit, verschiedene Lichtfrequenzen auf meine Augen zu richten, die Reaktionen auf Gelb- und Rottöne zu beobachten und zu dokumentieren. Ich fühlte mich wie ein Laborobjekt, aber zugleich wie jemand, der einen winzigen Einblick in eine völlig andere Wahrnehmungswelt bekam. Am Ende wusste ich eines sicher: Augenfarbe war hier nicht nur ein Detail – sie war ein Fenster in eine andere Realität.

Ich saß auf dem Metallstuhl im Labor, während Rosa und Greg neben mir standen, ihre Augen auf meine Iris gerichtet. Für sie war das Routine, für mich eine merkwürdige Mischung aus Neugier und Unbehagen. Ich, Terraner, mittendrin in einer Untersuchung, die mir die Unterschiede zwischen meiner Wahrnehmung und der der Argonen vor Augen führen sollte.
„Also, Mister Grau“, begann Rosa, „wir wollen sehen, wie Ihre Augen auf argonische Farbtöne reagieren.“ Ich nickte nur stumm. Greg richtete ein schwaches Licht auf meine Augen, das sanft reflektierte und die Iris hervorhob. Ich spürte, wie sich die kleinen Pupillenbewegungen in mir bemerkbar machten, jedes Zucken des Lichts auf der Netzhaut.
„Sehen Sie, Terraner sehen Farben nach dem RGB-System: Rot, Grün, Blau. Alles andere wird daraus gemischt“, erklärte Greg. „Argonen nutzen RYB: Rot, Gelb, Blau. Gelb ersetzt quasi Ihr Grün.“ Ich runzelte die Stirn und versuchte, den Unterschied bewusst wahrzunehmen. Rosa hielt meine Hand, als wollten sie mir die Sicherheit geben, dass nichts schiefgehen würde.
„Schauen Sie auf diese Testkarten“, sagte Rosa und hielt mehrere Farbfelder vor meine Augen. „Achten Sie darauf, welche Unterschiede Ihnen auffallen.“ Ich blinzelte, fokussierte auf die verschiedenen Töne. Einige Farben wirkten leicht verfälscht, andere flammten in meiner Wahrnehmung intensiver auf, obwohl Greg und Rosa erklärten, dass sie in ihrem RYB-System genau mittig lagen.
„Sehen Sie den Unterschied zwischen diesem Gelbton und diesem Grün?“ fragte Greg. Ich nickte zögerlich. Für mich war das eine Nuance von Grün, leicht gelblich. Rosa lächelte. „Für uns Argonen ist das ein sattes Gelb, für Sie nur ein undefiniertes Grün. Ihre Augen interpretieren die Farbwellen anders.“
Dann zeigte Rosa mir ein violettes Feld. „Selten, aber vorhanden. Violett bei Argonen entsteht durch die Kombination von Rot- und Blauanteilen, die Lichtstreuung verstärkt das Resultat. Für uns wirkt es subtil, nicht grell.“ Ich starrte darauf und merkte sofort, dass es sich in meinem Kopf wie ein schiefer Ton anfühlte, etwas, das meine visuelle Logik herausforderte.
„Und noch etwas“, sagte Greg, während er die Kamera bewegte. „Ihre Terraneraugen reagieren anders auf metallische Reflexionen in der Iris. Goldene oder bernsteinfarbene Untertöne, wie wir sie bei Argonen sehen, sind für Sie nur leichte Farbnuancen – sie werden vom Gehirn geglättet.“
Ich schluckte. „Das heißt… ich sehe die Welt anders. Nicht schlechter, nicht besser, nur… anders.“
„Genau“, bestätigte Rosa. „Wenn Sie mit Argonen interagieren, merken Sie erst, dass unsere Farbwahrnehmung subtil anders gewichtet ist. Ein Blatt, das für Sie grün wirkt, kann für uns eine Mischung aus Gelb und Rot sein, die sich je nach Licht verändert.“
Ich fühlte, wie sich etwas in meinem Kopf verschob, als die Erkenntnis sickerte. Nicht nur Nahrung, nicht nur Geschmack oder Konsistenz – selbst die Art, wie Farben wahrgenommen werden, war ein Fundamentunterschied zwischen mir und den Argonen. Ich war ein Fremder in ihren Augen, und selbst in einem so einfachen Detail wie der Farbwahrnehmung fühlte sich das zutiefst real an.
Rosa lächelte sanft. „Keine Sorge, Sie gewöhnen sich daran. Aber es hilft zu verstehen, dass unsere Welt subtil anders ist. Nicht fremd, nur anders.“ Ich nickte, versuchte die Information zu verarbeiten, während Greg das Licht langsam senkte. Meine Terraneraugen fühlten sich klein und fehl am Platz, doch zugleich war es faszinierend, die Welt aus diesem neuen Blickwinkel zu lernen.

Ich saß im Fahrerraum des kleinen, elektrischen Transporters, während die Straßen von Aru unter den Rädern vorbeizogen. Die Abendsonne warf lange Schatten zwischen die Häuser, die kleinen Gassen schienen sich unter einem goldenen Licht zu wölben, und trotzdem konnte ich den Gedanken nicht abschütteln, der seit meiner Ankunft nagte.
Etwas war anders hier. Nicht greifbar, nicht direkt sichtbar, aber stetig präsent. Ich hatte es schon immer bemerkt – die Farben. Zuerst wirkte es oberflächlich: die Kleidung der Leute, die Schilder an den Läden, die flimmernden Hologramme, die für ein paar Sekunden wie Lichtmalerei in der Luft standen. Alles war irgendwie… anders. Nicht falsch, nicht künstlich, nur verschoben.
Dann wurde mir klar, dass es nicht nur eine Frage der Ästhetik war. Ich betrachtete die blaugrünen Stoffe auf den Kleidern der Passanten, die sanft ins Türkis übergingen, das Rot in den Reklametafeln, das für meine Augen mehr Gelbanteil trug, als es in einem Terraner-RGB-System möglich wäre. Ich verstand plötzlich, warum mich diese kleinen Nuancen seit Wochen irritierten. Es war die argonische Art, Farbe wahrzunehmen und zu gestalten – subtil, organisch, auf eine Weise, die ich instinktiv verstand, ohne sie wirklich benennen zu können.
Mein Blick fiel auf ein Kind, das eine lilafarbene Mütze trug. Für mich war es ein auffälliger Farbton, fast unnatürlich. Für Argonen war es schlicht, alltäglich, eine Nuance wie viele andere. Die Erkenntnis traf mich wie ein leiser Schlag: Alles, was mir fremd vorkam – Nahrung, Geschmack, Geräusche, sogar die sozialen Signale – hatte einen Grund, der tiefer ging als die Oberfläche. Die Welt hier war durchzogen von einem Farbsystem, einer Wahrnehmung, die meine eigene filterte und neu ordnete.
Ich atmete tief durch und spürte eine Mischung aus Ehrfurcht und Erleichterung. Endlich begriff ich, warum mich das Gefühl begleitet hatte, etwas sei anders, ohne dass ich es greifen konnte. Es lag nicht an den Dingen selbst, sondern an der Art, wie sie gesehen und interpretiert wurden. Ein winziger Unterschied, und doch so fundamental.
Als der Transporter die letzten Meter zum Haus von Roland Caprio zurücklegte, spürte ich eine neue Klarheit. Vielleicht war es genau diese Wahrnehmung, die mir helfen konnte, mich in dieser fremden Realität zurechtzufinden – nicht nur beim Essen, sondern in allem. Ich war nicht mehr bloß Beobachter, ich begann zu verstehen.

Ich aktivierte die Holo-Verbindung und Valentinas Gesicht erschien vor mir, fast so klar, als säße sie im Raum. Sie trug einen einfachen, hellblauen Pullover, die Haare locker zusammengebunden, und ihr Blick wirkte konzentriert, als hätte sie gerade eine Schicht beendet.
„Hallo Tori“, begann sie, ihre Stimme vertraut und beruhigend. „Wie geht es dir? Schon wieder in der Küche herumexperimentiert?“
Ich lehnte mich zurück, verschränkte die Arme und beobachtete das leicht flackernde Hologramm. „Es geht. Ich… habe in den letzten Wochen etwas bemerkt, das mir erst jetzt richtig klar wird.“ Ich machte eine kleine Pause, um die Worte zu ordnen. „Es betrifft nicht nur die Unverträglichkeiten. Ich glaube, es hängt mit der Wahrnehmung von Farben zusammen.“
Valentina zog eine Augenbraue hoch, interessiert. „Farben? Du meinst, wie du die Nahrungsmittel siehst?“
„Genau“, sagte ich. „Argonen nehmen Farben anders wahr – nicht nur die Kleidung oder Schilder in der Stadt, sondern auch Früchte, Gemüse, alles, was man isst. Es ist wie bei den Haaren und Augen: alles subtil verschoben, aber konsequent. Die Farbschichten, die Nuancen, die wir als Terraner als auffällig oder falsch empfinden, sind für Argonen normal. Und ich glaube… dass diese andere Farbwahrnehmung ein Grund dafür ist, dass ich so oft in Schwierigkeiten geraten bin.“
„In Schwierigkeiten?“ Sie runzelte die Stirn. „Du meinst, gesundheitlich oder…?“
„Ja, aber nicht nur. Ich meine, es hat mich physisch und mental gefährdet. Wenn ich etwas gegessen habe, das ich für harmlos hielt, haben sie es durch ihre Farbwahrnehmung anders interpretiert – Textur, Reife, Zusammensetzung. Dinge, die für Argonen unsichtbar oder unauffällig waren, konnten mich fast umbringen. Ich frage mich, ob das stimmt.“
Valentina nickte langsam, nachdenklich. „Das klingt logisch. Argonische Sinne sind auf andere Signale programmiert – nicht nur Geschmack und Geruch, sondern visuelle Hinweise, die uns gar nicht auffallen würden. Wenn du die nicht interpretieren kannst, bist du automatisch im Nachteil.“
„Genau das“, sagte ich, meine Stimme leicht angespannt. „Ich habe immer gedacht, dass ich Pech hatte oder einfach zu unvorsichtig war. Aber vielleicht liegt es daran, dass meine Wahrnehmung einfach nicht kompatibel mit ihrer natürlichen Umwelt ist. Mit allem, was aus argonischer Produktion stammt.“
Valentina lehnte sich etwas zurück, verschränkte die Hände und betrachtete mich ernst. „Wenn deine Vermutung stimmt, Tori, dann erklärt das vieles. Jede Mahlzeit, jede Frucht, jede neue Zutat war wie ein kleines Minenfeld. Nicht aus böser Absicht, sondern weil du sie schlicht nicht so sehen konntest wie ein Argone.“
Ich nickte, die Worte sanken in mich ein. „Dann muss ich lernen, diese Unterschiede zu erkennen und einzuschätzen. Ich kann nicht alles vermeiden, aber ich kann verstehen lernen, bevor es zu spät ist.“
„Richtig“, sagte Valentina sanft. „Und ich helfe dir dabei. Wir können zusammen schauen, welche visuellen Hinweise für dich wichtig sind – damit dein Körper nicht mehr überrascht wird.“
Ein kleiner Funke Erleichterung durchlief mich. „Danke, Valentina. Ich glaube, das könnte alles verändern.“
„Nur Vorsicht, Tori“, warnte sie lächelnd. „Das System ist subtil. Du siehst, was du siehst, aber die Welt tickt anders. Vergiss das nicht.“
Ich nickte, das Hologramm flackerte kurz, bevor ihr Bild langsam verblasste. Ich blieb noch einen Moment sitzen, die Gedanken wirbelten, aber zum ersten Mal fühlte ich mich, als hätte ich einen echten Anhaltspunkt, wie ich in dieser Welt überleben konnte.

Ich hasse Perfektion.
Sie bietet keinen Platz für Kreation.

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Re: [EX16] Isekai no Xistence

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Kapitel 8 - Visionen

Ich saß da, zwischen Valentina und Vanu, und beobachtete, wie beide Frauen meine neuesten Kreationen probierten. Ihre Gesichter waren konzentriert, still, doch ich konnte die kleinen Regungen sehen – ein Stirnrunzeln hier, ein kaum merkliches Zucken der Lippen dort. Es war, als würde jeder Bissen zwischen ihnen ein unsichtbares Kräftemessen auslösen. Ich spürte die Spannung, konnte sie fast greifen, ohne dass ein Laut fiel.
Valentina wirkte ruhig, sachlich, wie immer, doch ihre Augen verfolgten Vanu scharf, fast prüfend. Vanu hingegen war energiegeladen, neugierig, dabei aber nicht unfreundlich. Ich konnte ihre Begeisterung für die neuen Gerichte sehen, doch hinter jedem Lächeln lag ein Funke Eifersucht – oder war es nur das typische Kräftemessen zwischen Argonen, die sich kannten? Ich wusste es nicht. Ich wusste nur, dass jede falsche Bewegung meinerseits eine Kettenreaktion auslösen könnte.
Seit meiner Ankunft hier waren sechs Monate vergangen. Die Umstellung auf den 25-Stunden-Tag von Prime hatte mich weiterhin subtil verändert. Alles wirkte langsamer, entschleunigt, während draußen das Leben in Nathania und Aru weiter pulsierte. Ich selbst hatte mich in dieser Zeit verändert – fokussierter, zielstrebiger, doch immer noch vorsichtig, was zwischenmenschliche Dynamiken anging. Vanu verstand das nicht immer. Sie wollte meine Aufmerksamkeit, meine Reaktionen, meine Nähe. Valentina hingegen hatte immer einen analytischen Blick behalten, selbst in diesen Momenten.
Ich musste an die kleine Erweiterung von Vanus Geschäft denken. Unser gemeinsames Projekt, die Kreditbündelung, das kleine Imbissangebot, das von meinem Labor und ihrer Küche profitierte. Ein Dutzend Gäste konnten bedient werden, und der Raum war eng, aber funktional. Ich sah, wie Vanus Hände über die Arbeitsfläche glitten, wie sie kleine Teller dekorierte, während Valentina jeden Schritt still beobachtete. Die Luft war elektrisch geladen, und ich spürte, dass ein falsches Wort oder ein unbeachteter Blick die Atmosphäre in Sekunden kippen lassen konnte.
Roland, Gal und Tahl standen etwas abseits. Sie unterhielten sich leise, lachten gelegentlich, aber ihre Präsenz wirkte beruhigend. Ich fühlte mich ein wenig sicherer, wusste aber, dass die Frauen mich ständig im Blick hatten – nicht nur wegen der Gerichte, sondern auch wegen der unausgesprochenen Spannungen.
Als ich die Hände in den Schoß legte, fiel mein Blick auf das Licht, das durch die großen Fenster auf die Tische fiel. Es reflektierte auf den Glasplatten, ließ die Farben meiner Zutaten intensiver wirken. Mir wurde klar, dass diese Farben hier eine viel größere Rolle spielten, als ich jemals gedacht hätte. Es waren nicht nur Zutaten, nicht nur Geschmack – es war eine ganze Welt an Wahrnehmungen, die ich erst nach und nach verstand. Argonische Augen, argonisches Licht, die Nuancen der Zutaten, die Farben der Teller und selbst die Kleidung der Menschen. Alles war miteinander verbunden, alles wirkte aufeinander, oft subtil, manchmal explosiv.
Ich atmete tief durch. Ich war mittendrin, ein Terraner in einer argonischen Welt, umgeben von Menschen, deren Wahrnehmung sich grundlegend von meiner unterschied. Und ich wusste: Je besser ich das verstand, desto mehr Kontrolle bekam ich über meine Experimente, über meine Umgebung, über die unsichtbaren Spannungen an diesem Tisch.
Doch ich musste vorsichtig bleiben. Eines war mir klar: Jede Bewegung, jedes Wort konnte die Balance stören. Und je länger ich darüber nachdachte, desto mehr wurde mir bewusst, dass es nicht nur um die Gerichte ging – es ging um die Menschen, ihre Wahrnehmung, ihre Unsicherheiten. Um die winzigen Signale, die Argonen in ihrer Alltagssprache gaben, die ich erst noch lernen musste.
Ich lehnte mich zurück, ließ die Szenen auf mich wirken und dachte: „Ein halbes Jahr. Ich habe viel gelernt, aber ich habe noch immer keine Ahnung, wie tief diese Realität wirklich geht.“

Ich sitze am Tisch, die Finger leicht nervös ineinander verschränkt, während Valentina und Vanu plötzlich anfangen, sich in die Haare zu kriegen. Ich sehe, wie beide Frauen am Boden landen, die Beine verheddern sich, Arme schlagen wild in der Luft, während sie über den Boden rollen. Mein Herz schlägt schneller. „Was zum…?“ entkommt mir nur, während ich versuche, mich von meinem Schrecken abzulenken, aber die anderen Gäste fordern meine Aufmerksamkeit gerade genug, dass ich den Grund für den Tumult nicht sofort begreifen kann.
Gal und Tahl stürzen sofort dazwischen, greifen die beiden Frauen an den Schultern und trennen sie blitzschnell, effizient und ohne große Worte. Die Bewegungen sind geschmeidig, fast wie ein eingespieltes Team. Valentina und Vanu sitzen auf, die Haare zerzaust, das Gesicht gerötet, beide atmen schwer. Ihre Augen treffen meine, und ich spüre einen eiskalten Schauer, der mir über den Rücken jagt. Die Blicke sind scharf, giftig, und es fühlt sich an, als würden sie gleichzeitig erwarten und herausfordern.
Rosa, die in einer Ecke sitzt, hat die Situation in Sekunden erfasst. Ihr verschmitztes Lächeln spricht Bände, aber anstatt mich mit einem Kommentar zu peinigen, wechselt sie elegant das Thema. „Tori, und was hast du eigentlich für die Zukunft geplant?“ fragt sie mit leiser, neugieriger Stimme. Ich spüre, wie die Atmosphäre am Tisch sich verdichtet. Valentina und Vanu setzen sich in einiger Entfernung hin, die Haltung starr, die Blicke weiterhin auf mich gerichtet. Es ist nicht nur eine Aufforderung, sich zu entscheiden – es ist fast eine Drohung.
Ich atme tief ein, versuche die Blitze, die mir durch den Körper fahren, zu ignorieren, und lasse meinen Gedanken freien Lauf. Schon seit Wochen, seitdem das Thema des kleinen Imbisses aufgekommen war, hatte ich Ideen für die Zukunft entwickelt. Es war der erste Schritt gewesen, nur ein Anfang. Aber inzwischen war mir klar geworden, dass ich etwas Größeres schaffen wollte: Nahrungsmittel aller Rassen für alle Rassen präparieren, zugänglich und verträglich für jeden.
Meine Stimme ist ruhig, aber bestimmt, als ich die Worte ausspreche. „Ich möchte Nahrungsmittel aller Rassen für alle Rassen vorbereiten. Verträglich, genießbar, für jeden.“ Sofort verändert sich die Stimmung am Tisch. Die giftigen Blicke weichen einem erwartungsvollen, fast anerkennenden Schweigen. Das Vorhaben, das ich jetzt offen ausgesprochen habe, ist groß, ambitioniert, und die Anspannung fällt von mir ab wie eine schwere Last. Ich spüre, dass alle den Moment verstehen – die Tragweite meiner Vision, und dass es kein bloßes Spiel ist, sondern ein Plan, der Form annimmt.

Ich spüre das Gewicht der Hände auf meinen Oberschenkeln und kann den Blick nicht von den beiden Frauen neben mir abwenden. Valentina rechts, Vanu links, und beide haben diese selbstverständliche, fast herausfordernde Ruhe, als hätten sie keinen Zweifel daran, dass ich das bemerke. Mein Herz schlägt schneller, und ich merke, wie mir die Wärme in die Wangen steigt. Ich versuche, die Schultern zu entspannen, atme tief durch, aber innerlich fühle ich mich wie auf einem Drahtseil: ein falscher Blick, eine unbedachte Bewegung, und alles könnte kippen.
Das gedämpfte Licht der Party tut sein Übriges. Es wechselt langsam zwischen warmen Gelbtönen, sanften Orangen und kühlen Blauschattierungen. Die Farben spiegeln sich in den Gesichtern der Gäste, lassen alles weich und fast surreal wirken. Ich bin froh, dass niemand außer mir die Hände auf meinen Oberschenkeln sieht. Diese Intimität zwischen uns dreien bleibt verborgen, in einem kleinen, geheimen Bereich, den nur ich wahrnehme.
Ich wünschte, die Hände würden einfach da bleiben, wo sie sind, ohne weiter nach oben zu wandern. Ich habe keine Sehnsucht nach Problemen von Beziehungen, keine Lust auf Eifersucht, Konflikte oder Verpflichtungen. Freundschaft plus, das passt zu mir, das ist einfach, ohne Drama. Trotzdem weiß ich, dass ich nachher mit beiden unter vier oder sechs Augen reden muss. Valentina und Vanu werden meine Einstellung nicht gutheißen, das weiß ich. Nicht nach allem, was heute passiert ist, und nicht nach den stillen Andeutungen, die ich in den letzten Wochen und Monaten gemacht habe.
Ein Gedanke jagt mir Schauer über den Rücken: Es nur eine Frage der Zeit, bis ich von beiden Frauen Ohrfeigen kassiere. Ich kann nur hoffen, dass ich meine Worte mit Bedacht wähle und dass ich sie davon überzeugen kann, dass es mir ernst ist – dass ich keine falschen Hoffnungen schüre, aber auch nicht ausweiche. Zwischen den wechselnden Farben der Party, dem Flüstern der Gäste und dem leisen Klirren der Gläser ist mein Kopf ein Wirbel aus Gedanken, Vorsicht und unterschwelliger Aufregung.

Ich saß am Tisch, die fremden Hände noch immer unter dem Tisch versteckt auf meinen Oberschenkeln, und beobachtete, wie die Diskussion wie ein Strom durch die Runde floss. Jeder sprach durcheinander, warf Gedanken ein, die miteinander kollidierten und wieder auseinanderfielen. Ich konnte kaum allen Gesprächen folgen, selbst mein Blick von Valentina rechts und Vanu links abgewandt, driftete immer wieder zu den anderen. Dann, wie aus dem Nichts, klatschte Roland mit der flachen Hand auf den Tisch. Ein dumpfer Schlag hallte durch den Raum, und plötzlich verstummte alles. Der Richter hatte die Kontrolle übernommen. Vanus und Valentinas Hände zuckten zurück, als hätten sie gerade einen Fehler begangen, der beobachtet wurde.
Roland blickte mich ernst an, seine Augen funkelten dabei, und sagte: „Deine Vision ist kühn. Um das umzusetzen, brauchst du viel Kapital.“
Valentina lehnte sich leicht vor, ihre Stirn in Falten: „Wenn du keine Massenware, sondern Originalprodukte anbieten willst, dann brauchst du spezielle Gewächshäuser, wo du diese nach ihren jeweiligen Umweltbedingungen züchten kannst. Das geht nur im Weltraum.“
Vanu nickte energisch: „Der ganze logistische Aufwand ist enorm und kostspielig.“
Tahl verschränkte die Arme, die Stimme ruhig, aber bestimmt: „Das wird die ganze Wirtschaft auf den Kopf stellen.“
Gal schob nach, die Augen funkelten: „Ganz zu schweigen von Wirtschaftsspionage.“
Doch der lauteste war Greg, der sich nach vorn lehnte und beinahe fieberhaft sprach: „Würde rassespezifische Nahrung plötzlich für alle Spezies verfügbar, käme es zunächst zu einem Boom auf dem Markt, da bisher exklusive Produkte wie Algen und Seetang, Chelt-Fleisch oder Soja-Delikatessen von neuen Käuferschichten nachgefragt würden. Preise stiegen kurzfristig, der Schwarzmarkt würde blühen, und Logistik- sowie Transportdienste verzeichnen hohe Nachfragen. Mittelfristig würden Produzenten ihre Kapazitäten ausbauen, automatisierte Aufbereitungstechniken entwickeln und universell verträgliche Nahrungsmittel standardisieren. Langfristig stabilisierten sich Preise, Luxus- und Spezialprodukte blieben exklusiv, während interspezies-taugliche Grundnahrungsmittel weit verbreitet wurden. Gleichzeitig könnten kulturelle Spannungen, Handelsbarrieren und regulatorische Eingriffe entstehen, da manche Völker den massenhaften Konsum traditioneller Speiseprodukte durch andere als problematisch betrachten.“
Rosa unterbrach ihn sanft, aber bestimmt: „Du hast einen Denkfehler begangen: Was aktuell produziert wird, ist standardisierte Massenware für den eigenen Markt. Wenn man für die anderen Spezies produzieren müsste, müssten neue Anlagen gebaut werden, mit anderen Bedingungen.“ Alle nickten zustimmend, die Stirnen gerunzelt, die Köpfe leicht geneigt.
Ich atmete tief durch, fühlte die Verantwortung auf meinen Schultern, und ergriff wieder das Wort: „Ich möchte nicht in den aktuellen Massenmarkt eindringen, sondern spezifische Produkte anbieten.“
Valentina fasste es knapp zusammen, ein leichtes Lächeln auf den Lippen: „Subtil.“ Ich sah sie an und fragte mich, ob diese Beschreibung wirklich zutraf.
„Ich denke, dass wir zuerst Anshin Shokudō promoten müssen“, sagte ich schließlich, meine Stimme fester, die Gedanken sortiert. „Wir fangen klein und fein an: Unsere Kunden sollen Mundpropaganda machen, wir verteilen Flyer. Dann werden wir sehen, ob sich unser Klientel erweitert. Danach können wir beurteilen, wie es weitergehen soll. Wenn die Zahlen stimmen, könnten wir weitere Geschäfte auf Prime eröffnen, vielleicht sogar auf den Handelsstationen und darüber hinaus.“
Vanu schielte mich an, leicht errötet, und flüsterte unter vier Augen: „Darüber müssen wir nochmal reden, wer hier eigentlich der Chef ist.“ Ich nickte nur stumm, wissend, dass wir später die Rollen klar definieren mussten.
Die Diskussion zog sich noch lange, die Stimmen ebbten allmählich ab, bis wir das Lokal verließen. Die Nacht war lau, die Straßen von Aru von schummrigem Licht erleuchtet.

Valentina und Vanu stapften schnellen Schrittes an Roland vorbei, fast schon laufend, ihre Bewegungen hart und kantig vor aufgestauter Wut. Der Kies knirschte unter ihren Füßen, während Roland regungslos auf einer Liege auf der Terrasse lag, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, den Blick ruhig auf das Blaue Meer gerichtet. Erst als ich mich schwer neben ihn sinken ließ, wandte er den Kopf. Sein Blick glitt prüfend über mein Gesicht, blieb einen Moment zu lange auf meinen Wangen hängen. Dort glühten deutlich zwei Handabdrücke, noch warm, noch brennend.
Roland zog eine Augenbraue hoch und schmunzelte. „Alle zwei gleichzeitig?“
Ich brummte missmutig, der Ton irgendwo zwischen Trotz und Selbstmitleid. „Mein ganzes Leben lang hatte kaum eine Frau Interesse an mir. Und jetzt sind es plötzlich zwei.“ Ich rieb mir mit beiden Händen über die brennenden Wangen, als könnte ich die Situation einfach wegwischen. „Ich hab bloß gesagt, dass ich mich nicht entscheiden will. Weil ich keine von ihnen verletzen oder bevorzugen will.“
Wir blickten gemeinsam hinunter zum Strand. Valentina stand ein paar Meter vom Wasser entfernt und warf mit kurzen, wütenden Bewegungen Kieselsteine ins Meer, jeder Aufprall ein leises, scharfes Platschen. Vanu trat mit dem Fuß gegen den Sand, zog Furchen hinein, als wolle sie etwas zertreten, das sich nicht greifen ließ.
Roland kicherte leise, ein unerwartet heiteres Geräusch. „Das war das Dümmste, was du hättest tun und sagen können.“
„Ich merk’s“, murmelte ich. Meine Kehle zog sich zusammen, Tränen brannten hinter den Augen, nicht nur vom Schmerz der Schläge. Beide Frauen hatten Kraft gehabt. Und Zielgenauigkeit.
Roland machte ein nachdenkliches Geräusch, dann drehte er den Kopf wieder zu mir. „Warum schließt du nicht mit beiden einen Ehevertrag ab?“
Ich sah ihn an, machte ein fragendes Gesicht, und mir entfuhr ein ebenso fragendes Geräusch, irgendwo zwischen Unglauben und Überforderung.
Roland setzte sich etwas auf, stützte die Ellbogen auf die Liege. „Was ich dir jetzt sage, habe ich aus einem Archiv der Goner. Und es ist von Seiten der argonischen Regierung nicht offiziell anerkannt. Von Seiten der Terraner allerdings schon.“
Mein Rücken spannte sich an. Die Geschichte kam mir bekannt vor, wie ein Fragment aus einer alten Datei in meinem Kopf. Lore. Wissen aus einem Spiel. Aber ich hatte längst gelernt, dass diese Realität anders war. Echt. Scharfkantig. Ich sagte nichts und hörte zu.
„Bevor die Argonen sich auf Son’ra 4 niederließen, waren sie Terraner. Kolonisten, die von der Erde aus Taurus besiedelten.“ Ich nickte kaum merklich. Roland fuhr fort, seine Stimme ruhig, aber schwer. „Durch den Terraformerkrieg wurde Taurus verwüstet. Von den damals zwölf Millionen Siedlern überlebten kaum vier Millionen. Die Jungen starben auf den Schiffen der Verteidigungsflotte, die gegen die Terraformer kämpften.“ Er machte eine kurze Pause. „Es blieben nur wenige Junge zurück. Und viele von ihnen waren traumatisiert. Durch Strahlung, durch Chemikalien in der Atmosphäre von Taurus. Schäden. Krankheiten.“
Mir lief ein kalter Schauer über den Rücken. Das stand nicht in der Lore. Aber es ergab Sinn. Zu viel Sinn.
„Von den vier Millionen Menschen, die nach Son’ra 4 flohen, starb innerhalb eines Jahrzehnts die Hälfte an Altersschwäche. Ein weiteres Viertel an Krankheiten wie Krebs. Die Suizidrate stieg exponentiell.“ Seine Stimme blieb sachlich, aber das machte es nur schlimmer. „Die Menschheit stand kurz vor dem Aussterben. Die provisorische Regierung musste handeln. Also warf man viele ethische und moralische Vorstellungen über Bord.“ Ich wusste nicht, worauf er hinauswollte, aber ich hörte gebannt zu. Dieses Wissen war roh, ungefiltert. „Eines davon war die Monogamie“, sagte Roland schließlich. „Seit der Gründung der Argonischen Föderation gibt es kein Gesetz, das einem Bürger oder einer Bürgerin verbietet, mehr als einen Partner zu haben. Natürlich hat sich mit der Zeit die Monogamie wieder eingeschlichen. Aber das ist eine gesellschaftliche Strömung. Kein Zwang.“
Ich wurde hellhörig. „Wenn also damals quasi jeder mit jedem durfte“, fragte ich langsam, „war dann nicht die Gefahr von Inzucht groß?“
Roland lächelte schief. „Gut aufgepasst.“ Er nickte anerkennend. „Laut den Aufzeichnungen der Goner gab es ein Stammbaumverzeichnis. Bevor sich ein Paar fortpflanzen durfte, musste geprüft werden, dass keine enge Verwandtschaft bestand.“ Er winkte ab. „Dieses Verzeichnis existiert bis heute. Aber eher als… Hobby. Tradition.“
Ich nickte langsam, mein Blick wanderte wieder zu Valentina und Vanu, die nun schweigend nebeneinander standen, mit Abstand, jede in ihre eigenen Gedanken verstrickt. In mir arbeitete es. Nicht nur über Beziehungen. Sondern über Kultur, Geschichte, Überleben. Vielleicht hatte ich gerade etwas verstanden, das weit über zwei Ohrfeigen hinausging.

In den darauffolgenden Tagen und Wochen begann ich zu beobachten, wie mein Ansatz Wirkung zeigte. Zuerst kamen die Stammgäste, die routiniert ihre Plätze belegten. Doch Tag für Tag tauchten neue Gesichter auf, neugierig auf das, was wir anboten. Das Anshin Shokudō füllte sich schnell, die Regale leerten sich zügig, und die Menschen sprachen miteinander über Geschmack, Qualität und die Vielfalt der Speisen.
Vanu strahlte, als sie die Zahlen sah. Der angebaute Imbiss wuchs, es bildeten sich Schlangen bis hinaus auf den Gehweg. Ich konnte nicht anders, als das zu bemerken – nicht nur Argonen kamen, auch Teladi und Paraniden, manchmal sogar Split und Boronen, die neugierig ihre Gaumen testen wollten. Ein unbändiger Stolz breitete sich in mir aus. Unsere Vision wurde sichtbar, greifbar, und ich erkannte, dass wir gerade den Grundstein für etwas Größeres legten.

Valentinas Besuche wurden mit der Zeit seltener. Die ersten Monate nach ihrer Doktorprüfung hatte sie sich noch regelmäßig blicken lassen, doch inzwischen schien sie vollständig in ihren neuen Alltag eingespannt zu sein. Als Ärztin auf einer Handelsstation im Orbit eines Planeten war ständig etwas los, und ich konnte mir vorstellen, wie eng ihre Zeitpläne geworden sein mussten.
Dennoch erreichte mich immer wieder ein leises Gerücht, dass sich seine Ärztin in der Umgebung niederlassen wollte. Offenbar suchte sie nach einem passenden Gebäude für ihre Praxis, um unabhängiger arbeiten zu können. Das ließ mich hoffen, dass sie eines Tages wieder in meine Nähe kommen würde, auch wenn es nur flüchtige Treffen waren.
Ich schrieb ihr eine Nachricht, in der ich von meinen Fortschritten im Anshin Shokudō berichtete und vorsichtig nachfragte, wie es ihr erging. Doch eine Antwort blieb aus. Das Schweigen lastete schwer auf mir. Einerseits verstand ich, dass sie beschäftigt war, andererseits nagte die Unsicherheit an mir. Die Vorstellung, dass Valentina sich vielleicht anderswo niederließ, ließ mich unruhig werden. Immer wieder griff ich zum Kommunikationsgerät, überprüfte den Posteingang, in der Hoffnung auf ein kleines Lebenszeichen, doch es blieb still.

Wochen später hatte sich an der Front zwischen Valentina und Vanu kaum etwas geändert. Ich konnte beobachten, wie beide Frauen nebeneinander in den Laden kamen oder gemeinsam Erledigungen machten, doch die Luft zwischen ihnen war elektrisch geladen. Sofern Valentina mal zu Besuch da war. Selbst ein flüchtiger Blick genügte, um zu erkennen, dass sie sich gegenseitig kaum ausstehen konnten. Ich hatte längst begriffen, dass das Thema Doppelheirat kein Gespräch wert war und überließ es lieber Roland. Seitdem herrschte mehr oder weniger Funkstille zwischen mir, Vanu und Valentina. Wenn wir sprachen, dann nur über Belanglosigkeiten oder Dinge, die nichts mit unserem Privatleben zu tun hatten. Die Arbeit im Anshin Shokudō war so etwas wie ein sicherer Anker für mich.
Ich hatte rund 50.000 Credits in den kleinen Anbau investiert, Vanu und Roland etwas weniger. Die Anfangsmonate waren nervenaufreibend gewesen. Kurzzeitig sah es so aus, als würde Vanu mich doch noch rauswerfen, wegen der Spannungen zwischen mir, ihr und Valentina, aber zum Glück blieb das aus. Stattdessen einigten wir uns darauf, dass ich offiziell als Besitzer des „Anshin Yatei“ eingetragen wurde und praktisch als Mieter des Anbaus fungierte. Vanu konnte den Imbiss nicht gleichzeitig betreuen, ihr Laden und das Grundstück gehörten ihr von Anfang an. Also vereinbarten wir, dass die Einnahmen zu 70 % an sie gingen. Dank des großen Andrangs und der stetig steigenden Einnahmen konnte Vanu sich zusätzliches Personal leisten, während ich meinen eigenen Plan verfolgte.
Ich kaufte mir für circa 25.000 Credits einen gebrauchten Liefer-Hoverlaster. Jeden Abend nach Feierabend fuhr ich damit die Grundnahrungsmittel und einige Standardgerichte aus, meist zu Leuten, die nicht mehr so gut zu Fuß waren oder niemanden hatten, der ihnen etwas bringen konnte. Die Steuerung war eine Herausforderung. Ich hatte den Führerschein inzwischen in der Abendschule gemacht. Der Laster war schwerer zu handhaben als ein normales Auto, aber leichter als ein Flugzeug. Ich erinnerte mich daran, wie ich als Kind einmal in einem Hubschrauber gesessen hatte. Alle Anzeigen, Knöpfe und Warnlichter forderten noch heute meinen Respekt.
Während ich durch die Straßen von Aru schwebte, beobachtete ich die ruhigen, ländlichen Gebäude, die von holografischen Leitsystemen und vereinzelten Drohnen belebt wurden. Jeder Stopp brachte ein kleines Gespräch, ein Lächeln oder Dankeschön, manchmal auch Misstrauen – die Bewohner waren gewohnt, sich auf sich selbst zu verlassen. Ich spürte, dass meine Lieferungen mehr als Nahrung brachten; sie brachten Verbindung, ein kleines Stück Normalität in dieser fremden Welt. Und während der Laster sanft über den Kiesweg vor einem Haus glitt, dachte ich kurz daran, wie stark sich mein Leben verändert hatte – ein halbes Jahr in dieser Realität, und doch war ich noch immer am Anfang von allem.

Ich liege auf dem Bett, die Arme ausgestreckt, die Augenlider schwer wie Blei. Mein ganzer Körper fühlt sich an, als hätte ich ihn in einem Schleudersitz gequetscht. Die Hitze des Spätsommers draußen dringt durch das halb geöffnete Fenster, mischt sich mit dem schwachen Duft von gebratenem Gemüse und Algen, der noch von meinem letzten Kontrollgang durch den Imbiss in der Luft hängt. Ich kann kaum noch klar denken. Jeder Muskel protestiert, und doch kann ich nicht einfach abschalten. Schlaf ist Luxus, den ich mir nicht leisten kann. Nicht jetzt.
Langsam, beinahe mechanisch, greife ich nach meiner ID-Card. Sie liegt auf dem Nachttisch, kühl und glatt, als hätte sie schon auf diese Momente gewartet. Ich streiche mit dem Daumen über das Metall, aktiviere das Konto und sehe die Zahlen auf dem Bildschirm: –30.500 Credits. Schulden. So etwas hatte ich in meiner alten Realität nie erlebt. Da gab es keine Kredite, keine Minus-Bilanzen, keine ständige Rechenschaft über jede Ausgabe. Hier schon. Mein Herz zieht sich zusammen bei der Vorstellung, dass all diese Arbeit, jeder einzelne Tag, jede Stunde im Yatei und auf den Lieferfahrten, sich erst einmal als Minuszahl manifestiert.
Ich lasse die Karte sinken und sehe zur Decke. Die Deckenlampe wirft schwaches, warmes Licht, das die Ränder der Raumwand sanft beleuchtet. Ich kann das Schicksal förmlich auf mir lasten spüren. Bin ich verrückt, frage ich mich, mich selbst so kaputt zu machen für etwas, das vielleicht nie Früchte tragen wird? Für einen Traum, den ich nicht einmal greifen kann?
Trotz der Müdigkeit zwinge ich mich, nachzudenken. Vanu hatte recht. Wir hatten die Bilanz durchgerechnet, jede Einnahme und Ausgabe geglättet, mögliche Schwankungen berücksichtigt. Drei bis vier Monate, hatte sie gesagt. Danach sollte ich im Plus sein. Ich vertraue ihr. Ich vertraue ihr mehr als mir selbst in dieser Hinsicht. Sie will nicht, dass das Yatei scheitert, nicht dass das Shokudō darunter leidet. Ich spüre eine Mischung aus Dankbarkeit und Respekt für ihre Fähigkeit, alles so nüchtern zu kalkulieren, während ich mich oft nur auf mein Bauchgefühl verlassen habe.
Ich drehe den Kopf zur Seite, sehe aus dem Fenster. Die untergehende Sonne färbt die Dächer von Aru in tiefes Gold, das Meer glitzert in flüssigem Kupfer. Ich könnte mich verlieren in diesem Anblick, mich einfach fallen lassen, doch die Realität des Yatei ruft mich zurück. Jeder Tag, an dem ich nicht liefere, nicht koche, nicht kontrolliere, ist ein Tag, an dem die Schulden wachsen und mein Traum zerbröckelt.
Ich presse die Lippen zusammen und atme tief ein. Meine Hände zittern leicht, nicht vor Angst, sondern vor Übermüdung und der puren Anspannung. Ich denke an die Kunden, die sich in der Schlange geduldig gedreht haben, an die Boronen, Teladi, Split und Paraniden, die sich über die Neuheiten gefreut haben, die ich ihnen vorsetzte. An die ersten kritischen Kommentare von Vanu, die ich inzwischen zu schätzen weiß, und an Rolands gelegentliches, stilles Nicken, das mir das Gefühl gibt, auf dem richtigen Weg zu sein.
Mit einem leisen Seufzer drücke ich die ID-Card wieder in die Tasche. Die Schulden sind da, ja. Aber sie sind nicht das Ende. Sie sind ein Maßstab, ein Test. Ich kann das schaffen. Ich muss nur weiter. Weiter planen, weiter liefern, weiter hoffen. Vielleicht, nur vielleicht, wird dieser Traum eines Tages mehr sein als Minuszahlen und endlose Lieferungen. Vielleicht wird es ein Platz, der alle glücklich macht.
Ich schließe die Augen. Nur kurz. Einen Moment der Ruhe, bevor der nächste Tag wieder beginnt. Und während ich dort liege, tief atmend, spüre ich, dass trotz der Erschöpfung ein Funke in mir brennt – ein Funke, der mich weit über die Schulden und die Sorgen hinaus tragen wird.

Ich hasse Perfektion.
Sie bietet keinen Platz für Kreation.

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Kapitel 9 - Träume

Ich stand auf der Terrasse von Rolands Haus, die Hände fest um die Kanten des Geländers geklammert, und ließ meinen Blick über den gefrorenen Strand gleiten. Das Blaue Meer war teilweise zugefroren, die dünne Eisdecke glitzerte blass im schwachen Winterlicht. Ein scharfer Wind fegte vom Meer herüber, trieb meine Haare ins Gesicht und ließ mich frösteln, obwohl meine steife Haltung nicht der Kälte geschuldet war, sondern dem Unbehagen, das ich in der Nähe von Valentina und Vanu immer noch empfand. Ich konnte nicht genau sagen, warum es so war. Vielleicht war es die Nähe, vielleicht die stille Spannung zwischen ihnen. Ihre Beziehung zueinander war kompliziert, von unterschwelliger Rivalität durchzogen, und ich spürte jede kleine Nuance, jede noch so flüchtige Geste.
Valentina hing an meiner rechten Seite, ihr Ellbogen leicht in meinen eingehakt, ihre Finger drückten sich fast unmerklich gegen meinen Unterarm. Vanu auf der linken Seite, spiegelte diese Bewegung, und meine linke Hand spürte den Druck ihres eigenen Ellenbogens. Ich verharrte wie ein Brett, unsicher, wie ich mich bewegen sollte, um niemanden zu beleidigen oder die Balance der Situation zu stören. Meine Augen folgten den Bewegungen beider Frauen, jede Geste, jedes leichte Anheben der Augenbrauen, das Zusammenspiel ihrer Lippen beim Sprechen, selbst das leiseste Zucken der Hände. Es war irritierend, fast lähmend.
Vor uns auf dem Geländer standen drei dampfende Tassen. Zwei davon, prall gefüllt mit Keffa, gehörten Valentina und Vanu, meine eigene war Tee. Der Duft stieg mir in die Nase, herb und erdig, und für einen kurzen Moment brachte er mich zurück in die Wärme der Küche, in das geschäftige Treiben des Yatei, die klirrenden Töpfe, den Duft von frisch gebackenem Brot und gebratenem Gemüse. Ich schluckte den Tee, ließ die Wärme durch mich fließen, während meine Gedanken abschweiften.
Valentina hatte mittlerweile ihre eigene Praxis in Aru eröffnet. Ich erinnere mich noch, wie sie mir gegenüber erwähnt hatte, dass sie eigentlich in der Hauptstadt Gunnia, auf der anderen Seite des Planeten, sesshaft werden wollte. In der Nähe ihrer Familie. Sie stammte aus Iru, einem kleinen Vorort, und ich konnte nicht anders, als über die Namen nachzudenken. Nathan R. Gunne, der Retter der Menschheit, und nun Orte, die seinen Namen trugen – fast so, als hätte die Geschichte ihre Spuren in der Landschaft hinterlassen. Ich dachte daran, wie unser erstes Treffen verlief, wie wir zuerst Patient und Ärztin waren, dann Bekannte, Freunde, und schließlich… ja, was waren wir jetzt? Love interest? Nur Gedanken, keine Worte, die ich aussprechen konnte, nicht ohne den Sturm der Eifersucht und Rivalität zwischen den Frauen zu entfachen.
Valentina hatte mir einmal erklärt, dass sie nie etwas von Eheverträgen hielt. Partnerschaften sollten aus tief empfundenen Emotionen entstehen, nicht aus gesellschaftlicher Notwendigkeit oder pragmatischen Überlegungen. Sie hatte Angebote bekommen, alle abgelehnt, und ich konnte den Stolz in ihren Augen sehen, das stille Statement, dass sie nicht gekauft oder gebunden werden wollte. Vanu hörte still zu, nickte gelegentlich, ihre Mimik neutral, doch ich konnte die subtile Zustimmung erkennen, die Anerkennung, dass auch sie sich nicht unterordnen wollte. Sie hatte ihre eigenen Erfahrungen, ihre eigenen Regeln.
Wir drei atmeten, und die weiße Wolke unseres Atems stieg in die frostige Luft. Jeder Atemzug war ein winziges Signal unserer Präsenz, ein sichtbares Band zwischen uns, während wir uns langsam auf den Weg machten, weg von Nathantia, Richtung eines dichten Waldstücks. Die Bäume standen kahl, ihre Äste wie schwarze Skelette gegen den blassen Himmel. Ich spürte die Kälte auf meinen Wangen, doch sie konnte nicht die Hitze in meiner Brust überdecken, die aus der unruhigen Nähe der Frauen herrührte.
Vanu hatte im Gespräch still zugehört, das war ihre Art, die Dinge zu analysieren. Sie war in meinem Alter, älter als Valentina, und doch zeigte sie eine Reife, die über ihre Jahre hinausging. Sie sprach über ihre eigenen Erfahrungen, begrenzte Beziehungen, die kurze Ehe, die sie annuliert hatte, die körperliche Anziehung, die intensiven, aber flüchtigen Gefühle. Dann, eine Fehlgeburt später, nur noch mehr Streit und Schuldzuweisungen. Ich hörte zu, versuchte die Nuancen herauszufiltern, ihre Körpersprache, die leichte Anspannung in ihren Schultern, das gelegentliche Zusammenziehen der Lippen, wenn sie an die Vergangenheit dachte.
Valentina stellte Fragen, sanft, aber direkt. Vanu antwortete, offen, ehrlich, ohne Filter, und ich spürte die Spannung, die zwischen ihnen vibrierte. Es war, als würde ein unsichtbares Band aus Konkurrenz, Respekt und einer gewissen Verwunderung über die eigene Jugend zwischen ihnen stehen. Ich konnte nicht anders, als die Stille zu füllen, indem ich ab und zu ein leises Wort sagte, eine Bemerkung zu den Bäumen, zum Eis auf dem Meer, zum Dampf, der zwischen uns aufstieg. Meine Stimme war ruhig, fast meditativ, aber in meinem Inneren wirbelten tausend Gedanken.
Wir gingen weiter, jeder Schritt knirschte im gefrorenen Schnee. Ich beobachtete die Art, wie Valentina ihre Hände tief in den Taschen vergrub, den Blick gesenkt, als würde sie die Kälte in die Erde ableiten wollen. Vanu dagegen, die Arme verschränkt, die Schultern aufrecht, ging wie eine Kriegerin, selbstbewusst und unbeirrbar. Ich bemerkte, wie mein Herz schneller schlug, wie ich die unsichtbare Spannung zwischen ihnen spürte, jedes Zucken einer Hand, jeden flüchtigen Blick. Ich wusste, dass ich diesen Winter nicht nur körperlich ertragen musste, sondern auch emotional.
Wir erreichten eine kleine Lichtung. Das Sonnenlicht fiel durch die kahlen Äste, bildete zarte Muster auf dem schneebedeckten Boden. Ich setzte mich auf einen gefrorenen Baumstumpf, Valentina neben mir, Vanu auf der anderen Seite. Ich spürte die Wärme, die von unseren Körpern ausging, nicht viel, aber genug, um das Eis in meinen Gliedern etwas zu lösen. Die Stille war nicht unangenehm, sondern geladen, voller unausgesprochener Worte und Emotionen.
Vanu drehte den Kopf zu mir, die Augen in diesem unnachahmlichen argonischen Grün, das je nach Licht mehr gelblich oder oliv wirkte. "Tori," sagte sie leise, "ich habe oft darüber nachgedacht… über dich, über uns." Ihre Stimme war sanft, aber durchdringend. Ich konnte die Anspannung in ihren Händen fühlen, als sie sie ineinander verschränkte.
Valentina nickte leicht, der Blick auf den Boden gerichtet, ihre Stimme ein kaum hörbares Murmeln: "Du bist… schwer zu lesen, Tori. Manchmal frage ich mich, ob du überhaupt merkst, was du uns beiden bedeutest."
Ich schluckte, spürte die Hitze in meinem Gesicht. Ich wollte etwas sagen, wollte die Worte finden, die alles erklären, aber sie formten sich nicht. Stattdessen spürte ich, wie mein Herz schneller schlug, die Kälte draußen schien plötzlich irrelevant. Ich konnte die Emotionen der beiden Frauen fast körperlich spüren, das gegenseitige Spannungsfeld, das uns alle einhüllte.
Ich atmete tief ein, versuchte mich zu sammeln, die Hände auf den Knien. "Ich… ich weiß nicht, wie ich das ausdrücken soll," begann ich, die Stimme rau vor Anspannung, "aber ich schätze euch beide. Nicht nur als… Freundinnen, nicht nur als Kolleginnen, sondern… ihr seid wichtig für mich. Und ich will niemanden verletzen."
Valentina lächelte schwach, ein Schatten von Erleichterung im Gesicht. Vanu hob den Kopf, ein Lächeln, das fast schelmisch wirkte, huschte über ihre Lippen. Die Spannung löste sich ein wenig, wie Eis, das unter der warmen Sonne zu tauen beginnt, Stück für Stück.
Wir saßen eine Weile so, in Stille, nur das Knarren der Bäume um uns herum, das leise Rauschen des teilweise gefrorenen Meeres aus der Ferne. Ich konnte nicht sagen, wie lange wir dort saßen, die Zeit verlor ihre Bedeutung in diesem Moment der fragile Balance zwischen Nähe, Unsicherheit und dem stillen Versprechen, dass wir alle irgendwie weitergehen würden.
Und während ich dort saß, spürte ich, dass dieser Winter, so hart und unbarmherzig er draußen auch sein mochte, auch etwas in uns auftauen konnte – die Mauern, die wir gebaut hatten, die Barrieren zwischen unseren Herzen. Ich wusste, dass wir noch einen langen Weg vor uns hatten, dass die Konflikte zwischen Valentina und Vanu nicht verschwinden würden, dass die Unsicherheiten in mir selbst nicht gelöst waren. Aber für einen Moment, nur für diesen einen Moment, war da Ruhe, war da Hoffnung, war da das zarte Erwachen eines Traums, der größer war als wir alle.

Die Wärme des holografischen Lagerfeuers spiegelte sich in den klaren Linien des Wohnzimmers wider, obwohl die Flammen nur Projektionen waren. Roland saß in seinem abgewetzten, aber gemütlichen Sessel, der Kopf leicht nach hinten geneigt, Augen geschlossen, Atmung gleichmäßig, fast wie ein Stein. Sein Gesicht wirkte entspannt, fast kindlich in der Ruhe, die von einem Mann ausging, der die Kontrolle über alles hatte, was ihn umgab. Ich beobachtete ihn für einen Moment, wie er dort saß, während der Lichtschein der Hologrammflammen sanft über seine Gesichtszüge glitt.
Vanu bewegte sich geschmeidig zwischen Herd und Arbeitsfläche, während ich ihr half. Wir schnitten, rührten und prüften Zutaten, jeder Griff saß, jeder Handgriff koordiniert, als wären wir ein eingespieltes Team. Ich achtete auf ihre Bewegungen, wie sie die Pfanne neigte, um den Inhalt zu wenden, wie sie das Salz aus der Handfläche langsam aufstreute – präzise, fast ritualisiert. Sie war konzentriert, aber die Augen blitzten immer wieder kurz zu mir hinüber, ein stummes „passt du auf mich auf?“ Das brachte mein Herz zum Stolpern, obwohl ich mich bemühte, ruhig zu bleiben.
Valentina saß an der Kücheninsel, ihr Tablet aufgestellt, die Finger über die Oberfläche gleitend, als würde sie mit der Technologie verschmelzen. Ich legte mehrere Snacks neben ihr ab, Becher für Becher aus Scruffin-Knollen, die wir zusammen mit Rosa und Greg entwickelt hatten. Chips, leicht gesalzen, knusprig, eine vertraute Textur, die mich an die Erde erinnerte. Sie griff nach dem ersten Becher, ihre Augen blitzten kurz auf, und ehe ich mich versah, war er leer. Ich legte ihr den nächsten hin, dann den nächsten. Sie kaute konzentriert, die Lippen leicht zusammengepresst, das Gesicht von völliger Fokussierung geprägt. Ihr Atem ging flach, die Wangen leicht gerötet von der Anstrengung, alles gleichzeitig zu beobachten und zu schmecken.
„Hm… interessant,“ murmelte sie zwischen den Bissen, und ich konnte nicht sagen, ob sie mich meinte oder die Chips. Ich lächelte nur, zu stolz auf das, was wir geschaffen hatten, um mich jetzt darüber Gedanken zu machen.
Vanu und ich bereiteten währenddessen weitere Gerichte zu. Der Duft von Scruffin-Püree, leichten Boron-Algen und frischem Weizen erfüllte den Raum. Ich konnte nicht anders, als kleine Erinnerungen an meine alte Realität zu verspüren – an meine eigenen Küchenexperimente, das gelegentliche Scheitern, das triumphale Gelingen eines Gerichts. Kochen war mehr als nur Zubereitung; es war ein Moment, in dem die Welt stillstand und alles Sinn ergab.
Während wir die Speisen anrichteten, überprüfte Valentina die medizinischen Sensoren an Roland und mir. Sie beugte sich leicht vor, die Stirn in Falten gelegt, Lippen leicht geöffnet, die Augen von Lichtreflexionen gezeichnet. In diesen Sekunden war sie kein Freund, keine Begleiterin, sondern Ärztin. Ihre ganze Haltung schrie Präzision, Fokus, Pflichtbewusstsein. Ich stellte ihr still ein paar Snacks hin – Scruffin-Trilogie, Boron-Algenpüree, gedämpfte Scruffin-Körner. Sie griff danach, fast mechanisch, aß, prüfte Sensorwerte, aß weiter, den Kopf leicht zur Seite geneigt, die Augen auf das Tablet gerichtet.
„Noch ein Becher?“ fragte ich leise, die Stimme mehr ein Hauch als ein Klang.
„Ja, danke,“ kam es knapp, ohne dass sie den Blick von den Anzeigen hob. Ich nickte und ging weiter, half Vanu beim Schneiden der Algenstreifen, kontrollierte die Konsistenz des Scruffin-Getreidebreis, prüfte die Temperatur des Weizensuds. Alles musste stimmen, die Texturen perfekt, die Temperaturen optimal, damit die Speisen universell verträglich waren.
Ich dachte an die Speisekarte, die wir erstellt hatten. Jedes Gericht war geprüft, getestet, gegessen von uns selbst. Ich erinnerte mich an die Nächte, in denen wir Varianten probiert hatten, die Boron-Versionen angepasst, die humanoiden Versionen abgeschmeckt, die Texturen überprüft. Ich spürte den Stolz, der sich in mir aufbaute, wenn ich daran dachte, wie wir eine Brücke zwischen den Kulturen schlugen, wie wir etwas schaffen konnten, das für alle funktionierte.
Ich beobachtete, wie Valentina die Chips kaute, das Kauen rhythmisch, fast meditativ, während die feinen Linien ihres Gesichts bei jedem Biss leicht vibrierten. Vanu schnitt Scruffin-Scheiben, die Bewegungen präzise, ruhig, jeder Schnitt ein kleiner Akt von Perfektion. Ich reichte ihr Gewürze, mischte Texturen, kontrollierte Temperaturen. Meine Hände rochen nach Scruffin, nach Weizen, nach dem Ozean, der draußen gefroren lag.
Roland schnarchte leise im Sessel, das holografische Feuer flackerte, reflektierte sich in den Fenstern. Ich konnte die Wärme spüren, obwohl sie nur simuliert war. Sie beruhigte mich, gab mir das Gefühl, dass trotz der Anstrengung alles richtig war, dass wir hier etwas Bedeutendes taten.
Die Küche füllte sich mit Geräuschen: Schneiden, Rühren, das leise Klirren von Geschirr, Valentina, die leise vor sich hin summte, als würde sie die Werte der Sensoren auf ihr Tablet singen. Vanu murmelte ab und zu kurze Kommentare, ein „passt so“ oder „etwas mehr“, und ich nickte still, nahm ihre Hinweise an, justierte die Hitze, kontrollierte die Textur erneut.
In diesen Momenten war ich gleichzeitig Teil des Chaos und der Ordnung. Alles lief, alles passte, und dennoch fühlte ich die Spannung, die zwischen den Frauen lag, die stille Rivalität, die unvermeidlichen kleinen Spannungen, die durch die Nähe erzeugt wurden. Ich musste mich konzentrieren, die Arbeit perfekt machen, damit keine Ablenkung, keine Reibung die Qualität der Speisen gefährdete.
Jedes Gericht, jede Zutat, jeder Handgriff war ein Ausdruck von Präzision, von Leidenschaft, von einem Wunsch, etwas Dauerhaftes zu schaffen. Ich dachte an die Gäste des Yatei, an ihre Gesichter, an die Freude, die wir ihnen brachten. Und während Valentina weiter ihre Becher leerte, während Vanu konzentriert die nächsten Portionen bereitstellte, spürte ich, dass all diese Mühe, all diese minutiöse Arbeit, all diese stillen Stunden der Vorbereitung etwas waren, das größer war als ich, größer als das Yatei selbst.
Die Küche war ein Mikrokosmos der X-Realität: Vielfalt, Anpassung, Harmonie trotz Unterschiede. Ich beobachtete die Farben, die Texturen, die Geräusche. Ich sah, wie Scruffin-Püree cremig wurde, wie Weizen langsam aufquoll, wie die Algen im leichten Dampf glänzten. Ich spürte das Leben in jedem Gericht, die Verbindung zwischen Zutaten und Menschen, die Freude, die sie bringen würden.
Und während ich dort stand, die Hände voller Arbeit, die Augen auf das leise Lächeln von Valentina gerichtet, die neben mir die Sensorwerte kontrollierte, wusste ich, dass ich genau hier, genau in diesem Moment, in der richtigen Welt war.

Das Anshin Yatei war noch geschlossen. Die Schiebetüren standen stumm in ihrer Führungsschiene, die Außenhologramme deaktiviert, das Innere in ein ruhiges, kühles Morgenlicht getaucht. Ich saß allein an einem der vorderen Tische, die Hände auf der frisch überarbeiteten Speisekarte. Ich strich mit den Fingern über die Oberfläche, prüfte ein letztes Mal die Struktur, die Anordnung, die Balance zwischen Tradition und Funktion. Jeder Abschnitt war durchdacht. Keine Spielerei, keine Effekthascherei. Textur, Temperatur, biologische Kompatibilität. Das war die Linie. Meine Linie.

VORSPEISEN / LEICHTE GÄNGE
Mineralische Boron-Essenz
Klare, warme Algenlösung aus Tiefsee-Kulturen, reich an Mineralien, leicht gebunden, faserig-gelartige Textur. Für Boron traditionell, für Humanoide als Brühe oder Emulsion.

Getreidesud
Langsam gekochter Weizensud, emulgiert mit Nostrop-Öl, mild erdig, universell verträglich. Bereitet den Verdauungstrakt auf Hauptgänge vor.

Scruffin-Trilogie
Gedämpfte Knolle in drei Texturen: feines Püree, zarte Scheiben, grob zerdrückt. Natürliche Stärke, ungewürzt.

Algen-Gewebe, temperiert
Schichtige Boron-Algen unterschiedlicher Dichte, kühl serviert. Textural vielfältig, neutral im Geschmack, Boron-traditionell.

Gedämpfte Scruffin-Körner mit Mikrogrün
Kleine Würfel aus Knollen, gedämpft, leicht aromatisiert, universell essbar.

Miso Fusion
Milde Brühe aus Boron-Algen mit eingelegten Scruffin-Stückchen. Leicht, mineralisch, sättigend.

ZWISCHENGÄNGE / FINGERFOOD
Weizenfladen
Knusprig außen, weich innen, gestrichen mit Nostrop-Öl. Servierbar zu Suppen oder als Snack.

Boron-Algenpüree
Cremige Paste aus mehrschichtigen Algen, optional warm gebunden. Für Boron, für humanoide Gäste leicht aromatisiert.

Scruffin-Getreidebrei
Püree aus Knollen und Weizenkörnern, cremig, warm, universell verträglich.

Algenstreifen
Roh serviert, faserig. Boron-traditionell, Menschen optional als Snack oder zu Brühen.

Gedämpfte Scruffin-Scheiben
Leicht gebräunt, cremig, als Snack oder Beilage.

HAUPTGÄNGE / HERZHAFTE VARIANTEN
Argnu-Schmorstück im Getreidefond
Langsam gegartes Fleisch, serviert in Weizenbrühe, proteinreich und sättigend. Für Split optional ohne pflanzliche Komponenten.

Paranidisches Dreikorngericht
Dreierlei Getreide, langsam gekocht, emulgiert mit Nostrop-Öl. Warm, gleichmäßig, textural ausgewogen.

Split-Proteinplatte
Reines Fleisch, trocken gegart oder in klarer Brühe serviert. Maximale Proteindichte, minimal pflanzlich.

Boronischer Algenkomplex
Mehrschichtige Algenzubereitung, halbgebunden oder flüssig. Mineralreich, für Boron-traditionell, humanoide Version leicht aromatisiert.

Scruffin-Püree & Getreide-Kompott
Cremiges Knollenpüree, begleitet von leicht gekochtem Weizen. Einfach, sättigend, universell essbar.

Döner
Gegrilltes Argnu- oder Chelt-Fleisch, in Weizenfladen gewickelt, optional mit Boron-Algenstreifen. Auch nur mit Algenfüllung.

Sushi / Algenrolle
Boronische Algenblätter um Scruffin-Püree oder dünne Argnu-Fleischstreifen gewickelt, roh oder leicht gedämpft.

Sashimi
Fein geschnittene, mineralische Algenstränge, roh serviert. Für Boron, optional für Menschen mit Scruffin-Püree.

Burger
Gebratene Scruffin-Scheiben als Patty, in Fladenbrot, minimal Öl, optional Argnu-Fleischaufschnitt.

Weizen-Algen-Eintopf
Reduzierter Weizensud mit Algenstücken, langsam gekocht, mineralisch, funktional für Langzeitmissionen.

Fusion X
Pürierte Boron-Algen mit Scruffin-Püree und Weizenkörnern, cremig, warm oder kalt servierbar.

BEILAGEN
Gedämpfte Tiefseealgen
Mineralisch Gekochte Weizenkörner, locker, erdig

Scruffin-Scheiben
Leicht gebräunt, cremig Micro-Knollen-Salat, saisonal

Scruffin-Püree
Neutral

GETRÄNKE
Isotonische Lösung
Neutral, elektrolytausgleichend

Warmer Getreideaufguss
Mild, koffeinfrei

Kalter Algenextrakt
Mineralisch

Scruffin-Saft
Leicht stärkehaltig

KÜCHENPHILOSOPHIE
Keine Stimulanzien
Geschmack durch Textur, Temperatur und Kombination der Grundzutaten
Biologisch kompatibel für alle Spezies
Gerichte für Alltag, Diplomatie und Langzeitmissionen
Traditionelle Zubereitungen für Boronen, Split und Paraniden werden respektiert, humanoide Versionen angepasst


Ein Jahr.
Ich lehnte mich im Stuhl zurück, ließ den Kopf gegen die Lehne sinken und starrte zur Decke, wo sich die Lichtpaneele langsam an die morgendliche Helligkeit anpassten. Ein Jahr in dieser Realität. Am Anfang hatte ich jeden Schritt als potenziell tödlich empfunden. Ich war mit dem Gefühl aufgewacht, jederzeit versklavt, verkauft oder von irgendeinem Raubtier zerlegt zu werden. Jeder Schatten war Bedrohung gewesen. Jede fremde Stimme ein Risiko.
Ich sehe mich noch auf der Handelsstation, wie ich versuchte, nicht aufzufallen. Wie ich meine Schultern bewusst schmal machte. Wie ich Gespräche mied, um nicht als unwissender Fremder enttarnt zu werden.
Jetzt hatte ich ein Zuhause. Freunde. Partner.
Allein dieses Wort ließ mich kurz die Augen schließen. Partner. Nicht Besitz, nicht Vertrag, nicht Zweckgemeinschaft. Echte Nähe. Kompliziert, manchmal anstrengend, aber real. Mein Bekanntenkreis wuchs fast täglich. Lieferanten, Stammkunden, Diplomaten, Techniker, Händler. Ich war kein Fremdkörper mehr. Ich war Teil des Gefüges.
Und meine Schulden – ich musste unwillkürlich lächeln – waren Geschichte.
Es hatte länger gedauert als geplant. Natürlich hatte es das. Unvorhergesehene Reparaturen am Hoverlaster. Ein zweiwöchiger Engpass bei Scruffin-Lieferungen. Saisonale Schwankungen im Kundenaufkommen. Aber ich hatte durchgehalten. Monat für Monat. Kalkuliert. Nachjustiert. Gespart.
Jetzt waren die Bilanzen stabil im Plus. Nicht spektakulär. Aber stetig wachsend.
Ich setzte mich wieder aufrecht hin, nahm die Karte, schob sie in den Dokumentenscanner des Terminals. Ein leises Summen, dann erschien die Datei auf dem Display. Ich überprüfte die Metadaten, fügte Aktualisierungen hinzu, synchronisierte mit dem Federal Information Network.
„Upload bestätigen?“
Meine Finger schwebten einen Moment über der Oberfläche. Dann tippte ich.
Bestätigt.
Sobald ich das Yatei öffnete, würden die Außenhologramme automatisch umstellen. Das neue Menü würde in transluzenten Schriftbändern über der Fassade erscheinen, angepasst an Speziespräferenzen, übersetzt in mehrere Syntaxsysteme. Und im FIN war es jetzt bereits abrufbar. Wichtig für Vorbestellungen. Wichtig für meine abendliche Abschlusstour mit dem Hoverlaster.
Ich stand auf, ging zur Frontscheibe, blickte hinaus auf die Straße von Aru. Kalt, klar, geschäftig.
Ein Jahr.
Ich ging zurück zur Theke, zog mein handliches Planungs-Pad aus der Tasche und setzte mich wieder. Das Display erwachte sofort. Tabellen. Prognosen. Baukosten. Materialpreise. Energiebedarfsanalysen.
Mein nächstes Ziel.
Eine eigene Zuchtanlage im Weltraum.
Nicht für die Massenware, die ohnehin in industrieller Standardqualität auf dem Markt zirkulierte. Sondern für ursprüngliche Flora und Fauna. Authentische Varianten. Reine Linien. Zutaten mit Charakter. Mit Herkunft. Mit Geschichte.
Ich wollte Kontrolle über die Quelle.
Ich vergrößerte eine Kostentabelle. Bau einer kleinen modularen Agrarstation. Andocksegmente. Lebenserhaltung. Gravitationseinheit. Biosphärenkuppeln. Transportlogistik.
Die Summe am unteren Rand ließ meine Gesichtsmuskeln unwillkürlich erstarren.
Astronomisch.
Ich fuhr mir mit der Hand über das Gesicht, spürte die leichte Rauheit der Haut, die Müdigkeit, die sich trotz Erfolg nie ganz verabschiedet hatte. Selbst mit meinen positiven Bilanzen würde ich Jahre brauchen. Oder Investoren. Oder beides.
„Zu weit weg“, murmelte ich leise.
Aber sofort widersprach ich mir innerlich.
War es das wirklich?
Vor einem Jahr hätte mein damaliges Ich diese aktuelle Situation für unerreichbar gehalten. Ein eigenes Geschäft. Schuldenfrei. Soziale Bindungen. Ein funktionierendes Netzwerk.
Ich konnte mich noch an dieses Gefühl erinnern – dieses dumpfe Überlebensdenken. Heute war mein Horizont größer.
Ich lehnte mich vor, tippte neue Zahlen ein. Szenarioanalyse. Was, wenn ich zunächst nur eine Beteiligung an einer bestehenden Anlage erwerbe? Minderheitsanteile. Zugang zu Produktionslinien. Spätere Übernahmeoption.
Ich hielt inne.
Vielleicht dachte ich immer noch zu sehr in Spielmechaniken. Kaufen. Upgraden. Übernehmen. Skalieren.
Diese Realität war komplexer.
Ich hatte das viel zu lange mit dem Franchise verglichen, das ich kannte. Ähnliche Namen. Ähnliche Spezies. Ähnliche Strukturen. Aber das hier war kein System aus vorgefertigten Regeln. Hier existierten Nuancen. Politische Dynamiken. Verträge mit Klauseln, die nicht in Tooltipps erklärt wurden. Emotionale Verbindungen. Vertrauensnetzwerke.
Ich atmete langsam aus.
„Hör auf, es wie ein Spiel zu behandeln“, sagte ich leise zu mir selbst.
Das Pad vibrierte kurz – automatische Aktualisierung aus dem FIN.
Neugierig öffnete ich das Handelssegment und begann zu scrollen. Raumstationen. Produktionskomplexe. Reparaturdocks.
Ich hatte ehrlich gesagt nicht erwartet, irgendetwas Relevantes zu finden. Neue Stationen waren teuer genug. Gebrauchte? Kaum vorstellbar.
Doch dann blieb mein Finger stehen.
„Agrarmodul Typ B-17 – gebraucht – strukturell intakt – 63 % Lebenszyklus verbleibend.“
Ich blinzelte. Scrollte zurück.
Es war kein Einzelfall.
Es gab tatsächlich gebrauchte Raumstationen und Raumfabriken. Stillgelegte Anlagen. Insolvenzfälle. Unternehmensfusionen. Militärische Ausmusterungen.
Nicht nur kaufen. Man konnte mieten. Pachten. Sich mit Aktien beteiligen. Mehrheitsanteile erwerben. Gegen Aufpreis sogar verlegen lassen – komplette Stationskerne inklusive Antriebssektionen.
Mein Puls beschleunigte sich merklich.
„Das… ist absurd“, murmelte ich, während ich durch die Details scrollte.
Transportkosten separat. Neuverankerungsgenehmigung erforderlich. Biosphärenkalibrierung nach Standortwechsel verpflichtend.
Das war kein Menü im Spiel. Das war Wirtschaft. Echte Wirtschaft.
Ich lehnte mich zurück, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, und starrte auf das schwebende Interface.
Wie lange hatte ich mich selbst limitiert, weil ich dachte, bestimmte Dinge seien schlicht nicht vorgesehen?
Ein leises Lachen entwich mir. Nicht laut, nicht euphorisch. Mehr ein trockenes Ausatmen.
„Du Idiot“, sagte ich zu mir selbst. „Du denkst immer noch in festen Pfaden.“
Diese Realität war nicht nur komplexer – sie war offener.
Ich beugte mich wieder nach vorn, zoomte in ein Angebot hinein. Beteiligungsmodell. 12 % Anteil an einer halbautomatisierten Zuchtanlage im Randsektor. Moderate Einstiegskosten. Gewinnbeteiligung quartalsweise.
Meine Finger begannen automatisch zu rechnen. Kapitalbindung. Risiko. Cashflow-Auswirkungen auf das Yatei.
Mein Blick wanderte kurz durch den Raum. Leere Tische. Ruhige Theke. Gedämpftes Licht.
Das hier war mein Fundament.
Ich durfte es nicht gefährden.
Aber ich durfte auch nicht stehenbleiben.
Ich spürte dieses vertraute Ziehen in der Brust – nicht Angst. Ehrgeiz. Vision.
Vor einem Jahr hatte ich ums Überleben gekämpft. Heute dachte ich über Raumstationen nach.
Ich schloss das Pad kurz, legte es auf den Tisch und verschränkte die Hände davor.
Langsam. Schritt für Schritt.
Vielleicht keine eigene Station sofort. Vielleicht Beteiligung. Netzwerk erweitern. Lieferketten sichern. Exklusive Zutaten aufbauen.
Ich stand auf, ging zur Tür, aktivierte die Innenbeleuchtung vollständig. Das Yatei erwachte.
Draußen begannen die Hologramme sich zu formen. Neue Menüstruktur. Neue Darstellung.
Ich blieb einen Moment stehen und betrachtete das Ergebnis durch die Scheibe.
Ein Jahr.
Und ich war noch hier.
Nicht als Überlebender.
Sondern als jemand mit Plänen.

Der Abend war ruhig. Kein Wind. Kein Verkehrslärm. Nur das leise Summen der Gebäudestruktur und das gedämpfte Knistern des holografischen Lagerfeuers im Wohnzimmer. Ich saß am niedrigen Tisch vor dem Sofa, mein Pad ausgeschaltet vor mir. Roland hatte sich wie so oft in seinen Sessel zurückgezogen, ein Glas mit dunklem, kaum identifizierbarem Inhalt in der Hand. Das Feuer warf flackernde Lichtreflexe über sein Gesicht und ließ die Linien um seine Augen tiefer erscheinen. Valentina war noch in ihrer Praxis. Notfall. Sie hatte nur knapp geschrieben, dass sie es heute nicht mehr schaffen würde. Vanu war im Shokudō und machte mit ihrem Personal Inventur. Monatsabschluss. Auch sie würde heute nicht mehr vorbeikommen. Es war selten, dass Roland und ich wirklich allein waren.
„Du starrst dieses Pad jetzt seit zehn Minuten an, ohne es einzuschalten“, sagte Roland schließlich, ohne mich anzusehen.
Ich hob den Blick. „Ich überlege.“
„Gefährlich.“
Ein schmales Lächeln huschte über mein Gesicht. „Ja.“
Ich beugte mich vor, verschränkte die Hände. „Ich will expandieren.“
Roland reagierte nicht sofort. Er nahm einen Schluck, stellte das Glas ab, lehnte sich zurück. „Wie weit?“
„Zuchtanlage. Eigene Rohstoffe. Nicht Standardware. Originalflora. Eigene Linien.“
Jetzt sah er mich direkt an. Seine Augen wurden schärfer. Wach.
„Im Orbit?“
„Ja.“
Er schwieg einen Moment. Das Feuer flackerte zwischen uns.
„Du hast deine Schulden gerade erst abbezahlt“, sagte er ruhig.
„Ich weiß.“
„Deine Bilanz ist stabil, aber nicht überkapitalisiert.“
„Ich weiß.“
Er musterte mich länger. „Also geht es nicht um kurzfristigen Profit.“
Ich schüttelte den Kopf. „Es geht um Kontrolle. Qualität. Unabhängigkeit.“
Roland nickte langsam. „Und Risiko.“
„Ja.“
Ich griff nach dem Pad, aktivierte es und projizierte einige Daten in die Luft zwischen uns. Gebrauchte Agrarmodule. Beteiligungsmodelle. Transportkosten. Rolands Blick wanderte über die Zahlen. Keine sichtbare Reaktion, aber ich sah, wie seine Pupillen minimal reagierten. Er rechnete.
„Du willst nicht neu bauen“, stellte er fest.
„Zu teuer. Ich denke an Beteiligung. Minderheitsanteile. Später vielleicht Übernahme.“
Roland verschränkte die Hände vor dem Bauch. „Hast du dir die juristischen Rahmenbedingungen angesehen?“
Ich verzog leicht das Gesicht. „Oberflächlich. Besitzstruktur. Aktienmodelle. Aber ich brauche…“ Ich atmete durch. „Ich brauche rechtliche Absicherung. Ich will keine versteckten Klauseln übersehen.“
Roland lehnte sich vor. Jetzt war er ganz da.
„Was genau willst du von mir, Tori?“
Seine Stimme war ruhig, aber direkt. Kein Raum für Ausweichen.
Ich hielt seinem Blick stand. „Kontakte. Jemanden, der Handels- und Eigentumsrecht im orbitalen Sektor wirklich versteht. Keine Standardberatung.“
Roland musterte mich lange. Dann lehnte er sich wieder zurück.
„Du meinst jemanden, der nicht nur Verträge liest, sondern Machtverhältnisse.“
„Ja.“
Er schwieg. Ich spürte, wie mein Herz schneller schlug. Nicht aus Angst. Aus Anspannung.
„Warum erzählst du mir das?“ fragte er schließlich.
Die Frage traf mich unerwartet direkt.
„Weil ich hier wohne“, sagte ich langsam. „Weil ich nicht blind etwas unterschreiben will, das uns alle betrifft. Und weil ich weiß, dass du mehr siehst als ich.“
Roland hob eine Augenbraue.
„Und?“
Ich schluckte kurz. „Und weil ich weiß, dass du Kontakte hast.“
Stille.
Das holografische Feuer knackte leise.
Roland griff nach seinem Glas, drehte es langsam zwischen den Fingern.
„Kontakte sind keine Gefälligkeiten“, sagte er schließlich. „Sie sind Währungen.“
„Das weiß ich.“
„Wenn ich jemanden für dich aktiviere, dann schulde ich etwas. Oder du.“
„Ich würde es ausgleichen.“
„Womit?“
Ich hielt inne. Diese Frage hatte ich erwartet. Und doch fühlte sie sich schwer an.
„Mit Zeit. Mit Beteiligung. Mit Zugriff auf Produktionslinien. Mit Exklusivrechten für bestimmte Lieferungen.“
Roland sah mich einen Moment lang sehr genau an.
„Du denkst bereits wie ein Unternehmer“, sagte er ruhig.
„Ich bin einer.“
Ein sehr leises Lächeln erschien auf seinem Gesicht. Anerkennend. Nicht warm. Aber respektvoll.
„Was ist dein größtes Risiko?“ fragte er.
Ich antwortete ohne zu zögern. „Fehleinschätzung der politischen Lage im Sektor.“
Er nickte sofort. „Gut.“
Ich atmete etwas freier.
„Und dein zweitgrößtes?“ fragte er.
Ich überlegte kurz. „Liquiditätsengpass im Yatei durch Kapitalbindung.“
„Und dein drittes?“
Ich sah kurz zum Feuer, dann wieder zu ihm. „Überschätzung meiner eigenen Kompetenz.“
Roland schwieg. Dann nickte er einmal, langsam.
„Das war die richtige Antwort.“
Ein kurzer Moment Stille.
„Ich kann dir jemanden vermitteln“, sagte er schließlich. „Handelsjurist. Spezialisiert auf orbitales Eigentumsrecht. Arbeitet diskret.“
Mein Puls beschleunigte sich.
„Kosten?“
„Hoch.“
„Das ist in Ordnung.“
„Er wird deine Bilanzen sehen wollen.“
„Das ist in Ordnung.“
„Er wird wissen wollen, wer hinter dir steht.“
Ich zögerte.
„Niemand steht hinter mir“, sagte ich.
Rolands Blick wurde härter.
„Falsch.“
Ich spürte, wie sich mein Rücken leicht versteifte.
„Du wohnst hier. Du bist mit zwei einflussreichen Frauen verbunden. Dein Liefernetzwerk wächst. Du bist kein isolierter Händler mehr.“
Ich sagte nichts.
Er hatte recht.
„Wenn du in den Orbit gehst“, fuhr Roland fort, „bewegst du dich in einer anderen Liga. Dort interessieren sich Leute für dich.“
Ich spürte eine Mischung aus Nervosität und Aufregung.
„Ist das eine Warnung?“
„Nein. Eine Feststellung.“
Er stand langsam auf, ging durch das holografische Feuer hindurch zum Fenster und sah hinaus in die Dunkelheit.
„Du bist nicht mehr der Junge, der vor einem Jahr hier aufgetaucht ist“, sagte er ohne sich umzudrehen. „Du hast dich schnell angepasst. Zu schnell für manche.“
Das ließ mich aufhorchen.
„Meinst du das negativ?“
Er drehte sich halb zu mir.
„Ich meine, dass Wachstum Aufmerksamkeit erzeugt.“
Ich nickte langsam.
„Dann sollte ich es richtig machen.“
„Ja.“
Er kam zurück, setzte sich wieder.
„Ich stelle den Kontakt her“, sagte er ruhig. „Aber du führst die Gespräche. Du triffst die Entscheidungen. Und du trägst die Konsequenzen.“
„Natürlich.“
Er musterte mich noch einmal.
„Und Tori.“
„Ja?“
„Wenn du merkst, dass es das Yatei gefährdet – brich ab. Keine Ideale. Keine Träume. Fundament zuerst.“
Ich spürte, wie sich etwas in meiner Brust festigte. Kein Widerstand. Zustimmung.
„Verstanden.“
Roland nickte. Für einen Moment saßen wir schweigend da. Zwei Männer im flackernden Licht eines künstlichen Feuers.
„Du bist weiter gekommen, als du glaubst“, sagte er schließlich leise.
Ich sah ihn an. Suchte nach Ironie. Fand keine.
„Vor einem Jahr“, fuhr er fort, „hättest du dich nicht getraut, mich das zu fragen.“
Ich dachte kurz nach. Er hatte recht. Damals hatte ich überlebt. Jetzt plante ich. Ich griff nach meinem Pad, schaltete es aus und legte es beiseite.
„Danke“, sagte ich.
Roland hob nur leicht das Glas.
„Mach etwas daraus.“
Draußen blieb die Nacht ruhig. Und zum ersten Mal fühlte sich mein nächster Schritt nicht wie ein Sprung ins Unbekannte an – sondern wie ein kalkulierter Aufstieg.

Der Nachmittag war ungewöhnlich hell. Durch die großen Fenster fiel kaltes, klares Licht in das Wohnzimmer, das holografische Feuer war deaktiviert. Stattdessen lag eine nüchterne Geschäftsatmosphäre im Raum. Der niedrige Tisch war zur Seite geschoben worden, stattdessen hatte Roland den langen Esstisch freigeräumt.
Ich stand am Kopfende. Mein Pad war mit dem Projektor gekoppelt, mehrere halbtransparente Ebenen schwebten bereits über der Tischfläche – Diagramme, Organigramme, Zeitachsen, Kapitalbedarfskurven.
Roland saß aufrecht, die Hände ineinander verschränkt. Neben ihm Valentina, konzentriert, die Beine übereinandergeschlagen, ihr eigenes Tablet griffbereit. Vanu hatte eine Mappe vor sich liegen, die sie zwar geschlossen hielt, aber ihre Finger ruhten darauf, als würde sie jederzeit eingreifen wollen.
Selenir Nimrodel wirkte wie ein Kontrast zu uns allen. Schlank, präzise gekleidet, helles argonisches Haar streng zurückgebunden. Seine Augen waren ruhig, analytisch, ohne jede sichtbare Emotion. Er hatte bislang kein Wort gesprochen, seit Roland ihn begrüßt hatte.
Ich atmete einmal bewusst durch.
„Danke, dass Sie alle hier sind“, begann ich. Meine Stimme klang fester, als ich mich fühlte. „Ich möchte heute nicht nur über eine Zuchtanlage sprechen. Sondern über Struktur.“
Ein Wischen über das Pad.
Das erste Diagramm erschien.
Universal Nourishment Organization – UNO
„Das Dachunternehmen“, sagte ich. „Verwaltung, Kundenservice, Vertragsmanagement, Marketing, strategische Planung. Keine operative Produktion. Nur Steuerung.“
Ich sah die ersten Reaktionen. Valentina blinzelte einmal langsam. Vanu hob minimal eine Augenbraue. Roland blieb unbewegt. Selenir nickte kaum merklich.
Ich wechselte die Ebene.
„Forschungsabteilung: XeNutra Incorporated – XNI. Entwicklung neuer Nahrungsprofile, biologische Kompatibilitätsstudien, Optimierung von Texturen und Nährstoffdichten. Kooperation mit medizinischen Einrichtungen möglich.“
Valentina hob nun tatsächlich den Blick. „Mit medizinischen Einrichtungen?“
Ich nickte. „Langzeiternährung für Spezies mit speziellen Stoffwechselanforderungen. Rekonvaleszenzprodukte. Missionsrationen.“
Sie lehnte sich leicht zurück. Kein Widerspruch. Nur Nachdenken.
Nächste Projektion.
„Zucht und Einkauf: Exo-Harvest Corporation – EHC. Eigene orbitalbasierte Kultivierungsanlagen. Ergänzend strategischer Zukauf seltener Flora und Fauna.“
Ich bemerkte, wie Vanu ihre Finger nun enger um die Mappe schloss.
„Verarbeitung und Verkauf: Omni-Food Products – OFP. Das operative Herz. Dazu gehört das Anshin Yatei als Pilotbetrieb. Später weitere Standorte.“
Rolands Blick wanderte kurz zu mir. Keine Kritik. Aber ein deutliches Registrieren.
Ich fuhr fort.
„Transport und Logistik: Bio Logistics Division – BLD. Eigene Lieferflotte. Temperatur- und Druckkontrollierte Container. Intersektorale Lieferketten.“
Eine weitere Ebene.
„Sicherheitsdienst: Sustenance Security Agency – SSA. Schutz von Anlagen, Transportwegen, Daten.“
Jetzt entstand echte Stille.
Ich ließ die Projektionen kurz stehen. Linien verbanden die Einheiten. Pfeile zeigten Kapitalflüsse. Zeitachsen zogen sich über fünf, zehn, fünfzehn Jahre.
„Das ist kein kurzfristiger Expansionsplan“, sagte ich ruhig. „Das ist ein struktureller Aufbau über Jahre. Modular. Skalierbar.“
Niemand sprach.
Selenir beugte sich minimal nach vorne. „Kapitalbedarf im ersten Fünfjahreszyklus?“
Ich zoomte heran. „Bei konservativer Kalkulation – inklusive Erwerb einer gebrauchten orbitalen Agrarstruktur und Minderheitsbeteiligung an einer bestehenden Logistiklinie – etwa 38 Millionen Credits.“
Valentina atmete hörbar ein.
Vanu sah mich an, als hätte ich gerade angekündigt, einen Mond kaufen zu wollen.
Roland hingegen fragte nur: „Finanzierungsmodell?“
„Mischstruktur“, antwortete ich. „Eigenkapital aus laufenden Gewinnen. Strategische Beteiligungen. Eventuell stille Teilhaber. Keine vollständige Fremdfinanzierung.“
Selenir verschränkte die Hände. „Haftungsstruktur?“
„Jede Division eigenständig juristisch abgesichert. Das Dachunternehmen als Holding. Risikoabschottung zwischen operativen Einheiten.“
Jetzt sahen sie mich alle an.
Nicht ablehnend. Nicht begeistert. Sondern… überwältigt.
Ich spürte es selbst. Die Dichte. Die Komplexität. All die Nächte, in denen ich gerechnet hatte. Modelle erstellt. Szenarien durchgespielt. Worst-Case-Simulationen.
„Das ist…“, begann Vanu langsam, „extrem detailliert.“
Ihre Stimme war nicht kritisch. Sie war vorsichtig.
„Du hast das alles allein geplant?“ fragte Valentina.
„Ja.“
Roland lehnte sich zurück. „Seit wann?“
„Seit ungefähr sechs Monaten.“
Wieder Stille.
Selenir räusperte sich leise. „Rein juristisch ist das umsetzbar. Allerdings bewegen Sie sich mit einer eigenen Sicherheitsagentur in regulierten Zonen. Bewaffnungsgenehmigungen, Lizenzierung, sektorale Abkommen.“
Ich nickte. „Die SSA wäre zunächst unbewaffnet. Fokus auf Objektschutz und Datensicherheit.“
„Und später?“ fragte Roland.
Ich hielt seinem Blick stand. „Später situativ.“
Valentina stand nun auf und ging langsam um den Tisch herum. Sie betrachtete die Projektionen aus einem anderen Winkel.
„Das ist kein Imbiss mehr“, sagte sie leise.
„Nein.“
„Das ist ein Konzern.“
Ich sagte nichts.
Vanu sah mich lange an. „Und wo sind wir in diesem Plan?“
Die Frage traf mich direkt.
Ich atmete ruhig.
„Überall – wenn ihr wollt. Aber nichts davon ist Voraussetzung. Das ist meine Vision. Nicht eure Verpflichtung.“
Roland schnaubte leise. „Vision ist das richtige Wort.“
Selenir verschob einige Projektionsebenen mit präzisen Gesten. „Die Struktur ist durchdacht. Für jemanden mit einem Jahr Erfahrung bemerkenswert ambitioniert.“
Ich spürte Hitze im Nacken. Nicht aus Scham. Aus Anspannung.
„Ist es realistisch?“ fragte ich.
Selenir sah mich direkt an. „Rein technisch: ja. Ökonomisch: abhängig von Kapitalzugang. Politisch: exponiert.“
Roland nickte langsam. „Exponiert ist das Schlüsselwort.“
Valentina blieb neben mir stehen. „Du willst nicht nur kochen“, sagte sie ruhig. „Du willst das System verändern.“
Ich dachte kurz nach.
„Ich will es mitgestalten.“
Wieder diese Stille.
Vanu ließ die Mappe los. „Und wenn es scheitert?“
Ich antwortete ohne Zögern. „Dann bleibt das Yatei. Das Fundament bleibt unangetastet.“
Roland hob den Blick. „Das garantiere ich nicht“, sagte er nüchtern. „Wenn du in diese Größenordnung gehst, wird das Yatei sichtbar. Und Sichtbarkeit erzeugt Druck.“
Ich nickte langsam. „Deshalb wollte ich diesen Termin.“
Selenir schloss seine Mappe. „Sie benötigen zunächst eine Holding-Struktur. Sauber getrennte Konten. Klare Beteiligungsmodelle. Und absolute Transparenz gegenüber potenziellen Partnern.“
„Können Sie das begleiten?“ fragte ich.
Er sah zu Roland, dann wieder zu mir. „Ja. Gegen entsprechende Honorierung.“
Roland lächelte minimal. „Natürlich.“
Ich blickte noch einmal auf die schwebenden Diagramme. Linien, Zahlen, Namen. UNO. XNI. EHC. OFP. BLD. SSA.
Sechs Abkürzungen. Sechs Bausteine.
Und im Raum lag ein Gefühl, das ich kaum beschreiben konnte.
Nicht Ablehnung.
Nicht Zustimmung.
Sondern das Bewusstsein, dass das hier größer war als ein Gedankenspiel.
Valentina legte mir kurz die Hand auf den Arm. „Du hast uns nicht nur erschlagen“, sagte sie leise. „Du hast uns überrascht.“
Vanu nickte. „Im positiven Sinn. Aber ich brauche Zeit, das zu verdauen.“
Roland stand schließlich auf. „Gut. Dann beginnen wir nicht mit Träumen.“
Er sah mich direkt an.
„Wir beginnen mit Struktur.“
Selenir aktivierte sein Pad. „Erster Schritt: Gründung der Holding.“
Ich spürte, wie mein Herz ruhiger schlug.
Nicht mehr nur Vision.
Jetzt begann es real zu werden.
Und der Raum war erfüllt von einer Mischung aus Überforderung und dem stillen Wissen, dass etwas Großes gerade seinen ersten offiziellen Atemzug tat.

Der Abend war stiller als sonst. Kein Besuch. Kein geschäftliches Treffen. Nur Vanu und ich am großen Tisch im Wohnzimmer. Roland hatte sich zurückgezogen, Valentina war noch in der Praxis. Auf der Tischplatte schwebte eine vereinfachte Version meines Organigramms. Keine juristischen Details, keine Kapitalflüsse. Nur Expansionsebenen. Vanu hatte die Ärmel ihres Oberteils leicht hochgeschoben, ein Zeichen dafür, dass sie nicht nur zuhören, sondern arbeiten wollte. Ihr Blick war wach, konzentriert, aber nicht euphorisch.
„Also gut“, sagte sie ruhig. „Erzähl es mir ohne Abkürzungen.“
Ich nickte.
„Phase eins: planetenweite Expansion. Mehr Standorte. Kein wildes Franchising. Eigene Filialen. Kontrolliertes Wachstum. Zwei neue Städte innerhalb der nächsten drei Jahre. Standardisierte Prozesse, aber zentrale Qualitätskontrolle.“
Ich zoomte die Projektion näher heran. Markierungen in Nathantia. Aru als Kern. Weitere urbane Knotenpunkte.
„Das Yatei bleibt Pilotbetrieb. Alles wird hier getestet. Menü, Abläufe, Lieferketten.“
Vanu nickte langsam. „Personal?“
„Intern aufbauen. Keine Fremdübernahme bestehender Küchen. Eigene Ausbildung.“
„Gut“, sagte sie leise.
Ich fuhr fort.
„Phase zwei: Handelsstation im Orbit. Kein eigener Bau. Zunächst Anmietung einer bestehenden Gastronomiefläche. Sichtbarkeit außerhalb des Planeten. Zugang zu intersektoralen Kunden.“
Sie lehnte sich zurück. „Das ist der eigentliche Sprung.“
„Ja.“
„Dort wird man dich anders wahrnehmen.“
„Das ist mir bewusst.“
Sie musterte mich einige Sekunden. „Und Phase drei?“
Ich atmete ruhig.
„Eigene Raumstation. Zunächst Zuchtmodule. Später Verarbeitungseinheiten. Autark genug, um unabhängig von planetaren Lieferketten zu sein.“
Stille.
Vanu sah auf die Projektion, dann auf mich.
„Du denkst in Jahrzehnten.“
„Ich denke in Strukturen.“
Ein leichtes, kaum sichtbares Lächeln zog über ihr Gesicht.
„Und wo komme ich ins Spiel?“
Ich zögerte nicht.
Ich blendete die operative Struktur ein.
„Omni-Food Products – OFP. Verarbeitung und Verkauf. Wenn wir in die zweite Phase gehen…“ Ich sah sie direkt an. „… möchte ich, dass du die Leitung übernimmst.“
Keine sofortige Reaktion.
Sie blinzelte einmal langsam. „Du meinst… komplett?“
„Operative Verantwortung. Standortkoordination. Qualitätsmanagement. Personalstruktur. Ich würde mich stärker auf Holding, Strategie und externe Partnerschaften konzentrieren.“
Sie verschränkte die Arme. Nicht abwehrend. Nachdenklich.
„Warum ich?“
„Weil du Prozesse verstehst. Weil du Mitarbeiter führen kannst, ohne sie zu erdrücken. Und weil du nicht impulsiv entscheidest.“
Sie sah zur Seite, als würde sie die Worte sortieren.
„Das ist kein kleines Angebot, Tori.“
„Das weiß ich.“
„Und wenn ich es falsch mache?“
„Dann korrigieren wir es. Aber ich vertraue dir.“
Sie schwieg lange. Ich ließ ihr die Zeit.
„Ich sage nicht nein“, sagte sie schließlich. „Aber ich sage auch nicht ja.“
Ich nickte. Genau das hatte ich erwartet.
Ich wechselte die Projektion.
„XeNutra Incorporated – XNI. Forschung. Entwicklung. Spezielle Ernährungsprofile.“
Valentinas Name erschien neben der Leitungsposition.
„Ich möchte ihr die Leitung anbieten“, sagte ich leise. „Mit Rosa und Greg als Abteilungsleiter. Rosa für biologische Analytik. Greg für Prozessoptimierung.“
Vanu hob leicht eine Augenbraue. „Ambitioniert.“
„Sie alle haben das Potenzial.“
„Und wenn sie ablehnen?“
„Dann bleibt es vorerst klein.“
Ich ließ die Projektion zur Sicherheitsstruktur wechseln.
„Sustenance Security Agency – SSA.“
Vanu atmete hörbar aus. „Das ist der Teil, der mir Sorgen macht.“
„Mir auch.“
Ich aktivierte mein Pad, zeigte ihr die vorbereitete Nachricht.
An Gal.
An Tahl.
Angebot: Leitung der SSA. Aufbau eines diskreten, defensiven Sicherheitsdienstes.
Ich hatte die Nachricht bereits gesendet.
„Und?“ fragte sie.
„Keine Antwort.“
„Ablehnung?“
„Nein.“
„Zustimmung?“
„Nein.“
Vanu nickte langsam. „Sie denken nach.“
„Ja.“
Stille breitete sich aus.
Ich lehnte mich zurück und sah auf die verschachtelten Ebenen meiner Vision.
„Weißt du, was mir klar geworden ist?“ fragte ich leise.
„Was?“
„Struktur kann ich planen. Kapital kann ich kalkulieren. Aber Menschen…“ Ich sah sie an. „Menschen sind der limitierende Faktor.“
Sie lächelte leicht. „Nicht limitierend. Entscheidend.“
Ich nickte.
„Ich brauche zuverlässige Personen. Vertrauensvolle. Keine Opportunisten. Keine reinen Profiteure.“
„Und du glaubst, du findest die?“
„Ich hoffe es.“
Sie stand auf, trat hinter meinen Stuhl und legte beide Hände auf meine Schultern. Nicht besitzergreifend. Nicht zärtlich. Stabilisierend.
„Du baust keinen Konzern“, sagte sie ruhig. „Du baust ein Netzwerk aus Vertrauen.“
Ich schloss für einen Moment die Augen.
„Und wenn niemand zusagt?“
„Dann wächst du langsamer.“
Ich öffnete die Augen wieder.
„Aber du wächst.“
Ich sah auf die Projektion. UNO. XNI. EHC. OFP. BLD. SSA.
Sechs Namen. Noch ohne feste Besetzung.
„Sie denken nach“, sagte ich leise.
„Gut“, antwortete Vanu. „Das sollten sie.“
Sie nahm die Hände von meinen Schultern und setzte sich wieder.
„Zeig mir noch einmal die planetenweite Phase“, sagte sie nüchtern. „Wenn wir das machen, dann richtig.“
Ich nickte und vergrößerte die Karte.
Der Konzern war noch nicht real.
Aber der erste Schritt – der nächste – war es.
Und ich wusste, dass ich nicht nur Strukturen brauchte.
Sondern Menschen, die blieben.

Der Nachmittag war grau und schwer, als ich mich im Lagerraum des Yatei zwischen Kisten voller Scruffin-Knollen, Tiefseealgen und Weizenpellets bewegte. Das Licht war gedämpft, der Raum roch nach Erde, Algen und leicht nach Öl. Ich ließ mich auf eine der niedrigen Kisten sinken und starrte auf die Mengen, die mir zur Verfügung standen. Mein Herz sank. Wieder einmal hatte ich die Lieferungen gezählt – und es reichte nicht annähernd für Phase 1. Nicht für die planetenweite Expansion. Nicht für die geplanten Filialen. Nicht einmal für die bestmögliche Versorgung der bestehenden Kunden.
Die Argonen hatten ihre Kontingente reduziert, die Boronen kamen nur sporadisch, die Split und Paraniden lieferten noch weniger, und die Teladi hatten ohnehin andere Prioritäten. Ich spürte, wie mir die Schultern schwer wurden, als hätte die Last der gesamten X-Realität plötzlich auf mir gelegen. Ich hatte mir so klar vorgestellt, wie das System funktionieren würde, wie die Abläufe reibungslos liefen, wie ich die Kontrolle hatte – und jetzt? Jetzt war alles zähflüssig wie der Getreidesud in meinem Topf.
Ein bitterer Geschmack breitete sich in meinem Mund aus, nicht vom Essen, sondern von der Erkenntnis: Ich konnte meine Vision nicht umsetzen, wenn ich nicht einmal die Grundversorgung garantieren konnte. Phase 1, die planetenweite Expansion, schien plötzlich lächerlich fern. Ich lehnte mich zurück und ließ den Kopf in die Hände sinken. Wie sollte aus meinem Traum etwas werden, wenn ich nicht einmal die Grundlagen sichern konnte?
Ich spürte die Niedergeschlagenheit wie eine physische Präsenz, die sich auf meine Brust legte. Minutenlang starrte ich die Kisten an, ohne einen klaren Gedanken fassen zu können. Dann aber begann mein Gehirn, die Optionen zu durchdenken – kalt, analytisch, weil Gefühle in dieser Situation nur lähmten. Selbstversorgung. Das war der einzige Weg. Wenn ich die Zufuhr von außen nicht garantieren konnte, musste ich die Quellen selbst kontrollieren. Aber sofort wurde mir der Teufelskreis bewusst: Um selbstversorgend zu werden, brauchte ich Kapital. Kapital, das ich eigentlich aus der planetenweiten Expansion schöpfen wollte.
Ich ließ die Hände aus dem Gesicht gleiten, rieb mir die Augen und atmete tief durch. Ich musste umdenken. Jede Minute des Grübelns brachte mir nichts, ich brauchte Lösungen, keine Selbstmitleidsspirale. Ich setzte mich auf und begann laut zu sprechen, als müsste ich meine Gedanken vor mir selbst verteidigen. „Also… was bleibt?“, murmelte ich. „Rohstoffe… Kapital… Potential…“ Ich zeichnete schematische Linien in die Luft, als könnte ich meine Gedanken sichtbar machen.
Plötzlich fiel es mir wie ein Blitz ein: Wenn ich auf diesem Planeten keine ausreichenden Mengen bekomme, dann muss ich den Planeten wechseln. Ich muss den Weltraum betreten, nach anderen Orten suchen, nach Rohstoffen, nach Partnern, nach Potential. Andere Planeten, andere Händler, andere Möglichkeiten. Vielleicht sogar Orte, die bisher niemand für solche Projekte in Betracht gezogen hatte. Ich spürte wieder ein Funken Energie, einen kleinen Anflug von Entschlossenheit, obwohl das Gewicht der Ungewissheit noch schwer auf mir lastete.
Dann kamen die Blicke meiner Vertrauten hinzu. Vanu hatte mich am Eingang beobachtet, sie verschränkte die Arme und stützte sich leicht auf die Türrahmenkante. „Und jetzt willst du also… wieder auf gut Glück durch den Sektor jetten?“ Ihre Stimme war ruhig, aber der Unterton verriet Skepsis und Besorgnis.
Valentina, die gerade aus der Praxis zurückgekommen war, trat in den Raum. Sie schloss die Tür hinter sich, setzte sich auf die nächste Kiste und verschränkte die Beine. „Tori… du weißt, dass das nicht ohne Risiko ist. Andere Systeme, unbekannte Händler, fremde Planeten. Was, wenn du auf halbem Weg stehst und die Ressourcen fehlen? Was, wenn…“ Sie brach ab, sah mich an, ihre Augen suchten meinen Blick.
Ich erwiderte den Blick, versuchte ruhig zu wirken, während mein Inneres raste. „Ich weiß, es ist riskant. Aber ich habe keine Wahl. Entweder ich versuche, das Kapital und die Ressourcen selbst zu sichern, oder mein Traum bleibt auf dieser begrenzten Basis stecken. Ich will nicht nur reagieren, ich will kontrollieren, was ich kontrollieren kann.“
Vanu schüttelte den Kopf, halb belustigt, halb resigniert. „Du bist verrückt.“ Sie lächelte, aber es war kein freundliches Lächeln. „Aber… vielleicht ist das genau der Wahnsinn, den wir brauchen.“
Valentina lehnte sich vor, stützte die Ellenbogen auf die Knie. „Ich werde dich nicht aufhalten, Tori. Aber ich sage dir ehrlich: Ich habe kein gutes Gefühl dabei. Wir müssen planen, absichern, Netzwerke prüfen. Du gehst nicht einfach ins All, ohne einen soliden Plan.“
Ich nickte langsam, die Hände fest auf den Knien verschränkt. „Ich weiß. Das wird kein Blindflug. Ich werde Daten sammeln, Partner suchen, Risiken analysieren. Ich… ich will nicht nur überleben. Ich will wachsen.“
Für einen Moment war es still. Nur das leise Summen der Heizung, die schwachen Sonnenstrahlen, die durch die großen Fenster fielen, und das entfernte Rauschen von Schiffen über Nathantia. Dann stand ich auf, streckte die Arme, spürte die Muskeln, die den ganzen Stress der letzten Wochen getragen hatten, und sagte leise, aber bestimmt: „Wir fangen von vorne an. Diesmal plane ich nicht nur den Yatei, diesmal plane ich das System. Die Expansion, die Ressourcen, das Kapital – alles aus eigener Hand. Ich werde Wege finden.“
Vanu sah mich an, nickte schließlich langsam. „Wenn du das ernst meinst, werde ich dir helfen. Ich werde nicht zulassen, dass du alles alleine stemmen musst.“
Valentina hob die Augenbrauen, ihr Blick war durchdringend. „Keine halben Sachen.“
Ich fühlte eine Mischung aus Erleichterung und Druck. Zwei verlässliche Partner, die bereit waren, mich zu unterstützen, obwohl sie nicht begeistert waren. Aber genau das war es – kein blinder Enthusiasmus, sondern kritische Begleiter. Perfekt für die erste Etappe des nächsten großen Schrittes.
Ich setzte mich wieder, nahm ein Pad zur Hand, und begann, erste Pläne zu skizzieren: potenzielle Planeten, Ressourcenanalysen, Handelsrouten. Jeder Name, jede Zahl, jede Variable war ein kleiner Baustein für die Realität, die ich erschaffen wollte. Und trotz der Last auf meinen Schultern, trotz der drohenden Unsicherheiten, spürte ich etwas, das mir lange gefehlt hatte: Kontrolle über mein eigenes Schicksal.
Die Sonne sank langsam hinter die glitzernden Dächer von Nathantia, und ich wusste: Morgen würde ich die ersten Schritte vorbereiten um in den Weltraum zu reisen. Nicht blind, nicht allein, aber entschlossen. Der Traum war noch nicht verloren – er hatte nur eine neue Dimension gewonnen.

Ich hasse Perfektion.
Sie bietet keinen Platz für Kreation.

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Re: [EX16] Isekai no Xistence

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Kapitel 10 - Pläne
Vanu lag in ihrem Schlafzimmer, ich konnte die Tür leicht geöffnet sehen, und Valentina im anderen daneben. Beide hatten klar gemacht, dass sie auf Argon Prime bleiben würden, das Fundament meiner Pläne mit Anshin Shokudō und Anshin Yatei sichern sollten. Ich wusste, dass dies eine Art Abschied sein sollte, auf ihre ganz eigene, „besondere“ Weise. Die Gedanken daran ließen mich innerlich gleichzeitig lächeln und rot werden. Ich hatte ohne nachzudenken vorgeschlagen, das Ganze gemeinsam zu machen – ein Vorschlag, so plump und unüberlegt, dass mein eigener Kopf mir sofort vorhielt, wie unpassend das gewesen war.
Beide Frauen reagierten mit eiserner Ruhe, die Kälte ihrer Schulter ließ mich die Scham förmlich spüren. Vanu und Valentina machten unmissverständlich klar, dass sie nicht diese Art von Frauen waren, die sich von solchen Vorschlägen beeindrucken ließen. Sie akzeptierten die jeweilige Existenz der anderen, aber das hieß nicht, dass alles geteilt werden musste. Vor allem nicht die „besondere“ Abschiedsnacht, Sex. Der Gedanke, dass mein impulsiver Vorschlag sie möglicherweise vor den Kopf gestoßen hatte, ließ mir kurz die Kehle trocken werden.
Ich hörte das leise Rascheln von Stoff, als die beiden verschwanden, und in dem Moment, in dem der Gang wieder still wurde, spürte ich die Anspannung in mir wachsen. Ich lehnte mich gegen die Wand, schloss kurz die Augen und versuchte, den Herzschlag zu beruhigen, der mir plötzlich wie Trommeln in den Ohren dröhnte. Meine Gedanken rasten, mal darüber, wie ich es geschafft hatte, so unbedacht zu handeln, mal darüber, wie sehr ich sie beide respektierte und doch mehr wollte, als es die Situation erlaubte.
Nur wenige Minuten später erschienen sie wieder. Valentina wirkte entschlossen, fast kühl, ihre Augen fixierten mich kurz, bevor sie in ihr Zimmer schritt. Vanu folgte, eine Spur von stillem Einverständnis in ihrem Blick, und die Atmosphäre auf dem Gang veränderte sich merklich. Ich spürte die Spannung steigen, mein Atem beschleunigte sich unwillkürlich, als die Realität der bevorstehenden Situation auf mich einprasselte.
Valentina war die Erste, das hatten sie entschieden. Nicht, weil sie die Oberhand gewinnen wollte, sondern weil sie mich als Erste kennengelernt hatte – eine stillschweigende Logik, die sich irgendwo tief in meinem Inneren festsetzte. Ich nickte nur, stumm, aus Respekt und Anspannung gleichermaßen, und machte einen Schritt zurück, um ihnen den Raum zu lassen. Mein Körper reagierte auf jede kleine Bewegung, jede Geste, jedes kaum wahrnehmbare Lächeln oder Stirnrunzeln von beiden Frauen.
Es war ein Moment voller Erwartung, Spannung und Respekt. Die Kälte der Nacht draußen schien sich auf die Luft in diesem Flur zu legen, doch innen brannte etwas anderes – ein stilles Feuer, das alles, was wir bisher erlebt hatten, verdichtete. Ich wusste, dass dies kein bloßes physisches Zusammensein war. Es war ein Abschied, eine symbolische Geste für die Zeit, die kommen würde. Und während ich die Tür zu ihrem Zimmer beobachtete, die sich hinter Valentina schloss, spürte ich, dass ich lernen musste, noch vorsichtiger zu sein – sowohl mit meinen Worten als auch mit meinen Impulsen.
Jeder Atemzug, jeder Schritt, jede Bewegung war geladen mit Bedeutung. Ich lehnte mich gegen die Wand, die Hände fest an den Seiten, und ließ die Sekunden verstreichen, spürte die Stille, die sich zwischen uns ausbreitete. Meine Gedanken wirbelten um die Zukunft, um meine Pläne, um die Verantwortung, die auf mir lastete, und gleichzeitig um das, was unmittelbar passieren würde. Ich konnte nichts tun außer warten, beobachten, lernen – und hoffen, dass die Balance zwischen meiner Vision und meinen persönlichen Verbindungen nicht zerbrach.

Die Tür zu den Schlafzimmern lag vor mir wie ein trennender Schleier zwischen dem, was ich gerade hinter mir gelassen hatte, und dem, was mich erwartete. Meine Glieder fühlten sich noch schwer an, Nachwirkungen der letzten Nacht, jede Bewegung ließ mich den Muskelkater spüren, der sich wie kleine Nadeln durch den ganzen Körper zog. Ich stand auf dem Gang, atmete tief ein und aus, die Hände in den Taschen vergraben, und spürte ein merkwürdiges Kribbeln in der Brust, das irgendwo zwischen Aufregung und Anspannung pendelte.

Ich stand auf dem weiten Vorplatz des Raumhafens, umgeben vom endlosen Summen der Schiffe und dem durcheinandergewirbelten Stimmengewirr unzähliger Spezies. Die Sonne stand schon tief, warf lange Schatten über die metallischen Bodenplatten und ließ die glänzenden Rumpfe der startenden und landenden Raumschiffe funkeln. Überall hasteten Wesen vorbei – Argonen in ihren schimmernden Uniformen, Boronen mit ihren feinen, flossenartigen Bewegungen, Paraniden mit ihren scharfen Blicken und Teladi, die geschäftig Pakete trugen. Das Chaos war überwältigend, fast schon einschüchternd, und ich spürte, wie ein Knoten in meinem Magen wuchs.
Ich hatte mich zu schnell auf den Weg in den Weltraum gemacht, meine Pläne waren ambitioniert, zu ehrgeizig, um die Details zu ignorieren – doch genau das hatte ich getan. Jetzt stand ich hier und merkte, dass ich die wesentlichen Schritte komplett übersehen hatte. Ich wollte in den Orbit, wollte neue Planeten inspizieren, Ressourcen sondieren, potentielle Zuchtstationen anschauen – aber ich besaß kein eigenes Raumschiff. Nicht mal eines gemietet, geschweige denn die nötige Fluglizenz, um sicher zu navigieren.
Meine Hände ballten sich zu Fäusten, und ich ging unruhig auf und ab, beobachtete, wie ein kleines Shuttle elegant landete, während ein massives Frachtschiff gerade abhob. Das Summen der Triebwerke vibrierte durch den Boden und in meine Brust. Ich atmete tief durch, versuchte, Ruhe zu bewahren, während meine Gedanken unaufhörlich kreisten: „Wie komme ich nur dahin? Selbst wenn ich einen Charter bekomme, kann ich das Ding fliegen? Wer könnte mich begleiten?“
Plötzlich blieb mein Blick an einem Terminal hängen, dessen holografische Anzeigen zwischen funkelnden Flugoptionen hin und her wippten. Ein Impuls überkam mich: vielleicht konnte ich ja einfach ein Schiff chartern. Ich trat näher, wischte mit den Fingern über die Anzeigen, die sich wie lebendige Tafeln vor mir bewegten, und studierte die Linienflüge zwischen den orbitalen Stationen. Die Verbindungen waren vielfältig – kurze Flüge zwischen den Handelsstationen, längere Routen zu Planeten in der näheren Umgebung, sogar einige interstellare Sprünge.
Mein Herz begann schneller zu schlagen, als ich ein passendes Symbol entdeckte: ein direkter Flug zu Handelsstation Alpha 1. Meine Finger zitterten leicht, als ich die Auswahl bestätigte. Ein holografisches Fenster öffnete sich, zeigte Abflugzeit, Flugzeugtyp, Bordpersonal, Sicherheitsprotokolle. Ich scrollte durch die Optionen, prüfte Preise, Reisedauer und mögliche Zwischenstopps. Schließlich drückte ich auf „Buchen“. Ein kurzer, heller Ton bestätigte die Reservierung.
Ich lehnte mich zurück, atmete tief aus, spürte, wie der Knoten in meiner Brust sich langsam löste. Doch noch bevor Erleichterung einkehrte, holte mich die Realität ein. Selbst wenn der Flug gebucht war, konnte ich das Schiff nicht selbst steuern. Ich würde einen Piloten brauchen, jemanden, dem ich vertrauen konnte. Die Verantwortung lastete schwer auf meinen Schultern, und ich merkte, dass ich die nächsten Schritte sorgfältig planen musste, sonst würde ich alles riskieren, wofür ich bisher gearbeitet hatte.
Ich sah wieder auf, blickte auf die startenden Schiffe und die geschäftige Menge um mich herum. Ein Schauder lief mir über den Rücken. Alles war möglich, aber es war auch gefährlich. Mit einem letzten Blick auf das Terminal wandte ich mich ab, das Ziel fest vor Augen, und machte mich auf den Weg zu den Kontrollbüros, um die Details meiner Reise zu klären – diesmal würde ich alles berücksichtigen, jede kleinste Variable, bevor ich erneut aufbrach.

Ich spürte, wie der Passagierraumer langsam abhob. Die G-Kräfte drückten mich zwar in den Sitz, doch das Dämpfungsfeld, das den Flug stabilisierte, machte das Ganze erträglich. Trotzdem spürte ich ein leichtes Ziehen im Magen – so ungewohnt war das für mich. Ich schnallte mich fester an, die Hände auf den Armlehnen, während ich aus dem Fenster starrte und die Landschaft unter mir kleiner wurde. Die blauen Süßwasserseen und grünen Kontinente von Argon Prime erinnerten mich an die Erde, meine ferne Heimat, und ein kleines Gefühl von Nostalgie breitete sich in mir aus.
„Was ist das?“ murmelte ich leise, als ein kleiner, sattgrüner Fleck im nördlichen Breitengrad meine Aufmerksamkeit erregte. Aus dem All wirkte er wie ein winziger Punkt, aber ich wusste, dass er mehrere Quadratkilometer auf der Oberfläche bedeuten musste. Ich konnte meine Augen kaum von ihm lassen.
Ein älterer Argone, der neben mir saß, hatte mein Murmeln gehört und beugte sich neugierig vor. „Das sind Algen und andere Meerespflanzen, die dort gedeihen“, erklärte er in ruhigem Ton. „Dort werden Argnus gezüchtet, und deren Hinterlassenschaften sind sehr fertil.“
Im ersten Moment blieb mir die Luft weg. Meine Gedanken jagten in alle Richtungen, und dann traf mich die Erkenntnis wie ein Blitz. „Natürlich! Das ist es!“ Ich konnte nicht anders, als laut aufzuschreien, obwohl ich sofort bemerkte, dass die anderen Passagiere irritiert zu mir herüberblickten. Schnell senkte ich den Tonfall, entschuldigte mich hastig, doch mein Herz klopfte wie wild vor Aufregung.
Plötzlich fühlte sich alles klarer an. Ich musste nicht teures Kapital investieren, um im Weltraum nach exotischer Flora und Fauna zu suchen. Ich musste auch nicht monatelang zuverlässiges Personal rekrutieren. Stattdessen konnte ich auf Argon Prime selbst nach Ressourcen suchen, sie analysieren und mit ihnen arbeiten. Algen waren essbar, und wer sagte, dass sie boronische sein mussten? Ich konnte den Markt lokal aufbauen, exportieren und Schritt für Schritt mein Konzept verwirklichen, ohne den Luxus des Weltraums und seine Risiken sofort zu beanspruchen.
Stunden später, als wir an Alpha 1 andockten, hatte ich bereits meinen Plan ausgearbeitet. Jede Idee, jede Zahl, jede logistische Überlegung lag klar vor meinem inneren Auge. Ohne zu zögern löste ich sofort ein Ticket zurück nach Argon Prime. Ich scannte die Menge, meine Augen suchten nach bekannten Gesichtern, und da erhaschte ich einen flüchtigen Blick auf Tahl. Er schien jemanden zu suchen, und als sich unsere Blicke trafen, winkte er. Ein erleichtertes Lächeln huschte über mein Gesicht, und ich winkte zurück, dann drehte ich mich um und betrat den Passagierraumer erneut.
Hinter mir sah ich Tahl stehen, sein Gesichtsausdruck verdutzt, als hätte er nicht damit gerechnet, dass ich einfach wieder umkehrte. Mein Herz machte einen kleinen Satz, als mir klar wurde, dass er auf mich gewartet hatte.
Zurück am Raumhafen wurde ich von Gal abgefangen, Tahls Halbschwester, anscheinend hatte er sie kontaktiert. Ihre Augen funkelten vor Neugierde und einem Hauch von Besorgnis. „Was ist los? Warum bist du so abrupt zurückgekehrt?“ fragte sie, die Hände auf die Hüften gestützt.
Ich konnte nicht anders, als breit zu strahlen. Die Freude und Aufregung über meinen Plan spiegelten sich in meiner Mimik. „Ich habe Details übersehen – aber jetzt habe ich es klar!“, sagte ich, und in meiner Stimme lag ein untrügliches Funkeln von Erleichterung und Aufbruchsstimmung. Gal runzelte leicht die Stirn, aber das Strahlen in meinen Augen ließ sie wissen, dass alles gut war. Für einen Moment standen wir einfach da, die Energie des Hafens um uns herum vibrierte, und ich spürte, dass sich eine neue Phase meines Plans gerade vor mir auftat.

Valentina und Vanu sahen gleichzeitig zur Tür, als ich ohne Vorankündigung ins Wohnzimmer trat. Die Überraschung in ihren Gesichtern traf mich unmittelbar. Auch Roland, der am Tisch gesessen hatte, hielt inne.
„Du bist wieder hier?“ fragte Valentina sofort. „Ist etwas passiert?“
Ich hob beschwichtigend die Hände. „Ja. Aber nichts Schlechtes.“
Ich blieb stehen. Wenn ich mich gesetzt hätte, wäre ich vermutlich explodiert vor Energie. Mein Kopf arbeitete noch immer auf Hochtouren. Also erzählte ich. Vom Start. Vom unangenehmen Abheben. Vom Orbit. Vom Blick auf Argon Prime. Die blauen Süßwassermeere. Die grünen Kontinente. Und schließlich der Fleck im Norden.
Die Algenfelder. Die Argnu-Zuchtgebiete. Der geschlossene Nährstoffkreislauf.
„Wir suchen in der falschen Richtung“, sagte ich schließlich. „Nicht im All. Hier. Im Norden. Wenn man die Biomasse aus dem Orbit sehen kann, dann reden wir nicht über ein Randphänomen.“
Ich sah zwischen Valentina und Vanu hin und her. „Würdet ihr mich begleiten?“
Vanu verschränkte die Arme. Nicht abwehrend. Abwägend. „Nein. Ich kann das Anshin nicht einfach verlassen. Verantwortung delegiert man nicht vollständig.“
Valentina schüttelte den Kopf. „Und ich schließe meine Praxis nicht für eine spontane Expedition.“
Ich nickte. Ich hatte mit Widerstand gerechnet. Trotzdem traf es mich.
Bis dahin hatte Gal geschwiegen. Sie war mit mir vom Raumhafen gekommen, hatte sich im Hintergrund gehalten. Jetzt trat sie einen Schritt vor.
„Ich begleite dich.“
Ich blinzelte. „Du? Ich dachte, du hast als Agentin genug zu tun.“
„Das Gebiet steht seit Längerem auf unserer Agenda“, antwortete sie ruhig.
Mein Blick wurde schärfer. „Inwiefern?“
Valentina sah mich an. „Tori. Man mischt sich nicht in Geheimdienstangelegenheiten ein.“
Vanu nickte knapp. „Das endet selten gut.“
Gal blieb gelassen. „Mehrere Unternehmen dort zeigen wirtschaftliche Unregelmäßigkeiten. Inkonsistente Ertragszahlen. Abweichungen in Exportprotokollen. Die Polizei kam nicht weiter. Also hat eine Abteilung übernommen.“
Sie machte eine Pause. „Da es keine hohe Priorität hat, liegt die Sache seit Monaten brach.“
Ich spürte, wie mein Puls schneller wurde. Algenfelder. Nährstoffkreisläufe. Unregelmäßigkeiten. Firmen.
Innerhalb weniger Stunden hatte sich mein Plan verschoben. Vom interstellaren Aufbruch zur lokalen Analyse. Und jetzt war ich offenbar in etwas hineingeraten, das größer war als reine Agrarökonomie.
Ich hatte nach Potenzial gesucht.
Vielleicht hatte ich es gefunden.

Der Orbitalgleiter beschleunigte nahezu lautlos. Über zehntausend Kilometer wurden zu einer Randnotiz. Start und Landung dauerten länger als der eigentliche Flug.
Gal saß reglos neben mir und studierte Daten auf ihrem Tablet. Diagramme. Satellitenbilder. Tabellen. Ihr Gesicht blieb neutral, konzentriert. Sie sprach nicht.
Ich hatte ebenfalls kein Bedürfnis zu reden. Meine Stirn lehnte leicht gegen das Fenster, während ich die Oberfläche von Argon Prime unter uns vorbeiziehen sah. Küstenlinien. Gebirgsketten. Flussdeltas. Alles wirkte geordnet, vermessen, katalogisiert.
Ich suchte nach etwas Auffälligem. Ein weiterer grüner Fleck. Eine Unregelmäßigkeit im Muster. Doch aus dieser Höhe wurde selbst das Besondere zu einer geometrischen Struktur. Alles fügte sich ein.
Der Gleiter ging in den Sinkflug über. Wenige Sekunden später setzten wir auf. Das Triebwerksfeld erlosch, die Kabine entriegelte sich mit einem leisen Signal.
Auf dem Rollfeld drehte ich mich zu Gal. „Könnten wir den Planeten einmal umrunden? Ich würde ihn gern vollständig beobachten.“
Sie sah mich kurz an. „Warum nutzt du nicht das FIN für eine Liveansicht?“
Ich blinzelte. „Was?“
„Föderations-Informationsnetz. Echtzeit-Satellitenabdeckung. Multispektral. Frei zugänglich für zivile Abfragen.“ Sie hob das Tablet leicht an. „Du bekommst jeden Punkt der Oberfläche in höherer Auflösung, als es durch ein Kabinenfenster möglich ist.“
Ich schwieg einen Moment. Dann nickte ich.
Natürlich. Eine Zivilisation, die interstellare Routen betrieb, überwachte ihren eigenen Planeten lückenlos.
Mein Wunsch, Prime aus der Distanz zu betrachten, war romantisch gewesen.
Die Realität war funktional.

Während wir durch das ländliche Gebiet fuhren, zogen endlose Felder delexianischen Weizens an mir vorbei. Goldene Flächen, die sich bis zum Horizont erstreckten. Erst bei genauerem Hinsehen erkannte ich, dass sie nicht alle derselben Firma gehörten. Zäune trennten die Parzellen sauber voneinander. Klare Grenzlinien in einer Landschaft, die auf den ersten Blick homogen wirkte.
Gal hatte ihren unauffälligen Agentenlook abgelegt. Stattdessen trug sie ein professionelles Business-Outfit. Klare Linien, gedeckte Farben, nichts, das Aufmerksamkeit erregte. Sie spielte die Rolle einer Vertreterin einer kleinen, aufstrebenden Firma, die neue Kunden suchte.
Vor der Fahrt hatte sie mich knapp eingewiesen. Wir waren Geschäftspartner. Wir sondierten den Markt. Wir prüften Kooperationen. Keine politischen Fragen. Keine Vorwürfe.
Ich hatte das Gefühl, dass diese Tarnung auf meine eigenen Pläne zurückging – nur strategisch weitergedacht. Vielleicht war es sogar gut so. In dieser Rolle musste ich nicht improvisieren. Ich konnte mich auf Zahlen und Möglichkeiten konzentrieren, ohne Gefahr zu laufen, mich zu verplappern.
Unser Ziel war ein Unternehmen, das Argnus züchtete und in großem Stil delexianischen Weizen anbaute. Offiziell ein Vorzeigebetrieb. Effizient. Produktiv. Systemrelevant.
Inoffiziell standen jedoch erhebliche Vorwürfe im Raum. Ansässige Farmer und Rancher beschuldigten die Firma, Produktionsreste unsachgemäß zu lagern. Rückstände sollten ins Nordmeer gesickert sein – oder absichtlich eingeleitet worden sein, um Entsorgungskosten zu sparen.
Vor allem die Fischerbetriebe hatten massive Einbußen erlitten. Die Fangquoten waren gesunken. Die Wasserqualität hatte sich verändert. Zwar waren Strafen verhängt worden, doch nach allem, was ich wusste, hatte sich kaum etwas verbessert.
Ich sah wieder hinaus auf die Felder. Gold im Wind. Geordnet. Produktiv.
Und fragte mich, wie viel davon Fassade war.

Gal parkte das gemietete Hovercraft auf einem ausgewiesenen Besucherfeld vor dem weitläufigen Firmengelände. Flache Produktionshallen reihten sich hintereinander, dahinter ragten Silos und Kühlmodule in den Himmel. Ein hoher Zaun mit integrierten Sensorschienen markierte die Grenze zwischen öffentlichem Raum und kontrollierter Zone.
Am Sicherheitsterminal meldete Gal uns an. Firmenname. Besuchszweck. Ansprechpartner. Ihre Stimme war ruhig, sachlich. Danach geschah nichts.
Ich sah zum geschlossenen Tor. „Und wenn sie uns einfach ignorieren?“
Gal blieb entspannt. „Geduld. Wer etwas zu verbergen hat, reagiert selten sofort. Aber er reagiert.“
Fünfzehn Minuten später öffnete sich eine Seitenschleuse. Ein Mitarbeiter in neutraler Sicherheitskleidung trat heraus, überprüfte unsere Identitäten erneut und führte uns über das Gelände.
Der Besprechungsraum war kühl klimatisiert. Statt echter Fenster zeigten großflächige holographische Projektionen wechselnde Bilder: smaragdgoldene Weizenfelder im Sonnenlicht, graulilane Argnus-Herden auf offenen Weiden, anschließend sauber verpackte Cahoona-Blöcke auf Förderbändern. Effizienz. Natürlichkeit. Kontrolle.
Kurz darauf betrat eine argonische Frau den Raum. Etwa fünfzig Jahre alt, kurzes, hochgestecktes Haar, eine schlichte graue Uniform ohne sichtbare Rangabzeichen. Ihr Lächeln war korrekt, aber nicht warm.
„Willkommen. Wie kann ich Ihnen behilflich sein?“
Ab diesem Moment übernahm Gal. Sie stellte Fragen zu Lieferketten, Skalierungspotenzialen, Nebenproduktverwertung. Harmlos formuliert, präzise gesetzt. Produktionsmengen. Lagerkapazitäten. Entsorgungszyklen. Regionale Kooperationen.
Die Frau antwortete routiniert. Technische Details. Juristisch saubere Formulierungen. Verweise auf Nachhaltigkeitszertifikate. Ihr Ton blieb kontrolliert.
Ich versuchte mitzuhalten, verlor jedoch nach einiger Zeit den Faden. Die Begriffe wurden spezifischer, die Zusammenhänge komplexer. Ich wusste nicht, ob Gal zwischen den Zeilen etwas erkannte. Ihr Gesicht verriet nichts.
Schließlich griff ich selbst ein.
„Uns ist aufgefallen, dass sich im nördlichen Küstenbereich erhebliche Algenmengen ansammeln“, sagte ich. „Meine Firma prüft Möglichkeiten der Biomassenutzung. Wir könnten gegen einen moderaten Obolus regelmäßig abfischen. Voraussetzung wäre ein kontinuierlicher Nachschub.“
Stille.
Die Frau sah mich nun genauer an. „Sie sprechen von einer externen Verwertung?“
„Ja. Für die Nahrungsmittelverarbeitung. Wir würden Entlastung schaffen und gleichzeitig ein stabiles Abnahmevolumen garantieren.“
Hinter ihr wechselte die Projektion erneut zu weiten Weizenfeldern.
„Das ist grundsätzlich interessant“, sagte sie schließlich. „Allerdings kann ich darüber nicht allein entscheiden. Solche Kooperationen bedürfen interner Prüfung.“
„Selbstverständlich“, antwortete Gal.
„Wir werden uns bei Ihnen melden. Für ein weiteres Gespräch.“
Kein Datum. Kein Zeitraum.
Das Treffen endete formell. Handschlag. Höfliches Nicken.
Als wir den klimatisierten Raum verließen und wieder in die klare Nordluft traten, wusste ich nicht, ob wir einen Schritt weitergekommen waren – oder lediglich höflich abgefertigt worden waren.

Ich atmete tief durch, spürte, wie das Adrenalin langsam nachließ, während ich mich neben dem Hovercraft aufrichtete und den Blick über die Felder schweifen ließ. Das grüne Schimmern der Algen auf dem Wasser funkelte wie ein fremder, beruhigender Farbklecks in der ansonsten monotonen Landschaft. Ich ließ die Schultern sinken, spürte die Kühle der Luft in meinen Lungen und wie die Steifheit aus dem vielen Sitzen der letzten Stunden allmählich verschwand – erst im Orbitalgleiter, dann im Hovercraft, anschließend in den Büros der Firma. Das Strecken tat gut.
„Ich muss dem Ruf der Natur folgen“, sagte Gal plötzlich, ihr Ton trocken, aber mit einem Anflug von Humor. Reflexartig drehte ich mich um, erwartete etwas, doch zwischen den Bäumen war nichts zu sehen. Ich lehnte mich zurück, den Rücken gegen das Hovercraft gestützt, die Hände auf das Metall gelegt, und ließ meinen Blick wieder über die Felder gleiten, hin zum Nordmeer, wo das grüne Schimmern der Algen sich im Sonnenlicht spiegelte.
Dann riss mich ihr Ruf aus der Ruhe. „Tori!“ Mein Herz machte einen Satz. „Komm schnell!“
„Ich hoffe, du bist angezogen“, brachte ich heraus, halb als Scherz, halb aus Reflex. Gal entgegnete nur ein scharfes „Aho!“, was mich kurz irritierte – ernst gemeint oder nur neckisch? Ich entschied mich, es nicht zu hinterfragen.
Ich sprang über einen kleinen Graben, kämpfte mich durch das dichte Gestrüpp und folgte den Spuren, die Gal hinterlassen hatte. Die Baumgruppe war klein, kaum mehr als ein paar Dutzend Meter im Durchmesser, und ich hatte sie nach wenigen Augenblicken erreicht. Gal kniete bereits, deutete mir mit einer Handbewegung, still zu sein und ebenfalls niederzuknien.
Ich gehorchte, mein Blick folgte ihrem, und dann sah ich es. Ein riesiges Wesen, erinnert an ein überdimensioniertes Rind, stand einige Meter entfernt. Ein einzelnes gebogenes Horn ragte aus seiner Stirn.
„Was ist das?“ flüsterte ich, die Stimme kaum hörbar.
„Das ist eine Arg­nu-Kuh“, erwiderte Gal ruhig.
Ich schluckte schwer. „Das Vieh ist ja größer als zwei Meter …“
„Sei froh, dass es kein Bulle ist“, kam die kurze Antwort, doch bevor ich fragen konnte, erklärte sie weiter: „Die sind noch größer – und haben drei Hörner.“
Aber die Gefahr war nicht die Kuh allein. Mein Blick fiel auf ein argonisches Mädchen am Rand des Zauns, etwa zwanzig Meter entfernt. Sie robbte panisch davon, versuchte Sicherheit zu erreichen, doch die Distanz war zu groß für eine unmittelbare Rettung. Mehrere kleinere Arg­nus rannten unkontrolliert umher. Ihre grau-lederne Haut glänzte leicht in der Sonne, die kurze, struppige lilane Mähne wirbelte beim Rennen auf. Sie hatten die Größe ausgewachsener Milchkühe.
„Kälber“, murmelte Gal, die Augen fest auf das Mädchen gerichtet. „Sie muss irgendetwas getan haben, was den Beschützerinstinkt der Mutter ausgelöst hat.“
Ich wollte sofort eingreifen, meine Hände ballten sich zu Fäusten, mein Puls raste. Doch Gal packte mich am Kragen, ihr Griff fest und kontrollierend. Sie ahnte, was ich vorhatte.
Noch bevor ich reagieren konnte, tauchten Drohnen auf. Sie surrten durch die Luft, blitzten metallisch im Sonnenlicht, während elektrische Schläge in der Luft knisterten, Funken sprühten, der Geruch von Ozon mischte sich mit dem staubigen Erdgeruch. Die Kuh bäumte sich auf, verlor das Gleichgewicht und fiel mit einem dumpfen Poltern um.
Bevor ich überhaupt reagieren konnte, war Gal schon bei dem Mädchen, zog es unter den massiven Zaun hindurch. Wir rannten in meine Richtung, duckten uns gleichzeitig, während die Kuh erneut versuchte, aufzustehen. Ein schriller Schrei durchschnitt die Luft, das Tier schlug mehrfach den Kopf gegen den Stahlzaun, bevor es mit seinen Kälbern davontrabte.
Ich blieb stehen, atemlos. Der Zaun war erstaunlich unversehrt, nur ein paar Schrammen erinnerten an den Aufprall. Das Mädchen saß heulend am Boden, ihr weißes Kleid völlig verdreckt – Schlamm, Kot, Urin. Ich sah die kleinen Arg­nus, wie sie ihrer Mutter hinterherliefen, und ein Schauer lief mir über den Rücken.
Wenn die jetzt freigekommen wären … dachte ich, die kalte Angst durchfuhr meine Glieder … dann hätte ich mir auch in die Hose gemacht.
Gal stand neben mir. Ihre Präsenz beruhigte, aber erinnerte gleichzeitig an Kontrolle und Vorsicht. Ich wusste, dass ich mich nicht hätte einmischen dürfen – oder besser gesagt, dass jede unbedachte Aktion uns alle in Lebensgefahr gebracht hätte. Die Realität war unbarmherzig. Ich atmete schwer, spürte die Anspannung langsam nachlassen, doch das Bild des Mädchens und der gewaltigen Kuh brannte sich tief in mein Gedächtnis ein.

Ich spürte noch das Nachzittern von Adrenalin und Anspannung, als wir dem Mädchen halfen, wieder auf die Beine zu kommen. Ihre Knie zitterten, die Hände verkrampft an der Kleidung, und die Augen waren weit aufgerissen – zu geschockt, um überhaupt zu sprechen. Ich kniete neben ihr, streckte behutsam die Hand aus, aber jedes Mal, wenn ich versuchte, ihren Namen zu erfahren oder einen Kontakt aus ihr herauszubekommen, blieb sie stumm. Gal machte dasselbe, ruhig, kontrolliert, aber ebenso erfolglos.
Sie hatte ihr kleines Täschchen geöffnet, dieses unscheinbare Ding, das sie immer bei sich trug. Ich konnte nie sicher sagen, ob es nur Frauensachen enthielt, oder ob da auch Agenten-Equipment drin war – vielleicht beides. Mit einer Mischung aus pragmatischer Fürsorge und geschicktem Takt reichte sie dem Mädchen einige kleine Waschutensilien. Sie half ihr, sich zumindest notdürftig zu säubern, und ließ sie dann hinten im Hovercraft Platz nehmen. Ich beobachtete, wie das Kind zögernd Platz nahm, die Hände auf dem Schoß verschränkt, noch immer starr vor Schock.
Gal stellte sich vor die Tür, sah mich ruhig an. Ich nickte nur und drehte mich um, trat ins Gebüsch. „Ich muss auch mal“, murmelte ich, halb Scherz, halb Wahrheit. Nach all der Aufregung spürte ich tatsächlich den Druck in mir, der längst ignoriert worden war.
Als ich zurückkam, blieb mir fast das Herz stehen. Nicht nur das Mädchen war wieder vor dem Hovercraft, immer noch schmutzig, der Geruch unverändert – es war, als wäre keine Veränderung eingetreten –, sondern auch eine kleine Gruppe von Argonen. Das Mädchen rannte auf eine Frau zu, und beide fielen sich in die Arme. Ich hielt inne. Mut­ter? Vielleicht ältere Schwester? Ich konnte bei Argonen selten Alter richtig einschätzen. Sie lebten länger, alterten langsamer – manches schien alterslos, manches völlig anders als erwartet.
Ich trat neben Gal. Sie reichte mir wortlos ein nasses Tuch. Ich wischte mir die Hände ab, erstaunt, dass sie offenbar auf alles vorbereitet war. Aber was sonst hätte ich von einer Frau aus dem Geheimdienst erwartet?
Ein Mann löste sich aus der Gruppe, trat zu uns, die Stimme warm, aber ernst: „Danke für die Rettung meiner Tochter.“ Gal winkte ab, fast beiläufig, erklärte ruhig, dass die Schockdrohnen die Kuh abgelenkt hatten und das Mädchen ohnehin schon am Zaun gewesen sei. Wir seien nur zufällig eingetroffen, weil sie dem Ruf der Natur gefolgt sei.
Dann kam eine ältere Frau, dem Mann ähnlich. Ich vermutete, sie sei die Mutter. Sie kniff die Augen zusammen, ihr Blick misstrauisch. „Sie sagen nicht die ganze Wahrheit“, sagte sie, scharf und eindringlich. Die Drohnen hatten Kameras, sie konnte sehen, dass Gal sich bewegte wie eine militärische Einheit – da half auch kein Pärchen-Vorwand. Gal nickte, ihre Körpersprache änderte sich sofort: weg von der Geschäftsfrau, zurück zur professionellen Agentin. „Wir führen Ermittlungen“, gab sie zu. „Der Stopp hier war dennoch nur Zufall.“
Die Mutter trat näher, Tränen in den Augen, und bedankte sich unter schluchzendem Atem. Mir war es unangenehm, auch nur ein Wort zu sagen. Ich schwieg, die Hände in den Taschen, die Schultern etwas nach vorn gezogen. Die Gruppe der Einheimischen blickte dann zum grauen Fleck am Horizont – der weit entfernte Betrieb – und ein leises Murmeln ging durch sie.
Dann lud man uns zu ihrer Farm ein, ebenso wollten sie das Hovercraft reinigen. Das Mädchen hatte bereits ihrer Mutter erzählt, dass wir ihr erlaubt hatten, sich hinten im Fahrzeug notdürftig zu säubern. Ich verstand die Einladung, aber noch interessanter war, dass sie in verschwörerischen Stimmen sagten, dass sie einiges über den Betrieb zu erzählen hätten. Ich konnte nicht einschätzen, wie viel Wahrheit darin steckte, aber Gal nickte kaum merklich. Jede Gelegenheit, Informationen zu sammeln, war für sie ein Werkzeug – und ich begriff, dass ich mich einfach fügen musste. Ich trat näher ans Hovercraft, wischte den Schmutz von den Flächen und spürte, wie die Luft schwer vor Spannung war, voller unausgesprochener Geschichten, die irgendwo zwischen uns, den Argonen und dem grauen Betrieb in der Ferne lagen.

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Kapitel 11 - Aktion

Ich blieb einen Moment stehen und starrte den alten Argonen auf der Veranda an. Er saß in einem Schaukelstuhl, die Augen geschlossen, den Rauch einer Pfeife langsam in die kühle Luft aufsteigen lassend. Irgendetwas an seinem Gesicht ließ mich innehalten. Es war nicht menschlich – zumindest nicht ganz. Ein schmaler, geriffelter Stirnkamm zog sich von der Nasenwurzel zwischen seinen Augen über die Stirn bis weit auf den Rücken. Ich spürte, wie mein Puls kurz schneller schlug, weil mir sofort das Bild der Argonen aus „Beyond the Frontier“ durch den Kopf schoss. Das erste Design – unverkennbar. In den Nachfolgespielen hatten die Entwickler das Erscheinungsbild ja deutlich abgemildert, damit die Spieler sich damit identifizieren konnten. Doch hier stand es vor mir, real und greifbar, und ich fragte mich, wie die Erklärung in dieser Realität wohl aussah.
Ich wandte mich zu Gal, wollte ihr die Frage stellen, aber während wir über den Hof gingen, antwortete stattdessen der Bauer, ein Mann, der mehr menschlich als argonisch wirkte, und dessen Stimme ruhig und unaufgeregt war.
„Durch die Folgen der Xenonkriege kam es zu Terraformerstrahlung. So nennen wir es jedenfalls. Die veränderte Atmosphäre hat Mutationen ausgelöst, die sich in weniger Körperbehaarung, schmalerer, dafür größerer Statur sowie einer leicht anderen Pigmentierung äußern.“
Ich spürte, wie sich ein Knoten in meinem Kopf löste. Ich betrachtete den alten Mann erneut. Tatsächlich: größer, schmächtiger als alle anderen Argonen um ihn herum, die Glatze glänzte matt in der Sonne, die graue Haut wirkte stellenweise schuppig, fast wie ein Ekzem. Eine Generation nach der anderen zeigte andere Merkmale, aber so drastisch? Faszinierend und irritierend zugleich.
„Die ersten Generationen nach solchen Konflikten haben immer ein etwas anderes Aussehen, aber es bleibt über die Generationen nicht stabil“, fuhr der Farmer fort. „Zudem entscheiden sich die meisten für kosmetische Behandlung. Hier auf dem Land sieht man noch Argonen mit Wülsten, wenngleich nicht mehr so oft wie früher.“
Gal warf einen Blick über die Schulter, ihre Stimme sachlich, leicht distanziert: „In den Städten eigentlich gar nicht mehr. Oder nur extrem selten. Soweit ich weiß, treten diese Mutationen zwar nach Generationen gelegentlich wieder auf, aber in abgeschwächter Form, was wohl bedeutet, dass sie evolutionär unbedeutend ist.“
Ich nickte, ein Gefühl von Ehrfurcht und Staunen mischte sich mit meinem Hunger nach Wissen. „Danke“, murmelte ich, meine Augen noch immer auf den alten Argonen gerichtet. Seine Haltung, die Ruhe, die langsam aufsteigenden Rauchkringel – alles wirkte wie ein lebendiges Relikt einer vergangenen Zeit.
Wir traten über die Veranda ins Bauernhaus, und sofort wurden uns freundliche Stühle angeboten. Gläser mit kühlem Wasser und leichte Getränke standen bereit. Die Wärme des Hauses, der Duft von Holz und Heu mischte sich mit dem leichten metallischen Nachklang der Farmgeräte draußen. Ich ließ mich auf den Stuhl sinken, spürte, wie die Anspannung der Außenwelt langsam von mir abfiel, während Gal sich neben mich setzte, die Haltung noch immer auf Sicherheit und Kontrolle fokussiert. Ich atmete tief ein, die Augen noch einmal kurz auf den alten Argonen gerichtet, und dachte bei mir, dass Wissen manchmal genau hier, zwischen den Generationen, in den Details, auf eine Art aufgedeckt wird, die man in Berichten nie erfahren würde.

Ich lag fast halb auf dem Stuhl, die Augen halb geschlossen, als mir ein Seufzer entwich: „Schade, dass die Argonen all das Wissen über die Erde ausgelöscht haben.“ Die Worte hatten sich wie automatisch aus mir gelöst, eine Mischung aus Müdigkeit und Frust. Die Reise hatte mehr Tribut gefordert, als mir bewusst war. Die stundenlangen Flüge, die Beobachtungen der Felder, die Begegnung mit den Argnus – alles zusammen wirkte nun wie ein schwerer Schleier auf meinen Schultern. Ich spürte, wie meine Lider schwer wurden, der Atem sich verlangsamte, mein Geist langsam in diesen dünnen Schleier zwischen Wachsein und Eindösen glitt.
Doch dann brach plötzlich ein helles, unverkennbares Lachen die Stille. Ich riss die Augen auf und sah die Frau, die uns zuvor beschuldigt hatte, nicht die ganze Wahrheit gesagt zu haben. Sie stand da, ihre Lippen zu einem breiten, leicht spöttischen Lächeln verzogen, die Augen funkelten. Ich spürte, wie mein Herz einen Schlag aussetzte – nicht aus Angst, sondern aus dem Moment der plötzlichen Aufmerksamkeit.
„Glaubst du wirklich, dass eine Regierung das Wissen einer ganzen Zivilisation verbieten oder gar vernichten kann? Glaubst du, die Goner hätte es gegeben, wenn man so einfach Informationen löschen könnte?“ Ihre Stimme war fest, die Worte gespickt mit dieser Mischung aus Belustigung und ernstem Unterton, die sofort meine Gedanken aufriss.
Ich setzte mich auf, die Müdigkeit flog wie Rauch aus mir heraus, während ich versuchte, das Gewicht ihrer Worte zu erfassen. Da war etwas dran. Immer hatte ich es seltsam gefunden, dass eine ganze Kolonie kollektiv beschlossen haben sollte, ihre eigene Vergangenheit auszulöschen. Es wirkte auf mich absurd – zu groß, zu komplex, zu unmöglich, um wirklich realistisch zu sein.
Ich dachte an die genetischen Unterschiede zwischen den Menschen und der einheimischen Flora und Fauna. Selbst bei konsequentem Terraforming über Jahrzehnte und Jahrhunderte wäre es wissenschaftlich unmöglich, genau nachzuweisen, dass die Argonen auf Son’ra 4 entstanden waren. Man konnte Pflanzen, Tiere und ganze Ökosysteme anpassen, man konnte fremde Arten ansiedeln, sie kreuzen oder ersetzen. Aber das war ein Prozess, der sich über Generationen erstreckte. Eine komplette Auslöschung von Wissen? Nein, das klang nicht nach etwas, das realistisch durchführbar war – zumindest nicht vollständig.
Ich ließ die Worte in mir nachhallen, spürte die Anspannung und die Müdigkeit gleichzeitig. Die Frau lachte wieder, ein kurzes, warmes Lachen, das mir unwillkürlich ein Schmunzeln entlockte. Trotz der Schwere des Tages, trotz der Verwirrung, die das Mädchen und die Argnus hinterlassen hatten, spürte ich, dass ein kleiner Funken Neugier zurückkehrte. Die Welt war größer, komplexer, voller ungeschriebener Geschichten. Und vielleicht – nur vielleicht – war es genau das, was mich immer wieder aufstehen ließ, immer wieder neugierig machte, tiefer zu graben, weiter zu suchen.

Ich lehnte mich leicht zurück, die Hände auf den Knien abgestützt, und ließ meine Augen über die Familie schweifen. Mein Herz machte einen kleinen Sprung, als das Mädchen, so jung und doch von dem ganzen Chaos sichtlich gezeichnet, sich vorstellte: „Ich bin Julia. Das da ist meine Okāsan, und das mein Otōsan, und das meine Obāchan, und draußen sitzt Ojīchan.“
Ich konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. Gal, sonst so kontrolliert und kühl, zeigte einen winzigen Zuck meiner Mundwinkel. Es war kaum sichtbar, aber ich sah es – ein Moment echter Menschlichkeit zwischen uns, der die Anspannung des Tages kurz löste.
Julia stand da, leicht verbeugt, die langen blond-grünen Zöpfe schwangen bei jeder Bewegung mit. Ich merkte, wie meine Hände sich ein wenig verkrampften, als ich beobachtete, wie die Erwachsenen sie sanft tätschelten, beruhigten, ihre Anwesenheit wie eine schützende Wand bildeten.
Die Mutter trat vor, ihre langen smaragdgrünen Haare fielen locker über die Schultern. „Ich heiße Melanie“, sagte sie, ihre Stimme ruhig, freundlich, doch geerdet. Die Großmutter folgte, ihre blonden Haare kurz geschnitten, die Augen von einem stillen Lächeln umrahmt. „Diana“, stellte sie sich vor, und sofort stellte sie auch ihren Ehemann vor, der draußen auf der Veranda saß, scheinbar abwesend, doch Teil des Ganzen: „Florian.“
Dann kam noch der blonde Mann an Melanies Seite, geradezu höflich und zurückhaltend: „Ich bin Sebas.“
Ich sog die Szene in mich auf. Die Familie, die auf den ersten Blick einfach wirkte, hatte in den letzten Minuten eine Komplexität gezeigt, die mich faszinierte. Ich merkte, dass ich mich fast ein wenig entspannte – die Anspannung des Fliegens, des Hovercrafts, der Drohnen und der Kuh, die Gefahr und die Aufregung, alles fiel in den Hintergrund, zumindest für einen Moment.
Und dann, als eine kleine Stille eintrat, spürte ich ein warmes Gefühl von Verbindung, auch wenn ich nur ein Gast war. Ich nickte leicht, räusperte mich und brachte die Worte heraus: „Ich bin Tori. Freut mich, euch kennenzulernen.“ Meine Stimme war ungewohnt leise, beinahe vorsichtig, als wollte ich den Raum respektieren, die Menschen, die vor mir standen.
Julia sah mich an, die Augen groß und neugierig, und ich erkannte einen Funken von Vertrauen, der zwischen uns aufblitzte. Ich wusste, dass ich vorsichtig sein musste, dass jede Bewegung, jedes Wort Gewicht hatte – aber gleichzeitig spürte ich, dass sich hier die Möglichkeit bot, mehr zu lernen, mehr zu verstehen. Über die Familie, über die Region, über diese X-Realität, die mich seit Stunden so sehr fesselte.

Ich saß etwas steif auf meinem Stuhl, die Hände auf den Knien, und versuchte, mich auf den Teller vor mir zu konzentrieren. Das Arg­nu-Steak sah saftig aus, der Duft war kräftig, leicht erdig, und sofort spürte ich, wie meine Sinne angespannt reagierten. Ich konnte unmöglich einfach nur essen, ohne zu beobachten. Die Van Count saßen um mich herum, jeder mit einer Präsenz, die irgendwie gleichzeitig bodenständig und autoritär wirkte. Julia wirkte klein und konzentriert in ihrer blauen Latzhose, das fliederfarbene Longshirt passte ihr überraschend gut. Ihre Augen blitzten neugierig, manchmal scheu, immer aufmerksam.
Florian schlich langsam herein, unterstützt von seinem Stock, und meine Augen fielen sofort auf die hellrosa Farbe seiner Augen. Mein Herz machte einen kleinen Sprung, der Gedanke an einen Albino war kurz da, doch ich wischte ihn sofort weg. Ich wusste zu wenig über argonische Normen, und Gal war an meiner Seite, die mich still beobachtete. Als ich ihn ansah, wirkte er trotz seiner fragilen Gestalt beeindruckend. Ein Kontrast aus Alter und Präsenz.
Gal beugte sich leicht zu mir hinüber, ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern: „Verträgst du das?“ Ich erwiderte leise, dass Grag und Rosa eine Pille entwickelt hätten, die unverträgliche Proteine teilweise aufbrach. Sie nickte, ein flüchtiges Zucken der Lippen, dann ein kaum hörbares Lachen.
Florian brummte zustimmend, seine Stimme tief, warm und beruhigend. „Das natürliche Fleisch ist anders“, erklärte er langsam, fast bedächtig. „Ganz anders als bei den Massengezüchteten. Auch die Zubereitung spielt eine Rolle.“
Ich sah, wie Diana ihn verwundert ansah. „Seit wann bist du so freundlich zu Fremden?“ fragte sie, ihre Stimme gespannt, fast neckisch. Florian lächelte nur leicht, seine Augen funkelten, während er antwortete: „Tori hat eine besondere Ausstrahlung. Ich finde ihn sympathisch.“
Alle Blicke richteten sich auf mich. Ich spürte, wie meine Wangen warm wurden, mein Herz schneller schlug. Ich räusperte mich und starrte kurz auf mein Besteck, unfähig, sofort zu antworten. Ein Gefühl von Scham mischte sich mit Überraschung. Ich war nicht daran gewöhnt, im Mittelpunkt von so viel Aufmerksamkeit zu stehen, schon gar nicht in einem Haus, das mir fremd war und dessen Bewohner zugleich neugierig und zurückhaltend wirkten.
Julia sah mich kurz an, dann wieder zu ihrem Teller. Florian lehnte sich in seinem Stuhl zurück, seine Haltung entspannt, und doch wirkte seine Präsenz einschüchternd – nicht durch Härte, sondern durch die Ruhe, die von ihm ausging. Ich spürte, dass dieser Moment, so unangenehm er mir auch war, mich irgendwie prägte. Dass Sympathie manchmal nicht ausgesprochen, sondern schlicht gespürt wurde.
Ich hob vorsichtig die Gabel, nahm ein Stück vom Steak und biss hinein. Der Geschmack war kräftig, ungewohnt, aber gut. Gal warf mir einen Blick zu, Augenbraue leicht hochgezogen, als wollte sie sagen: „Siehst du, kein Problem.“ Ich nickte fast unmerklich, ein kleines, innerliches Lächeln huschte über mein Gesicht. Und für einen Moment vergaß ich, wie fremd alles hier war, wie sehr ich noch lernen musste, wie sehr diese Welt mich herausforderte.

Das „kein Problem“, das ich am Tisch noch mit einem bemühten Lächeln von mir gegeben hatte, landete wenig später dennoch in der Toilette. Ich stützte mich mit beiden Händen am Rand des Waschbeckens ab, atmete kontrolliert durch die Nase ein und langsam wieder aus. Es war nicht mehr so schlimm wie früher – kein brennender Schmerz, kein vollständiger Zusammenbruch meines Systems. Die Pillen von Rosa und Greg wirkten. Sie brachen tatsächlich einen Teil der Proteine auf, nahmen meinem Körper die schärfste Abwehrreaktion. Aber ich hatte es übertrieben. Das Argnu-Steak war saftig gewesen, würzig, mit einer feinen Rauchnote, und das delexianische Brot hatte eine fast süßliche Kruste gehabt. Ich hatte nicht rechtzeitig aufgehört. Erst die Portion, dann der Nachschlag. Mein Ehrgeiz, nicht schwach zu wirken, hatte wieder einmal über Vernunft gesiegt.
Als ich nach draußen trat, schlug mir die kühle Abendluft entgegen. Sie war trocken, roch nach Erde und Metall, nach Maschinenöl und reifem Getreide. Ich schloss für einen Moment die Augen, ließ die Frische über mein Gesicht streichen und zwang meinen Kreislauf zur Ruhe.
Julia hielt sich in unmittelbarer Nähe von Gal auf. Wie ein kleiner Satellit umkreiste sie sie, blickte zu ihr auf, ahmte ihre Haltung nach, ihre Art zu stehen. Bewunderung lag in ihrem Blick – und etwas, das fast wie Ehrfurcht wirkte. Gal hingegen wirkte angespannt. Ihre Schultern waren minimal angehoben, der Blick kontrolliert neutral. Sie war es nicht gewohnt, idealisiert zu werden. Julias Mutter bemerkte es schließlich, trat aus der Tür und rief das Mädchen mit einem leisen, aber bestimmten Ton hinein. Julia warf Gal noch einen letzten sehnsüchtigen Blick zu, dann verschwand sie im Haus.
Gal und ich standen uns gegenüber, ohne uns wirklich anzusehen. Es war, als hätten wir beide beschlossen, den Blickkontakt zu vermeiden. Stattdessen musterten wir die Umgebung. Drohnen hingen in ihren Ladestationen, leise summend. Autonome Erntemaschinen standen mit geöffneten Verkleidungen da, als lägen sie aufgeschnitten unter einem chirurgischen Licht. Das gemietete Hovercraft war gereinigt worden; selbst aus der Entfernung konnte ich die polierten Flächen erkennen. Ordnung. Struktur. Arbeit. Und doch lag über allem ein Gefühl von schleichendem Verfall.
Ein leises Knarzen ließ mich den Kopf wenden. Florian setzte sich in seinen alten Schaukelstuhl. Das Holz ächzte unter seinem Gewicht, während er mit bedächtigen Bewegungen seine Pfeife stopfte. Ein Feuerzeug klickte. Der erste Zug ließ die Spitze orange aufglimmen. Er hatte die Augen halb geschlossen, als würde er in eine Erinnerung hineinsehen.
„Die Fabrik wurde vor Jahrzehnten gebaut“, begann er, ohne jemanden direkt anzusehen. Seine Stimme war tief, warm, getragen von einem ruhigen Bass. „Sie gehörte damals einem guten Freund.“
Ich spürte, wie sich meine Aufmerksamkeit vollständig auf ihn richtete.
„Er hat seine Ranch von seinen Eltern übernommen. So wie ich diese Farm. Generationenübergreifend.“ Der Stuhl schaukelte im Takt seiner Worte. „Von Jahr zu Jahr machte er mehr Gewinn. Und irgendwann wurde aus dem Rancher ein Unternehmer. Doch sein Herz gehörte immer den Argnus. Und der Umwelt. Er hat von uns und den umliegenden Farmern immer Weizen gekauft.“
Seine Stimme veränderte sich. Sie verlor an Festigkeit.
„Doch eines Tages verschätzte er sich. Ein Bulle spießte ihn mit seinen drei Hörnern auf.“ Er machte eine kurze Pause, zog an seiner Pfeife, obwohl sie kaum noch brannte. „Er starb noch, bevor die Rettungskräfte eintrafen.“
Ich schluckte. Das Bild war zu klar. Drei Hörner. Durchdringendes Fleisch. Ein Ende innerhalb von Sekunden.
„Er hinterließ seine Frau. Einen vierzehnjährigen Sohn. Und eine zwölfjährige Tochter.“ Der Schaukelstuhl verlangsamte sich. „Seine Ehefrau übernahm den Betrieb. Doch sie starb wenige Jahre später am Terraformersyndrom. Die Tochter erbte alles. Hatte aber kein Händchen dafür. Wie auch? Sie wurde nie miteingebunden.“
Ohne darüber nachzudenken, hörte ich mich selbst sprechen. Ich beschrieb die Frau, mit der Gal und ich am Vormittag gesprochen hatten – ihre Haltung, ihre angespannte Mimik, die Art, wie sie Zahlen vor sich her schob, als wären sie lästige Insekten. Florian nickte langsam.
„Ja“, sagte er leise. „Das ist sie. Die Tochter.“
Ein unangenehmes Ziehen breitete sich in meiner Brust aus.
„Sie versucht seit Jahren ihr Bestes“, fuhr Florian fort. „Doch sie hat weder den Geschäftssinn noch das handwerkliche Wissen. Und sie lässt sich nicht helfen. Falscher Stolz.“
Gal schaltete sich ein. Ihre Stimme war sachlich, präzise. „Also sind die unklaren Zahlen und der Zustand des Betriebs auf Missmanagement zurückzuführen.“
Florian verzog das Gesicht leicht, als schmecke ihm das Wort nicht. „Ich würde es Unwissenheit nennen.“ Er schüttelte kaum merklich den Kopf. „Sie hatte nie eine Rancherausbildung. Ihre Eltern wollten alles dem Sohn übergeben. Doch der machte sich mit seiner Volljährigkeit mit dem gesamten Familienvermögen aus dem Staub. Bis heute unauffindbar.“ Er atmete hörbar aus. „Die arme Schwester hatte weder Geld noch Zeit, sich das nötige Wissen anzueignen.“
Stille.
Ich spürte, wie mein Blick auf den Boden sank. Kies knirschte unter meinem Schuh, als ich mein Gewicht verlagerte. In meinem Kopf ordneten sich die Puzzleteile neu. Schulden. Verfall. Unklare Bilanzen. Kein strukturelles Fundament. Kein Wissenstransfer. Keine Unterstützung.
Gal sagte nichts mehr. Auch ich nicht. Es gab keinen klugen Satz, der die Tragik dieser Entwicklung relativiert hätte. Keine schnelle Lösung, die ich anbieten konnte, ohne arrogant zu wirken.
Der Rauch aus Florians Pfeife zog in dünnen Schlieren in den dunkler werdenden Himmel. Irgendwo summte eine Drohne leise auf, als würde sie den Übergang in die Nacht bestätigen.
Ich hatte geglaubt, wir hätten es mit einem rein wirtschaftlichen Problem zu tun.
Stattdessen standen wir vor einer Familientragödie.

Die Nacht lastete schwer auf mir, die Hitze klebte an der Haut wie ein feuchter Schleier. Ich spürte, wie jeder Atemzug brannte, während der Unterschied zwischen Nathaniel im Süden, wo gerade Winter herrschte, und Uros im Nordosten, wo Hochsommer wütete, mir besonders drastisch bewusst wurde. Die Hitze drückte, die Luft vibrierte fast unter der Stille der Nacht. Uros war kein Dorf, keine Stadt – es war ein weites Land aus verstreuten Ranches und Farmen, die wie Inseln in der Dunkelheit lagen.
Wir standen vor dem stillen Betrieb. Florian hielt die alte Zugangskarte seines verstorbenen Freundes in der Hand, und ich sah, wie er zögerlich den Scanner berührte. Meine Hände waren leicht feucht, und ein merkwürdiges Ziehen in meinem Magen verriet, dass ich mir nicht sicher war, ob das alles legal war. Gal wirkte hingegen völlig entspannt, ihre Augen huschten über das Gelände, als könnte sie jeden Winkel schon vorher sehen. Dann klickte der Scanner, ein sanftes Leuchten bestätigte den Zugang. Ohne Alarm, ohne Probleme überquerten wir die Eingangsfläche. Ich fühlte ein Ziehen im Unterleib – eine Mischung aus Anspannung und Unglauben.
Drinnen war die Luft überraschend sauber. Kein Gestank von Kot oder Urin, keine Spur von Verwesung. Mein Herz schlug schneller, meine Hände kribbelten, als wir weiter in den Zuchtbereich gingen. Ich erwartete fast, dass ich mich übergeben müsste, doch die sterile Sauberkeit verwirrte mich. Nur ein Dutzend Argnus standen da, keine Bullen, keine Kälber – das war weit entfernt von dem, was ich mir vorgestellt hatte. Meine Stirn legte sich in Falten, mein Blick wanderte suchend zwischen Florian und den wenigen Tieren hin und her. Was zum Teufel ging hier vor?
Florian kniete sich an eine Kontrollkonsole, seine Finger bewegten sich geübt. Plötzlich flammten Lichter auf, erst vereinzelte, dann immer mehr, bis sie sich zu komplexen Hologrammen verdichteten. Argnus, visualisiert in allen Datenströmen, woben sich wie geisterhafte Schatten durch den Raum. Mein Herz sackte in die Hose. Das hier war schlimmer als die Gerüchte. Viel schlimmer.
Ein plötzliches Scheppern hinter mir ließ mich zusammenzucken. Mein Puls raste. Ich drehte mich herum und sah sie – die Besitzerin. Sie stand an der Konsole, die Hologramme deaktivierend, die Augen groß vor Überraschung und Angst. Sie hatte Florian umgestoßen. Ich spürte die Kälte, die mir den Rücken hinunterlief. Sie fragte, was wir hier machten, wie wir reingekommen seien.
Florian richtete sich langsam zu voller Größe auf, zog die alte ID-Karte aus der Tasche und hielt sie hoch, sichtbar für die Frau. Seine Hand zitterte leicht vor Wut und Entschlossenheit. Dann ließ er seinen Gehstock auf den metallenen Boden niedersausen – der laute Hall durchdrang die Stille der Halle. „Was habt ihr nur gemacht? Wie konnte es so weit kommen?“ Seine Stimme war fest, streng, beinahe zerbrochen vor Emotionen.
Die Frau brach zusammen. Ihre Knie gaben nach, sie sackte zu Boden. Tränen liefen über ihr Gesicht, ihr Körper zitterte, während sie schluchzend aufrief: „Helft mir!“
Ich stand wie erstarrt da, die Luft um mich herum schwer und heiß, meine Hände ballten sich zu Fäusten. Die Realität traf mich wie ein Schlag – diese Frau war am Boden, überwältigt von den Konsequenzen ihrer eigenen Entscheidungen, und ich war mitten drin. Mein Herz hämmerte, die Hitze brannte noch stärker, und ein merkwürdiges Gefühl von Fassungslosigkeit und Dringlichkeit schnürte mir die Kehle zu.

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Kapitel 12 - ReAktion

Wir saßen im Büro, nachdem wir Shishido Mari – so hatte sie sich mit brüchiger Stimme vorgestellt – einigermaßen beruhigt hatten.
Der Raum war funktional, beinahe nüchtern. Eine Couch, die sich mit wenigen Handgriffen zu einem Bett ausklappen ließ. Ein Schreibtisch, dessen Platte sich verschieben und zu einem Esstisch erweitern ließ. Mehrere schlichte Stühle aus Metall und Kunststoff. An den Wänden hingen Monitore, auf denen verschiedene Bereiche des Betriebs zu sehen waren – Stallgänge, Lagerflächen, die Einfahrt, leere Korridore. Alles wirkte still, kontrolliert, beinahe tot.
Das große Panoramafenster dominierte die gegenüberliegende Wand. Draußen war es inzwischen tiefschwarz, doch der Himmel war klar. Sterne lagen wie kalte Splitter im Dunkel, und Lunas stand hell und beinahe unnatürlich ruhig über den Feldern. Für einen Moment verlor ich mich in diesem Anblick. So viel Weite. So viel Gleichgültigkeit.
Ein großer Kühlschrank stand in einer Ecke. Als ich ihn öffnete, sah ich, dass er fast leer war. Ein paar Getränke, etwas Grundnahrungsmittel, kaum Frisches. Trotzdem nahm ich eine Flasche Wasser heraus, füllte ein Glas und reichte es Mari.
„Hier“, sagte ich leise. Meine Stimme klang fremd in meinen eigenen Ohren.
Das Eis brach schneller, als ich erwartet hatte. Vielleicht, weil es ohnehin schon in tausend Splittern um sie herumlag. „Nennt mich Mari“, hatte sie gesagt. „Bitte.“
Sie hatte sich beruhigt, zumindest äußerlich. Aber fit war sie nicht. Weder körperlich noch geistig. Jetzt, in privater Kleidung, ohne das professionelle Auftreten vom Vormittag, wirkte sie wie ein Schatten ihrer selbst. Ihre Wangen eingefallen, die Schlüsselbeine deutlich sichtbar, die Finger dünn und zittrig. Ihre Kleidung hing an ihr wie an einem Gerüst.
Ich erinnerte mich an die Frau von heute Morgen – aufrecht, gepflegt, kontrolliert. Ein Unterschied wie Tag und Nacht.
Gal verschränkte die Arme vor der Brust, musterte Mari lange und sagte dann ruhig: „Sie haben ein Hologerät benutzt, um anders auszusehen.“
Keine Anklage. Nur Feststellung.
Mari senkte den Kopf. „Ja“, flüsterte sie. „Ich konnte nicht… ich wollte nicht, dass man es sieht.“
Florian setzte sich neben sie. Langsam, vorsichtig, als wolle er nichts zerbrechen. Er legte einen Arm um ihre Schultern. In dem Moment begann ihr ganzer Körper zu beben. Nicht nur ihre Hände – alles. Es war, als hätte seine Berührung die letzte Stütze entfernt, die sie aufrecht hielt. Sie krümmte sich leicht nach vorne, schluchzte, die Stirn gegen seine Brust gedrückt.
Und dann begann sie zu reden.
Niemand musste sie dazu auffordern.
Sie erzählte, wie sie nach und nach die Argnu-Kühe verkauft hatte. Zuerst einzelne Tiere. Dann mehrere. Immer mit dem Gedanken, es sei nur vorübergehend. Sie brauche Liquidität, um den Betrieb zu stabilisieren. Um Delexianischen Weizen als Futter einzukaufen. Um Reparaturen zu bezahlen. Um alte Rechnungen zu begleichen.
„Ich dachte, wenn ich die Produktion kurzfristig reduziere, kann ich die Qualität halten“, sagte sie mit heiserer Stimme. „Weniger Tiere, weniger Kosten.“
Doch die Fixkosten blieben. Energie. Wartung der Anlagen. Personal, das sie irgendwann entlassen musste. Kredite, die weiterliefen.
Sie hatte früh Schulden aufgenommen, weil ihr Startkapital nach dem Tod ihrer Mutter kaum ausgereicht hatte, um überhaupt weiterzumachen. Banken hatten ihr nur unter harten Bedingungen Geld geliehen. Private Investoren hatten sich zurückgezogen, sobald sie merkten, dass sie keine Erfahrung hatte.
„Ich wollte nicht scheitern“, sagte sie immer wieder. „Nicht nach allem, was meine Eltern aufgebaut haben.“
Doch jedes verkaufte Tier reduzierte die Produktionskapazität. Weniger Produktion bedeutete weniger Einnahmen. Weniger Einnahmen bedeuteten neue Kredite. Neue Kredite bedeuteten höhere Zinsen.
Eine Abwärtsspirale.
Um den Schein zu wahren, installierte sie Hologramme in den Stallbereichen. Virtuelle Bestände, die Investoren und Kontrolleuren Stabilität suggerierten. Sie manipulierte Projektionsdaten, verschob Liefertermine, deklarierte geplante Zukäufe als vorhandene Reserven.
„Ich dachte, ich gewinne Zeit“, flüsterte sie. „Nur ein Jahr. Vielleicht zwei. Bis ich es gelernt habe.“
Aber sie lernte nicht schnell genug. Und sie war allein.
Ihr Bruder war verschwunden. Das Vermögen weg. Die Mutter tot. Der Vater ebenfalls.
„Ich wusste nicht, wen ich fragen sollte“, sagte sie und sah kurz zu Florian auf, als hätte sie gerade erst begriffen, dass Hilfe vielleicht doch möglich gewesen wäre.
Ich saß da, die Hände ineinander verschränkt, und spürte eine Mischung aus Mitgefühl und Beklemmung. Das hier war kein vorsätzlicher Betrug aus Gier. Es war Angst. Stolz. Überforderung. Und der verzweifelte Versuch, ein Erbe zu retten, für das sie nie ausgebildet worden war.
Gal blieb ruhig. Beobachtend. Analytisch. Aber ich kannte sie gut genug, um zu sehen, dass auch sie registrierte, wie weit die Situation bereits fortgeschritten war.
Mari hob den Kopf, die Augen gerötet. „Ich wollte niemandem schaden“, sagte sie. „Ich wollte nur Zeit.“
Ich sah zu den Monitoren an der Wand. Leere Stallgänge. Gedämpftes Licht.
Zeit war genau das, was sie nicht mehr hatte.

Ich saß da, die Finger ineinander verschränkt, und merkte, wie mein Blick immer wieder zwischen Mari und Gal hin- und herwanderte. Mari wirkte zerbrechlich, beinahe durchsichtig in dem kalten Licht der Monitore. Ihre Schultern hingen, als hätte man ihr sämtliche Stützbalken entfernt. Florian saß dicht neben ihr, sein Arm noch immer um sie gelegt, sein Daumen zeichnete beruhigende Kreise auf ihrem Oberarm.
Ich schluckte. Mein Mund war trocken, obwohl ich selbst gerade erst getrunken hatte.
„Gal“, sagte ich schließlich und drehte mich zu ihr. Meine Stimme klang leiser, als ich beabsichtigt hatte. „Wird sie… Ärger bekommen?“
Gal sah mich an. Nicht sofort antwortend. Nur dieser prüfende Blick, der immer erst alle Variablen abwog.
Ich rutschte auf meinem Stuhl nach vorne, stützte die Unterarme auf die Knie. „Ich meine… rechtlich. Wegen der Hologramme. Wegen der manipulierten Bestände. Gibt es irgendetwas, das sie entlasten könnte? Irgendetwas, das man geltend machen kann?“
Mari hob langsam den Kopf. Ihre Augen suchten mein Gesicht, als hinge an meiner Frage bereits ein Urteil.
Gal atmete ruhig aus. „Das kommt darauf an“, sagte sie sachlich. „Hat sie aktiv Investoren getäuscht? Falsche Zahlen eingereicht? Fördermittel unter falschen Voraussetzungen bezogen?“
Mari presste die Lippen zusammen. „Ich habe Prognosen geschönt“, sagte sie brüchig. „Aber ich habe keine staatlichen Subventionen erschlichen. Nur… Zeit gewonnen.“
Gal nickte kaum merklich. „Zeit auf Basis falscher Darstellungen ist juristisch problematisch.“
Ich spürte, wie sich mein Magen zusammenzog. „Aber es gab keine Umweltverstöße? Keine illegale Entsorgung?“
Mari schüttelte heftig den Kopf. „Nein. Ich habe die Produktion reduziert, gerade damit ich keine Abfälle falsch behandeln muss. Deshalb die Verkäufe. Deshalb der Rückbau.“
Das ließ mich kurz aufatmen. Wenigstens das.
Ich fuhr mir mit der Hand durchs Haar. „Also ist es… wirtschaftliches Missmanagement? Und Täuschung durch Unterlassen?“ Ich hasste, wie technisch meine Worte klangen. Als würde ich über einen Bericht sprechen, nicht über eine Frau, die vor mir zusammenbrach.
Gal verschränkte die Arme. „Wenn sie kooperiert, vollständige Transparenz herstellt und selbst Anzeige erstattet, kann das strafmildernd wirken. Vor allem, wenn kein materieller Großschaden entstanden ist.“
„Großschaden“, wiederholte ich leise und sah zu den leeren Stallaufnahmen auf den Monitoren. „Der Schaden ist doch längst da.“
Florian sah mich an. In seinen hellrosa Augen lag etwas zwischen Stolz und Traurigkeit.
Ich wandte mich wieder an Gal. „Gibt es irgendeine Möglichkeit, den Betrieb zu restrukturieren? Einen Übergangsverwalter? Einen Sanierungsplan?“ Meine Stimme gewann an Dringlichkeit. „Sie hat nicht aus Gier gehandelt. Sie war überfordert.“
Gal hob eine Augenbraue leicht. „Überforderung schützt nicht vor Konsequenzen.“
Ich spürte, wie mich das traf, obwohl ich wusste, dass sie recht hatte.
„Aber“, fügte sie hinzu, „es macht einen Unterschied bei der Bewertung.“
Mari begann wieder zu zittern. „Ich wollte nicht lügen“, flüsterte sie. „Ich wollte nur nicht alles verlieren.“
Ich beugte mich etwas zu ihr vor. „Vielleicht ist noch nicht alles verloren“, sagte ich, vorsichtiger diesmal. „Wenn du offenlegst, wie es wirklich aussieht. Wenn du dir helfen lässt. Von Florian. Von den umliegenden Farmern.“
Florian nickte langsam. „Du hättest nur fragen müssen“, sagte er leise. Kein Vorwurf. Nur Feststellung.
Mari schloss die Augen, Tränen liefen lautlos über ihre Wangen.
Ich sah wieder zu Gal. „Wenn sie morgen alles offenlegt – Zahlen, Bestände, Schulden –, würdest du… würdest du das als Kooperation werten?“
Gal sah mich lange an. Dann zu Mari. Dann zu den Monitoren.
„Ja“, sagte sie schließlich. „Aber es wird nicht ohne Folgen bleiben.“
Ich atmete tief durch. Es war keine Rettung. Aber es war auch kein endgültiges Urteil.
Und in diesem Moment klammerte ich mich an diesen schmalen Grat zwischen Konsequenz und Möglichkeit, als wäre er das Einzige, was uns in dieser Nacht noch Halt gab.

Ich sah Mari an. Ihr Blick war leer geworden, nicht weil sie nichts mehr fühlte, sondern weil es zu viel war. Ihre Finger krallten sich in den Stoff ihrer eigenen Hose, als müsse sie sich daran festhalten, um nicht weiter abzurutschen. Dann wanderte mein Blick zu Florian.
Er saß noch immer ruhig neben ihr, der Arm schwer, aber schützend um ihre Schultern gelegt. Sein Gesicht wirkte gealtert im Licht der Monitore, die Schatten betonten die Linien um seine Augen. Und doch lag in seiner Haltung etwas Unerschütterliches. Erdung. Geschichte.
Ich richtete mich etwas auf, rieb mir kurz über das Gesicht, als könnte ich meine Gedanken sortieren. Dann sah ich ihn direkt an.
„Florian“, begann ich und merkte, wie meine Stimme fester wurde. „Könntest du helfen?“
Er hob langsam den Kopf. Seine hellrosa Augen trafen meine.
„Ich meine nicht nur… moralisch.“ Ich gestikulierte leicht mit einer Hand, suchte nach den richtigen Worten. „Gibt es Leute? Andere Rancher? Alte Geschäftspartner deines Freundes? Jemanden mit Erfahrung in Sanierung oder Betriebsführung? Eine Genossenschaft vielleicht? Eine Möglichkeit, den Betrieb gemeinsam aufzufangen?“
Mari sah nun ebenfalls zu ihm auf. In ihrem Blick lag etwas Gefährliches: Hoffnung.
Florian schwieg einen Moment. Man hörte nur das leise Summen der Monitore und irgendwo draußen das ferne Knacken von abkühlendem Metall.
„Die umliegenden Farmer“, sagte er schließlich langsam, „haben noch immer Interesse an einer funktionierenden Abnahme. Wenn der Betrieb stabil läuft, profitieren wir alle.“
Er nahm die Pfeife aus dem Mund, obwohl sie längst erloschen war, und drehte sie nachdenklich zwischen den Fingern.
„Es gäbe die Möglichkeit einer Kooperative“, fuhr er fort. „Eine Übergangsverwaltung durch mehrere Parteien. Transparente Bücher. Geteiltes Risiko.“
Ich spürte, wie mein Puls leicht anzog. „Und würdest du das unterstützen?“
Er sah zu Mari hinunter. „Wenn sie bereit ist, Kontrolle abzugeben.“
Das Wort hing schwer im Raum. Kontrolle.
Mari schluckte. Ihre Lippen bebten. „Wenn ich sie behalte, verliere ich alles“, sagte sie leise. „Wenn ich sie abgebe… verliere ich wenigstens nicht den Betrieb.“
Ich nickte langsam. „Es geht nicht darum, dich zu entmachten“, sagte ich vorsichtig. „Sondern dir Zeit zu verschaffen. Echte Zeit. Mit Struktur. Mit Beratung.“
Gal beobachtete die Szene mit verschränkten Armen. „Eine externe Prüfung der Bücher wäre Voraussetzung“, sagte sie nüchtern. „Vollständige Offenlegung. Und ein klarer Restrukturierungsplan.“
„Das wäre akzeptabel“, antwortete Florian ohne Zögern. „Aber nur, wenn sie nicht öffentlich vorgeführt wird.“
Ich merkte, wie ich unbewusst den Atem anhielt.
„Es gibt noch zwei alte Weggefährten meines Freundes“, fuhr Florian fort. „Einer war für Technik zuständig. Der andere für Finanzen. Beide im Ruhestand. Beide haben dem Jungen nie verziehen, was er getan hat.“ Seine Augen verengten sich leicht. „Vielleicht ist jetzt der Moment, die Sache wieder in die richtigen Hände zu bringen.“
Ich spürte, wie sich in mir ein vorsichtiger Optimismus regte. Kein Triumph. Keine Garantie. Aber ein Ansatz.
„Und die Schulden?“ fragte ich leise.
„Neu verhandeln“, sagte Florian knapp. „Mit realistischen Zahlen. Keine Hologramme mehr.“
Mari atmete zittrig ein. „Ich… ich würde alles offenlegen“, sagte sie. „Wenn ihr mir helft.“
Ich sah sie an. Zum ersten Mal an diesem Abend wirkte sie nicht nur gebrochen, sondern entschlossen. Fragil – aber ehrlich.
Ich wandte mich erneut an Florian. „Und wenn die Banken nicht mitspielen?“
Er sah mich lange an. „Dann“, sagte er ruhig, „werden wir sehen, was diese Region noch wert ist, wenn sie zusammenhält.“
Ich spürte, wie sich meine Schultern minimal entspannten. Es war kein fertiger Plan. Kein garantierter Ausgang. Aber es war mehr als Verzweiflung.
Und in dieser Nacht, zwischen leeren Monitoren, einem fast leeren Kühlschrank und einer Frau am Rand des Zusammenbruchs, war ein „mehr als Verzweiflung“ vielleicht genau der Anfang, den wir brauchten.

Ich spürte, wie sich der Gedanke langsam in mir formte, erst vage, dann klar und drängend. Eigentlich war ich genau deswegen nach Uros gekommen. Nicht wegen Formalitäten. Nicht wegen Besichtigungen. Sondern wegen einer Lösung.
Ich richtete mich auf, sah Mari an, dann Florian. Ihre Gesichter waren vom gleichen Ausdruck gezeichnet – Erschöpfung, Zweifel, ein Rest Hoffnung, der sich nicht traute, sich zu zeigen. Ich atmete einmal tief durch.
„Ich kann euch etwas anbieten“, sagte ich schließlich ruhig.
Beide blickten auf. Mari wischte sich mit dem Handrücken über die Augen, Florian zog seinen Arm etwas fester um ihre Schultern, als wollte er sie stabilisieren.
„Ich würde nicht nur einen Teil deines Argnu-Fleisches abnehmen, Mari“, fuhr ich fort und sah sie direkt an. „Sondern auch etwas von deinen delexianischen Weizen, Florian.“
Einen Moment lang herrschte Stille. Ich konnte förmlich sehen, wie sie versuchten zu verstehen, ob ich es ernst meinte.
„In festen Kontingenten“, präzisierte ich. „Langfristige Abnahmeverträge. Planbar. Transparent. Ohne versteckte Klauseln.“
Florians Stirn legte sich in Falten. „Warum?“ fragte er schlicht.
Natürlich wussten sie nicht, weshalb ich ursprünglich hierhergekommen war. Für sie war ich nur ein externer Beobachter, vielleicht ein neugieriger Idealist. Ich verschränkte die Hände locker vor mir, um meine eigene Anspannung zu dämpfen.
„Ich suche Nahrungsmittel im Originalzustand“, erklärte ich. „Unverfälscht. Nicht synthetisch angepasst. Nicht genetisch standardisiert bis zur Austauschbarkeit.“
Mari hob langsam den Kopf. Ihre Augen wirkten groß in ihrem ausgezehrten Gesicht.
„In erster Linie für Menschen mit Unverträglichkeiten“, sagte ich weiter. „Für Personen, deren Körper auf hochprozessierte Nahrung reagiert. Und in zweiter Linie…“ Ich zögerte kurz. „…um sie so aufzubereiten, dass sie auch von außerirdischen Spezies konsumiert werden können.“
Florian blinzelte. „Aliens.“
Ich nickte. „Der interspezifische Austausch wird zunehmen. Aber Ernährung ist eines der größten Hindernisse. Unterschiedliche Biochemie, unterschiedliche Proteinketten, andere Mikronährstoffbedarfe. Wenn wir Nahrungsmittel von Grund auf verstehen und schonend anpassen, statt sie künstlich zu ersetzen, erhöhen wir die Verträglichkeit erheblich.“
Ich merkte, wie ich sachlicher wurde, strukturierter – fast automatisch. Das war mein Terrain. Planung. Versorgung. Zukunft.
„Ich brauche Proben von eurem Plankton“, fügte ich hinzu und wandte mich wieder an Mari. „Unverarbeitet. Wenn es essbar ist oder sich modifizieren lässt, würde ich auch das abnehmen.“
Mari runzelte die Stirn. „Plankton?“
„Mikroorganismen sind oft leichter anpassbar als komplexe Organismen“, erklärte ich. „Und nährstoffdicht.“
Ich lehnte mich ein Stück vor. „Gibt es hier Algenbestände? Kultivierbare Arten?“
Florian nickte zögerlich. „In den Küstenregionen. Bisher kaum genutzt.“
„Wären die Fischer bereit zu kooperieren?“ fragte ich. „Nicht nur Fischverkauf. Sondern vielleicht eine teilweise Umstellung. Algen- und Planktonfarmen. Diversifizierung statt Abhängigkeit von einem Markt.“
Jetzt war es Florian, der Mari ansah. Zwischen ihnen lief ein stiller Austausch ab. Hoffnung gegen Risiko. Mut gegen Müdigkeit.
Ich hob beschwichtigend die Hände. „Ich rede nicht von sofortiger Umstrukturierung. Sondern von einem schrittweisen Aufbau. Mit Investitionsbeteiligung meinerseits. Technologische Unterstützung. Abnahmegarantien.“
Mari atmete zittrig aus. „Das… würde bedeuten, wir müssten nicht weiter verkaufen.“
„Nicht alles“, sagte ich ruhig. „Vielleicht sogar wieder aufbauen.“
Ich sah ihre schmalen Schultern, die noch immer leicht bebten. Vor wenigen Stunden war sie bereit gewesen, alles loszulassen. Jetzt stand zumindest eine Alternative im Raum.
„Ich bin nicht hier, um euch zu kontrollieren“, sagte ich leise. „Ich bin hier, um Strukturen zu schaffen, die euch unabhängig machen.“
Es war still im Büro. Draußen funkelten die Sterne über Uros, und Lunas blasses Licht spiegelte sich im Panoramafenster. In diesem Moment fühlte sich meine Reise zum ersten Mal sinnvoll an.

Ich sah zu, wie Florian sich erhob. Jeder seiner Schritte wirkte schwerfällig, als müsste sein ganzer Körper jeden Bewegungsimpuls widerwillig akzeptieren. Ich konnte den leichten Zug in seinen Schultern erkennen, die Muskeln angespannt gegen die Schwerkraft des Alters. Er schritt ein paar Mal bedächtig um das Sofa herum, auf dem Mari noch zusammengesunken saß, ihr Körper leicht zitternd, die Hände ineinander verschränkt. Ich bemerkte, wie sie ihm trotz aller Unterschiede äußerlich völlig vertraut wirkte, wie ein Vater-Tochter-Gespann. Ihre Gesichtszüge hatten asiatische Präzision, während Florian die sanft geschwungenen Linien argonischer Physiognomie trug – die Unterschiede so groß, dass man sie sofort erkannte, und doch verband eine unausgesprochene Nähe die beiden.
Florian ging zum Bürotisch, seine Finger bewegten sich langsam über das Tastenfeld, jede Bewegung bedacht. Er gab einen Code ein, ich konnte den entschlossenen Druck auf den Tasten hören, das leise Klicken. Die Verbindung blieb stumm. Kein Piepen, keine Stimme, nur Stille. Ich konnte erkennen, dass er nicht enttäuscht war. Es war spät, niemand würde mehr antworten. Stattdessen hinterließ er eine Textnachricht, die sorgfältig formuliert schien, jeder Satz abgewogen, wie das sorgfältige Platzieren eines letzten Puzzleteils. Dann ließ er sich wieder neben Mari sinken, legte einen Arm sanft um sie, um ihren Körper zu stabilisieren. Sie lehnte sich ein wenig an ihn, ihr Atem beruhigte sich langsam. Ich sah zu, wie ein Gefühl von Sicherheit in diesem einfachen Akt lag, fast greifbar.
Eine Idee stieg in mir auf. Ich konnte nicht länger untätig bleiben. Ich griff nach meinem Gerät, begann, jemanden zu kontaktieren. Mari bemerkte meine Bewegung und drehte fragend den Kopf. Ich antwortete knapp, aber mit klarer Stimme: „Roland Caprio.“
Ihre Reaktion war sofort und heftig. Sie schrie auf, die Augen weit aufgerissen, dann sackte sie plötzlich zusammen, ohnmächtig, die Hände krampften leicht. Ich sprang auf, wollte sie stützen, aber Gal war schneller. Sie warf ein, dass der Name nicht gerade ein Garant für Unterstützung innerhalb der Argon-Föderation sei. Richter in Rente. Die Erwähnung war wohl ein Fehler gewesen, ein Risiko, das wir jetzt eingegangen waren. Trotzdem spürte ich, dass jede Hilfe, die wir bekommen konnten, entscheidend war. Ich kniete neben Mari, prüfte, ob sie atmete, spürte den warmen Atem auf meiner Wange und konnte nicht anders, als zu denken, dass wir uns in einer Relität befanden, dessen Regeln wir nur teilweise verstanden.
Ich richtete mich wieder auf, mein Herz schlug schneller, während Florian mich nur ruhig ansah, seine Augen die Ruhe selbst. Gal stand neben mir, die Arme verschränkt, die Miene hart, aber fokussiert. Ich wusste, dass jetzt Entscheidungen getroffen werden mussten, und dass wir keine Zeit mehr hatten, zu zögern. Ein letzter Blick zu Mari, die langsam wieder zu sich kam, und ich spürte das Gewicht der Verantwortung, das auf uns allen lag. Die Nacht war dunkel, die Luft drückend warm, und doch hatte eine unheilvolle Klarheit Einzug gehalten: Wir waren mitten in einer Kette von Ereignissen, die niemand von uns vorhersehen konnte.

Ich beobachtete, wie Mari neugierig zu Florian hinübersah, die Stirn leicht gerunzelt. „Wen wolltest du denn kontaktieren?“ fragte sie leise, die Stimme noch ein wenig zögerlich, als würde sie die Antwort nicht fassen können. Florian lehnte sich zurück, sein Gesicht blieb ruhig, die Hände verschränkt. „Einen meiner Söhne. Die sind nicht mehr hier in Uros. Ich habe Martin gebeten zu kommen.“
Maris Kopf begann sofort zu glühen, ihr Gesicht färbte sich tiefrot, und ich konnte die Hitze fast fühlen, die von ihr ausging.
Gal legte kurz die Stirn in Falten und fragte vorsichtig: „Geht es dir gut?“
Florian musste leise lachen, und ich sah hinüber, neugierig.
„Warum lachst du?“ fragte ich, die Augen zusammengekniffen, als wollte ich hinter sein Grinsen blicken.
„Nun“, begann Florian, und sein Lachen schwang noch mit, „ich habe Martin und Mari einmal als Teenager in der Scheune erwischt. Sie spielten ‚Arzt und Patient‘.“
Ich starrte zwischen Florian und Mari hin und her. Die Art, wie er das betonte, das leise Kichern in seiner Stimme, die hochrote Wange von Mari – es war eindeutig, dass das, was sie damals getan hatten, nicht harmlos gewesen war. Ein Knoten von Verlegenheit und Fassungslosigkeit schnürte mir den Magen zu, während ich versuchte, die Szene in meinem Kopf zu ordnen.
Es dauerte einige Minuten, bis Mari sich beruhigt hatte. Sie atmete tief, wischte sich die Hände über das Gesicht und setzte sich wieder aufrecht hin, doch ich konnte noch immer das leichte Zittern ihrer Schultern sehen. Mein Blick wanderte zu Gal, die ihre Augenbrauen leicht zusammengezogen hatte, aber schweigend abwartete.
Dann begann sich plötzlich der Raum inmitten des Büros zu wölben. Mein Herzschlag beschleunigte sich. Die Luft schien dichter zu werden, als würde sie um uns herum pulsieren, die Wände flossen leicht wie flüssiges Metall. Ich spürte, wie mein Magen sich zusammenzog, ein seltsames Kribbeln durch meine Arme lief.

Das Multi‑Spatial Transverse System war kein gewöhnlicher Teleporter. Es zerlegte keine Materie, und es übertrug niemanden als bloße Anordnung von Molekülen – wie manche alte Science-Fiction‑Geschichten es vorgaben. Stattdessen faltet es den Raum selbst. Die Person, die das System betrat, blieb intakt, jeder Atemzug, jeder Herzschlag unverändert. Um sie herum verschob sich die Realität, als würde die Welt selbst die Distanz zwischen Startpunkt und Ziel auflösen. In einem Moment stand man auf der Brücke des Schiffes, im nächsten stand man auf der Oberfläche eines Planeten, als hätte das Universum den Raum zwischen den beiden Punkten schlichtweg ausgelöscht.
Früher hatten Ingenieure versucht, eine Teleporterform zu nutzen, die Körper in Moleküle zerlegte und an Zielort wieder zusammensetzte – genau wie man es aus alten Serien kannte. Doch diese Methode erwies sich als zu unberechenbar: Menschen kamen zerlegt oder in merkwürdigen Kombinationen wieder zurück. Die neue Raumfaltungs-Technologie war sicherer, schneller und – was am wichtigsten war – überließ dem Universum nicht die Chance, deine Moleküle falsch zusammenzusetzen.
Das System beruhte auf der Manipulation von lokaler Raumzeit. Sensoren berechneten die Struktur des Raums zwischen Ausgangs- und Zielkoordinaten, während das System eine Art kosmische Brücke spannte. Innerhalb dieses Korridors war die Bewegung instantan – keine Reisezeit, keine Gefahr des Molekülverlusts. Doch das System war instabil: Jede Störung im Raumgefüge konnte den Transversalkorridor zum Einsturz bringen, was fatale Konsequenzen für alles hätte, was sich darin befand. Deshalb wurde das Gerät nur für kurze bis mittlere Distanzen eingesetzt, und jede Aktivierung verlangte höchste Präzision.
Für eine Person war das Betreten des Systems ein merkwürdiges Erlebnis: die Welt schien sich zu wölben, zu fließen und gleichzeitig stillzustehen. Ein schimmernder Tunnel aus Licht und Schatten, den nur die Augen des Nutzers erfassten, verband zwei Punkte, die sonst Lichtminuten voneinander entfernt lagen. Die Teleportation war sofort und doch greifbar, ein Raum-Phänomen, das das Universum selbst zu verschieben schien, um die Entfernung zu neutralisieren.

Als der Effekt vorbei war, stand ein Mann in militärischer Uniform mitten im Raum. Ich erkannte sofort die Haltung, die Art, wie er die Umgebung erfasste, jeden von uns in einem einzigen, schnellen Blick. Mein Herz machte einen Sprung. Er musste Martin Van Count sein. Sein Blick huschte über Florian und Mari, dann auf Gal und mich, jede Bewegung präzise, doch voller Sorge. Ohne zu zögern stürzte er auf Florian und Mari zu, die Hände ausgestreckt, das Gesicht angespannt, die Augen groß vor Besorgnis.
Ich trat einen Schritt zurück, spürte die Spannung im Raum, die Schwere der Situation. Florians Hand legte sich beruhigend auf Maris Rücken, doch Martin war wie ein Sturm, der über das Zimmer fegte, die Luft elektrisiert von seiner Präsenz. Mari wand sich leicht, Tränen standen ihr in den Augen, die Lippen bebten, während sie nach Atem rang. Ich merkte, wie ein Gefühl von Dringlichkeit und Furcht durch mich hindurchfuhr. Alles, was wir bis hierher erreicht hatten, schien nun auf dem Spiel zu stehen, und ich konnte kaum den Gedanken fassen, dass wir gerade Zeugen der Rückkehr einer längst abwesenden Macht waren – eines Sohnes, der alles verändern konnte.

Die Zeit verging wie im Flug. Ich spürte, wie sich meine Schultern langsam von der Anspannung der letzten Stunden lösten, aber gleichzeitig stieg ein neuer Strom von Gedanken in mir auf. Draußen begann die Dämmerung, zunächst kaum merklich. Der Himmel war noch schwarz, doch am Horizont färbte er sich dunkelblau, immer heller werdend, als wollte er die Nacht langsam zurückziehen. Ein kalter Hauch zog durch das geöffnete Fenster, ließ meine Haut prickeln und die letzten Müdigkeitsreste vertreiben.
Drinnen saßen wir alle zusammen, und Martin hörte aufmerksam zu, wie Florian, Mari und Gal ihm erklärten, wie es zu dieser Situation gekommen war. Ich beobachtete die feinen Nuancen in seinem Gesicht, die sich veränderten, während er von Mari, dem Betrieb, den Argnu-Kühen und den endlosen bürokratischen Verwicklungen hörte. Seine Stirn zog sich zusammen, die Kiefermuskeln spannten sich, die Finger trommelten unruhig auf den Tisch.
Dann passierte etwas, das mir kurz den Atem stocken ließ. Florian, der sonst immer die Ruhe selbst war, hatte es als Scherz formuliert – Martin solle doch Mari heiraten und gemeinsam den Betrieb übernehmen. Ich konnte den Ausdruck in Martins Augen sehen, der Moment, in dem sich ein Gedanke wie ein Funke entzündete. Er schlug sich auf die Brust, die Augen funkelten, der Mund formte ein entschlossenes Lächeln, und er nickte, als wolle er sich selbst die Überzeugung zusprechen: „Genau das will ich machen.“ Seine Stimme war fest, klar, voller Inbrunst, als würde er einen Eid ablegen.
Ich spürte, wie Gal aufmerksam den Moment registrierte. Sie legte den Kopf leicht schräg, die Augen suchten seinen Blick. „Und die Teleportation war legal?“, fragte sie, die Stimme nüchtern, doch scharf wie ein Skalpell. Ich sah Martin erst stutzen, dann sein Gesicht, das in unbehaglichem Schweigen versank, die Lippen leicht zusammengedrückt, die Augen, die sich kurz abwendeten. Kein Wort kam über seine Lippen, und genau in diesem Schweigen lag die Antwort. Seine Schweißperlen auf der Stirn, das leichte Zittern seiner Hände – alles sprach Bände.
Ich lehnte mich einen Moment zurück, ließ die Hände auf den Tisch sinken und beobachtete die Szene. Martin war entschlossen, keine Frage, doch das Gewicht der Nacht, der Teleportation und der legalen Grauzonen hing ihm noch im Nacken. Ich spürte ein unwillkürliches Ziehen in meiner Brust – eine Mischung aus Erleichterung, Anspannung und Faszination. Ich konnte mir die kommenden Herausforderungen bildlich vorstellen: den Betrieb wieder in Gang zu bringen, Verantwortung zu übernehmen, die Schulden, die Organisation der Kühe, die algenbasierten Proben, die wir besprochen hatten – alles würde auf ihnen lasten.
Meine Augen wanderten zu Mari, die noch immer leicht zusammengesunken saß, die Hände ineinander verschränkt, die Lippen blass. Ich konnte die Erleichterung auf ihrem Gesicht sehen, gemischt mit einer neuen Unsicherheit. Florian saß neben ihr, die Hand beruhigend auf ihrer Schulter, die Augen auf Martin gerichtet. Gal beobachtete die ganze Szenerie, leicht nach vorne gelehnt, als wollte sie jeden Gedanken in der Luft einfangen.
Ich spürte, wie sich die Spannung des Raums löste, als Martin endlich wieder aufblickte. Sein Blick streifte Mari, dann Florian, dann uns. Ein kurzes Lächeln huschte über sein Gesicht, ein Ausdruck, der sowohl Unsicherheit als auch Entschlossenheit enthielt. Ich konnte den inneren Konflikt sehen, den Drang, sofort zu handeln, und gleichzeitig die Last, die Verantwortung zu übernehmen.
Die ersten Strahlen des Morgens warfen schwache Schatten durch das Büro, beleuchteten die Monitore, die Couch, den Schreibtisch. Ich atmete tief ein, spürte die kühle Luft, die über meine Haut strich. Für einen kurzen Moment war alles still. Die Nacht war vorbei, die Dämmerung hatte die Welt sanft erhellt, und vor uns lag die Realität – kompliziert, herausfordernd, aber irgendwie auch voller Möglichkeiten.
Ich spürte, wie mein Herzschlag sich normalisierte, die Anspannung langsam nachließ. Und doch konnte ich nicht anders, als zu beobachten, wie Martin sich sammelte, die Schultern zurückzog, die Hände ballte. Es war der Moment vor dem Sprung, und ich wusste, dass er bereit war. Ich selbst spürte ein Kribbeln in den Fingern, als wollte ich gleich aufspringen und helfen, alles in Bewegung setzen. Aber ich wusste auch, dass dies jetzt sein Schritt war – sein Weg, sein Handeln, seine Verantwortung. Ich lehnte mich zurück, die Augen fest auf ihn gerichtet, und wartete.

Ich hasse Perfektion.
Sie bietet keinen Platz für Kreation.

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Re: [EX16] Isekai no Xistence

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Kapitel 13 - Aufstieg

Ich lag zurückgelehnt auf der warmen Holzveranda, den Rücken gegen die kühle Lehne gedrückt, während Valentina und Vanu, meine beiden Ehefrauen, sanft in meinen Armen dösten. Ihre Körper schmiegten sich an mich, rhythmisch atmeten sie im Takt meiner eigenen Lungen, und der leichte Wind trug den Duft der Kirschblüten zu mir, der eine Mischung aus Süße und frischer Erde war. Über uns spannte sich ein Himmel in sattem Blau, das in der Sonne beinahe funkelte, die Blütenblätter wippten sanft in der Luft, einige tanzten wie kleine rosa Schmetterlinge über die Veranda. Ich ließ meinen Blick durch das Farbenspiel schweifen, fühlte die Wärme der Sonne auf meiner Haut und hörte das leise Summen von Insekten, das Hintergrundgeräusch eines Frühlingsmorgens.
Zwei Jahre waren vergangen, seit ich in diese Realität gekommen war, und in mir fühlte es sich an, als wären es zwanzig. Die Tage hatten sich in einem Strom aus neuen Eindrücken, neuen Aufgaben und immer neuen Möglichkeiten verloren. Ich wusste, dass ich erst an der Oberfläche gekratzt hatte: Argon Prime, die Handelsstation Alpha 1 im Orbit, alles andere nur aus den Datenbanken des Federal Information Network. Es war aufregend, überwältigend und auf eine seltsame Weise befriedigend, diese Welt Stück für Stück zu begreifen.
Mein Blick glitt zu den Erinnerungen an Uros. Das Ereignis um den Argnu-Betrieb hatte alles verändert. Selenir Nimrodel, der Rechtsbeistand, den mir Roland Caprio vermittelt hatte, war sofort zur Stelle gewesen. Ich erinnere mich noch an die anfängliche Abwägung: die horrenden Credits, die er verlangte, ließen mich kurz zweifeln, ob der Aufwand gerechtfertigt war. Doch jetzt, zurückblickend, wusste ich, dass jeder einzelne Cred mehr als gut investiert war. Der Betrieb war saniert, die Farmer, Rancher und Fischer hatten wieder Perspektiven, und Shishido Mari war der Gefängnisstrafe entgangen – unter den Augen der Behörden, die immerhin auf eine Ratenzahlung eingingen. Martin Van Count hatte Mari geheiratet, und gemeinsam hatten sie den Betrieb wieder auf solide Beine gestellt.
Gal, wie immer pragmatisch und souverän, hatte ihre Kontakte genutzt, um eine unehrenhafte Entlassung aus dem Militär zu verhindern. Der Teleporter, den sie dabei einsetzte, wurde als „private Anfrage des Geheimdienstes“ deklariert, und obwohl jeder wusste, dass das reine Legendenbildung war, hatte es die Situation gerettet, ohne dass jemand öffentlich auffiel. Ich konnte nicht anders, als ihr für diese kluge Manipulation zu bewundern.
Ein Jahr später, nach all den Ereignissen und Herausforderungen, hatte ich meine eigene Firma gegründet. Die Expansion nach Argon Prime verlief nicht hektisch, sondern zielgerichtet. Über ein Dutzend Anshin Shokudō waren entstanden, jedes mit einem angeschlossenen Yatei, der längst kein einfacher Imbiss mehr war, sondern die Dimensionen eines kleinen Restaurants angenommen hatte. Unsere Standorte waren strategisch gewählt: etwas außerhalb der Raumhäfen, nah genug an den Hauptverkehrsstraßen, um die argonischen Passanten anzuziehen, aber gleichzeitig attraktiv für fremde Aliens, die neugierig auf unser kulinarisches Angebot waren.
Ich schloss die Augen kurz, spürte den Herzschlag meiner Frauen gegen meinen Brustkorb und fühlte Stolz in jeder Faser meines Körpers. Stolz auf das, was wir erreicht hatten, auf die Herausforderungen, die wir gemeistert hatten, auf die Menschen, die uns begleitet und unterstützt hatten. Alles, was wir aufgebaut hatten, war das Ergebnis harter Arbeit, kluger Entscheidungen und unerschütterlicher Partnerschaften. Ein Gefühl von Zufriedenheit breitete sich in mir aus, so tief, dass es fast physisch schien, während ich die Hände sanft über Valentina und Vanu legte und die Frühlingssonne, die Kirschblüten und den warmen Wind in mich aufsog.
Ich atmete tief ein und wusste, dass dies nur der Anfang war. Es gab noch so viel zu sehen, zu lernen und zu erschaffen. Und doch – für diesen Moment – war alles perfekt.

Doch bei all dem Licht dieser zwei Jahre gab es einen Schatten, der sich nicht vertreiben ließ. Roland Caprio war tot.
Es war kein dramatischer Zwischenfall, kein Attentat, keine Seuche. Keine Schlagzeilen. Nur sein eigener Körper, der irgendwann nicht mehr konnte. Seine Unverträglichkeit – diese komplexe, kaum greifbare Reaktion seines Organismus – hatte ihn über Jahre geschwächt. Keine Viren, keine Bakterien. Einfach Verschleiß. Ein langsames Nachgeben.
Valentina hatte ihm noch eine Besserung bescheinigt. Ich erinnere mich an ihren sachlichen Ton, an das vorsichtige Nicken, als sie die Werte betrachtete. „Er reagiert“, hatte sie gesagt. Und er reagierte tatsächlich. Meine Gerichte hatten ihm Kraft gegeben. Ich hatte es mit eigenen Augen gesehen: mehr Farbe im Gesicht, festere Stimme, klarerer Blick. Er hatte wieder gegessen, mit Genuss.
Aber es war zu spät gewesen.
Ich saß damals an seinem Bett, als er schlief. Er sah friedlich aus, beinahe zufrieden. Am nächsten Morgen war er nicht mehr aufgewacht. Kein Ringen. Kein Schmerz. Nur Stille. Als ich die Nachricht erhielt, spürte ich, wie sich mein Brustkorb zusammenzog. Ich erinnere mich, wie ich die Hände zu Fäusten ballte, die Kiefer anspannte. Ein Teil von mir wollte wütend sein – auf diese Welt, auf die Zeit, auf mich selbst. Hätte ich früher kommen müssen? Hätte ich schneller handeln können? Die Gedanken nagten, auch wenn ich rational wusste, dass ich erst existierte, seit ich hier war.
Seine Beerdigung war ungewöhnlich. Gal und Tahl kamen persönlich. Das allein zeigte, welchen Stellenwert Roland gehabt hatte. Er hatte sich gewünscht, dass sie beide anwesend waren, wenn sein Körper dem Blauen Meer übergeben würde.
In der Argonischen Föderation war es längst üblich geworden, die Toten zu desintegrieren. Effizient. Sauber. Praktisch. Roland hatte das immer verachtet. „Ich bin kein Abfall, der recycelt wird“, hatte er einmal trocken gesagt. Er wollte verbrannt werden. Wollte als Asche zurück in die Welt. Teil von ihr werden. Kein Datensatz im Archiv.
Als die Flammen seinen Körper erfassten, stand ich reglos da. Meine Hände hinter dem Rücken verschränkt, die Schultern angespannt. Gal neben mir, mit unbewegter Miene. Tahl, ungewöhnlich still. Als die Asche später dem Blauen Meer übergeben wurde, wehte eine Brise vom Wasser herüber. Ich kniff die Augen zusammen, nicht nur wegen des Windes. Ein eigenartiges Gefühl von Endgültigkeit legte sich über mich. Roland war nie sentimental gewesen. Und doch war dieser Abschied würdig. Eigenwillig. Genau wie er.
Die Testamentseröffnung fand in seinem Haus statt. Ich war angespannt, obwohl ich mir einredete, dass es keinen Grund dafür gab. Das Gebäude roch noch nach ihm – nach altem Holz, Gewürzen und diesem dezenten metallischen Unterton seiner Umgebung.
Dann fiel mein Name.
Er hatte mir das Haus vermacht.
Für einen Moment war ich sicher, mich verhört zu haben. Ich richtete mich abrupt auf, spürte, wie mein Puls schneller wurde. „Das… muss ein Irrtum sein“, sagte ich und sah zu Gal und Tahl. „Es gehört euch. Ihr wart länger bei ihm. Ihr habt—“
Beide schüttelten fast gleichzeitig den Kopf.
„Er wusste, was er tat“, sagte Gal ruhig.
Tahl nickte nur. „Er hat Entscheidungen nie zufällig getroffen.“
Ich atmete scharf durch. Es fühlte sich nicht richtig an. Ich hatte ihn gekannt, ja. Ihm geholfen. Aber ein Haus? Sein Haus? Ich bot es ihnen an. Ernsthaft. Fast schon drängend. Doch sie lehnten ab. Ohne Zögern. Und ich wusste, dass jede weitere Diskussion zwecklos war. Roland hatte offenbar etwas gesehen, das ich selbst noch nicht verstand.
Beim Geld wurde es noch seltsamer.
Roland hatte verfügt, dass sein gesamtes Vermögen zu gleichen Teilen an Gal und Tahl gehen sollte. Fünfzig zu fünfzig. Unter einer klaren Bedingung: Ich durfte keinen Anspruch darauf erheben. Sollte ich es doch tun, würde alles gedrittelt werden.
Ich musste unwillkürlich schmunzeln, als ich das hörte. Typisch. Selbst im Tod spielte er noch strategische Spiele.
Natürlich hätte ich jeden Credit gebrauchen können. Expansion kostete. Wachstum verschlang Kapital. Und doch – in meinem Magen zog sich alles zusammen bei dem Gedanken, auch nur einen Anteil zu beanspruchen. Es fühlte sich falsch an. Unverdient. Als würde ich etwas nehmen, das nicht mir gehörte.
„Ich verzichte“, sagte ich ohne Zögern.
Gal musterte mich prüfend. Tahl beobachtete meine Mimik. Aber ich meinte es ernst. Es war keine Geste. Kein Schauspiel. Es war eine innere Gewissheit.
Und dann kam der letzte Punkt.
Wissen.
Roland hatte mir all seine Kontakte hinterlassen. Alle.
Nicht nur die nützlichen Verbindungen. Nicht nur Geschäftsadressen oder politische Kanäle. Sondern auch Informationen darüber, wer wem etwas schuldete. Wer abhängig war. Wer erpressbar war. Wer loyal. Wer käuflich.
Als mir die Daten übergeben wurden, spürte ich förmlich das Gewicht davon. Es war kein physischer Gegenstand, und doch fühlte es sich schwerer an als jedes Vermögen.
Ich sah zu Gal. Zu Tahl. Beide verstanden sofort.
Das war kein Geschenk. Das war Verantwortung.
Mir wurde augenblicklich klar, dass dieser Nachlass mehr wert war als jedes Geld. Geld war endlich. Einfluss war es nicht. Und Wissen – strategisch eingesetztes Wissen – konnte ganze Systeme bewegen.
Roland hatte mir kein Vermögen hinterlassen. Er hatte mir Hebel gegeben.
Ich stand im Wohnzimmer seines Hauses, das nun meines war, und strich langsam mit der Hand über die Rückenlehne eines Stuhls. Meine Miene war ruhig, aber in meinem Inneren arbeitete es.
Er hatte mich geprüft. Bis zuletzt.
Und nun lag es an mir, zu beweisen, dass er sich nicht geirrt hatte.

Ich sah Kon Mah zum ersten Mal, als er durch die schmale Luke des Hangars auf uns zukam. Ein Argone, groß und muskulös, seine Haltung ruhig, fast zu ruhig, und doch spürte ich die Disziplin in jedem Schritt. Martin hatte ihn vermittelt, und das war offensichtlich kein Zufall – der Mann trug diese militärische Aura wie eine zweite Haut. Sein Blick ruhte kurz auf mir, dann nickte er knapp, als würde er sagen: „Ich weiß, worauf ich mich einlasse.“
Ich hatte ihn angeheuert, nicht aus Luxus, sondern aus Notwendigkeit. Die Transportkosten waren im letzten Jahr durch Dritte explodiert. Wenn ich die Kontrolle über meine Lieferketten behalten wollte, musste ich selbst einen Frachter besitzen. Einen gebrauchten atmosphärenfähigen Frachter hatte ich gekauft, und Kon sollte ihn steuern – nicht nur für den Transport von Weizen und Argnu-Fleisch aus Uros, sondern auch für Algen, Plankton und gelegentlich Fische. Ich wollte keinen Fehler riskieren, keine Verzögerungen. Kon schien das zu verstehen.

Es war auch zu dieser Zeit, als ein Borone auftauchte, dass ich fast lachen musste. „Bi Fi“, sagte er, und allein der Name ließ ein unverhofftes Grinsen über mein Gesicht huschen. Er hob eine Tentakelhand, die ich sofort als höflich erachtete, und fragte, warum ich lachte. Ich konnte nicht anders, musste zugeben, dass ich in meiner Kindheit einen Snack namens Bifi gegessen hatte, der aus geräuchertem Argnu-Fleisch bestand. Vanus und Valentinas Blicke huschten zwischen mir und dem Boronen hin und her, bemüht, jede mögliche Beleidigung abzuwenden. Zum Glück schien Bi Fi diese kleine kulturelle Anomalie zu verstehen, schob es auf Unterschiede in Sprache und Herkunft.
Ich betrachtete ihn genauer. Einen halben Meter über dem Boden schwebend, dank einer Antigravitationseinheit, die in seinem Umweltanzug eingebaut war – die Boronen konnten außerhalb ihres Lebensraums nicht überleben. Der Unterkörper erinnerte mich an einen Oktopus, die Tentakel zahlreich, beweglich, aber ohne Saugnäpfe. Der Oberkörper und Kopf erinnerten an ein Seepferdchen, elegant gewölbt, mit einer fast kindlichen Neugier im Blick. Er zeigte mir, dass einige Boronen ihre Haupttentakel verhärten konnten, um Dinge zu greifen. Manche konnten mehrere Tentakel ineinander verschlingen, als wären es Hände. Ich staunte, mehr als ich zugeben wollte.
Bi Fi erklärte mir dann sein Anliegen. Er war ein niedriger Vertreter im diplomatischen Dienst der Boronen. Sie hatten von jemandem gehört, der Lebensmittel für alle Spezies essbar machte. Die Anshin Yateis, erklärte er, zogen nicht nur Argonen an, sondern auch Boronen, Teladi, Split und Paraniden – eine kleine, aber hochinteressante Mischung.
Dann kam das Angebot: eine Reise nach Königstal, das Heimatsonnensystem der Boronen, und eine Audienz bei Exzellenz Popo Da auf Ni’sha’la, ihrem Heimatplaneten. Bei dem Namen musste ich unwillkürlich lachen, die Hand vor den Mund pressen, um meine Heiterkeit zu verbergen. Sie waren so andersartig, und doch hatte ich sofort eine Art Sympathie für diese knuffigen, bizarren Wesen.
Als Bi Fi sich verabschiedete, sah ich Vanu und Valentina an. Ihre Blicke verrieten sofort, dass sie neidisch waren, dass sie mitwollten. „Und eure Jobs?“ fragte ich vorsichtig. Beide senkten den Kopf, gestanden ein, dass sie voll eingespannt waren. Aber sie wollten mich nicht allein fliegen lassen und begannen sofort, in ihrem Netzwerk zu fragen.
Gal konnte nicht. Sie war für einen Auftrag unterwegs, was ich respektierte. Thal jedoch, überraschend, hatte zugesagt. Auch wenn niemand so recht verstand, warum der Sicherheitschef von Handelsstation Alpha 1 plötzlich eine Woche frei nehmen konnte, war es beruhigend zu wissen, dass er dabei sein würde. Ich nickte nur, das Herz leicht schneller schlagend bei dem Gedanken an die bevorstehende Reise.
Es würde anders werden als alles, was wir bisher erlebt hatten. Doch ich spürte ein Prickeln, eine Mischung aus Vorfreude und Spannung, das mich tief in der Brust kribbeln ließ. Bi Fi hatte mir die Tür geöffnet, und ich wusste, dass ich hindurchgehen musste.
Ich stand zum ersten Mal vor einem boronischen Schiff und ließ meine Blick über den Personentransporter schweifen. Zum ersten Mal vor dem lebendigen Schiff zu stehen, war seltsam berauschend. Es wirkte wie ein überdimensionierter Shrimp, dachte ich, und je länger ich es betrachtete, desto mehr Details erfasste ich. Das kristalline Skelett war tatsächlich mit biologischem Gewebe überzogen, dass auf einem Substrat gezüchtet worden war, jeder Zentimeter pulsierte leise, als ob das Schiff atmete. Nicht bewusst, nicht wie ein Lebewesen mit Verstand, aber doch ein eigenartiges, organisches Leben. Nervenknoten waren überall verteilt, und ich spürte instinktiv, dass sie dafür sorgten, dass das Schiff schneller reagierte, als es ein Pilot oder ein Computer anderer Rassen je könnte.
Die dunklen Grüntöne der Außenhülle empfand ich als angenehm, beruhigend für die Augen. Ich drehte mich zu Thal und fragte, wie Argonen diese Farben wahrnehmen würden. Er zuckte kaum merklich mit den Schultern, sein Blick war fest auf die biologischen Elmente gerichtet.
„Schmutziges Grün“, sagte er schlicht, „erdig.“
Ich nickte, nahm die Information auf, und für einen Moment schloss ich die Augen, um die ruhige, organische Präsenz des Schiffes wirken zu lassen.
Der Innenraum war ebenso organisch wie das Äußere. Alles fühlte sich gewachsen an, als sei es aus der gleichen biologischen Matrix entstanden. Leuchtend limettenfarbene Stränge zogen sich wie Nervenbahnen durch die Wände, eingehüllt in eine transparente Membran und eine ebenso durchsichtige Flüssigkeit. Ich konnte förmlich die Energie spüren, die durch sie floss, eine Art subtiler Lebensrhythmus des Schiffes, der sich in einem beruhigenden Puls äußerte.
Bi Fi hatte uns informiert, dass die Reise nach Ni’sha’la ungefähr zwei Tazuras dauern würde. Ich musste kurz rechnen – zwei Tazuras entsprachen etwa zweieinhalb Tagen. Ihr Aufenthalt im Königstalsystem würde einen Tazua beanspruchen, etwas über einen Tag, und die Rückreise wieder zwei Tazuras. Insgesamt waren wir fünf Tazuras, fast sechseinhalb Tage, unterwegs. Ich ließ die Zahl auf mich wirken und spürte die leichte Nervosität in meinem Magen, vermischt mit einer seltsamen Vorfreude.
Thal und ich saßen bequem in den Sesseln des hinteren Passagierbereichs, entspannt, obwohl wir wussten, dass wir in dieser Zeit Verantwortung trugen. Bi Fi schwamm im abgetrennten vorderen Bereich, die transparente Membran und das verstärkte Kraftfeld trennten ihn von uns. Sein Körper glitt elegant durch das Wasser, jede Bewegung fließend und präzise, als ob er Teil des Schiffs wäre. Ich konnte kaum wegsehen. Die Distanz zwischen uns fühlte sich gleichzeitig nah und fremd an, die Grenze zwischen Wasser und Trockenheit, zwischen uns und Bi Fi, war greifbar und doch unsichtbar.
Ich lehnte mich weiter zurück, verschränkte die Hände hinter dem Kopf und ließ meinen Blick durch die grünlich schimmernde Kabine schweifen. Die organischen Strukturen, das leuchtende Gewebe, die pulsierenden Nervenbahnen – alles war neu, faszinierend und leicht unheimlich zugleich. Ich spürte ein Knistern der Erwartung in meiner Brust. Diese Reise würde anders werden als alles, was ich bisher erlebt hatte, und ich war bereit, mich auf den fremden, lebendigen Personentransporter einzulassen.

Ich hatte das Gefühl, dass mir diese Reise nicht nur neue Märkte eröffnen würde, sondern neue Perspektiven. Während Thal neben mir saß – inzwischen mit geschlossenen Augen, die Arme locker verschränkt, sein Atem tief und gleichmäßig – wanderte mein Blick immer wieder zu der transparenten Membran, hinter der Bi Fi im Wasser schwebte. Seine Bewegungen waren ruhig, beinahe meditativ.
Ich beugte mich vor, legte die Unterarme auf die Knie und räusperte mich leicht. „Bi Fi“, begann ich, bemüht sachlich zu klingen, obwohl ich merkte, wie echte Neugier in mir arbeitete. „Ich würde gern mehr über dein Volk erfahren. Nicht aus… strategischen Gründen. Es interessiert mich einfach.“
Seine großen, unabhängig voneinander rotierenden Augen richteten sich auf mich. Einige seiner Tentakel zogen sich minimal zusammen – ein Zeichen der Aufmerksamkeit, wie ich inzwischen wusste. „Du wünschst Wissen?“
„Ja“, sagte ich sofort. „Alles, was du teilen kannst.“
Er bestätigte es, und ich lehnte mich etwas zurück, verschränkte die Hände, als wollte ich mich selbst zur Geduld zwingen. Doch innerlich war ich hellwach.
Dann begann er zu sprechen.

„Du willst also wissen, wie wir geworden sind, was wir sind? Sehr gut. Ich werde dir von unserer Geschichte erzählen – so weit sie durch die Erinnerungen der Gene und die Zeichen der Meere überliefert ist.
Unsere Welt war einst nicht mehr als eine Kette flacher, schimmernder Ozeane, durchsetzt von Inseln aus Mineralien und Korallen. Dort, zwischen den Strömungen und in den Schatten der Unterwasserberge, begann das, was wir heute das boronische Volk nennen. Wir waren damals klein, verletzlich und beinahe nichts weiter als Planktonfresser, die sich zwischen den Wellen hindurchschlängelten. Alles, was wir taten, war auf eines ausgerichtet: überleben. Raubtiere umkreisten uns, größer und schneller, ihre Zähne und Klauen stets eine Drohung. Jede Bewegung, die wir machten, jede Farbe, die wir zeigten, konnte über Leben oder Tod entscheiden.
Unsere Körper begannen sich zu verändern, langsam, über unzählige Generationen. Wir brauchten Beweglichkeit, aber auch Stabilität. Der Unterkörper unserer Ahnen entwickelte Tentakel, die es uns erlaubten, uns zu greifen, zu schieben, aber auch zu schweben, wenn der Strom uns trug. Gleichzeitig formte sich der Oberkörper – ein erhobener, starker Rumpf mit einem Kopf, der über den Tentakeln thronte, wie ein Mast über einem Boot. Unsere Augen wuchsen an diesen Köpfen, groß und beweglich, unabhängig voneinander, sodass wir alles um uns herum sehen konnten, ohne uns zu drehen. In dieser Rundumsicht lag unsere Rettung: Bewegung, Schatten, Muster – all dies konnten wir erkennen, noch bevor ein Raubtier uns erreichte.
Unser Farbsehen, so begrenzt es für euch wirken mag, ist perfekt für unsere Welt. Blau und Grün dominieren die Wellen, das Licht dringt nur in diesen Wellenlängen weit. Rot – das rote Glühen von Lava oder von manchen leuchtenden Lebewesen – erscheint uns nicht als Farbe, wie du sie kennst. Wir sehen es eher als Dunkelheit, als ein Kontrastsignal, ein Hinweis auf Wärme oder Gefahr. Es ist ein Ton im großen Symphonieorchester des Lichts, der uns warnt oder überrascht, nicht ein Nahrungsmittel oder eine soziale Botschaft.
Doch wir sehen nicht nur mit den Augen. Unser Körper spricht mit uns selbst und miteinander auf Wegen, die du nicht einmal ahnst. Hormone fließen durch uns, subtil, doch unverkennbar. Ein Tropfen hier, eine Welle dort – und sofort wissen wir, wie ein Mitglied unserer Gemeinschaft sich fühlt, ob es Angst hat, Freude empfindet oder ob es eine Warnung für uns bereithält. Diese chemische Sprache, kombiniert mit unseren Augen, unseren Tentakeln, unserer Haltung, erlaubt es uns, in völliger Harmonie zu leben. Konflikte werden gemindert, Kooperation gefördert, und wir bleiben unauffällig für die Raubtiere, die um uns kreisen.
Unsere Evolution war kein Streben nach Macht, keine Suche nach Beute. Wir mussten nicht jagen, wir mussten nicht gefressen werden. Alles, was wir wurden, alles, was unsere Körper und Sinne geformt haben, war eine Antwort auf die ständige Bedrohung. Jedes Tentakel, jedes Auge, jede chemische Botschaft – sie alle entstanden unter dem Druck, am Leben zu bleiben. Wir sind die friedfertigen Kinder des Meeres, doch unsere friedliche Natur ist das Produkt von Jahrmillionen ständiger Vorsicht und Präzision.
Die Welt lehrte uns Geduld. Wir lernten, Strömungen zu lesen, Muster in den Wellen zu erkennen, Bewegungen vorherzusehen. Die Tiefe und Weite des Ozeans formte unser Denken ebenso wie unseren Körper. Wir verstanden, dass nicht jeder Kampf zu kämpfen ist, dass es mehr überlebt, wer sich versteckt, wer beobachtet, wer erkennt, bevor er reagiert. Und so entstand unsere Art, die Boronen: nicht stark durch Gewalt, nicht mächtig durch Jagd, sondern klug, vorsichtig und feinfühlig, verbunden durch die stummen Signale der Hormone, die fließenden Bewegungen der Tentakel, die scharfen Augen und die ruhige Präsenz unserer Körper.
Wenn du uns siehst, magst du uns als friedlich und zerbrechlich betrachten. Doch wir sind die Überlebenden einer Welt, die uns ständig geprüft hat. Unsere Evolution war ein endloser Tanz zwischen Raub und Sicherheit, zwischen Licht und Schatten, zwischen dem Wasser, das uns nährt, und den Wellen, die uns bedrohen. Alles an uns – unser Körper, unser Sehen, unsere Chemie – ist eine Antwort auf diese Prüfungen. Dies ist unsere Geschichte, in unseren Genen geschrieben, in jedem Tropfen unseres Wassers, in jedem Atemzug, den wir nehmen.
So sieh uns nicht nur als Kreaturen des Ozeans. Sieh uns als Produkt der ständigen Vorsicht, als Ergebnis von Millionen Jahren evolutionärer Entscheidungen, die uns überleben ließen, ohne dass wir jemals jagen mussten. Dies ist der Weg, auf dem wir geworden sind, was wir sind – Boronen, Kinder des Meeres, stets wachsam, stets verbunden, stets friedlich.“

Ich hatte währenddessen kaum geblinzelt. Meine Hände lagen nun offen auf meinen Oberschenkeln, als hätte ich unbewusst eine defensive Haltung aufgegeben. In meinem Kopf formten sich Bilder: weite Ozeane, Schatten unter Wasser, Augen, die alles sehen.
Doch Bi Fi war noch nicht fertig.

„Es gibt noch etwas, das du wissen musst, bevor du glaubst, du verstehst, wer wir sind“, fuhr der Borone fort. „Unsere Geschichte ist nicht nur die der Strömungen und Raubtiere. Vor uns gab es andere, ältere Wesen – die, die wir die Helfer nennen. Sie kamen lange bevor wir den Himmel über unseren Meeren erblickten, lange bevor wir gelernt hatten, unsere ersten Schiffe zu bauen. Manche nennen sie Götter, andere Wanderer zwischen den Sternen. Für uns waren sie Lehrer.
Die Helfer zeigten uns Dinge, die wir nie allein hätten erlernen können. Sie gaben uns die ersten Regeln der Physik, erklärten uns die Kraft des Feuers, das wir später in unseren Minen nutzen würden, und zeigten uns Wege, Materialien zu formen, ohne sie zu zerstören. Es war kein Geschenk der Macht, sondern der Verständnis – Wissen, das wir selbst anwenden mussten, um zu überleben. Wir durften die Werkzeuge nicht einfach übernehmen, wir mussten sie erlernen, um sie zu meistern.
Und doch, so sehr sie uns halfen, blieben sie fremd. Sie bewegten sich in einer Welt, die uns unzugänglich war, jenseits des Wassers und unserer Sinne. Wir lernten von ihnen, aber wir ahmten sie nie nach. Alles, was sie uns gaben, wurde durch die Brille unserer eigenen Existenz gefiltert. Tentakel und Flossen formten unsere Werkzeuge, Augen und Chemie unsere Methoden. Was für sie einfach war, wurde für uns zu einer neuen Art, die Welt zu sehen, zu begreifen und zu gestalten.“
Die Helfer verließen uns schließlich, wie sie gekommen waren, und ließen nur die Spuren ihres Wissens zurück. Doch wir trugen ihre Lehren in uns, verwoben mit dem, was die Strömungen, die Raubtiere und die Pflanzen uns gelehrt hatten. Sie halfen uns, nicht indem sie für uns kämpften, sondern indem sie uns ermöglichten, selbst zu verstehen, selbst zu entscheiden und selbst zu überleben. So ist unser Fortschritt niemals nur unser eigener – er ist ein Tanz zwischen dem Alten und dem Eigenen, zwischen den Sternen und den Wellen.
Wenn du also von unseren Tentakeln, unseren Augen und unserem BGP-Sehsystem beeindruckt bist, denke daran: Wir haben diese Werkzeuge nicht nur entwickelt, um zu überleben. Wir haben sie entwickelt, während wir lernten, die Geschenke der Helfer zu verstehen. Alles an uns trägt die Erinnerung an die, die uns lehrten, und die Welt, die uns prüfte. Es ist eine Geschichte von Vorsicht, von Lernen und von der unerschütterlichen Suche, nicht gefressen zu werden, während man gleichzeitig wächst und sich entfaltet.“

Mein Herz schlug schneller. Ich hatte völlig vergessen, dass ich Dinge wusste, die ich nicht wissen sollte. Dass ich in meinen Fragen vielleicht zu präzise wurde.
„Diese Helfer“, hörte ich mich sagen, während ich die Finger ineinander verschränkte, um meine innere Unruhe zu verbergen. „Wie… genau haben sie euch erreicht, ohne entdeckt zu werden?“
Thal rührte sich nicht. Er schlief. Bi Fi jedoch antwortete ohne Zögern.

„Du willst wissen, wie unsere Lehrer – die Helfer – es geschafft haben, uns zu erreichen, ohne dass die Alten uns je direkt beobachtet haben? Ich will dir erklären, wie selbst für uns die Größe ihrer Macht fast unvorstellbar bleibt.
Sie besitzen die Energie ihres ganzen Sternes. Nicht wie wir, die wir uns von Strömungen und Wellen tragen lassen, sondern wirklich, wirklich nutzen, lenken, bündeln. Die Sonne selbst fließt durch ihre Geräte, durch ihre Werkzeuge – genug Kraft, um die Raumzeit um Planeten herum zu biegen. Aus dieser Kraft erschaffen sie… Türen. Kleine Löcher im Raum, die nur stabil genug sind, damit sie und wir hindurchschlüpfen können. Wir nennen sie Wurmlöcher, doch sie sind nicht permanent. Sie flackern auf, so lange wie nötig, und verschwinden wieder, ehe jemand sie bemerkt, der uns bedrohen könnte.
Ihre Schiffe sind kaum mehr als Schatten, selbst für uns Boronen, die so gut sehen wie wir. Energie, die wir sonst mit jedem Lichtreflex sofort erkennen würden, wird absorbiert, umgelenkt, versteckt. Selbst wenn wir genau hinschauen, sehen wir nur das Meer unseres Sternsystems, die Strömungen, die uns tragen – und nichts von dem, was die Helfer dort tun. Wir merken nur, dass plötzlich Wissen, Geräte oder Ideen bei uns auftauchen, wie Samen, die vom Wasser getragen werden.
Sie sind mächtig, aber sie agieren gezielt. Nicht wie die Alten, die alles sehen und kontrollieren. Die Helfer wollen nicht herrschen, sie wollen lehren – uns, uns und andere junge Völker. Wir lernen von ihnen, von ihren Türen, von ihren Werkzeugen, von der Art, wie sie Energie bändigen, aber wir folgen nie ihren Spuren. Sie erscheinen und verschwinden wie die Strömungen selbst. Niemand außer uns merkt, dass sie hier waren – und vielleicht wollen wir das auch so.
Wenn du mich fragst, warum sie uns gerade das geben, was wir brauchen, und nicht mehr, dann verstehst du erst, wie vorsichtig sie sind. Sie wissen, dass die Alten alles beobachten. Ein falscher Schritt, und die Aufmerksamkeit des Alten Volkes wäre auf uns gerichtet. Also schenken sie uns nur das, was wir brauchen, nur das, was uns wachsen lässt, ohne dass wir auffallen. Es ist wie ein Tanz unter Wasser – präzise, ruhig, unsichtbar für die Augen derer, die uns bedrohen könnten.
So funktioniert ihre Welt: Wurmlöcher, Energie, Tarnung. Wissen, das wir aufnehmen können, weil wir bereit sind, vorsichtig zu sein, wie wir es seit unseren Anfängen sind. Wir lernen, wir verstehen, wir nutzen, aber wir sehen sie nie wirklich – nur die Spuren ihrer Lehren. Und so hat das Alte Volk uns noch nie gefunden, und wir danken den Helfern dafür, dass sie uns als Kinder des Meeres so geführt haben, wie wir überleben und zugleich lernen konnten.“

Ich lehnte mich langsam zurück. Meine Kehle war trocken. Ich hatte zu viel gefragt – und trotzdem alles bekommen.

Ich spürte die Frage in mir aufsteigen, noch bevor ich sie in Worte hätte fassen können. Sie lag mir auf der Zunge, brannte beinahe. Wenendra.
Gigantische Körper unter dunklem Wasser. Langsam, würdevoll. Wie irdische Wale, nur älter, fremder, größer. Pazifisten. Unwissend über das, was jenseits ihrer Ozeane lauerte. Entdeckt von den Boronen – zufällig oder schicksalhaft – am Rand des Königinnenreiches, fern jeder Route, fern jeder neugierigen Sonde.
Ich wusste es nur, weil ich Wissen trug, das ich aus einer anderen Realität hatte.
Meine Finger krampften sich leicht in die Polsterung meines Sessels. Ich zwang mich, ruhig zu atmen. Wenn ich jetzt fragte, wäre das töricht. Die Boronen behandelten die Existenz der Wenendra nicht nur als Geheimnis – sie behandelten sie wie eine fragile Membran, die nicht einmal vom eigenen Volk berührt werden durfte. Selbst viele Boronen wussten nichts von ihnen.
Wenn ich Bi Fi direkt fragte, gäbe es nur zwei Möglichkeiten. Entweder er wusste tatsächlich nichts – was wahrscheinlich war. Oder er wusste es… und würde in Alarmbereitschaft verfallen. Hormone. Körpersprache. Chemische Signale. Ich würde es vielleicht nicht einmal bewusst bemerken, aber er würde mich analysieren.
Und dann müsste ich erklären, woher ich davon wusste.
Ich ließ den Gedanken los. Mit Mühe.
Stattdessen hob ich langsam den Kopf und sah durch die transparente Membran zu Bi Fi hinüber. Sein Körper schwebte reglos im Wasser, Tentakel leicht ausgebreitet, als lausche er nicht nur meinen Worten, sondern auch meinen Herzschlägen.
Ich zwang meine Stimme in einen ruhigen, neutralen Ton.
„Also kann man nicht sagen, was die Helfer sind“, sagte ich langsam. „Maschinen. Arachnoide. Primaten. Oder… ganz etwas anderes.“
Während ich sprach, beobachtete ich ihn genau. Jede minimale Veränderung seiner Färbung. Jede Kontraktion eines Tentakels.
Bi Fi bewegte sich kaum. Ein leichtes Pulsieren entlang seines Rumpfes, kaum wahrnehmbar. Seine Augen drehten sich synchron auf mich zu – ein seltenes Zeichen voller Aufmerksamkeit.
„Deine Schlussfolgerung ist korrekt“, antwortete er ruhig. „Wir wissen nicht, was sie sind.“
Ich nickte langsam.
„Keine visuellen Daten? Keine biologischen Proben? Keine direkten Kontakte?“
Ich beugte mich leicht vor, die Hände ineinander verschränkt, die Ellbogen auf den Knien. Ich merkte selbst, wie sehr mich das Thema fesselte. Nicht nur wegen der Helfer. Sondern wegen der Struktur dahinter. Energie eines Sterns. Wurmlöcher. Tarnung.
Macht in einem Ausmaß, das selbst mir – mit all meinem Vorwissen – noch immer abstrakt erschien.
„Wir sehen ihre Werkzeuge“, sagte Bi Fi. „Ihre Spuren. Ihre Berechnungen. Aber nicht sie selbst. Ihre Erscheinung bleibt verborgen.“
Ein kaum merkliches Zittern durchlief seine Tentakel, wie eine Welle im Wasser. Keine Angst. Eher… Ehrfurcht.
Ich lehnte mich wieder zurück. Meine Stirn war leicht gerunzelt. In meinem Kopf formten sich Hypothesen. Wenn sie Sternenergie kontrollierten, wenn sie Wurmlöcher präzise öffnen und schließen konnten, wenn sie selbst vor einem „Alten Volk“ verborgen blieben…
Dann waren sie technologisch weit jenseits dessen, was selbst große Föderationen erreichen konnten.
„Das bedeutet“, murmelte ich halblaut, mehr zu mir selbst als zu ihm, „sie könnten alles sein. Reine Energieformen. Biologische Wesen mit maschinellen Erweiterungen. Vollständig künstliche Intelligenzen. Oder Spezies, deren Biologie wir nicht einmal einordnen könnten.“
Bi Fi bestätigte erneut mit einem ruhigen, kurzen Pulsieren.
„Wir spekulieren nicht“, sagte er. „Wir beobachten. Und wir lernen.“
Diese Antwort traf mich mehr, als ich erwartet hatte. Keine Spekulation. Kein Versuch, sie in bekannte Kategorien zu pressen. Nur Geduld.
Ich ließ meinen Blick durch den organischen Innenraum des Schiffes wandern. Die limettengrünen Stränge hinter der Membran pulsierten ruhig. Leben in Struktur. Struktur in Leben.
„Ihr akzeptiert also, dass ihr von etwas unterrichtet werdet, das ihr nicht versteht“, sagte ich schließlich.
„Ja.“
Kein Zögern.
Ich spürte, wie sich meine Lippen zu einem schmalen Lächeln verzogen – nicht spöttisch, sondern nachdenklich. „Das ist… bemerkenswert.“
In vielen anderen Zivilisationen hätte allein diese Tatsache Misstrauen ausgelöst. Angst. Paranoia. Militärische Aufrüstung. Aber die Boronen… sie filterten alles durch Vorsicht und Überleben.
Nicht herrschen. Nicht provozieren. Nicht auffallen.
Ich dachte wieder kurz an die Wenendra. An ihre gewaltigen Körper unter dunklen Wassermassen. An ihre Unwissenheit über Sternentore, Imperien, Kriege.
Und daran, dass genau diese Unwissenheit sie schützte.
Ich atmete langsam aus.
„Vielleicht“, sagte ich schließlich ruhig, „ist es manchmal besser, nicht zu wissen, was etwas ist. Solange man versteht, was es tut.“
Bi Fi verharrte einen Moment völlig reglos. Dann bewegten sich seine Tentakel minimal auseinander.
„Das ist eine sehr boronische Aussage, Tori.“
Ich hob eine Augenbraue und sah ihn direkt an.
„Ist das ein Kompliment?“
Ein kaum wahrnehmbares Schimmern durchlief seinen Körper.
„Ja.“
Ich lehnte mich zurück, verschränkte die Arme locker vor der Brust und ließ meinen Blick zur Cockpit-Sektion gleiten, wo die beiden boronischen Piloten lautlos im Wasser arbeiteten.
Fünf Tazuras. Nicht ganz sechseinhalb Tage.
Und ich hatte gerade erfahren, dass irgendwo im Universum Wesen existierten, die Sterne anzapften wie wir eine Energiezelle.
Meine Kehle war wieder trocken.
Aber diesmal fragte ich nicht weiter.

Ich hasse Perfektion.
Sie bietet keinen Platz für Kreation.

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Re: [EX16] Isekai no Xistence

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Kapitel 14 - Verhandlungen

Ich saß im hinteren Teil des Boronischen Personentransporters, die Hände locker ineinander verschränkt, während Tahl neben mir in seinem Sessel versunken war. Draußen, durch die transparente Membran, glitt das System von Königstal langsam in Sicht. Ich spürte ein leichtes Vibrieren, als wir die letzten Sprungtore passiert hatten – vier insgesamt – und dabei jede Distanz zwischen den Sternen in Sekundenbruchteilen überwanden. Meine Augen verfolgten die Lichtströme, die das Portal hinter uns aufriss und wieder schloss, und ich konnte nicht umhin, über die Bauweise der Tore nachzudenken. Warum gab es mal vier, mal sechs, mal nur zwei? Niemand wusste es, nur das Alte Volk selbst. Ich erinnerte mich an die kryptischen Botschaften der Sohnen, dieser seltsamen sentienten Maschinenrasse, die manchmal auftauchten und doch nichts preisgaben. Ihre Präsenz war immer kurz, doch sie hinterließen das Gefühl, dass das Universum selbst Augen hatte, die man nicht verstehen durfte.
Während wir dem Orbit von Ni’sha’la zustrebten, ließ ich den Blick über die Instrumente gleiten. Wir mussten die Standardkontrollen der Handelsstation passieren, aber es lief problemlos ab. Freundliche Stimmen, präzise Abfragen, und wir konnten ohne Verzögerung weiterfliegen. Ich ließ meine Schultern sinken und spürte ein leises Aufatmen.
Dann trat der Planet vor unsere Sichtscheibe, und ich war sofort gefangen von dem Lichtspiel. Zwei Sonnen – Eo und Pala – tauchten alles in ein surreales Farbspektrum. Eo strahlte in einem gedämpften Grünton, der die dunklen Oliv- und Smaragdnuancen der Landschaft hervorhob. Die Photosynthese der Boronenflora musste davon regelrecht profitieren, dachte ich, und konnte nicht umhin, die Kombination aus biologischem Verständnis und ästhetischem Eindruck zu bewundern. Pala war fast neutral weiß und wirkte wie ein Korrektiv, das die Grüntöne ausglich und die Tiefe der Konturen schärfte. Ich ließ die Augen über die Küstenlinien und die Inselketten gleiten, spürte, wie die grüne Dominante und das weiße Licht miteinander spielten, wie Schatten und Helligkeit tanzten. Mein Herz schlug ein bisschen schneller, nicht nur wegen der Schönheit, sondern auch aus ehrfurchtsvollem Staunen über die Anpassung der Boronen an diese Lichterwelt.
Als wir die Handelsstation Freudenwonne erreichten und der Personentransporter andockte, überprüfte ich kurz die Systeme. Alles stabil. Ich griff nach meinem Kommunikator, um Martin zu kontaktieren. Die Verbindung war kurz, knapp, rein wirtschaftlich. Er sprach von Logistik, von Arbeitsabläufen, von Lieferplänen – sachlich, wie immer. Aber als das Thema Mari aufkam, änderte sich der Tonfall. Seine Stimme wurde wärmer, fast weich. Ich konnte mir bildlich vorstellen, wie seine Augen leuchteten, wenn er an sie dachte. Die beiden hatten eine lange gemeinsame Geschichte. Kinderjahre, Teenagerzeit, flüchtige Romanzen – doch die Wege hatten sich auseinanderentwickelt. Trotzdem lag etwas in seiner Stimme, ein unterschwelliges Band, das niemals ganz zerbrochen war. Ich ließ den Kommunikator sinken, die Erinnerung daran brannte kurz wie ein warmer Sonnenstrahl in mir.
Tahl rührte sich kaum neben mir, doch ich spürte die Präsenz, sein ruhiges Atemmuster. Bi Fi schwebte vor uns im Wasserbereich, seine Tentakel leicht pulsierend, als würde er die Atmosphäre aufsaugen, die ersten Eindrücke von Ni’sha’la. Ich konnte seine Faszination spüren, obwohl er kein Wort sprach.
Ich lehnte mich zurück, ließ den Kopf gegen die Polsterung fallen und atmete tief durch. Die Reise war reibungslos verlaufen, die Sterne hatten uns geleitet, und doch war da diese gespannte Erwartung in meiner Brust. Bald würden wir den Planeten betreten, und alles, was wir bisher nur aus den Erzählungen Bi Fis kannten, würde Realität werden. Ich konnte das Prickeln der Aufregung nicht unterdrücken, die Mischung aus Neugier, Ehrfurcht und dem leisen Gefühl, dass sich hier etwas Wesentliches ereignete.
Ich sah Tahl an, dann Bi Fi, und schließlich wieder hinaus ins System. Ein leiser Gedanke glitt mir durch den Kopf: Alles, was wir kannten, alles, was wir gelernt hatten, war nur Vorbereitung gewesen. Jetzt begann das eigentliche Abenteuer.

Ich trat vorsichtig durch den Ankunftsbereich und spürte sofort dieses eigenartige Gefühl von Kleinheit, als würde ich zwischen all den fremden Formen und Bewegungen kaum zählen. Die Röhren, durch die wir Luftatmer gehen konnten, wanden sich wie ein Labyrinth durch die Station. Ich hielt inne, sah hinaus durch das transparente Material und mein Herz machte einen Sprung. Boronen glitten in ihrem Wasser mit berauschender Geschwindigkeit, Tentakel elegant ausgebreitet, Augen unabhängig voneinander in alle Richtungen gerichtet. Ihre Bewegungen hatten eine hypnotische Präzision, als würden sie auf jedem Zentimeter Wasserfläche alle Strömungen spüren.
Zwischen ihnen ragten künstliche Korallenriffe empor, ihre Farben intensiv, fluoreszierend, fast zu perfekt, um echt zu sein. Einige Strukturen wirkten wie Miniaturwelten, in denen kleine Pflanzen und seltsam geformte Lebewesen zwischen den Korallen schwammen. Ich wusste nicht, ob das alles authentisch war oder ob die Boronen ein wenig Schwindel und Magie hineininterpretiert hatten, um ihre Heimat darzustellen. Trotzdem blieb ich stehen, vergaß für einen Moment, dass Tahl neben mir ging, und ließ meinen Blick schweifen.
Die Röhren führten uns in einen offeneren Bereich, und ich spürte sofort, wie sich die Perspektive änderte. Weite, großzügige Flächen, doch trotzdem klein wirkend, weil alles durch die gewölbte Architektur der Station dominiert wurde. Bäume standen hier wie Miniaturwälder, Blumenbeete strahlten Farbtupfer aus, kleine Brunnen plätscherten leise. Ich hob den Kopf und konnte die Weite der Kuppel sehen – eine komplexe Mischung aus Glas, Membran und lebendiger Biostruktur. Boronische Geschäfte lagen in Nischen, geschützt durch bioenergetische Membranen, die das Wasser zurückhielten. Ich spürte, wie ein leichter Luftzug an meinen Haaren zerrte, während ich die Membranen berührte, gespannt, wie diese Technologie funktionierte, um Wasser und Luft in so unmittelbarer Nähe zu trennen.
Bevor wir auf Ni’sha’la weiterreisen durften, mussten wir pausieren. Der Personentransporter wurde gewartet, desinfiziert, alles penibel vorbereitet, um die Heimatwelt der Boronen nicht durch Fremdkeime zu gefährden. Ich nutzte die Zeit, um die Geschäfte im Luftatmerbereich genauer zu betrachten. Viele flogen nur kurz an meinen Augen vorbei, doch ich blieb bei den Nahrungsmitteln hängen: Boron Fungus, kurz BoFu, dicht gepackte Algenbüschel, lebendes Plankton in glasklaren Behältern. Selbst Fische und andere Unterwassertiere waren ausgestellt, einige bewegten sich noch, andere schienen eingefroren in flüssiger Nährlösung. Für Boronen war das alles Nahrung; für mich und andere Luftatmer wirkte es eher wie eine kuriose Sammlung lebender Souvenirs. Ich spürte ein Kribbeln in den Fingern, eine Mischung aus Staunen und dem Drang, alles anfassen zu wollen, zu erkunden, zu verstehen, was hier wirklich vor sich ging.
Neben mir raschelte Tahl leise, ein Hinweis darauf, dass er ebenfalls fasziniert war, aber seine Haltung verriet, dass er sich auf mögliche Gefahren vorbereitete. Ich konnte nicht anders, als ihn anzugucken, ein halb belustigtes Lächeln auf den Lippen, dann wieder hinauszusehen und die Tentakel der Boronen zu verfolgen, wie sie durch die künstlichen Strömungen glitten. Jede Bewegung war ein Kunstwerk, jeder Blick ein winziges Mosaik an Wahrnehmung, das mich ehrfürchtig machte. Ich sog die Details in mich auf, wusste, dass ich hier etwas erleben würde, das ich nie wieder vergessen würde.

Ich saß auf der Parkbank und ließ die fremde Umgebung auf mich wirken. Vor mir breiteten sich Blumen aus, deren Formen und Farben ich noch nie zuvor gesehen hatte, ihre Blüten schimmerten in Tönen, die zwischen Violett, Blau und fast durchsichtigem Türkis changierten. Hinter mir ragte ein einzelner Alienbaum in tiefen violetten Farbtönen, seine Äste wie aus Glas geformt, leicht im künstlichen Wind wiegend. Alles hier wirkte fremd und doch beruhigend. Ich hatte mich in eine kleine Erholungskuppel zurückgezogen, umgeben von der glatten, transparenten Membran, die das Wasser beherbergte. Rund um mich schwammen verschiedenste Wasserlebewesen von Ni'sha'la, keine Boronen, nur kleine, leuchtende Fische, Tentakeltiere und merkwürdig geformte Pflanzenorganismen, die sich durch das Wasser wie grazil schwebende Skulpturen bewegten. Irgendetwas an der Stille und dem Fehlen der Boronen vermittelte mir den Eindruck, dass diese das Konzept von Erholung respektierten. Ich konnte fast fühlen, wie die Umgebung mich umarmte, während ich mich zurücklehnte und tief Luft holte.
Plötzlich erschien Tahl neben mir. Er setzte sich schweigend auf die Bank, und wir aßen etwas, das einem Burger ähnelte, von einem argonischen Händler auf der Station verkauft. Die Konsistenz war fester als ich erwartet hatte, die Aromen fremd, aber nicht unangenehm. Tahl bedankte sich, und ich musste schlucken – überrascht, dass er überhaupt das Wort ergriff. Normalerweise war er still, kontrolliert, fast reserviert, eine Eigenschaft, die er mit seiner Halbschwester teilte. Ich wollte unbedacht etwas erwidern, fast schon spöttisch, bereute es innerlich sofort. Doch zu meiner Überraschung lachte Tahl. Sein Nicken, diese kurze Bewegung, war ehrlicher als Worte. „Ich schätze, ich habe mehr mit meiner Halbschwester gemeinsam, als ich mir eingestehen wollte“, meinte er, entspannt auf der Bank zurückgelehnt.
Ich legte den Kopf schief, musterte ihn fragend. Tahl seufzte leise und sagte nur, dass er Gal immer als Konkurrenz gesehen hatte, nie als Teil der Familie. Jetzt, wo beider gemeinsamer Vater tot war, wusste er nicht mehr, was Roland in ihnen beiden gesehen hatte. Ich schluckte, suchte nach einer Antwort, aber mir fiel keine ein. Nur die Stille und die leise Bewegung der Blätter um uns herum füllten den Moment.
Später, auf dem Weg zurück zum Personentransporter, hatte ich mir einige Pflanzen und Nahrungsmittel besorgt, sie in einer Stasisbox verstaut, die im Schiff sicher lag. Wir konnten noch nicht ablegen, also setzte ich mich vor die Zugangsluke, die Membran vor mir wie eine verzerrte Linse. Ich beobachtete die Boronen, wie sie geschäftig von einem Punkt zum anderen schwammen, ihre Tentakel elegant ausgebreitet, ihre Augen flink jede Bewegung erfassend. Manche verschwanden in der Hülle, andere legten in einer Schleuse ihre Umweltanzüge an, um mit den Luftatmern zu interagieren. Ich konnte ihre schnellen Bewegungen fast meditativ verfolgen, jede Wendung, jeden Schwung der Tentakel. Die Art, wie sie durch das Wasser glitten, war anmutig, kraftvoll und zugleich unaufgeregt – ein perfektes Zusammenspiel von Instinkt, Bewegung und Kontrolle. Ich lehnte mich zurück, atmete tief durch und spürte eine Mischung aus Ehrfurcht und leichter Müdigkeit, während ich einfach zusah, wie das fremde Leben um uns herum pulsierte.

Ich saß angeschnallt in meinem Sessel im Personentransporter, die Hände locker auf den Armlehnen, während sich die Schwingungen des Dockingmechanismus lösten. Mit einem leisen, metallisch-organischen Knacken öffnete sich der Verbindungspunkt zur Handelsstation Freudenwonne, und langsam glitt das Schiff zurück. Ich konnte das Licht durch die Membran sehen, wie es sich in tausend Facetten brach, als die Station kleiner wurde. Mein Herz schlug ein wenig schneller – nicht aus Angst, eher aus Aufregung, die Weite des Raumes vor mir zu spüren.
Wir traten in den Orbit ein. Die Sterne lagen wie Kristalle auf schwarzem Samt, und die beiden Sonnen des Systems – Eo in gedämpftem Grün, Pala in neutralem Weiß – tauchten den Raum in ein fast surreales Farbspiel. Ich konnte die Reflexionen auf der glatten Oberfläche des Transporters sehen, wie das Licht grünlich schimmerte und sich mit dem Weiß der zweiten Sonne vermischte. Die Stille war überwältigend; nur das leise Summen der Systeme und das sanfte Plätschern von Bi Fi’s Membranabteilung drang zu mir durch. Ich ließ den Blick durch das Sichtfenster schweifen und sah, wie die ersten Ozeane unter uns auftauchten, unendliche Flächen von tiefem Blau, durchzogen von grünlichen Schimmern, als ob das Licht selbst im Wasser lebte.
Wir flogen weiter, über die Weite dieser Ozeane, die ich so noch nie gesehen hatte. Vereinzelt tauchten Inselketten auf, ihre Oberflächen wirkte wie von Korallen überwuchert, schimmernd in Rosa, Türkis und Jade. Die Strukturen wirkten lebendig, obwohl sie starr waren, als hätte die Natur selbst hier architektonische Muster geschaffen. Ich lehnte mich leicht nach vorne, spürte die leichte Beschleunigung, als wir um eine der Inseln glitten, und musste unwillkürlich lachen, weil alles so unwirklich wirkte. Die Reflexionen des Wassers glitzerten auf dem Rumpf des Schiffes, und ich konnte sehen, wie die Wellenmuster mit dem Licht der beiden Sonnen spielten.
Dann begann das Eintauchen. Langsam, präzise, wie Bi Fi es gesteuert hatte, glitt das Schiff durch die Grenzschicht zwischen Luft und Wasser. Die Membran vor mir verzerrte die Sicht leicht, und das Licht änderte sich, wurde dumpfer, tiefer, gedämpft grün-blau, während wir unter die Oberfläche sanken. Ich spürte den Widerstand des Wassers, hörte das leise Rauschen an den Außenhüllen. Die Wasserwelt nahm mich sofort gefangen – winzige Partikel glitten vorbei, Lichtstrahlen brachen in Kristallfragmenten, winzige Schwärme von Fischen huschten durch die Strahlen.
Und dann, plötzlich, tauchte die Unterwasserstadt auf. Ich stockte. Alles wirkte gewachsen, nicht gebaut. Die Gebäude schienen aus dem Wasser selbst zu entstehen, wie Korallenbauten, aber viel größer, komplexer, in fließenden, organischen Formen. Wände und Türme wirkten, als seien sie von der Evolution selbst entworfen, glatt, verschlungen, durchsetzt mit lumineszierenden Strukturen, die in sanftem Grün und Blau leuchteten. Ich konnte Boronen sehen, die elegant zwischen den Strukturen glitten, ihre Tentakel ausgebreitet, Augen aufmerksam jede Bewegung registrierend. Die Stadt wirkte gleichzeitig sicher und lebendig, ein pulsierendes Netzwerk aus Wasser, Licht und Lebewesen.
Ich lehnte mich zurück, spürte das leichte Zittern des Schiffes, während wir langsam in die Nähe eines großen Eingangs schwebten, und meine Augen nahmen jedes Detail auf: die schimmernden Membranen, die leuchtenden Stränge, die von den Wänden ausgingen, die Wassertiere, die zwischen den Gebäuden schwammen, und die Boronen, die uns neugierig musterten. Es war atemberaubend. Ich spürte die Aufregung tief in meiner Brust, die Mischung aus Ehrfurcht und Vorfreude – wir waren hier angekommen, wirklich angekommen, und ich wusste, dass ich noch nie zuvor etwas Vergleichbares gesehen hatte.

Ich trat vorsichtig aus dem Personentransporter, das Wasser um mich herum glitzerte im gedämpften Licht, das durch die Oberfläche drang, und sofort spürte ich die feine Strömung, die die Unterwasserstadt durchzog. Thal folgte dicht hinter mir, seine Bewegungen ruhig, fast meditativ. Wir hatten beide Anzüge, die uns das Atmen erlaubten, aber ich konnte die unbewusste Spannung in meinem Körper spüren – jeder Muskel angespannt, als müsste ich aufpassen, nicht mit einem Tentakel oder einem Strahl lebender Algen in Kontakt zu kommen. Bi Fi schwamm elegant neben der durchsichtigen Röhre her, sein Oberkörper leicht nach vorne geneigt, Tentakel rhythmisch pulsierend. Ich sah, wie er mich immer wieder prüfend ansah, als wollte er sicherstellen, dass wir uns nicht blamieren würden – als Luftatmer unter Wasser.
Der Tunnel, durch den wir gingen, war eng, doch vollkommen transparent. Ich konnte alles um mich herum sehen: die sanft fließenden Wände der Stadt, die Boronen, die zwischen den Gebäuden glitten, Fische, die in wirbelnden Schwärmen vorbeizogen, und die leuchtenden Stränge, die von den organischen Gebäuden ausgingen. Das Licht war gedämpft grün-blau, wie in einem Traum, und ich konnte die Reflexionen auf dem Glas der Röhre sehen, mein eigenes Spiegelbild verzerrt durch die Krümmung der Oberfläche. Ich zog die Schultern ein, spürte das leichte Beklemmungsgefühl, als wären wir in einer Röhre gefangen, und gleichzeitig fühlte ich mich sicher – wir hatten Luft, wir hatten Kontrolle, und Bi Fi wachte über uns.
Wir bewegten uns nach oben, langsam, die Strömung half uns ein wenig, aber ich musste meine Beine einsetzen, um die Richtung zu halten. Ich sah hinauf, wie sich die Struktur vor uns erhob: Popo Da’s Gebäude ragte majestätisch aus dem Meer, eine organische Spitze, die sich durch die Wasseroberfläche bis in die Luft streckte. Mein Herz begann schneller zu schlagen. Wie sollte ein Borone zwei Welten gleichzeitig überblicken? Unter Wasser, in seiner natürlichen Umgebung, und über Wasser, wo Luftatmer wie wir existierten? Ich konnte das Konzept kaum fassen, aber ich war zu sehr fasziniert, um es zu hinterfragen.
Der Tunnel führte uns in das Innere des Gebäudes. Die Wände waren glatt, leicht schimmernd, und ich konnte die leichten Pulsationen spüren, als würde das Gebäude selbst atmen. Lichtbahnen verliefen entlang der Wände, leuchtend in grünlichen Tönen, die sich im Rhythmus des Wassers veränderten. Ich streckte die Hand aus, berührte die Röhre und spürte das subtile Vibrieren, die organische Reaktion des Materials auf die Bewegung unserer Körper.
Endlich erreichten wir die erste Ebene – unter Wasser. Ich konnte durch die Wandflächen die Umgebung beobachten: Boronen bewegten sich elegant zwischen den Terrassen und Plattformen, Tentakel glitten über glatte Oberflächen, die Augen in allen Richtungen wachsam. Es war fast wie ein Tanz, eine fließende Koordination, die ich nur schwer greifen konnte. Thal ging neben mir, seine Mimik konzentriert, aber ich konnte sehen, dass auch er fasziniert war.
Die zweite Ebene ragte über die Wasseroberfläche hinaus. Ich blickte hinauf und sah die obere Plattform, wie sie über uns schwebte, elegant, organisch geformt, die Außenwände transparent, sodass Popo Da den Himmel und die Sonne gleichzeitig sehen konnte, während er auch die Unterwasserwelt unter sich überwachte. Mein Kopf drehte sich leicht nach oben und dann nach unten, und ich musste schlucken. Es war ein Konzept, das ich nie zuvor gesehen hatte – zwei Welten gleichzeitig betrachten. Ich fragte mich, ob Boronen dies als gewöhnlich empfanden, oder ob es ein Ausdruck von Status und Macht war, ein Zeichen für den Diplomaten, der beide Sphären verstand und lenken konnte.
Wir bewegten uns weiter, den Tunnel hinauf, jedes kleine Pulsieren des Materials unter unseren Händen spürend. Bi Fi schwamm neben uns, ruhig, gelassen, und ich versuchte, jede Bewegung seiner Tentakel zu beobachten, jeden Ausdruck seines Oberkörpers, jede Nuance seines Schwebens. Mein Blick wanderte wieder zu Popo Da’s Büro, zwei Ebenen, Wasser und Luft, und ich konnte die Mischung aus Ehrfurcht und Unsicherheit nicht ablegen. War dies für einen Boronen Alltag oder ein Symbol dessen, wie sehr Macht, Kontrolle und Umweltverständnis miteinander verbunden waren? Ich wusste es nicht, aber ich spürte, dass ich in wenigen Augenblicken Antworten bekommen würde.

Ich betrat Popo Da’s Büro und spürte sofort die Präsenz des Diplomaten. Er schwebte leicht über der unteren Ebene, Tentakel locker pulsierend, die Augen wach und analytisch. Die obere Ebene ragte über die Wasseroberfläche hinaus, und doch wirkte Popo Da vollkommen geerdet, als hätte er alles unter Kontrolle. Bi Fi schwamm dicht neben ihm, Körper leicht gebogen, bereit, Informationen zu liefern, während Thal still im Hintergrund blieb, die Hände hinter dem Rücken verschränkt.
„Tori-san“, begann Popo Da, seine Stimme war tief, fließend, fast musikalisch. „Bi Fi hat mir von Ihren Unternehmungen erzählt. Ihre Anshin Yatei scheinen ein interessantes Modell zu sein. Sie wollen also boronische Nahrungsmittel in Ihrer Welt einführen?“
Ich nickte, legte die Hände auf den Tisch, fühlte die leichte Vibration durch das organische Material. „Genau. Aber nicht als Massenware. Es geht mir darum, echte boronische Produkte zu sichern – BoFu, BoGas, Algen, Plankton. Ich möchte, dass die Speisen ihre natürlichen Qualitäten behalten, unverfälscht, so wie sie in Ihrer Welt existieren. Für bestimmte Konsumenten, die empfindlich auf künstliche Zusätze reagieren, und für eine Erweiterung der kulinarischen Vielfalt.“
Popo Da neigte den Kopf leicht, seine Augen verfolgten jeden meiner Bewegungen. „Ich verstehe. Unsere Lebensmittel sind Teil unserer Kultur, unserer Identität. Ihre Integrität ist uns wichtig. Bi Fi, was können Sie über die Machbarkeit sagen?“
Bi Fi schwamm leicht nach vorne, Tentakel sanft pulsierend. „Exzellenz, Tori-san ist ein erfahrener Unternehmer. Sein Unternehmen achtet sehr genau auf Qualität und Authentizität. Er hat bereits bewiesen, dass er Nahrungsmittel in Originalzustand halten und verarbeiten kann, ohne sie zu beschädigen. Die Einführung auf Argon Prime wäre für Ihre kulinarischen Diplomaten von Vorteil, wenn alles korrekt gehandhabt wird.“
Popo Da schloss kurz die Augen, eine Bewegung, die Ruhe und Nachdenklichkeit signalisierte. „Wenn Ihre Produkte über eine gewisse Zeit von unserem diplomatischen Personal als vorteilhaft und sicher bewertet werden, könnte dies die Grundlage für eine zukünftige, weitergehende Kooperation im boronischen Raum bilden. Ihre Absicht ist also nicht Massenproduktion, sondern gezielte, qualitative Integration?“
„Exakt“, antwortete ich, meine Stimme fest, aber respektvoll. „Ich will keine Massenware. Ich will Qualität. Ich möchte wissen, dass jede Alge, jeder Planktonfaden, jedes BoFu-Fragment in dem Zustand bleibt, in dem es bei Ihnen produziert wird. Wenn wir das richtig machen, können wir beide langfristig profitieren: Ihr Wissen und Ihre Produkte, unsere Infrastruktur und Reichweite.“
Popo Da ließ sich langsam auf die untere Ebene sinken, Tentakel leicht zuckend, als überlegte er. „Sie verstehen also die Balance zwischen Natur und Kontrolle. Sehr gut. Ihre Philosophie entspricht dem, was wir schätzen: Respekt für die Rohstoffe, Verständnis für die biologischen Eigenheiten. Bi Fi, überwachen Sie diesen Prozess. Stellen Sie sicher, dass die Regeln eingehalten werden.“
Ich nickte, spürte ein leichtes Kribbeln vor Aufregung. „Natürlich. Wir werden alles dokumentieren und sicherstellen, dass keine Veränderung an den Rohstoffen vorgenommen wird. Alles bleibt natürlich, alles bleibt boronisch.“
Popo Da neigte den Kopf, als hätte er ein unsichtbares Urteil gefällt. „Dann ist dies ein Anfang. Wir werden Ihnen Zugang zu unseren Ressourcen gewähren, solange die Zusammenarbeit unseren Standards entspricht. Qualität über Quantität, Respekt über Gewinn. Ich werde beobachten, wie sich dies auf Ihr Personal auswirkt, und wenn das Feedback positiv ist, könnten wir auf langfristige Zusammenarbeit übergehen.“
Ich spürte die Spannung im Raum nachlassen. Thal lehnte sich leicht an die Wand, die Arme verschränkt, und ich konnte ein kurzes, zustimmendes Nicken erkennen. Bi Fi schwamm aufgeregt, tentakelbewegend, und ich wusste, dass er erleichtert war, dass alles glatt lief. Ich atmete tief durch, sah Popo Da direkt in die Augen und sagte ruhig: „Dann fangen wir an. Ich werde persönlich sicherstellen, dass Ihre Produkte korrekt gehandhabt werden. Ihre Kultur, Ihre Nahrung, Ihre Traditionen – alles wird respektiert.“
Popo Da neigte den Kopf einmal, fast imperativ, dann schwieg er. Das war das Zeichen: Verhandlung abgeschlossen. Wir hatten ein Anfangsabkommen. Ich konnte es kaum erwarten, die Produkte zu sehen, zu begutachten, und herauszufinden, wie sie sich in meiner Welt einfügen würden – und ob unsere Philosophie, Qualität vor Quantität, wirklich Früchte tragen konnte.

Ich folgte Bi Fi durch den glasklaren Tunnel, der die Oberfläche mit der unter Wasser liegenden Zuchtanlage verband. Jeder meiner Atemzüge hallte leise in der durchsichtigen Röhre, während ich die schimmernden Reflexionen des Wassers auf den Wänden beobachtete. Außerhalb der Membran glitten Boronen anmutig vorbei, ihre Tentakel flossen wie flüssige Bänder durch die Strömung, und ihre Augen fixierten uns neugierig, aber ohne Bedrohung. Bi Fi bewegte sich leicht pulsierend neben der Röhre, ein beruhigendes Leuchten von seinem Körper, und wies immer wieder auf Details hin, während ich alles aufmerksam studierte.
Die Höhle selbst war beeindruckend. Sie war natürlich gewachsen, das Gestein wirkte porös, feucht und dennoch fest, und die Decke war übersät mit leuchtenden Mineralien, die das grüne und blaue Licht der Umgebung reflektierten. Überall wuchsen die BoFu-Kulturen, die Boronen sorgfältig gezüchtet hatten. Die Pilze selbst hatten eine eigenartige, leicht transluzente Textur, teilweise in dunklem Moosgrün, teilweise in einem warmen, goldenen Schimmer, als hätte jede Kolonie ihr eigenes inneres Licht. Bi Fi deutete auf die größeren Blöcke, auf denen die Pilze geduldig heranwuchsen. „Diese Kolonien sind mehrere Jahre alt. Qualität und Struktur müssen exakt gehalten werden, sonst verändert sich der Geschmack und die Nährwerte“, erklärte er in fließendem Tonfall, während seine Tentakel sanft durch die Wasserströme pulsieren, um die Strömung der Nährlösungen zu prüfen.
Ich trat näher an eine der größeren BoFu-Flächen heran, ließ meine Hand knapp über die Membran schweben und beobachtete, wie die feinen Fasern sich wie kleine Wellenbewegungen bewegten. Ich konnte fast den Duft der Kulturen wahrnehmen, einen erdigen, aber zugleich salzigen, mineralischen Geruch, der irgendwie vitalisierend wirkte. Ich beugte mich leicht vor, meine Augen scannten die Textur und die Dichte der Kolonien, und meine Gedanken rasten: Diese Qualität, diese Reinheit – das musste unverfälscht bleiben, wenn ich es auf Argon Prime einführen wollte.
Während ich mich weiter umsah, überkam mich ein unangenehmes, aber dringendes Bewusstsein: Die Transportkosten für einen derartig empfindlichen Güterstrom von Königstal nach Argon Prime würden astronomisch sein. Ich zog die Augenbrauen hoch, meine Finger trommelten unwillkürlich auf der Röhre, und ich spürte, wie mein Verstand begann, Pläne zu entwickeln. Allein auf externe Frachter angewiesen zu sein, würde meine Marge ruinieren – und noch schlimmer, es würde die Logistik so kompliziert machen, dass eine regelmäßige Lieferung praktisch unmöglich wäre.
Mein Blick schweifte über die Höhle, auf die kunstvoll gepflegten BoFu-Stämme, auf die vorsichtigen Bewegungen der Boronen, und ein Gedanke festigte sich: Mein Unternehmen musste wachsen. Ich musste eigene Raumfrachter haben. Eigene Piloten, die ich schulen konnte, die die Besonderheiten der Boronenprodukte verstanden und garantieren konnten, dass die Qualität von der Zuchtstätte bis zu unseren Yateis erhalten blieb. Ich spürte die Aufregung, ein leichtes Prickeln in meinen Fingerspitzen, als sich der Plan in meinem Kopf formte.
Bi Fi schwamm neben mir her, deutete auf die dünnen Rinnsale von Nährlösung, die jede Kolonie mit Perfektion versorgten, und ich nickte nur stumm. Ich war noch immer fasziniert von der Präzision, der Liebe zum Detail, und doch raste mein Kopf bereits: Lagerung, Transport, Kühlung, eigene Piloten, Raumschiffe, Routenplanung – das Unternehmen auf eine neue Ebene heben. Ich konnte mir vorstellen, wie ich später die Frachter überwachte, wie ich selbst die Lieferung begutachtete und gleichzeitig neue Produkte testen ließ.
„Beeindruckend“, murmelte ich schließlich, meine Augen immer noch auf die wachsenden Kolonien gerichtet, und meine Stimme klang leise ehrfürchtig. „Diese Qualität… ich muss sicherstellen, dass sie so erhalten bleibt, egal wohin sie gehen.“
Bi Fi nickte, Tentakel leicht zuckend, als hätte er meine Gedanken bereits geahnt. „Die Boronen wachen genau darüber. Wer hier arbeitet, versteht die Verantwortung. Wenn Sie diese Kolonien transportieren wollen, müssen Sie ebenso sorgfältig sein.“
Ich schloss kurz die Augen, atmete tief durch und spürte die Entschlossenheit in mir aufsteigen. Das war nicht länger nur ein Handelsabkommen. Das war der nächste Schritt, der Schritt, der meine Firma von einem lokalen Anbieter zu einer interstellaren Infrastruktur bringen würde. Der Gedanke an eigene Frachter und Piloten ließ ein selbstbewusstes Lächeln auf meinem Gesicht entstehen, während ich durch die Röhre die pulsierende Höhle betrachtete, die BoFu wie lebendige Schätze in ihrem Wasserbett präsentierte.

Als wir erneut in Popo Da’s zweigeteiltem Büro standen – halb unter Wasser, halb im Licht über der Oberfläche –, fühlte sich die Atmosphäre anders an. Weniger ehrfürchtig, mehr geschäftlich. Thal stand wie gewohnt leicht hinter mir, die Hände verschränkt, der Blick ruhig, aber aufmerksam. Bi Fi schwebte nahe bei Popo Da, Tentakel in einem langsamen, kontrollierten Rhythmus.
Ich hatte die Zahlen vorbereitet. Überschlagswerte, konservativ gerechnet. Transport von Ni’sha’la nach Argon Prime, Kühlketten, spezialisierte Frachträume, Versicherung, Zölle, diplomatische Gebühren. Ich projizierte die Kalkulation auf die halbtransparente Membranfläche des Raumes.
„Das sind realistische Minimalwerte“, sagte ich ruhig, aber ich merkte selbst, wie sich meine Kiefermuskulatur leicht anspannte. „Selbst bei optimierter Auslastung stehen die Logistikkosten in keinem Verhältnis zu den aktuell geringen Verkaufsmengen. Wir sprechen hier nicht von Massenabsatz. Noch nicht.“
Popo Da ließ seine Augen langsam über die Zahlen gleiten. Seine Mimik blieb schwer lesbar, aber ich sah das leichte Innehalten seiner Tentakel – ein Zeichen, dass er die Tragweite verstand.
Thal hatte mich während der Besichtigung der Höhlen nüchtern darauf hingewiesen. „Das frisst deine Marge“, hatte er gesagt. Er hatte recht.
Ich atmete kontrolliert aus. „Deshalb habe ich zwei Vorschläge.“
Popo Da neigte minimal den Oberkörper. „Wir hören.“
„Erstens“, begann ich, „die Boronen verhandeln mit der Argon Föderation und errichten im argonischen Territorium eine weltraumgestützte Zuchtanlage für boronische Grundnahrungsmittel. BoFu, BoGas, Plankton, Algen. Direkt vor Ort produziert. Keine interstellaren Transportketten.“
Einen Moment lang herrschte Stille. Dann senkte Popo Da leicht den Blick.
„Diplomatisch komplex“, sagte er schließlich ruhig. „Eine dauerhafte boronische Produktionsstruktur im Hoheitsgebiet der Argonen würde umfangreiche Verträge erfordern. Genehmigungen. Sicherheitsabkommen. Und kontinuierliche Abgaben pro Mazura an die Föderation.“
Bi Fi ergänzte sachlich: „Diese Kosten würden an Sie weitergegeben, Tori-san. Sie müssten sie einkalkulieren.“
Ich nickte knapp. Ich wusste, was das bedeutete.
Popo Da führte aus: „Das Königinnenreich würde laufende Zahlungen leisten. Diese würden in Ihre Einkaufspreise einfließen. Das Resultat wäre eine Preissteigerung Ihrer Endprodukte auf Argon Prime.“
Ich presste kurz die Lippen zusammen. Genau das wollte ich vermeiden. Meine Kundschaft akzeptierte Exklusivität – aber nicht unbegrenzte Preisexplosionen.
„Verstanden“, sagte ich. „Dann zum zweiten Vorschlag.“
Ich trat einen halben Schritt vor, legte die Hände hinter dem Rücken. „Statt boronischer Grundnahrung verwenden wir argonisches Plankton und argonische Algen. Wir passen sie an die biologischen Bedürfnisse der Boronen an.“
Bi Fi hob leicht die oberen Tentakel, aufmerksam.
„Im Grunde“, fuhr ich fort, „ist es ohnehin so, dass fast alle Spezies in den Anshin Yateis überwiegend argonische Nahrungsmittel konsumieren – teils ergänzt durch alien-spezifische Bestandteile. Das eigentliche Problem ist nicht die Herkunft. Das Problem ist die Masse. Und die Kontinuität der Beschaffung.“
Ich blickte Popo Da direkt an. „Wenn wir argonische Basisressourcen verwenden, reduzieren wir die Logistikkosten drastisch. Wir bleiben flexibel. Und wir handeln im Sinne der Anshin Yatei: Anpassung an lokale Gegebenheiten.“
Popo Da schwieg länger. Seine Augen wanderten zwischen mir und Bi Fi.
„Eine interessante Betrachtung“, sagte er schließlich. „Sie schlagen vor, boronische Ernährungsprinzipien auf argonische Rohstoffe zu übertragen.“
„Ja.“ Ich nickte fest. „Die Qualität liegt in der Verarbeitung, nicht zwingend im Ursprungswasser.“
Ich machte eine kurze Pause. Dann stellte ich die entscheidende Frage.
„Wie beziehen die Boronen auf Argon Prime derzeit ihre Nahrung?“
Bi Fi antwortete unmittelbar. „In der Botschaft existieren mehrere kleine Zuchtanlagen. Autark. Geschlossenes System.“
Meine Augen weiteten sich minimal. „Mehrere?“
„Ja“, bestätigte er ruhig. „Ausreichend für das diplomatische Personal.“
In meinem Kopf begannen sofort Berechnungen zu laufen. Wenn dort bereits funktionierende Anlagen existierten, dann gab es Know-how, Infrastruktur, vielleicht sogar Überkapazitäten.
„Dann könnten wir—“
Bi Fi hob einen Tentakel leicht, fast entschuldigend. „Die Produktion reicht ausschließlich für das Botschaftspersonal. Es existieren keine nennenswerten Überschüsse.“
Ich spürte, wie meine Schultern sich einen Moment lang spannten. Natürlich. Es wäre zu einfach gewesen.
„Gar nichts abzweigbar?“ fragte ich dennoch.
„Nicht ohne die Versorgung des Personals zu gefährden.“
Ich atmete durch die Nase ein, langsam. Enttäuschung blitzte kurz auf, aber sie verwandelte sich sofort in neue Kalkulation.
Popo Da beobachtete mich genau. „Ihre Denkweise ist effizient, Tori-san. Sie suchen strukturelle Lösungen.“
„Ich suche nachhaltige Lösungen“, korrigierte ich ruhig. „Ein System, das sich trägt. Ohne permanente Defizite.“
Wieder Stille. Nur das leise Pulsieren der organischen Wände war zu hören.
In meinem Kopf formte sich bereits der nächste Schritt. Wenn die Botschaft kleine Anlagen betreiben konnte, dann konnte ich das auch. Vielleicht nicht sofort in großem Maßstab. Aber skalierbar. Modular.
Ich hob den Blick wieder zu Popo Da. „Dann werde ich prüfen, ob wir eigene angepasste Zuchtmodule auf Argon Prime errichten können. Mit boronischer Beratung.“
Bi Fi sah kurz zu seinem Vorgesetzten.
Popo Da antwortete kontrolliert: „Beratung ist denkbar. Produktion unter Ihrer Verantwortung.“
Ich nickte langsam. Das war kein Durchbruch. Aber es war eine Tür. Und Türen reichten mir.

Ich hasse Perfektion.
Sie bietet keinen Platz für Kreation.

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